Die Situation gefiel Entreri nicht, sie gefiel ihm ganz und gar nicht. Es war mehr als nur der seltsame Geruch, der ihn argwöhnisch werden ließ, und trotz seines spöttischen Kommentars schien Jarlaxle diese Bedenken zu teilen. Zumindest schloß Entreri das aus den versteckten Handzeichen, die die Frau, die seit neuestem Entreris Befehlshaber war, im Zwielicht vermutlich noch nicht einmal bemerkt hatte.
Zu einfach.
Entreri stimmte dieser Einschätzung von ganzem Herzen zu. Nicht nur, daß er von Jugend an mehr Zeit in unterirdischen Gängen verbracht hatte, als ihm lieb war, und deshalb die dort vorherrschenden Ausdünstungen durchaus einschätzen konnte - diese mittelmäßig bewaffneten Männer, Schmuggler, Diebe, Raufbolde oder was sie auch waren, saßen im Licht zweier trüber Laternen, die sie zwischen sich aufgestellt hatten, buchstäblich wie auf dem Präsentierteller, eine Beute, die geradezu darum bettelte, geschlagen zu werden.
Irgendetwas konnte daran nicht stimmen.
Er fluchte leise abwechselnd auf sich selbst und auf Jarlaxle, der ihn immer wieder zu solch dämlichen Aktionen überreden konnte, während er erst die eine, dann die andere Gruppe auf Schleichwegen in die beiden anderen Tunnel führte, von denen aus sie die Leute der Schmalen Börse in die Zange nehmen konnten. Sevellin Raunir, der bei der letzten Gruppe war, hielt sich an seiner Seite und grinste übermütig. "Ich bleib in deiner Nähe, wenn's recht ist", wisperte er. "Da dürfte mir am wenigsten passieren."
Nicht, solange du nicht versuchst, mir in den Rücken zu fallen, lag es dem Meuchelmörder schon auf der Zunge, aber angesichts der braunen Hundaugen, die in einer Art treuherziger Bewunderung an ihm hingen, schluckte er die Warnung hinunter.
"Sei vorsichtig", flüsterte er stattdessen widerwillig. "Mir gefällt es nicht, und dem Drow auch nicht." Raunir sah ihn an, nickte, und sein Grinsen wurde etwas grimmiger.
Entreri schüttelte den Kopf über sich selbst. Seit wann kümmerte er sich um andere? Unwillkürlich umklammerte seine rechte Hand den Griff seines magischen Schwerts ein wenig fester, und Charons Klaue beantwortete die unausgesprochene Aufforderung mit einem eigentümlichen Zucken und Zerren am Rande von Entreris Bewußtsein, einer klar verständlichen, altbekannten Mischung aus Blutdurst, Kampfesgier und, verborgen darunter, mühsam unterdrückter Wut darüber, daß ein bloßer Mensch wie der Meuchelmörder überhaupt fähig war, eine derart mächtige Waffe zu führen.
Mirlyan Sorrokev hatte die Zeit gut bemessen. Entreri hatte die zweite Gruppe noch nicht lange in Stellung gebracht, als aus dem Tunnel schräg gegenüber die klare, kräftige Stimme der Frau das Angriffssignal gab.
"Für Damara! Für König Gareth!" Die Worte waren noch nicht verklungen, als aus dem Dunkel in unglaublich rascher Folge zwei, drei, vier Wurfdolche in Richtung der Überfallenen schossen, noch ehe diese auch nur eine Bewegung der Abwehr hätten machen können. Fast zeitgleich zischten links und rechts von Entreris Kopf zwei Pfeile vorbei, von den Bögen der Brüder Doubier, und zwei weitere Männer sanken im Licht der Laternen verletzt zu Boden. Entreri und Sevellin sprinteten wie alle anderen los, ehe ihnen diejenigen in der Truppe, die mit Fernwaffen ausgerüstet waren, sämtliche Arbeit abnahmen. Die verdutzten Banditen nahmen eine Kreisformation ein und zückten ihre Waffen, um sich den Angreifern zu stellen. Binnen Sekundenbruchteilen explodierte die vorherige Stille der Tunnel in tosendem Kampfeslärm.
Und das war der Moment, als Entreris Befürchtungen sich urplötzlich bewahrheiteten.
