Im Augenblick hatte besagter Dunkelelf das Gefühl, auf Messers Schneide zwischen gleich zwei unkalkulierbaren Risiken zu balancieren. Das eine war der braunhäutige Turbanträger mit den protzigen Krummdolchen in der Seidenschärpe, der es sich in der Wohnung des Söldnerpaars auf dem besten Sessel bequem gemacht hatte und aus einem silbernen Pokal genüßlich Jarlaxles Wein schlürfte.

Das andere war sein menschlicher Partner, der mit gezückten Waffen auf der Türschwelle stehen geblieben war, jeder Muskel angespannt und bereit, in Richtung des Unbekannten davon zu schnellen wie ein Pfeil von der Sehne. Und auch wenn für den Moment Artemis Entreris Aggression einzig auf den Eindringling gerichtet schien, konnte Jarlaxle sich schon ausrechnen, daß der Mensch eine Möglichkeit finden würde, den Drow für dessen Auftauchen verantwortlich zu machen.

"Wie seid Ihr herein gekommen?" fragte der Meuchelmörder kalt. Der Mann mit dem Turban strahlte ihn an.

"Nun, durch die Tür", anwortete er mit singendem südländischem Akzent. "Ich muß gestehen, sie war verschlossen, und ich habe mich wohl insofern bei meinem Eintritt des Einbruchs schuldig gemacht. Aber seht Ihr, es ist meine Gottheit, die mir den entsprechenden Zauber gewährt hat, um die Tür zu öffnen. Und wenn ein Gott einen solchen Zauber gewährt, dann will er doch wohl auch, daß man ihn anwendet." Sein Lächeln wurde noch ein wenig breiter. "Und was vermögen wir Sterblichen schon gegen den Willen der Götter, nicht wahr?"

"Ihr seid Priester", hielt Entreri mit angewiderter Stimme fest. Der Blick, der dabei zu Jarlaxle hinüber glitt, verriet dem Drow, daß auch das wohl irgendwie seine Schuld war. Dann wendete Entreri sich um und musterte demonstrativ die kleine silberne Drachenstatue, die mit ausgebreiteten Schwingen noch immer über der Türschwelle angenagelt war. Die Augen glühten blau - und das war auch das Losungswort, das der Mensch gerade genannt hatte, um die Schwelle gefahrlos überschreiten zu können. Der Fremde folgte seinem Blick.

"Ach so", lachte er verstehend. "Das meint Ihr. Oh, ich bin durchaus vertraut mit dieser Form alter Drachenmagie."

"Und woher wußtet Ihr die Farbe?" fragte der Meuchelmörder.

Der Turbanträger nahm einen weiteren Schluck aus dem Pokal und tippte sich nebenbei mit dem Zeigefinger in Augenhöhe gegen seine Schläfe. "Ich kann durch Türen sehen."

"So." Der Blick, der Jarlaxle diesmal traf, hätte um ein Haar ein Loch in Jarlaxles Kleidung geätzt. "Dann gibt es hier ja schon zwei."

Der Drow fand es allerhöchste Zeit, das Heft an sich zu reißen.

"Bitte verzeiht meinem lieben Freund sein harsches Benehmen", sagte Jarlaxle. "Er ist kein großer Freund ungebetener Besucher. Er ist überhaupt kein großer Freund von Überraschungen."

"Eine nicht ungewöhnliche, aber auf Dauer etwas langweilige Einstellung", kommentierte der Fremde. "Wenngleich ich sie nachvollziehen kann. Allerdings scheint mir, daß nicht Ihr diejenigen seid, die sich an diesem Abend über unliebsame Überraschungen beklagen müssen. Es sieht ja wohl eher so aus, als hättet Ihr soeben einer gewissen Gruppe, der dummerweise auch ich nahestehe, selbst eine solche bereitet."

