Artemis Entreri biß bedächtig ein Stück von seinem Brotkanten ab und tauchte den Löffel wieder in seinen Eintopf.

"Schmeckt's?" erkundigte sich die Frau. Sie stand an einem ziemlich einfachen Herd in einer kleinen Küche, in der wie in ihrer gesamten Wohnung nichts verriet, daß Calihye vermutlich in den letzten Monaten Unsummen an Gold bei der Monsterjagd in Vaasa verdient hatte, und schöpfte sich gerade ebenfalls ihr Mittagessen in eine runde Eßschale. "Ich bin nicht unbedingt die beste Köchin auf Faeruns weiter Erde."

Entreri schnaubte. "Schon mal die Junggesellenkost eines Dunkelelfen probiert?"

Calihye lachte leise, und wie schon einmal erzeugte dieser heitere, fast gluckernde Laut ein seltsam wohliges Echo in Entreris Innerem. Er wußte nicht recht, was er davon halten sollte. Fast war er versucht, aufzustehen und nach seinem Schwert zu langen, das er unweit des Eßtisches gegen die Wand gelehnt hatte, in dem sicheren Wissen, daß das vertraute Gefühl des Schwertgriffs von Charons Klaue in seiner Handfläche und des wütenden Widerstands der magischen Waffe in seinem Geist jede derartige Anwandlung im Keim ersticken würden.

Er ließ es bleiben. Schwerbewaffnet gegen eine Schale Eintopf zu Felde zu ziehen, paßte nicht wirklich zu dem Bild, das Artemis Entreri von sich selber hatte.

Auch Calihye hatte sich ihre Portion inzwischen abgefüllt und ließ sich Entreri gegenüber am Tisch nieder. Das Gespräch verstummte vollkommen, während die beiden aßen, und unwillkürlich ließ Entreri Blicke und Gedanken schweifen. Die Situation, so fand er, hatte etwas seltsam Unwirkliches.

Er hatte sie in den letzten Tagen, seit dem überraschenden Zusammenstoß am Fluß, nicht mehr angetroffen. Wie sie ihm gerade erzählt hatte, war sie auf ein paar Tage in den Norden gereist, zurück zu den Toren, um dort einmal nach dem Rechten zu sehen, und hatte seither eine Menge Besorgungen zu machen und Grüße zu bestellen gehabt. Sie war soeben auf dem Rückweg gewesen, als sie Entreri auf der Flöte Idalias hatte spielen hören.

Mehr hatte sie zu dem Vorfall von sich aus nicht gesagt, und Entreri, obwohl er ihr anmerkte, daß sie darauf wartete, hatte nicht gefragt.

Er war wirklich nicht sicher, ob er mehr davon hören wollte.

So kaute er bedächtig sein Essen, ließ die Stille im Raum anschwellen und grübelte. Nicht einmal er selbst hätte sagen können, ob ihm diese seltsame Situation nun unangenehm war oder nicht. Er und die Halbelfe redeten üblicherweise nicht viel. Eigentlich vergingen üblicherweise kaum mehr als ein paar Minuten, die sie dem Anstand und ihrem Stolz schuldeten, ehe sie unweigerlich auf Calihyes (erfreulich weichem und gut gepolstertem Lager) landeten, geradezu, als wüßten beide sonst nichts miteinander anzufangen. Aber als Entreri heute an der Wohnungstür geschellt hatte, hatte die Frau sich eben erst ihr Mittagessen gekocht, und allein schon die Höflichkeit erforderte, daß sie den Mann dazu einlud.

Sie war vermutlich wirklich keine überragende Köchin, aber der Eintopf roch durchaus schmackhaft, und auch Entreri hatte noch nicht gegessen. Also nahm er an, und nun saß er da und fragte sich, was das alles bedeutete. Er wußte nicht, womit er das Tischgespräch hätte bestreiten sollen, darum schwieg er, und er hatte das Gefühl, daß Calihye sich nicht recht traute, die Stille zu brechen, wohl in der nicht ganz falschen Annahme, daß Entreri kein großer Freund von sinnlosem Gerede war. Das Ganze hätte sehr peinlich sein können, aber zu Entreris eigener Überaschung empfand er das nicht einmal so.