Zunächst erkannte er im Vorwärtsstürmen nur, daß auf der kleinen Plattform, an deren Rand sich die überrumpelten Banditen inzwischen zu einer notdürftigen Verteidigungsposition versammelten, sich irgendetwas am Boden bewegte. Dann hörte er das durchdringende Knirschen verrosteter eiserner Angeln und fluchte leise: es war eine Falltür, die sich langsam von unten öffnete, und dem Geräusch nach war sie offenbar schwer und groß. Und damit nicht genug - auch die Deckel der gewaltigen Truhen, die die Männer der Schmalen Börse anscheinend bewacht hatten, schwangen urplötzlich nach außen auf. Entreri hörte Sevellin neben sich erschrocken die Luft einziehen, als ein halbes Dutzend verwesender, einen fauligen Gestank aussendender Gestalten aus ihren hölzernen Särgen kletterte.
"Zombies", warnte Mirlyans Stimme im selben Moment. "Nehmt Schwerter und Äxte, wenn Ihr habt. Trennt ihnen die Köpfe ab!"
Es war kein schlechter Rat, und Sevellin, der Entreri mit seinen langen Beinen zwei Schritte voraus war, setzte ihn auch sofort in die Tat um, als ein erster Zombie, noch kaum in der Lage, seine Glieder richtig zu gebrauchen, aus einer Kiste taumelte, die scheinbar absichtslos in ihrer Nähe gegen die Wand gelehnt worden war. Ein mächtiger horizontaler Hieb seines Breitschwerts ließ den halb verfaulten Kopf der Leiche vor Entreris Füße rollen, während der Körper der Kreatur in sich zusammensank.
"Ha, ich hatte meinen ersten eher als du!" rief der Blondschopf übermütig in Richtung des Meuchelmörders, ehe er sich den nächsten Gegnern stellte. Entreri ächzte unwillig, und von irgendwo aus dem Getümmel hörte er die spöttische Stimme Fallides kommentieren: "Jetzt wird Raunir sich einen Kalender anschaffen müssen, damit er den Tag jedes Jahr wieder feiern kann, an dem er einmal sein großes Vorbild geschlagen hat."
So sehr der Gedanke, daß jemand sich seine Person zum Vorbild nehmen könnte, ihn auch irritierte, so hatte Artemis Entreri jetzt doch keine Zeit dafür. Seine Aufmerksamkeit wurde von anderen Dingen in Anspruch genommen, etwa der Tatsache, daß die Banditen der Schmalen Börse offenbar von dem Auftauchen der Untoten ebenso überrascht waren wie die damarischen Soldaten. Wer auch immer die Halunken hier postiert hatte, hatte ihnen jedenfalls nicht gesagt, was sie da bewachen sollten. Die Männer waren, ohne es zu wissen, der Brocken Speck in der Falle gewesen, die jemand den Damarern gestellt hatte, und das Entsetzen angesichts der unheiligen Kreaturen, mit denen sie es plötzlich zu tun hatten, stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Obwohl die Zombies mit lächerlich langsamen Bewegungen an ihnen vorbei staksten, ohne sie auch nur zu beachten, wichen sämtliche der Halunken entsetzt von ihnen zurück, und etliche zückten die Waffen gegen die Untoten und griffen sie sogar an.
Diese schienen es jedoch nicht einmal zu bemerken, sondern stapften schnurstracks weiter in Richtung der damarischen Soldaten. Um genau zu sein, schnurstracks auf einen ganz bestimmten Soldaten zu. Und es war ganz bestimmt nicht der bunte, gefiederte Hut, der sie anlockte.
Einen Moment lang überlegte Entreri, ob es vielleicht etwas mit dem nekromantischen Stein in Jarlaxles Tasche zu tun hatte, ob der Stein nach den Toten rief oder ob es dem Drow vielleicht sogar gelungen war, mit der Hilfe dieses Artefakts die Kontrolle über die Untoten zu gewinnen. Als er freilich sah, wie der Drow zwei seiner magischen Dolche mit einem simplen Kommandowort zu schimmernden Säbeln verlängerte und sich dank seiner dunkelelfischen Kräfte ein Stück in die Luft hob, um zwei Fuß über dem Boden zu schweben und sich damit im Kampf einen kleinen Vorteil zu verschaffen, wußte er, daß dem leider nicht so war.
