Ein Schlafsaal. Ein enger, mit drei Stockbetten vollgepfropfter Raum, in dem gerade noch genug Platz war für drei Truhen, in denen die Insassen dieses muffigen Burgzimmers jeweils zu zweit ihre Habseligkeiten unterzubringen hatten.
"Willkommen im Kasernenleben", sagte Karol Dor trocken, als er Entreris angewiderte Miene sah.
"Wunderbar", knurrte der Meuchelmörder. So hatte er zum letzten Mal gehaust, als er noch ein vierzehnjähriger Niemand in der Basadoni-Gilde gewesen war - und dieser Zustand hatte nicht lange angedauert, dafür hatte Entreri gesorgt.
"Palast ist das wirklich keiner", murrte sogar Sevellin Raunir. Wenn das auch, wie bei ihm nicht anders zu erwarten, nicht lange anhielt. "Naja, müssen wir wohl öfter in die Tavernen ausweichen. Entreri, sicher' dir dein Bett, solange dein Partner noch nicht da ist, sonst mußt du klettern." Sprach's und warf seine Tasche (die mit einer Unmenge Fransen und Lederstreifen besetzt war), auf das untere des nächsten Stockbetts.
Entreri nahm sich den Rat zu Herzen und setzte sich demonstrativ auf den unteren Rand des zweiten Bettgestells, gerade rechtzeitig, um Gregad Mulhony auszuweichen, der sich rigoros an ihm vorbeizwängte und sich das untere des letzten Stockbetts sicherte. Karol Dor, der eben im Begriff gewesen war, seinen Mantel darauf abzulegen, seufzte schicksalsergeben und nahm sich das verbliebene obere Bett.
Endlich trudelte auch der angesprochene Partner des Meuchelmörders ein, schob sich stirnrunzelnd über die Schwelle und blieb am Türstock lehnen wie ein schief abgestellter Besenstiel.
"Neuigkeiten?" fragte Karol Dor. Der Drow nickte, langsam und wie unter Schock.
"Wir haben Ausgangssperre", verkündete er schließlich, offensichtlich von dieser Neuigkeit tödlich getroffen, mit Grabesstimme. Als er von einem zum anderen sah, wirkte seine Miene dabei statt verärgert so verdutzt, daß Dor, Raunir und sogar Mulhony in lautes Gelächter ausbrachen. Der Drow runzelte erneut die Stirn.
"Das ist nicht witzig", erklärte er düster. "Wir sind umringt von einem Elysium aus Tavernen voller guter Weine oder schöner Frauen, und wir dürfen nicht hinein?"
"Du wolltest zur Armee", kommentierte Entreri trocken. Raunir ließ sich rücklings auf sein Lager fallen.
"Seine Majestät hat Besuch", berichtete er, hörbar stolz auf sein Wissen. "Wichtigen Besuch. Deswegen ist der Ausgang komplett gestrichen, und wir sind sozusagen alle ständig in Alarmbereitschaft."
"Sieht man dir an", kommentierte Dor trocken. Raunir verschränkte gemütlich die Arme hinter dem Kopf und grinste in die Runde.
"Woher weiß er sowas eigentlich immer?" wunderte sich Gregad Mulhony laut, während er mit einer schwungvollen Bewegung das einzelne Turmfenster weit aufriß, so daß ein Schwall eisiger Luft, vermischt mit einzelnen Schneeflocken, hereinwehte, der unwillkürlich alle im Raum schaudern ließ. Karol Dor runzelte die Stirn und sah einen Moment so aus, als wolle er etwas sagen, zuckte aber letztlich auf die Frage nur die Achseln.
"Ich weiß nicht. Vielleicht geht er seit neuestem mit der Obersten zu Bett?" Sevellin lachte schallend und legte verschwörerisch den Finger an die Lippen.
"Pst. Das sollte doch unter uns bleiben..."
"Nein!" Jarlaxle wich bis an die Wand zurück und preßte sich in theatralischer Geste die Hand auf die Brust. "Bitte nicht. Bitte sag mir nicht, daß sie die bloße Frische der Jugend und einen Haufen Muskeln meiner Eleganz und Weisheit vorzieht."
