Es war dann freilich nicht der sagenumwobene Kane, sondern viel prosaischer die Oberste Mirlyan Sorrokev, die die Neuigkeit verkündete. Vom berühmten Mönch selbst war nicht einmal der Faden einer Kutte zu entdecken, aber daß er mit von der Partie sein würde, war in der Mannschaft bereits ein offenes Geheimnis und Anlaß für großes Hallo. Termin des Abmarsches sollte in zwei Tagen sein, um allen noch ausreichend Gelegenheit zu geben, sich im Zeughaus mit der benötigten Winterausrüstung einzudecken.

Für die beteiligten Soldaten bedeutete der Aufschub freilich eher Gelegenheit zu einem feuchtfröhlichen Abschied im Schlammige Stiefel und Blutige Klingen, und so polterten nach Dienstschluß eine Menge Armeestiefel nacheinander die ausgetretenen Steinstufen von den Mannschaftsräumen in die unteren Gänge der Festung hinunter.

"Glaub's mir, Schwarzer, du wirst noch froh sein um jede noch so häßliche Barhure, die du hier zu Gesicht bekommst", spottete Raunir, an den Dunkelelfen gewendet, als er ihn unterhakte und Richtung Taverne zog. "Darmshall ist berüchtigt dafür, daß dort chronischer Frauenmangel herrscht. Sie schicken Werber durch Damara jedes Jahr auf der Suche nach heiratswilligen Frauen."

"Diese Sache wird immer besser", stöhnte Jarlaxle theatralisch. Von irgendwo hinter ihnen auf der Treppe kam noch kurz Entreris knappes schadenfrohes Gelächter, aber als Raunir sich am Fuß der Stufen nach dem Calishiten umdrehen wollte, war der plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

"Laß ihn", seufzte Jarlaxle, als der Blondschopf ihn verblüfft anschaute. "Er ist ein hoffnungsloser Fall. Wenn es eine Gelegenheit gibt, vor seinem Vergnügen davonzulaufen, wird er sie nutzen." Er wendete noch einmal den Kopf zurück und rief aufs Geratewohl Richtung Treppe: "Aus dir hätten sie einen Mönch machen sollen!"

Sevellin grinste breit und bemerkte ein weiteres bekanntes Gesicht ein Stück entfernt. "Peshel? Komm mit, wir gehen unseren letzten Abend hier genießen!"

Jarlaxle drehte sich ebenfalls nach dem Waldläufer um und notierte mit Interesse, wie sehr die Ankündigung des bevorstehenden Aufbruchs den bisher so reservierten jungen Mann verwandelt zu haben schien: Die bleichen Wangen hatten Farbe gewonnen, und in die erloschenen Augen war ein bisher unbekanntes Feuer getreten. Er zögerte zwar kurz, kam dann aber mit einem leichten Lächeln und einem kurzen Nicken, das eher ihm selbst als Sevellin zu gelten schien, zu den zwei anderen Männern herüber.

"Laßt uns lieber unseren Aufbruch feiern!" sagte er und ballte beide Fäuste in ungewohnt heftiger Gestik. "Ich kann es kaum mehr abwarten."

Sevellin Raunir und Jarlaxle tauschten einen kurzen Blick, und beide dachten dasselbe. Der Jäger wußte etwas, und da er sich heute in so unerwartet gesprächiger Stimmung präsentierte, war das die ideale Gelegenheit, ihm sein Geheimnis endlich zu entlocken. Die zwei nahmen den Waldläufer in die Mitte und wanderten schnurstracks Richtung Taverne.

Das 'Schlammige Stiefel und Blutige Klingen' war so überfüllt wie eh und je; einige bedauernswerte Wachen, Kollegen ihrer feiernden Kameraden, hatten für Ruhe zu sorgen. Der Unterschied zu den Sommermonaten war, daß sich statt müder, zerschundener Abenteurer vor allem gelangweilte, angetrunkene Abenteurer und ein großer Teil Soldaten hier einfanden - nicht unbedingt die ungefährlichste Mischung. Aber die Soldaten unterstanden den strengen Regeln ihrer Armeeführung, und auch dem volltrunkensten Monsterjäger mußte klar sein, daß er sehr schnell die Gunst der hiesigen Behörden verlieren und sich statt als geachteter Helfer der Krone in Acht und Bann als Verbrecher wiederfinden konnte. Für nicht wenige der Möchtegern-Helden war das exakt der Punkt, an dem sie ihre Karriere begonnen hatten, und kaum jemand hatte Lust, sich dort wiederzufinden.

Die meisten Tische waren belegt, aber Karol Dor, Fallide Hervensteen und noch einige andere hatten sich bereits Plätze gesichert und winkten die Neuankömmlinge eilig herüber. Jarlaxle am Tisch zu haben, war aus der Sicht eines durstigen Soldaten stets von Vorteil; die offenbar unerschöpfliche Börse des Drow war schon für so manche Lokalrunde gut gewesen.