Urplötzlich kämpften die Damarer also gegen zwei Feinde, die lebenden Banditen der Schmalen Börse und ihre untoten Helfershelfer, aber dennoch hätte es wenig Zweifel am Ausgang des Gefechts geben können. Zu deutlich war die Überlegenheit der Soldaten, als daß die schwerfälligen Untoten ihnen echte Gegner abgegeben hätten. Es war das noch immer andauernde Knirschen und Quietschen der Falltür, das Entreri die Haare im Nacken zu Berge stehen ließ. Er entging dem plumpen Angriff eines Zombies durch einen gedankenschnellen, beinahe tänzelnden Schritt zur Seite, der ihm gleichzeitig ermöglichte, seinen Dolch zwischen die Schulterblätter eines Banditen zu versenken, ehe dieser einen (vermutlich vergifteten) Wurfpfeil in die Reihen der anstürmenden Soldaten senden konnte, riß die Waffe heraus und fuhr wieder herum, wo der Zombie inzwischen, von seinem eigenen Schwung mitgerissen, so schwerfällig vorwärts getaumelt war, daß Charons Klaue beinahe senkrecht von oben nach unten schwingen mußte, um den Nacken des Gegners zu treffen.
Zwei weitere Gegner - lebendige diesmal - versperrten ihm den Weg zu jener eisernen Falltür, die noch immer in Bewegung war. Es mußten große und schwere Flügel sein, die sich dort öffneten, angetrieben von einer mechanischen Winde, und das ließ darauf schließen, daß das, was aus dieser Pforte kommen würde, ebenfalls nicht von kleinem Kaliber war. Entreri knurrte ärgerlich, als die zwei bulligen Schläger der Schmalen Börse, bewaffnet mit Knüppeln und Holzschilden, ihn am Vorwärtskommen hinderten. Die beiden bereuten es vermutlich bitter, als ein Dolch dem einen in die Kehle fuhr, während eine rote Schwertklinge erst einen Knüppelhieb harmlos nach außen ablenkte und dann wie spielerisch eine Lücke in der Deckung des Angreifers benutzte, um ihm die Brust quer von rechts nach links aufzureißen. Der Meuchelmörder brauchte nicht mehr als zwei oder drei Bewegungen, um sich der beiden Gegner zu entledigen, aber das genügte, damit das gähnende quadratische Loch, das sich in der Plattform aufgetan hatte, seine ersten Insassen ins Freie entlassen konnte.
"Alle Götter", riefen mehrere erschrockene Stimmen - und nicht wenige davon gehörten den überrumpelten Halunken. Entreri starrte die geschuppten Kreaturen, die sich auf fledermausähnlichen Flügeln in die Luft schwangen und sofort anfingen, von dort aus mit ihren Speeren nach allem zu stechen, was in Reichweite war, einen Augenblick ebenso fassungslos an wie alle anderen, dann warf er unwillkürlich einen zornfunkelnden Blick über die Schulter.
Jarlaxle hatte den Blick entweder gespürt oder erwartet. Jedenfalls grinste er seinen Partner verlegen an und zuckte kurz die Achseln, ehe er hastig seinen Levitationszauber beendete und sich zurück auf den Erdboden sinken ließ, wo Mirlyans hochgewachsene Gestalt ihn vor dem Grimm des Meuchelmörders verbarg. Wenn auch kaum vor dem der geflügelten Angreifer: primitiven Kreaturen mit echsenähnlichen Schädeln und Körpern, die mit grünen bis bräunlichen Schuppen besetzt waren, einer seltsamen Form von Mischwesen, von denen Entreri bislang nur als "Drachenartige" hatte reden hören.
Natürlich Drachen. Was hatte Entreri denn bei Jarlaxle auch anderes erwartet? Lebende Drachen hatten sie bereits bekämpft, untote Drachen, warum nicht für zwischendurch einmal eine Horde Mensch-Drache-Hybriden!
Mit dem Bild eines juwelenbesetzten Dolches vor Augen, der den schwarzen Hals eines ganz bestimmten Dunkelelfen durchstieß, rollte Entreri sich unter der Speerspitze eines der Drachenmenschen weg. Das primitive Wesen fauchte und geiferte und schlug mit krallenbewehrten Klauen nach ihm, die er mit der Schwertklinge parierte. Er wollte zum Gegenschlag ausholen, aber der Drachenkrieger ahnte das wohl voraus und hob sich mit zwei raschen Schlägen seiner Fledermausschwingen aus der Reichweite des Menschen. Zwei seiner Gefährten kamen ihm zu Hilfe, und das Trio ließ sich abwechselnd im Sturzflug auf die erschrockenen Soldaten niederfallen, wobei sie mit ihren einfachen Waffen, ihren Klauen und sogar den schuppigen Echsenschwänzen zuschlugen.
