Kaum eine halbe Stunde nach der ersten Mittagsrast mußten sie schon wieder aus den Sätteln steigen. Die schmalen Gebirgspfade wären sicher im Sommer schon gefährlich gewesen, jetzt, teilweise tief verschneit, stellten sie ein nahezu unkalkulierbares Risiko dar. Entreri mußte der zähen kleinen Fuchsstute, die man ihm in den Stallungen zugeteilt hatte, widerwillig zugestehen, daß sie sich gut hielt und sich ihren Hafer verdiente. Es war ein ruhiges, fast behäbiges, kurzbeiniges Tier, dem das Winterfell im Moment in zottigen Büscheln um die Flanken hing, wodurch es fast doppelt so breit wirkte, wie es in Wahrheit war, aber es setzte seine kleinen Hufe zielsicher und genau selbst auf den tückisch verwehten Höhenpfaden und zeigte trotz der steilen Anstiege keinerlei Zeichen von Ermüdung.

Dennoch kamen sie immer wieder an Stellen, an denen die Reiter ihre Pferde entlasten mußten, wollten sie nicht einen Sturz riskieren, und so glitt Entreri auf das Kommando der Obersten hin aus dem Sattel und packte die Stute am Zaumzeug, während er ihr mit der anderen Hand beruhigend über die Nüstern strich. Das Tier - vielleicht in Erwartung eines Leckerbissens - schmiegte sein rundes, festes Maul in die Handfläche und schnaubte einmal warm auf die halb steif gefrorenen Finger seines Reiters, als wolle es dem Calishiten mitteilen, daß er sich keine Sorgen zu machen brauchte; immerhin war das Pferd in dieser Gegend zu Hause.

Nicht alle Mitglieder des Trupps verstanden sich mit ihren Reittieren so gut. Jetta bekannte freimütig, daß ihr im Zweifelsfall ein Ringkampf gegen einen Bären lieber war als ein Tag im Sattel, und auch Karol Dor entpuppte sich als überzeugter Fußwanderer. Sevellin Raunir schließlich hatte Beine, die fast länger waren als die seines etwas störrischen Reittiers, lehnte es aber trotz häufiger Spötteleien durch Fallide ab, stattdessen das Pferd huckepack zu nehmen. Das Wetter war gut, kalt, aber ohne Schneefall, und Kelliv Peshel, der sich ab und zu den Spähern anschloß, die von Mirlyan auf Erkundung geschickt wurden, versicherte Entreri, daß das vermutlich sogar noch die Nacht hindurch so bleiben würde. Auch die Stimmung im Zug war gelöst, fast heiter. Man befand sich noch nahe genug am Vaasa-Tor, um davon auszugehen, daß sich wenig Feinde in der Nähe aufhalten konnten, und auch wenn diverse Kundschafter dem Zug voraushuschten, so rechnete doch niemand ernsthaft mit einem Überfall.

Entreri tat sein Bestes, sich aus allem herauszuhalten und die Rufe und Scherzworte, die über seinen Kopf hinweg ausgetauscht wurden, zu überhören. Es traf sich aus seiner Sicht hervorragend, daß die halsbrecherischen Bergpfade, die der Trupp beschritt, an den meisten Stellen ohnehin zu schmal waren, als daß zwei Männer und ihre Tiere nebeneinander darauf Platz gehabt hätten, und selbst an den Stellen, an denen der Weg breiter wurde, hielten die übrigen Soldaten unwillkürlich Abstand von dem ganz in düsteres Schweigen versunkenen Calishiten. Selbst Jarlaxle hatte sich ein wenig zurückfallen lassen und gewährte seinem Partner eine seltene Erholungspause von seinem sonstigen unaufhörlichen Geschwätz, für die der Meuchelmörder aufrichtig dankbar war. Entreri hatte wenig Lust auf sinnloses Geplauder; sie befanden sich in Feindesland, und wenn ein Angriff erfolgte, so wollte er sich lieber auf seine eigenen hellwachen Sinne verlassen als auf die der vorausgeschickten Späher. Immerhin hatte sich beim letzten Ausflug, den der Meuchelmörder unter dem Drachenbanner König Gareths unternommen hatte und der ihn und Jarlaxle zu jenem verfluchten Zenghyi-Schloß und dem untoten Drachen geführt hatte, sogar die Voraussicht des sagenumwobenen Mariabronne als ziemlich unzureichend erwiesen.

Der Gedanke lenkte Entreris Erinnerungen zurück zu jenem unglückseligen Tag, dem Calihyes Freundin Parissus zum Opfer gefallen war, und folgerichtig weiter zu eben jener schwarzhaarigen, durch die Narbe entstellten Halbelfe, die sich jetzt vielleicht vom Vaasa-Tor aufmachen mochte, um in der Wildnis nach Orks und Goblins zu jagen. Es wunderte ihn selbst, wie heftig er reagiert hatte, kaum hatten Athrogates Knüttelreime ihm einen Hinweis darauf gegeben, daß Calihye an den Toren eingetroffen war. Er hatte gerade noch das offizielle Antreten abgewartet, ehe er verschwunden war, um sie aufzusuchen. Und er bedauerte sogar ein wenig, daß ihnen nicht mehr Zeit geblieben war.

Und, was ihn am meisten verwunderte: Er war besorgt. Daß Calihye kaum wie eine treusorgende Ehefrau in Dorf Blutstein sitzen würde, um auf Entreris Rückkehr zu warten, war dem Mann klar. Sie würde tun, was sie zu ihrem Beruf gemacht hatte, und da sie darin ganz offensichtlich gut war, würde sie das über kurz oder lang in Konflikt mit Athrogate bringen. Der Calishit knirschte mit den Zähnen bei dem Gedanken, daß die Halbelfe dem unberechenbaren Zwerg allein in der Tundra begegnen könnte - kein Gott konnte voraussehen, wie Athrogate darauf reagieren würde. Und so effektiv Calihye bei der Jagd nach Monstern auch sein mochte, in einer Auseinandersetzung gegen so erfahrene und skrupellose Mörder wie Athrogate oder Entreri war sie hoffnungslos überfordert.

Immerhin - inzwischen sollte sie das wissen.

Auf der anderen Seite bestand eine gewisse Chance, daß Calihye einem gewissen Goblin begegnete, ihn einen schnatternden Kopf kürzer machte und damit unwissentlich Jarlaxles Pläne auf Eis legte. Entreri unterdrückte ein Grinsen bei dem Gedanken, so unwahrscheinlich dieses Szenario zu seinem Bedauern auch war, und warf unwillkürlich einen Blick zurück über die Schulter, wo der Drow ein Stück weiter hinten im Zug neben Jetta marschierte, eifrig gestikulierend, den Zügel seines Tiers locker um ein Handgelenk gewickelt. Der stämmige Braune stapfte brav hinter ihm her - so gefügig, daß Entreri unwillkürlich vermutete, das Pferd stünde unter dem Einfluß irgendeines weiteren Gegenstands aus der bodenlosen magischen Trickkiste des unverwüstlichen Dunkelelfen.

Er zuckte innerlich die Achseln. Als ob es irgendeinen Sinn machte, über Jarlaxle und sein Inventar an magischem Krimskrams auch nur nachzudenken.

Und dennoch, zur Ruhe kommen wollten seine Gedanken auf diesem Marsch nicht, als hätten die zu beiden Seiten aufragenden Felswände, die schneebedeckten Hänge, in die sich einzelne verkrüppelte Fichten krallten, die zu stur waren, um einzusehen, daß die Natur an diesen Orten keinen Bewuchs vorgesehen hatte, und das endlose Stampfen und Schnauben der Pferde zugauf, zugab in seinem Inneren einen Prozeß ausgelöst, der sich nun nicht mehr aufhalten ließ.

