Kapitel 3

Er sah die Klinge des Breitschwerts in einem waagrechten Hieb auf sich zu kommen und duckte sich blitzschnell ab. Die Waffe fegte eine Handbreit über seinem Kopf durch die Luft. Anstatt wieder aufzuspringen und die nächste Attacke zu erwarten, blieb er in der Hocke, warf die Beine zur Seite und schwang sie nach vorn, um seinen Gegner zu Fall zu bringen. Dieser hatte das Manöver wohl erwartet, denn er lachte triumphierend, als er in die Höhe sprang, um der Scherenbewegung zu entgehen, und faßte zeitgleich den Griff seines Schwerts mit beiden Händen, um es hoch über den Kopf zu heben, woran sich dann mit Sicherheit ein Hieb schräg abwärts auf den ungeschützt am Boden kauernden Feind anschließen würde, der den Kampf entscheiden mußte.

Außer, daß Entreri gar nicht ernsthaft damit gerechnet hatte, den anderen mit der Beinschere zu treffen. Stattdessen gab die scheinbare Attacke ihm genügend Schwung, um sich, noch immer am Boden kauernd, blitzschnell um die eigene Achse zu drehen, so daß er seinem Gegner nun zu allem Überfluß den Rücken zuwendete. Noch während der Andere in der Luft war, sprang er auf und rammte seinen Ellenbogen entschieden nach hinten.

Er hatte die Attacke perfekt getimt, und er traf den Mann exakt zwischen die Beine. Das triumphierende Lachen veränderte sich für einen Moment zu einem spitzen Quieken, ehe der Soldat, unter halb scherz- und halb schmerzhaftem, ungläubigem Stöhnen zwei, drei Schritte rückwärts machte und sich dann auf den Boden fallen ließ und sich dort demonstrativ krümmte. Das hölzerne Übungsschwert polterte neben ihm auf den Boden der Trainingshalle. Rundum wurde, zumindest von den männlichen Zusehern, mitfühlendes Zischen laut, ehe ein allgemeines Gelächter einsetzte.

"Verdammt, Entreri", keuchte der Getroffene atemlos, wenn auch lachend. "Wo hast du den dreckigen Trick gelernt?"

Das hätte Jarlaxle allerdings auch gerne gewußt. In Calimhafen, nahm er an, da alles, was er über seinen menschlichen Partner wußte, darauf hindeutete, daß dieser schon seit seiner Kindheit in dieser Stadt gelebt hatte - wohl als völlig auf sich gestelltes Waisenkind auf der Straße. Und ja, es mochte in den Hurenvierteln der Stadt auch eine gute Methode sein gegen einen Feind, der größer und stärker als man selbst war und der versuchte, einen Jungen auf die Knie zu zwingen...

Natürlich zuckte der Meuchelmörder selbst nur die Achseln auf diese direkte Frage. "Das willst du gar nicht wissen, Raunir", gab er sogar zurück, und Jarlaxle war kurz davor, sich die Augen zu reiben: Das war doch nicht etwa fast ein Lächeln, das da um die Mundwinkel seines Partners zuckte? Er grinste zu ihm hinüber, um ihm klarzumachen, daß er den Lapsus durchaus bemerkt hatte, und prompt verfinsterte sich die Miene des Mannes wieder. Natürlich wurde Jarlaxles Grinsen darüber noch ein wenig breiter.

Der Drow gratulierte sich im Stillen zu der Idee, sich der königlichen Armee anzuschließen. Selbst als er und Entreri sich für zwei Zehntage von einer Bande schauderhaft schlechter Straßenräuber hatten aufnehmen lassen, hatte er sich nicht so gut amüsiert - und sein griesgrämiger Freund ganz offensichtlich auch, soweit er dazu überhaupt in der Lage war.