"Soll noch Frauen mit Geschmack geben", brummte Entreri, was den Blick des Dunkelelfen natürlich sofort zu ihm hinunter gleiten ließ.
"Und natürlich auch solche ohne", ergänzte er genüßlich. "Was uns wieder einmal zu deiner Unbekannten bringt. Ich hoffe doch, du hast dich in Heliogabalus noch zärtlich von ihr verabschiedet?"
"Mindestens so zärtlich, wie ich mich von Mulhony verabschieden werde, wenn er nicht sofort das Fenster schließt", entgegnete der Meuchelmörder, ohne die Stimme zu heben. Der Angeredete drehte sich entrüstet um.
"Ich brauche viel frische Luft, und bei geschlossenen Fenstern kann ich nicht schlafen." Er hatte den Satz noch nicht einmal beendet, als er am anderen Ende des Raums einem Paar eisiger grauer Augen begegnete und sichtbar blaß wurde. Entreri sagte nichts, aber die Mundwinkel des Dunkelelfen neben ihm rannen zu einem breiten Grinsen auseinander.
"Ich habe gehört, eine Klinge zwischen den Rippen kann bei Schlafproblemen wahre Wunder bewirken", merkte er an.
Das Fenster schloß sich knarrend. Sevellin grinste, Dor schüttelte den Kopf, und Jarlaxle wendete sich, als sei nichts geschehen, wieder seinem Partner zu.
"Und wieso habe ich eigentlich das obere Bett?"
"Glaubst du wirklich, ich riskiere, daß du mir von unten eine Klinge durch die Matratze in den Rücken stößt?"
"Artemis!" Der Drow starrte ihn entsetzt an. "Das kannst du nicht im Ernst meinen!"
Statt einer Antwort zog der Meuchelmörder ein Stück schwarze Kreide aus der Tasche, drehte sich zur Wand hinter seinem Bett um und malte, mit wenigen zielsicheren Strichen, die darauf hindeuteten, daß er einige Übung mit dieser Zeichnung hatte, eine umrißhafte Figur mit riesigem Hut auf den rauhen Mauerverputz. Er blickte zurück auf Jarlaxle, zog seinen Dolch und deutete einmal mit dem Griff auf den Drow, ehe er die Klinge mit einer fast beiläufigen Bewegung zwischen die Beine der gezeichneten Figur rammte.
Jarlaxle rümpfte die Nase. Entreri grinste. Alle anderen, die sich sämtlich unwillkürlich vorgebeugt und unter das obere Stockbett gelugt hatten, um zu sehen, was der Calishit da tat, richteten sich wieder auf und tauschten einen langen Blick.
"Bei euch zwei zu Hause möchte ich mal Mäuschen sein", lachte Sevellin schließlich breit.
"Ich nicht", sagte Karol Dor ehrlich und hob beide Hände. Mulhony verzog hämisch die Lippen.
"Gib acht, Raunir. Die zwei benutzen Mäuse vermutlich als Ziel für Wurfübungen."
"Muß die Maus halt ziemlich schnell sein."
"Oder interessante Dinge zu erzählen haben", bot Jarlaxle an, indem er sich endlich von dem höhnischen grauen Augenpaar ihm gegenüber losriß. "Nun laß uns doch teilhaben an deinem Wissen, Freund Raunir. Wer ist denn dieser geheimnisvolle Besucher, dessentwegen uns der König persönlich den Ausgang gestrichen hat?"
Sevellin lachte wieder. "Glaube ich nicht, daß der König was davon weiß", gluckste er. "Und wer zur Zeit im Schloß ist? Hm. Gerüchte aus gut informierten Quellen...", er tippte sich grinsend mit dem Finger gegen die Nasenspitze, "...besagen, es handle sich um keinen anderen als Kane persönlich."
"Kane der Wandermönch?" echote Dor und strich sich nachdenklich den Bart. "Na, deswegen hätten sie uns nicht die Tavernen streichen müssen. Kane könnte wahrscheinlich eher uns beschützen als wir ihn."
"Ein Mönch?" wiederholte auch Jarlaxle, und zwar zu Entreris Überraschung mit deutlich angewidertem Gesicht. "Na, davon konnte vermutlich nichts Gutes kommen."