Er dachte an den Brief, den er am Vortag bei einem weiteren Ausflug hinüber zum Wagenlager der halborkischen Gauklertruppe dem alten Wingham in die Hand gedrückt hatte. Er verließ sich fest darauf, daß das Schreiben die Adressatin auch erreichen würde; für einen Händler von der Reputation Winghams (nun ja, zumindest in diesem Teil Faeruns) war eine solche Besorgung eine Ehrensache, und das Wissen darum, daß Dwahvel Tiggerwillies, ihres Zeichens Leiterin der Halblingsdiebesgilde von Calimhafen und nebenbei das einzige Wesen in ganz Faerun, das Artemis Entreri vielleicht - vielleicht! - mit dem Ehrentitel "Freund" betraut hätte, noch einmal von dem früheren Meuchelmörder hören würde, der ihr soviel verdankte, dieses Wissen ließ ihm seltsam warm ums Herz werden.

Selbst wenn er nie aus dieser Schnee- und Felswüste zurückkehrte, Dwahvel würde seinen Brief erhalten, und sie würde wissen, daß Artemis Entreri sich ihrer erinnert hatte, und all dessen, was sie aus purer Freundschaft für ihn getan hatte.

Es war ein anderer Punkt, der ihm zu denken gab: Wie schmerzhaft bewußt er sich in letzter Zeit seiner eigenen Sterblichkeit war. Vielleicht war es nur eine ganz natürliche Reaktion seines Verstandes auf ein Übermaß an Lebensgefahr, dem Entreri sich dank seines unternehmungslustigen schwarzhäutigen Compagnons in den letzten paar Monaten ausgesetzt gesehen hatte. Aber für Artemis Entreri war es dennoch etwas vollkommen Neues. Er hatte Zeit seines Lebens dem Tod in irgendeiner Form ins Auge gesehen: immer wachsam, immer auf dem Sprung, immer mit dem Gedanken an Gift im Hinterkopf, sobald er ein Glas an die Lippen setzte, immer wartend auf einen lauernden Attentäter, sobald er ein Hauseck umrundete oder eine Hand auf eine Türklinke legte. Es hatte ihn nie gekümmert. Er wußte, daß der Tod eines Tages ebenso in der Form eines Feindes zu ihm kommen würde, wie er in Gestalt von Artemis Entreri zu so vielen ungezählten Anderen gekommen war.

Aber nie war er morgens aufgestanden in den Bewußtsein, daß dieser Morgen wirklich sein letzter sein könnte. Und, noch schwerwiegender vielleicht: Nie hatte er seine Umgebung betrachtet und überlegt, wie es wäre, all das nicht mehr zu sehen. Zu hören, zu riechen, zu spüren, zu schmecken.

Nie hatte er bei einem solchen Gedanken Bedauern empfunden. Das war neu, und es gefiel dem Meuchelmörder kein bißchen. Er wünschte sich, er könnte Idalias Flöte hervorholen und sich selbst etwas vorspielen, stellte sich vor, wie die Melodie des geheimnisvollen Instruments durch seine Seele strömen und alle düsteren Gedanken davonspülen würde wie ein Guß klaren, plätschernden Quellwassers. Vielleicht würde sich am Abend eine Gelegenheit ergeben, sich vom Lagerplatz davon zu stehlen und sich in das Lied der Flöte zu versenken. Artemis Entreri konnte es sich nicht leisten, sich von solch verstörenden Betrachtungen ablenken zu lassen, er hatte einen ständig planenden und intrigierenden Dunkelelfen an der Seite und, nach bisherigen Erfahrungen zu schließen, vermutlich eine Horde angriffslustiger Drachen als Ziel irgendwo hinter dem Horizont vor sich.

Und, in etwas näherer Zukunft, offenbar ein vermutlich überaus bedeutsames Gespräch in Aussicht. Denn daß die hochgewachsene hagere Gestalt mit dem flatternden weißen Haar und dem simplen Birkenstab ganz allmählich immer weiter im Zug zurückfiel und sich dabei immer mehr dem einsam vor seinem Pferd dahinstapfenden Meuchelmörder näherte, hatte wohl kaum etwas damit zu tun, daß der alte Wandermönch bereits müde wurde.

Kane nickte dem stummen Calishiten kurz zu, als er neben ihm angelangt war, aber ansonsten schwieg er für ein ganzes Stück des Weges ebenso wie der Meuchelmörder, der den Gruß ebenso knapp erwidert hatte. Als er endlich sprach, war das erste, was er sagte, eine Entschuldigung.

"Es tut mir leid, daß ich Eure Ruhe störe."

"Ruhe?" Entreri deutete spöttisch mit der Hand den Zug entlang. "Kaum. Ein Teich voller Frösche ist ruhiger als das hier."

Der alte Mönch lachte leise. "Wahr. Und dennoch wißt Ihr, was ich meine. Ein Mann kann vollkommene Ruhe inmitten des größten Lärms finden, wenn er die nötige Konzentration aufbringt." Er musterte den Meuchelmörder aufmerksam. "Ihr scheint über diese Konzentration zu verfügen."

Entreri zuckte die Achseln. "Sollte ein Kämpfer nicht immer in der Lage sein, die Ruhe zu bewahren, egal, wem er sich gegenübersieht?"

"Das ist wohl die Idealvorstellung", nickte der Mönch. "Allerdings schaffen es nur wenige, sie tatsächlich zu verwirklichen. Wir Mönche gehen durch eine harte, auch spirituelle Schule, um unseren Geist entsprechend zu formen. Darf ich fragen, ob Ihr eine ähnliche Schule durchlaufen habt?" Entreri sah ihn mißtrauisch an, und Kane lächelte. "Verzeiht, falls Euch die Frage aufdringlich erscheint. Aber Eure ganze Haltung und Erscheinung ließ mich einen verwandten Geist vermuten. Einen ehemaligen Klosterzögling, vielleicht?"

Entreri schnaubte höhnisch. "Ich muß Euch wohl enttäuschen. Meine geistige Schule, wie Ihr es nennt, war einzig und allein das Leben selbst."

"Ah", machte Kane. "Nun, das ist in der Tat wohl der wirkungsvollste Lehrmeister. Wenn auch mitunter sicher der grausamste."

Ein neuerliches Achselzucken war die einzige Antwort.

"Ihr habt zu denen gehört, die bei der Erkundung des Zenghyi-Schlosses in der Nähe von Palishchuk dabei waren, nicht wahr?" folgte der nicht ganz unerwartete Themenwechsel. Entreri nickte.

"Unter Kommandantin Ellery, ja."

"Würde es Euch etwas ausmachen, mir davon zu berichten?"

"Warum sollte es? Allerdings tätet Ihr wohl besser daran, Euch an den Drow zu wenden", meinte Entreri mit Blick über die Schulter. "Er ist der weit bessere Erzähler als ich. Um die Wahrheit zu sagen, Ihr werdet Mühe haben, ihn wieder zum Schweigen zu bringen, wenn er erst einmal angefangen hat zu reden."

Der Mönch lächelte, und kleine Fältchen legten sich um seine schmalen, mandelförmigen dunklen Augen. "Ich hätte nie gedacht, das über einen Dunkelelfen sagen zu können, aber Euer Freund scheint ein recht netter Kerl zu sein. Eure Kameraden waren des Lobes voll über ihn."

"Ihr zieht Erkundigungen über uns ein?"

"Schuldig", gestand der Alte schmunzelnd, der es offenbar nicht einmal für nötig hielt, seine Absichten bezüglich des Söldnerpaars zu verheimlichen. Wieso auch? Er war Kane, einer der sagenumwobenen Helden dieses Landes. Vermutlich hielt er es für sein gutes Recht. Entreri runzelte die Stirn, ließ sich dann aber doch herab, die Bemerkung zu beantworten.

