"Morgen schon?"
Calihyes Stimme klang dunkel und rauchig, und auch noch ein wenig atemlos. Entreri, der sich in ungewohnter Weise noch neben ihr ausgestreckt hatte, den Kopf auf ihrer Schulter, einen Arm quer über ihre Taille gelegt, hatte ihr gerade vom bevorstehenden Abmarsch seiner Einheit zum Blutsteinpaß berichtet. Er sah sie dabei nicht an, sondern blickte aus halb geschlossenen Augen ins Halbdunkel von Calihyes Wohnung, und sein Tonfall war nüchtern und sachlich.
Calihye fragte sich, was er denken mochte.
Es war so schwer, diesen Mann zu lesen. Sein Gesicht, diese seltsam grau schimmernde, sonnenbraune Maske, verriet nichts, und wenn der Mann sich einmal herabließ, eine Emotion zu zeigen, so schienen Hohn oder Geringschätzung die einzigen zwei Möglichkeiten zu sein, die ihm zur Verfügung standen. Auf der anderen Seite sprach er auch so wenig, daß gewiß kein Satz aus seinem Mund kam, der nicht mit Vorbedacht geäußert wurde. Was also bedeutete die kühle Ankündigung seiner morgigen Abreise auf unbestimmte Zeit? War es ein endgültiger Abschied, hieß es, daß die seltsame Beziehung zwischen Entreri und der Halbelfe hiermit endete? Oder war es vielmehr eine Aufforderung, erwartete er heimlich, daß Calihye ihn zum Bleiben zu überreden versuchte?
Es war nichts von alledem, entschied die Frau. Die Bemerkung war nicht mehr als eben das, und in ihr lag weder Hoffnung noch Aufforderung noch sonst ein verborgener Sinn. Allenfalls war es milde Spannung, wie die Frau auf die Neuigkeit reagieren mochte, oder vielleicht, in irgendeiner kaum zu fassenden Form, ein Test.
Alles, was Entreri in Bezug auf Calihye sagte oder tat, war in gewisser Weise ein Test, so empfand es die Frau oft. Als sage und tue er es nur, um herauszufinden, was Calihye darauf sagen oder tun würde. Und während ein Teil von ihr den Mann dafür am Kragen packen und ihm ins Gesicht schreien wollte, was er sich denn einbilde, wofür er sich denn halte und was ihm das Recht gebe, über sie zu urteilen, wünschte sie sich doch gleichzeitig nichts mehr, als diesen Test zu bestehen.
Dabei wußte sie längst, daß das vermutlich ein Ding der Unmöglichkeit sein würde. Entreri hatte sein Urteil über die Welt längst gefällt, und das beste Ergebnis, auf das Calihye hoffen konnte, war, es nicht zu bestätigen. Aber dennoch wünschte sie sich heimlich, hinter die steinerne Fassade des gemütskalten Calishiten blicken zu können, und sei es nur für einen Moment. Einen solch gestohlenen Augenblick der Überraschung wie den, als sie Entreri beim Spiel auf seiner geheimnisvollen Flöte ertappt hatte.
Seitdem wußte sie, daß jeder noch so kurze Blick es wert war, auch wenn Entreri selbst es vielleicht nicht glauben wollte.
Vielleicht war das schon alles, was sie füreinander bedeuteten: ein Experiment. Manchmal schien es der Frau, als sprächen sie und der Mann, ohne ein Wort zu gebrauchen, eine ähnliche Sprache. Die der Verwundeten, Gebrannten und Vernarbten, die der Flüchtlinge. Und beide waren stillschweigend übereingekommen, diese Sache, die sich da zwischen ihnen entwickelt hatte und für die keiner von beiden bis jetzt einen Namen hatte, als Versuch zu nehmen. Ein vorsichtiger, zögernder, tastender Versuch auf einem Terrain, das beiden fremd geworden war.
Vielleicht, wer wollte das sagen, hatte Entreri selbst ebenso das Gefühl, von Calihye vor eine Vielzahl unlösbarer Aufgaben gestellt zu werden, wie es der Frau umgekehrt mit ihm ging.
