Kapitel 5
Es war eine reichlich sauertöpfische Miene, mit der der kleingewachsene rundliche Verkäufer im Antiquitätengeschäft Tazmikellas Silberner Beutel den Eintritt der beiden Männer verfolgte, die kurz nacheinander aus einem mit Schneeflocken durchsetzten kalten Regenschauer in den Laden huschten. Er kannte die beiden, natürlich kannte er sie, auch wenn er nicht genau wußte (und ehrlich gesagt auch gar nicht wissen wollte) in welchem Verhältnis sie zu seiner Arbeitgeberin und deren langjähriger Freundin und Rivalin Ilnezhara standen. Jenen beiden Damen also, die im Moment in Tazmikellas sorgfältig abgeschottetem Büro beisammen saßen und aus versilberten Täßchen mit einem dritten Gast teuren Importtee tranken.
Eine Weile hatte er ja spekuliert, der eine der beiden (zweifellos der gefährlichere, alleine schon seiner Hautfarbe wegen), nämlich der Drow, hege eine heimliche Leidenschaft für die schöne Ilnezhara, so wie beinahe sämtliche Kunden bei llnezharas Goldene Münzen, dem konkurrierenden Antiquitätenladen am Ort, der pikanterweise dem Silbernen Beutel fast direkt gegenüber lag. Und bisher war er auch immer noch nicht hundertprozentig vom Gegenteil überzeugt; immerhin hatte der Dunkelelf, der inzwischen in weiten Teilen von Heliogabalus zum beliebten Gegenstand des Stadtklatsches avanciert war, sich bereits einen weitverbreiteten Ruf als Charmeur und Frauenheld erworben, und die Art und Weise, wie die rothaarige Schönheit zumindest zeitweilig mit dem Drow umging, legte den Verdacht noch zusätzlich nahe. Dem widersprachen freilich die häufigen Besuche der beiden Männer hier im Silbernen Beutel und die Tatsache, daß Drow wie Mensch offenbar immer wieder im Auftrag der Dame Tazmikella Nachforschungen anstellten oder anderweitig bei der Beschaffung kostbarer Altertümer tätig wurden,denn nach allem, was der brave Verkäufer wußte, waren Tazmikella und Ilnezhara im Geschäftsleben bittere Konkurrentinnen.
Eines jedenfalls konnte der kleine Mann mit Sicherheit sagen: Keiner dieser zwei, weder der Drow noch der schwarzhaarige Calishit mit der seltsamen, immer etwas grau aussehenden Hautfarbe, würden in diesem Geschäft etwas kaufen. Und da der Mann in erster Linie mit Leib und Seele eines war, nämlich Händler, waren die zwei für ihn damit auch schon fast vollkommen uninteressant.
Dabei hatte er auf diesen Morgen eigentlich große Hoffnungen gesetzt. Erstens, weil das Wetter launisch war und plötzliche Regenschauer doch hin und wieder Leute in den Laden trieben. Manche davon - nicht viele, aber es kam vor - fühlten sich irgendwie verpflichtet, auch etwas zu kaufen, wenn sie sich schon gegen das Wetter hier unterstellten. Und Verkäufe waren etwas, das in diesem Haus nicht allzu oft vorkam, insofern gaben sie dem Mann hinter dem Ladentisch immer ein geradezu erhebendes Gefühl.
Und zweitens war da vor einigen Minuten dieser - nach dem äußeren Eindruck zu schließen - unermeßlich reiche Südländer mit dem gewaltigen Turban in den Laden gekommen. Beim bloßen Anblick der teuren Kleidung und sonstigen Kostbarkeiten, mit denen der dicke braunhäutige Mann behängt war, hatte der Verkäufer im Geiste bereits die Kasse klingeln hören. Nur um dann zu seiner maßlosen Enttäuschung von dem Unbekannten darum gebeten zu werden, zur Ladeninhaberin geführt zu werden; er sei ein "alter Bekannter". Der Verkäufer wußte natürlich, was das bedeutete: Wieder kein Kunde.
Und so war seine Miene auch nicht unbedingt heiter, als die zwei neu eingetretenen Männer jetzt, als seien sie hier zu Hause, ihre tropfnassen Mäntel an etliche Haken an der Wand hängten und an ihm vorbei Richtung Kontor schritten, der Drow mit einem beiläufigen fröhlichen Gruß und der Mensch, ohne ihn scheinbar auch nur zu beachten. Der Verkäufer wagte zwar nicht, allzu mürrisch dreinzuschauen (er war ja nicht lebensmüde, und er hatte sowohl die finsteren Blicke wie die Waffen des Calishiten gesehen, von dem Ruf, den die blutrünstige Rasse des Dunkelelfen genoß, einmal ganz zu schweigen), aber glücklich war er auch nicht, und er beschäftigte sich demonstrativ mit irgendwelchen Lagerlisten und zählte Kupfermünze für Kupfermünze das Wechselgeld, bis die Tür des Kontors sich endlich hinter dem seltsamen Paar geschlossen hatte.
