"Das war ein Befehl, Soldat!"
Mirlyan Sorrokev Parnell hatte es selten nötig, die Stimme zu erheben. Sie stand üblicherweise mit der ihr anvertrauten Truppe ehemaliger Abenteurer in jenem Verhältnis, das bei Männern und Frauen dieses Schlags am besten zu funktionieren schien: dem eines ranghöheren Kumpels, dessen Anordnungen die nominellen Untergebenen höflich in ihre Planungen miteinbezogen, ehe sie am Ende doch taten, was sie wollten. Aber hin und wieder, so fand sie, war es notwendig, ihre leicht verschrobenen Soldaten daran zu erinnern, daß sie immer noch mit einem Offizier sprachen.
Nicht, daß es viel gefruchtet hätte.
"Selbstverständlich, Oberste", nickte der penetrant höfliche Dunkelelf vor ihr und zeigte beim Lächeln so strahlend weiße Zähne, daß es Mirlyan fast blendete. "Und Ihr wißt, daß für mich ohnehin jeder Eurer Wünsche ein Befehl wäre."
Mirlyan unterdrückte mit Mühe den Impuls, die Augen zur Zimmerdecke zu verdrehen, und fixierte die zierliche schwarzhäutige Gestalt stattdessen mit finsterer Miene.
"Warum weigert Ihr Euch dann, ihn auszuführen?"
"Aber das tue ich nicht", sagte der Drow in kindlicher Entrüstung. "Ich erlaube mir lediglich, darauf hinzuweisen, daß die Ausführung Eures Befehls für unsere Truppe mehr Nach- als Vorteile bringen würde."
"Da is' was dran", murmelte Karol Dor.
"Ich weiß nicht", spottete Entreri aus dem Hintergrund. "Es wäre auf jeden Fall eine Erleichterung für unsere Augen." Er fing sich dafür einen gespielt ärgerlichen Blick und ein Grinsen seines dunkelelfischen Freundes ein, aber aus der ganzen Körperhaltung des Calishiten ließ sich ablesen, daß er im Grunde die Widerspenstigkeit seines Kollegen unterstützte.
Mirlyan seufzte und bereute im Nachhinein, nicht von Anfang an strenger mit der Truppe gewesen zu sein. Aber dem Rat älterer Kollegen folgend, die schon länger mit solchen Abenteurergruppen zu tun hatten, hatte sie ihren Leuten, deren Führung sie erst kürzlich übernommen hatte, erlaubt, jene kleinen Spleens und Ticks zu behalten, die ihnen von früheren Kommandeuren offenbar zugestanden worden waren. Da war Jettas Pfeife, die die Frau selbst auf Patrouillen mitzuführen - und nicht selten sogar zu rauchen - pflegte, da war das Vorrecht der Zwillinge Doubier, nur gemeinsam Wache zu schieben, weil, wie sie behaupteten, kein anderer die Regeln jenes seltsamen Kartenspiels beherrsche, mit dem sie sich die Zeit vertrieben. Da war das bronzene Abzeichen Tyrs, das Mulhony sich mithilfe von Schnüren auf dem Stirnkranz des damarischen Lederhelms zu befestigen pflegte, und das seltsame Gehänge aus Wolfszähnen, das Raunir sich auf der linken Schulter seines Armeemantels hatte festnähen lassen. Da waren Dutzende höchst unsoldatischer Haar- und Barttrachten und beinahe an jeder Uniform irgendein persönliches Merkmal, das auf eine individuelle Eigenart des Trägers hindeutete. Und wenn Mirlyan ehrlich war, so hätte es ihr nicht gleichgültiger sein können, wie ihre Leute gekleidet waren, solange sie ihren Dienst erfüllten. Diesmal aber hatte sie einschreiten wollen.
Sie warf einen grimmigen Blick auf das anstößige Kleidungsstück in den dunklen Fingern des Mannes vor ihr.
"Jarlaxle. Ich habe Euch doch erklärt, daß zu dieser Mission auch ein gewisses Maß an Heimlichkeit gehört. Und nehmt es mir nicht übel, aber Eure übliche Kopfbedeckung erscheint mir dafür reichlich unpassend."
