Eine blasse Sonne blinzelte träge durch das Geflecht der Zweige jenseits der gewaltigen Heliogabaler Mauern. Abendlicher Dunst stieg aus dem braunen Schilfgestrüpp, das die Ufer jenes Flußes säumte, den die Einheimischen noch immer stur Beaumari nannten, auch wenn sein offizieller Name inzwischen Pelauvir lautete. Der Wind hatte sich bis auf eine schwache Brise fast gelegt, aber die Luft war kühl und roch nach Schnee. Unter Entreris Sohlen raschelte fauliges Herbstlaub.
Auch wenn Jarlaxle es nicht lassen konnte, Entreri permanent mit der Liebschaft aufzuziehen, die er ihm unterstellte, und sich einfach nicht verkneifen konnte, den Meuchelmörder jedes Mal, sobald dieser sich anschickte, den Drow alleine zu lassen, nach der unbekannten Dame auszufragen, so lag er häufig doch falsch mit seinen Annahmen. Mindestens ebenso viele von Artemis Entreris Alleingängen führten ihn hierher, hinaus vor die Stadt, fort von den Menschenmassen und dem seltsam bedrängenden Gefühl, ein Teil von etwas geworden zu sein. Das ständige Zusammensein mit Anderen war etwas, das Entreri, ein Einzelgänger von Kindheit an, nicht kannte, und er war noch immer nicht sicher, ob er es lernen wollte.
Die neuen "Kameraden", die sein Status als Soldat von Damara ihm aufzwang, waren zwar großteils überraschend erträglich, aber dennoch fühlte Entreri sich ein wenig so, als habe man ihn mit einem Ruderboot auf einem Ozean ausgesetzt, und immer häufiger wurde ihm alles zuviel. So nutzte er die wenige dienstfreie Zeit meistens, um jeder Gesellschaft zu entfliehen - vor allem der eines gewissen Dunkelelfen und seinem niemals stillstehenden Mundwerk. Sein häufiges einsames Umherwandern, entweder in der Stadt oder vor den Toren, half ihm wieder ein wenig zu seiner inneren Balance zurückzufinden - oder zu dem, was Idalias Flöte davon übrig gelassen hatte.
Natürlich lag der Drow mit seinen Mutmaßungen nicht völlig falsch. Viele der Spaziergänge, die Entreri eigentlich vollkommen ohne Absicht unternahm, führten ihn früher oder später an einem ganz bestimmten, von einem schmalen Schindeldach vor dem Wetter geschützten Eingang vorbei. Manchmal starrte er die Tür an, fluchte leise und drehte sich um, um fortzugehen. Manchmal läutete er. Manchmal war Calihye gar nicht zu Hause, manchmal ließ sie ihn ein.
Er war selbst nicht schlüssig, wie er die Beziehung zwischen sich und der Halbelfe nennen sollte. Entreri hatte in seinem bisherigen Leben zwei Arten von Frauen gehabt: echte und inoffizielle Huren. Unter den ersten Begriff faßte er die Prostituierten Calimhafens, aber auch die Haremsweiber der Paschas und Gildenführer, zu denen er Zugang gehabt hatte. Beide verdienten sich ihr Geld mit ihrem Körper, und auch wenn Entreri zugab, daß es eine Doppelmoral darstellte, die Dienste dieser Huren in Anspruch zu nehmen und sie gleichzeitig zu verachten, so war es doch genau, was er fühlte. Der zweite Typus waren die etwas zu grell geschminkten, etwas zu aufgeputzten Weiber in den Schenken, gelangweilte Ehefrauen oder abenteuerlustige Bürgerstöchter, die sich mit billigem Fusel den Mut antranken, sich dem eisigen Calishiten zu nähern, dessen stahlgraue Augen sie in ihrer schweigenden Verachtung geradezu herauszufordern schienen.
Oberflächlich betrachtet fiel Calihye wohl unter letzteren Begriff, wenn man die unverblüme Art bedachte, in der sie den ehemaligen Meuchelmörder verführt hatte, aber der Mann weigerte sich vehement, das so zu sehen. Etwas an ihr paßte nicht ins Bild, und es war dieses Etwas, das dazu führte, daß Entreri immer wieder vor dem Haus mit dem Schindelvordach landete.
Das mißtrauische Zögern in ihren blauen Augen, die nie wirklich verraten wollten, was die Frau dachte. Die leise Verwunderung, wann immer der Mann wieder an ihre Tür pochte, und die wortlose Selbstverständlichkeit, mit der sie beide im Bett landeten, als wüßten sie beide nicht, was sonst miteinander beginnen.