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"Wirklich, Artemis, wir sollten bei Gelegenheit einmal etwas kaufen", meinte der Drow, sobald die Tür ins Schloß gefallen war. "Wir deprimieren den armen Mann."
"Wenn du irgendetwas von dem Plunder gebrauchen kannst, nur zu."
"Nun sei doch nicht so. Gib dir einen Ruck, du hast ihm schon einmal den Kerzenleuchter abgekauft, also hast du wahrscheinlich ohnehin schon einen Stein bei ihm im Brett."
"Solange es kein wirklich teurer und lupenreiner Stein ist, interessiert mich das nicht im mindesten."
"Ich würde sagen, du hast ein Herz hart wie Stein. Aber a propos Stein." Jarlaxle wendete sich nun endlich der kleinen Versammlung zu, die auf schweren geschnitzten Eichenholzmöbeln rund um das silberne Teeservice saß, und schenkte ihr sein strahlendstes Lächeln. "Mir scheint, damit wären wir schon beim Thema des heutigen Tages. Guten Morgen, liebe Freunde und Gefährten, meine Verehrung, die Damen."
Shandozul, der sich auf einem kostbaren, samtbezogenen Prunksessel niedergelassen hatte, erhob sich bei diesem Gruß und verbeugte sich mit einer Miene, in der sich die Fröhlichkeit des Dunkelelfen ohne Abstriche wiederspiegelte. Die beiden Frauen dagegen kopierten mit ihren säuerlichen Mienen in diesem Moment eher den Gesichtsausdruck Entreris.
"Ihr kommt spät", sagte Ilnezhara kühl, und Jarlaxle lachte und warf einen amüsierten Blick auf seinen menschlichen Partner.
"Ich bitte tausendmal um Entschuldigung", erklärte er, nun seinerseits mit einer tiefen Verbeugung, "obwohl ich für die Verzögerung nicht verantwortlich zeichne."
"Tust du wohl", knurrte der Meuchelmörder. "Dreimal weniger hin und her drehen vor dem Spiegel, und wir wären pünktlich gewesen."
"Wir wären auch pünktlich gewesen", gab der Drow prompt zurück, "wenn du darauf verzichtet hättest, das Schloß, die Schwelle und überhaupt jeden Fingerbreit an unserer Wohnungstür mit irgendwelchen Giftpfeilen und sonstigen Fallen zu verunstalten. - Seht Ihr", wendete er sich wieder an die übrigen, "seitdem es Hochwürden Shandozul hier gelang, unsere Wohnung trotz gewisser magischer Vorrichtungen ohne unser Wissen zu betreten, ist Meister Entreri wieder zurückgefallen auf die herkömmlichen, eher handwerklichen Methoden."
"Es sieht ja auch so aus, als wären manche Geschenke bei weitem nicht so wirkungsvoll, wie es den Anschein hatte", sagte der Meuchelmörder mit düsterem Blick auf die beiden Frauen. Tazmikella hob die Brauen und zuckte die Achseln.
"Wenn wir das gewußt hätten, hätten wir es behalten und dich ohne es gegen den Dracolich geschickt."
"Ah, wunderbar, wunderbar", freute sich Shandozul und rieb sich die Hände. "Ich sehe schon, wir sind alle überaus heiter gestimmt an diesem herrlichen Morgen."
Das trug ihm ein neuerliches dreifaches Stirnrunzeln von beiden Frauen und einem Meuchelmörder ein. Selbst Jarlaxle wirkte einen Moment ein wenig pikiert; irgendwie stahl dieser Mensch mit dem Turban ihm die Rolle, die er sonst in Verhandlungen zu spielen gewohnt war. Aber andererseits wäre es unprofessionell gewesen, deswegen Ärger - oder gar Unruhe - zu zeigen. Er zog sich einen weiteren Sessel heran und ließ sich darauf nieder.
"Artemis und ich nehmen gern auch eine Tasse Tee, vielen Dank."
"Ein ordentlicher Kaffee wäre mir viel lieber", kam das vorhersehbare Murren Entreris, während er sich schräg hinter dem Sessel des Drow postierte, stehend und aufmerksam, wie ein Wachsoldat hinter dem Thronsessel eines Regenten. Oder vielleicht auch wie ein sprungbereiter Königsmörder. Jarlaxle, dem eines so recht war wie das andere, strahlte beide Frauen an.