Jarlaxle streckte die Beine von sich, verschränkte die Hände hinter dem Nacken, lehnte sich mit dem Kopf gegen die Wand und beobachtete in stiller Erheiterung die kleine Szene, die sich vor ihm abspielte. Er saß auf einer niedrigen Holzbank in einer der Fechthallen, die zur Kaserne von Heliogabalus gehörte, rund um ihn seine neuen Kameraden, deren Truppe der Dunkelelf und sein menschlicher Partner zugeteilt worden waren. Die beiden neu angeworbenen Soldaten der damarischen Armee hatten rasch festgestellt, daß die Regeln dieser Truppe bei weitem nicht so rigide waren, wie sie hätten sein können. Ihr Trupp bestand aus gut zwei Dutzend Männern und Frauen beinahe jeden Alters und jeder Herkunft, durchweg Abenteurer wie Jarlaxle und Entreri selbst, und so manch einer, vermutete der Drow, mit ähnlich zwielichtiger Vergangenheit. Offenbar waren die Zuständigen zu der Einsicht gelangt, daß man Leute, die zum Teil jahrzehntelang auf eigene Faust und nach ihren eigenen Gesetzen gelebt hatten, nur schwer in das strenge Reglement der Armee würde einfügen können. Sie stellten die betreffenden Leute stattdessen zu Sondereinheiten zusammen, kleineren, milizähnlichen Verbänden, die oft zu besonderen Aufgaben - Spionage, das Aufspüren von Feinden, Patrouillen in unwirtlichen Gebieten - über Land geschickt wurden.

Einer solchen Gruppe, die allerdings momentan in Heliogabalus eher ruhigen Wachdiensten nachging, hatte man also auch Entreri und Jarlaxle zugeteilt. Der Umgangston innerhalb der Mannschaft war das, was man so schön als "rauh, aber herzlich" bezeichnete, und der Dunkelelf wurde zwar anfangs mit einer Menge scheeler Blicke bedacht, brauchte aber nur einen Bruchteil seines Charmes auszuspielen, um die ersten Vorurteile zu überwinden. Natürlich hatte sich die Heldentat, die die beiden Neuzugänge in Vaasa begangen hatten, bereits bei den meisten ihrer neuen Kameraden herumgesprochen, und entsprechend neugierig waren diese denn auch bereits auf die zwei gewesen. Auch was die Führung der Truppe anging gab es, zumindest, soweit es Jarlaxle betraf, keinen Grund zu klagen: Meistens waren es junge Offiziere, Ritter der Krone oder angehende Paladine, denen man Gelegenheit geben wollte, sich bei der Führung eines Trupps alter Abenteurer ihre ersten Sporen zu verdienen. Die Tatsache, daß der Offizier ihrer Truppe nicht nur jung, sondern außerdem auch noch weiblich und überaus attraktiv war, tat der Sache aus Jarlaxles Sicht ganz gewiß keinen Abbruch.

Natürlich - nur eitel Sonnenschein war die Angelegenheit naturgemäß auch nicht. Dazu prallten zu unterschiedliche Charaktere innerhalb der Mannschaft aufeinander, und Jarlaxle, ehemaliger Anführer einer ganzen Söldnertruppe, der er war, beobachtete diese Spannungen mit gewaltigem Interesse.

"Ihr solltet Euch schämen", knurrte prompt einer der übrigen Soldaten, ein langer, schlaksiger Kerl, dessen dünnes, kantiges Gesicht nur einen einzigen Ausdruck zu kennen schien, und der sah mit den abschätzig nach unten gebogenen Mundwinkeln ganz so aus, als habe er in etwas ziemlich ekelhaft Schmeckendes gebissen. Von ihm ging das Gerücht, er habe eigentlich Priester des Tyr werden wollen, sei aber aus unerfindlichen Gründen abgelehnt worden. Nun, es hätte seine ewig sauertöpfische Miene erklären können. "Das war ein schändliches und unehrliches Manöver!"

"Ach, beiß dir doch sonstwohin, Mulhony", bellte ein anderer zurück. Es war einer der Doubier-Brüder, Vermac oder Trawl, und daß einer der beiden graubärtigen Vaaser überhaupt einmal den Mund aufmachte, bewies, wie sehr ihnen die Art des vorherigen Sprechers gegen den Strich ging.