Sie bemerkte, daß sie lange geschwiegen hatte. Er hatte inzwischen leicht den Kopf gewendet und musterte sie, und um seine Mundwinkel lagen bereits wieder die zwei typischen spöttischen Furchen.
"Verzeih", sagte sie. "Ich habe nachgedacht."
Die höhnischen Gräben vertieften sich. "Das merke ich. Ich habe die Rädchen rattern gesehen."
Sie atmete ein und schluckte eine bissige Entgegnung hinunter. "Wenn ich nun..."
"Was?"
"Wenn ich nach Blutstein käme - würde deine Männlichkeit das noch ertragen, oder würde sie vor Eitelkeit platzen?"
Er rückte von ihr ab, rollte sich auf den Bauch und stützte sich auf die Ellenbogen. In dieser Haltung, mit seinem undeutbaren Gesicht, hatte er unbestreitbar etwas von einer Sphinx.
Es dauerte, bis er etwas sagte.
"Würdest du das wollen?" erkundigte er sich dann. Und erneut lag nichts darin. Kein Wunsch, keine Ablehnung. Allenfalls beiläufiges Interesse. Einen Moment lang keimten Ärger und Enttäuschung in ihr auf und wollten allen guten Willen ersticken. Es bedurfte der Erinnerung an ihre eigenen Worte im Schlammige Stiefel und Blutige Klingen, um die Regung zu besänftigen.
Ich bin nicht die einzige, die sich hinter Narben versteckt. - Und dieses Spiel verstehst nicht nur du zu spielen, Artemis Entreri.
"Ich wollte ohnehin wieder einmal Parissus' Grab besuchen."
Kein Muskel zuckte auf seinem Gesicht, aber irgendwo hinter den Schleiern, mit denen seine dunklen grauen Augen verhangen schienen, sah sie es bei Nennung dieses Namens kurz aufblitzen. Was war es? Scham? Widerwillen gegen eine unangenehme Erinnerung, Unsicherheit, weil er nicht wußte, wie umgehen mit diesem Thema, das Calihye Schmerz bereitete?
Vielleicht, um sich zu beweisen, daß er diesem Punkt ebenso gleichgültig gegenüberstand wie allem anderen, streckte er sich wieder neben ihr aus, und urplötzlich wußte sie, was sie tun mußte. Es war überfällig, diese steinerne Ruhe zu erschüttern, und etwas sagte ihr, daß sie das nur von ihm erhalten konnte, wenn sie ihm vorher etwas mindestens ebenso Wertvolles von sich gab. Sie holte einmal tief Atem und raffte ihren ganzen Mut zusammen, ehe sie zu sprechen begann.
"Ich bin ihr das schuldig. Sie war über Jahre weg meine Begleiterin. Es war nicht immer leicht mit ihr. Sie konnte aufbrausend sein, stolz und ehrgeizig. Aber sie war diejenige, die zu mir stand. Sie half mir, und sie hinterfragte mich nie."
Er warf ihr einen kurzen, forschenden Blick zu, sagte aber nichts
"Als wir uns begegneten", fuhr die Halbelfe fort, "war ich auf meiner ersten Reise fort von zu Haus. Zu Schiff, auf dem Mondsee. Es gab viele Piraten dort. Wir wurden geentert, und..." Sie holte neuerlich Atem und schluckte die aufkeimende Panik hinunter, bis nichts mehr übrig war als nackte, nüchterne Sätze. "Ich war unter Deck geflüchtet. Einer der Piraten kam mir nach und drängte mich in einen Lagerraum. Er stieß mich zu Boden, und... ich wehrte mich. Er schlug zu, mit seinem Entermesser." Sie fuhr mit einer Hand an der Narbe entlang, die ihr Gesicht spaltete, Auge, Nase, Mund, und er folgte ihren Fingerspitzen mit seinem unbewegten Blick.
