Es war eine wirklich schauderhafte Nacht. Wind fegte in schneefeuchten Böen aus der Tundra heran, heulte um die Felsen der Galenas und pfiff zwischen den Zinnen der gewaltigen Befestigungsmauern des Vaasa-Tores. Die Fahnenmasten mit dem Drachenbanner von Damara bogen sich unter den Orkanböen und ächzten, daß zu befürchten war, sie würden brechen.

Die wenigen Wachen, die ihren Dienst auf den Mauern tatsächlich ernst genug nahmen, um sich in diese Nacht hinauszuwagen und sich nicht in einem Mannschaftsraum am Kaminfeuer zu verkriechen, hatten die Pelzkrägen ihrer Uniformmäntel vors Gesicht geschlagen und suchten in Nischen und Mauervorsprüngen Schutz gegen den eisigen Wind. Sie bewegten sich höchstens, um sich durch Bewegung etwas Wärme zu verschaffen, oder um ihre Mäntel von den dichten Schneeschichten zu befreien, die sich darauf angesammelt hatten. Von den Kontrollrufen, auf die sie von Zeit zu Zeit zu antworten hatten, hörten sie ohnehin nichts, sie wurden wie alle Geräusche vom Heulen der Böen verschlungen.

In einer Nacht wie dieser mochten sogar die griesgrämigsten Unteroffiziere Verständnis haben für Wachposten, die ihre Dienstpflicht ein wenig arg lässig nahmen - oder auch nicht. Sicherlich hätten sie sich aber gewundert über einen Soldaten, der ohne Not freiwillig zu den Zinnen hinaufstieg, um sich dort dem Wetter auszusetzen. Zumal der breitkrempige Hut des besagten Soldaten irgendwie nicht die geringsten Anstalten machte, sich durch das penetrante Zerren der Naturgewalten beeindrucken zu lassen und scheinbar nur noch fester auf dem vollkommen kahlen Schädel seines Trägers saß.

Artemis Entreri, der zu den wenigen Wachhabenden gehörte, die tatsächlich auf ihrem Posten standen, wunderte sich natürlich über gar nichts.

Der Drow schlenderte heran, so lässig, als teile sich der Wind um ihn und flaue freiwillig ab zu einer freundlichen Brise, gerade genug, um Mantel und Hutfeder malerisch wehen zu lassen. Entreri wischte sich geschmolzenen Schnee aus dem Gesicht. Seine Laune hatte eine ähnliche Temperatur wie die Luft hier oben auf den Mauern.

"Amüsierst du dich gut?" erkundigte Jarlaxle sich, als er sich Entreri gegenüber gegen eine schneeverkrustete Wand lehnte. Da der Mann die Frage keiner Antwort für würdig befand, grinste er und fragte weiter: "Wann kommt die Ablösung?"

"Sonnenaufgang."

"Und die nächste Kontrollrunde?"

"Ich schätze, in einer guten Stunde."

Jarlaxle schüttelte traurig den Kopf. "Ich fürchte, du irrst dich, mein Freund. In Wirklichkeit wird heute wohl gar kein Kontrollgang mehr erfolgen. Eine Schande. Die Sicherheitsvorkehrungen werden immer mehr ausgehöhlt, findest du nicht auch?"

Entreri richtete einen mißtrauischen Blick auf ihn, und der Drow hob beide Hände - die, wie Entreri bemerkte, in feinen bestickten Wildlederhandschuhen steckten. Er zog ein gewisses Maß an Genugtuung aus der Tatsache, daß der Drow also doch zumindest ein wenig von den Unbillen des Wetters bemerkte.

"Ich habe damit fast gar nichts zu tun", sagte Jarlaxle. "Aber du kennst mich. Wenn ich einem armen, überarbeiteten Unteroffizier in einer so scheußlichen Nacht ein wenig heißen Honigmet besorgen kann, dann lasse ich mich nicht lumpen. Und er wollte auch gar nicht wissen, woher die Gabe kam, als er sie nach dem letzten Kontrollgang in seinem Raum fand."

"Was war drin?"

"So gut wie nichts. Das wäre mir ein Soldat, der einen unbekannten Trank schluckt, ohne ihn vorher auf Gift zu testen! Nein, es war feinster, bester Met. Stark, aber ungiftig. Gerade stark genug, um ihn ein wenig müde zu machen." Er faßte unter seinen Mantel und holte einen langen, geschnitzten Spazierstock hervor, dessen Knauf die Form eines Frettchenkopfes hatte, mit zwei eingesetzten Opalen als Augen. Entreri wußte, daß es sich bei diesem Ding, das aussah wie das Spielzeug eines luxusverliebten Lebemannes, in Wirklichkeit um eine Waffe handelte, die winzige, mit dem Schlafgift der Drow getränkte Pfeile verschoß. "Für den Rest hatte ich das hier. Er kann den Pfeil kaum gespürt haben, ehe er einschlief, und die Wunde ist so klein, daß sie morgen früh schon niemand mehr sehen wird. Er wird einfach glauben, das Getränk habe ihn übermannt."

Entreri nickte. "Und?"

