Kapitel 4

Piter McRuggles Beste Backwaren war ein Kompromiß. Ein Kompromiß zwischen einem ängstlichen rotgesichtigen Menschen, der mit allem Nachdruck, zu dem er sich gegenüber seinem selbsternannten Wohltäter durchringen konnte, darauf bestand, daß er doch bloß ein einfacher Bäcker und sein Laden nichts als eine Bäckerei sei, und einem eifrig gestikulierenden Drow, der in immer neuen theatralischen Redeschüben darauf hinwies, daß Klappern nun einmal zum Handwerk gehöre, daß die Namensgebung eine der wichtigsten Entscheidungen bei der Neugründung eines Ladens sei und es mitnichten eine Tugend, sondern vielmehr blanke Dummheit darstelle, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, zumal wenn es derart leuchtend strahle wie das von Piter McRuggle, einem wahren Künstler am Kochlöffel. Die Namen, die Jarlaxle seinerseits für den neu zu gründenden Bäckerladen vorschlug, variierten denn auch zwischen "Piter McRuggle - Köstliche Konditorkünste für Kenner" und "Des zarten Gaumens Zuckrige Zungenzaubereien".

In seiner üblichen vorausschauenden Großzügigkeit hatte Jarlaxle jenem ebenso talentierten wie dicken Bäckermeister, den er und Entreri eher nebenbei aus der Gefangenschaft einer heruntergekommenen Räuberbande befreit hatten, nachdem sie sich ihr für eine Weile angeschlossen hatten, in der Hauptstadt des Reiches einen Laden besorgt, und zwar in bester Lauflage, an einer belebten Straße, die vom Hafen und Markt herauf in ein schmuckes Wohnviertel von wohlhabenden Kaufleuten und Stadtbürgern führte. Das Haus hatte ein großes Fenster zur Gasse hin, angefüllt mit genügend klebrigem Feingebäck, um sich den Magen auf Wochen hinaus zu verderben, und ein steinernes Eingangsportal mit kleinen gemeißelten Säulen neben dem Türstock, über dem ein Schild in vergoldeten Lettern den Namen des Geschäfts verkündete, auf den Geschäftsinhaber und stiller Teilhaber sich am Ende geeinigt hatten. Trotz der frühen Stunde gingen schon eine Menge Kunden ein und aus: Dienstmädchen, die für die Herrschaft das Frühstück besorgten, rundliche Marktfrauen, Mütter mit kleinen Kindern an der Hand. Jarlaxle tippte sich höflich an den Hut, als sie an den übrigen Leuten vorbei in den Laden traten, aber das änderte nichts an den weitaufgerissenen Augen und schreckerstarrten Gesichtern, mit denen er begrüßt wurde.

Entreri war bislang nur einmal hier gewesen, noch bevor Bäcker Piter sein neues Geschäft auch nur hatte eröffnen können, und hatte dabei Gelegenheit gehabt, der umständlichen Verhandlung bezüglich der Namensgebung zu lauschen. Ansonsten vermied er es unwillkürlich, dem dicken Bäcker zu begegnen. Er gestand sich ungern ein, warum, aber es gab einen guten Grund. Piter McRuggle zu sehen, erinnerte Artemis Entreri zu sehr daran, was er selbst vermutlich in Jarlaxles Augen war: ein interessanter Fund oder ein intelligentes Haustier, eine Art wertvolles, lebendiges Kleinod, das viele nützliche Tricks beherrschte und für seinen Besitzer gleichermaßen hilfreiches Instrument und amüsante Unterhaltung sein konnte. Schätze wie Piter den Bäcker oder Entreri den Meuchelmörder, Wesen, die in irgendeiner Form an ihm hingen und von ihm abhängig waren, jene Wesen also, die er so gerne als "Freunde" bezeichnete, sammelte Jarlaxle mit einer Leidenschaft, die schon fast an die Besessenheit erinnerte, mit der Drachen ihre Horte anlegten.