"Ich sage nur die Wahrheit."

"Und ich hab von Anfang an gesagt, Entreri schafft ihn auch ohne Waffen", warf Jetta Gordanev inzwischen lachend ein, die neben Jarlaxle auf einer niedrigen Bank unter einem Wandregal voller hölzerner Übungswaffen saß. Die Frau, die ungefähr in Entreris Alter sein mochte, hatte in ihrer ganzen Art etwas von einem weiblichen Zwerg: relativ breit, ohne dick zu sein, mit stämmigen Armen und Beinen und einem runden Gesicht, das von zwei fast armdicken roten Zöpfen eingerahmt wurde und dessen Wangen sich beim Lachen in neckische Grübchen legten. Glücklicherweise fehlte ihr zur wirklichen Zwergin der Kinnbart, und sie war, obwohl sie Jarlaxles Höhe nicht ganz erreichte, doch um ein gutes Stück größer. Als sie jetzt sprach, mußte sie dazu den abgekauten Stiel ihrer Tabakspfeife aus dem Mund nehmen und schwenkte das Gerät prompt in die Richtung des Getroffenen, der noch immer auf dem Boden lag. "Aber ich hätte ja wenigstens gedacht, es dauert länger, als ich brauche, um mir die Pfeife anzuzünden."

In das allgemeine Gelächter fiel das Geräusch energisch nahender Schritte, und Jarlaxle konnte sehen, wie auf der gegenüberliegenden Seite der Halle der alte Graubart Karol Dor, so etwas wie der heimliche Anführer der Truppe, unter leisem Seufzen die Augen verdrehte.

"Entreri!" Die hochgewachsene Gestalt von Oberst Mirlyan Sorrokev (von der jeder wußte, daß ihr vollständiger Name eigentlich Sorrokev Parnell lautete und daß sie die uneheliche, aber offiziell anerkannte Tochter eines alten Kampfgefährten von König Gareth war) schoß mit wallendem dunklem Lockenhaar und auf den Fliesen hallenden Stiefelabsätzen aus dem Flur, der zu ihrem Büro führte, in die Übungshalle. In seiner Ecke verschränkte Gregad Mulhony in selbstgerechter Vorfreude die Arme.

"Was sollte das?" schnauzte die Offizierin.

Der Meuchelmörder drehte sich in mühsam gebremster Ungeduld zu ihr um. "Übungskampf?" bot er spöttisch an. Die Frau, die gut einen halben Kopf größer als er war, baute sich mit drohend blitzenden Augen vor ihm auf.

"Kommt mir nicht so! Das war ein absolut schändliches, unfaires Manöver, und..."

"Und wirkungsvoll", ergänzte Entreri, hinter seiner kalten Fassade bereits wieder erzürnt genug, um seine Vorgesetzte zu unterbrechen. Glücklicherweise war diese ihrerseits so zornig, daß sie es, wie jedesmal, überhörte. Dor tauschte wieder einen Blick mit dem Drow und grinste breit hinter dem Rücken der beiden Streitenden. Derartige Wortgefechte, von der Seite Mirlyans hitzig, von der Seite Entreris in knapp gezügelter Wut, lieferten die beiden sich inzwischen fast täglich.

Unter anderen Umständen hätte Jarlaxle deswegen um Leib und Leben der Frau gebangt. Aber sein menschlicher Partner war, für seine Verhältnisse, in letzter Zeit erstaunlich umgänglich.

"Und unwürdig eines Soldaten der königlichen Armee!" fuhr die Oberste den Meuchelmörder weiter an. "Ihr seid keine dahergelaufenen Abenteurer und Gossenschläger mehr. Diese Armee steht unter dem Schutze Ilmaters und der Führung der Paladine vom Goldenen Kelch. Selbst wenn die Kampfesregeln und Ehrenvorschriften Torms nicht für Euch gelten, so sollten sie Euch doch ein leuchtendes Beispiel sein." Sie drehte sich zu Sevellin Raunir um, der noch immer am Boden lag und von dort aus dem Streit mit bereits wieder sichtlich vergnügter Miene lauschte. "Ihr hättet Euren Kameraden ernsthaft verletzen können."