"Du magst keine Mönche, Schwarzer?" erkundigte sich Dor. Der Drow verzog erneut die Lippen, als habe er in etwas Saures gebissen.
"Was soll man an diesem Völkchen mögen, frage ich euch? Sie unterdrücken sämtliche Leidenschaften, versagen sich alle Freuden, streben nach einer Perfektion, die weder Ziel noch Zweck verfolgt... ja, Artemis, ich finde auch, das klingt sehr nach jemandem, den ich kenne."
Entreri griff wortlos mit der Linken über die Schulter und tat so, als drehe er den Griff seines Dolchs, der noch immer in der Wand steckte, in der imaginären Wunde herum. Jarlaxle hob nur kurz die Brauen und lachte. Der Meuchelmörder musterte ihn in einer Art mißtrauischem Spott.
"Ich kann mich gar nicht erinnern, daß du damals in der Schwebenden Seele gegen diese Danica dieselben Vorbehalte gehabt hättest."
"Die ehrsame Gattin unseres ehrenwerten Priesters hatte einiges, was trotz ihres freudlosen Berufes für sie sprach."
"Zum Beispiel?"
"Brüste."
"Wie konnte ich fragen."
"Und wer ist nun dieser Meister Kane?" erkundigte Jarlaxle sich angelegentlich. Sevellin Raunir grinste ihn an.
"Habt ihr von Kane wirklich noch nie gehört? Den kennt hier jedes Kind, eine wahre Legende."
"Viel zu viele Legenden hierzulande", knurrte Entreri unwirsch, und Jarlaxle lachte in sich hinein.
"Ich fürchte, wir sind immer noch echte Fremde in den Blutsteinlanden. Was also gibt es über diesen Mann denn so Sagenhaftes zu berichten?"
"Patriarch Kane ist der ehemalige Vorsteher des Klosters der Gelben Rose", berichtete Raunir bereitwillig, und Entreri runzelte die Stirn.
"Das ist dieses große Kloster mitten in den Galenas?"
"Nur ein Orden von humorlosen Selbstquälern könnte auf die Idee kommen, sich an einem so unwirtlichen Ort zu verschanzen", raunzte Jarlaxle unwillig. "Bitterkalt jahrein, jahraus, Schnee, Wind, Fels. Wahnwitzige Idee. Betrachten sie sich denn als Untertanen von Damara?"
"Ja und nein", sagte Sevellin. "Viele Mönche sind natürlich Damarer, und wohl auch einige Vaaser darunter. Aber ebensoviele kommen wohl von außerhalb. Wichtiger ist, daß Kane ein enger Vertrauter von König Gareth ist - einer seiner alten Mitkämpfer von damals, als es gegen Zenghyi selber ging. Und seitdem arbeitet er heimlich noch immer für ihn, heißt es, während er durch die Galenas wandert."
"Hm. Ich nehme an, er beschafft Informationen für die Krone?"
"Ich vermute mal. Obwohl er auch ein gefürchteter Kämpfer ist, trotz seines Alters. Ich würde mich als Ork oder Goblin jedenfalls nicht an ihn trauen."
In Entreris Augen trat für einen Moment ein winziges Glitzern. So klein es war, konnte es dem aufmerksamen Jarlaxle doch nicht völlig entgehen, und der Drow schmunzelte in sich hinein. So sehr der Mensch in den letzten Wochen und Monaten über das Bedürfnis hinweggekommen zu sein schien, sich selbst im Kampf zu beweisen, das ihn seinerzeit in die verhängnisvolle Rivalität mit Drizzt Do'Urden hatte gleiten lassen - ganz ließen sich die Kämpferinstinkte des Mannes eben doch nicht verleugnen. Und die Bemerkung Raunirs schien bei Artemis Entreri sofort den Wunsch zu wecken, zu zeigen, daß er durchaus kein Ork oder Goblin war.
Nun, wie auch immer. Wenn Jarlaxles Pläne Wirklichkeit wurden, mochte Artemis Entreris unvermitteltes Bedürfnis, sich mit jemandem zu messen, nur zu bald erfüllt werden.
