Vlademir Ree krampfte die Finger um das abgegriffene braune Leder zusammen, in die die alte Chronik Damaras gebunden war, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Da stand es, schwarz auf weiß, eindeutig für jeden, der des Lesens mächtig war.
Die Thronfolge in der Monarchie von Damara, vererbt in der männlichen Linie.
Vlademir Ree besaß für einen Mann seines Alters erstaunlich viele historische Werke. Bei einem jungen Adligen Mitte zwanzig hätte man erwartet, weit mehr Bände über Jagd und Vergnügung, vielleicht noch Reisebeschreibungen und Abenteuererzählungen zu finden. Aber in Rees privaten Räumen stapelten sich im wesentlichen Abhandlungen über die jüngere und ältere damarische Geschichte, insbesondere über die Dynastie Blutfeder, die drei Jahrhunderte das Land in Frieden beherrscht hatte, aber mit dem Tod ihres jüngsten Sproßes in der Schlacht von Goliad gegen den Hexenkönig Zenghyi erloschen war. Ree war, auch wenn das außer wenigen engen Vertrauten kaum jemand wußte, eine wahre Koryphäe auf diesem sehr speziellen Sektor. Er konnte aus dem Gedächtnis heraus binnen weniger Minuten einen kompletten Stammbaum der Familie Blutfeder erstellen, angefangen vom Staatsgründer Feldrin bis hin zu jenem unglücklichen König Virdrin, mit dem die direkte Linie erlosch.
Ein solcher Stammbaum lag im Moment auch vor ihm. Auch dieser war mit leichter Hand aus dem Stegreif gezeichnet, Namen und Daten in so winzigen, flüchtigen Lettern, daß ein anderer als Ree sie kaum zu entziffern vermocht hätte. Immer wieder zweigten Seitenstränge von der Hauptlinie ab, früh verstorbene Brüder, verheiratete Prinzessinnen, unehelich geborene, aber anerkannte und nachträglich geadelte Bastardsöhne. Alle diese Nebenlinien erloschen früher als die Hauptlinie, mit zwei wichtigen Ausnahmen: Die Linie des Hauses Tranth, und die Linie des Hauses Ree.
Ein Zeigefinger, der dunkel war von frischen Tintenflecken, fuhr diese letzten beiden Stränge nach, die über den Tod des letzten Blutfeder-Königs hinausreichten. Es gab nichts daran zu rütteln, daß die Linie Tranth näher am Thron gestanden hatte als die Rees. Aber auch der Name Tranth war inzwischen kurz vor dem Aussterben. An männlichen Trägern gab es nur noch die beiden Brüder Tranth, deren einer der derzeitige Befehlshaber der Blutsteintore und deren anderer der frühere Baron von Blutstein, der Vater von Christine Drachenbann war. Beide waren alt, und das war das Wichtigste: Beide hatten keinen männlichen Erben.
Und diese Tatsache machte niemand anderen als Vlademir Ree, Sohn von Dimian und Neffe von Tarkos Ree, zu demjenigen mit den größten Ansprüchen auf den verwaisten Thron von Damara.
Nun, verwaist natürlich nur nach Vlademirs Ansicht. Nach Ansicht der meisten, wenn nicht aller anderen Damarer hatte das Land natürlich einen König. Aber die Ansprüche von Gareth Drachenbann leiteten sich einzig und allein daraus ab, daß er Christine Tranth geheiratet hatte, die einzige Tochter des damaligen Barons von Blutstein. Und dieses verfluchte, Druidenmagie praktizierende Weib hatte nicht mehr Anrecht auf den Thron als jede dahergelaufene Bäuerin! Es zählte einzig und allein die männliche Linie! Aber natürlich waren sie alle großzügig über diese Kleinigkeit hinweggegangen, die Herren Herzöge, Grafen und Barone, als es darum ging, Gareth, den großen Helden, den Sieger über Zenghyi, diesen ach so noblen, herunzigeunernden Tugendbold mit seinem Gerede von Recht und Ordnung, auf den Thron zu setzen. Auf einen Thron, der nach geltendem Recht nur der Familie Ree zugestanden hätte.