Wie in geheimer Absprache nahmen Jarlaxle und Sevellin Raunir den heute so erstaunlich umgänglichen Kelliv Peshel in die Mitte. Jarlaxle winkte einem der Serviermädchen (von denen, wie Entreri gelegentlich spottete, den Drow vermutlich jede einzelne weit besser kennengelernt hatte, als schicklich war), das denn auch sofort mit breitem Strahlen an mehreren anderen rufenden Gästen vorbei an ihren Tisch eilte, und gab unter reichlich Schäkern und Augenzwinkern die Bestellung auf. Die Bedienung lachte so herzlich, daß Grübchen auf ihren runden Wangen entstanden.

Der Drow seufzte dramatisch, sobald sie wieder Richtung Theke und Küche verschwunden war. "Und darauf werden wir nun vielleicht wochenlang verzichten müssen."

Raunir grinste und tauschte einen Blick mit Peshel. "Ab und zu kann man Entreri fast verstehen, nicht?" Er zog überrascht die Brauen in die Höhe, als das Mädchen praktisch im selben Moment mit einem Tablett voller steinerner Krüge bereits wieder an ihren Tisch kam, ganz offensichlich eifrig bemüht, dem dunkelhäutigen und spitzohrigen Stammgast gefällig zu sein. Der Drow winkte sie ein wenig zu sich herunter und fing an, ihr eifrig ins Ohr zu flüstern. Sie kicherte, errötete sichtlich und drohte dem Dunkelelfen scherzhaft mit dem Finger.

"Ja, kann man", nickte Peshel, als die Frau wieder verschwunden war, und Jarlaxle lachte heiter zur Antwort.

"Ah, aber es hat seine Vorteile, sich mit wichtigen Leuten gut zu stellen. Und niemand kann ernsthaft von mir erwarten, daß ich Artemis' selbstquälerische Askese zum Maßstab nehme. Das wäre zuviel verlangt von Mensch, Drow oder Dämon." Er grinste Peshel an. "Wie sieht es eigentlich bei dir aus? Von Raunir weiß ich ja, daß er sich einbildet mir bei unserer Obersten Konkurrenz machen zu können. Aber wie steht es bei dir? Keine Frau, kein Mädchen, das irgendwo auf dich wartet?" Er nahm einen Zug aus seinem Krug, so daß sein Gesicht verborgen war, während er die Reaktion des Waldläufers scharf aus den Augenwinkeln beobachtete. Und er täuschte sich nicht, als er annahm, daß die scheinbar unschuldige Frage eine heftige Reaktion auslösen würde, denn die Hand des Waldläufers krallte sich so fest um den Henkel seines Kruges, daß die Haut sich über den weißen Knöcheln spannte.

"Es gab jemand", sagte Peshel dann, und er hob seinerseits sein Getränk an die Lippen und tat einen tiefen Zug.

Sevellin Raunir wartete, bis der andere den Krug wieder abgestellt hatte, ehe er einhakte.

"Was ist aus ihr geworden?"

"Sie ist tot", kam erwartungsgemäß die Antwort, gefolgt von einem geknirschten: "Und bei Mielikki, ich werde sie an Knellict rächen!"

"Knellict?" wiederholten sowohl Raunir wie Jarlaxle, und beide lehnten sich synchron nach vorn und stützten die Ellenbogen auf die Tischkante. Peshel sah von einem zum anderen. Vielleicht ahnte er, daß die zwei ein abgekartetes Spiel spielten, in dem es nur darum ging, ihn auszuhorchen, aber wenn, so machte es ihm wohl nichts mehr aus, denn er zuckte die Achseln und ließ sich ohne viel Nachhaken dazu bewegen, die ganze traurige Geschichte zu erzählen.

Jarlaxle fand die Erzählung simpel genug. Der junge Waldläufer hatte sich, verleitet durch eine tragische Liebe, auf ein Spiel eingelassen, für das er ganz eindeutig nicht gerüstet gewesen war, und nach allem, was man aus seinem Bericht schließen konnte, wohl auch seine bedauernswerte Freundin nicht wirklich, ihrem heroischen Einsatz für König Gareth zum Trotz. Nun sann Kelliv auf Rache, und das schien alles zu sein, wofür es in seinem verdüsterten Denken noch Platz gab.

Die Zerbrechlichkeit menschlicher Seelen, dachte der Drow nüchtern. Kein Wunder, daß so wenige von ihnen sich einem Dunkelelfen gewachsen zeigten.

Er überließ es im wesentlichen Raunir, die passenden Entsetzens- und Beileidsbekundungen zu äußern und nebenbei alle richtigen Stichworte zu liefern, damit Kelliv Peshel in seinem Bericht fortfuhr, und ließ sich, was er hörte, in Windeseile noch einmal durch den Kopf gehen.