"Hier sind sechs Betten", wechselte er abrupt das Thema und deutete mit ausgestreckter schwarzer Hand nacheinander auf die drei Stockbetten. "Aber ich zähle nur fünf von uns."
"Wir bekommen Verstärkung." Wieder war es Sevellin Raunir, der über die Neuigkeit Bescheid wußte, und diesmal fing er sich dafür nicht nur von einer Seite einen schrägen Blick ein. Entreri lachte spöttisch.
"Allmählich glaube ich wirklich, Raunir führt Kopfkissengespräche mit der Obersten."
"Tut er nicht", beharrte Jarlaxle und setzte eine beleidigte Miene auf, während er dem grinsenden Blondschopf heimlich zuzwinkerte. "Niemals würde eine Frau von der Klasse und der überwältigenden Schönheit von Mirlyan Sorrokev-Parnell ihn mir vorziehen."
"Jedem das Seine", brummte Entreri, und für einen Moment blitzte ein schiefes Grinsen in Richtung Sevellin Raunir. "Wenn du es tust, hast du ein Bier bei mir gut." Er deutete mit dem Daumen auf seinen dunkelelfischen Compagnon. "So einen Dämpfer bräuchte er schon lange."
Was auch immer Jarlaxle an Bissigkeiten zu entgegnen gehabt hätte, er schluckte es hinunter, als auf der Türschwelle Schritte zu vernehmen waren. Der junge Mann, der sich ein wenig zögernd und mißtrauisch hereinschob und beim Anblick des Dunkelelfen natürlich prompt stehenblieb wie angewurzelt, war braunhaarig und sonnengebräunt, wirkte aber abgemagert und ausgezehrt, wie einer, der eine lange Krankheit hinter sich hat. Er starrte Jarlaxle einen langen Augenblick an, dann ließ er den Blick in die Runde gleiten und hob einmal kurz die Hand zu einem allumfassenden Gruß.
"Ah", strahlte Sevellin, ohne mehr als den Kopf von seinem Ruheplatz zu heben. "Du bist dann der Neue, oder?"
"Kelliv Peshel", sagte der junge Mann wortkarg. Die anderen errieten mit ein wenig Nachdenken, daß es sich bei den vier Silben wohl um seinen Namen handeln mußte. Er trug auffälligerweise keine Uniform, sondern die Leder- und Pelzkleidung eines Waldläufers. Sein Blick glitt unruhig immer wieder zu Jarlaxle hinüber, während er seinen abgetragenen braunen Mantel auf dem letzten verbliebenen Bett ablegte.
"Ist also wahr", murmelte er undeutlich und deutete mit dem Kopf schräg rückwärts auf den Drow.
"Was, mein Freund?" erkundigte Jarlaxle sich freundlich. Der Neuzugang drehte sich nicht um, als er antwortete.
"Daß ein schwarzer Elf für Gareth kämpft."
Der besagte schwarze Elf lachte triumphierend. "Ah. Mein Ruf eilt mir voraus."
"Kann man so sagen", spottete Karol Dor aus seiner Ecke. "Unten an der Treppe hat mich schon der Erste gefragt, ob wir die mit dem Drow sind." Er drehte sich Peshel zu. "Kannst beruhigt sein. Er ist harmlos."
"Also, ich muß doch sehr bitten", protestierte der Dunkelelf prompt. Von Entreri kamen gleichzeitig ein spöttisches Schnauben, das für die anderen, und ein lauernder Blick, der für Jarlaxle bestimmt war.
Das ist genau, was du willst, nicht wahr? Harmlos. Keine Gefahr für irgendjemanden. Und sie sind vertrauensselig genug, dir das abzukaufen.
Jarlaxle schenkte seinem Compagnon ein liebenswürdiges Lächeln, wohl wissend, daß dieser den Hauch von Siegesgewißheit herauslesen würde.
Charme ist eine Fähigkeit, die man lernen kann, mein Freund. Erinnerst du dich?
"Ich bin alles andere als harmlos", beteuerte er laut. "Ich möchte diese Unterstellung entschieden von mir weisen."
"Schon recht", lachte Sevellin. "Sagen wir: harmlos für alles, was keinen Rock anhat. Jedenfalls hat er bis jetzt noch keinen gefressen." Er streckte den Kopf halb unter dem oberen Bett hervor und musterte eingehend den Habitus des Neuzugangs. "Du bist nicht in der Armee?"