Entreri kam nicht einmal dazu, sich eine Taktik gegen die geflügelten Gegner zu überlegen, weil im nächsten Moment etwas geschah, das alle Kämpfe im Nu zunichte machte.
Ein eigentümlicher bläulicher Schimmer verdichtete sich mitten im Raum, und die Magie, die darin lag, bewirkte ein Gefühl, als fahre jemand mit einem Eiszapfen Entreris Rückgrat entlang. Dahinter wurde eine Gestalt sichtbar, ein bärtiger Mann in den langen, wallenden Roben eines Magiers.
Plötzlich passierte vieles zur gleichen Zeit. Entreri duckte sich vor einer weiteren aus der Luft herabfahrenden Klaue und rammte seinen Dolch dabei einem Zombie in die Kniekehle. Jemand schrie und deutete auf den aus dem Nichts aufgetauchten Zauberer, und Mirlyan brüllte ein "Schießt!" in Richtung jener ihrer Soldaten, die Distanzwaffen besaßen. Der bärtige Magier selbst hob die Hand. Jarlaxle hechtete sich zur Seite und riß die Frau mit sich zu Boden, als aus den Fingerspitzen ein Feuerstrahl in ihre Richtung schoß.
Dann hob der Magier die andere Hand, und alle Bewegung erstarb.
Entreri hatte das Gefühl, zu ersticken. Er wußte instinktiv, daß für die Dauer von mehreren Sekunden sein Blut nicht floß und sein Herz nicht schlug, auch wenn sein Verstand ihm sagte, daß das nicht möglich war. Rundum schien alles wie erstarrt - und doch auch nicht -, Jarlaxle war nach seinem Hechtsprung dabei gewesen aufzuspringen und kauerte nun einige Schritt von Entreri entfernt, hingeduckt wie eine Katze, während Mirlyan noch mit der Hand nach ihrem Armeeschwert langte. Eine verschwommene Wahrnehmung, farbige Schatten vor seinen Augen, zeigte Entreri die Umrisse des Zauberers, wie er, in diesen Sekunden, die allen anderen Wesen in diesem Raum fehlten, gemächlich ein paar Schritte tat, einen Stab hob und einige Silben dazu murmelte, aber die Worte erreichten sein Ohr nur als verzerrte, groteske Laute.
Dann war der Zauber zu Ende, die Zeit floß weiter, und ein Knäuel magischer Energien explodierte unvermittelt im Raum und stürzte den Tunnel endgültig ins Chaos. Sevellin, der eben noch neben Entreri gestanden hatte, verschwand unvermittelt, um am Ende des Ganges neben Karol Dor wieder aufzutauchen, Echsenwesen und Banditen waren plötzlich fort, Soldaten der Armee, eben noch in Kämpfe verstrickt, wurden ebenso wie sie regellos quer durch den Raum und in die umliegenden Gänge teleportiert. Auch Entreri fühlte sich urplötzlich, als habe ihn ein gewaltiges Maul erfaßt, das ihn einsaugte und an anderem Ort wieder ausspuckte.
Mit dem kleinen Unterschied, daß dieser Ort eine kostbar eingerichtete Schreibstube war, erhellt von silbernen Leuchtern und dominiert von einem schweren, dunkel gebeizten Eichenholzschreibtisch, hinter dem eben jener Magier saß, dem sie das ausgebrochene Chaos zu verdanken hatten und den Entreri natürlich ebenso im ersten Moment erkannt hatte wie sein Partner, der vom selben Zauber an die Seite des Menschen getragen worden war und sich, während der Meuchelmörder noch dabei war, sich zu orientieren, bereits in einer tiefen Verbeugung den Hut vom Kopf riß.
"Erzmagier Knellict", strahlte der Drow. "Was für eine Freude, Euch wiederzusehen."
Entreri starrte den frustrierenden Dunkelelfen von der Seite an.
Alle Neun Höllen, wie er diesen Kerl verabscheute!