Entsprechend hatte Entreri auch von der Familie des Bäckers, die Jarlaxle samt dem kochlöffelschwingenden Familienoberhaupt nach Heliogabalus hatte schaffen lassen, keinen besonderen Eindruck gewonnen außer dem einiger ängstlicher, schreckerstarrter Figuren, die es kaum wagten, das grauenvolle dunkelhäutige Wesen aus dem Unterreich, das anscheinend beschlossen hatte, ihr Leben in die Hand zu nehmen, auch nur genauer anzuschauen. An die holde Gemahlin erinnerte er sich denn auch nur noch, weil es ihn ziemlich verblüfft hatte, daß jemand tatsächlich in der Lage war, ihren Gemahl tatsächlich noch an Fettleibigkeit zu übertrumpfen. Aber als er jetzt neben seinem Drow-Partner zwischen den ängstlich zurückweichenden Kunden an die zierliche, mit phantasievollen Zuckerbäckereien und Kuchen bestückte Theke trat, konnte er feststellen, daß Valdahildis McRuggle offensichtlich in den letzten Wochen ihr Temperament wiedergefunden hatte.

Sie war zu vertieft in ein Gespräch mit einer Kundin, während sie einige Stücke Mohnstreuselkuchen für sie abwog, um gleich zu bemerken, daß rund um sie alle Gespräche verstummt waren und die Frau, für die der Kuchen bestimmt war, ihr längst nicht mehr zuhörte, sondern stattdessen ebenso wie alle anderen den freundlich lächelnden Dunkelelfen anstarrte. Als ihr die Stille jedoch auffiel und sie den Grund dafür bemerkte, schrak sie zwar sichtlich ebenfalls zusammen, faßte sich dann aber erstaunlich schnell und kugelte ihre breite, in einem adretten rüschenbesetzten Schürzchen steckende Figur in verblüffender Behendigkeit hinter der Theke hervor auf den Drow zu.

"Meister Jarlaxle", begrüßte sie ihn strahlend - auch wenn das Lächeln mehr nach einem Zähnefletschen aussah. "Was für eine Freude, Euch zu sehen." Und hastig, an Ihre Kunden gewendet: "Es besteht gar kein Grund zur Beunruhigung, glaubt mir. Meister Jarlaxle ist ein überaus angesehener und zivilisierter Dunkelelf und hat kürzlich sogar eine Audienz beim König gehabt, müßt Ihr wissen." Und, wieder an Jarlaxle, allerdings mit einem leicht indignierten Zischen in der Stimme: "Aber dennoch meine ich, hatten wir uns eigentlich darauf geeinigt, daß Ihr besser den Hintereingang benutzen solltet, nicht wahr, lieber Meister Jarlaxle?"

Der Drow warf einen grinsenden Seitenblick auf seinen Partner, der bei dem Tonfall der Frau unmerklich die Brauen in die Höhe gezogen hatte, und entschuldigte sich dann mit einer seiner eleganten Verbeugungen. "Ich bitte untertänigst um Verzeihung, gnädige Frau. Ich hatte es vor Freude, Euch und meinen geschätzten Freund Piter wiederzusehen, ganz vergessen. Wie ist denn das werte Befinden? Die Geschäfte gehen gut, ja? Und das liebe Töchterchen? - Ah, ich sehe schon, immer fleißig, immer fleißig, und auf dem besten Wege, selbst die Mutter an Anmut zu übertrumpfen." - Anmut schien in dieser Familie nach Gewicht bemessen zu werden, kommentierte Entreris innere Stimme bissig, und unter dieser Voraussetzung schien das Töchterchen tatsächlich den Ehrgeiz zu haben, ihre Mutter so schnell wie möglich einzuholen. Sie errötete angesichts des Kompliments und der forschenden Musterung durch die beiden Männer bis unter die Haarspitzen, zwirbelte dann kokett die Spitze eines ihrer beiden blonden Zöpfe vor dem Gesicht und lächelte dazu ein Lächeln, das ein Gebiß voll braun verfärbter Zahnstümpfe offenbarte und, wie Entreri annahm, noch Dutzende von Männern in die Fänge eines zölibatären Mönchsordens treiben würde.