Aber dieser Tage hatte Vlademir das Gefühl, als hätten selbst sein Vater und Onkel den Kampf aufgegeben. Lange Zeit hatte es sogar so ausgesehen, als würde Dimian Ree, Vlademirs Vater, selbst die Herrschaft über die Baronie Morov verlieren. Er hatte ein wenig zu offen mit den Leuten Zenghyis paktiert für den Geschmack der dreckigen Hungerleider von der Straße, die unter Gareth plötzlich den Ton anzugeben schienen, und die Tatsache, daß Dimians Bruder Tarkos die berüchtigte Unterweltsgilde Schmale Börse leitete, trug nicht gerade zur Besänftigung der Gemüter bei. Am Ende mußten beide Brüder gute Miene zum bösen Spiel machen: Dimian mußte zähneknirschend seine Zustimmung zur Krönung von Drachenbann geben, wollte er seinen Rang als Baron behalten, und Tarkos, dem der Spähsang auf den Fersen war, mußte seine Unternehmungen extrem einschränken und konnte sich letztlich überhaupt nur halten, weil er sich der Unterstützung der Assassinenzitadelle versicherte - ein zumindest zweischneidiges Schwert. Heutzutage hatten beide graues Haar und wirkten verbittert und müde.
Müde genug, damit ein tatkräftiger Sohn und Neffe, obwohl er offiziell bisher weder Baron noch Herr der Schmalen Börse war, die meisten Dinge selbst in die Hand nehmen konnte.
Die mit schwerem Schnitzwerk verzierte Eichenholztür ins Kontor öffnete sich knarrend. Ungehalten sah Vlademir von seinen Schriften auf.
"Habe ich dir nicht gesagt, ich will nicht gestört werden, Garrachin?"
"Bitte untertänigst um Verzeihung, Euer Hoheit", krächzte die heisere Stimme seines alten Leibdieners, in einem höflich-herablassenden Tonfall, wie ihn sich nur ein Dienstbote aneignen konnte, der bereits länger im Haus war als seine jugendliche Herrschaft überhaupt auf der Welt. Alleine für diesen Ton hätte Vlademir ihn hinauswerfen mögen. Natürlich ging das nicht. Der alte Kauz wußte viel zu viel über die dunklen Geschäfte der Familie. - "Aber der Herr Flosak wäre noch einmal da. Und er hat einen Gast mitgebracht."
"Und hast du ihnen nicht gesagt, daß ich keinen von diesen Verrückten noch einmal unter meinem Dach sehen möchte?"
"Doch, Herr. Aber sie ließen sich nicht abweisen."
Mit anderen Worten, sie hatten den Alten ausreichend bestochen. Wie auch immer. Vlademir fügte sich in sein Schicksal.
"Laß sie eintreten."
Sehr im Gegensatz zu seinem springlebendigen Namen sah Lukash Flosak, mit seiner hageren Gestalt und seinem bleichen, eingefallenen Gesicht, aus dem ein Paar erschreckend hellblauer Augen funkelte, ganz so aus, als sei er nicht nur ein Anhänger seiner irrsinnigen "Religion", sondern vielmehr schon eines ihrer Produkte. Wäre da nicht der eindeutige Beweis in Form von Atmung und Körperwärme gewesen, so hätte Vlademir Ree den Mann in der Tat für einen durch Magie reanimierten Leichnam gehalten. Der Mann an seiner Seite wirkte dagegen geradezu erschreckend lebendig: Ein wenig kleiner als der hochaufgeschossene Flosak und von dunkler, sonnenbrauner Hautfarbe, trug er über weiten, purpurroten Pumphosen, doppelt gegürtet mit einer leuchtenden Schärpe und einer locker darüber liegenden Gürtelkette aus alten Goldmünzen, ein goldverbrämtes, flatterndes Hemd aus einem Stoff, der nur teuerste amnitische Seide sein konnte. Der fast bodenlange, aus feinen Pelzen gearbeitete Mantel stand vorne offen, vermutlich, um den sichtlich bewegungsfreudigen Mann nicht unnötig einzuschränken, und das Paar feinlederner Stiefel darunter war über und über mit fremdartigen Symbolen in bunten Farben bestickt. Das auffallendste Kleidungsstück war aber zweifellos der riesige Turban, den der Südländer auf dem glatten schwarzen Haar trug, und dessen ineinander verschlungene rote und gelbe Stoffbahnen über der Stirnseite durch ein gewaltiges Juwel zusammengehalten wurden, das beständig die Farbe zu wechseln schien.