Natürlich bemerkte Jarlaxle den Groll seines Freundes, aber er hatte jetzt keine Zeit dafür. Das unangekündigte Auftauchen des gefürchteten Erzmagiers, der grauen Eminenz hinter dem Thron des "Großvaters" Timoshenko von der Zitadelle der Assassinen, kam für ihn ebenso aus heiterem Himmel wie für Entreri, und wie dieser auch rechnete er rasch.
Die Banditen der Schmalen Börse, die unwissentlich die eigentlichen Angreifer, nämlich Zombies und Drachenhybriden, bewacht hatten, waren ganz offensichtlich als Lockvögel aufgestellt worden. Aber von wem? Von Knellict? Hatte er keine einfacheren Methoden, mit seinen beiden Spionen Kontakt aufzunehmen? Oder hatte er es nur darauf angelegt, sie mit diesem komplizierten Manöver zu verwirren und zu beeindrucken? Wollte er sie daran erinnern, daß er sie jederzeit und überall finden konnte, selbst im dichtesten Kampfgewühl? - Jarlaxle mußte zugeben, daß er von den Fähigkeiten des Mannes durchaus beeindruckt war. Nur wenige Menschen erwarben je die Fähigkeit, den Fluß der Zeit zu unterbrechen, wie der Erzmagier es gerade so beiläufig getan hatte, und dem chaotischen Teleportationszauber nach zu schließen, der die Tunnel erfaßt hatte, war er in der Lage, den Raum mit ähnlicher Sicherheit zu manipulieren.
Jarlaxle sagte sich, daß sie diesen Gegner nicht unterschätzen sollten.
"Ein hübscher Ort", nickte er anerkennend, während er sich in dem kostbar möblierten "Zimmer" umsah, dessen Wände seltsam gestaltlos in den Schatten verschwanden. "Extraplanar?"
"Ein kleines Beratungszimmer", sagte Knellict sachlich. "Praktisch für kurze Besprechungen."
Der Drow nickte. "Ja, ich erinnere mich. Der Erzmagier von Menzoberranzan pflegte mich in ähnlichen Räumlichkeiten zu treffen."
"Ach, Ihr zählt also noch einen weiteren Erzmagier zu Euren Bekannten? Interessant." Knellict erhob sich und kam um den Schreibtisch herum. "Überhaupt scheint vieles an Euch interessant zu sein. Wir hatten bisher ja leider noch nicht die Gelegenheit, uns ausführlicher zu unterhalten. Zu meinem Bedauern wird das auch diesmal nicht der Fall sein können - der Chaos-Zauber hält lediglich ein paar Minuten. Danach werden Freund und Feind zwar über eine halbe Meile in den Tunneln verstreut sein, aber dennoch könnte es auffallen, falls Ihr zu lange fehlt."
"Ihr habt Euch viel Mühe gemacht, uns zu sehen", bemerkte Entreri aus dem Hintergrund. Der Zauberer warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.
"Weniger, als Ihr denkt. Ihr steht unter Beobachtung durch die Krone, falls Ihr es noch nicht bemerkt haben solltet. Hätte ich Euch Athrogate oder sonst einen Verbindungsmann vorbeigeschickt, hätte man zweifellos Verdacht geschöpft. Aber kaum einer wird annehmen, wir hätten uns inmitten eines Kampfes ausgetauscht. Darüberhinaus gibt es gerade zur Zeit gute Gründe, die hohen Herren von Damara daran zu erinnern, mit wem sie es zu tun haben."
"Und worüber wünscht Ihr Euch so dringend mit uns auszutauschen?" erkundigte sich Jarlaxle. Der Magier sah ihn herausfordernd an.
"Nun, zum Beispiel über den Stein, den Ihr vermutlich in einer Eurer Taschen tragt. Den Stein, der die Form eines Drachenschädels hat und den Geist eines untoten Drachens enthält."
Es kostete den Drow echte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Knellict schnaubte kurz.
"Wie gesagt, wir haben nicht viel Zeit. Also in Kürze: Der Drachenkult ist in Heliogabalus. Sie haben - auf welchem Weg auch immer - von der Existenz dieser Phylakterions erfahren und sich deswegen mit der Schmalen Börse in Verbindung gesetzt, die wiederum mich informierte. Auf mein Anraten hin hat die Schmale Börse dem Ersuchen des Kults zum Schein zugestimmt - ein potentieller Verbündeter ist immer noch besser als ein echter Feind. Und natürlich haben diese neuen Informationen es ratsam erscheinen lassen, unsere... Beziehung zu überdenken."