"Er ist ein netterer Kerl als ich, falls Ihr das meint. Vermutlich etwa genauso tödlich, falls Ihr das Pech habt, seinen Weg zu kreuzen. Und niemand weiß wohl genau, was ein Drow tatsächlich unter einem Freund versteht."

"Dennoch seht Ihr ihn als solchen?"

Wieder das vielsagende Heben und Fallen der Schultern. Kane sah interessiert auf den soviel kleineren Mann hinunter.

"Das Schloß", erinnerte er. "Erzählt mir davon, ich bitte Euch, in Euren knappen Worten. Die wortgewaltigen Schilderungen Eures Freundes werde ich mir später anhören."

Während der Zug sich gemächlich über die verschneiten Bergpfade aufwärts wandte, gab Entreri dem aufmerksam lauschenden Mönch einen kurzen Bericht dessen, was sich im Schloß ereignet hatte - natürlich die "offizielle", von Jarlaxle geschönte Variante. Kane hörte zu, hielt dabei aber die meiste Zeit den Blick zu Boden gesenkt und warf nur höchst selten eine Frage ein. Er schwieg noch eine ganze Weile, nachdem der Meuchelmörder geendet hatte, und Entreri ließ ihn, unbehelligt von der schwer zu deutenden Stille.

"Wußtet Ihr, daß man den Magier Canthan mit der Zitadelle der Assassinen in Verbindung brachte", sagte Kane dann. "Ich nehme an, Ihr habt von dieser meuchlerischen Bande gehört."

"Das haben wir", sagte Entreri, um wahrheitsgemäß hinzuzufügen: "Aber als wir aufbrachen, ahnten wir nichts davon. Man hat uns erst später gewarnt."

"Dann ist Euch auch der Name Knellict ein Begriff?"

"Natürlich", schnaubte Entreri und deutete mit dem Kinn in Richtung einer hochgewachsenen, dunkelhaarigen Gestalt weiter vorne im Zug. "Laut Oberst Sorrokev war das der Magier, der unseren Angriff auf die Schmale Börse in den Kanälen unter Heliogabalus vereitelt hat. Angeblich ist er so etwas wie der heimliche Anführer der hiesigen Unterwelt."

"Das ist er", nickte der Mönch nachdenklich. "Und ein eingeschworener Feind seiner Majestät König Gareth. Wir bekämpfen die Zitadelle bereits seit dem Fall Zenghyis. Damals gelang es uns, ihnen eine vernichtende Niederlage zuzufügen. Doch anstatt zu zerfallen, wie wir annahmen, daß es nach dem Tod des sogenannten 'Großvaters des Assassinen' geschehen würde, hat sich die Zitadelle unter Knellicts Führung reorganisiert."

"Es gelang Euch, den damaligen Anführer der Zitadelle auszuschalten?" Entreri horchte auf, denn das war ein Teil der Geschichte um den Hexenkönig, der ihm noch unbekannt war.

"Ja", sagte der Mönch nur. "Ich habe ihn getötet."

Gegen seinen Willen mußte Entreri zugeben, daß er beeindruckt war. Es war für einen altgedienten Krieger wie ihn nicht besonders schwer, hinter dem ärmlichen Habitus und der dürren, hageren Gestalt des alten Mönchs jene besonderen Reflexe, den unbeugsamen Willen und die unnachgiebige Zähigkeit zu entdecken, die einen wahren Kämpfer ausmachten. Aber der oberste Anführer einer Gilde von Meuchelmördern erwarb sich seinen Rang im allgemeinen nicht dadurch, daß er einfach nur ein Kämpfer war. Er mußte von allen hinterlistigen, skrupellosen und kaltblütigen Mördern schlicht und ergreifend der hinterlistigste, skrupelloseste und kaltblütigste sein. Der Beste in einem Rudel eiskalter Killer. Wenn es diesem alten Wandermönch an Entreris Seite tatsächlich gelungen war, einen solchen Menschen im Kampf Mann gegen Mann zu überwinden, so sprach das Bände über die Gefährlichkeit des Alten.

Vielleicht hatte Kane die Gedanken des Calishiten an seiner Seite erraten. Jedenfalls lag ein Hauch amüsierter Bosheit in seinem sanften Lächeln, als er Entreri kurz eine altersfleckige Hand auf die Schulter legte und dabei sagte: "Ich nehme an, so ungern ich das von mir selbst zugebe: Auch ich kann durchaus tödlich sein, wenn man meinen Weg kreuzt. Und nun will ich Euch nicht weiter stören und stattdessen ein wenig Eurem schwarzhäutigen Gefährten zur Last fallen." Er zwinkerte, fast unmerklich, zum Abschied, eine Geste der Selbstsicherheit, die in Entreri unverzüglich den Wunsch weckte, dem Mönch die Zähne einzuschlagen.

Und das Schlimmste, wie Entreri annahm, war, daß sie vermutlich nicht einmal unbegründet war.

Zum wiederholten Mal fragte der Meuchelmörder sich, ob Jarlaxle auch nur die leiseste Ahnung hatte, auf was für ein gefährliches Spiel er sich diesmal eingelassen hatte.

Weiter kam er in seinen Überlegungen nicht, weil in diesem Moment am Ende des Zuges gellende Warn- und Alarmrufe laut wurden. Hornsignale mischten sich darunter, und weiter vorn konnte Entreri sehen, wie Mirlyan Sorrokev mit der wütenden Eleganz einer gereizten Tigerin herumfuhr, Waffen bereits in Händen.

"Die Nachhut wird angegriffen!" klang ihre kräftige Stimme zwischen den Felswänden. "Dor, Gordanev, Hervensteen - zurück, kommt ihnen zu Hilfe. Entreri, Jarlaxle, Raunir - zu mir, und hinauf in die Hänge. Fallt ihnen in die Flanke!"

Soviel zur Tauglichkeit der ausgesandten Späher, war Entreris erster Gedanke. Sein zweiter galt seinem Reittier, dessen Zügel er dem alten Wandermönch in die Hand drücken wollte, aber letzterer war bereits nicht mehr an Ort und Stelle, sondern war, mit einer Behendigkeit, die seinem Alter Hohn sprach, den Bergweg zurück geeilt, um den Überrumpelten beizustehen.

Fest entschlossen, sich nicht von einem zerlumpten weißhaarigen Bettler ausstechen zu lassen, ließ Entreri die Zügel fahren und hastete eilig bergan. Der Befehl Mirlyans machte Sinn, wie ihm rasch klar wurde, sobald er die ersten Schritte hinter sich gebracht hatte. Es waren kaum mehr als ein oder zwei Dutzend Orks, die sich irgendwie an den Kundschaftern des Trupps vorbei geschlichen hatten und nun waghalsig genug waren, die Nachzügler anzugreifen. Von weiter oben kamen die ausgetricksten Späher heran, schon beinahe in Reichweite ihrer Kurzbögen, Kelliv Peshel an vorderster Front. Entreri sah Jarlaxle, der näher am Geschehen gewesen war, bereits ein Stück voraus und beeilte sich, zu dem Drow aufzuschließen, der bereits mit leisem Klicken die ersten seiner magischen Wurfdolche aus den Armschützern gleiten ließ, die er um seine Handgelenke trug.

"Interessante Unterhaltung gehabt?" erkundigte der Dunkelelf sich mit spöttisch noch oben gezogenen Brauen, als der Mensch an ihm vorbei fegte.

"Nimm dich in Acht!" knurrte der Calishit, und das amüsierte Lachen seines Freundes folgte ihm, während er unter über den nächsten Felsblock flankte, um sich dem ersten heranstürmenden Ork zu stellen.