Jarlaxle breitete die Arme aus, drehte sich leicht im Kreis wie ein Tänzer und deutete mit weitausladender Gestik um sich. "Das fragst du noch? Schau dich doch um. Ist das nicht eine herrliche Nacht für einen Ausflug in die freie Natur?"

Der Mensch schnaubte. "Was hast du mit dem Goblin besprochen, als du in seiner Sprache gekrächzt hast?" Jarlaxle lachte, als er sich so rasch durchschaut sah.

"Ich habe nur gesagt, wir würden ihn heute noch aufsuchen." Er zwinkerte. "Nun komm, mein Freund, wir wollen Gools doch nicht warten lassen."

Der Meuchelmörder warf einen raschen Blick in Richtung eines schwach erleuchteten Wachraums, dann hinaus in die an- und abschwellenden Schwaden naßkalter Flocken. "Wir werden nie vor der Ablösung zurück sein."

Jarlaxle klopfte leicht gegen seine Gürteltasche. "Schwarzfeuer?" erinnerte er, und der Mensch seufzte. Das Wort war die magische Losung, die ein Paar schwarzer Statuetten im Besitz des Drowelfen in Nachtmahre verwandelte, pferdeähnliche dämonische Kreaturen, die sich, für jemanden, der verrückt oder todesmutig genug war, sich ihnen anzuvertrauen, durchaus als Reittiere eignen konnten. Die Beschwörung hielt nicht lange an, aber in jedem Fall bis zum Morgen, und die Kreaturen liefen bedeutend schneller als wirkliche Pferde.

"Und wie kommen wir von der Mauer?"

Statt einer Antwort holte der Dunkelelf die Drow-Insignien unter seinem Mantel hervor und streckte einladend den Arm aus. Entreri verdrehte die Augen, und der Drow gluckste. "Natürlich können wir auch warten, bis du dich mit deinem Einbrecher-Harnisch an sämtlichen Wachen vorbei bei diesem Wetter von der Mauer hinuntergelassen hast. Dann allerdings werden uns selbst die Nachtmahre nicht mehr viel helfen, um rechtzeitig anzukommen. - Nur Mut, mein Freund. Sei nicht schüchtern. Umarm mich!"

Der Wind verschluckte Entreris geknurrte Entgegnung, was, wie Jarlaxle annahm, vermutlich auch besser so war. Der Mensch hielt sich an ihm fest, und Jarlaxle schlang ihm den linken Arm um die Hüfte und faßte gleichzeitig mit der rechten Hand nach den Insignien. Seine Füße lösten sich vom Boden, und er zog Entreri mit sich in die Luft.

Sich bei diesem Wetter schwebend fortzubewegen, war ein Versuch, bei dem man sich leicht den Hals brechen konnte. Jarlaxle benutzte, wo immer möglich, den Windschatten von Türmen und Vorsprüngen in den verwinkelten Befestigungsanlagen, aber dennoch trieb mehr als einmal ein heftiger Windstoß die beiden Gestalten ab und schleuderte sie hart gegen die rauhen Steinmauern. Von Entreri kamen dann jeweils ein wütendes Grollen und ein tödlicher Blick in das lächelnde Gesicht des Dunkelelfen (der es irgendwie immer zu schaffen schien, sich rechtzeitig so zu drehen, daß nicht er den Löwenanteil des Aufpralls abbekam), aber natürlich konnte man sich bei jemandem wie dem Menschen darauf verlassen, daß er sich auch weiterhin an dem Drow festkrallen würde - vermutlich ewig, falls nötig, und falls man ihm nicht vorher die Arme brach.

Als sie endlich auf dem gefrorenen Grund zu Füßen der Befestigung aufsetzten, huschten beide Männer hastig davon in die Deckung von Felsblöcken und -überhängen und lauschten in die Nacht. Aber kein Warnruf kam von den Zinnen, man schien sie nicht bemerkt zu haben.

"Wir sollten ein Stück Weg hinter uns bringen, ehe wir die Rosse rufen", bestimmte Jarlaxle und schlüpfte davon in die Nacht, ein resignierter, zerschundener, durchnäßter und durchfrorener menschlicher Mörder dicht auf seinen Fersen. Schon nach wenigen Schritten verschluckten Sturm und Schnee die gewaltigen Mauern des Tors nach Damara so gründlich, als hätten sie nie existiert, und rund um die beiden Söldner gab es unvermittelt nichts mehr als das tobende Chaos aus Dunkelheit und Wildnis. Jarlaxle holte die beiden schwarzen Statuetten aus ihrem magischen Behältnis hervor und drückte eine davon Entreri in die Hand, der sie wiederum sorgfältig auf dem Boden abstellte, ehe er das Beschwörungswort aussprach.

"Schwarzfeuer."

Die Nacht schien unvermittelt noch ein wenig schwärzer und stürmischer zu werden, so dicht gepackt mit Energie, daß sie dunkle Funken sprühte. Aus dem Dunkel wuchsen die schattenhaften Umrisse des Dämonenhengsts, gezeichnet von Flammen aus eisiger Schwärze, gegen die selbst der Schneesturm der Galenas in seiner Wut verblaßte. Der Nachtmahr schnaubte, fixierte den Menschen, der es gewagt hatte, ihn zu rufen, mit vor Wut sprühenden Augen und stampfte den Grund mit Hufen, die aus nichts als konzentrierter Dunkelheit zu bestehen schienen, konnte aber gegen die Macht der Magie, die ihn an die Statue fesselte, nicht an.