"Offenbar störte ihn das Blut nicht, das mir über das Gesicht lief, denn er machte einfach weiter. Er lag noch auf mir, als Parissus dazu kam. An Deck hatte das Blatt sich inzwischen gewendet, ein in der Nähe kreuzendes Kriegsschiff hatte die Explosionen der Feuerbälle gehört und brachte die Piraten auf. Parissus zerrte den Mann von mir weg, und sie tötete ihn. Richtiger, sie schlachtete ihn. Sie nahm mich bei der Hand, half mir, meine Wunde zu versorgen, und kümmerte sich um mich." Sie starrte an die Decke. "Sie hat nie ein Wort darüber verloren. Ich habe mich später, als wir gemeinsam auf Abenteuer gingen, oft über sie geärgert, aber diese eine Sache habe ich ihr nie vergessen. Nicht ein Wort." Sie sah den Mann neben sich an und stellte fest, daß er den Kopf abgewendet und die Stirn gerunzelt hatte, als versuche er sich auf etwas zu besinnen.
"Artemis?"
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Entreri war sich undeutlich bewußt, daß er gerufen wurde, aber er hatte für diese Nebensächlichkeit (hatte er die Anwesenheit eines Anderen, einer potentiellen Bedrohung also, je zuvor als nebensächlich betrachtet?) jetzt keine Zeit. Als hätte der Klang der Frauenstimme plötzlich ein verschüttetes Traumbild in ihm wachgerufen, ähnlich, wie das Spiel auf Idalias Flöte sie zu vertreiben vermochte, so unvermittelt tauchte das Bild vor seinem inneren Auge auf, so klar und deutlich und in allen Einzelheiten, als habe es nur darauf gewartet, endlich aufsteigen zu dürfen.
Ein nächtlicher, mit Gerümpel verstellter Hinterhof mitten im Gewirr verwinkelter Gassen und einander überragender Flachdächer, unebene Steinplatten unter nackten Fußsohlen, noch warm von der Gluthitze des Tages, und eine hauchfeine Schicht Sand, vom Wind aus der Wüste hereingetragen, der auch den schief gewachsenen Ölbaum so erbärmlich zerzaust hatte. Ein dicker, schwitzender Betrunkener in der langen Robe eines Priesters, und ein dunkelhaariger Junge. Dieses seltsame Kind, das sich in diesem Bild irgendwie nicht fassen ließ, als habe es kein Gesicht, und von dem Entreri nur wußte, daß er es nicht kannte und wohl nie zuvor gesehen hatte.
Das Kind, das sich - wie jedes Mal - wehrte, strampelte und schrie, als der Betrunkene es zu Boden stieß und am Bund seiner Hose zerrte, das ein Schlag mit der flachen Hand gegen den halb verfallenen Mauerrand der leeren Zisterne taumeln ließ und das den Gestank von Schweiß und billigem Fusel einatmete, als der Mann sich anschickte, sich an ihm zu vergehen.
Und dann die andere Gestalt. Ein Mann im Umhang, der sich über die Mauer schwang. Mit dem geschulten Auge eines langjährigen Einbrechers erkannte Entreri selbst in dieser Vision an den Bewegungen und an der Kleidung sofort, daß es sich um einen Berufskollegen handeln mußte, wenn auch kaum um einen besonders geschickten oder geübten. Ein kleiner Taschendieb wohl, oder noch eher ein Trickbetrüger, der eigentlich auf den Straßen die Leute mit dem Hütchenspiel ausnahm, oder der gutgläubigen Ortsfremden Karten zu angeblichen Schatzhorten und geheimen Oasen in der Wüste andrehte und nur nebenbei einmal in fremde Häuser einstieg. Oder hatte er das gar nicht vorgehabt, sondern nur das verzweifelte Schreien des Jungen gehört? - Er war kleiner und weit weniger breit als der betrunkene Priester, aber er griff ihn an mit einer Mischung aus langjähriger Kampferfahrung und blanker Wut.
"Lauf weg", rief er dem Jungen zu. "Renn los, Dummkopf!"
Und der Junge? Er lief wohl. Nicht weit, wie Entreri vermutete, und sicher hatte ihm das Eingreifen des Fremden kaum mehr als einen Aufschub verschafft. Mochte er für diesmal auch darum herum gekommen sein - dieses Haus war ein Wohnhaus. Der Betrunkene war kein Fremder.