Die kaltschnäuzige Brutalität, mit der Knellict gegen das Mädchen Mai-Ylitt vorgegangen war, war beachtenswert. Entweder der weibliche Mönch war ein gefährlicherer Feind gewesen, als aus Peshels Bericht hervorging, oder Knellict verfolgte mit diesem Mord einen ganz eigenen Plan. Zudem fragte der in Zauberei nicht unerfahrene Drow sich sofort, weshalb ein Magier von der Macht Knellicts ein Risiko eingegangen war, als er das Gedächtnis des Waldläufers manipulierte. Alle Zauber, die den Geist anderer Wesen betrafen, waren notorisch wankelmütig, insbesondere, wenn ihre Wirkung lange andauerte. Wieso hatte Knellict Peshel nicht einfach mental befohlen, Hand an sich selbst zu legen, sobald er seinen Auftrag, den Patriarchen des Klosters der Gelben Rose zu ermorden, erledigt hatte? Wieso ein Mordwerkzeug zurücklassen, das vielleicht Hinweise auf den Täter geben konnte?

Vielleicht, weil man wollte, daß diese Hinweise gegeben wurden. Jarlaxle brauchte nicht viel Scharfsinn, um sich auszurechnen, daß am Ende der Reise, auf die die Truppe sich demnächst machen würde, ein hervorragend vorbereiteter Erzmagier mit einem Trupp großartig geschulter Kämpfer lauerte. Kämpfer von der Stärke eines Athrogate.

Oder gar Kämpfer von der Stärke eines Artemis Entreri? Jarlaxle verzog das Gesicht bei dieser Vorstellung. Er hatte, auch wenn er ihm das selten genug ins Gesicht sagte, gewaltigen Respekt vor den Schwertkünsten seines menschlichen Freundes, und er konnte sich durchaus vorstellen, dem Meuchelmörder in einem bloßen Kampf Mann gegen Mann zu unterliegen - das kam in erster Linie darauf an, wieviele seiner magischen Spielzeuge er zu einem solchen Kampf würde mitbringen dürfen, dachte er lächelnd. Aber mehrere Dutzend Gegner vom Schlage eines Entreri, wie sie vielleicht in dieser Attentäter-Vereinigung warteten, würden sich vielleicht auch für die mächtigsten Gegenstände in Jarlaxles Besitz als zu stark erweisen.

Nein. Es mußte andere Möglichkeiten geben, sich die Dienste der Assassinengilde zu sichern. Auch wenn, da machte Jarlaxle sich keine großen Illusionen, der Weg letztlich immer über den gefährlichen Knellict führen mußte.

Der zweite Punkt, der der Aufmerksamkeit des findigen Drow nicht entging, war die Haltung von Sevellin Raunir gegenüber dem jungen Kelliv Peshel. Jarlaxle hätte nicht einmal sagen können, was genau ihn an der Reaktion des blonden Soldaten störte. Vielleicht kamen Raunirs Erkundigungen einfach ein wenig zu schnell und zu präzise und vielleicht zeigte er seine Erschütterung ein wenig zu offen, als daß sie Jarlaxle nicht als eigenartig aufgestoßen wäre. Vielleicht kam ihm Sevellin Raunir einfach ein bißchen zu wenig überrascht und zufrieden vor, als Peshel endlich mit der Sprache herausrückte.

Es würde eine interessante kleine Reise werden, resümierte er in Gedanken, während er an dem bitteren Bier der Gaststätte nippte. Ob nun mit oder ohne Mönch an der Spitze.

--

Sie faltete ein weiteres leinenes Hemd zusammen und legte es in ihre Kleidertruhe, richtete sich auf und drehte sich um, und da stand er.

Es kostete sie ihre ganze Geistesgegenwart als Kämpferin, vor Schreck nicht ein sehr unheldenhaftes Quietschen auszustoßen. Ihr Zusammenzucken entging ihm trotzdem nicht, und das winzige höhnische Lächeln auf seinem Gesicht wurde breiter.

"Tu das nicht!" herrschte sie ihn statt eines Grußes an. Er runzelte die Stirn, und sie erinnerte sich, mit wem sie sprach.

"Du hast mich erschreckt", sagte sie, als bedürfe das tatsächlich noch der Klärung, und deutete in Richtung der verschlossenen Tür. "Wie bist du überhaupt hereingekommen?"

Sein dunkelhaariger Kopf ruckte einmal kurz zum Fenster. Auch das war natürlich verriegelt gewesen, sogar mit einem schweren, knirschenden Eisenriegel. Es war es auch jetzt, obwohl die Anwesenheit des Calishiten im Zimmer bewies, daß es sich kurz einmal lautlos geöffnet und wieder geschlossen haben mußte.

Natürlich erklärte das noch nicht, wie der Meuchelmörder an den kahlen, eisverkrusteten Burgmauern empor überhaupt bis an dieses Fenster gekommen war. Calihye sagte sich, daß sie eine solche Erklärung wohl auch nicht erhalten würde.

"Du bist ein sehr gefährlicher Mann, Artemis Entreri." Sie sagte es spielerisch, verführerisch, während sie auf ihn zutrat und sich an ihn schmiegte, aber er durchschaute den Ernst dahinter.

"Vergiß das nie", bestätigte er hart, und als er ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand nahm und ihr mit diesem tödlich kalten, stahlgrauen Blick in die Augen sah, fragte sie sich, ob er die Besorgnis in seinem eigenen Tonfall wohl gehört hatte.

Sie lächelte in der Hoffnung, dem Moment ein wenig von seiner Spannung zu nehmen. "Woher wußtest du, daß ich angekommen bin?"