Entreri warf einen Blick in den tosenden Schneesturm, während Jarlaxle sich bereits auf sein eigenes Reittier schwang, das er zwischenzeitlich auf dieselbe Weise beschworen hatte. "Ein Ritt in finsterer Nacht durch unbekanntes Gelände bei diesem Wetter ist nahe am Wahnsinn."

"Oh, mir würde nicht allzuviel passieren", lächelte der Drow und deutete wieder auf seine Brust, wo er die zum Schweben nötigen Drow-Insignien inzwischen sicher unter dem wärmenden Wintermantel verstaut hatte. "Zumal die Nachtmahre magische Kreaturen sind. Sie treten nicht fehl. Aber wenn du tatsächlich stürzen und dir den Hals brechen solltest, dann kann ich mithilfe des Nekromantensteins in meiner Tasche einen hilfreichen Untoten aus dir machen."

"Beruhigend", murmelte der Meuchelmörder und schwang sich ebenfalls in den Sattel seines Nachtmahrs. Sofort hatte er das Gefühl, von kaltem Feuer umzüngelt zu werden, das nur kraft Zauberei davon abgehalten wurde, ihn vollends zu verschlingen.

"Ich würde dir trotzdem raten, dich gut festzuhalten", sagte der Drow. "Zombies sind ziemlich langweilige Gesellschafter. Also laß die Zügel besser nicht los, und bleib mit den Füßen in den Steigbügeln."

"Eine Lehrstunde im Reiten? Und das von jemandem, der vor ein paar Monaten noch kaum wußte, wo bei einem Pferd vorne und hinten ist, und der mir die Vorzüge von Reitechsen nahezubringen versucht hat..." Entreri trieb sein Tier ohne weitere Vorrede an, und die Kreatur stieß ein Kreischen aus, das an den heiseren Schrei eines Falken erinnerte, der auf seine Beute herabstieß. Einen Wimpernschlag später flog die Tundra unter den Hufen des Biests davon, und auf Entreris Gesicht verwandelten Flocken sich in scharfe, spitze Nadeln. Schwarze Funken sprühten von den Felsen, wo immer die Hufe den Grund berührten. Der Drow war einen Augenblick später an der Seite seines Partners. Vermutlich wollte er den Vorwurf mangelnder Reitkunst nicht auf sich sitzen lassen, aber zu Entreris Erleichterung hinderte das Brüllen des Schneesturms ihn an jedem verbalen Protest.

Als sie die Nachtmahre endlich zügelten, waren Entreris Hände so steifgefroren, daß er Mühe hatte, sie von den schwarzen, aus unwirklicher Materie bestehenden Zügeln zu lösen, um seinen scheinbar bleischweren Körper überhaupt aus dem Sattel hieven zu können. Wie nicht anders zu erwarten, war der kleine felsige Platz am Fuße des Abhangs, über den Entreri Gools einmal gejagt hatte, vollkommen leer. Immerhin hielten die Felswände ein wenig den beißenden Wind fern, wenn auch nicht den Schnee.

"Gools", rief Jarlaxle in die Nacht, noch ehe er ganz abgestiegen war. Selbst er schien inzwischen von diesem Ausflug genug zu haben. "Komm heraus. Wir haben keine Zeit für Versteckspiele!"

"Finsterroß nix freßt Gools?"

"Nicht, wenn du dich sofort hier vor uns sehen läßt. Sonst schon."

Der zitternde, von Kopf bis Fuß durchweichte Goblin erinnerte im Moment am ehesten an eine Ratte, die jemand vergeblich zu ertränken versucht hatte, als er sich zögernd heran wagte. Seine Furcht war nicht unbegründet, denn die beiden Nachtmahre gebärdeten sich beim Anblick dieser möglichen Beute sofort wie wild und ließen sich von ihren beiden Reitern kaum am Zügel halten.

"Kannst du uns an einen trockenen Ort bringen?" fragte Jarlaxle und rückte ungnädig an seinem Hut herum, in dessen Krempe sich Schnee sammelte. "Dies ist ein sehr ungemütlicher Ort für eine Unterhaltung, will mir scheinen."

Der Goblin schluckte trocken. "Gools kennt gut Platz. Aber nix bring böse Viech, bitterserr, lieb-gute Herrs."

Jarlaxle winkte Entreri, den Nachtmahr ein wenig zur Seite unter einen überhängenden Felsen zu ziehen, und brachte einen schmalen Stab aus einer seiner zahllosen Taschen zum Vorschein. "Ich habe einen Zauber, der sie für ein Weilchen festhalten wird. Wir sollten uns allerdings beeilen und nicht zu lange säumen." Er schwenkte den Stab und murmelte dazu einige Silben in seiner gleichermaßen kehligen wie melodischen Muttersprache. Die Kreaturen erstarrten wie vom Donner gerührt, allerdings zitterten sie vor Wut, während sie den Effekt des Zaubers abzuwerfen versuchten, und ihre Augen sprühten rotes Feuer.