Jarlaxle lächelte. "Natürlich."
Knellict musterte ihn scharf. "Ich schätze es nicht, Drow, wenn man mit mir nicht mit offenen Karten spielt. Und auf Versuche, mich zu hintergehen, reagiere ich sogar ausgesprochen empfindlich."
Der Drow breitete die Arme aus und setzte eine unschuldige Miene auf. "Wer spricht von Hintergehen? Wie Ihr selbst sagtet, hatten wir bisher ja noch kaum Gelegenheit zu sprechen. Und Ihr könnt nicht ernsthaft annehmen, daß ich einen Gegenstand von solcher Macht leichtfertig und ohne Gegenleistung aus der Hand geben würde. Nur ein Narr würde das tun, und für Narren...", er verbeugte sich elegant, "hättet Ihr doch sicherlich keine Verwendung."
Die Augen des Erzmagiers wurden schmal. "Ich warne dich, Drow. Spiel nicht mit mir."
"Aber ganz im Gegenteil. Sind wir nicht desto wertvollere Verbündete für Euch, nun, da Ihr von unserem besonderen Schatz wißt?"
Knellict sah ihn noch einmal kurz an, dann wischte er die Frage mit einer Handbewegung zur Seite. "Ein andermal. Ich gehe davon aus, daß wir einander bald unter anderen Umständen treffen werden, dann können wir all das besprechen. Fürs Erste mag Euch die Warnung genügen. Vor dem Drachenkult, und vor weit gefährlicheren Feinden, die Ihr Euch leicht machen könntet." Er überkreuzte die Handgelenke in Augenhöhe und bewegte die Hände dann rasch auseinander. Ein von magischen Strömen wirbelndes Portal öffnete sich in der Luft hinter den beiden Gefährten.
"Geht hindurch", sagte der Magier wie nebenbei, während er sich wieder an seinem Schreibtisch niederließ, "aber nacheinander und mit ein paar Sekunden Abstand. Es wird Euch an unterschiedlichen Stellen in den Tunneln absetzen, damit die Leute des Königs keinen Verdacht schöpfen."
Als die gewaltige Faust, von der Entreri sich beim Durchschreiten des Portals ergriffen fühlte, ihn wie beiläufig wieder losließ, fand er sich von einem Moment auf den anderen in absoluter Schwärze wieder. Die feuchte Kühle und der Gestank sagten ihm, daß er sich tief in der Kanalisation befinden mußte, und das unmerkliche Prickeln, das über seine Haut lief, ließ ihn vermuten, daß der chaotische Teleportationszauber noch immer wirkte, aber wohl am Abklingen war.
Er zog sein Schwert und befahl der Klinge wortlos, jenes schwarze magische Licht hervorzubringen, das für Entreri die nähere Umgebung erhellte, während er selbst für alle anderen im Finstern verborgen blieb. Er fand sich an einer Kreuzung von drei Wegen in einem relativ hohen, aus Ziegeln gemauerten Tunnel wieder, dessen runde Decke von Moos bewachsen und von Alter und Nässe schwarz verfärbt war. Die Gänge, die er sah, waren ihm sämtlich unbekannt, und nachdem er einen Blick in alle drei geworfen hatte, entschied er sich achselzuckend für den, der am breitesten war und so aussah, als könnte er allmählich aufwärts führen, und huschte ihn vorsichtig entlang.
Ein unvermitteltes Kreischen über ihm ließ ihn herumwirbeln. Ein Drachenwesen war ein Stück vor ihm aufgetaucht und mühte sich flatternd, sich in dem Tunnel in der Luft zu halten. Es stieß und hieb mit seiner groben Holzlanze nach einem Gegner, den Entreri beim Näherkommen als Sevellin Raunir erkannte. Er beschleunigte seine Schritte. Der junge Soldat konnte sich in der völligen Schwärze zwar buchstäblich nur mithilfe seiner Ohren und seiner Instinkte orientieren, aber offenbar hatte das genügt, damit er seinem geflügelten Feind ein paar kräftige Hiebe hatte mitgeben können, denn wie Entreri erkannte, sobald er nah genug heran war, konnte der Drachenmensch sich nicht nur wegen der Enge des Tunnels kaum noch in der Höhe halten, sondern auch weil sein rechter Flügel zerfetzt und fast nutzlos war. Das Wut- und Schmerzgebrüll, mit dem die dumme Kreatur jeden Angriff einleitete, genügten Raunir als Warnung, damit er die schlimmsten Attacken parieren konnte.