"Aber ich sehe schon, daß wir Euch lediglich von der Arbeit abhalten, teure Meisterin", fuhr der Drow inzwischen fort. "Eigentlich sind wir hier, um unseren lieben Freund Piter zu sprechen. Ob er wohl einen Augenblick für uns erübrigen könnte?"

"Er ist in der Backstube", gab die Frau angesichts dieser Nebensächlichkeit ungeduldig zurück und winkte in Richtung einer Tür, die neben der Theke in den hinteren Bereich des Hauses führte. "Wenn Ihr schon dort seid, könnt Ihr ihm gleich sagen, daß er sich besser sputen soll wegen der Bestellung der Maisbrötchen für die Feier der Torbensens; das Dienstmädchen kommt in einer knappen Stunde. Also wehe, Ihr bummelt zu lange herum!" Mit dieser letzten Ermahnung setzte sie urplötzlich ein Lächeln auf, das zuckriger war als die meisten ihrer Waren, und wendete sich wieder der wartenden Kundschaft zu.

Die beiden Söldner machten, daß sie wegkamen.

"Ich sehe schon", kommentierte Entreri, als er hinter seinem Partner aus dem Verkaufsraum in einen halbdunklen, vom Duft frischen Brots erfüllten Gang trat, der zur Backstube führte. "Mit dir kann man wirklich nirgendwo hingehen, ohne einem Drachen zu begegnen."

Jarlaxle lachte herzlich. "Wie unhöflich von dir, mein Freund. So spricht man nicht über eine Dame. Ich bin sicher, in ihrer Brust schlägt ein gutes Herz."

"Verborgen unter dicken Schichten Fett."

"Artemis!"

"Ich wette, diese Ehe ist pure Leidenschaft. Dein Freund Piter kann einem beinahe leid tun."

"Du bist so sentimental heute."

"Nein, nur verblüfft. Darüber, daß Jarlaxle sich tatsächlich von einer menschlichen Bäckerin an den Hintereingang verbannen läßt."

Der Drow lachte erneut. "Ah, mein Freund, urteile nicht zu schnell. Erst mußt du deinen eigenen Kampf ausfechten gegen Valdahildis McRuggle, ehe du mich der Feigheit bezichtigen darfst."

Das kurze Geplänkel endete mit Betreten der Backstube, einem quadratischen, in Gluthitze erstickenden Raum, der dominiert wurde von einem gewaltigen, aus Backstein gemauerten Bäckerofen. Auf langgezogenen hölzernen Tischen knetete ein schwitzender Geselle auf einer mehlbestäubten Platte den Teig für die nächsten Brotlaibe, während ein anderer Eier und Milch in einer Schüssel verrührte, die groß genug war, damit man sie mit Fug und Recht einen Bottich nennen konnte. Prall gefüllte Mehlsäcke stapelten sich in einer Ecke, ihre leeren Gegenstücke in einer anderen, und gewaltige Holzregale enthielten in sorgfältig beschrifteten Keramikbehältern all jene verschiedenen Zuckersorten und sonstigen geheimnisvollen Zutaten, die Piter der Bäcker für seine Kunst benötigte.

Der Meister über dieses mehlstäubende Reich selbst stand im Augenblick am Ofen und spähte durch die offene Luke nach dem Zustand des backenden Inhalts. Die Flammen leuchteten auf seinem runden Gesicht und ließen es noch roter aussehen, als es ohnehin schon war. Selbst Entreri, der weder für Süßigkeiten noch für sonstige Schlemmereien viel übrig hatte, mußte zugeben, daß die diversen Düfte in dieser Backstube ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen.