"Ihr gehört zum Drachenkult?" wiederholte Jarlaxle zweifelnd. Der Unbekannte lächelte, stellte den Pokal beiseite und erhob sich.

"In gewisser Weise. Bitte, gestattet mir, mich vorzustellen: Azir-Drak Shandozul, Priester der Dunklen Dame."

Entreri warf einen schweigenden Blick auf Jarlaxle.

"Tiamat", beantwortete der Drow die stumme Erkundigung. "Schätzt Chaos, Unordnung, Echsen und vor allem bösartige Drachen."

Entreris Miene hätte nicht angewiderter sein können.

"Die Dunkle Dame wird häufig mißverstanden", bot der Priester an. Er erhielt keine Antwort auf die Bemerkung, außer daß Jarlaxle endlich die noch immer einen Spalt offen stehende Tür schloß. Die beiden Söldner machten einen Schritt ins Zimmer und standen dort scheinbar entspannt nebeneinander; Jarlaxle mit amüsierter Miene, in die Hüften gestützten Händen und leicht schief gelegtem Kopf und Entreri mit vor der Brust verschränkten Armen. Keiner von beiden hatte auch nur nach einer Waffe gegriffen, und doch strahlte das Duo eine derart bedrohliche Aura aus, daß jeder begreifen mußte: Das Leben dieses Eindringlings war im Augenblick keinen Pfifferling mehr wert.

"Mein lieber Herr und Hochwürden", sagte der Drow lächelnd. "Ich hielte es für eine gute Idee, wenn Ihr uns den Grund für Euer Hiersein rasch und detailliert erklärt, bevor mein lieber Freund Artemis hier - dem Ihr vielleicht schon angemerkt habt, daß er für Kleriker egal welcher Gottheiten nicht viel übrig hat - etwa die Geduld verliert. Seht Ihr, ich habe festgestellt, daß er in solchen Situationen für Ratschläge meinerseits ziemlich unempfänglich ist." Er warf seinem Partner einen Blick zu und ergänzte pflichtschuldigst: "Noch unempfänglicher als sonst."

Der Mann im Turban lächelte noch immer, offenbar vollkommen unbeeindruckt von dem bedrohlichen Paar ihm gegenüber. "Ich verstehe. Ein Mann, der gerne seine eigenen Entscheidungen trifft."

"Entscheidungen, die häufig etwas damit zu tun haben, einem Schwätzer die Kehle durchzuschneiden", antwortete der Meuchelmörder prompt, und der Priester strahlte und offenbarte dabei ein perlweißes Gebiß zwischen fleischigen roten Lippen.

"Ein Mann nach meinem Herzen, in der Tat. Aber ja, Ihr wollt Antworten, natürlich. Wobei ich fürchte, daß ich ein wenig weiter ausholen muß als nur bis zum heutigen Abend, und gleichzeitig davon ausgehe, daß meine Anwesenheit für Euch nicht gänzlich unerwartet sein kann. Ich meine, nach dem unangenehmen Zusammenstoß, den Ihr gerade mit einigen unserer... Spendensammler hattet." Entreri stieß ein spöttisches Schnauben aus, und Jaraxle gluckste erheitert.

"Ihr scheint diesen... Zusammenstoß, wie Ihr es nennt, recht gelassen zu nehmen", bemerkte der Drow. "Verglichen zumindest mit jenem Mitglied Eurer Sammlertruppe, das mich als 'ungläubigen Frevler' bezeichnete, wenn ich mich nicht sehr verhört habe."

"Aber auch das kann Euch doch nicht weiter verwundern", antwortete der Priester gelassen. "Ihr habt eines jener Wesen in Eurer Gewalt, die für die... strenggläubigeren Mitglieder unserer Gemeinschaft zukünftige Gottheiten darstellen, und verwehrt ihm, in körperlicher Gestalt unter uns zu wandeln." Er zog die Nase kraus. "Nicht, daß ich Eure Vorsicht diesbezüglich nicht nachvollziehen könnte. Dracoliche sind mit Sicherheit grauenvolle Gegner, und solltet Ihr die untote Dame Urshula freilassen und es ihr dann irgendwie gelingen, das Phylakterion an sich zu bringen und sich damit Eurer Macht zu entziehen - nein, in diesem Fall möchte ich in der Tat nicht in Eurer Haut stecken."