"Ich bin gerührt. Du bist besorgt um mich? Ich wußte, irgendwo in deiner Brust schlägt ein Herz, mein Freund." Zwei Dolche flogen links und rechts an dem Calishiten vorbei und trafen zwei Bogenschützen, noch ehe sie ihre grob geschnitzten Pfeile hätten auf Entreri anlegen können.

Zwei Herzschläge später fand sich der Meuchelmörder bereits im Gefecht mit einem grunzenden, stinkenden Keulenschwinger, dem Hauer wie bei einem Keiler aus dem Unterkiefer standen. Zwei andere Orks stürmten brüllend den Hang herauf auf ihn zu, fanden ihren Kameraden aber bereits sterbend auf dem schneebedeckten Fels. Ein weiterer von ihnen war bereits tot, ehe mehr Soldaten zu Entreri aufschlossen.

"Ich beschwere mich jetzt dann bei Mirlyan", spottete Raunir über die Schulter, während er sein Breitschwert kreiseln ließ. "Es gibt bestimmt irgendwo einen Passus in den Armeevorschriften, nach dem ihr zwei uns auch ein paar Feinde übrig lassen müßt."

"Man sollte meinen, mit Beinen so lang wie den deinen wärest du schneller bei der Schlacht", gab der Meuchelmörder trocken zurück. Raunir lachte laut, und zusammen mit den jetzt regelmäßig fliegenden Pfeilen und Wurfdolchen aus den hinteren Reihen machten sie kurzen Prozeß mit den noch verbliebenen Gegnern.

Das Eintreffen der Unterstützung erlaubte Entreri, einen Blick hinunter zu werfen auf den Bergpfad, auf dem die Soldaten mit den restlichen Orks zu Gange waren. Die hochgewachsene Gestalt des alten Mönchs mit dem weißen Haar zeichnete sich deutlich vor den Felsen ab. Er kämpfte auf die typische Art seines Standes: im einen Augenblick fast vollkommen bewegungslos, geradezu träge, um dann im nächsten in einem urplötzlichen Ausbruch purer Kraft zu explodieren. Jeder seiner knappen, kaum sichtbaren Handkantenschläge schaltete in tödlicher Präzision einen weiteren Ork aus, und nicht ein einziges Mal kam eine Waffe auch nur in die Nähe des Alten.

Ja, sagte sich Entreri. Sie würden sich in Acht nehmen müssen.


Darmshall war alles, was man den neuen Soldaten vorher prophezeit hatte, nur noch ein gutes Stück trostloser. Zumindest galt das aus der Sicht eines Dunkelelfen, der an die gewaltigen, bis ins letzte Detail verzierten und mit magischen Lichtern geschmückten Familienfestungen des Drowadels im Unterreich gewöhnt war.

Nun hatte Jarlaxle natürlich im Laufe der Zeit, die er bereits an der Oberfläche verbracht hatte, längst gelernt, seine ästhetischen Ansprüche ein wenig herunterzuschrauben. Dennoch deprimierte ihn der Anblick der gewaltigen, vollkommen kahlen Wallanlage, deren braune Konstruktion aus Felsmauern, Pallisaden und tiefen Gräben sich im Moment unter einer schmutzigen Schicht Schnee verbarg, und die holprigen, ungepflasterten Straßen des Städtchens dahinter, im Moment gefroren zu einem Sortiment tiefer Rillen, die im Herbst die Marktkarren der Bauern in den Morast gezogen hatten, deprimierten ihn noch viel mehr. Der Ort bestand aus einer Vielzahl verstreut liegender Bauernhäuser, in deren Höfen Hunde und Katzen streunten, umgeben von Stallungen, umzäunten Viehweiden, einigen Obstgärten voll halbwilder, krummer Apfelbäume sowie den kleineren Hütten der Jäger und Fallensteller, die nur zeitweise bewohnt waren, dann folgten weiter im Zentrum etliche gemauerte Ziegelhäuser mit spitzen Giebeln, in denen Handwerker, meist Schmiede und Werkzeugmacher, ihre Werkstätten eingerichtet hatten, und ein paar Läden, deren Auslagen vor allem durch staubige Leere glänzten. Schornsteine und Herdfeuer qualmten in den eisigen Nachmittag, und über der ganzen Stadt lag eine brenzlige, rußige Dunstglocke aus Rauch.

Der Kasernenblock, der einen großen Teil des Stadtgeländes beherrschte, bestand aus niedrigen, langgezogenen Gebäuden aus Bruchstein, karreeförmig angeordnet um einen Exerzierhof und bewacht von vier steinernen Wachtürmen. Der Größe der Anlage nach zu schließen, mußte mindestens ein Zehntel der gesamten Stadtbevölkerung aus Soldaten bestehen, schätzte Jarlaxle; später erfuhr er, daß er damit goldrichtig gelegen hatte. Kommandant der Stadt war ein grauhaariger wettergegerbter Recke namens Gelgar Klauenwacht, der ganz danach aussah, als könne er es an Sturheit und Humorlosigkeit selbst mit Artemis Entreri aufnehmen, und der so etwas wie Oberbefehlshaber der Truppen, Bürgermeister und Stadtplaner gleichzeitig zu sein schien. Er begrüßte die Verstärkung aus Damara in rauher Herzlichkeit, entschuldigte sich aber im selben Atemzug, daß er sie nicht in ihrer Gesamtheit in seinen Kasernen unterbringen könne. Um diese Jahreszeit habe man einige der im Sommer besetzten Außenposten in den Bergen aufgelöst, und die Kasernen hätten kaum genug Raum, alle Mannschaften aufzunehmen. Aber er werde gern private Quartiere in den Gaststätten Darmshalls organisieren.

Die anfängliche Erleichterung darüber, nicht in den düsteren und, dem Anschein nach, zugigen und feuchten Kasernen nächtigen zu müssen, wich nicht nur bei Jarlaxle angesichts des Gasthauses "Zum röchelnden Ork" rasch einer gewissen Ernüchterung. In einer Gegend wie dieser mochte die Entscheidung, überhaupt eine Unterkunft für Reisende zu errichten, irrsinnig genug sein, denn daß sich überhaupt viele Besucher freiwillig an diesen Ort aufmachten, selbst wenn er für die Gehöfte der Umgegend so etwas wie ein regionales Zentrum bildete, konnte der Drow sich wirklich nicht vorstellen. Aber selbst wenn tatsächlich hin und wieder Händler oder Abenteurer wagemutig genug waren, die halsbrecherischen Bergpfade zu beschreiten, tage- und nächtelang im eisigen Wind der Galenas zu frieren und sich dabei noch der Horden blutrünstiger Orks zu erwehren, selbst dann hätten die meisten es wahrscheinlich vorgezogen, auf der Straße zu schlafen, als in diesem muffigen, düsteren Steinhaus mit dem eingesunkenen Dach, vor dessen Eingang eine schummrige Laterne im Wind quietschte und aus dessen Inneren das lautstarke Gröhlen einer ganz offensichtlich stockbetrunkenen Meute von Gästen kam.

"Ja, das mag in der Tat ein Etablissement sein, das selbst einen Ork zum Röcheln bringen könnte", spottete der Drow, während er vor Entreri die drei ausgetretenen Stufen zum Eingang empor stieg. Mirlyan, die voran ging, mußte sich unter der Tür bücken, was den beiden klein gewachsenen Söldnern hinter ihr immerhin erspart blieb.