Das verzweifelte Hinauszögern des einen Moments, der sie beide bei ihren Liebensspielen gleichermaßen zu ängstigen schien, wenn es hieß, die Kontrolle endgültig aufzugeben und sich dem eigenen Körper zu überlassen, nichts mehr tun und denken zu können.
Hilflos zu sein. Schutzlos. Ausgeliefert einem anderen.
Es war etwas, das Artemis Entreri, so viele Frauen er gehabt haben mochte in den vier Jahrzehnten seines Lebens, bisher nicht gekannt hatte, und es erschütterte und erschreckte ihn in einer Tiefe, von der er nicht einmal gewußt hatte, daß seine Seele sie besaß.
Heute war einer dieser Tage, an denen Entreri zwar durch einmaliges Ziehen an dem zerfaserten alten Strick, der an der Hauswand herabhing, im Inneren des Gebäudes eine Glocke zum Schellen gebracht hatte, aber niemand hatte geöffnet. Eine Nachbarin, eines dieser alten Weiber, die nur noch für Klatsch und Tratsch zu leben schienen, hatte ihn unter ihrem Kopftuch hervor zahnlos angegrinst. Die junge Dame sei ausgegangen. Er hatte ihr durch ein Kopfnicken gedankt und sich davongemacht, war ziellos durch die Gassen geschlendert bis zum nördlichen Stadttor und hinaus auf die freie Fläche vor der Stadt, weg von der selbst im Winter belebten Uferstraße in eine der stilleren Ecken, wo kahle Bäume und braunes Gestrüpp am Rande eines dahindümpelnden Baches vor sich hin schwiegen. Er saß auf einem aus dem Schlick starrenden Felsen und musterte schweigend die Szenerie, die vor ihm lag. Von der Straße kamen entfernt die Rufe von Fuhrleuten und das Knarren der schweren Ochsenkarren. Saatkrähen kreisten über den abgeernteten Feldern, ihr heiseres Krächzen eine deutliche Warnung vor dem drohenden Winter. Was die Herbstregen an Blattwerk und Grasland noch nicht zu fauligem Braun verfärbt hatten, das hüllten die Abendnebel in einen grauen Schleier.
Die Trostlosigkeit des Bildes ließ ihn an jenes andere Land denken, das er dank Jarlaxles Unternehmungslust kürzlich kennengelernt hatte, an Vaasa, Damaras nördlichen Nachbarn. Dort mochte der Winter schon in ganzer Härte hereingebrochen sein, und die Halborks von Palishchuk, Arrayan und ihr Verlobter Olgerkhan unter ihnen, würden sich gegen Schneestürme und Orkangriffe verbarrikadieren. Entreri hatte eine seltsame Verbundenheit mit diesem Land gespürt, in seiner ganzen Öde und Gefährlichkeit. Vielleicht hatte Jarlaxle recht, daß er sich davon an sich selbst erinnert fühlte. Vielleicht erinnerte es ihn auch an seine Heimat, allen klimatischen und kulturellen Unterschieden zum Trotz. Denn das lärmende, gärende, beinahe an sich selbst erstickende Leben, das in den Städten Calimshans herrschte und in dem Entreri sich sein Überleben gesichert hatte, war nur eine Seite seines Heimatlandes. Die andere war die Calim, eine Sandwüste ebenso unfruchtbar und lebensfeindlich wie die Tundra von Vaasa.
Aber, auch das hatte er deutlich gespürt: wirklich tot war diese Tundra nicht, ebensowenig wie es die Calim war. Aus den zahllosen Klüften der umliegenden Berge quollen jedes Jahr Horden von Goblins, Orks und Ogern ins Ödland, Eisriesen und sogar Drachen nannten Vaasa ihr Zuhause, und unter der Oberfläche, verborgen in verschütteten Höhlen, den Ruinen zerfallener Festungen und magischer Türme, warteten vermutlich Hunderte weiterer Kreaturen schwarzer Magie aus der Zeit Zenghyis darauf, daß eine ahnungslose Seele sie entdeckte und freisetzte. Entreri wußte nicht wirklich, was genau Jarlaxle bezweckte bei seinem Plan, dieses Land unter seine Kontrolle zu bringen, und er wußte nur zu gut, daß er auf Fragen keine Antwort erhalten würde. Aber er hatte sich vorgenommen, jede Handlung seines dunkelelfischen Partners genau zu beobachten, um notfalls einzuschreiten.