"Ah, also dann Tee für mich, und Kaffee für Meister Entreri, wenn es keine Umstände macht. Ich denke nicht, daß hierzulande diese seltsamen Gewürze aufzutreiben sind, mit denen du dieses braune Getränk zu vermischen pflegst, lieber Artems, aber falls, so besteht zweifellos nirgendwo eine größere Aussicht, sie zu finden, als hier bei unseren verehrten Gastgeberinnen."
Ilnezharas strahlende blaue Augen sprühten puren Zorn, als ihre Schwester prompt und mit steinerner Miene nach einem silbernen Glöckchen griff, um nach dem Hausmädchen zu läuten. "Ein Becher Gift wäre noch zu gut für euch versammelte Betrüger!"
"Aber meine Liebe", tadelte der Drow freundlich. "Spricht man so mit seinen Verbündeten?"
Die rothaarige Schöne wurde einer Antwort enthoben, da sich in diesem Moment eine schmale Gestalt in den Raum schob. Das Mädchen, ein schüchternes, aschblondes und ziemlich reizloses Ding, kam so rasch, als habe es hinter der Tür gewartet, knickste höflich und nahm die Bestellung entgegen, um sich sofort wieder zurückzuziehen.
"Wir haben einen großen Fehler begangen, wie es aussieht", sagte Tazmikella bitter, sobald die Tür sich hinter dem Mädchen geschlossen hatte, "als wir euch beide in unseren Dienst nahmen."
"Allerdings", nickte ihre Schwester haßerfüllt. "Wir wußten, daß ihr durchtrieben und selbstsüchtig seid, aber das wirkliche Ausmaß eurer Falschheit haben wir offenbar nun erst kennengelernt."
"Ich warne Euch: Ihr habt noch nicht einmal begonnen, uns kennenzulernen", antwortete Entreri kalt, und Jarlaxle sah von einem zum anderen, sagte aber nichts, da die Tür sich im selben Moment erneut öffnete, und das Mädchen mit frischem Tee und einer Tasse Kaffee zurückkehrte, die tatsächlich, wie Jarlaxle verlangt hatte, nach Kardamom duftete. Jarlaxle persönlich hielt überhaupt nichts von dieser typisch calishitischen Art, Kaffee zu trinken, und der Geruch beleidigte seine feinen Elfensinne ebenso wie die übrigen kräftigen Gewürze, die Entreri seinem Essen zuzufügen pflegte, wann immer er ihrer habhaft werden konnte. Aber die Art und Weise, wie die beiden weiblichen Drachen, wenn auch mit Fauchen und Knurren, seit Neuestem bestrebt waren, seinen Befehlen nachzukommen, die gefiel ihm sehr.
"Also bitte", sagte er denn auch nur mit milder Entrüstung, als das Mädchen wieder gegangen war, und reichte, ohne hinzusehen, seinem Partner den dampfenden Kaffeebecher über die eigene Schulter nach oben. Er mochte sich verhört haben, meinte aber, von dem Meuchelmörder ein leises zufriedenes Knurren gehört zu haben. "Bitte. Dies ist eine rein geschäftliche Besprechung. Können wir uns dabei nicht zivilisiert benehmen und die gegenseitigen Vorwürfe für ein Weilchen hinunterschlucken? Ja? Vortrefflich. Und verehrte Dame Tazmikella, laßt mich versichern, daß niemand die Absicht hat, Euch zu hintergehen, insofern muß ich die Unterstellung der Falschheit entschieden zurückweisen. Wir Ihr ja selbst sagtet: Ihr wußtet von Beginn an, mit wem Ihr es zu tun habt - und einem Elfen mit meiner Hautfarbe fällt es ja auch nicht gerade leicht, zu verbergen, was er ist. Wir sind hier, um uns gegenseitig noch einmal auf den neuesten Stand zu bringen, bevor Artemis und ich die Stadt verlassen. Also? Was habt Ihr für uns, meine Damen?"
Die beiden Drachenschwestern tauschten einen langen Blick, dann seufzte Ilnezhara und ließ den Kopf resigniert ein wenig nach vorne sinken. Eine Flut rotgoldenen Haars glitt über ihre Schulter und bedeckte halb ihr Gesicht. Entreri und Jarlaxle nippten synchron an ihren Getränken.