"Jäger von Soravia", lautete die knappe Antwort, und Raunir nickte, seinerseits mindestens ebenso gesprächslustig wie der Andere einsilbig.
"Jaja, hab ich schon gehört, daß die Truppen des Herzogs eher selten Uniform tragen. Leuchtet vermutlich einfach zu sehr im Gestrüpp und lockt die Bären an, wie?" Diese Bemerkung erschien dem Soravier offenbar keiner Antwort würdig, es sei denn, man wollte das kaum sichtbare Achselzucken als solches begreifen.
"Er und du, ihr werdet euch großartig verstehen", sagte Jarlaxle auf drow zu Entreri. "Ihr habt genau dasselbe sonnige Gemüt." Um in der Gemeinsamen Sprache hinzuzusetzen: "Was führt dich denn zu uns, junger Freund? Ich meine, was hat dich bewogen, dich von der herzoglichen zur königlichen Truppe versetzen zu lassen?"
Peshel musterte ihn mit gerunzelter Stirn. "Bin nur vorübergehend hier. Bis die Sache vorbei ist."
"Sache?" wiederholte Raunir natürlich sofort mit funkelnden Augen. "Was für eine Sache?"
"Hat dir das dein Betthäschen nicht erzählt?" spottete Mulhony. "Sag nur, da weiß tatsächlich mal einer mehr als du."
"Komm schon, Peshel, laß dich nicht betteln", beharrte Sevellin, ohne das Gefrotzel zu beachten. "Ich hab mir ja gleich gedacht, daß sie uns nicht ohne Grund aus der Hauptstadt abgezogen haben. Weißt du etwas darüber, was wir hier sollen?"
Der Waldläufer sah den Blondschopf, der sich inzwischen zum Sitzen aufgerichtet hatte, mißmutig an. "Ihr werdet's schon erfahren. Kann nicht mehr lange dauern. Kane ist nicht umsonst hier."
"Kane?" staunte Dor, und sein Bart zuckte heftig, als seine Lippen sich zu einem freudigen Strahlen verzogen. "Kane wird mit uns kommen?"
"Haha, auf sie mit Gebrüll", lachte Raunir übermütig. "Vaasa, wir kommen!"
"Das wird alles immer besser", knurrte Jarlaxle. "Eine Unterkunft wie im Kerker, keine Frauen, die Tavernen gestrichen, und dann vielleicht noch Dienst unter der Führung eines Mönchs..."
"Du wolltest zur Armee", wiederholte Entreri grinsend. "Und eins hast du sogar noch vergessen."
"Und das wäre?"
"Du hast das obere Bett und darfst jede Nacht zum Schlafen klettern."
Jarlaxles Gesicht hätte nicht verächtlicher sein können, als er nachlässig mit einer Hand nach den Drow-Insignien langte, die ihm zwischen unzähligen Goldkettchen auf die Brust baumelten, prompt abhob und lautlos aufwärts schwebte, um sich auf seinen Schlafplatz zu schwingen.
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"Was also ist Eure Einschätzung?" erkundigte sich die Oberste.
"Sie schienen einander nicht zu kennen", antwortete Sevellin Raunir ungewohnt ruhig und abgeklärt. "Der Drow ist nicht zu lesen und Entreri fast noch weniger. Aber sie müßten sich hervorragend verstellen können, um so überzeugend zu schauspielern."
"Ich denke, Ihr könnt bei beiden davon ausgehen, daß sie gute Schauspieler sind", entgegnete Mirlyan trocken. "Wie hat Peshel auf sie reagiert?"
Raunir schmunzelte. "Wie man eben reagiert, wenn man aus heiterem Himmel einem leibhaftigen Dunkelelfen gegenübersteht, von dem einem gesagt wird, er sei freundlich: ungläubig und ziemlich nervös." Er runzelte nachdenklich die Stirn. "Und sogar wenn ich annehme, daß sich hinter den Gesichtern von Entreri und Jarlaxle Mordgedanken tummeln - jemand wie dieser kleine Waldläufer kann sich nicht derart verstellen. Er war reserviert, ein wenig fahrig und schien keinem von uns zu trauen. Entreri und Jarlaxle traue ich Hintergedanken zu. Dieser Peshel ist für ein solches Theater nicht intelligent genug."