"Ja, wir sollten schnell sein", wiederholte Jarlaxle und drehte sich nach Gools um, der bereits in Richtung eines kleinen Höhleneingangs voraus gelaufen war.

--

Im vorderen Bereich der Höhle schwelte ein Feuer. Es war vermutlich in der Nähe des Eingangs angelegt worden, damit der Rauch durch die Öffnung besser nach draußen abziehen konnte, aber davon war wenig zu spüren. Das feuchte, ungeschickt gestapelte Holz erzeugte einen Qualm, der Entreri in Nase und Rachen kitzelte und sich schwer auf die Lungen legte. Viel Helligkeit spendeten die hin und wieder aufglimmenden Flammen nicht, aber immerhin genug, um die Gestalt eines zweiten Goblin aus dem Dunkel aufleuchten zu lassen, der dort, umgeben von etlichen seltsamen, sich zum Teil bewegenden Lumpenbündeln, auf einem alten Wolfsfell saß. Er stieß beim Eintreten der beiden Männer einen unglaublich hohen, quiekenden Entsetzensschrei aus, raffte eines der Bündel an die Brust und schnatterte und quäkte eine Menge hastiger Silben in seiner unverständlichen Sprache.

Er? - Entreri runzelte die Stirn und sah genauer hin, denn die Stimme war in ihrer Tonlage so hoch, daß er seine erste Einschätzung revidieren mußte. Und in der Tat, auf den zweiten Blick zeichneten sich unter dem fleckigen Mantel und einer Art Fellkleid auch deutlich ein Paar Hängebrüste ab, und die Knochen und Tierzähne, mit denen die Kreatur über und über behängt war, mochten unter Goblins durchaus denselben Wert haben wie anderswo Armspangen und Diamantknöpfe. Es dämmerte dem Meuchelmörder, daß er hier eine Goblindame in vollem Geschmeide vor sich hatte.

"Wer ist das?" fragte er nicht eben freundlich. Gools zog den Kopf zwischen die Schultern, machte aber nichtsdestotrotz einen zaghaften Schritt zwischen die keifende Goblinfrau und den Mann.

"Sein Weib von Gools", antwortete er, und es hörte sich an, als könne er sich nicht recht entscheiden, ob er nun mehr Besitzerstolz oder mehr Angst vor den Waffen des unberechenbaren Menschen in seine Stimme legen wollte. Jarlaxle nahm ihm die Entscheidung ab, indem er hell auflachte.

"Gools! Du hast Familie? Davon hast du uns nie erzählt." Er machte ein paar schnelle Schritte an Meuchelmörder und Goblin vorbei, zu schnell, als daß das Goblinweib hätte in die hinteren Tunnelregionen flüchten können, was sie zweifellos am liebsten getan hätte, und riß sich dabei den Hut in einer seiner dramatischen Verbeugungen vom Kopf. "Meine untertänigste Verehrung, werte Dame." Dann beugte er sich interessiert über die jetzt vor Entsetzen verstummte Kreatur und beäugte die diversen zappelnden Bündel, die in ihrer Nähe herum lagen. "Reizende Sprößlinge, reizend, wirklich, und sehr vielversprechend."

Entreri wendete den Blick von dem noch immer wie erstarrten Gools, gönnte sich einen langen Moment angewiderten Zögerns und trat schließlich doch neben den Drow. Tatsächlich. Was sich in den zusammengewickelten, bräunlich verfärbten Lumpenbündeln rührte, waren offenbar Goblin-Säuglinge. Für den Meuchelmörder sahen sie am ehesten aus wie eine Kreuzung aus Sumpfmolchen und Bisamratten.

"Alle Neun Höllen", murmelte er. "Der Kerl vermehrt sich."

"Und zwar rasant, wie es aussieht", lächelte Jarlaxle und zählte mit ausgestrecktem Finger die zappelnden, stinkenden Lumpenhaufen ab. "Ein halbes Dutzend, mein Freund, wenn wir das Kleine mitrechnen, das Frau Gools da gerade so mütterlich zärtlich an ihre Brust preßt. Kann natürlich auch sein, daß sie es dabei schon erdrückt hat, dann wären es nur noch fünf." Er blinzelte den Menschen an. "Dennoch. Meinst du nicht auch, daß dieses Land alleine schon genug Vorkehrungen getroffen hat, um unserem Freund Gareth Drachenbann bei seinen hochgespannten Plänen Steine in den Weg zu legen, ganz ohne unsere Mithilfe?"

Entreri lächelte ein Lächeln, in dem keinerlei Humor mitschwang. Er war nicht umsonst im Unterreich gewesen und hatte dort die ungeheure Fruchtbarkeit von niederen Monstern wie Goblins, Kobolden und Orks erlebt, die von den Drow als Sklaven gehalten und regelrecht gezüchtet wurden. Er wußte gut, daß die Pläne des Paladinkönigs wahnwitzig waren.

"Sind das tatsächlich alles deine, Gools?" erkundigte der Drow sich inzwischen. "Das kann man ja kaum glauben."

"Ich glaub's unbesehen", murmelte Entreri angewidert und warf einen letzten Blick auf die nackten Würmer, die sich halb blind und ziellos in ihren Lumpenhüllen hin und her wanden.

