Die Frau schritt mit flatterndem Offiziersmantel immer dieselben drei Schritte vor Celedons Schreibtisch auf und ab, und der Halbelf fing an, erste Anzeichen von Irritation in sich zu verspüren.
"Bitte, Mirlyan", sagte er mit soviel Ruhe, wie er aufbringen konnte. "Ihr tut ja gerade so, als seien Eure beiden... Schützlinge dabei, sich einen Tunnel ins königliche Schloß zu graben, und Ihr könntet es nicht verhindern."
"Eben so fühle ich mich", fauchte die dunkellockige Frau. Um, etwas verschämt, hinzuzusetzen: "Hoheit."
Kierney mußte unwillkürlich lachen. "Nun, es wäre mit Sicherheit ein sehenswerter Anblick. Ich hatte bei keinem der beiden den Eindruck, daß sie viel Wert darauf legen, sich die Hände schmutzig zu machen - zumindest nicht im buchstäblichen Sinn." Er wurde ernst. "Ihr fürchtet also, das Auftauchen Knellicts habe etwas mit den zweien zu tun?"
"Kann ich es ausschließen?"
"Wir können vieles nicht ausschließen, liebe Nichte. Tatsache ist, daß wir nicht wissen, ob Knellict auch nur Kontakt zu dem Drow und dem Meuchelmörder hatte." Er stand auf und schritt ans Fenster, durch das der entfernte Lichtschein der nächtlichen Wachfeuer herein fiel. "Und wir haben hier mindestens ebenso viel Grund zur Besorgnis wie Ihr in der Hauptstadt." Von den Zinnen kam der stündliche Kontrollruf der Patrouille, und Celedon ließ die ebenso routinemäßigen Antworten im Dunkel hinter den Butzenfensterscheiben verklingen, ehe er sich wieder zu Mirlyan umdrehte, die ihn erwartungsvoll ansah.
"Folgt mir", sagte er.
Er führte die Frau an mehreren salutierenden Wachen und eifrig grüßenden Höflingen vorbei durch eine lange Flucht von Kristallüstern erleuchteter Säle, ehe er mit dem Ausdruck von Erleichterung durch eine fast nicht zu erkennende Tapetentür schlüpfte und Mirlyan augenzwinkernd winkte, ihm zu folgen. Dahinter erstreckte sich ein schmuckloser, gemauerter Gang, in dem etliche Fackeln brannten. Auch hier patrouillierten freilich Wachen.
"Geheimgänge im königlichen Palast?" spottete Mirlyan. "Ist das nicht ein Sicherheitsrisiko?"
"Nicht, solange der Spähsang alle überwacht", gab Celedon Kierney zurück. "Und die Vorteile wiegen die Nachteile bei weitem auf. Gut, ab und zu dreht uns die Zentrale durch, wenn Seine Majestät unangekündigt verschwindet und tatsächlich eine Weile niemand weiß, wo er steckt, bevor jemand so schlau ist, sich dezent bei der Kammerfrau der Königin zu erkundigen... aber Ihr glaubt gar nicht, wie praktisch diese Gänge sind, wenn man dringend austreten muß. Abkürzungen zu fast allen wichtigen Punkten im Schloß, und da zähle ich den Abort in jedem Fall dazu."
Zu Mirlyans Erleichterung führte der Halbelf sie freilich nicht Richtung Abtritt, sondern nach mehreren Abzweigungen zu einer geschlossenen Tür, vor der eine bewaffnete Wache stand. Der Mann trug eine am Kragen mit Pelz verbrämte Uniformjacke, die die Armeeoberste natürlich sofort als die des Herzogtums Soravia erkannte.
"Guten Abend, Ritter", grüßte der Baron. "Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?"
Der Wächter verbeugte sich und schüttelte den Kopf. "Seine Hoheit ist gerade bei ihm."
Kierney lächelte und drückte die Tür nach innen auf. Die bärbeißige Stimme eines altbekannten Schwarzbarts begrüßte ihn, auch wenn, was sie sagte, nicht ihm galt.
"Na, nun mach dir mal keine Gedanken, mein Junge. Am Ende haben diese verrückten Magier doch einmal etwas richtig gemacht und dir den Kopf endlich durchgeblasen von diesem verfluchten... - Ah, Baron. Läßt du dich auch mal hier sehen?"
"Ich bin sicher, Seine Spektabilität Mor Kulenov wäre überhaupt nicht begeistert davon, als 'verrückter Magier' bezeichnet zu werden", sagte Celedon lachend und wendete sich dem zweiten Mann im Zimmer zu, einem jungen Mann mit bleichen Zügen und etwas rastloser Miene, der beim Eintritt des Halbelfen respektvoll aufgestanden war. "Bitte, lieber Kelliv Peshel, behaltet Platz. Ihr seid der Rekonvaleszent hier. Herzog, Ihr kennt meine Nichte Mirlyan Sorrokev? Mirlyan, das ist Herzog Olwen Waldfreund, unser Mann in Soravia." Er lachte leise, als der Schwarzbart ihm einen mißmutigen Blick zuwarf.
"Sag dem alten Kulenov, er hätte sich mal lieber beeilen sollen mit dem Jungen hier. Hat lange genug gedauert, bis sie ihm das Gedächtnis wiederbeschafft haben."
"Nun, gut Ding will Weile haben, sagt man", antwortete Kierney leichthin und lächelte den jungen Waldläufer aufmunternd an. "Wie geht es Euch denn jetzt?"