"Droht Ihr uns?" erkundigte Jarlaxle sich freundlich. Shandozul lachte.

"Kaum. Ganz im Gegenteil. Ich bin hier, um Euch meine Hilfe anzubieten."

"Indem Ihr versucht, uns die schwere Last eines Drachenkadavers abzunehmen?" spottete Entreri. Der Priester rümpfte wieder die Nase und streckte alle zehn Finger angewidert von sich.

"Daß die Göttin mich davor bewahre. Es sind die lebenden Drachen, die mir und meiner Dame am Herzen liegen, nicht die toten."

"Was macht Ihr dann beim Drachenkult?"

"Ich spioniere ihn aus."

Entreri und Jarlaxle wechselten einen Blick, ehe sie synchron wieder den Tiamat-Priester ansahen, der erneut ein breites Lächeln aufgesetzt hatte.

"Wirklich. Es muß doch schon zu den Ohren so weltgewandter und weitgereister Abenteurer wie Euch vorgedrungen sein, daß die Gläubigen von Tiamat und die Anhänger des verrückten Sammaster sich spinnefeind sind - oh, bitte verzeiht den Ausdruck, werter Drow."

Jarlaxles Lächeln endete kurz unterhalb seines einen sichtbaren Auges. "Sprecht nur weiter."

"Ihr werdet vielleicht wissen, daß unsere Kirche ihre meisten Anhänger weit im Süden von Faerun hat. Dort operieren auch etliche Zellen des sogenannten Drachenkults - wie Ihr selbst feststellen konntet, handelt es sich dabei meistens um simple Verbrechergruppen, die mit den üblichen Mitteln der Unterwelt zu Werke gehen und für die ihre 'Religion', wenn wir sie denn so nennen wollen, nicht mehr als Mittel zum Zweck und ein willkommener Vorwand ist, sich hemmungslos zu bereichern. Mich hat man nun in dieses kalte Land geschickt, um die hiesigen Splittergruppen dieser seltsamen Organisation im Auge zu behalten. Damara und Vaasa sind Länder, in denen viele unserer verehrten chromatiden Drachenfreunde leben, und wir möchten verhindern, daß sich etwa einige von ihnen tatsächlich überreden lassen, einer Umwandlung in einen Dracolich zuzustimmen."

"Ihr seid wahre Menschenfreunde", kommentierte Entreri bissig, und der Priester lachte leise in sich hinein.

"Bei meiner Ankunft hier", fuhr er dann fort, "konnte ich rasch feststellen, daß die überwiegende Zahl der Anhänger, die sich dem Drachenkult in diesen Ländern angeschlossen haben, eine recht pragmatische Einstellung zu jener Angelegenheit mitbringen. Es gelang mir sogar ziemlich schnell, ihr Vertrauen zu erringen, und ich darf sagen, bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich um recht vernünftige Zeitgenossen, deren Hauptinteresse in der Ausweitung ihrer Geschäfte liegt, die aber im allgemeinen wenig Verlangen danach haben, einem leibhaftigen Drachen von Angesicht gegenüberzustehen, schon gar nicht einem untoten. Nun allerdings, da ein solch verehrtes Wesen sich quasi in greifbarer Nähe befindet..."

"Wenn ich korrigieren darf", warf Jarlaxle ein, "nun, da Ihr glaubt, daß sich ein Dracolich in greifbarer Nähe befindet. Ich habe nicht gesagt, daß ich tatsächlich das Phylakterion besitze, das Ihr bei mir vermutet."