Oberflächlich betrachtet erinnerte es ihn an die Stunden, die er im Hinterzimmer in Gegenwart seiner kleinen Halblingsfreundin Dwahvel Tiggerwillies verbracht hatte. Auch Dwahvel hatte viel geschwiegen, und die halben Monologe, die Entreri selbst anschlug, waren nicht viel mehr gewesen als ein unbeholfener Versuch, seine verworrenen Gedanken dadurch zu ordnen, daß er sie laut aussprach. Damals wie heute fühlte er sich zwar angespannt und war auf der Hut, wie er immer auf der Hut war, aber doch zumindest so sicher, daß er seine Deckung bis zu einem gewissen Grad fallen lassen und seine Aufmerksamkeit zumindest zum Teil nicht auf seine Umgebung, sondern auf die Vorgänge in seinem Inneren richten konnte. Beide Frauen waren keine Gegner für jemanden wie Entreri, und der Meuchelmörder war sich selbst gegenüber ehrlich genug, um zuzugeben, daß das der Hauptgrund war, weswegen er sich erlaubte, sich ein wenig mehr gehen zu lassen. Was Calihye anging, so hatte das kurze Geplänkel am Krankenbett von Davis Eng ihr zweifellos gezeigt, daß sie gegen einen professionellen Killer wie Entreri vollkommen chancenlos war, und Dwahvel... nun, es gehörte mehr dazu als eine Handvoll oder auch eine ganze Gilde von nicht ganz drei Fuß hohen Halblingen, um Entreri das Fürchten zu lehren.

Aber die Unterschiede überwogen doch. Denn Dwahvel hatte sich bis zu einem gewissen Grad etwas erworben, das seltener war als die kostbarsten Steine: Artemis Entreris Vertrauen. Er hatte die kleine Halblingsfrau in alle seine Pläne eingeweiht, hatte es tun müssen, da er sie brauchte und ohne ihre Hilfe nichts davon hätte in die Tat umsetzen können. Und obwohl Dwahvel den gefürchteten Artemis Entreri bis zu einem gewissen Grad in der Hand hatte, obwohl eine winzige Andeutung gegenüber Sharlotta oder sonst jemandem, der Kontakt zu den Dunkelelfen in Calimshan hatte, ausgereicht hätte, um den Meuchelmörder zu vernichten, hatte die Halblingsfrau zu ihm gehalten aus keinem anderen Grund als...

Ja, fragte sich Entreri. Warum? War das Freundschaft? Er hatte, zynischer Einzelgänger, der er war, selbst kaum mehr als eine verschwommene Vorstellung von der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffs. Alles, was er wußte, war, daß er Dwahvel vertraut und fest darauf gebaut hatte, daß die Halblingsfrau dieses Vertrauen nicht enttäuschen würde. Und das, obwohl durch das Wagnis, das sie für Entreri einging, für sie selbst nichts zu gewinnen war. Ob Dwahvel Tiggerwillies wußte, vor was für ein Rätsel sie mit ihrem Verhalten jenen alternden Menschen stellte, an dem sie zu ihrer eigenen Überraschung zu hängen begonnen hatte?

Und wo auf der Skala von Freundschaft zu Feindschaft stand Entreris Verhältnis zu Calihye? Sicher war, daß er ihr noch lange nicht so vertraute, wie er Dwahvel vertraut hatte. Sicher war, daß er sie noch viel zu wenig einschätzen konnte, um sich ihr gegenüber in ähnlichem Maße zu öffnen, wie er es in Dwahvels Gesellschaft im Hinterzimmer der "Kupferkrone" hatte tun können. Aber konnte er vielleicht dahin kommen? War es nicht mit Dwahvel ähnlich gewesen, zu Anfang, als ihn seine eigenen Sorgen und Befürchtungen, die Schatten der Drow, die ihn in der Hand hielten und von denen er niemandem berichten durfte, immer wieder in das sorgsam abgeschirmte Gildenhaus der Halblinge führten, ohne daß er selbst hätte sagen können, warum? Wie lange hatte es gedauert, ehe er sein düsteres Geheimnis der Halblingsfrau gebeichtet hatte und sie dann in rascher Folge von der Mitwisserin zur Mitverschwörerin machte?

