Das düstere Kellergewölbe, das zu einem der wenig genutzten Gebäude der Kasernen von Heliogabalus gehörte, wurde so selten betreten, daß bisher noch nicht einmal jemand bemerkt hatte, wieviele der hier gelagerten Kisten und Kästen bereits von Mäusen angefressen waren und daß hinter den ausgemusterten Armeeschwertern und morsch gewordenen Waffenregalen sich eine ganze Familie von Ratten ein bequemes Nest aus den Überresten zerfetzter damarischer Uniformen gebaut hatte. Eine von ihnen fiepte Jarlaxle bei seinem Eintritt aus einem verbeulten Helm heraus so entrüstet an, als wolle sie sich über die Ruhestörung beschweren.

Hätte der Drow Licht benutzt, eine Lampe oder Laterne vielleicht, so wäre der Nager vermutlich geflohen - diese Tiere waren satt und wohlgenährt und nicht in der Stimmung, sich mit einem Zweibeiner anzulegen. Aber natürlich hatte Jarlaxle das nicht nötig. Für seine funkelnden roten Augen war die hier herrschende tiefe Dunkelheit vielmehr eine Erholung, verglichen mit dem penetranten Sonnenlicht der Oberfläche. Und in umso größerem Maße mußte das für einen Dunkelelfen gelten, der direkt aus dem Unterreich kam und nicht wie sein ehemaliger Hauptmann über Monate Gelegenheit gehabt hatte, sich an das Leben unter dem gewaltigen Feuerball zu gewöhnen.

Zugegeben, es gab auch nicht viele Drow, die das ernsthaft versuchten.

Kimmuriel Oblodra, der gefährliche Psioniker, der seit Jarlaxles Fortgang über die Söldnertruppe Bregan d'aerthe gebot, trat mit wehendem dunklem Piwafwi durch das schimmernde Portal, das er durch einen Impuls seines Geistes gerade selbst geschaffen hatte, verharrte einen Moment, um den kurzen Augenblick der Desorientierung vorbeigehen zu lassen, den das Passieren eines solchen magischen Portals immer mit sich brachte, und sah sich dann mit amüsierter Empörung in dem feuchten Keller um, ehe er sich tief vor seinem früheren Kommandeur verbeugte.

"Ich bin beeindruckt", sagte er auf drow. "Wir haben uns schon an vielen häßlichen Orten getroffen, aber Ihr findet tatsächlich immer wieder neue, die die vorherigen wie Paläste aussehen lassen." Er hatte sich eine neue Frisur zugelegt, stellte Jarlaxle amüsiert fest: Das lange, weiß schimmernde Haar war in sorgfältig drapierten Zöpfen aus dem dunklen Gesicht geflochten, und zwar in einer Art und Weise, die Kimmuriels Stirnpartie und Oberkopf betonte und größer wirken ließ, als wolle der Psioniker dadurch noch zusätzlich auf seine unheimlichen, weitgehend unkalkulierbaren Geisteskräfte hinweisen. Anscheinend hatte der neue Sprecher von Bregan d'aerthe bereits begriffen, worauf es bei den Verhandlungen in Menzoberranzan vor allen Dingen ankam: Eindruck zu machen.

"Hübsch", spöttelte Jarlaxle und tippte sich mit der Hand gegen seine eigene Schläfe. "Ich wette, die Mütter Oberinnen sind sehr glücklich über den Führungswechsel bei Bregan d'aerthe. Mit solchen Spielereien konnte ich bei meiner Haartracht ja leider nicht dienen."

Kimmuriel lächelte etwas säuerlich. "Bis jetzt scheint mir, als legten die Herrscherinnen von Menzoberranzan eher auf andere Dinge Wert als auf bloße Äußerlichkeiten. Obwohl ein gewisses Auftreten sich in vielen Fällen als hilfreich erwiesen hat."

"Nie habt Ihr ein wahreres Wort gesprochen, mein Freund." Jarlaxle grinste breit. "Wir sind eben nichts als simple Männchen, dazu geboren, unsere schwachen Kräfte in den Dienst der Frauen zu stellen, die uns so haushoch überlegen sind. Und dazu gehört natürlich auch, ihnen zumindest etwas fürs Auge zu bieten." Er wurde abrupt ernst. "Genug davon. Wie steht es in unserem turbulenten Städtchen?"

Jarlaxles Gesicht wurde sichtlich nachdenklich, als er dem knappen, aber detaillierten Bericht seines Freundes lauschte, und seine Stirn legte sich, was bei ihm selten war, in ernste Falten.