Das Innere bestätigte den ersten Eindruck, den man auf der Straße gewann. Eine winzige, stockfinstere Diele, auf deren unebenem Bretterfußboden sich ein unachtsamer Gast jederzeit die Beine brechen konnte, führte durch eine zweite, ebenso niedrige Tür in einen verrauchten, voll besetzten Schankraum, dessen Fenster offenbar seit Jahren weder geputzt noch geöffnet worden waren. Eine Theke an der rückseitigen Wand schien vor allem aus alten Fässern, hölzernen Kisten und losen Brettern zusammengebastelt zu sein, über die jemand ein fleckiges Leintuch gehängt hatte, dahinter hatten zwei hochgewachsene, unrasierte Burschen sich Schürzen umgebunden und starrten so grimmig in den Saal, als wollten sie jeden von vornherein abschrecken, der etwa erwägen sollte, sie deshalb tatsächlich um ein Bier anzugehen. Der Wirt, wohl der zugehörige Vater dieser beiden Aushilfskellner, war irgendwo im Hintergrund damit beschäftigt, den Inhalt eines offenbar frisch angestochenen Fasses vorzukosten, und schien dabei sehr gründlich vorzugehen, seiner roten Säufernase nach zu urteilen.

Das tosende Gegröhle, das den Schankraum erfüllte, verstummte beim Eintritt der voll bewaffneten und uniformierten damarischen Truppen nach und nach ziemlich rasch und wich verlegenem Erstaunen. Selbst das dichte Knäuel um zwei besonders belagerte Tische in der Mitte des Saals löste sich auf und gab den Blick frei auf zwei leicht geschürzte, stark geschminkte Damen in tiefroten Miedern und hochgeschlitzten rüschenbesetzten Röcken, die auf den hölzernen Tischplatten saßen und kokett die Beine übereinandergeschlagen hatten - wohl die bedauernswerten Huren dieses Etablissements, die hier vermutlich kaum unter Arbeitsmangel litten. Anders als mit ihrer Seltenheit ließ sich das starke Interesse der männlichen Gäste auch kaum erklären, denn beide Damen waren weder sonderlich jung, noch sonderlich ansehnlich oder auch nur reinlich, und Jarlaxle brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, daß ein grinsender menschlicher Meuchelmörder neben ihm gerade abzuschätzen versuchte, ob sein schwarzhäutiger Gefährte wohl tatsächlich so dreist wäre, sich wegen eines solchen potentiellen Gewinns mit einem Nest voller ungehobelter Hinterwäldler anzulegen.

Um ihren Auftritt perfekt zu machen, ließ einer der Doubier-Brüder, die den Schluß des Trupps bildeten, die Tür zum Schankraum hinter sich absichtlich so laut ins Schloß fallen, daß man es in der plötzlichen Stille vermutlich noch bis auf die Gasse hinaus hören konnte. Mirlyan, die den Blick zuvor in einer Art entsetzter Faszination hatte über den Raum gleiten lassen, nahm das zum Anlaß, mit hallenden Absätzen die zwei Stufen nach unten in den Schankraum zu treten.

Von irgendwo aus der Schar der Gäste kam ein anerkennendes Pfeifen. Die Oberste blieb stehen und wendete den Blick langsam in die Richtung, aus der der Laut gekommen war.

Eine ganze Schar Betrunkener, hinter denen der Schuldige sich verbarg, zog sicherheitshalber den Kopf ein.

"Sie ist einfach wundervoll", flüsterte Jarlaxle unter sehnsüchtigem Seufzen.

"Was gilt die Wette, daß unsere Mädels heute abend nicht allein zu Bett gehen?" wisperte Karol Dor zurück. Jetta rammte ihm einen Ellbogen in die Rippen.

"Wirt!" befahl Mirlyans Stimme inzwischen hörbar angewidert. Der Aufgerufene schien noch derjenige zu sein, der sich vom Eintritt der damarischen Soldaten am wenigsten beeindrucken ließ, jedenfalls beeilte er sich nicht sonderlich, hinter seiner Theke hervorzukommen. Als er endlich vor Mirlyan stand, bequemte er sich schließlich zu einem mißmutigen "Zu Diensten." Es wirkte wenig überzeugend, zumal er nicht aufhörte, dabei an der gewaltigen Portion Tabak zu kauen, die er im Mund zwischen braungefleckten Zähnen hin und her schob.

"Stadtkommandant Klauenwacht hat uns zwecks Quartiersuche an Euch verwiesen." Und würde sich deswegen wahrscheinlich noch ein paar harsche Worte von Oberst Sorrokev Parnell anhören dürfen, vervollständigte der Drow amüsiert in Gedanken. Der Wirt ließ den Blick an Mirlyan entlang gleiten, dann weiter über die wartenden Soldaten und wieder zurück zur Anführerin.

"Aye", nuschelte er. "Hat's mir sagen lassen. Quartiere sind da." Ein stoppelbärtiges Kinn zuckte einmal kurz in Richtung Jarlaxles. "Bloß für den da nicht."

In den Reihen der Soldaten entstand bei diesen Worten sofort leise Unruhe, registrierte der Dunkelelf mit Befriedigung. Dieses ausgeprägte Zusammengehörigkeitsgefühl war eines jener Details an menschlicher Gesellschaft, die er wirklich schätzte. Nun, manchmal zumindest. Entreri machte sogar eine unmerkliche Bewegung nach vorn neben seinen Partner und hatte die Hand dabei deutlich sichtbar auf dem Schwertgriff liegen, ein verengtes Paar grauer Augen starr auf den Wirt gerichtet.

"Wie meintet Ihr?" erkundigte Mirlyan sich schneidend. Die Eiseskälte in ihrem Ton schien dem Wirt allerdings nicht aufzufallen.

"'n stinkender Drow kommt mir nich' unter mein Dach." Er verschränkte die Arme vor der Brust und bewegte langsam den Kopf hin und her.

"Aber bitte, liebster, bester Herr Wirt", strahlte Jarlaxle vergnügt. "Ihr würdet doch wohl einen harmlosen Untertan seiner Majestät König Gareths nicht von Eurer Schwelle weisen? Zumal ich kaum glaube, daß ein mir etwa anhaftender Geruch bei den zahlreichen bereits vorhandenen Ausdünstungen Eures Heims noch viel Unterschied machen würde."

"Stinkender Drow kommt mir nicht unter mein Dach", wiederholte der Mann stur und unterstützte diese Aussage, indem er eine Ladung braunen, mit Tabak versetzten Speichels in einen auf dem Boden stehenden Blechnapf spie. "Mit oder ohne Uniform. Genug von dem seiner Sorte in der Gegend, schlimm genug, daß sie einen wie den in die Stadt lassen."

"Drow? Hier?" Mirlyan runzelte einmal kurz die Stirn und warf einen Blick auf Jarlaxle, der aber auch nur die Schultern hob. - "Wie auch immer. Der schwarze Elf ist Soldat der damarischen Armee, und Ihr seid aufgefordert worden, für uns alle Quartiere zu stellen. Das gilt auch für ihn."

Wieder das sture Kopfschütteln. "Nicht der Dunkelelf. Nur über meine Leiche."

"Das läßt sich arrangieren", sagte Entreri endlich, der sich merklich schon lange in die Diskussion hatte einschalten wollen. Hinter seinem kalten Ton schwelte mühsam unterdrückter Ärger, und Jarlaxle sah ihn spöttisch von der Seite an.

"Deine Fürsorge rührt mich zu Tränen, usst'abbil", sagte er leise auf drow und erhielt prompt einen wütenden Blick zur Antwort.

Mirlyan ließ den Blick von Entreri auf den Wirt gleiten und nickte leise. "Hört zu, Mann", sagte sie sachlich. "Ich habe hier ein Dutzend hervorragend bewaffneter und ausgebildeter damarischer Soldaten. Darunter ein paar Kämpfer, wie sie dieses Nest vermutlich noch nie zu Gesicht bekommen hat. Wir sind hungrig, und wir sind müde, und wir sind alles in allem sehr schlecht gelaunt. Und solltet Ihr tatsächlich so dumm sein, einem Soldaten der Krone von Damara sein wohlverdientes Nachtlager verweigern zu wollen, dann werdet Ihr sehr schnell feststellen, daß wir es dennoch jederzeit mit einer Taverne voller betrunkener Säufer aufnehmen können." Sie gab Entreri einen Wink, der einen Schritt nach vorn machte und Charons Klaue dabei halb aus der Scheide zog. - "Entscheidet Euch."