"Hätte ich", nickte Entreri. "Wenn ich gewollt hätte. Ich habe ihn aber kaum berührt."

"Was?" lachte der Blonde und krümmte sich prompt wieder theatralisch. "Ich bin ein Wrack! Um ein Haar, und es wäre vorbei gewesen mit meiner Manneskraft." Jarlaxle stimmte in das allgemeine Gelächter ein. Jeder wußte, wie man derartige Behauptungen von dem übermütigen Burschen zu nehmen hatte. Sevellin Raunir war Mitte zwanzig, groß und breitschultrig und wohl das seltene Ergebnis einer Verbindung zwischen einer Damarerin und einem der wandernden Barbaren aus den Stämmen im Norden. Angeblich war er eine Zeitlang als Akrobat und Feuerschlucker mit einer Gruppe reisender Schausteller gezogen, hatte sich als Jäger und Fallensteller herumgetrieben und sich, wie viele, auch als Monsterjäger an der Grenze nach Vaasa versucht. Er hatte zweifellos genügend Kraft und Fertigkeit, um mit dem schweren Schwert zu anderthalb Händen umzugehen, selbst wenn er sich gegen einen so außergewöhnlichen und erfahrenen Fechter wie den Calishiten nicht halten konnte. Vor allem aber war er jemand, der Spaß verstand, ständig einen Witz oder ein Scherzwort auf den Lippen hatte, kaum eine Beleidigung krumm nahm und überhaupt kein Problem damit hatte, das Ziel einer Spötterei zu sein.

Jarlaxle nahm an, daß es selbst einem Zyniker wie Artemis Entreri schwer fiel, den fröhlichen Kerl nicht zu mögen.

"Da hättest du wohl kaum viel verloren", spottete Fallide Hervensteen, die zweite Frau in der Gruppe, eine schlanke braunhaarige Kämpferin mit der Figur einer Tänzerin, Tätowierungen auf beiden Oberarmen und den saftigen Flüchen eines Fuhrknechts. "Würdest wahrscheinlich nicht mal den Unterschied merken."

"He, wie wär's mit ein bißchen Mitgefühl?" jammerte Sevellin, der noch immer keine Anstalten machte, sich vom Boden zu erheben. "Der Calishit hätte mich fast getötet - oder doch einen ziemlich wichtigen Teil von mir. Wie wär's mit ein bißchen Trost und Zuwendung?" Neben Jarlaxle nahm Jetta wieder die Pfeife aus dem Mund.

"Könnt' ich schon machen, Jungchen, aber sieht ja so aus, als würde da bei dir nicht mehr viel laufen..."

Mirlyan warf einen resignierten Blick in die Runde. "Ihr treibt mich in den Wahnsinn. Ihr alle, Ilmater sei's geklagt. Wenn Sir Brellan wüßte, was es an Geduld und Mühe kostet, Euch zügellose Vagabunden zu ehrenhaften Soldaten zu machen, würde er meinen Sold verdreifachen." Sie seufzte. "In Ordnung. Euer Dienst für heute ist beendet. Die neuen Wachlisten sind morgen früh fällig, doppelte Ausführung. Dor, Ihr sorgt dafür, daß die Ausrüstung wieder an ihren Platz kommt. Und wehe, einer von Euch wagt es, sich von Entreri diesen schmutzigen Trick abzuschauen."

"Zeig' ihn uns später", meldete Fallide sich grinsend und hinter vorgehaltener Hand in deutlich vernehmbarem Bühnengeflüster. "Gibt da 'nen Kerl in Goliad, an dem ich den gern ausprobieren würde..."

"Herzschmerz, Hervensteen?" erkundigte Raunir sich angelegentlich. Zu Jarlaxles wirklicher Überraschung machte Entreri zur selben Zeit einen Schritt auf ihn zu, hielt ihm wortlos die Hand hin und zog ihn in die Höhe. Der Blondschopf sprang so leichtfüßig auf, daß deutlich zu merken war, daß Entreri ihn kaum sonderlich schmerzhaft getroffen haben konnte.