"Aber ich brauche diesen Hut", beteuerte der Dunkelelf treuherzig und tätschelte zärtlich die weitausladende Krempe. "Er ist sozusagen Teil meiner Persönlichkeit."
"Autsch", sagte Jetta und grinste über ihre schon wieder qualmende Pfeife hinweg. "Da dran würde ich an deiner Stelle aber was ändern."
"Der Hut ist zu auffällig", beharrte Mirlyan. "Ich habe mich ja überreden lassen, Euch zu erlauben, ihn im normalen Dienst zu tragen. Aber dies ist kein normaler Dienst. Wir haben von einem unserer Spitzel einen Hinweis auf ein Treffen der Schmalen Börse erhalten, und ich will nicht, daß die Kerle gewarnt werden, weil Ihr glaubt, Eure Persönlichkeit derart augenfällig auf dem Kopf tragen zu müssen."
"Mit Verlaub, Oberste", mischte Dor sich wieder auf seine ruhige Art ein. "Aber wenn es darum geht, müßten wir Jarlaxle ganz zu Hause lassen. Ich meine, ein Dunkelelf wird Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ganz egal, was er auf dem Kopf hat."
"Und das geht unmöglich", kam ihm Raunir zu Hilfe. "Jarlaxle ist nach Entreri der beste Fechter bei uns."
Jarlaxle entging nicht, wie von Entreri bei diesen Worten ein ungläubiger Blick zu dem jungen Sevellin hinüber glitt. Für den Meuchelmörder war es vermutlich unvorstellbar, daß jemand die Überlegenheit eines anderen so vollkommen neidlos und selbstverständlich anerkennen konnte, wie Raunir es gerade getan hatte.
"Es steht zu erwarten, daß es zum Kampf kommt", hielt Mirlyan dagegen. "Dann will ich meine Leute ordentlich gerüstet wissen, und nicht mit einem solchen Filzdeckel auf dem Kopf."
Jarlaxle lachte heiter. "Ich ziehe diesen Deckel jedem Eurer Helme vor", versicherte er der Frau, und Entreri meldete sich erneut in etwas ungeduldigem Tonfall.
"Der Hut ist magisch", bestätigte er, was sich vermutlich ohnehin schon jeder gedacht hatte. "Er schützt den Drow sicher besser als irgendetwas, das diese Armee ihm zur Verfügung stellen könnte. Und was Karol Dor gesagt hat, ist richtig. Wir waren so oft auf Patrouille in der Stadt, daß die Leute sich längst an Jarlaxle gewöhnt haben."
"Stimmt", grinste Sevellin prompt. "Sogar die Gassengören laufen ihm nicht mehr hinterher."
"Und die Leute kennen auch seinen Hut", fuhr Entreri fort, "nachdem Ihr ihm ja erlaubt habt, ihn bisher zu tragen." Sein Tonfall ließ deutlich erkennen, daß er mit dieser Entscheidung seiner Vorgesetzten wie üblich nicht einverstanden war. "Falls überhaupt, so würden wir bestenfalls Verdacht dadurch erregen, wenn er plötzlich stattdessen mit einem schweren Kampfhelm herumlaufen würde. Und Verdacht erregen wollen wir ja nicht."
Mirlyan seufzte und gab sich geschlagen. "Also schön. Ihr könnt Euren Hut aufbehalten. Immerhin ist es finster und wir werden hoffentlich nicht zu vielen Leuten begegnen. Jetzt geht und macht Euch fertig, Antretren in zehn Minuten."