Der Goblin, jetzt sichtlich stolz, watschelte herüber und beäugte seine Brut ebenfalls. "Alles Kinds von Gools", bestätigte er. Seine Gemahlin unterbrach ihn mit einem neuen, schnatternden Wortschwall in spitzen Tönen. Jarlaxle beugte sich ein wenig zu Entreri hinüber.

"Sie ist nicht glücklich mit unserer Anwesenheit", übersetzte er.

"Das dachte ich mir fast."

Gools schnatterte ein paarmal eine kurze Entgegnung, wurde aber jedesmal prompt von einem neuerlichen Ausbruch der Gattin übertrumpft, dann drehte er sich mit unbehaglichem Gesichtsausdruck nach den beiden Eindringlingen um. "Weib sagt, nix gut bring Drow-Herr und Mensch-Herr hier. Weib sagt, wir gehen sollt."

Jarlaxle öffnete zwar noch den Mund zu einer Entgegnung, aber Entreris Antwort kam blitzartig, bevor der Drow hätte reagieren können: Charons Klaue war aus der Scheide, ohne daß er den Menschen danach hätte greifen sehen, und die blutrote Klinge fuhr auf die Goblin-Säuglinge nieder in einer Folge so unglaublich rascher Hiebe, daß sie wie eine einzige Bewegung aussahen. Jeder Stoß ließ einen schwarzen Schleier zurück.

"Sag ihr, daß ich keine Befehle akzeptiere."

Fassungslos starrten beide Goblins auf die Wände aus Asche, die wie geisterhafte Vorhänge in der Luft hingen. Dann fingen hinter den Ascheschleiern die Säuglinge, die sich plötzlich von den schwarzen, schwebenden Käfigmauern eingekerkert fanden, die der Mann mit seinen gedankenschnellen Hieben in die Luft gezeichnet hatte, gellend an zu kreischen. Der weibliche Goblin warf einen letzten entsetzten Blick auf den Menschen und zerteilte dann hastig unter heftigem Gefuchtel die Aschewände, um ein weiteres ihrer Kinder an sich zu raffen.

Jarlaxle schnalzte einmal mißbilligend mit der Zunge. "Also wirklich, Artemis." Der Meuchelmörder zuckte mit den Achseln und steckte das Schwert weg, seine Miene ebenso angewidert wie zuvor. Der Drow lachte leise. Heimlich dachte er, daß der Mensch sich nicht besser hätte betragen können, hätte Jarlaxle mit ihm vorher das ganze Unterfangen abgesprochen.

"Ich glaube, du hast deinem Weib nicht richtig erklärt, mit wem sie spricht", wendete er sich freundlich an Gools. Der Goblin erwachte aus seiner Erstarrung und begann nun seinerseits, unter heftigem Gestikulieren auf seine holde Gemahlin einzuschnattern.

"Wundervoll", kommentierte Entreri trocken. "Ehestreit im Hause Gools. Ich dachte mir gleich, daß es etwas ungeheuer Wichtiges gibt, weswegen wir von der Truppe desertieren."

"O, das tut es, mein Freund, das tut es", zwinkerte Jarlaxle unternehmungslustig. Ein Blick aus mißtrauisch verengten grauen Augen streifte ihn, aber er ignorierte ihn und lenkte stattdessen die Aufmerksamkeit des zankenden Goblinpärchens durch ein betontes Hüsteln wieder auf sich. Gools scharrte mit den Füßen.

"Gools hat sagt Weib."

"Vortrefflich", strahlte der Drow. "Und glaubt sie es?"

Gools nickte so heftig, daß es aussah, als sei sein Kopf in Gefahr, vom Hals zu fallen. "Glaubt. Viel glaubt. Bitte nix totmach Kinds von Gools, dauern bis nächste Winter bis wieder neue Kinds kriegen..."

"Noch ein Wort über die Paarungsgewohnheiten von Goblins, und ich verfüttere alles, was in dieser Höhle ist, an unsere dämonischen Gäule draußen", raunzte ein mißgestimmter Meuchelmörder und streckte seinem Partner einen Zeigefinger unter die Nase. "Und mit dir fange ich an."

"Wir haben den Menschen-Herrn verärgert", sagte Jarlaxle, jetzt im Idiom der Goblins, zu Gools. "Und das ist nicht gut. Der Mensch wütet fürchterlich in seinem Zorn. Er ist ein sehr strenger König."

"Der Mensch ist ein König?" wiederholte Gools andächtig und warf Entreri einen fuchtsamen Blick zu. "Wessen König?"

"Nun, der deine, für den Anfang", sagte Jarlaxle. Der Goblin riß die Augen auf und starrte ihn an.

"Betrachte es einmal so", lächelte der Drow. "Wenn jener Mensch sich zu deinem König erklären würde - würdest du ihm widersprechen?"

Gools richtete seine blinzelnden Triefaugen kurz auf Entreri - vor allem auf dessen Waffen -, sah dann hastig wieder auf Jarlaxle und schüttelte den flachen Schädel, daß die Ohren flatterten. "Niemals!"