Dieser großzügig, schon fast protzig zur Schau gestellte Reichtum weckte naturgemäß sofort Vlademirs Interesse, um nicht zu sagen seine Gier. Und während er ursprünglich vorgehabt hatte, diesen verkommenen Narren Flosak von seinen Wachen unsanft hinausbefördern zu lassen, war er nun fast geneigt, sich seinen Irrsinn noch einmal anzuhören, nur um in der Zwischenzeit die mit Unmengen von kostbaren Steinen besetzten Griffe der beiden Krummdolche genauer begutachten zu können, die in bestickten Samtscheiden aus der seidenen Schärpe um die Mitte des unbekannten Südländers herausragten.
"Eure Hoheit", grüßte Flosaks lispelnde Stimme artig. "Es ist eine gewaltige Ehre, noch einmal von Euch empfangen zu werden."
"Das ist es allerdings", sagte Vlademir, ohne ihn auch nur anzusehen, erhob sich aus seinem Sessel, ging um seinen Schreibtisch herum und ließ sich lässig und halb abgewendet auf dem Rand der Tischkante nieder, während er von einem nahen Beistelltisch eine lederne Reitpeitsche zur Hand nahm und sie während des Gesprächs eingehend begutachtete. "Um nicht zu sagen, es ist sogar unverschämtes Glück. Ich war nach unserem letzten Zusammentreffen an und für sich mit Euren Narreteien fertig."
"Eure Hoheit!" Flosak rang die Hände. "So viele haben schon dasselbe gesagt, und doch, am Ende haben sie sich alle der schrecklichen Schönheit des Unausweichlichen gebeugt. Begreift Ihr nicht, Hoheit? Es ist das Schicksal der Welt, es ist uns vorherbestimmt! Wollt nicht auch Ihr dereinst unter den ersten Dienern sein, wenn die unsterblichen Drachen über Faerun herrschen?"
"Ihr verwechselt unsterblich mit untot", sagte Vlademir angewidert. "Und einem Kriecher wie Euch mag es allerdings als ein begehrenswertes Schicksal erscheinen, Diener und Sklave einer allmählich verwesenden Kreatur zu sein. Ich zähle mich nicht zu Euresgleichen, Flosak."
"Aber, Hoheit, es ist geweissagt! Das Ende der Herrschaft der Menschen wird kommen, und nur die untoten Drachen werden..."
"Bitte, teurer Flosak", mischte der Fremde sich mit breitem Lächeln ein. "Vielleicht wäret Ihr so freundlich, mich ein paar Worte mit Seiner Hoheit wechseln zu lassen."
Vlademir richtete den Blick auf den Unbekannten und musterte ihn betont abschätzig vom Kopf bis zu den Füßen. "Und wer, wenn ich fragen darf, seid Ihr? Auch einer dieser Narren, die Drachen zu Drachenleichnamen machen wollen, um sie danach auf andere Wesen loszulassen?"
"Nun, in gewisser Weise, edler Herr, in gewisser Weise." Der Akzent des braunhäutigen Mannes klang nach Erzählungen aus schwülfeuchten Dschungelwäldern und dem Gewühl südländischer Basare. "Wenn Ihr mir zunächst gestattet, mich vorzustellen? Mein Name ist Azir-Drak Shandozul, und ich bin ein Priester der Dunklen Dame."
Ree riß die Augen auf. "Ein - ein Priester Tiamats?"
Shandozul neigte ehrfürchtig das Haupt. "So lautet ihr neunmal geheiligter Name."
"Verdammt und ausgespien von allen Gerechten", hielt Ree dagegen. Der Priester lächelte breit.
"Deshalb werdet Ihr wohl verstehen, daß ich ihre Abzeichen in diesen Landen nicht offen tragen kann." Er fixierte Vlademir mit kalten schwarzen Augen. "Und andererseits werdet Ihr ebenfalls begreifen, weshalb ich gerade Euch auswählte, um meine Identität preiszugeben."
"Ihr haltet mich also für einen ehrlosen Halunken?" fragte Ree drohend. Sein Gegenüber zuckte nicht mit der Wimper.
"Ich halte Euch für jemanden, der ein gutes Geschäft zu schätzen weiß", gab er zurück. "Und zwar ungeachtet der Tatsache, von wem ihm der Vorschlag dazu gemacht wird."