"Oh, das braucht Ihr mir nicht zu bestätigen", winkte der Priester ab. "Das Erscheinen des gefürchteten Knellict, kurz nachdem ich die entsprechende Information an die hiesige Unterwelt weitergab, hätte mir genug verraten, wenn ich eine echte Bestätigung gebraucht hätte."

"Ihr habt Knellict informiert?" Diesmal war Jarlaxle tatsächlich überrascht, und auch wenn er es nicht so offen zugab wie sein menschlicher Partner, so schätzte er in Wirklichkeit Überraschungen nicht sehr viel mehr als Entreri. Vor allem nicht solche, die ihm das Gefühl gaben, ausmanövriert und für fremder Leute Zwecke benutzt worden zu sein - ein Gefühl, das nur wenige Leute je vermocht hatten, dem findigen Drow zu vermitteln, an vorderster Front natürlich die alte Mutter Oberin Baenre in Menzoberranzan. Aber seitdem die alte Baenre vor etlichen Jahren unter der Axt des Zwergenkönigs Bruenor Heldenhammer ihr ohnehin viel zu langes Leben ausgehaucht hatte, hatte Jarlaxle sich stillschweigend daran gewöhnt, daß es im gesamten Unterreich niemanden mehr gab, der ihm beim Taktieren und Intrigieren im vielfachen Geflecht der verschlungenen Beziehungen unter Dunkelelfen auch nur annähernd das Wasser hätte reichen können. Und der überwiegende Teil der Wesen an der Oberfläche war viel zu naiv und harmlos (Ausnahmen wie Entreri bestätigten dabei die Regel), als daß sie auch nur die Grundlagen dieses lebensgefährlichen Spiels begriffen hätten.

Es gab nur wenige, sehr wenige Wesen in ganz Faerun, die es wagen durften, Jarlaxle ungestraft auf seinem ureigensten Territorium herauszufordern. Und die Begegnung mit einem solchen Wesen führte unweigerlich dazu, daß Jarlaxle Baenre viel von seiner sonstigen schelmischen Jovialität und unverwüstlichen Gelassenheit verlor.

Nicht, daß er sich das hätte anmerken lassen.

"Darf ich mich erkundigen, woher Ihr Eure vorgebliche Kenntnis bezogen habt?"

"O, ich bitte Euch, mein lieber und geschätzter Herr Dunkelelf, lassen wir doch die Spielchen. Ihr wißt, daß Ihr das Phylakterion habt, ich weiß es, und dank einiger gezielter Informationen meinerseits weiß es nun auch die Zitadelle der Assassinen. Die ja vermutlich an Eurem Gefährten ohnehin weiteres Interesse gezeigt hätte; immerhin hat er bereits eine beachtliche Karriere als Auftragsmörder hinter sich." Er nickte anerkennend in Entreris Richtung.

"Ihr wißt in der Tat viel", sagte der Genannte ausdruckslos. "Vielleicht hat man Euch nie gewarnt, daß zuviel Wissen gefährlich sein kann?"

"Das hat man, das hat man", nickte Shandozul belustigt. "Und mehr als einmal. Aber wie so manch anderer hier, vermute ich", er blinzelte vergnügt zu Jarlaxle hinüber, "habe ich leider nie auf diese Warnungen gehört."

"Er erinnert mich an dich", kommentierte Entreri prompt, an Jarlaxle gewendet. "Mit anderen Worten: ich mag ihn nicht. Kann ich ihn jetzt umbringen?"

Der Drow, obwohl ihn ähnliche Emotionen plagten, hob die Hand, um Einhalt zu gebieten. "Einen Moment noch, mein Freund. Zumindest möchte ich erst eine Antwort auf die Frage, die ich ihm gestellt habe: Woher wußtet Ihr von dem Seelengefäß der untoten Drachin Urshula?"