"Ah, da können wir uns ja zusammentun, meine Liebe", seufzte Jarlaxle theatralisch mit bezeichnendem Seitenblick auf Mirlyan, die noch immer wie eine frustrierte Hühnermutter inmitten eines Haufens eigensinniger Küken stand. "Da unsere bezaubernde Befehlshaberin es ja für unter ihrer Würde hält, mit einem einfachen Soldaten ein Glas Wein zu trinken." Er machte ein so treuherziges Gesicht, daß selbst die aufgebrachte Oberste sich ein Lachen nicht ganz verkneifen konnte. Sie drehte sich halb nach Entreri um.

"In Ordnung, um Jarlaxles willen möchte ich mir diesen schmutzigen Trick vielleicht doch genauer anschauen."

"Wenn Ihr mir versprecht, ihn wirklich anzuwenden, gern. Ihr werdet aber genau zielen müssen..."

"Wie grausam. Jeden Tag brecht Ihr mir aufs Neue das Herz", klagte der Dunkelelf grinsend und schob sich den gefiederten Hut in den Nacken. "Wenn ich mich eines Tages vor Verzweiflung in die Schwerter unserer Feinde stürzen werde, dann wird es Eure Schuld sein. Aber dann ist es zu spät. Laßt Euch erweichen und macht einen einsamen Mann glücklich."

"Von Eurer Einsamkeit spricht in der Tat die halbe Garnison", konterte die Oberste knapp. "Ach, was sage ich, die halbe Stadt. Und falls Ihr nicht allesamt sofort verschwindet, werde ich das als freiwillige Meldung für zusätzlichen Wachdienst interpretieren. Also seht besser zu, daß Ihr fortkommt." Sie warf einen auffordernden Blick in die Runde und deutete zur Ausgangstür der Halle, ehe sie wieder in ihr Büro davonschritt.

Die Bemerkung hatte größere Wirkung als alle übrigen Ermahnungen zuvor. Jetta sprang neben dem Drow von der Bank, und Karol Dor erhob sich ebenfalls und deutete auf Sevellin.

"Ihr habt die Dame gehört, Leute. Raunir, bring dein Schwert in den Wandschrank, Mulhony und Hervensten, seht zu, daß Ihr aus den Uniformen kommt, wenn Ihr nicht Wache schieben wollt."

"Wer hat Lust, einem einsamen Schwerverwundeten noch ein Bier auszugeben?" stellte Sevellin, kaum hatte er seine Übungswaffe in die Halterung gesteckt, die Frage aller Fragen.

"Was du säufst, zahlst du selber", kam die barsche Antwort von Fallide, "aber ich bin dabei."

"Dienstfrei muß gefeiert werden", kommentierte sogar Dor. "Was ist mit euch beiden, Schwarzer?" Der Graubart hatte seinen Kampfhammer ebenfalls zurück in ein Regal gebracht und schloß dieses mit geübten Griffen ab, während er über die Schulter Jarlaxle ansah. Der legte nur wieder die Hand aufs Herz.

"Selbstverständlich komme ich mit. Schließlich muß ich meinen Liebeskummer ertränken."

Dor schnaubte einmal und richtete seinen Blick auf den zweiten Teil des seltsamen Gespanns. "Entreri?" Wie erwartet, kam ein angedeutetes Kopfschütteln als Antwort.

"Ach, komm, Entreri", neckte Jetta. "Sevellin hat sich mindestens ein Bier verdient auf den Schrecken." Es gab nicht viele Leute, die es wagten, zu versuchen, jemanden wie Entreri zu überreden, wenn dieser seine Ansicht einmal kundgetan hatte. Die stämmige Rothaarige war eine der wenigen, die dies ungestraft tun durften, auch wenn sie sich ihrer Sache dabei wenig sicher zu sein schien. Jarlaxle notierte nicht zum ersten Mal mit Interesse, daß ruhige, eher mütterliche Typen - wie Jetta oder die Halblingsfrau Dwahvel Tiggerwillies, zum Teil auch Arrayan - es ein wenig leichter hatten, zu Entreri durchzudringen, als andere. An Entreris Ablehnung änderte es freilich nichts.