Zu ihrer Verwunderung vertieften sich die Furchen auf seiner Stirn. "Athrogate."

"Der Zwerg?" Es gefiel auch Calihye nicht, daß der unberechenbare Kämpe offenbar von ihr Notiz genommen hatte, zumal sie sich den Grund dafür nicht erklären konnte. Sie schüttelte sich das glänzende schwarze Haar über die Schulter zurück und schaute den Mann fragend an.

"Die Rangliste." Entreri hatte eine Hand an ihrer Wange liegen und zeichnete mit dem Daumen gedankenverloren die zornige rote Narbe nach, die das Gesicht der Frau spaltete. Sie zuckte innerlich zusammen, als die Berührung sie an ihre eigene Entstellung erinnerte, aber er schien es tatsächlich nicht zu bemerken. "Du hast ihn schon einmal darin geschlagen."

Calihye lachte leise. "Ja, ich nehme an, das ist Athrogates Art zu denken", spottete sie. "Was hat er getan?"

"Gereimt", antwortete der Mörder, und ein schmerzliches Zucken lief kurz über sein Gesicht. "Und danach ist er aus den Toren nach Vaasa hinausgestürzt, wahrscheinlich, um alles kurz und klein zu schlagen, was er findet."

"Sei es ihm vergönnt", seufzte die Frau. "Es wird wohl genug Monster geben für uns beide in Vaasa. Parissus und ich sind dem Zwerg auch früher schon aus dem Weg gegangen."

"Wenn er dich läßt", warnte Entreri. "Ich rate dir gut, begegne ihm nicht allein."

Calihye zuckte die Achseln.

"Er war wütend im Extrem. Ich bin sicher, er hat gegen geltenden Befehl gehandelt, als er in die Tundra gegangen ist", sagte der Mörder nach kurzem Zögern. Die Halbelfe brauchte nicht lange, um den Sinn der Worte zu begreifen.

"Er war euretwegen hier", stellte sie fest. "Um dich und den Drow zu beobachten. Beauftragt von der Zitadelle." Er machte sich nicht die Mühe, es abzustreiten. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände, kopfschüttelnd.

"Was soll ich sagen? Artemis, du wanderst auf gefährlicheren Pfaden, als du dir ausmalen kannst."

In seinem Lächeln lag nicht eine Spur von Humor. "Glaub mir, diese Pfade kenne ich von klein auf."

"Aber wohin führen sie dich?" Sie stieß heftig den Atem aus, ehe sie ihn ansah. "Kann ich dir irgendwie helfen?"

Er bewegte rigoros den Kopf hin und her. "Nein."

"Ich bin eine unbekannte Größe, ich könnte..."

"Nein." Die Wiederholung erfolgte nicht eine Spur lauter als vorher, aber in einem Ton, der Eiskristalle durch Calihyes Adern wandern ließ.

"Hältst du mich für zu dumm? Zu unerfahren?" fragte sie in einer Anwallung von Trotz. Die grauen Augen fixierten sie kalt.

"Erinnerst du dich an unser Gefecht in Palishchuk?" fragte er zurück. Sie errötete unwillkürlich, denn er hatte natürlich recht: Es hatte ihn nicht mehr als drei Schwerthiebe gekostet, sie zu besiegen. Er schaute sie an, und seine Miene verlor etwas an Härte.

"Du tötest Goblins und Orks und Oger und von mir aus sogar Riesen, um dir deinen Lebensunterhalt zu verdienen, und ich weiß, daß du es kannst. Mir ist nicht bange, wenn du vorhast, morgen oder übermorgen in die Tundra zu gehen. Aber ich will nicht, daß du Leuten wie Athrogate oder Knellict oder Jarlaxle in die Quere kommst." Sie fand es seltsam, daß er seinen Partner in diese Aufzählung miteinbezog, aber gleichzeitig war es wohl alles andere als falsch.

"Und du?" erkundigte sie sich. Er hob kurz die Schultern, und alles Weiche verschwand wieder aus seinen Zügen.

"Ich tue, was zu tun ist."

Sie zögerte, nickte dann aber. Es gab nichts, was sie ihm hätte erwidern können. Er und sein Drow-Freund hatten vermutlich, seitdem sie den Boden Damaras betreten hatten, im Blickpunkt von Leuten wie Knellict und Timochenko gestanden. Wenn es tatsächlich zur Konfrontation käme, würde er sich ihr nicht entziehen können, selbst wenn er es wollte.

Sie faßte ihn am Kragen seines Hemds. "Bleibst du hier heute nacht?"

Er verzog das Gesicht. "Ein ebenso guter Grund, von der Armee zu desertieren, wie jeder andere, nehme ich an. Aber ich muß zurück zur Kaserne." Er beugte sich ruckartig vor und preßte seine Lippen auf die ihren. "Eine Weile kann ich bleiben", flüsterte er in den Kuß. Sein Atem lief heiß über ihre Wange, als er sie an sich preßte und sein Gesicht in die Masse ihres schwarzen Haars tauchte. Sie hielt ihn eine Weile fest, aber von Anfang an spürte sie, daß etwas nicht stimmte.