"Mit einem Wort", resümierte er am Ende, "Baenre schwächelt."

Es kostete Kimmuriel sichtlich Mühe, seinen Gesichtsausdruck gleichmütig zu halten und ein triumphierendes Lachen zu unterdrücken, als er antwortete. "Das tut es, und zwar in noch größerem Ausmaß, als wir vorhergesagt haben." Dennoch gelang es ihm nicht ganz, den Tonfall tiefer Befriedigung völlig aus seiner Stimme zu verbannen. Gerade einmal ein Jahrzehnt, eine verschwindend geringe Zeit nach den Maßstäben der Drow, war es her, daß Haus Baenre das mächtige Haus Oblodra vernichtet hatte. Vernichtet, ausgelöscht, bis auf den letzten erbärmlichen Goblinsklaven, und zwar nicht in einer der häufigen Fehden zwischen einzelnen Adelssippen, sondern man hatte Kimmuriels Familie gebrandmarkt als Abtrünnige und sie mit Lloths Hilfe einer angeblich göttlichen Bestrafung unterzogen. Kimmuriel war durch bloßen Zufall entkommen, da er sich gerade zu Verhandlungen bei befreundeten Illithiden aufhielt. Als er zurückkehrte, fingen ihn Jarlaxles Späher noch vor Durchschreiten der Tore ab, und der von den Neuigkeiten wie erschlagene Drow, der sich urplötzlich nicht mehr als Sohn einer der mächtigsten Adelssippen der Stadt, sondern als verachteter Hausloser wiederfand, war bereits in die Reihen von Bregan d'aerthe aufgenommen, ehe er wirklich verstanden hatte, was geschehen war.

Zurückblickend ließ sich sagen, es hatte sich für ihn ausgezahlt. Was nicht hieß, daß Kimmuriel den Baenre verziehen hätte.

Er begegnete einer sanft nach oben gezogenen Augenbraue neben einer roten Augenklappe, unter der ihn eine ebenso rote Iris nachdenklich anfunkelte. Kimmuriel wußte, daß sein ehemaliger Kommandeur soeben jede seiner Emotionen so exakt erraten hatte, als könne er Gedanken lesen. Und nicht zum ersten Mal, wenn er mit dem umtriebigen Jarlaxle sprach, fühlte der Psioniker sich, als hätte er irgendwie mit seinem Gegenüber die Rollen getauscht: Er, der Psioniker, wurde durch diverse magische Gegenstände, vor allem durch die Kraft der Augenklappe, daran gehindert, in den Geist ihres Besitzers einzudringen, während der andere Drow sich schlicht und ergreifend durch Klugheit und Einfühlungsvermögen in ihn hineinversetzen konnte.

Irgendwie, fand Kimmuriel, war das nicht fair.

"Ihr wißt natürlich", sagte Jarlaxle beiläufig, "daß Bregan d'aerthe traditionell gute Beziehungen zum Haus Baenre unterhielt." Kimmuriel nahm die unausgesprochene Ermahnung mit einer stummen Verbeugung entgegen, auch wenn ihm für einen Moment auf der Zunge lag, daß im Augenblick er, Kimmuriel Oblodra, die Entscheidungen für Bregan d'aerthe traf, nicht Jarlaxle. Der frühere Söldnerhauptmann mochte den Gedankengang des aktuellen auch diesmal wieder erraten haben, denn erneut lag der rot schimmernde Blick seines einen unbedeckten Auges forschend auf Kimmuriel. Dann wendete er sich zur Verblüffung des Psionikers ab und begann, auf den feuchten, modrigen Steinfliesen auf und ab zu schreiten. Seine Hände bewegten sich in lebhaften, fast heftigen Gesten, während er laut zu reden anfing, als halte er eine Ansprache vor weit größerem Publikum als nur seinem derzeitigen Stellvertreter.

"Baenre. Baenre und Menzoberranzan. Baenre ist für die Stadt eine Geißel und eine Gnade. Es war fast allein Haus Baenre, das über Jahrhunderte hinweg die Größe Menoberranzans garantiert hat. Seine Soldaten wären in der Lage, sich zur Wehr zu setzen, selbst wenn sie es mit der Hälfte der niederen Häuser auf einmal zu tun bekämen. Kein Haus stellt so viele Hohepriesterinnen, kein Haus konnte sich je in seiner Macht so sicher sein. Erste Mutter Oberin im Konzil? Eine Baenre. Herrin von Aranach-Tilith? Eine Baenre. Erzmagier der Stadt? Ein Baenre. Baenre ist überall, Baenre bestimmt, was Recht und was Unrecht ist, Baenre erhöht und vernichtet nach Belieben, Baenre gibt und fordert mit tausendfachem Zins zurück. Baenre ist wie eine Mutter, die ihre eigene Brut verzehrt." Er musterte Kimmuriel scharf. "Oder zumindest war es so. Zu Zeiten der alten Mutter Oberin Yvonnel."