"Schon was vor", sagte der Meuchelmörder knapp. Jarlaxle stupste sich den Hut auf dem Kopf zurecht und grinste.

"Wie heißt sie?" fragte er wieder einmal. Alles, was als Antwort kam, war eine rüde Geste im Handzeichencode der Dunkelelfen. Der Drow lachte. "Ach, komm schon, Artemis, ich bin immerhin dein Freund."

Ein zweifelnder Blick flog über Entreris linke Schulter, und eine Braue schob sich spöttisch in die Höhe. Jarlaxle warf sich seinen Mantel über.

"Ich warne dich, ich werde dir auch nie wieder etwas über meine Angelegenheiten erzählen."

"Schwör's mir."

"Nun sei doch nicht so, mein Freund, ich will doch nur ihren Namen wissen..."

Ein ungewohntes Grinsen breitete sich über die Züge des Meuchelmörders. "Wer sagt, daß es nur eine ist?"

Sevellin pfiff durch die Zähne, und auch die übrigen, die den inzwischen zur Gewohnheit gewordenen Hakeleien zwischen den beiden eigenartigen Neuzugängen mit Vergnügen lauschten, brachen in Gelächter aus. Jarlaxle machte einen entsetzten Schritt zurück, schob sich seine Augenklappe auf die Stirn und starrte den Menschen aus zwei weit aufgerissenen Augen an.

"Artemis, ich bin schockiert! Schockiert, sage ich. Jetzt werden sie dich bestimmt nicht mehr bei den Paladinen haben wollen!" Das brachte neues Gelächter. "Und, wieviele sind es denn, und wie heißen sie?"

"Es sind drei", sagte Entreri. "Und sie heißen Feder, Tinte und Wachliste. Weil du es bist, würde ich sogar teilen..."

"Zuviel des Guten", lehnte der Drow, wie nicht anders zu erwarten, ab. Die endlosen Listen mit den Namen der Wachhabenden abzuschreiben und zu vervielfältigen war eine der ungeliebtesten Tätigkeiten überhaupt. Entreri marschierte in Mirlyans Schreibstube, von wo er kurz darauf mit einem Packen Pergamente unter dem Arm und einer wenig begeisterten Miene wieder zurückkehrte.

"Farbe?" fragte er Jarlaxle, während er die Papiere kurz zur Seite legte, um sich seinen Mantel überzuwerfen.

"Gold", sagte der Drow, und Entreri verzog das Gesicht, ehe er sich mit einem kurzen Nicken in die Runde in die hereinbrechende Nacht verabschiedete

"Was soll das eigentlich immer?" fragte Sevellin Raunir neugierig. "Jedes Mal, wenn er geht oder du gehst, fragt einer den anderen nach einer Farbe. Ist das ein Spiel? Wettet ihr auf irgendwas?"

"So etwas Ähnliches", schmunzelte der Dunkelelf, im festen Wissen, daß sein menschlicher Freund, sollte er vor Jarlaxle zu Hause sein, eine ganz bestimmte silberne Drachenstatue über ihrer Türschwelle anbringen und diese anweisen würde, jeden, der nicht vor dem Eintritt die korrekte Farbe nannte, in einer gleißenden Feuersäule zu versengen.

"Ich finde es schade, daß er einen so wenig an sich ranläßt", sagte Sevellin und drückte die Tür auf. Aus dem Kasernenhof wehte ihm ein eisiger, mit Regen vermischter Wind entgegen. Entreri war schon spurlos in der hereingebrochenen Nacht verschwunden.

"Ist ein ziemlich verschlossener Kerl", nickte Karol Dor. Der Blonde grinste und sah erst Jetta, dann Fallide an. Letztere hatte sich bei Jarlaxle eingehängt und strich sich das Haar aus dem Gesicht, das der Wind ihr in die Stirn wehte.