"Was ist geschehen?" fragte sie leise.

Er rückte ein Stück ab, zögernd. "Wir brechen übermorgen in die Galenas auf."

Und es war nicht die Tatsache des Aufbruchs, die ihm zu denken gab, erkannte Calihye. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie begriff, was sie heute so an ihm verstörte: Irgendwo hinter seiner unnahbaren, steinernen Miene keimte ein Unkraut, dessen Saat er noch nicht einmal bemerkt zu haben schien.

Artemis Entreri hatte Angst.

Und nichts, dachte Calihye, während sie sich erneut an ihn preßte und anfing, mit fliegenden Fingern die Schnallen seiner Uniform zu öffnen, während er, plötzlich ungeduldig, ihr Hemd ruckartig aus ihrem Gürtel zerrte, nichts hätte sie selbst mehr ängstigen können als diese Erkenntnis.

--

Mirlyan Sorrokev fühlte sich mehr als nur ein wenig verlegen in Gegenwart des berühmten Wandermönches. Dabei spielte es keine Rolle, wie still und bescheiden sich der hagere weißhaarige Mann in ihre Schreibstube geschlichen hatte, und daß er seitdem in seinen zerfetzten Kleidern mit stillem Lächeln auf dem härtesten und ältesten Schemel saß, der sich darin hatte auftreiben lassen, und nichts hatte annehmen wollen außer einem Tonbecher mit Wasser. Mirlyan fühlte sich diesem Helden des Landes gegenüber dennoch unwillkürlich wie ein Schulkind, das seine Lektionen nicht gelernt hat.

Sie atmete beinahe erleichtert auf, als die Tür sich öffnete und ihr Vorgesetzter endlich eintrat, um dem alten Mönch, der sich stumm und lautlos von seinem Sitz erhob, krachend auf die Schulter zu klopfen.

"Kane! Immer in der Nähe, wenn die Dinge knifflig werden!"

"Immer in der Nähe, um dir beim Rätsellösen zu helfen", gab der Angeredete munter zurück. Die Mundwinkel Kierneys zuckten spöttisch.

"Meine Motive, die Lösung auf ein Rätsel zu finden, sind allerdings stets ein wenig... praxisbezogener gewesen als die deinen."

"Du meinst, in meinem Fall der brennende Wunsch, den Urgrund des Daseins zu finden", spöttelte der Mönch, "und in deinem... pure Neugierde?"

"Der brennende Wunsch, König und Vaterland zu schützen", verbesserte der Halbelf ein wenig pikiert. "Und pure Neugierde."

Kane lachte, und Celedon wendete sich Mirlyan zu.

"Hat er sich ordentlich benommen, liebe Nichte? Seht Ihr, ich traue diesen angeblichen Asketen nicht so recht..."

Die Oberste schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. "Ich bitte Euch, Oheim!"

Celedon hob beide Hände. "Ihr werdet Euch seiner auf Eurer Reise zu erwehren haben, nicht ich." Sein Grinsen verschwand abrupt und machte einem sorgenvollen Ausdruck Platz, als sein Blick zu jenem schmalen Fenster glitt, das hinunter in einen der Exerzierhöfe führte. "Du hast das Antreten beobachtet, Kane?"

Der Mönch nickte nachdenklich.

"Und? Das Rätsel schon gelöst?"

"Du verwechselst mich mit einem Wahrsager", lächelte der ehemalige Patriarch. "Ich nehme an, es sind der Dunkelelf und der Calishit, die dir Sorgen machen? Ein beeindruckendes Paar, soviel ist sicher."

"Und schlagkräftig noch dazu. Du hast von der Replik des Zenghyi-Schlosses gehört?"

Wieder nickte der Mönch. "Sie und Athrogate, ja?"

"Von allen Leuten, die hineingingen, mußten ausgerechnet die drei zwielichtigsten wieder herauskommen", stimmte Kierney zu.

"Hat der König das Schloß bereits in Besitz nehmen lassen?"

"Das wird wohl nicht geschehen vor der Schneeschmelze", antwortete der Halbelf. "Die Versorgungslage ist nicht einfach, obwohl Palishchuk nicht weit entfernt liegt, aber die Halborks werden kaum begierig sein, eine ganze damarische Garnison mit durchzufüttern. Und jetzt einen Schock Soldaten hinzuschicken, nur damit diese vielleicht von beutegierigen Orks eingekreist und abgeschnitten werden, ohne daß wir von Damara aus rechtzeitig Entsatz senden könnten, das würde Gareth niemals tun."

"Es patroullieren aber wohl Wachen aus Palishchuk immer wieder hinaus", wagte Mirlyan einzuwerfen. Die beiden Männer nickten, und Kane warf einen langen, sinnenden Blick hinaus in den verschneiten Hof, ehe er sagte:

"Ich ziehe es vor, die großen Probleme vor den kleinen anzugehen. Wir haben da draußen in der Tundra ein Vermächtnis des Hexenkönigs persönlich. Es liegt unbewacht, und Ilmater allein weiß, was für schreckliche Überraschungen es für den Finder bereithalten mag. Und wir haben da draußen die Zitadelle der Assassinen. Ich bezweifle, daß Knellict den gesamten Winter vergehen lassen wird, ehe er sich näher mit diesem Erbe seines früheren Herren und Meisters beschäftigt. Wenn sich irgendjemand als der rechtmäßige Nachfolger auf dem Thron Vaasas empfinden dürfte, dann ist das Knellict."