"Gut", nickte Peshel sofort. "Ich habe Seiner Spektabilität viel zu danken."
"Und Ihr könnt Euch wieder an alle Details Eurer traurigen Reise erinnern?"
"Nicht an alle, aber ich bin ziemlich sicher, daß ich wieder weiß, wo wir gewesen sind, zumindest die ungefähre Gegend. Und Seine Spektabilität sagt, daß die letzten Erinnerungen sicher auch bald noch zurückkommen werden."
"Sehr gut, sehr gut. Laßt Euch Zeit, setzt Euch nicht selbst unter Druck. Wir sind Euch dankbar für jede Information, die Ihr uns liefern könnt."
Die knochigen Hände des Waldläufers ballten sich zu Fäusten."Oh, ich werde Euch alle Informationen liefern, die Ihr braucht. Und sobald ich mich wieder an alles erinnern kann, werde ich Euch an den Ort führen, und wir werden Knellict bezahlen lassen für das, was er Mai-Ylitt angetan hat!"
Celedon anwortete nicht, sondern legte dem jungen Mann nur aufmunternd die Hand auf die Schulter und winkte dann Mirlyan mit sich nach draußen, zurück auf den Flur. Die Frau sah ihn erwartungsvoll an, als er an einer gut zu überblickenden Stelle stehenblieb und sich zu ihr umdrehte.
"Der Mann, den Ihr gerade gesehen habt, hatte das Pech, vor etlichen Zehntagen zusammen mit einer jungen Angehörigen des Klosters der Gelben Rose direkt in das Versteck von Knellict zu stolpern. Seine kleine Freundin kam gar nicht mehr heraus, und er selbst als willenloses Mordwerkzeug, das einen Anschlag auf den Großmeister des Klosters verübte. Cantoule konnte ihn abwehren, und Kane höchstpersönlich brachte den Jungen danach hierher, damit Hofmagus Mor Kulenov ihn behandeln sollte, denn Kelliv konnte sich an nichts mehr erinnern. Bis vor kurzem schien die Behandlung nicht einmal ansatzweise Erfolg zu haben. Bis vor vier Tagen."
"Das ist die Nacht, in der Knellict in Heliogabalus auftauchte", sagte Mirlyan. Kierney verzog die Lippen zu einem bitteren Schmunzeln.
"Ihr sagt es. Übrigens war kurz zuvor auch Athrogate wieder einmal an den Toren eingetroffen."
"Ihr vermutet einen Zusammenhang?"
Der Baron zuckte die Achseln. "Wer will das wissen? Meine eigenen Kenntnisse auf dem Feld der Magie sind zu vernachlässigen, vergleicht man sie mit denen von Mor Kulenov, und Mor Kulenov gibt offen zu, daß er, was den Zauber angeht, den Knellict auf den Jungen gelegt hat, vollkommen im Dunkel tappt. Kann sein, daß es ein einfacher Vergessenszauber war, der nun allmählich von selbst zusammenbricht. Kann sogar sein, daß Knellicts Nähe irgendwelche Wechselwirkungen mit den Zaubern einging, die er zuvor gesprochen hatte - ich will nicht einmal so tun, als hätte ich ein Wort von den metamagischen Theorien verstanden, mit denen Seine Spektabilität mich überschüttet hat." Er seufzte. "Kann sein, daß der Junge noch immer unter dem Einfluß der Zitadelle steht."
"Es wäre keine schlechte Taktik", gab Mirlyan zu. "Während wir uns auf die beiden farbenprächtigen Vögel konzentrieren, die Knellict uns vor der Nase herumtanzen läßt, hat er in Wahrheit längst einen unauffälligen Spion bei uns eingeschleust." Sie runzelte die Stirn. "Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er den Drow und Entreri für nichts weiter benutzt als für ein simples Ablenkungsmanöver. Er hat bestimmt etwas mit ihnen vor - falls wir überhaupt richtig liegen mit unserer Vermutung, daß die zwei zur Zitadelle gehören."
"Ja, falls." Celedon rieb sich die Nase und sah dann abrupt auf. "Euer Trupp liegt schon ziemlich lange in der Hauptstadt, nicht wahr?"
Mirlyan sah ihn erstaunt an. "Ihr wollt die beiden doch nicht hierher bringen? In Heliogabalus sind sie weitgehend harmlos, und wir haben sie gut unter Kontrolle. Aber hier?"
Celedon lächelte. "Eben, liebe Nichte. Ein wichtiger Lehrsatz beim Spähsang: Wenn du etwas nicht verhindern kannst, dann sorg dafür, daß es unter von dir bestimmten Verhältnissen stattfindet. - Ihr sagt, wir haben die zwei gut unter Kontrolle, und doch fürchtet Ihr gleichzeitig, die Zitadelle habe bereits Kontakt aufgenommen. Also wie gut ist unsere Kontrolle wirklich? - Wenn Knellict tatsächlich mit Entreri und Jarlaxle zusammenarbeit, sind sie hier an den Toren für ihn von weit größerem Interesse als in Heliogabalus. Also bestehen gute Chancen, daß er sie bald und häufig kontaktiert. Was wir hoffentlich überwachen werden."
"Es ist ein Risiko."
Celedon lächelte. "Ist eine kleine Prise Risiko nicht das Salz in unserem Leben?" erkundigte er sich.
Eine Frage, die ein gewisser unter Verdacht stehender Dunkelelf sicher aus vollem Herzen bejaht hätte.