"Muß sich wohl eine von euch Damen hergeben und Entreri aus der Reserve locken", neckte er, und die zwei Frauen lachten.

"Wenn Jarlaxle recht hat, dann sind wir da ja eh schon zu spät dran", spottete Jetta über ihre qualmende Pfeife weg. Fallide warf dem Drow von der Seite einen Blick zu.

"Hat er wirklich ein Mädchen?"

"Ich habe nicht die geringste Ahnung", antwortete der Dunkelelf ehrlich, dessen Hut irgendwie trotz der immer heftiger werden Windböen auf seinem kahlen Kopf saß wie festgewachsen. "Aber ich würde meinen rechten Arm darauf verwetten, daß er heute noch ein bißchen mehr vorhat als Wachlisten abzuschreiben, und daß er dabei weibliche Gesellschaft haben wird."

"Zu dumm", knurrte die Frau. Jarlaxle lachte.

Er war schon mehr als einmal versucht gewesen, Entreri bei dessen in letzter Zeit häufigen Alleingängen hinterherzuschleichen. Er hatte es letztlich immer unterlassen, im wesentlichen aus zwei Gründen. Erstens war es selbst für einen Dunkelelfen nicht gerade einfach, unbemerkt hinter einem Artemis Entreri herzuspionieren, und der Meuchelmörder achtete peinlichst darauf, bei seinem Kommen und Gehen so flink und unauffällig wie möglich zu sein, und gab alleine schon durch dieses Verhalten deutlich zu verstehen, daß er keinerlei Begleitung wünschte. Jarlaxle hatte keine Lust, einen seltenen Unsichtbarkeitszauber oder -trank an die Sache zu verschwenden, nur um dann von dem mißtrauischen Menschen vielleicht doch bemerkt, kreuz und quer durch die Stadt gelotst und am Ende wohl gar noch abgehängt zu werden.

Und der zweite Grund war, daß Jarlaxle, ein Menschenkenner wie nur irgendeiner, instinktiv ahnte, daß sein Freund vorerst noch nicht dazu bereits war, mit irgendjemandem über die Angelegenheit zu sprechen und daß er jede Einmischung unweigerlich als Verrat auffassen würde. Artemis Entreri, dieser eingefleischte Einzelgänger und Misanthrop, hatte durch das Spiel auf der Flöte eines lange verstorbenen Mönches gelernt, und das vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, seine eigenen Fragen und Wünsche zu hören. Darunter wohl auch der Wunsch, jene Dinge zuzulassen, nach denen ein Teil von ihm verlangte. Wer auch immer die Frau sein mochte, mit der er sich offenbar in schöner Regelmäßigkeit zu treffen begonnen hatte - was Artemis Entreri im Moment durchmachte, war in erster Linie ein Lernprozeß. Jarlaxle konnte sich gut ausmalen, wie fremdartig und gefährlich dem Menschen seine eigenen Regungen vorkommen mußten, wenn man bedachte, daß sein bisheriges Leben von nichts als Selbstschutz und an Paranoia grenzendem Mißtrauen geprägt gewesen war.

Dennoch fand er die Tatsache, daß hier offenbar mindestens noch eine weitere Frau gewesen wäre, die Entreri gern über seine emotionalen Hürden hinweg geholfen hätte, höchst amüsant. Er legte einen Arm um Fallides Taille und hängte sich mit dem anderen bei Jetta ein. Keiner der beiden schien es unlieb zu sein.

"Meine Damen", grinste Jarlaxle breit, "wenn ich Euch einen Rat geben darf: Haltet Euch an das, was leichter zu erreichen ist. Daß nur die schwer zu erringenden Erfolge wirklich süß sind, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Und was meinen armen Freund Artemis angeht: So effizient, wie er üblicherweise arbeitet, nehme ich an, er wird die Wachlisten wohl der Einfachheit halber gleich nebenbei abschreiben..."