Der Wirt mochte starrköpfig sein, aber nicht lebensmüde. Er machte einen Schritt zurück, bedachte den grinsenden Dunkelelfen noch mit einem wütenden Blick und stapfte dann voraus in Richtung einer baufälligen Holztreppe, die ins obere Stockwerk führte. "Quartiere sind oben."

Die Räumlichkeiten entsprachen in Sauberkeit und Ausstattung exakt dem ersten Eindruck, den man im Schankraum hatte gewinnen können, und dem Drow und den übrigen Soldaten bot sich in der Folge das überaus amüsante Schauspiel eines wutentbrannten calishitischen Meuchelmörders, der einen der bedauernswerten Wirtssöhne, eingewickelt in ein Knäuel aus von Dreck und Ungeziefer starrender Bettwäsche, mit einem Fußtritt die Treppe hinunterbeförderte und die Strohmatratzen nach kurzem Überlegen gleich hinterher warf, verbunden mit dem strikten Befehl, die Dinge entweder zu säubern oder noch besser zu verbrennen, in jedem Fall aber binnen einer halben Stunde für frischen und sauberen Ersatz zu sorgen. Das Gewünschte wurde denn auch mit verblüffender Eilfertigkeit herbeigeschafft.

Dennoch hielten die Soldaten sich nicht sonderlich lange in den Schlafräumen auf; im Schankraum war das Abendessen angerichtet. Zwei langgezogene Tische waren auf der einen Seite des Raums mit den Schmalseiten aneinander gestellt, um allen Platz zu bieten, und die übrigen Gäste hielten auffallenden Abstand von dieser Tafel und hatten sich, zusammen mit den beiden dienstfertigen Damen, in die jenseitige Ecke zurückgezogen, wo sich der Lärmpegel aber, verglichen mit zuvor, deutlich in Grenzen hielt. Möglicherweise hatte auch der Betreiber dieser Taverne inzwischen eingesehen, daß es wenig Sinn machte, es sich mit der damarischen Armee und dem Stadtkommandanten gleichzeitig zu verscherzen, denn das Essen war reichlich und zu Jarlaxles echter Überraschung sogar genießbar.

Mirlyan hatte Jarlaxle demonstrativ beim Essen den Platz neben sich zugewiesen, und der Dunkelelf beklagte sich naturgemäß nicht darüber. Daß die Oberste damit nicht ganz ohne Hintergedanken gehandelt hatte, wurde ihm freilich ebenfalls rasch klar.

"Wir werden nicht lange bleiben", sagte sie über einen Brocken Speck hinweg, den sie auf die Spitze ihres Messers gespießt hatte. "Zwei Tage, damit die Pferde sich ein wenig ausruhen können. Länger will ich in diesem Nest nicht verlieren." Ihr Blick glitt zu Jarlaxle. "Drow in dieser Gegend. Was wißt Ihr darüber?"

"Nicht das Geringste, eigentlich", antwortete der Drow ehrlich. "Es sind jetzt... hilf mir, Artemis, wieviele Jahre, seitdem ich das Unterreich verlassen habe? Vier, fünf?"

Entreri hob die Schultern. "Jede Stunde, seitdem du mir damals aufgelauert hast, war eine zuviel in deiner Gesellschaft."

"Ah, du hättest mir sagen sollen, wie sehr dir meine Gesellschaft verleidet ist. Ich hätte dich am Tag unseres Wiedersehens auch einfach deinen Feinden überlassen können..."

"Ich wäre schon irgendwie herausgekommen."

"Aber gewiß. Auf einer Bahre, als Haufen verkohlter Knochen und Asche." Er lachte leise und sah wieder Mirlyan an. "Jedenfalls bin ich schon mehrere Jahre mit Artemis zusammen an der Oberfläche. Wir Drow messen die Zeit zwar in anderen Maßstäben als Ihr Menschen, aber etliche Jahre genügen doch, damit Pläne gefaßt und ausgeführt werden können."

"Und in all dieser Zeit hattet Ihr keinen Kontakt mehr zu Eurer Heimat?" Man konnte der Frau anhören, wie wenig sie dieser Behauptung glaubte. Jarlaxle lächelte sein entwaffendes Lächeln.

"Nun, keinen wäre vielleicht nicht ganz richtig. Aber mein Einblick in alle Vorgänge in meiner von Lolth, der Herrin des Chaos beherrschten Heimat, ist bei weitem nicht mehr so gut wie früher. Was ich sagen kann, denke ich, ist, daß keine Drow aus Menzoberranzan, meiner Heimatstadt, gemeint sein dürften."

"Woraus schließt Ihr das?"

"Zu weit weg", sagte Entreri an Jarlaxles Stelle. "Es ist nicht leicht, die Geographie von Unterreich und Oberfläche miteinander in Übereinstimmung zu bringen. Aber wenn ich mich nicht sehr irre, müßte Menzoberranzan sehr viel weiter im Westen liegen."

"Und sehr viel weiter unter unseren Füßen", ergänzte der Drow boshaft. Ihm gegenüber legten Fallide, Raunir und Karol Dor unterdessen fast synchron ihr Eßbesteck weg und starrten Entreri an.

"Du warst im Unterreich?" platzte Sevellin heraus. Um Entreris Mundwinkel zuckte es grimmig.

"Kurz", sagte er. Und sein Tonfall belehrte selbst den neugierigsten damarischen Soldaten, daß Artemis Entreris keine weiteren Auskünfte zu geben wünschte.

"Zu meinem Bedauern muß ich sagen, es hat ihm wohl nicht besonders gefallen", erläuterte Jarlaxle dagegen bereitwillig. Ein mörderischer Blick traf ihn von der Seite, aber er wischte ihn wie üblich mit einem Lächeln beiseite.

"Und woher stammen diese Drow nun Eurer Meinung nach?" erkundigte sich Mirlyan. "Nicht, daß es wohl besonders wichtig wäre."

"Wer kann das sagen?" Jarlaxle seufzte. "In der abgrundtiefen Lichtlosigkeit meiner Heimat ist alles stets im Fluß, nichts von Dauer. Viele Drow werden als Hauslose geboren oder verlieren die Zugehörigkeit zu den Familien, denen sie entstammen. Gruppen davon ziehen durchs Unterreich, gründen kleine Siedlungen, überfallen Karawanen, verdingen sich als Söldner... kommen vielleicht auch als Plünderer an die Oberfläche, wer weiß?" Mirlyan runzelte nur die Stirn, aber der Mann neben Jarlaxle wirkte noch weit skeptischer. Vermutlich glaubte er seinem Partner nicht, daß er wirklich so wenig wußte.

Kluger Entreri.

"Ched Nasad?" erkundigte er sich kauend und nannte damit den Namen einer Nachbarstadt Menzoberranzans - soweit bei den gewaltigen Entfernungen, die zwischen den beiden Drow-Siedlungen lagen, noch von Nachbarn gesprochen werden konnte. Jarlaxle lächelte, denn so wenig der Meuchelmörder über die Geographie des Unterreiches wissen konnte, hatte er vermutlich dennoch genau ins Schwarze getroffen.

"Ich bin so schlau wie du", gab er zurück. "Aber es wäre am wahrscheinlichsten, ja. Meine... Quellen in Menzoberranzan haben mich wissen lassen, daß es einiges an Unruhe gegeben hat. In Ched Nasad und anderswo."