Jarlaxle war vermutlich so etwas wie ein chaotisches Genie, dachte der Mensch. Mit Sicherheit hatte er Jahrhunderte kommen und gehen sehen, und der Schatz von Erfahrungen, den er in dieser Zeit gesammelt hatte - und sein noch viel größerer Schatz an magischen Spielzeugen -, ließen es manchmal so aussehen, als könne nichts den listigen Dunkelelfen noch überraschen. Jarlaxle war unantastbar. Allen immer einen Schritt voraus. Immer im Besitz eines weiteren obskuren Zauberdings, das er aus dem Ärmel oder dem Hut zog. Jarlaxle hatte die Antwort auf alle Fragen. Die ständige Überlegenheit seines Partners ließ den Menschen sich unbedeutend fühlen und machte ihn nicht selten so wütend, daß er ernsthaft darüber nachdachte, dem Drow seinen Dolch zwischen die Rippen zu stoßen und das frustrierende Gefühl endlich loszuwerden, nichts als ein Klotz am Bein des Dunkelelfen zu sein, ein weiteres Spielzeug, das Jarlaxle zu seinem eigenen Amüsement eine Weile mit sich herum schleppte.
Aber Entreri wußte auch, wo die Schwäche des Drow lag. Er hatte es erlebt, hatte ihn ausmanövriert gesehen und nahezu hilflos den Einflüsterungen Crenshinibons ausgeliefert. Es waren diese Erinnerungen, an denen er sich festhielt. Die Stärken des ehemaligen Meuchelmörders waren seine Fähigkeit zur Konzentration, seine Disziplin, sein Wille. Natürlich besaß auch Jarlaxle diese Eigenschaften, sogar in gewaltigem Maß, aber dennoch, das wußte Entreri, nicht im selben Maße wie der Mensch.
Entreri wäre, falls er es für notwendig erachtete, bereit gewesen, alles aufzugeben. Alles, inklusive das eigene Leben. Er war es, weil er sich nie erlaubt hatte, etwas genügend zu schätzen, um nicht notfalls darauf verzichten zu können, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Denn bedeutete Angst nicht letztlich stets eine Angst vor Verlust? Vor Schmerz? Wenn es nichts gab, das ihm Schmerzen bereiten konnte, so bedeutete es notwendigerweise auch das Ende der Angst vor diesem Schmerz.
Aber galt das noch? Entreri dachte an den Moment, ehe sie in die Höhle des Drachenleichnams hinab gestiegen waren. Jarlaxle hatte ihn, sanft aber bestimmt, dazu gezwungen. Und der Mensch hatte Angst gehabt. Wirkliche, erbärmliche und schauderhafte Angst um sein Leben.
Seit wann war das Leben etwas, an dem Entreri dermaßen hing?
Er seufzte und rieb sich das Gesicht mit beiden Händen. Wieder einmal hatte er schlecht geschlafen. Er begriff nicht, woher seine derzeitige Rastlosigkeit rührte. Viel Schlaf hatte er nie benötigt, aber zur Zeit wälzte er sich oft Stunden nur unruhig auf seinem Lager hin und her. Es half ein wenig, wenn er versuchte, sich körperlich zu erschöpfen, sei es durch zusätzliche Übungskämpfe mit den Soldaten in der Kaserne oder durch die weit angenehmeren Übungen mit Calihye, aber letztere hatte er ja nicht angetroffen, und die ersteren stellten einen Schwertkämpfer wie Entreri kaum vor große Anforderungen.
So war ihm nichts geblieben als ein langer Spaziergang, um seiner Ruhelosigkeit davonzulaufen, aber als er den einzelnen Felsen erreichte, der sich am Rande des Bachlaufs förmlich zum Sitz anbot, dämmerte ihm, daß die Lösung vermutlich auf anderem Weg zu suchen war.
Und allen Bedenken zum Trotz, und obwohl er Jarlaxle heimlich verdächtigte, ihm die Flöte nur deshalb untergejubelt zu haben, damit sie eben jene bedingungslose Disziplin und eiserne Willenskraft schwächen sollte, in denen der Mensch den Drow zu übertrumpfen in der Lage war, holte Entreri Idalias Flöte unter seinem grauen Wintermantel hervor, setzte sie an die Lippen und begann zu spielen.