Entreri wußte es nicht mehr, aber er wußte, daß er seine Freundschaft zu Dwahvel Tiggerwillies als etwas sehr Wichtiges und Wertvolles ansah, und daß er die Gespräche mit ihr, ihr aufmerksames Schweigen und ihre klugen Ratschläge vermißte.

Die Halbelfe war anders, vollkommen anders, und doch zog es ihn mit ebensolcher Selbstverständlichkeit immer wieder hierher, wie es ihn damals in die Kupferkrone gezogen hatte. Und irgendwo in den leeren, düsteren Katakomben seines Inneren ahnte Artemis Entreri, daß es damit zusammenhing, daß die Frau so wirkte, als stelle sie sich genau dieselben Fragen über ihn.

"Gibt es etwas Neues von den Toren?" fragte er unvermittelt in die Stille. Sie sah auf und zuckte die Achseln.

"Nicht wirklich. Der König ist noch immer in Dorf Blutstein, und es sieht so aus, als ob er in diesem Jahr gar nicht mehr nach Heliogabalus kommt. Die Höflinge jammern und winseln, daß sie sich in den kalten Wintern in den Galenas die Hintern in den seidenen Hosen erfrieren werden."

Entreri schnaubte. "Ein Grund mehr für Gareth, den Winter dort zu bleiben."

"Das sieht er ähnlich, glaube ich", spöttelte sie und rümpfte die Nase. "Aber als edler Paladin und so weiter darf er es wahrscheinlich nicht zugeben. Oh, und Athrogate ist jetzt wieder an der Spitze der Belohnungslisten."

Was bedeutete, daß er niemand anderen als Calihye von dort verdrängt hatte. Entreri sah die Frau aufmerksam an. "Der Zwerg war fleißig."

"Er muß die Goblins von halb Vaasa niedergemetzelt haben, und die Hälfte aller Oger und Riesen noch dazu", kommentierte sie kopfschüttelnd. "Die dummen Biester können einem fast leid tun."

"Heißt das, du ziehst wieder nach Norden, um ihm Paroli zu bieten?"

"Ich denke nicht", sagte sie nüchtern. "Die dumme Rangliste war vor allem für Parissus wichtig, für mich weniger." Entreri spürte wieder diesen leisen Stich bei Erwähnung der Frau, die durch seine Mitschuld zu Tode gekommen war, aber die Halbelfe nahm sofort jede Spitze aus der Bemerkung, als sie fortfuhr: "Im Moment gefällt es mir hier in der Stadt ganz gut." Sie sah ihn nicht an, als sie es sagte, aber der Mann begriff den Sinn natürlich dennoch. Er wußte nicht, was er entgegnen sollte und fiel wieder in Schweigen. Calihye wartete eine Weile, ehe sie wieder etwas sagte.

"Und wie sieht es hier aus?" Er zuckte die Achseln.

"Nichts Neues." Die hellen blauen Augen musterten ihn fragend.

"Wirklich? Es geht das Gerücht, Knellict sei gesehen worden. Hier in der Stadt. Auf dem Markt reden sie von nichts anderem."

Entreri stieß ein kurzes, grimmiges Gelächter aus. "Dachte ich mir doch gleich, daß aus der Geheimhaltung nicht viel wird. Noch ein Befehl, den unser Offizier sich hätte sparen können."

Calihye stimmte kurz ein, wenn auch zögernd. "Ist doch überall dasselbe." Sie atmete durch und sah ihn gerade an. "Damals, auf dem Weg zurück von Palishchuk, als ich euch vor Knellict und der Zitadelle gewarnt habe..."

Entreris Gesicht war steinern, und Augen und Stimme kühlten fast sichbar aus. "Ja?"