Jarlaxle mußte beinahe grinsen, als er wenig später, angetan mit der grau-roten Uniform Damaras, aber immer noch seinen breitkrempigen Hut auf dem kahlen Schädel, unter einem der stolz im Winde flatternden Drachenbanner im zugigen und nur von etlichen Fackeln erleuchteten dunklen Kasernenhof stand, zwischen Entreri und Jetta Gordanev. Im Geiste verglich er diese neue Truppe, der er nun angehörte, mit den Elitetruppen des Hauses Baenre, der ersten Familie von Menzoberranzan, in denen die Krieger der Einheiten streng nach Körpergröße und sonstigen äußerlichen Merkmalen ausgewählt und stundenlang im Gleichschritt und im Ausführen synchroner Manöver gedrillt wurden, um einen möglichst großen Eindruck von Konformität und Geschlossenheit zu erzielen. Daneben wirkten die gut drei Dutzend Männer und Frauen auf dem Hof wie eine willkürliche Ansammlung von Straßenganoven.
Aber Jarlaxle war weit davon entfernt, den Wert einer solchen verschworenen Truppe zu unterschätzen - immerhin hatte er in Menzoberranzan eine ähnliche Truppe von Ganoven (und zwar in gewissem Sinne buchstäblichen, nämlich von Ausgestoßenen und Hauslosen) unter dem Namen Bregan d'aerthe zu Glanz und Glorie geführt.
Mirlyan schritt aus dem Hauptgebäude herüber, eine schlanke, hochgewachsene Gestalt, der der Wind malerisch an Mantel und Haar zerrte, während die Fackeln sie in einen rotgoldenen Lichtschimmer hüllten. Das Grinsen des Dunkelelfen wurde noch ein wenig breiter, als er den Anblick der bildschönen Frau genoß, vor allem, weil von seiner rechten Seite gleichzeitig ein Paar stahlgrauer Augen einen entnervten Blick in seine Richtung schoß. Sein Partner, dachte der Drow erheitert, war in seinem Denken manchmal von geradezu naiver Simplizität: ein Feind war für ihn ein Feind, basta. Und Jarlaxles Gegenargument, daß es sich doch aber um einen überaus attraktiven Feind handelte, prallte bei dem starrsinnigen Menschen auf taube Ohren.
Es war für die beiden neuen Soldaten der damarischen Armee nicht schwer gewesen, zwei und zwei zusammenzuzählen: Mirlyan Sorrokev Parnell war die uneheliche Tochter eines gewissen Riordan Parnell und eine entfernte Kusine von Celedon Kierney - der eine der Begründer und der andere der derzeitige Leiter des damarischen Geheimdiensts, der den schönen malerischen Namen "Spähsang" trug. Warum gerade sie, fast zeitgleich mit dem Eintritt der beiden Neuzugänge, das Kommando über die Truppe übernommen hatte, lag auf der Hand: Sie hatte Jarlaxle und Entreri zu überwachen.
Nur sah Jarlaxle nicht ein, inwiefern das ein Grund sein sollte, ihre offenkundige Schönheit nicht zu würdigen.
Im Moment wirkte sie angespannt, fast ein wenig nervös, aber es war doch in erster Linie erwartungsvolle Spannung. Sie baute sich vor ihrer Truppe auf, die sie zwei Stunden nach Mitternacht hatte zu einem Sondereinsatz zusammentrommeln lassen.
"Dies ist keine normale Patrouille, Leute", sagte sie, nicht übermäßig laut, aber sehr deutlich, und Jarlaxle konnte sehen, wie es in ihren dunklen Augen funkelte dabei. "Wir haben einen Tip bekommen. Es scheint, daß die Schmale Börse eine größere Zusammenkunft abhält, auch wenn wir nicht wissen, worum es geht. Es könnten Schmuggler oder Waffenschieber sein, aber ebensogut ist es eine bewaffnete Bande von Raufbolden auf dem Weg, Ärger zu machen, oder sogar eine Falle, die man uns gelegt hat." Sie sah die leicht krumme Linie ihrer aufgestellten Recken entlang. "Wir tappen ziemlich blind in diese Sache hinein, also zeigt, was Ihr wert seid. Ich erwarte exakte Befehlsausführung, keine Dummheiten und keine Extratouren. Wenn wir Erfolg haben, könnten wir vermutlich einige Leute der Schmalen Börse auf einen Streich erwischen, das würde der Unterwelt dieser Stadt einen empfindlichen Schlag versetzen. Und vergeßt nicht: Wenn möglich, brauchen wir möglichst viele von ihnen lebend." Diesmal glitt ein warnender Blick in Entreris Richtung. "Es geht nicht darum, die kleinen Fische auszumerzen, sondern an die Hintermänner heranzukommen. Noch Fragen? - Gut, alle weiteren Befehle vor Ort."