Aber das Schicksal des Kindes war nicht weiter wichtig. Denn zu jenem Fremden, der die Mauer überklettert und den Betrunkenen verjagt hatte, gab es noch ein weiteres Bild, wußte er plötzlich. Und das Bild kam, als habe er es tatsächlich nur rufen müssen.
Diesmal war es Tag. Ein Markt in einer südländischen Stadt, flatternde Zeltbahnen, wehende Mäntel, ein Gewirr von Stimmen und Gerüchen. Die Menge drängte sich vor den Stufen das Agatyr-Tempels, wo das Richtgebäude lag. Der Stadtschreier und ein paar Bewaffnete standen dort, zusammen mit einem Mann in Ketten. Es war der Dieb, der das Kind gerettet hatte.
Und auch das Kind war wieder da in diesem Bild, wunderte sich Entreri. Es stand neben einem anderen, reichlich zwielichtigen Mann, der wohl sein Vater sein mochte, denn er hielt den Jungen mit festem, beinahe grobem Griff im Nacken neben sich.
"Hör genau zu", mahnte er.
"Artemis Entreri", verkündete in diesem Moment der Herold. "Für deine vielfachen Betrügereien auf dem Markt, für Falschaussagen unter Eid, für üble Verleumdung angesehener Herren, hat der Rat der Stadt die dafür vorgesehene Strafe über dich verhängt. Dir soll die Zunge mit glühenden Eisen aus dem Schandmaul gebrannt werden, auf daß sie nie mehr ein unwahres Wort spreche."
Das Fauchen der Blasebälge, das Zischen von rotglühendem Stahl im Kohlebecken, das überschnappende, in einem erstickten Gurgeln endende Kreischen und der durchdringende Gestank von verbranntem Fleisch, die vom Podium herunter kamen, verblaßten gegen die seltsam durchdringende Stimme des Mannes mit dem Kind, die wie aus weiter Ferne und doch unglaublich nah und heiß neben seinem Ohr sprach.
"Hast du gesehen? Hast du gesehen, wohin es führt?"
Artemis Entreri. Was war das für eine seltsame Vision? War es ein Blick in die Zukunft? Eine Erinnerung konnte es nicht sein. In Anbetracht der Tatsache, daß er seine Zunge noch besaß, war Entreri sich ziemlich sicher, niemals einer solchen Bestrafung unterzogen worden zu sein, obwohl er zugegebenermaßen aus manchen Lebensabschnitten (insbesondere den traumatischen Wochen, nachdem er aus dem Unterreich entkommen war) nur noch undeutliche Erinnerungen hatte, und noch weniger hatte er je dieses Kind gerettet. Was also sollte dieses unangekündigte Traumbild?
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"Artemis?" fragte Calihye wieder. Sie stellte fest, daß sie ihn noch nicht oft bei seinem Vornamen genannt hatte - hatte sie das überhaupt schon einmal? Es dauerte lange, ehe er reagierte und langsam und bedächtig den Kopf bewegte, wie einer, der eine leichte Benommenheit abzuschütteln versucht. "Ist etwas?"
"Nein", sagte er tonlos. "Ich habe mich nur gerade an etwas erinnert." Er setzte sich auf, schwang die Beine aus dem Bett und angelte nach seinen Hosen. Sie beobachtete ihn, während er sich anzog. Er schaute sie erst wieder an, als er sich bereits seinen Mantel überwarf und an der Tür stand.
"Vielleicht wäre es eine gute Idee", sagte er, "wenn du ein paar Tage wartest, bis du nach Blutstein nachkommst. Jarlaxle ist die Neugierde in Person, und wenn wir am selben Tag dort eintreffen, wird er sich mit Sicherheit einiges zusammenreimen." Das Lächeln, das plötzlich um seine Mundwinkel zuckte, schien ihn ebenso zu überraschen wie die Halbelfe. "Es macht Spaß, ihn im Dunkeln tappen zu lassen. Ich würde gerne noch ein Weilchen dabei bleiben."