"Ah ja, woher... nun, mit ein bißchen Überlegen könntet Ihr wohl selbst auf die Antwort kommen. Ich nehme nicht an, daß Ihr vielen Leuten von der Existenz dieses Phylakterions erzählt habt. Abgesehen vielleicht von einigen bezaubernden Geschöpfen, die Ihr ein wenig unter Druck setzen zu müssen glaubtet."

"Die Drachenschwestern", resümierte Entreri und verzog ärgerlich die Lippen.

"Ilnezhara und Tazmikella." Jarlaxle seinerseits wußte nicht recht, ob er lachen oder weinen sollte. "Die zwei würden wirklich so tief sinken, den Drachenkult gegen uns zu schicken? - Pfui, und da heißt es immer, Metalldrachen stünden auf der Seite der Guten. Wir werden ein ernstes Wort mit ihnen reden müssen, Artemis."

"Seid nicht zu streng mit den beiden Damen", bat der Priester und legte sein rundes Gesicht in treuherzige Falten. "Ihr habt sie mit Eurem letzten Besuch wirklich zu Tode erschreckt; die beiden wußten sich ganz offensichtlich keinen anderen Rat mehr. Seht Ihr, der Name 'Urshula' ist für die beiden nicht ganz bedeutungslos. Wie ich bei meinen Recherchen erfuhr, überfiel Urshula schon bald nach ihrer Umwandlung in einen Dracolich durch den Hexenkönig Zenghyi die umliegenden Horte anderer Drachen - übrigens ohne irgendwelche Rücksicht auf Art oder Gesinnung zu nehmen. Zu den Überfallenen gehörten nicht nur Ilnezhara und Tazmikella selbst, sondern noch mehrere andere Kupferdrachen ihrer Familie. Die, denen die Flucht gelungen war, schlossen sich in einer für Drachen sonst sehr unüblichen Weise gegen den gemeinsamen Feind zusammen und versuchten, Urshula zu vernichten. Es muß eine wahre Streitmacht gewesen sein, die gegen den Dracolich zu Felde zog, eine kupferrot schimmernde Wolke gefügelter und geschuppter Leiber, die sich am Horizont sammelte und auf kräftigen Schwingen mit dem Wind nach Norden zog, zum Lager der verhaßten Feindin..."

"Und zwar erfolglos, nehme ich an?" warf Entreri ein, da die Rede des Südländers bei den letzten Sätzen derart an Schwung und Pathos gewonnen hatte, daß der Calishit, an ähnliche Erzählungen von seinen eigenen Landsleuten gewöhnt, den Ausbruch eines langwierigen und nicht mehr aufzuhaltenden Redestroms befürchtete. Der Priester runzelte etwas verärgert die Stirn, als er sich derart um seine Pointe betrogen sah, nickte aber.

"So könnte man sagen. Bei dem versuchten Angriff auf die untote Drachin trafen die Kupfernen auf eine kleine Armee von Orks, Untoten und weiteren Drachen, die unter Zenghyis Bann standen und von diesem zur Unterstützung seiner Verbündeten Urshula geschickt worden waren. Die Angreifer wurden vernichtend zurückgeschlagen, und mehrere der ältesten und kräftigsten Kupferdrachen, die die Speerspitze des Angriffs gebildet hatten, fielen, darunter die Eltern Eurer beiden Bekannten." Jarlaxle und Entreri wechselten erneut einen wissenden Blick; beide hatten nach der heftigen Reaktion der Schwestern wohl insgeheim schon mit einer solchen persönlichen Verbindung gerechnet. Der Drow sah den Priester abschätzend an.

"Und daher die besondere Furcht der Schwestern vor diesem Dracolich? Hm. Es erscheint ungewöhnlich, daß Drachen, die selbst lange schon das Erwachsenenalter erreicht haben, noch eine enge Vebindung zu ihren Eltern haben sollten, insofern sehe ich nicht, weshalb ihr Tod die Schwestern derart entsetzt haben sollte."