"Yvonnel war zweifellos eine machtvolle Herrscherin", sagte Kimmuriel so neutral, wie ihm möglich war. Jarlaxle lachte laut.

"Eine verlebte, hinterhältige alte Hexe war sie", ergänzte er amüsiert, "der die dauernde Anstrengung, ihren eigenen Blutdurst, ihre Grausamkeit, ihre Falschheit und ihren Hang zum Verrat unter Kontrolle zu halten, vermutlich das letzte Bißchen Vergnügen an ihrer Existenz genommen hat. Aber sie war da, und sie garantierte eine Art Stabilität in Menzoberranzan, schlicht und ergreifend dadurch, daß alle Welt gezwungen war, sich ihrem Willen zu beugen. Ihr Wort war Gesetz und schuf Ordnung im Chaos von Menzoberranzan."

"Aber ist Chaos nicht der beste Boden, auf dem Bregan d'aerthe Fuß fassen kann?" wandte Kimmuriel ein.

"In Maßen, mein Freund, in Maßen", nickte Jarlaxle. "Es ist wahr, Bregan d'aerthe ist auf Unruhe angewiesen. Denn die Phase der Unruhe benützen wir, um unsere Preise zu erhöhen, unsere Machtbasis zu erweitern, und sobald die Unruhe verebbt und unsere verehrten Mütter Oberinnen sich umsehen, werden sie feststellen, daß Bregan d'aerthe erneut gewachsen ist und erneut einen höheren Rang im Machtgefüge der Stadt einnimmt. Wir, die Ausgestoßenen, die Hauslosen, profitieren naturgemäß am meisten von den Streitereien der Häuser. Aber beständiges Chaos, beständiger Kampf, ein Zustand beständigen Krieges?" Er schüttelte den Kopf. "Überschätzt unsere Macht nicht, mein kluger Freund. Letzten Endes sind wir nicht viel mehr als hilfreiche Schmarotzer, oder laßt es mich freundlicher formulieren: Wir leben in Symbiose mit der Stadt. Menzoberranzan braucht Bregan d'aerthe, dafür habe ich - haben wir - in jahrzehntelanger Arbeit gesorgt. Aber Bregan d'aerthe braucht auch Menzoberranzan. Was haben wir davon, wenn die einzelnen Häuser sich tatsächlich ungezügelt gegenseitig zerfleischen und dabei so sehr ausbluten, daß niemand mehr für unsere Dienste bezahlen kann?" Er machte eine Geste, als wische er etwas vom Tisch. "Genug mit diesen Gedankenspielen. Wie kommt Ihr inzwischen mit Triel zurecht?"

Kimmuriels mißmutiges Gesicht bei der Erwähnung der neuen Mutter Oberin Baenre genügte Jarlaxle, um in heiteres Lachen auszubrechen.

"Haltet Euch an den Erzmagier", riet er. "Ihr müßt ja ohnehin noch bei ihm vorbei schauen, um Erkundigungen über einen gewissen Gegenstand einzuziehen, den Ihr mir eventuell zu liefern habt."

"Eventuell", hielt der Psioniker erheitert fest. "Noch habt Ihr keinen Beweis." Er wurde abrupt ernst. "Seid Ihr noch immer entschlossen?"

"Mehr denn je. Und ich denke, der Punkt wird bald kommen, an dem ich Eurer Hilfe und der von Bregan d'aerthe bedürfen könnte."

Kimmuriel verbeugte sich, um seine Zustimmung anzudeuten, machte sich diesmal aber gar nicht die Mühe, zu verbergen, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte. "Ich frage mich, ob Ihr Euch nicht zu große Hoffnungen macht. Auch das Projekt in Calimhafen ist gescheitert."

"Aufgrund meiner eigenen Dummheit", spottete Jarlaxle. "Es war ein Fehler, Euch und so viele Drow an die Oberfläche zu zwingen. Crenshinibon kam noch erschwerend hinzu. Aber die Idee, die Idee einer permanenten Verbindung zur Oberfläche, die ist gut. Haben wir in der Zeit, in der die Verbindung nach Calimhafen funktionierte, nicht großartig verdient?"