"Wir haben mit unseren Agenten in Impiltur gesprochen. Die meisten Artefakte aus dem Besitz Zenghyis, die in jüngster Zeit aufgetaucht sind, ließen sich in ihrer Herkunft nicht weiter zurückverfolgen als bis zu etlichen zwielichtigen Händlern, die ihre Quellen nie preisgeben würden."
"Solche Händler kann man zum Reden bringen", versicherte Entreri, und Jarlaxle nickte unternehmungslustig.
"Sagt uns einfach, was Ihr wißt."
"Darmshall", sagte Tazmikella nach kurzem Zögern. "In dieser Gegend scheinen viele Artefakte aufgetaucht zu sein. Ein Mann namens Kesselin. Aber schwört mir, Jarlaxle, daß Ihr Urshula noch in Eurer Hand habt und sie nicht freizulassen gedenkt. Ihr habt diese Bestie noch nicht wirklich erlebt. Als Ihr gegen sie kämpftet, war sie noch dabei, sich zu regenerieren. Ihr könnt Euch nicht ausmalen, was für Schrecken sie zu verbreiten im Stande ist, wenn sie erst einmal ihre volle Stärke erreicht hat." Jarlaxle mochte sich täuschen, aber für einen Moment lang meinte er aus den Augenwinkeln zu sehen, wie sein Partner bei dieser Bemerkung Tazmikellas unter seinem mit Grau überhauchten dunklen Teint ein wenig die Farbe verlor. Er schmunzelte in sich hinein.
Er war ein kluger Kerl, dieser Mensch. Klug genug, um Furcht zu kennen. Und Jarlaxle freute sich insgeheim diebisch, wenn es ihm gelang, seinen stoischen Freund in Schrecken zu versetzen: Einmal, weil es so selten war, daß überhaupt irgendetwas durch die meterdicken Stahlwände von Artemis Entreris Gefühlskälte hindurch drang, und zum zweiten, weil es ihm etwas verriet. Artemis Entreri war fähig, um sein Leben zu bangen. Nur die, die dem Leben Wert beimaßen, hatten Angst, es zu verlieren. Der Meuchelmörder war also doch nicht vollkommen abgestumpft zu jener anspruchs-, wunsch- und seelenlosen Mordmaschine, die er so lange als Ideal eines Kämpfers propagiert hatte. Er mochte sich noch immer nicht vollständig von dieser Vorstellung gelöst haben, aber er war auf dem besten Weg dazu.
Jarlaxle war insgeheim sehr zufrieden mit seinem Schüler. Sogar wenn er fürchterlich stinkenden Kaffee trank.
"Teure Tazmikella", erklärte der Drow inzwischen laut, in seinem liebenswürdigsten Tonfall, "bitte glaubt mir, wenn ich Euch versichere, daß ich mit der aktuellen Lage überaus glücklich bin und keine Veranlassung sehe, daran etwas zu ändern." Er lächelte. "Für den Moment zumindest." Er drehte sich nach Shandozul um. "Habt Ihr uns auch etwas Neues mitzuteilen?"
Der Priester wiegte bedächtig den Kopf hin und her und rührte mit einem zierlichen silbernen Löffelchen klingelnd in seiner Teetasse. "Wenig wirklich Konkretes, wie ich fürchte. Ich habe die üblichen Kontakte überprüft - Teufelchen und niedere Dämonen befragt und so weiter. Mit geringem Erfolg, wie ich hinzufügen möchte. Zenghyis Name erregt selbst in Abyss und Hölle noch immer etlichen Schrecken, scheint mir, und man ist sich offenbar selbst in den Niederhöllen nicht sicher, inwiefern die Mächte, die hinter ihm standen, tatsächlich endgültig vergangen sind. Ihr wißt ja, wie das mit diesen Dämonenfürsten und Gottheiten ist - tot ist da oftmals ein ziemlich vager Begriff."
"Dafür, daß Ihr nichts zu sagen habt, redet Ihr ziemlich viel", hielt Entreri stirnrunzelnd fest. Ein zähneblitzendes Strahlen anwortete ihm.
"Ah, ich habe nicht gesagt, daß ich mit vollkommen leeren Händen dastehe. Glücklicherweise erwiesen sich die herkömmlichen Methoden als ziemlich erfolgreich. Ich habe etliche Spione des Drachenkults auf jenes Buch angesetzt, mit dem der ganze Ärger anfing, also jenes Buch der Erschaffung, das für den Bau des Zenghyi-Schlosses verantwortlich war. Sie berichten, daß es offenbar zuerst von einem halborkischen Händler namens Wingham besessen wurde, konnten mir aber nicht sagen, woher jener es nun wieder erhalten hatte."