"Er hätte es vielleicht nicht", gab Shandozul zu. "Wären die beiden tot geblieben."

"Ah", machte Jarlaxle. "Zenghyi fand einen Weg, sie in Dracoliche zu verwandeln?"

"In der Tat. Mit der Hilfe eines überaus mächtigen Magiers. Übrigens desselben, bei dem Ilnezhara Jahre zuvor ihre beachtlichen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Verwandlung erlernte, die sie später auch an ihre ältere Schwester vermittelte." Der Südländer lächelte breit. "Ihr wißt natürlich, von welchem Magier ich spreche."

Entreri stöhnte und wendete sich angewidert ab. "Knellict."

"Er ist wirklich ein kluger Kerl, sehe ich", nickte der Priester hinter dem Rücken des Meuchelmörders her. Jarlaxle ging nicht auf die Bemerkung ein.

"Laßt mich kurz resümieren. Unsere beiden Drachendamen hatten in der Vergangenheit ein traumatisches Erlebnis mit der untoten Drachin Urshula. Weshalb sie, sobald sie von der Existenz ihres Seelengefäßes hörten, nach jemandem - nach irgendjemandem - suchten, der es uns abnehmen würde."

"Und deshalb kamen sie zu mir", bestätigte Shandozul freimütig. "Sie hatten - über diverse Spione und Mittelsmänner, über die Ihr vermutlich besser Bescheid wißt als ich - meinen Namen erfahren, auch wenn sie mich nur als Tiamat-Priester kennen, der angeblich mit dem Drachenkult zusammenarbeitet. Und sie nahmen naturgemäß an, daß der Drachenkult versuchen würde, das Phylakterion zu ergattern."

"Und Ihr habt ihnen das zugesichert", fuhr der Drow fort. Sein eines sichtbares Auge funkelte rot. "Während Ihr dem Drachenkult vorspieltet, hinter dem Seelengefäß her zu sein, habt Ihr gleichzeitig Knellict Kenntnis von seiner Existenz verschafft. Der wiederum, wie Euch klar sein mußte, uns informierte. Und nun? Was wollt Ihr nun von uns?"

Der Priester breitete in einer entwaffnenden Geste die Arme aus. "Seht Ihr, ich habe einfach genug von all diesen Heimlichkeiten. Ihr und ich haben ähnliche Interessen, denke ich. Also wozu das umständliche Hin und Her? Warum vereinigen wir nicht einfach unsere Kräfte zum bestmöglichen Ergebnis?"

Jarlaxle zog die weißen Brauen in die Höhe zu zwei vollendet geschwungenen Bögen in seinem schwarzen Gesicht. "Bisher kann ich kein Ergebnis in diesem Konflikt sehen, bei dem sich auch nur Berührungspunkte zwischen unseren Interessen ergäben. Gesetzt den Fall, Ihr arbeitet tatsächlich insgeheim gegen den Drachenkult, so muß Euer Ziel die Zerstörung des Seelengefäßes sein. Solltet Ihr doch für den Kult arbeiten, so wollt Ihr es für Euch selbst. Vielleicht sollten wir die Angelegenheit doch dem allzeit bereiten Dolch meines lieben Freundes Artemis Entreri überlassen."

Shandozul lachte leise. "Aber mein lieber Jarlaxle. Nach allem, was ich über Euch gehört habe, seid Ihr nicht der Mann, der eines eventuellen Risikos wegen auf einen offenkundigen Vorteil verzichtet. Und ich darf Euch versichern, daß ich in der Tat gegen den Kult agiere, nicht für ihn. Im übrigen befürchte ich sehr, Ihr unterschätzt meine Kompromißbereitschaft, was dieses Phylakterion angeht."

"Kompromißbereitschaft ist in der Tat ein Ausdruck, den ich sehr schätze", nickte der Dunkelelf. Der Priester strahlte.

"Ah, dann werden wir uns großartig verstehen."