Sie runzelte die Stirn über die vorhersehbare Reaktion, sprach aber weiter. "Ihr seid geflüchtet, du und der Drow. Und ich bin sicher, sie haben Euch verfolgt. Jetzt seid Ihr plötzlich ruhig und sicher im Dienst des Königs. Und niemand behelligt Euch. Also..." Sie nahm ihren Mut zusammen. "Ist es wahr, daß Knellict in der Stadt war?"

Er gab keine Antwort, sondern sah sie nur an. Sie hob hastig die Hand.

"Schon gut." Ihr Lachen klang unecht. "Du hast wahrscheinlich recht. Wahscheinlich will ich es gar nicht wissen." Sie begegnete wieder seinem noch immer starren Blick. "Es ist nur..."

"Was?"

"Diese Leute", sagte sie. "Knellict und die Zitadelle. Sie sind gefährlich. Ich meine, wirklich gefährlich. Ich weiß ja nicht, was dein schwarzer Partner vorhat, aber..." Wieder atmete sie durch. "Es würde mir nicht gefallen, wenn dir etwas dabei passiert."

Er zog spöttisch die Brauen in die Höhe. Spöttisch, aber vielleicht auch ein wenig mißtrauisch.

"Schmeichelhaft. Vor allem wenn man bedenkt, daß du mich vor ein paar Wochen noch am liebsten umgebracht hättest."

Sie runzelte die Stirn, sprang auf und öffnete schon den Mund zu einer heftigen Entgegnung, schien sich dann aber umzubesinnen. Sie kam stattdessen um den Tisch, setzte sich dem verblüfft schmunzelnden Meuchelmörder auf den Schoß und packte ihn am Kragen seines Leinenhemds.

"Damals", sagte sie mit einer Stimme, die rauchig und heiser geworden war, "damals wußte ich ja auch noch nicht, wie gut du..." Sie ließ den Satz vielsagend verklingen und näherte ihr Gesicht dem seinen, die Lippen leicht geöffnet, die Lider halb gesenkt, dann grinste sie plötzlich, und ein schelmisches Glitzern stieg in ihre klarblauen Augen.

"... Flöte spielen kannst", vervollständigte sie mit leisem Lachen. Entreri schnaubte grimmig, aber wieder hörte er aus der Bemerkung heraus, daß sie nicht völlig ohne Hintergrund war. Die Melodie, die sie den Mann auf der Flöte hatte spielen hören, stand in ihren Augen tatsächlich für etwas, und offenbar sah sie ihn seitdem in einem vollkommen neuen Licht. Unwillkürlich hatte der Meuchelmörder das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.

"Das war nicht ich. Es ist die Flöte", fing er an, und sie schüttelte den Kopf.

"Ich bin ziemlich sicher, daß die Flöte nicht von selbst gespielt hast." Sie lächelte fast trotzig. "Und ich mochte das Lied."

"Es ist ein magisches Instrument", versuchte er zu erklären. "Das Lied... was auch immer aus der Flöte kommt, macht das Ding, nicht ich."

"Ein Zauber braucht immer jemanden, der ihn wirkt", beharrte sie starrköpfig. "Wäre es denn so schlimm, wenn es noch etwas anderes gäbe, das man an dir schätzen könnte, Artemis Entreri, als deine Fertigkeiten mit der Klinge?" Wieder so eine Frage, die ihn sprachlos machte, während in seinem Kopf Nebelfetzen von Gedanken einander jagten.

Hatte sie recht? Hatte so etwas nicht auch Jarlaxle gesagt? Daß die Flöte nichts anderes tat, als zu den Dingen vorzudringen, die Artemis Entreri über Jahrzehnte hinweg hinter unüberwindlichen Mauern eingeschlossen hatte?

Aber was lag hinter diesen Mauern? Und vor allem - einmal befreit, würde es sich wieder bändigen lassen?

Er dachte nicht weiter darüber nach, als er die Hand auf seiner Wange spürte, ehe er sich hinein lehnte und die Augen schloß unter der kaum spürbaren Liebkosung. Erst viel später kam ihm in den Sinn, wie seltsam diesen Geste doch gewesen war, die tröstende Geste einer Mutter gegenüber einem Kind, vollkommen unschuldig und bar aller Lüsternheit.

Was für eine eigenartige Sache dies alles doch war.