"Wir nehmen an, daß der Drow und sein Helfershelfer mit Knellict im Bund stehen", sagte Mirlyan. Kane drehte sich halb nach ihr um.

"Eine logische Schlußfolgerung, aber dennoch. Unser wahres Problem ist Knellict. Wenn dieses Paar in der Lage ist, uns zu Knellict zu führen, so soll es mir recht sein. Wenn wir uns täuschen und sie nicht auf der Seite der Zitadelle stehen, soll es mir noch eher recht sein." Er starrte wieder nach draußen, wo der Schnee wieder zu fallen begann.

"Es ist ein kleines Wunder, wie es Knellict so lange gelungen ist, unseren Nachforschungen zu entgehen", bemerkte Celedon aus dem Hintergrund. Kane hob die Schultern.

"Er ist geschickt und weiß, was er tut. Offenbar hat er bei Kelliv Peshel tatsächlich seinen ersten kleinen Fehler seit langer Zeit gemacht. Wahrscheinlich muß das selbst einem Genie ab und zu passieren."

"Dir geht immer noch jedes Verständnis für Zauberei ab", spöttelte Kierney, und der Mönch grinste ihn an.

"Weil sie ein Verstoß gegen die natürliche Ordnung ist. Ah, ich wünschte, ich könnte dir begreiflich machen, wie deine Magie auf den Kosmos wirkt. Es ist, als würde ein ungeschicktes Kind mitten durch einen sorgfältig gepflegten Blumengarten trampeln. Oder mit beiden Füßen in Pfützen springen."

"Welches Kind tut das nicht gern?"

Kane hob mit resigniertem Kopfschütteln die Hand. "Keine Grundsatzdiskussionen heute, bitte, Celedon. Ich habe morgen einen harten Tag vor mir."

"Zugegeben. Ich beneide euch beide nicht", sagte der Baron. "Es wird euch einiges kosten, nach Darmshall zu marschieren. Dabei lasse ich die Begleitung noch völlig außer Acht. Und wenn ihr angekommen seid, wird sich erst herausstellen, ob Peshel sich tatsächlich an alles erinnert."

"Der Junge ist sich ganz sicher", gab Mirlyan zurück. "Ich war selbst nie lange genug in Darmshall, um mit der Gegend ausreichend vertraut zu werden, aber Patriarch Kane meinte, daß die Geländebeschreibungen Peshels schlüssig waren."

"Kane, bitte", sagte der Mönch fast schüchtern. "Und ja, er hat die Gegend ganz exakt beschrieben. Er wußte, wovon er sprach."

"Knellict wird kaum dort auf dich gewartet haben."

"Kaum. Aber wenn er nicht weiß, daß sein Zauber nachgelassen hat, ist es gut möglich, daß er auch nicht völlig aus der Gegend verschwunden ist, sofern er dort tatsächlich einen seiner Schlupfwinkel hat."

Kierney tauschte einen Blick mit seiner Nichte.

"Es würde passen", sagte die Oberste. "Ein Ort, der zumindest zeitweise zwei Dutzend Männern Zuflucht bietet, muß in der Nähe irgendeiner Siedlung sein, von der aus er sich verpflegen läßt."

"Und in Darmshall muß es demnach Verbündete der Zitadelle geben", sagte Kierney ernst. Kane seufzte.

"Wir haben einen großen Fehler gemacht, damals in der Schlacht, in der Timochenkos Vorgänger fiel. Statt uns auf den 'Großvater der Assassinen' zu konzentrieren, hätten wir darauf bedacht sein müssen, das letzte Werkzeug Zenghyis zu zerstören. Mit Knellict steht und fällt die Macht der Zitadelle."

"Sicher", sagte der Baron leise. "Aber man kann nicht immer alles erreichen, was man sich wünscht."

Heimlich gingen seine Gedanken freilich noch viel weiter. Anders als Kane, anders als vielleicht selbst Gareth Drachenbann persönlich, begriff Baron Celedon Kierney die komplizierten Mechanismen um Macht und ihre Balance in allen Einzelheiten. Und er begriff auch, wie wichtig Knellict und die Bedrohung, die die Zitadelle der Assassinen noch immer darstellten, für die Entwicklung des Landes Damara gewesen waren. Hätten die diversen Landesfürsten der damarischen Lande sich wohl so schnell hinter dem Emporkömmling Gareth vereint, wäre da nicht der unkalkulierbare Feind im Norden gewesen? Hätten sie jemals dem schier wahnsinnigen - und wahnsinnig teuren - Plan zugestimmt, die beiden gewaltigen Festungsanlagen der Vaasa- und Damara-Tores zu erbauen, ganz zu schweigen von den Horden angeheuerter Abenteurer, deren Erfolge beim Abschlachten von Orks und Goblins bis zum heutigen Tag die Steuerkassen des Staates leerten?