"Ihr seid überaus unverschämt", knurrte Vlademir lauernd. Der andere zuckte die Achseln.
"Falls Ihr das so empfindet, tut es mir leid. Es lag nicht in meiner Absicht. Aber ich hatte den Eindruck, Ihr wäret ein Mann, mit dem man frei und offen reden kann, ohne all den...", er streifte Flosak mit einem Seitenblick, "... manchmal ermüdenden Pathos religiösen Eifers."
Vlademir legte die Peitsche zur Seite. "Nehmen wir an, ich wäre, was auch immer Ihr von mir haltet. Dann würde ich Euch in erster Linie ersuchen, mir zu erklären, was ein Priester Eurer Kirche bei den Verehrern untoter Drachen zu suchen hat. Immerhin versucht der Drachenkult Eure geschuppten Lieblinge davon zu überzeugen, sich freiwillig der Umwandlung zu einem lebenden Leichnam zu unterziehen. Ich dachte, die Kirche von Tiamat und der Drachenkult wären sich spinnefeind?"
"Das mag für weite Bereiche Faeruns auch gelten", gab Shandozul zu. "Jedoch hat sich dabei gerade in letzter Zeit vieles geändert. Versteht Ihr, der Kult der untoten Drachen ist stark zersplittert, in kleine Zellen, und bei weitem nicht alle haben die Möglichkeit, einen Geheiligten - also einen Dracolich - zu erschaffen. Gerade solchen Zellen mangelt es dann oft an spiritueller Führung. Und wer stünde dem Kult untoter Drachen da schon näher als die Herrin der lebenden Drachen?"
Auch eine Möglichkeit, dachte Ree trocken. Die Kirche der bösen Drachen unterwandert den rivalisierenden Kult untoter Drachen.
"Und was gewinnt Ihr damit?" - Der Südländer lächelte erneut und zeigte dabei blitzend weiße Zähne.
"Wertvolle Verbündete natürlich." Und als der damarische Adlige einen zweifelnden Blick Richtung Lukash Flosak schickte, fügte er hinzu: "Laßt mich nicht annehmen, Ihr wäret nicht in der Lage, die gewaltige Macht religiöser Ergebenheit als solche zu begreifen, Hoheit. Wir tun dies, nicht wahr, Herr Flosak?"
In die eingesunkenen Augen des hageren Mannes trat ein hektisches Glitzern. "Niemand kann unsere Ergebenheit anzweifeln. Wir werden alles tun, um den Anbruch der neuen Zeit zu bewerkstelligen. Wir sind die Auserwählten, die den Geheiligten bis in alle Ewigkeit dienen werden."
Vlademir Ree war ohnehin schon der Überzeugung gewesen, Flosak habe schlicht und ergreifend den Verstand verloren, aber nun wich auch sein letzter Zweifel. Der Mann war ein sabbernder Idiot, zu verrückt, um gefährlich zu sein. Der Südländer allerdings...
"Könnt Ihr nun begreifen, weshalb der Kirche von Tiamat daran gelegen ist, alle Verehrer der Geschuppten unter ihrem Dach zu vereinen?" erkundigte Shandozul sich, noch immer lächelnd.
Das konnte der Damarer allerdings. Ein paar Dutzend solcher Narren wie Flosak, dachte Ree, die bereit waren, für ihre hirnverbrannte Idee durchs Feuer zu gehen und die sich gegebenenfalls als willige Märtyrer ihrer Sache opfern würden, wären vermutlich in der Lage, die halbe Stadt auszuhebeln unter der richtigen Führung.
"Ich kann begreifen, was für Vorteile Eure Kirche darin sieht, sollte es ihr gelingen, sich diese Organisation einzuverleiben."
"Bitte, bitte, drückt das nicht so grob aus. Von Einverleiben ist gar keine Rede. Im Gegenteil. Wir üben lediglich unsere seelsorgerische Pflicht aus und kümmern uns um eine Gruppe leidenschaftlich ergebener Seelen, deren Glaube dem unseren gar nicht so unähnlich ist, wie wir des öfteren meinten. Es kann eben ab und zu notwendig sein, über den eigenen Schatten zu springen und ungerechtfertigte Vorurteile zu vergessen."