Um nicht dem wild hin- und herfuchtelnden Breitschwert zu nahe zu kommen, umrundete Entreri unbemerkt die Kämpfenden und näherte sich dem flatternden Biest von hinten. Als es zum nächsten Mal auf Raunir herabsegelte, hieb er mit dem Schwert nach dem schuppigen Echsenschwanz. Die rote Klinge trennte ihn glatt durch, und das Vieh kreischte gepeinigt auf und fuhr nach dem neuen Gegner herum, wenn auch langsam und doppelt unstet, da ihm nun obendrein eine weitere Gliedmaße zum Steuern fehlte. Aus der Wunde tropfte grünlich-gelber Schleim auf den feuchten Steinboden.
Entreri machte kurzen Prozeß mit dem tödlich verwundeten Gegner. Dank dem schwarzen Licht von Charons Klaue sah er von allen drei Beteiligten ganz entschieden am besten, und während das Biest noch damit beschäftigt war, ihn zu suchen, fuhr Entreris Dolch ihm auch schon in die Kehle. Es krachte mit einem gurgelnden Geräusch zu Boden.
"Wer ist da?" rief Raunir und wirbelte mit gezücktem Breitschwert in die Richtung, in der er den neuen Gegner vermutete.
"Ich bin's", sagte der Meuchelmörder halblaut und zog seinen Dolch aus der Wunde. Sevellin atmete hörbar auf, gab seine Verteidigungshaltung auf und stützte sich auf seine lange Klinge.
"Entreri! Ilmater sei Dank. Die Biester sind vielleicht nicht die besten Kämpfer vor den Göttern, aber sie haben im Dunkeln entschieden bessere Augen als ich. Selten so froh gewesen, jemanden zu sehen, wie dich. Oder eigentlich eher nicht zu sehen."
Entreri schnaubte spöttisch und packte den Jungen am Ellenbogen, um ihm zu zeigen, wo er stand. "Bist du verwundet?"
Der Bursche grinste. "Ein paar Schrammen. Der Flattermann tot?"
"Ziemlich", nickte Entreri mit Blick auf die Leiche des Drachenwesens. "Irgendeine Ahnung, wo wir sind?"
"Nicht die geringste. Ich taste mich hier schon ewig durch die Gänge, und immer wenn ich dachte, ich kenne mich aus, hat mich dieser verdammte Zauber wieder erwischt."
"Ging mir ähnlich. Aber entweder hat der Zauber inzwischen geendet, oder wir sind außer Reichweite, sonst wäre schon längst einer von uns beiden verschwunden."
"Was ist mit Jarlaxle?"
"Keine Ahnung, wo der Drow steckt. Wir müssen die anderen finden, und dann will ich in erster Linie aus diesen Tunneln. Komm, ich führe dich."
"Soll heißen, du kannst was sehen?" staunte der Junge.
"Ja", sagte der Meuchelmörder knapp und packte den Blondschopf rigoros am Arm, um ihn mit sich zu zerren. "Und jetzt sei so nett und halt den Mund; ich habe keine große Lust, noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Da vorne war gerade kurz Fackellicht."
Der schwache Lichtschein entpuppte sich als eine Gruppe versprengter Damarer rund um Karol Dor und Fallide Hervensteen, der sie sich anschlossen. Die nächste, die sie fanden, war Mirlyan selbst, und die Oberste, die aus einer Schnittwunde am Oberarm blutete, dieser Tatsache aber keinerlei Beachtung schenkte, hatte ebenfalls schon mehrere Leute bei sich, darunter auch Jarlaxle. Nach etlichen langen Minuten hatte die gesamte Truppe sich tatsächlich wieder gesammelt. Sie hatten etliche Leichtverletzte, das war aber auch schon alles.