Der Weg durch die Stadt gestaltete sich als relativ ereignislos, obwohl trotz der späten - oder eher frühen - Stunde noch erstaunlich viele Passanten im Licht von Laternen auf den Straßen unterwegs waren. Es lagen naturgemäß viele Truppen in der Hauptstadt; die Leute waren an den Anblick marschierender Soldaten gewöhnt, selbst zu solcher Uhrzeit und sogar, wie Jarlaxles Kameraden spöttisch immer wieder vermerkten, an den eines dunkelelfischen. Mirlyan hatte den Trupp dennoch aufgeteilt, um kein Aufsehen wegen ihrer Kopfzahl zu erregen; Karol Dor führte die eine Gruppe durch eine Seitengasse, während Mirlyan und der Rest auf der Hauptstraße blieben. Sie hatte ihre beiden "speziellen" Schützlinge natürlich in ihrer Nähe behalten und beobachtete mit einer Mischung aus Erheiterung und Ungeduld, wie der eine der beiden sich in unregelmäßigen Abständen beim Anblick bestimmter junger Damen, die gerade nach der Sperrstunde eine Wirtsstube verließen, unter schwungvollen Verbeugungen im Gehen den Hut vom Kopf riß, den Gassenjungen eine lange Nase drehte und dazwischen laufend mit breitem Strahlen in Richtung offenbar zahlloser Bekannter grüßte. Es war nicht unbedingt in ihrem Sinn, daß der lebenslustige Drow die Patrouillengänge mehr als Ausflüge denn als Dienstpflicht und die Kämpfe, in die sie hin und wieder gerieten, als eine Art spielerische Körperertüchtigung anzusehen schien. Aber es war sein ganz übliches Verhalten, und wie Entreri zuvor angemerkt hatte, wollten sie ja nicht auffallen.
Sie warf einen forschenden Blick auf den zweiten Teil des seltsamen Pärchens. Der Calishit hielt sich wie üblich an der Spitze des Trupps und ließ seine dunklen Augen unablässig von einer Seite der Straße zur anderen gleiten. Mirlyan hatte den Verdacht, daß sie, sollte sie den Mann jetzt anhalten und ihn fragen, ohne das geringste Zögern eine exakte Beschreibung jeder einzelnen Person würde erhalten können, an denen sie in den letzten Minuten vorbeigekommen waren, vermutlich inklusive Kleidung, Augenfarbe und einer ungefähren Einschätzung ihrer Gefährlichkeit. Bei den bisherigen Unternehmungen hatte sie Entreri gern als Späher eingesetzt und würde es wohl auch heute tun; es gab keinen Besseren für diese Aufgabe. Irgendwie schaffte der Mann es, trotz Uniform und seiner hier im Norden untypischen Erscheinung, vollkommen mit der Menge zu verschmelzen, und seine Lautlosigkeit und Fähigkeiten beim Schleichen durch die Schatten waren so überwältigend, daß Mirlyan übernatürliche Einflüsse vermutete.
Wenn sie ehrlich war, so waren beide Männer ihr unheimlich. Die permanenten Flirtversuche des Dunkelelfen waren ihr zu Beginn bestenfalls peinlich gewesen, dann ein demütig zu ertragendes Ärgernis, das ihr die Götter aufgebürdet hatten; inzwischen aber ahnte sie längst, daß System dahinter steckte. Es würde dem Drow vermutlich sehr gut in den Kram passen, würde sie ihn unbewußt als jemanden einstufen, der zwar anderen den letzten Nerv kosten konnte, ansonsten aber harmlos war.