Und galt dasselbe nicht ebenso für Timochenko und Knellict? Wie hätten sie ihre völlig skrupellosen Truppen und Verbündeten unter Kontrolle halten können ohne den gemeinsamen verhaßten Feind, Gareth Drachenbann?

Es war traurig, dachte Kierney, aber es war eine Tatsache, daß die Krone von Damara und die Zitadelle einander bis zu einem gewissen Grad brauchten. Das Gleichgewicht der Kräfte hatte beide über die letzten Jahrzehnte am Leben erhalten. Aber das war nun zu Ende. Der Bau des Vaasa-Tors war beendet, der des Damara-Tors stand kurz vor dem Abschluß. Die nähere Umgebung des Vaasa-Tors stand längst vollkommen unter der Kontrolle der Damarer. Es war Zeit vorzurücken, vielleicht schon im Frühjahr einen militärischen Stützpunkt einige Wegstunden im Landesinneren von Vaasa zu errichten. Siedler und Händler würden folgen, und ein neues Gemeinwesen unter dem Schutz Damaras konnte entstehen. Vaasa stand vor der Zähmung.

Die Zitadelle hatte ihre Schuldigkeit getan.

--

Sie erwartete ihn im Halbdunkel des Ganges, der hinüber zu den Mannschaftsräumen führte, und verhielt sich dabei so ruhig, daß Jarlaxle, dessen Gedanken noch ganz von angenehmen Erinnerungen in Anspruch genommen waren, sie tatsächlich erst bemerkte, als er sie fast erreicht hatte. Ihr Haar und ihre dunkle Kleidung verschmolzen mit der Dunkelheit um sie herum, und er sah trotz seiner großartigen Drow-Augen von ihr kaum mehr als das bleiche Gesicht mit der zornigen roten Narbe.

So überrascht er über das Auftauchen der Halbelfe war, so wenig ließ er es sich anmerken. Er schlenderte lässig auf sie zu, blieb vor ihr stehen und schwenkte seinen Hut in einer seiner patentierten eleganten Verbeugungen vor ihr bis zum Boden.

"Werte Dame Calihye! Welchem Glücksfall verdanke ich dieses überaus erfreuliche Wiedersehen?" Er hatte seine Stimme freilich zu einem Flüstern gedämpft in der Annahme, daß es seinen Grund haben würde, warum die Frau ihn heimlich nachts im Flur abfing, statt sich ihm offen am Tag zu nähern. Und der Drow war ziemlich gespannt auf diesen Grund, hatte er doch bis zu diesem Moment nicht einmal geahnt, daß die Halbelfe, die beinahe das Opfer von Entreris Schwert geworden wäre, das Söldnerpaar aber später dennoch vor Knellict und der Zitadelle gewarnt hatte, sich überhaupt noch in Dorf Blutstein aufhielt.

Die von ihm beschworene Wiedersehensfreude war ihrem verschlossenen Gesicht jedenfalls nicht anzumerken. "Kein Zufall", sagte sie spitz, aber ebenso leise, und er hörte das deutliche Lispeln, das von ihrer durch die Narbe gespaltenen Unterlippe herrührte. "Und sicher kein Glück. Ich hörte, Ihr wäret zuletzt auf dem Weg in die Bettkammer eines der Serviermädchen gesehen worden. Der Weg von dort zu Eurem eigenen Lager führt hier vorbei."

"Und Ihr habt mich hier erwartet", stellte der Drow fest. "Ich nehme an, wohl kaum, um mir Euer eigenes Bett als weiteres Nachtquartier anzubieten?" Er erhielt nicht einmal eine Antwort auf diese spöttische Frage und seufzte schwer. "Wie schade. Eine Nacht der Völlerei vor den langen Tagen der Entsagung wäre durchaus nach meinem Geschmack gewesen. Aber sagt mir, was ich für Euch tun kann, liebste Dame."

"Ich will Euch einen Handel anbieten", sagte Calihye. Jarlaxle hob die Brauen.

"Ihr habt prinzipiell mein Interesse. Worin handelt Ihr denn?"

"Informationen", gab die Frau zurück. "Ich konnte Euch immerhin schon einmal den Hals damit retten, nicht wahr?"

"Das ist richtig", nickte der Drow, ein wenig perplex.

"Ich bin nicht dumm", sagte die Frau, ohne zu lächeln. "Ich kann mir an fünf Fingern abzählen, daß jemand wie Ihr sich nicht zum reinen Amüsement in König Gareths Armee einreihen läßt. Ihr verfolgt irgendeinen persönlichen Plan, ein eigenes Ziel. Aber Ihr seid ein Drow, und Ihr mögt noch so charmant sein und Euren Witz ausspielen: Vor Euch hüten sich die Menschen und überlegen sich zweimal, was sie sagen. Vielleicht höre ich aber zufällig Dinge, die für Euch von Interesse sind."

"An Informationen welcher Art hattet Ihr gedacht?"