Es war eine andere Melodie als die, die er in Vaasa gespielt hatte. Einfach und schmucklos auch sie, aber dunkler, weicher, auch trauriger. Wie auch schon beim ersten Lied war Entreri nicht sicher, ob er selbst die Tonfolge gefunden hatte oder ob die Flöte ihn die Melodie aufgrund irgendwelcher Zauberkräfte gelehrt hatte - vermutlich war beides irgendwie richtig. Wenn Jarlaxle recht hatte - und wann hatte der Drow das nicht? -, dann bestand die Magie des Instruments einzig darin, einen Weg zum Herzen dessen zu finden, der es spielte.
Das Lied endete auf einer langen, dunklen Note, die eigenartig fragend und sehnsuchtsvoll in der dunstigen Abendluft stand, ehe sie verklang. Wie immer hatte die Flöte Entreri so in ihren Bann geschlagen, daß er sich von den Klängen wie fortgetragen fühlte, losgelöst aus dem Hier und Jetzt. Es bedurfte des lauten Knacken eines dürren Zweigs unter der Sohle eines Frauenschuhs, damit dem Meuchelmörder klar wurde, daß er nicht allein war.
Er fuhr erschrocken herum, eine Hand schon am Dolch, und da stand sie, in Reisekleidung, das schwarze Haar streng zurückgebunden und einen Ausdruck abgrundtiefer Überraschung auf dem vernarbten Gesicht. Der Mann begriff sofort, daß sie unbeabsichtigt auf ihn gestoßen war. Vielleicht war sie auf der Straße gewesen und durch die leisen Flötenklänge angelockt worden, und nun stand sie vor Verblüffung wie angewurzelt im Gestrüpp. Mit Sicherheit war ihr derzeitiger Liebhaber der Letzte gewesen, den Calihye zu finden erwartet hatte.
Was Entreri nicht verstand, war Calihyes Gesicht. Die Frau weinte.
Wie viele Männer konnte der Meuchelmörder es nicht ausstehen, wenn Frauen bei jedem Anlaß anfingen zu heulen. Er fühlte sich unwillkürlich an die Worte des inzwischen toten Zwergenpriesters Pratcus erinnert, der, als Calihyes Freundin Parissus im Sterben lag, schon vorab um Verständnis dafür gebeten hatte, daß "diese Halbelfen halt einmal nahe am Wasser gebaut" hätten.
Aber noch bevor er mehr tun konnte, als ärgerlich die Brauen zusammen zu schieben, und bevor er sich zu der bissigen Frage durchringen konnte, ob er denn tatsächlich so schauderhaft gespielt hätte, überraschte die Frau ihn erneut, indem sie hastig auf ihn zustürzte, sein Gesicht mit beiden Händen umfing und anfing, es mit wilden Küssen zu bedecken.
Entreris Ärger wich grenzenloser Verblüffung. Er verstand gar nichts mehr, außer daß Calihye schließlich und endlich mit ihren Lippen seine fand und sich förmlich an ihnen festsaugte, während sie sich heftig an ihn klammerte und ihre Hände in wilder Suche über seinen Körper gleiten ließ. Gerade als er beschloß, daß alle Fragen nach dem Grund dieses plötzlichen Gefühlsausbruchs Zeit hatten für später, und er schon begann, mit den Augen nach einem halbwegs trockenen und geschützten Fleck zu suchen, auf dem er seinen Mantel ausbreiten konnte, ließ sie ihn ebenso abrupt los, wie sie sich auf ihn gestürzt hatte, wich einen Schritt von ihm fort und schaute ihn noch einmal mit so ungläubiger Miene an, als sehe sie ihn zum ersten Mal. Sie lächelte ein ziemlich schiefes Lächeln, schniefte dabei und wischte sich mit dem Handrücken die Nässe von den Wangen, ehe sie sich wortlos umdrehte und davon eilte.
"Was in allen Neun...", setzte der verdutzte Meuchelmörder an, aber er vollendete den Satz nicht. Stattdessen starrte er noch einen Moment in Richtung des Stadttors, wohin Calihye gelaufen war, bückte sich dann und hob Idalias Flöte vom feuchten Boden auf, die er bei Calihyes vorheriger Attacke unwillkürlich hatte fallen lassen. Er säuberte das graue Holz der Flöte mit den Fingern von Erde und fauligem Laub und musterte es dann mißmutig.
So wenig er das seltsame Instrument hätte missen mögen: Der Umgang mit ihm war frustrierender als alles, was Artemis Entreri sich hätte vorstellen können.