Entreri nahm diese Neuigkeit schweigend zur Kenntnis.

"Nun gut", sagte Mirlyan wieder. "Und diese Drow, aus dieser anderen Stadt - sind das Freunde, Verwandte, Verbündete von Euch? Versteht mich recht, Ihr seid jetzt ein Soldat des Königs. Ich möchte nicht erleben, daß Ihr plötzlich anfangt, in Loyalitätskonflikte zu geraten, sobald wir uns einer Gruppe Drow gegenüber sehen."

Jarlaxle lachte, und in seine gleichermaßen kantigen wie feinen Elfenzüge trat unvermittelt etwas Scharfes, eine Gefährlichkeit, die er sonst so großartig zu verbergen verstand. "Wie, dachtet Ihr etwa, ich hätte mehr Skrupel, Leute meiner eigenen Rasse zu töten als die einer fremden? Glaubt mir, schöne Oberste, ich habe in den Jahrhunderten meiner Existenz gewiß zehnmal öfter das Blut eines Drow auf meinen Händen gehabt als das eines Menschen. Ich müßte wirklich hart arbeiten, um die Waagschalen in dieser Hinsicht auszugleichen."

Es gab wohl niemanden, der sich herausnehmen wollte, diese Aussage anzuzweifeln, und der Rest des gemeinsamen Abendessens erfolgte weitgehend schweigend.


Wie sich herausstellte, genügte die grau-rote damarische Uniform als Ausweis, damit man Entreri trotz der späten Stunde am Tor zu den Kasernen passieren ließ. Oder vielleicht hatte sich der kleine Zwischenfall im "Röchelnden Ork" auch schon so weit in diesem Nest herumgesprochen, daß keine der Darmshaller Torwachen mehr wagte, einen der übel gelaunten Damarer genauer zu inspizieren.

Die Stallungen waren dunkel und warm, wärmer und sauberer vermutlich als Entreris Schlafkammer für diese Nacht. Ein Stallbursche ordnete beim Licht einer kleinen Laterne Striegel und Hufkratzer in einem Regal, ein anderer war damit beschäftigt, Reitdecken zu säubern und ledernes Sattelzeug einzufetten. Beide sahen kaum auf, als der fremde Soldat an ihnen vorbei ging.

Entreris kleine Stute erwartete ihn in einer ordentlichen, mit Stroh ausgelegten Box neben dem Braunen Jarlaxles, sauber gestriegelt und gefüttert, wie es aussah, begrüßte ihren Reiter mit einem erkennenden Schnauben und nahm huldvoll den Brotkanten entgegen, den Entreri ihr vom Abendessen mitgebracht hatte. Das zweite Schnauben, das sie ausstieß, war eine Warnung. Eine überflüssige, denn Entreri hatte die hagere weißhaarige Gestalt, die ihm über den Hof in die Ställe gefolgt war, natürlich längst bemerkt.

"Ein freundlicher Zug an einem Mann, sich gut um sein Tier zu kümmern", bemerkte Kane. Entreri drehte sich nicht nach ihm um, sondern streichelte ungerührt weiter den plumpen Schädel seines Pferds.

"Ein Gebot der Notwendigkeit", korrigierte er kühl. "Nach dem Zustand unserer Taverne hielt ich es für angeraten, mich zu überzeugen, daß wenigstens unsere Pferde gut versorgt sind. Oberst Sorrokev will in zwei Tagen weiterziehen, dann können wir keine ausgezehrten Reittiere gebrauchen. Es kann leicht das eigene Leben daran hängen."

Der Mönch kam einen Schritt näher und musterte den Calishiten von der Seite. "Und Ihr selbst gönnt Euch keine Ruhe?"

"Ich brauche nicht viel Schlaf."

"Das habe ich bereits auf unserem bisherigen Marsch bemerkt", nickte der Alte. "Ihr erwecktet manchmal den Anschein, als würdet Ihr Euch absichtlich selbst körperlich erschöpfen während des Tages, nur damit Ihr Ruhe finden würdet in der Nacht."

Ein dunkler Blick aus grauen Augen traf ihn. "Ist es eine Gewohnheit Eures Standes, fremde Leute derart zu taxieren, oder nehmt nur Ihr Euch dieses Recht heraus?"

Kane hob spöttisch die Brauen. "Ah. Und schon wieder habe ich meine Grenzen überschritten, nicht wahr? Ich denke, es ist eine Gewohnheit, die die Jahre mit sich bringen. Man erwartet einfach, daß die Leute Nachsicht haben mit einem neugierigen alten Mann."

"Nachsicht ist nicht jedermanns Stärke."

"Die Eure wohl nicht?" Er erhielt keine Antwort darauf. "Aber ich kann verstehen, falls Ihr dem Lärm in der Taverne ein wenig entfliehen wolltet."

Auch darauf ging Entreri nicht ein. "Was tut Ihr selbst hier? Ich dachte, Ihr wolltet bei einem Bekannten in der Stadt nächtigen?"

"Ein kleiner Besuch bei meinem alten Freund Gelgar. Es gibt immer Neuigkeiten auszutauschen, und sei es nur über die Gefahren, die vor uns liegen mögen bei unserem Weitermarsch. Ich wollte die Kasernen gerade verlassen, als ich Euch über den Hof gehen sah."

"Und da konntet Ihr es nicht lassen, mir nachzugehen."

"Nein", gab der Mönch vergnügt zu. "Ich gebe zu, Ihr interessiert mich. Selbst das kurze Scharmützel gegen die Orks unterwegs hat mir gezeigt, daß Ihr in der Tat ein beeindruckender Kämpfer seid."

Der Meuchelmörder zuckte die Achseln. Er hatte noch nie viel auf Komplimente gegeben. "Und? Was meinte der Kommandant? Welche Gefahren stehen zu erwarten?"

"Die üblichen", sagte Kane schmunzelnd. "Orks, Goblins, hungrige Winterwölfe... hin und wieder tauchen Drow auf, oder Tundra-Yetis verirren sich aus den Eisfeldern in die Täler. Nichts, womit wir nicht fertig werden könnten. Zumal ich die Wege rund um Darmshall recht gut kenne."

"Ihr scheint weit herum zu kommen."

Der Mönch lachte leise. "Das sagt Ihr? Ich bin kein Experte, was die Volksstämme Faeruns angeht, aber daß Ihr wohl kaum hier aus dem Norden stammt, wage selbst ich zu behaupten."

Entreri drehte sich um und betrachtete den weißhaarigen Wandermönch eingehend, ein unmerkliches Lächeln um die Lippen, das die Augen tot ließ.

"Ja? Nun, laßt mich den Spieß einmal umdrehen. Kane, ehemaliger Patriarch des Klosters der Gelben Rose. Man redet ja auch von Euch recht viel. Man sagt zum Beispiel, Ihr wäret mehr als nur ein einfacher Bettelmönch."

"Tut man das? Ich bin mit der Bezeichnung Bettelmönch nämlich durchaus zufrieden. Was sagt man denn, wer ich sei?"

"Ein Spion für Euren König", sagte Entreri halblaut. "Und wenn dem wirklich so ist, so wißt Ihr wahrscheinlich sehr genau, wer ich bin und woher ich stamme."

Kane schürzte kurz die Lippen, dann lächelte er. "Ah, unsere Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt. Aber ja, es sind Gerüchte zu uns gedrungen über einen gewissen Artemis Entreri, der es in den Ländern im Westen wohl zu einer gewissen... Berühmtheit gebracht haben soll... ein sicher sehr gefährlicher Mann. Seid Ihr dieser Mann?"