Harmlos war dieser Drow mit der verwegenen Augenklappe, dem unbeschreiblichen Hut und seinen ungezählten Marotten ganz gewiß nicht. Er kam Mirlyan vor wie einer, der gewohnt war, so viele Masken übereinander zu tragen, daß er längst vergessen hatte, wie sein wahres Gesicht darunter aussah. Vielleicht machte ihn das noch gefährlicher als seinen menschlichen Partner. Jarlaxle gab seinem Gegenüber das Gefühl, man könne ihm bis zu einem gewissen Grad vertrauen - und er brauchte das wohl nicht zu spielen, weil er es vermutlich sogar selber glaubte. War es diese Fehleinschätzung gewesen, die Ellery das Leben gekostet hatte?
Mirlyan versuchte sich ständig selbst an den Tod dieser nur wenig älteren Frau zu erinnern. Es war notwendig, damit sie nicht vergaß, in was für Gesellschaft sie sich befand. Jeder einzelne dieser beiden Männer war ein unkalkulierbares Risiko, mit dem einen Unterschied, daß Entreri diese Tatsache quasi auf die Stirn geschrieben stand, während Jarlaxle sie geschickt zu verbergen wußte. Sie waren hochintelligent, durchtrieben, argwöhnisch in einem Maß, das an Paranoia grenzte, vermutlich völlig ohne Skrupel und zu allem Überfluß brandgefährlich im Nahkampf.
Sie erreichten die gewaltigen Stadtmauern von Heliogabalus. Zwei gelangweilte Posten an einem Tor salutierten hastig beim Anblick der Obersten; Mirlyan grüßte nachlässig zurück. Einer nach dem anderen verschwanden die Soldaten durch die Pforte in einem der Wallgänge. Es war ein beliebter Einstieg, denn die Gänge, die die breiten Mauern durchzogen und von Turm zu Turm führten, waren an mehreren Stellen über Treppen mit den Abwasserkanälen und den sonstigen Kellersystemen verbunden, die hier wie überall eine magische Anziehungskraft auf Schmuggler, Diebe und sonstiges lichtscheues Gesindel auszuüben schienen. Sogar mit Werratten war Heliogabalus seit einigen Jahren geplagt, eine Tatsache, die Entreri in grimmige Zufriedenheit versetzt hatte, als sie während einer Patrouille zum ersten Mal auf die widerlichen Mensch-Ratten-Hybriden getroffen waren. Der Calishit war in eine Art kaltblütigen Blutrausch verfallen, eine völlig leidenschaftslose, maschinenartige Mordlust, angesichts derer Mirlyan um ein Haar Mitleid verspürt hätte mit den quiekenden, verzweifelt fliehenden Werratten. Der Drow hatte nur leise gelacht über das schwer verborgene Entsetzen der Frau und ihr geraten, den Mann gewähren zu lassen. "Je mehr von ihnen Ihr ihn umbringen laßt, desto fügsamer ist er später", sagte er mit einem Glitzern in seinem einen Auge, und fügte nach kurzem Zögern hinzu. "Vielleicht."
Nun, heute war ein anderer Tag, und auch wenn sie jederzeit auf eine Auseinandersetzung gefaßt war, hoffte Mirlyan doch inständig, daß es noch nicht derjenige war, an dem sie die Klinge mit den beiden Männern kreuzen mußte. Heimlich nahm sie freilich an, daß das nur noch eine Frage der Zeit war.
Über eine schmale, schlüpfrige Treppe stiegen sie hinunter in die unterirdisch angelegten Verbindungsgänge, eine weitere führte sie nach etlichen Minuten noch eine Etage tiefer, und die Luft wurde schneidend kalt und gleichzeitig stickig. Karol Dor wartete mit seiner Gruppe bereits am vereinbarten Treffpunkt, einem Kreuzungspunkt zweier Tunnel, und seine Leute reihten sich lautlos wieder ein.