Was vermutlich bedeutete, daß zumindest dieser Priester überhaupt kein Problem damit hatte, sich notfalls mit einem Drachenleichnam zusammenzutun, falls das seinen Zwecken dienlich war. Obwohl der Gedanke sowohl an lebende wie an untote Drachen ihn anwiderte, konnte Vlademir diesem Opportunismus eine gewisse Bewunderung nicht vorenthalten.
"Und zu einer ähnlichen Einstellung versucht Ihr demnach wohl auch mich zu überzeugen?"
"Laßt es mich so ausdrücken, Euer Hoheit", lächelte Shandozul mit seinem seinem seltsamen, halb singenden und halb zischenden Akzent. "Wir sind absolut sicher, daß Ihr die Vorteile, die ein gelegentliches gemeinsames Vorgehen unserer Organisationen mit sich bringen würde, in ihrem Wert richtig einzuschätzen wüßtet. Und unsere Organisation ist sich wohl bewußt, daß wir uns besser in die in diesem Land bereits vorherrschenden Strukturen eingliedern, anstatt etwa - unbeabsichtigt - anderen mit älteren Rechten in die Quere zu kommen."
"Wohl gesprochen." Ree musterte den Südländer noch einmal vom Turban bis zu den Stiefelspitzen. "Und inwiefern, denkt Ihr, könnten unsere Interessen sich berühren? Um es konkret auszudrücken, welche Vorteile sollte ich mir davon versprechen, Eure... Organisation in meinem Hoheitsbereich zu dulden?"
"Ich halte Euch in erster Linie für eines", sagte der Priester. "Für einen Geschäftsmann. Sinn und Zweck jedes Geschäfts muß die Maximierung der Gewinne sein, nicht wahr? Ich denke, hier läge die erste Gemeinsamkeit zwischen uns. Drachen, ob nun lebendig oder in einem Zustand jenseits von Tod und Leben, haben im allgemeinen einen stets auf Mehrung ihres Besitzes ausgerichteten Sinn. So gehört auch zu den wichtigsten Aufgaben unseres Kults die Beschaffung von Kostbarkeiten, vor allem edlen Steinen hoher Qualität, um sie den hehren Geschuppten als Opfergaben darzubringen."
"Mir scheint das eher Anlaß für Konflikte als für freundschaftliches Miteinander", kommentierte Ree spöttisch. "Oder glaubt Ihr, daß mein Onkel, als dessen Stellvertreter ich mich betrachte, großes Interesse daran hat, seine mühsam erwirtschafteten Habseligkeiten in den unersättlichen Schlund eines Drachen zu werfen?"
"Selbstverständlich nicht. Aber seid versichert, daß die Verehrer der geheiligten Dracoliche sich gegenüber ihren Unterstützern stets großzügig gezeigt haben." Shandozul breitete die Arme aus und strahlte den Damarer an. "Eure Hoheit. Sehe ich aus wie jemand, der seine Schulden nicht bezahlen kann? Wir alle wären notfalls bereit, unsere letzten Kupfermünzen für unser Ziel aufs Spiel zu setzen, aber das ist im allgemeinen überhaupt nicht notwendig. Im Gegenteil. Die Anhänger unseres Glaubens prosperieren mit dem Segen und nicht selten auch der tatkräftigen Hilfe der Geheiligten und anderer... Geschöpfe, die unserem Kult nahe stehen." Er zwinkerte. "Denkt Ihr nicht auch, daß bei so manchen Verhandlungen mit eher unwilligen Partnern die bloße Erwähnung eines leibhaftigen Drachen dem Gespräch eine positive Richtung geben kann?"
Ree verzog fast gegen seinen Willen den Mund zu einem Schmunzeln. "Ein gutes Argument. Ich darf also davon ausgehen, daß Eure Organisation uns gegebenenfalls nicht nur finanziell, sondern auch mit Soldaten unterstützen könnte?"