Ein dritter Geselle (oder vielleicht auch ein Lehrling, denn der Bursche war noch kaum sechzehn) kam soeben durch eine andere Tür aus dem Vorratslager, den Arm voller Holzscheite. Er sah Jarlaxle, stieß einen entsetzten Schrei aus und ließ das Ofenholz polternd zu Boden fallen. Die anderen zwei Gesellen, sobald sie von ihren Tätigkeiten aufschauten, wirkten kaum weniger eingeschüchtert und wichen hastig einige Schritte von den beiden Eingetretenen zurück.

Auch Piter McRuggle zuckte sichtlich zusammen, als Jarlaxle sich grüßend mit der Hand gegen die Hutkrempe tippte, aber er seufzte leise und schickte sich dann ins Unvermeidliche, vermutlich, um seinen Angestellten mit gutem Beispiel voran zu gehen.

"Guten Morgen, Meister Jarlaxle."

"Dasselbe wünsche ich Euch, lieber Freund Piter", strahlte der Drow. "Mein Freund Artemis und ich waren gerade in der Nähe, und da konnten wir natürlich gar nicht anders, als bei Euch hereinzuschauen. Wie gehen denn die Geschäfte immer, mein Bester?" Die harmlose Frage schien bei dem armen Mann sofort halb überwundene Ängste wachzurufen, denn er sah den Drow mit einer Miene an, in der deutlicher Verdacht und noch größere Furcht zu lesen standen.

"Gut, gut", sagte der Bäcker gedehnt und warf dem Dunkelelfen einen großäugigen, mißtrauischen Blick zu. "Wart Ihr etwa mit Eurem Anteil letzten Monat nicht zufrieden? Ich kann Euch die Belege einsehen lassen, und Ihr werdet sehen, daß alles genau seine Ordnung hatte. Ich würde Euch ganz bestimmt nicht betrügen, gewiß nicht, ich bin ein ehrlicher Mann gewesen, immer, und ich habe Frau und Tochter, deren Leben mir lieb ist. Aber.. nun ja, wir können uns einschränken, also, wenn Ihr mehr wollt als ausgemacht..."

Entreri schnaubte verächtlich angesichts dieser kleinlauten Kapitulation, noch bevor überhaupt eine Drohung erfolgt war, während Jarlaxle einen Schritt zurück trat und den Dicken aus seinem einen roten Auge heraus empört ansah, ein Ebenbild verletzter Würde. "Piter! Wirklich, mein Freund, Ihr kränkt mich. Haben wir nicht einen ganz klaren Vertrag geschlossen? Nie im Leben würde mir einfallen, Euch um die Früchte Eurer Arbeit zu bringen. Wir sind Geschäftspartner, mein Freund, und eine Partnerschaft muß immer zu beiderseitigem Nutzen bestehen. Ich bin stiller Teilhaber an Eurer wunderbaren Stätte frisch gebackener Gaumenfreuden, und soweit es mich angeht, muß ich sagen, ich könnte nicht zufriedener sein über die bisherige Entwicklung. Und Ihr?"

"Wie?"

"Seid Ihr zufrieden mit Eurem neuen Geschäft?"

Der Bäcker blies die Wangen auf und sah sich in seiner Backstube um. "Ja, doch, schon. Is schon besser hier wie auf dem Dorf."

"Na, seht Ihr. Da haben wir doch beide etwas davon. Weshalb sollte ich dieses glückliche Arrangement aufs Spiel setzen, nur, um Euch ein paar Goldstücke mehr abzupressen? Nein, nein, so kurzsichtig bin ich nicht, mein Freund. Genießt Ihr nur die Früchte Eurer Arbeit, Piter McRuggle. Was ich von Euch bekomme, genügt mir vollauf." Er hob einen Finger, als er, halb an Entreri gewendet, seinen Leitsatz noch einmal verkündete. "Alles zu beiderseitigem Nutzen, sage ich immer. Alles zu beiderseitigem Nutzen."