"Ihr fällt Euer Urteil reichlich schnell."
"Bei manchen Menschen sind nicht viele Blicke nötig."
"Auch, soweit es Entreri angeht?"
Sevellin lachte abrupt wieder sein typisches, übermütiges Lachen. "Den könnte man vermutlich jahrelang beobachten und würde doch nicht schlau aus ihm werden. Alles was ich von ihm sagen kann, ist, daß er ein großartiger Schwertkämpfer ist. Ihn auf unsere Seite zu ziehen wäre das Risiko gewiß wert."
"Ihr träumt, Raunir. Dieser Mann ist ein Meuchelmörder, ein Krimineller der übelsten Sorte, ein eiskalter Killer." Mirlyan ging ein paar Schritte auf und ab. "Es heißt, der König persönlich habe in ihren Seelen gelesen. Mich schaudert bei der Vorstellung, was er dort gesehen haben mag."
"So schlimm kann es nicht gewesen sein", gab der Blondschopf seelenruhig zurück, "wenn er sie danach noch in die Armee aufgenommen hat."
"Ein Paladin, der die Domäne eines finsteren Halbgottes besuchte und das Urböse dort selbst kennenlernte, mag die Bedeutung allgegenwärtiger Schlechtigkeit anders einstufen als wir gewöhnlichen Menschen", dozierte die Oberste etwas steif. "Aber es obliegt uns wohl kaum, die Entscheidungen Seiner Majestät zu hinterfragen. Unsere Aufgabe ist es, alle potentiellen Bedrohungen für das Reich als solche zu erkennen und frühzeitig auszuschalten."
"Ich weiß, Oberste", seufzte Sevellin etwas ungeduldig. "Ich bin nicht erst seit gestern beim Spähsang."
"Dann seht zu, daß Euer Interesse an Entreris Schicksal Euch nicht unvermittelt an seiner Schwertspitze enden läßt."
Raunir lache leise. "Ich danke Euch herzlich für Eure Besorgnis. Was mich zu einem weiteren Punkt bringt. Die Geheimhaltung betreffend." Seine Augenwinkel verbargen sich in einem heiteren Geflecht von kleinen Fältchen, und die der Obersten taten fast sofort dasselbe. Allerdings resultierten die verengten Augen bei ihr mehr aus einer Mischung von Argwohn und Besorgnis.
"Was meint Ihr?"
"Nun, die Kameraden fangen allmählich an, sich zu wundern, wie ich immer an all diese interessanten Gerüchte komme, die ich überall aufzuschnappen scheine", spöttelte Raunir und legte den Kopf schief. "Nun sind sie auf die Idee verfallen, Ihr könntet sie mir vielleicht bei einem heimlichen Tete-à-Tete zugeflüstert haben..."
"Und Ihr habt nicht widersprochen?"
"Wäre das nicht fast einem Eingeständnis gleichgekommen?" Er lachte. "Abgesehen davon schien es Jarlaxle sehr zu treffen", ergänzte er mit einem Zwinkern. Mirlyans Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an, als habe sie diesen Aspekt der Sache noch gar nicht betrachtet.
"Ich erzähle das nur", fügte Sevellin übermütig hinzu, "um Euch Gelegenheit zu geben, diese Verschleierungstaktik eventuell weiter auszubauen. Also, falls Ihr etwa vorhaben solltet, mich zu einem Mondscheinspaziergang in trauter Zweisamkeit abzukommandieren, oder falls die Kameraden uns einmal in leidenschaftlicher Umarmung..." Er brach mit halb hustendem Lachen ab, als ein ausgestreckter Zeigefinger erst warnend eine Handbreit vor seinem Gesicht auftauchte und dann sehr entschieden Richtung Ausgang wies.
"Das war alles, Soldat. Und nehmt Euch besser in Acht, daß ich Euren Namen nicht gleich neben den Jarlaxles auf die Liste derer setze, die im nächsten Kampf das aussichtsloseste Kommando erhalten..."