"Das wußten wir bereits", winkte Jarlaxle ab. Der Priester lächelte.
"Nun, dann wird es Euch vielleicht interessieren, daß Die waffenwirbelnden Vagabunden des vogelwilden Wingham, wie die Gauklertruppe dieser Halborks sich offenbar nennt, von König Gareth Drachenbann ein Winterquartier innerhalb der schützenden Mauern des Vaasa-Tors zugesichert erhielten. Sie benutzen es nicht jedes Jahr, aber heuer sind sie, wie Gerüchte vermelden, vor etlichen Tagen eingetroffen."
Es dauerte nur einen Herzschlag, dann spiegelte sich das verschmitzte Lächeln Shandozuls eins zu eins auf dem schwarzen Gesicht Jarlaxles. "Da trifft es sich ja wirklich großartig, daß Artemis und ich morgen zu den Toren aufbrechen."
"Eine Fügung der Götter", nickte der Priester, stellte seine Tasse auf den Tisch und legte die Hand auf die Brust. "Ich spüre es: Meine Dame ist mit uns und wird Eure Schritte leiten."
Von Entreris Seite kam ein Raunzen, das auch von einem angriffslustigen Bären hätte stammen können. Der Meuchelmörder verzichtete allerdings darauf, noch einmal laut darauf hinzuweisen, wie wenig er die Einmischung von Drachen in sein Leben schätzte. Was, wie Jarlaxle annahm, wohl auch für ihre Gottheiten galt. Stattdessen sagte er, während er seinen leeren Kaffeebecher beiläufig neben die Teetasse Shandizuls schob:
"Das einzig Gute, das ich an unserer Abreise sehe, ist, daß ich um den Wachdienst morgen herumkomme."
"Wachdienst?" Auch Jarlaxle mußte hastig austrinken und aufstehen, weil sein Partner, ungeduldig wie eh und je, die Versammlung schlicht und ergreifend dadurch für beendet erklärte, daß er sich abwendete und zur Tür schritt. Der Drow seufzte, verbeugte sich tief in Richtung der beiden Frauen und tippte sich kurz an den Hut, um sich von Shandozul zu verabschieden, ehe er seinem menschlichen Freund folgte. "Schon wieder? Ich dachte, den hättest du vorige Woche erst gehabt?"
"Hätte, genau." Die beiden Söldner schritten, ohne dem kleinen Mann hinter dem Ladentisch einen Blick zu schenken, durch den Verkaufsraum und nahmen ihre Mäntel vom Haken, und Entreri schoß einen scharfen Blick in Richtung des Dunkelelfen. "Ich mußte mit Raunir tauschen. Immerhin brauchte ich einen gewissen Abend frei, um eine gewisse Bäckerei zu bewachen."
"Und wie du siehst, wurde diese gute Tat auch sofort belohnt", grinste Jarlaxle. Ein Schwall eisiger Luft begrüßte ihn, als er die Tür aufstieß und neben Entreri auf die Gasse trat, in der es, obwohl es noch recht früh am Nachmittag war, bereits wieder dunkel zu werden begann.
"Raunir wird fluchen."
"Gib ihm ein Bier aus im 'Schlammige Stiefel und Blutige Klingen', und er ist zufrieden. Der Junge vergöttert dich."
Entreri runzelte sichtbar die Stirn auf diese Bemerkung. Die Heldenverehrung, die ihm seitens des lebenslustigen jungen Sevellin zuteil wurde, behagte ihm gar nicht. Er wechselte das Thema. "Traust du dem Pfaffen?"
"Vorerst, ja."
"Und auf welcher Grundlage?"
"Mein jahrhundertealter Instinkt?" schlug Jarlaxle vor, und erhielt, wie nicht anders zu erwarten, ein bitteres Lachen als Antwort.
"Du meinst denselben Instinkt, der dich annehmen ließ, es wäre eine tolle Idee, einen kristallenen Turm mitten in Calimhafen zu errichten?"
Jarlaxle legte eine Hand auf die Brust. "Au, Artemis. Das hat gesessen. - Nein. Glaub mir. Etwas an dem Mann... nun ja. Er spielt mit Sicherheit sein eigenes Spiel, aber er will uns für den Moment gewiß nicht übel." Er blieb stehen. "Was mich auf einen Gedanken bringt. Mein Freund, ich fürchte, ich muß noch etwas erledigen. Geh ruhig schon vor, ich komme nach."
Entreri zuckte die Achseln. "Kann sein, daß ich selbst noch ausgehe heute. Farbe?"
"Blau. Und grüß deine Unbekannte schön von mir."