"Das haben wir", gab Kimmuriel zu.

"Und dennoch glaubt Ihr nicht an ein Gelingen meines Plans."

"Es gibt einen völlig unkalkulierbaren Posten in Eurer Rechnung", sagte der Psioniker angewidert. "Der Mensch. Ihn zu Eurer Marionette zu machen, hat schon einmal nicht funktioniert, eben in Calimhafen."

"Er wird keine Marionette sein", lächelte Jarlaxle. "Ich werde ihn auf den Thron setzen, und er wird ihn ausfüllen. Ihr kennt ihn, und auch wenn Ihr ihn nicht besonders mögt... also gut: auch wenn Ihr ihn verabscheut, so habt Ihr ihn doch nie so unterschätzt, wie es der arme Rai-Guy tat. Ihr wißt, daß er dazu in der Lage ist."

Kimmuriel schüttelte seine langen weißen Haare. "Es wird nicht funktionieren", beharrte er. "Was wollt Ihr tun, wenn er nicht will? Und er wird nicht wollen, weil er gar nichts will. Alles ist ihm gleichermaßen widerwärtig und langweilig. Womit wollt Ihr ihn locken? Gold interessiert ihn nicht, Macht interessiert ihn nicht, alle anderen außer ihm selbst interessieren ihn nicht. Ihr habt nichts, womit Ihr ihn zwingen oder was Ihr ihm bieten könntet."

Jarlaxle lächelte überlegen. "O doch, mein Freund. Das habe ich."

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"Habt Ihr verstanden?" fragte Erzmagier Knellict mit leicht erhobener Stimme, die unter dem Felsgewölbe der kahlen kleinen Höhle widerhallte - ein bei ihm seltener Tonfall. Aber gegenüber einem bockbeinigen schwarzbärtigen Zwerg, der im Moment trotzig die Unterlippe vorgeschoben (soweit sich das mit Sicherheit sagen ließ, da man von besagter Lippe im dichten Bartgeflecht kaum etwas erkennen konnte) und die stämmigen Arme vor der Brust verschränkt hatte, mochte es die richtige Taktik sein. Erwartungsgemäß wagte Athrogate zwar nicht direkt zu widersprechen, glich das aber in echt zwergischer Sturheit dadurch aus, daß er eine möglichst finstere Miene aufsetzte.

Knellict war fast schon so weit, sich Canthan zurückzuwünschen. Der Zauberer war lästig und allzu häufig inkompetent gewesen, aber immerhin hatte er es dem heimlichen Herrscher der Zitadelle abgenommen, sich persönlich mit unwilligen Hilfskräften wie eben Athrogate auseinandersetzen zu müssen.

"Nun?" wiederholte er, als von dem Zwerg keine Antwort kam.

Athrogate knurrte spontan ein höchst unverschämtes "Bin ja nich' taub, und bin ja nich' dämlich", um dann in wenig überzeugender Unterwürfigkeit ein "Herr" hinterherzuschieben.

Einen langen Moment war der Erzmagier mehr als nur versucht, den Zwerg für seinen Mangel an Respekt zu einem schwarz verkohlten Klumpen Fleisch zu verbrennen. Abgesehen davon, daß er keine Lust hatte, sich mit dem unvermeidlichen Gestank zu befassen, den dieser Zauber immer mit sich brachte, war er auch nicht sicher, ob er auf den lästigen Zwerg wirklich verzichten konnte. Athrogate gehörte zwar nicht wrklich sebst zur Zitadelle im engeren Sinn - und bei seinem Hang, sich in sinnlose Schlägereien verwickeln zu lassen, würde sich daran auch gewiß nichts ändern -, hatte ihr aber in der Vergangenheit gute Dienste geleistet. Der Zwerg war zu laut, zu aufdringlich, zu rauflustig und viel zu unvorsichtig, aber er hatte seine Qualitäten. Die bloße Tatsache, daß viele Leute wußten oder auch nur ahnten, daß ein so gefürchteter Kämpfer wie der schwarzbärtige Haudegen Beziehungen zur Zitadelle hatte, erhöhte bereits deren Ruf - und lenkte so manches wachsame Auge auf den auffälligen Zwerg, das sonst vielleicht anderswohin geblickt hätte. Und es gab natürlich immer wieder Gelegenheiten, bei denen die Zitadelle Leute benötigte, die ihnen in bestimmten Lagen Ohren, Augen und gegebenenfalls Hände und Waffen liehen.