Entreri seufzte und verdrehte die Augen zur Zimmerdecke, und der Bäcker schien zwar ein wenig erleichtert, aber in seinem Mißtrauen doch kaum besänftigt. "Was führt Euch denn dann her, Meister Drow?" wagte er zu fragen. Jarlaxle strahlte in die Runde.

"Nun, wie ich schon sagte, die pure Laune auf eine kleine Plauderei mit Euch - ah, und Artemis hier lag mir natürlich schon seit Wochen in den Ohren, daß er wieder einmal einen von Euren leckeren Maiskuchen genießen möchte. Man sieht es ihm ja nicht an, aber heimlich ist er eine richtige Naschkatze. Wenn ich nicht auf ihn aufpasse, wird er noch rund und faul werden und seine Tage schnurrend auf der Ofenbank verbringen wie ein grauer fetter Kater."

Der Meuchelmörder sah ihn nicht einmal an, als er antwortete. "Du erinnerst dich, daß ich mir jede Beleidigung merke, nicht wahr?"

"Ich verlasse mich darauf, mein Freund."

"Deine Liste ist schon ziemlich lang. Ich könnte Schwierigkeiten haben, dich lange genug am Leben zu halten, damit ich das Schwert oft genug in der Wunde herumdrehen kann, wenn es einmal so weit ist."

"Ach, ich verlasse mich auf deinen bewundernswerten Einfallsreichtum, Artemis", lachte der Drow und wendete sich wieder dem Bäcker zu. "Aber, lieber Meister Piter, da Ihr schon selbst das Thema Geld angeschnitten habt...", er sah sich nach den Gesellen um und zeigte mit dem Kopf nach der Tür. "Vielleicht hättet Ihr ein wenig Zeit?"

Entreri hätte beinahe laut gelacht, als er die ängstlich-ergebene Miene sah, mit der der dicke Bäcker der Aufforderung nachkam. Piter ging mit dem schweren, schlurfenden Schritt eines Verurteilten auf dem Weg zum Galgen.

"Hört, lieber Piter", erlöste Jarlaxle den armen Mann auf dem Flur von seinen Ängsten. "Es geht uns nur um ein paar Informationen." Der Bäcker atmete auf, denn das kannte er. Die kleine Bäckerei, in der sich allerlei Dienstboten trafen und den neuesten Tratsch austauschten, belieferte Jarlaxle außer mit ein wenig zusätzlichem Gold als Nebeneffekt auch mit jeder Menge Neuigkeiten. Vollkommen unwichtige Neuigkeiten Entreris Meinung nach, aber nichtsdestotrotz Neuigkeiten, die Jarlaxle aufsaugte wie ein Schwamm. Nichts schien so belanglos, daß es den durchtriebenen Drow nicht interessiert hätte, und bei seinen regelmäßigen Besuchen ließ er sich denn auch jedesmal mit dem neuesten Stadtklatsch versorgen.

"Was wollt Ihr denn wissen, Meister Drow? Ihr wißt ja, um das Getratsche kümmert sich immer eher meine Frau, und was sie mir erzählt, davon vergesse ich die Hälfte."

"Nein, nein. Heute geht es mir um Euren - unseren Laden hier. Wir hatten ja bei Gründung des Geschäfts schon darüber gesprochen, wie wir am besten mit den... nun, eher unliebsamen Begleiterscheinungen kaufmännischen Erfolgs umgehen wollen."

"Ihr meint sowas wie Schutzgelder und solche Erpressungen?" vergewisserte der Bäcker sich.

"Eben solche Dinge. Ich gehe davon aus, daß wir davon nicht verschont geblieben sind?"