"Na, siehst du. Und dein Weib würde es gewiß auch nicht?" Diesmal kam von beiden Goblins ein unterwürfiges Kopfschütteln. "Dann wird euch der König bestimmt auch nicht vernichten. Und wenn ihr es eurem Stamm weitersagt, was für ein gewaltiger Kämpfer der König ist, dann würden sie ihm doch gewiß auch folgen?"

Gools legte sein Gesicht in grüblerische Denkfalten, was an einem Goblin unglaublich drollig aussah. "Ja, bestimmt. Aber Gools hat keinen Stamm mehr."

"Wie das denn, mein einsamer kleiner Freund?"

"Die anderen Goblins haben gesagt, Gools bringt Unglück, weil überall, wo Gools ist, bald Feinde kommen und alle totmachen." Er schaute von Jarlaxle auf Entreri und zurück und wechselte, dem Menschen zuliebe, wieder in das schwer verständliche Kauderwelsch, das er sich aus Brocken der Handelssprache zurechtgelegt hatte. "Gools zeigt König und Freund von König, wo alte Stamm von Gools, damit König alle totmachen und sagt, Gools wieder nehmen in Stamm?"

Ein eisgrauer Blick streifte Jarlaxle bei dem Wort "König" und hätte die Luft um ihn eigentlich zu winzigen Kristallen gefrieren lassen müssen. Aber, alle Achtung, der Meuchelmörder sagte nicht eine Silbe. Jarlaxle wußte nicht, was ihn mehr amüsierte, das tödlich-ernste Gesicht seines Partners oder Gools' Eifer, seine ehemaligen Stammesgenossen zu verraten. Laut sagte er, ohne eine Miene zu verziehen, und wieder in der Goblin-Sprache:

"Ich glaube nicht, daß das nötig ist, Gools. Deine Freunde werden dich auch ohne das bald wieder in ihren Stamm aufnehmen."

"Werden sie das?" wiederholte der Goblin erstaunt. "Da wäre ich aber froh. Mein Weib hat sich gar nicht gefreut, daß wir weggehen mußten aus der Höhle von den Anderen, und hat Gools sehr ausgezankt deswegen."

"Das wird sie nicht mehr lange tun, mein kleiner Freund", zwinkerte der Drow. "Ganz gewiß nicht, jetzt, wo sie weiß, daß du ein Freund vom König bist. Und schon gar nicht, wenn sie sieht, was für ein nützlicher Diener du für ihn sein kannst. Wofür wir dich natürlich auch reich belohnen werden."

"Belohnen? Gold für Gools? Was soll Gools machen?"

"Nun, für den Anfang könntest du wieder einmal als Späher für uns arbeiten. Allerdings suchen wir diesmal nicht nach Banden streunender Goblins und Orks, sondern nach etwas ganz Speziellem." Jarlaxles rotes Auge funkelte aus dem schwarzen Gesicht. "Nach dem Skelett eines großen, möglichst alten Drachen."

"Ein Drache?" Gools wurde sichtlich blaß unter seiner grünstichigen Haut.

"Ein toter Drache, mein furchtsamer Freund."

"Ein toter Drache, von dem bloß noch Knochen übrig sind? Wofür braucht der König so etwas?"

"Das muß dich nicht kümmern, mein kleiner Freund. Aber es wird ihm - und uns allen - zu großer Macht verhelfen, wenn du uns ein Drachenskelett zeigen kannst. Also, weißt du, wo in den zahllosen Höhlen eurer Berge man die letzte Ruhestätte eines Drachen finden kann?"

Die Stirn des Goblins legte sich erneut in tiefe Falten, als Gools das harte Geschäft des Nachdenkens wieder aufnahm, und er zupfte mit den Fingern der rechten Hand so wild an seiner vorstehenden Unterlippe, als wolle er sie abreißen. Schließlich zuckte er betrübt die Schultern. "Gools weiß nicht, wo man alte Knochen von Drachen finden kann. Gools kennt nur einen Ort, wo am Anfang des Winters ein Drache gestorben ist. Ein sehr alter schwarzer."

"Wirklich?" Jarlaxle wagte seinen Ohren kaum zu trauen und pries im Stillen das Glück, das Artemis Entreri hatte im letzten Jahr hinter diesem herrlich einfältigen Goblin herjagen lassen. "Das wäre ja noch besser, lieber Gools. Kannst du uns an diesen Ort führen?"

"Jetzt gleich?"

"Nein, keine Angst, nicht jetzt gleich. Ich möchte, daß du mit deinem Weib vorerst hier an diesem Ort bleibst. Wir werden zu dir kommen, wenn wir deiner Dienste bedürfen." Der Drow warf einen etwas besorgten Blick über die Schulter. "Und nun sollten wir uns beeilen, damit wir zurückkehren zu unseren Reittieren, ehe sie den Zauber abwerfen, den ich auf sie gelegt habe, und sich an deinem Nachwuchs gütlich tun."

Das ließ beide Goblins in hastiges Kopfnicken ausbrechen, und sie verabschiedeten den Dunkelelfen und noch mehr den Menschen mit unterwürfigen Verbeugungen, die Entreri neuerlich mit steinernem Gesicht zur Kenntnis nahm.