"Und wenn ich es wäre?" Etwas Höhnisches glitt in Entreris Tonfall. "Wäre das Grund genug, mich - wartet, wie war das Wort doch gleich... 'unwürdig' zu machen, in der ehrenwerten Armee des ehrenvollen Paladinkönigs zu dienen?"

"Kaum", entgegnete Kane achselzuckend. "Ich habe keine Ahnung, inwieweit der König über Euch Bescheid weiß, aber er hat im allgemeinen Besseres zu tun, als sich um das Vorleben seiner Soldaten zu kümmern. Was Ihr getrieben habt, bevor Ihr hierhergekommen seid, interessiert mich nicht. Nicht einmal, was Euch hierher gebracht hat, interessiert mich wirklich. Oder richtiger, es interessiert mich zwar, weil ich ein neugieriger alter Mann bin, aber Ihr könnt mit Recht behaupten, daß es mich nichts angeht." Er wurde ernst, auch wenn die Art, wie er Entreri ansah, nicht ganz ohne Wohlwollen war. "Einzig, was Ihr hier sucht, dafür interessiere ich mich tatsächlich."

"Wer sagt, daß ich etwas suche?" gab Entreri trotzig zurück. "Wer sagt, daß ich aus freiem Willen hier bin, mit einer bestimmten Absicht, und nicht etwa einfach nur auf der Flucht? Wer sagt, daß ich auch nur jener Mann bin, auf den Ihr Euch zu beziehen scheint?"

"Niemand", sagte Kane. "Aber wenn es so wäre. Wenn Ihr jener Artemis Entreri wärt und wenn jener Artemis Entreri vielleicht tatsächlich auf der Suche wäre nach etwas - vielleicht nach dem Grund für seine Rastlosigkeit, die ihn des Nachts nicht in den Schlaf finden läßt."

"Was dann?"

"Dann würde ich ihm vielleicht sagen, daß dieser Ort, dieses Land, das ihn nicht kennt und ihm noch nicht mehr entgegenbringt als ganz gewöhnliche Neugierde, ein guter Platz ist, um sich zu überlegen, welchen Pfad er einschlagen will."

Entreri musterte den Mönch in einer Mischung aus Mißtrauen und Verachtung. "Soll das eine Predigt werden, alter Mann? Laßt Euch gesagt sein, ich halte nicht viel von Leuten, die mir vorschreiben wollen, was ich zu tun und zu lassen habe."

"Das lag nicht in meiner Absicht. Was ich Euch sagen wollte, ist, daß ich Euch und Euren Partner beobachte. Genau beobachte, wie viele andere es auch tun. Solltet Ihr und Euer Drow-Freund ein falsches Spiel spielen, werdet Ihr merken, was es heißt, sich mit Gareth Drachenbann und seinen Freunden anzulegen. Aber solltet Ihr es ehrlich meinen... dann wäre das, denke ich, ein Anlaß zur Freude, nicht nur für Damara. Es liegen vielleicht noch mehr solcher Wegkreuzungen auf Eurem Pfad. Worum ich Euch bitte, ist, nachzudenken, ehe Ihr eine Abzweigung wählt."

"Wählen." Entreri spie es fast aus. "Ihr tut, als stünden einem Menschen alle Wege offen. Vielleicht gilt es für Euch, für mich galt es nie."

Das ließ den Mönch einen Moment zögern. "Ich bin mir bewußt, daß jeder von uns auf Pfaden wandelt, die vor ihm schon manch Anderer gegangen ist. Ganz egal, welchen Pfad er einschlägt. Und viel zu oft haben Andere uns auf den Pfad gesetzt, den wir beschreiten. Aber dennoch. Es gibt eine Wahl."

"Ja", sagte Entreri höhnisch. "Die zwischen Sieg und Niederlage. Zwischen Stärke und Schwäche. Zwischen Leben und Sterben."

Der ernste Blick traf ihn und hielt ihn lange fest. "Das ist möglich", nickte der Mönch dann. "Aber es ist eine Wahl. Manch einer hat sich sehenden Auges für das entschieden, was Ihr Schwäche nennt."

"Die Wahl eines Narren."

Kane seufzte. "Vielleicht müßt Ihr das so sehen. Nun gut. Ich habe Euch mitgeteilt, was ich Euch mitzuteilen hatte. Ich wünsche nicht, Euer Feind zu sein, Artemis Entreri, oder der Eures flinkzüngigen Freundes, aber ich wäre bereit, es zu werden, sollte ich etwas verteidigen müssen, das Ihr bedroht."

"Und ich habe nie gewünscht, irgendjemandes Feind zu sein", sagte Entreri, heftiger, als er vorgehabt hatte. "Alles, was ich wünsche, ist in Ruhe gelassen zu werden."

Das entlockte dem alten Mönch ein Lächeln. "Nun, ich denke, wenn das Euer ehrlicher Wunsch ist, dann werden wir auf dieser Basis gut miteinander auskommen. Ich wünsche Euch eine gute Nacht, Artemis Entreri, und daß Ihr in ihr ein wenig von der Ruhe findet, nach der Ihr Euch sehnt."

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Der Meuchelmörder blieb noch ein wenig, an die hölzerne Tür der Box gelehnt, und streichelte scheinbar geistesabwesend sein Pferd, bis er sicher sein konnte, daß der weißhaarige Alte den Stall tatsächlich verlassen hatte. Dann näherte er sich einem der Stallburschen, die noch immer in ihre diversen Tätigkeiten verstrickt waren. Er warf ihm ein Goldstück zu, und der Junge fing es mit wissendem Grinsen mit einer Hand aus der Luft und steckte es in den Gürtel.

"Was wollt Ihr wissen, Herr?"

"Kennst du einen Mann namens Kesselin?"

Der Bursche rümpfte die sommersprossige Nase. "Jau, Herr, ist'n Händler am Nordost-Tor. Übler kleiner Kerl, trifft sich viel mit zwielichtigem Gesindel. Halborks und so."

Entreri nickte. "Vielleicht auch mit einem Halbork namens Darraluk?"

"Weiß nicht, Herr. Hab den Namen nie gehört, Herr."

"Ein Fallensteller, Halbork. Zieht viel durch die Tundra."

"Kann ich echt nicht sagen, Herr. Sache ist, hier kommen so viele Halborks durch..."

Ein zweites Goldstück flog durch die Luft. Der Junge fing es auf und sah es verlegen an.

"Ich weiß es wirklich nicht, Herr. Sind am Ende vom Sommer manchmal Hunderte von Fremden hier." Er warf einen hoffnungsvollen Blick von der Münze auf den Mann. "Ich könnte mich vielleicht ein wenig für Euch umhören?"

"Tu das", sagte Entreri. Der Bursche grinste und verstaute die Münze ebenfalls in seiner Tasche.

Der Meuchelmörder seufzte leise in sich hinein, als er ging. Im Grunde hatten die Worte des Mönchs in ihm ein lauteres Echo gefunden, als er wahrhaben wollte, wenn auch kaum jenes, das Kane sich erhofft hatte. Was tat er hier eigentlich, was brachte ihn dazu, dieses Spiel zu spielen, das nicht wirklich seines war, sondern stets das Jarlaxles? Welchen Sinn hatte das alles? Ein verkommenes Militärnest im Nirgendwo, zwei Namen, die sie vielleicht zu irgendwelchen Schätzen führen konnten, an denen Artemis Entreri nicht einen Hauch von Interesse hatte, ein riesiges leeres Land und auf allen Seiten potentielle Feinde.

Wozu?

Vermutlich, damit sich noch ein paar Leute mehr, neben dem unerträglichen Jarlaxle, um Artemis Entreris Seelenheil Gedanken machen konnten. Der Meuchelmörder schnaubte wütend.

Ich hätte eine verdammte Auktion für meine Seele eröffnen sollen, dachte er.