"Wißt Ihr, wer das war?" knirschte Mirlyan, als sie die Sicherheit der Wachgänge unter den Stadtmauern wieder erreicht hatten. "Der Magier? - Knellict, der heimliche Herrscher der Zitadelle! Der Erzfeind Seiner Majestät, der Helfershelfer Zenghyis! Und dieser Kerl hat die Stirn, sich unter unseren Augen bis in die Hauptstadt zu wagen!" Sie schlug sich vor Wut mit der Faust auf die Handfläche, ehe ihr einfiel, daß sie sich vor ihren Untergebenen vielleicht besser zusammenreißen sollte. "In Ordnung. Das Unternehmen endet hier. Wir kehren zurück zur Kaserne. Das Auftauchen Knellicts in Heliogabalus muß ich sofort melden. Bringt die Verwundeten ins Lazarett, und alle anderen schaffen ihre Ausrüstung zurück und haben danach dienstfrei bis morgen nachmittag. Abmarsch."
Als sie die Mauern verließen, stellte Entreri verblüfft fest, daß der Tag bereits graute. Jarlaxle hielt sich neben ihm, als sie zur Kaserne marschierten und sich dort ihrer Uniformen entledigten, aber er war ungewöhnlich schweigsam und schien sehr in Gedanken. Erst, als sie fröstelnd auf der menschenleeren Gasse vor dem Kasernentor standen und einander ansahen, hob er in einer Art Entschuldigung die Achseln.
Entreri schnaubte.
"Was habe ich jetzt wieder getan, um deinen Zorn zu verdienen, mein Freund?" erkundigte Jarlaxle sich auf drow.
"Rote Drachen", zählte der Meuchelmörder prompt an den Fingern seiner Hand ab. "Kupferne Drachen. Dracoliche. Drachenmenschen. Und jetzt der ganze verdammte Drachenkult! Was stimmt bloß nicht mit dir?"
Der Dunkelelf seufzte und zuckte neuerlich die Schultern.
"Halbverrückte, die Drachen zu untoten Drachen machen wollen, um sie anbeten zu können", fauchte der Meuchelmörder weiter. "Klingt ganz nach dir!"
"Ich darf dir aufrichtig versichern, daß ich weder aktives noch passives Mitglied in diesem Kult bin, mein Freund", gab der Drow spöttisch zurück. "Und laß mich nicht glauben, diese lächerlichen Zombies und armseligen Halbwesen wären Gegner, die einen Artemis Entreri schrecken können."
Entreri starrte ihn scharf an. "Vielleicht habe ich einfach genug von all diesen schuppigen Kreaturen, die dank einem gewissen Dunkelelfen ständig in meinem Leben auftauchen."
"Ah", machte Jarlaxle schlau. "Aber bist du nicht dankbar dafür, daß dank diesem Dunkelelfen überhaupt ab und zu etwas in deinem Leben geschieht? - Gut, gut", wehrte er hastig ab, als Entreri prompt nach seinem Dolch langte, "der Drachenkult ist ein neuer Mitspieler, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Aber so ist das Leben, Artemis. Voller Überraschungen, und jede einzelne geeignet, von einem guten Spieler zu seinem Vorteil genutzt zu werden."
"Und mit welchem Ziel?"
"Das, mein Freund, gilt es herauszufinden." Jarlaxle lachte, als sein menschlicher Partner eine angewiderte Grimasse zog. "Ist es nicht herrlich? Wie eine spannende Partie Sava. Wir haben im Moment mit unserer Drachendame Urshula einen Trumpf in der Hand, um den uns alle beneiden: Gareth, der leider von ihrer Existenz noch keine Ahnung hat, Knellict, der dank des Drachenkults nun von ihr erfahren hat, und der Drachenkult selbst. Bei Lloths ewigem Chaos, selbst dir müßte doch klar sein, in was für eine exzellente Verhandlungsposition uns das bringt."
"In erster Linie bringt es uns in die Position von Gejagten", gab Entreri bissig zurück, sagte aber nichts weiter dazu. Jarlaxle blickte die Gasse hinauf und hinunter. Die Stadt erwachte in diesem von Kasernen und Amtsgebäuden geprägten Viertel nur gemächlich zum Leben; weit und breit war niemand, der ihre Unterhaltung hätte mitanhören können, selbst falls es irgendjemanden in Heliogabalus geben sollte, der den elfischen Dialekt des Unterreichs beherrschte. Eine fahle Sonne stahl sich über die östlichen Dachfirste, und irgendwo öffnete jemand klappernd die Fensterläden.
"Was machen wir jetzt?" fragte Entreri schließlich.
Jarlaxle sah ihn an, grinste und hakte den Menschen kurzerhand unter.
"Jetzt, mein Freund, essen wir Kuchen."