"Eure Hoheit, eben deswegen bin ich hier. Um Euch diese Unterstützung anzubieten, wenn Ihr im Gegenzug geruhen wollt, unsere Anwesenheit nicht als Affront gegen Euch und Eure Interessen aufzufassen, denn das ist sie in der Tat nicht. Wir wissen, daß gewisse Geschäfte, die im Schatten getätigt werden, der Erlaubnis des Herrn dieser Schatten bedürfen, und sind jederzeit bereit, Euch für Euer Entgegenkommen und Eure Duldung finanziell zu entschädigen. Darüberhinaus ist unsere Organisation, wie Ihr vielleicht wißt, weit verzweigt und verfügt über Mitglieder aus beinahe allen Gesellschaftsschichten, die uns mit einer Fülle an Informationen über alles Wissenswerte versorgen. Sicherlich könnte es von Vorteil sein, falls Ihr gelegentlich einmal die Erkenntnisse Eurer eigenen Spione mit unseren Informationen vergleicht."
"Großzügig, großzügig." Vlademir musterte den Priester argwöhnisch. "Und darf ich fragen, was genau Ihr Euch dafür als Gegenleistung erwartet? Meine Duldung ist eine Sache, aber Eure aktive Zusammenarbeit hat doch mit Sicherheit einen Preis."
Shandozul breitete erneut die Arme aus und verneigte sich elegant. "Ihr seid ebenso scharfsinnig, wie man Euch mir geschildert hat. In der Tat, Eure Hoheit, es gäbe da etwas, an dem wir Interesse hätten. Eine kleine Bitte, die für jemanden in Eurer Position, ausgestattet mit so vielen Möglichkeiten, vermutlich kaum der Rede wert sein dürfte."
"Nun sprecht schon."
"Wie Ihr wißt, verehrt der Drachenkult untote Drachen, die sogenannten 'Geheiligten' als zukünftige Herren der Welt. Und auch wenn meine eigene Göttin dieser Anschauung zwiespältig gegenübersteht, habe ich mich doch entschlossen, der hiesigen Kultzelle zu helfen. Aus sicherer Quelle habe ich nun erfahren, daß sich in der Tat ein Geheiligter, wenngleich in körperloser Form, in der Stadt befindet."
"Ein Drachenleichnam?" Ree riß die Augen auf. "Hier in der Stadt?"
"Nun, in gewisser Weise. Es handelt sich um ein Phylakterion, ein Seelengefäß, in dem sich der Geist eines untoten weiblichen Drachen aus der Zeit des Hexenkönigs Zenghyi befindet. Dieses Gefäß - ein Stein in Form eines Drachenschädels offenbar - ist im Besitz eines Dunkelelfen, der sich hier in der Stadt aufhält."
Ree sah den braunhäutigen Mann an und fiel eine Weile in Schweigen.
"Es gibt nur einen Dunkelelfen in Heliogabalus", gab Vlademir dann vorsichtig zurück. "Ein neuer Soldat in der Armee des Königs, der wohl irgendeine Heldentat begangen hat, um zugelassen zu werden. Er ist in der Stadt bekannt wie ein bunter Hund. Und der Kerl sollte im Besitz eines solchen Seelengefäßes sein?"
"Allerdings, Hoheit. Vermutlich hat er es sich irgendwo in Vaasa angeeignet, und nun hält er den Geist der Geheiligten gefangen."
"Die Geheiligte muß wiederhergestellt werden", mischte sich Flosak zum ersten Mal wieder ein. "Der Drow ist ein Ungläubiger, und seine Absichten sind höchst zweifelhaft. Wir werden einen neuen Körper für die Geheiligte finden, auf daß sie aufs Neue in unserer Welt wandeln kann."
"Ich verstehe", sagte Vlademir gedehnt. Seine Gedanken überschlugen sich hektisch. Die Personen des Drow und seines menschlichen Gefährten, zwei noch recht neuen, aber auffälligen Figuren im Spiel, waren ihm durchaus ein Begriff. Weit besser sogar, als Shandozul ahnen konnte - schließlich gehörten nicht nur die verrückten Verehrer untoter Drachen zu den Geschäftspartnern der Schmalen Börse. Er setzte ein Lächeln auf. "Ich nehme an, Ihr wünscht, daß wir den Dunkelelfen liquidieren?"
"Falls das notwendig ist", gab der Priester mit einem Achselzucken zurück. "Aber es wäre vermutlich die sauberste Lösung. Für uns zählt einzig und allein, daß das Phylakterion in den Besitz des Drachenkults gelangt."
"Wie Ihr wünscht." Ree deutete eine kleine Verbeugung an, die der Südländer sofort und elegant erwiderte. "Ich werde sehen, was ich für Euch tun kann."