Mirlyan sah sich um. Ein paar trübe Fackeln beleuchteten die Gänge, die näher am Einstieg waren, weil hier noch regelmäßig Wachen patrouillierten, aber vor ihnen zogen sich die endlosen stockfinsteren Gänge, die das Revier der Schmalen Börse waren. Sie fing einen wortlos fragenden Blick Entreris auf und nickte. Der Calishit huschte lautlos davon ins Dunkel, und Mirlyan gab Sevellin Raunir flüsternd Befehl, einen parallelen Seitengang zu erkunden. Eigentlich hätte sie Jarlaxle als weiteren Späher losschicken müssen, denn der Drow hatte aufgrund seiner Herkunft aus dem völlig lichtlosen Unterreich naturgemäß die besten Augen im Finstern und ließ sich außerdem durch solche Kleinigkeiten wie klimpernden Goldschmuck und leuchtend farbenfrohe Hüte nicht davon abhalten, von einem Moment auf den anderen praktisch unauffindbar zu werden, und er hatte vermutlich noch feinere Sinne als sein menschlicher Kumpan. Aber ihre Klugheit riet Mirlyan, wenigstens einen der zwei stets im Auge zu behalten.
Langsam, quasi mit weit vorgeschobenen Fühlern, rückten die damarischen Soldaten durch die finsteren Tunnel vor, weit leiser und heimlicher, als man dies von regulären Truppen für möglich gehalten hätte. Das Gluckern von langsam fließendem Wasser und ein zunehmend widerlicher Geruch verrieten, daß sie sich Teilen der eigentlichen, noch in Betrieb befindlichen Kanalisation näherten - nicht unbedingt Mirlyans Lieblingsaufenthalt. Hin und wieder zeigte eine brennende Fackel an einer Kreuzung mehrerer Tunnel einen weiteren Kontrollpunkt der Stadtwachen an, aber dieser geringe Lichtschein, der nach allen Seiten noch ein wenig in die Tunnel vordrang, war alles, was die Soldaten an Orientierungsmöglichkeit besaßen.
Sevellin stieß von links wieder zu ihnen und meldete im Flüsterton, der Gang sei frei. Entreri hatte zwei-, dreimal Zeichen an den Wänden hinterlassen, die besagten, daß keine Gefahr drohe, tauchte aber ansonsten erst wieder auf, als er an einer Kreuzung auf die Truppe wartete. Er trat so urplötzlich neben Mirlyan aus den Schatten, als sei er aus dem Boden gewachsen, und die Oberste mußte sich zusammenreißen, um sich ihr Erschrecken nicht anmerken zu lassen. Sie winkte den Leuten, anzuhalten, als sie undeutlich im Zwielicht Entreris warnende Geste ausmachen konnte.
"Was?" wisperte sie. Der Calishit machte ein bedenkliches Gesicht.
"Schmale Börse", gab er ebenso leise zurück. "Auf einem kleinen erhöhten Platz zwei Abzweigungen weiter. Ungefähr ein Dutzend Leute, leichte Bewaffnung."
"Erwarten sie uns?"
"Sieht nicht so aus. Sie scheinen etwas zu bewachen, und ich habe sie weitläufig umrundet, die näheren Gänge sind leer."
"Aber?"
"Aber etwas gefällt mir nicht", wisperte der Mann ärgerlich. "Ein eigenartiger Geruch. Verfault."
"Wir sind in der Kanalisation, mein Freund", mischte Jarlaxle sich ein. Selbst seinem Flüstern war das Grinsen noch anzumerken. Mirlyan konnte es wegen der Dunkelheit nicht genau sehen, aber Entreri wendete zumindest den Kopf und fixierte den Drow vermutlich mit einem seiner berüchtigten durchdringenden Blicke. Das eine sichtbare rote Auge des Dunkelelfen glitzerte vor Vergnügen.
"Können wir sie einkreisen?" erkundigte Mirlyan sich. Entreri überlegte kurz, dann nickte er.
"Drei Gruppen."
"In Ordnung. Dor und Gordanev führen die eine, die Doubiers die andere. Teilt Euch auf. " Sie drehte sich wieder nach dem Calishiten um. "Wie lange braucht Ihr, um sie in Stellung zu bringen?"
"Gebt mir zehn Minuten."
"Ab mit Euch."