"Nee, nee, sind wir nicht", gab Piter betrübt zurück. "Das habt Ihr mir ja gleich gesagt, daß sowas bestimmt auf uns zukommt hier in der Stadt. Da waren auch gleich am ersten Abend zwei so Schläger da, die gedroht haben, sie machen Kleinholz aus dem Laden. Aber ich hab gemacht, was Ihr gesagt habt, und hab halt einfach bezahlt, und seitdem haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Geht alles ganz einfach, da kommt immer einer am Monatsersten und holt die Summe."

"Und, ist es eine Ausgabe, die wir verschmerzen können?"

"Ja, ist nicht die Welt. Aber ärgern tut's mich schon, wenn ich ehrlich bin."

"Verbucht es unter 'besondere Ausgaben' und denkt nicht weiter daran", riet Jarlaxle verschmitzt. "Auch die hiesige Unterwelt will ja von irgendetwas leben. Aber, lieber Freund, kann es sein, daß vielleicht kürzlich noch andere Erpressungsversuche unternommen worden sind? Ich meine, von anderer Seite?"

"Ja, woher wißt Ihr das denn?" staunte der Bäcker. "Da waren vor kurzem wirklich noch andere Leute da. Ziemlich merkwürdige mit langen Roben, und ganz komisch geredet haben die. Daß sie Gelder sammeln zur Ehre der Heiligen oder der Geheiligten oder so ähnlich... na, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen, ich hab schon verstanden, was die wollten. Schutzgeld halt."

"Und Ihr habt bezahlt?"

Der Bäcker hob kurz die fleischigen Schultern. "Naja, schon. War zwar schon mehr als mir gefallen hat, und dann ja noch zusätzlich zu dem, was die anderen immer einfordern, aber was will man machen, nicht wahr?"

"Was Ihr machen solltet?" Jarlaxle setzte ein gekränktes Gesicht auf und deutete erst auf sich, dann auf Entreri. "Nun, zum Beispiel könntet Ihr Euren stillen Teilhaber aus dem Unterreich informieren, zumal dieser ganz zufällig einen ziemlich talentierten Schwertkämpfer zum Freund hat, und diesen die Sache regeln lassen."

"Ja, aber", machte Piter verwirrt, "ich dachte, wir wollten so Leute nicht auf uns aumerksam machen. Also, Ihr habt doch immer gesagt, es ist weniger Ärger, wenn man ihnen gibt, was sie wollen, als daß man sie ständig auf dem Hals hat."

"Ja, normalerweise, lieber Piter, normalerweise", erklärte Jarlaxle geduldig. "Diesmal handelt es sich aber um außergewöhnliche Umstände."

"Aha", machte Piter verständnislos. Jarlaxle grinste aufmunternd und legte dem Mann vertraulich eine seiner schlanken dunklen Hände auf die Schulter.

"Ich nehme doch an, daß diese neue Partei, die sich den hiesigen Geschäftsinhabern als Beschützer anbietet, nicht mit einem einmaligen Arrangement zufrieden war."

"Nein, nein, war sie nicht. Sie haben gesagt, sie kommen wieder vorbei."

"Großartig", nickte der Drow. "Hört, lieber Freund Piter. Artemis und ich haben guten Grund, uns für diese Leute zu interessieren, und abgesehen davon halte ich es für übertrieben, an mehr als eine Partei gleichzeitig Schutzgeld zu bezahlen. Zu verschenken haben wir schließlich auch nichts. Wir machen also Folgendes: Sobald die Herren wiederkommen, um die vereinbarte Summe aufzutreiben, vertröstet Ihr sie. Sagt einfach, Ihr hättet nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet und deshalb nicht genug Geld im Haus. Sagt ihnen, sie sollen am nächsten Abend wiederkommen. Und dann gebt Ihr uns Bescheid."

"Und Ihr?" erkundigte sich der Bäcker ängstlich. Jarlaxle tauschte einen Blick mit Entreri, dessen Lippen sich zu einem grimmigen Schmunzeln verzogen hatten.

"Wir werden uns diese neuen Wölfe im Revier dann einmal genauer ansehen."