"Und wie genau hättet Ihr Euch einen Kompromiß vorgestellt?"

"Nun, ich gehe wie gesagt davon aus, daß Ihr und Euer Partner keine Männer seid, die ein Risiko scheuen. Gleichzeitig bin ich mir aber auch sicher, daß Ihr nicht alles auf eine Karte setzt, wenn dafür gar kein Grund besteht." Shandozul legte mit schlauer Miene die Spitze eines Zeigefingers an den Nasenflügel. "Und wie ich die Dinge einschätze, besteht für irgendein Risiko im Falle Eures Dracoliches überhaupt kein Grund. Ihr seid zu klug, um dieses vollkommen unkontrollierbare Wesen tatsächlich in eine körperliche Existenz zurückzurufen, wenn es Euch in körperloser Form von ebensolchem Nutzen ist. Dieses Selengefäß ist für Euch ein Druckmittel und eine Drohung ebenso wie ein Verhandlungsgegenstand und eine Handelsware. Und da mein Hauptinteresse schlicht und ergreifend darin besteht, zu verhindern, daß Urshula wieder körperliche Gestalt gewinnt, macht uns das nicht notwendigerweise zu Gegnern." Er lächelte. "Eine weitere meiner hiesigen Bestrebungen geht dahin, herauszufinden, woher die unseligen Gegenstände und Schriften aus dem Besitz Zenghyis stammen und wie sie nach so langer Zeit derart plötzlich wieder auftauchen konnten. Ich gehe einmal davon aus, daß dieses Wissen auch für Euch nicht ganz ohne Wert wäre."

"Möglich", meinte der Drow zurückhaltend. Der Priester klatschte in offenkundiger Begeisterung in die Hände.

"Aber das ist doch wunderbar! Da haben wir doch schon unser gemeinsames Interesse! Unter uns gesagt, das war mir natürlich längst klar, nachdem Eure beiden entzückenden Drachendamen seit kurzem offenbar alle Hebel in Bewegung setzen, um ebenfalls an entsprechende Informationen zu gelangen. Das bringt uns doch nun in eine wirklich glückliche Lage. Ich sage: Nutzen wir die Gunst der Stunde! Vereinigen wir unser Wissen und unsere Kräfte, und wir werden in kürzester Frist an eben jenem geheimen Ort stehen, der Zenghyis verlorene Schätze und verlorene Kenntnisse für uns bewahrt hat."

Drow und Meuchelmörder warfen einander, am Turban des strahlenden Priesters vorbei, einen langen Blick zu.

"Der Pfaffe weiß entschieden zuviel", sagte Entreri, und ohne daß er eine Bewegung in Richtung einer Waffe gemacht hätte, war selbst Shandozul klar, daß dieser Satz aus Sicht des Menschen ein Todesurteil bedeutete. Jarlaxle hingegen, leidenschaftlicher Händler, der er war, wog den Kopf hin und her.

"Er könnte uns den Drachenkult vom Hals halten", gab er zu bedenken. "Oder ihn sogar für unsere Zwecke einspannen."

"Beides wäre mir selbstverständlich ein Vergnügen", sagte Shandozul.

"Wenn er uns nicht für die Zwecke des Kults einspannt", hielt Entreri dagegen. "Dieser Mensch hat bisher jeden einzelnen hintergangen, mit dem er es zu tun hatte: die Drachenschwestern, den Drachenkult und sogar Knellict. Mit allen im Bund, mit keinem vertraut."

"Klingt doch sehr nach uns, findest du nicht?" lachte Jarlaxle. Entreri runzelte die Stirn.

"Du erwartest doch nicht im Ernst, daß ich diesem Kerl vertraue?"

"Nicht mehr, als du irgendjemandem sonst vertraust, mein Freund." Jarlaxle streckte dem Südländer die Hand hin, und dieser schlug ein. "Auf gute Freundschaft, Hochwürden."