So wie diese. Und für diese war Athrogate zweifellos die richtige Wahl.

"Dann wißt Ihr also, was Ihr zu tun habt?" erkundigte der Erzmagier sich in eisiger Ruhe. Athrogate knurrte wieder.

"Dumm rumsitzen und Wache stehen", reimte er in üblicher Manier, "statt ein paar Hälse umzudrehen." Er war sichtlich nicht zufrieden mit dieser Aussicht.

Aus irgendeinem Grund fand Knellict die Tatsache, daß der Zwerg allen Ernstes wagte, in seiner Gegenwart einen seiner Knüttelverse vorzutragen, noch viel empörender als alles andere. Nur die Erinnerung daran, daß er Athrogate in der Tat für diese Aufgabe brauchte, hielt ihn davon ab, dem Zwerg zumindest eine schmerzhafte Lehre zu erteilen. Das, und das Wissen, daß Athrogate bei jedem gegen ihn gerichteten Angriff sofort brüllend und mit wirbelnden Morgensternen auf den Gegner losgehen würde. Und zu einer solchen Auseinandersetzung hatte der Erzmagier im Augenblick wirklich keine Lust - selbst wenn er sicher war, sie jederzeit bestehen zu können.

"Ihr sollt nicht herumsitzen, Ihr sollt ein Auge auf Eure beiden alten Kampfgenossen haben", korrigierte der Magier brüsk. "Und Euch, wenn möglich, unauffällig mit ihnen besprechen."

"Pah!" schnarrte der Zwerg. "Kampfgenossen, daß ich nicht lache! Die zwei legen's doch nur drauf an, uns alle anzuschmieren, das laßt Euch aber mal von Athrogate gesagt sein. Und ich muß mir den Zirkus mit den beiden Witzfiguren antun, statt daß ich den Orks und Goblins den Garaus mache! Wenn diese Zimmzicke von einer Halbelfe erst wieder zu den Toren kommt und macht mir am Ende die Rangliste streitig, und ich sitze da wegen dem schwarzen Spitzohr und dem Kerl mit dem Salamimesser und kann nix machen, dann seid aber Ihr schuld, das sag ich Euch."

Der sanft seufzende Knellict - der nicht die leiseste Ahnung hatte, von welcher halbelfischen Zicke sein kleingewachsenes Gegenüber sprach, und den es auch nicht einmal ansatzweise interessierte - ließ den Wutausbruch des Zwergs vorübergehen und wartete ab, bis er einer tödlichen Stille gewichen war, angesichts derer selbst dem wütenden Zwerg klar sein mußte, daß er sich gerade im Ton vergriffen hatte.

"Eure lächerlichen Ambitionen", sagte er dann leise, "bezüglich der Belohnungslisten unseres Feindes Gareth Drachenbann, sind für die Zitadelle gerade einmal soviel wert." Er schnippte nachlässig mit den Fingern in der Luft. "Ihr seid unsere Kreatur, Athrogate. Von uns hattet Ihr das Gold, um Euch Eure beiden Waffen leisten zu können. Von uns habt Ihr Eure speziellen Kampftechniken erlernt. Wir haben dafür gesorgt, daß gewisse Feinde, die Ihr Euch in Heliogabalus und anderswo gemacht hattet, verfrüht das Zeitliche segneten, und Euch die Rivalen innerhalb der Schmalen Börse aus dem Weg geräumt. Wir haben Euch gemacht, Athrogate. Wir können Euch ebenso leicht vernichten." Er lächelte. "Also. Werdet Ihr tun, was man Euch befohlen hat?"

Der Zwerg brummte etwas, das sich als Zustimmung deuten ließ.

"Der Drow zieht bestimmt jeden verdammten Spitzel in ganz Damara an", knurrte er anschließend. "Wißt Ihr nich' mehr, der Hut?" Er hielt die Hände so weit auseinander, wie es die Länge seiner Arme zuließ. "Jeden götterverdammten Spitzel, ich hab Euch gewarnt, bei Moradin!"

Knellict dachte, daß jemand wie Athrogate nun wahrlich keine Hilfe brauchte, weder durch Dunkelelfen noch durch deren Hüte, um die Aufmerksamkeit des damarischen Geheimdienstes auf sich zu ziehen. Es gehörte zu den wenigen Qualitäten des Zwergs, die der Erzmagier wirklich schätzte.

"Das laßt einmal unsere Sorge sein. Unsere Pläne sind ein wenig weiter gespannt als die Euren, Athrogate."