--

Draußen tobte der Sturm mit unverminderter Heftigkeit, und die beiden wütenden Nachtmahre schnaubten schwarze Funken in die wirbelnden Flocken zu ihrer Begrüßung. Jarlaxle wollte nach den Zügeln der vorderen Kreatur langen, fühlte sich aber schmerzhaft durch eine braune Hand daran gehindert, die mit eisernem Griff seinen Bizeps umfaßte. Die starren grauen Augen, denen er sich im Umdrehen gegenüber fand, wunderten ihn eigentlich nicht wirklich.

"König", kam Entreri ohne Umschweife zum Thema. Jarlaxle strahlte ihn an.

"Aber ja, mein Freund. Habe ich dir nicht gesagt, daß dieses Land, das Land Vaasa, dringend einen Herrscher braucht? Nun, warum verschleiern, was man ist? 'König' ist nun einmal von Alters her der Titel, der einem wahren Herrscher gebührt."

"König zweier armseliger Goblins?" Entreri spuckte zur Seite aus.

"Sowie fünf bis sechs ihrer vielversprechenden Nachkommen", korrigierte Jarlaxle lachend. "Und glaub mir, mein Freund, es ist nur der Anfang."

Entreri starrte ihn an. "Seit wann ist Jarlaxle so tief gesunken, daß er eine Herausforderung darin sieht, sich zum Herrscher derart erbärmlicher Kreaturen aufzuschwingen?"

"Ich?" Jarlaxle lachte, als er die Erkenntnis auf dem Gesicht seines Freundes aufkeimen sah. "Aber mitnichten. Habe ich nicht gesagt, ich würde deinem richtungslosen Dahinwandern ein neues Ziel setzen?"

"Du bist vollkommen verrückt geworden", resümierte der Meuchelmörder zornig.

"Weißt du, wie oft man mir das vorgeworfen hat?" spottete Jarlaxle. "Zaknafein, der Vater deines früheren Erzfeindes Drizzt Do'Urden, hielt mich auch für verrückt, als ich ihm sagte, ich würde einmal mächtiger in Menzoberranzan sein als so manche Mutter Oberin. Nun, hatte ich nicht recht?" Er legte dem Menschen, der bereits wütend den Kopf schüttelte, eine beruhigende Hand auf die Schulter. "Überleg doch, mein Freund. Diese Goblins sind doch nur der Anfang. Das restliche Vaasa wird folgen. Und niemand, kein Goblin, kein Ork und erst recht kein Mensch in ganz Vaasa würde einen Drow wie mich akzeptieren. Akzeptanz aber ist etwas, das die Untertanen ihrem Herrscher bis zu einem gewissen Grad entgegenbringen müssen, soll die Herrschaft von Dauer sein." Er zuckte die Achseln. "Dazu kommt, daß du zum Herrscher weit geeigneter bist als ich."

Der letzte Satz bewirkte, daß Entreri vor Überraschung um einen halben Schritt zurück prallte. "Der Sturm muß mir auf die Ohren geschlagen sein. Hast du gerade eben zugegeben, ich wäre in einer Sache besser als du?"

"Sagen wir: geeigneter." Der Drow machte eine Geste, als werfe er etwas in die Luft, und unwillkürlich geriet ein ungewohnt ernster, fast wehmütiger Unterton in seine Stimme. "Für Jarlaxle ist das Leben ein Spiel, Artemis Entreri. Ich bin ein Geschöpf des Unterreichs, ich habe gelernt, mein Vergnügen allein schon daraus zu ziehen, daß ich dem unweigerlichen Verderben täglich neu ein Schnippchen zu schlagen vermag. Ich bin ein Drow, eine Kreatur Lolths, ich lebe, denke und atme Chaos. Und ich mag nicht viel von dem begreifen, was in dir vorgeht, mein Freund, aber eines erkenne ich ganz klar: Du bist anders als ich. Und ich weiß, daß du Großes zu bewegen vermöchtest, wenn du nur endlich den Mut fassen würdest, etwas zu wollen." Er begegnete dem zutiefst argwöhnischen Blick seines Compagnons und setzte, wieder mit der alten spitzbübischen Miene, hinzu: "Natürlich rechne ich damit, daß du dich nach deiner Krönung deinen Helfern der ersten Stunde gegenüber dankbar erweisen wirst. Du weißt schon: bevorzugte Beziehungen, exklusive Handelsverträge... natürlich alles zu beiderseitigem N..."

"Du brauchst wieder eine Marionette", unterbrach der Meuchelmörder barsch, und diesmal lachte Jarlaxle laut.

"Ja, natürlich. Weil das ja bisher auch bei dir so hervorragend geklappt hat."

"Ich war deine Marionette in Calimhafen", hielt ihm Entreri entgegen. "Und schon zuvor in Menzoberranzan, als du Do'Urden von den Baenre entkommen lassen wolltest."

"In Menzoberranzan hatte ich dich in der Hand", gab Jarlaxle zu. "Aber in Calimhafen? Artemis, du warst keinen Tag länger meine Marionette, als es dir in den Kram paßte, oder wir wären beide heute noch dort und würden fröhlich lange Ketten von Kristalltürmen in der Sandwüste bauen."