Sie zuckte die Achseln. "Was ich bekommen kann. Es ist ruhig hier an den Toren um diese Zeit, die Abenteurer sitzen in den Schenken und prahlen. Frauen sind rar, und so manch ein betrunkener Prahlhans sucht, die, die er findet, durch Geschichten zu beeindrucken. Gerüchte kursieren. Ich kann Euch mitteilen, was ich höre, wenn ich etwas höre." Ein zweites Achselzucken. "Ein unverbindliches Angebot, bei dem Ihr nichts zu verlieren habt. Ich weiß nicht, was Ihr vorhabt und was Ihr in der Gegend wollt, und ehrlich gesagt, ich will es auch gar nicht wissen. Daß es nichts Gutes sein kann, ist mir klar. Aber ich habe Augen und Ohren und verkehre in vielen Kreisen. Ich kann Euch von Nutzen sein."

Jarlaxle legte den Kopf ein wenig schief. "Eine klare Aussage. Ihr habt mir eventuell etwas zu geben, und es ist Euch nicht weiter wichtig, wofür ich es verwende. Ich höre noch nichts von einer Gegenleistung?"

"Ich verlange keine."

Der Drow rieb sich das Kinn. "Werte Dame, seid Ihr sicher, daß Ihr das Konzept des Handelns zur Gänze begriffen habt?"

Sie sah ihn an, ohne zu zwinkern. "Ich verlange keine Gegenleistung."

"Dann, liebe Freundin, müßt ihr mir wohl oder übel den Grund für Euer Angebot erläutern."

Einen Augenblick zögerte sie und senkte den Blick zu Boden, ehe sie ihn hob und Jarlaxle gerade ins Gesicht starrte. "Es geht mir um Artemis."

"Ah." Ein geradezu beseligtes Strahlen, als würden die wenigen Fackeln im Gang plötzlich doppelt hell leuchten, breitete sich auf dem Gesicht des Drow aus, als er in Sekundenschnelle alle Teile des Puzzles in die richtige Ordnung brachte. "Natürlich! Ihr!" Er schüttelte den Kopf und gluckste erheitert in sich hinein. Wie viele Menschen in ganz Faerun nannten den Calishiten wohl je, wenn sie über ihn sprachen, beim Vornamen? - "Ich muß zugeben", gestand er, "Euch hatte ich gar nicht auf der Rechnung. Aber ja, selbstverständlich. Artemis hatte schon öfter Schwierigkeiten, auseinanderzuhalten, ob er eine Frau nun in ihr Grab oder in sein Bett bringen möchte..."

"Ich bin nicht hier, um über Artemis und mich zu diskutieren", unterbrach die Frau ihn barsch.

"Natürlich nicht." Jarlaxle schaute die Halbelfe spöttisch an. "Und natürlich hat er keine Ahnung, daß Ihr hier seid."

"Ich will ihm helfen."

"Obwohl Ihr wißt, daß er es als Verrat betrachten würde, wenn er wüßte, daß Ihr hinter seinem Rücken mit mir verhandelt."

Sie zuckte die Achseln. "Ich will, daß es ihm gut geht."

"Glaubt mir, meine Liebe, dasselbe will ich auch."

"Jarlaxle will, daß es Artemis Entreri gut geht, weil es dann Jarlaxle gut geht", widersprach sie heftig. "Das ist ein gewaltiger Unterschied. Alles, was nicht Jarlaxle ist, ist für ihn nur Mittel zum Zweck."

Der Drow musterte sie einen langen Moment stumm, dann hob er die Schultern. "Ihr mögt recht haben. Dennoch ist, wie ich meine, die Unterscheidung im Augenblick belanglos, nicht wahr? Ihr habt es ganz richtig erkannt: was gut für Artemis ist, ist im Moment auch gut für mich. Euer neuer Freund, für den Ihr so leidenschaftlich eintretet, ist ein ganz zentrales Element meiner zukünftigen Pläne. Insofern sind, denke ich, unsere Interessen im Moment dieselben."

Sie schnaubte verächtlich - eine ganz ähnliche Reaktion, wie Jarlaxle sie unter solchen Umständen von Entreri erwartet hätte, und er mußte lächeln über diesen Umstand. Die Sache war wirklich spaßhaft.

"Ich glaube Euch, daß Ihr nicht einmal den Unterschied begreift", sagte sie bitter. "Sagt mir einfach, ob Ihr zustimmt."

Der Drow verbeugte sich erneut. "Wie könnte ich einer so bezaubernden Dame auch irgendetwas abschlagen?"

Sie starrte ihn an, dann nickte sie, drehte sich um und schritt wortlos davon, hielt aber nach zwei Schritten noch einmal an.

"Ich warne Euch", sagte sie über die Schulter. "Ich werde tun, was ich für nötig halte, um Artemis zu schützen. Auch vor Euch."

Jarlaxle strich sich schmunzelnd das Kinn, als ihre Schritte auf der Treppe verhallt waren.

"Artemis Entreri", flüsterte er zu sich selbst, und ein breites Grinsen erschien auf seinem schwarzen Gesicht. "Wer hätte gedacht, was für einen Eindruck du auf deine Frauen machen kannst..."