"Du manipulierst mich", widersprach der Mensch. "Es ist dasselbe wie mit Idalias Flöte."

"Und? Hat dir das Spiel auf der Flöte etwa geschadet?" Das sture Schweigen des Mannes sagte Jarlaxle genug und machte ihn lächeln. "Artemis. Ich bin dein Freund, wann willst du das endlich einsehen? Was ist dir bisher denn unter meiner Fittiche so Schlimmes widerfahren?"

"Rote Drachen", zählte der Mann prompt wieder einmal auf, "kupfernde Drachen. Liche. Dracoliche..."

"Du bist noch am Leben, nicht wahr?"

"Mit knapper Not."

"Mit dem Bewußtsein, einer gewaltigen Gefahr getrotzt zu haben. Etwas, worauf du mit Recht stolz sein kannst."

"Lenk nicht ab. Du spielst ein Spiel mit mir, eines, bei dem ich nie irgendeinen deiner Züge im voraus erfahre."

"Zugegeben." Jarlaxle hob die Hände. "Aber ändert das etwas daran, daß ich nur dein Bestes im Sinn habe?"

"Genau so lange, wie das Beste für mich auch das Beste für dich ist."

"Ist das nicht der Inhalt unserer Freundschaft, Artemis Entreri?"

Entreri starrte ihn an. Dann sagte er: "Was hast du mit Gools besprochen?"

Der Drow sah ein, daß es besser war, die Wahrheit zu sagen. "Er wird uns, auf meine Bitte, zum Leichnam eines kürzlich verstorbenen schwarzen Drachen führen."

Entreri sah ihn erneut an. "Du scherzt."

"Es ist mein Ernst."

"Nein."

"Knellict?" erinnerte Jarlaxle. "Denkst du wirklich, er wird sich von deinem Schwert oder meinem Charme beeindrucken lassen? Es wird uns alles kosten, was wir haben, um ihn zu bezwingen, und der Weg führt nur über ihn. Wir wären Narren, unsere stärkste Waffe nicht zu nutzen."

"Erinnerst du dich vielleicht, wieviel es uns beim ersten Mal gekostet hat, diese 'Waffe' zu bezwingen?" Gift träufelte in seinen Ton. "Ah, ich vergaß. Du hattest dich ja bereits in einen Rauchschwaden verwandelt und warst dabei, davonzuwehen."

"Das hängt dir immer noch nach", stellte Jarlaxle verwundert fest. "Mein Freund, ich bin, was ich bin."

"Ein verdammter Drow", spie Entreri aus.

"Ganz genau. Aber ein Drow, der es gut mit dir meint. Und der einzige weit und breit, der das tut." Er sah den Menschen an in einer Mischung aus Unverständnis, Amüsement und Besorgnis. "Artemis. Urshula ist unserem Willen auf Gedeih und Verderb unterworfen. Wenn wir ihr Seelengefäß zerstören, zerfällt ihre untote Existenz binnen Sekunden zu Asche. Und sie weiß das."

Entreri stand da und schüttelte langsam den Kopf.

"Es wird ein gewaltiger Spaß sein, mein Freund." Das trug ihm einen fassungslosen Blick ein, und Jarlaxle lachte schallend. "Du weißt, daß ich recht habe, Artemis. Und jetzt komm, steig in den Sattel, oder wir werden trotz unserer schnellen Rosse nicht rechtzeitig zurück sein, bevor die Wachablösung dich vermißt."

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Die Wachablösung kam noch vor dem ersten Morgengrauen in höchstpersönlicher Gestalt einer schwer besorgten Obersten und fand einen durchfrorenen, durchnäßten und mit dicken Schneekrusten bedeckten Posten brav an seinem Platz vor.

"Entreri!" rief sie fassungslos. Der Meuchelmörder richtete seinen steifgefrorenen Körper zu einer Art Salut auf.

"Ihr seid nicht wirklich die ganze Nacht bei diesem Wetter draußen gewesen?"

Sie erhielt ein - reichlich schwerfälliges - Achselzucken zur Antwort. "Befehl ist Befehl", brachte der Mann zwischen blau verfärbten Lippen hervor. Mirlyan starrte ihn an.

"Ihr seid bei Ilmater nun wirklich der seltsamste Mensch, der mir je untergekommen ist", sagte sie schließlich. "Jeder Posten mit einem Funken Verstand hätte sich in so einer Nacht ans Ofenfeuer verzogen, Befehl hin oder her! Was ist los mit Euch, sonst tut Ihr doch auch nie, was man Euch sagt?" Sie packte den um einen Kopf kleineren Mann rigoros bei der Schulter und schob ihn in Richtung der Treppe, die von den Zinnen ins Innere der Mauern führte. "Ihr seht jetzt sofort zu, daß Ihr aus diesen Kleidern kommt. Ihr nehmt ein heißes Bad, und danach legt Ihr Euch ins Bett und bleibt dort. Das ist auch ein Befehl, verstanden! Ihr habt bis morgen früh dienstfrei, und wehe, ich sehe euch vor heute Abend auf den Beinen! Ab mit Euch, Soldat!"

Es gab wenige Gelegenheiten, zu denen Artemis Entreri Gehorsam ähnlich leicht gefallen war.