Anmerkung: Entgegen der ursprünglichen Version des Buches ist Aragorns Mutter Gilraen in dieser Geschichte zusammen mit ihrem Mann getötet worden.

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Kapitel 2: Hoffnung

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Estel schien sich hier sicher zu fühlen, denn sobald sie das Haus betreten hatten, lief er voraus. Elrond und Legolas folgten ihm, wobei Elronds Blick voller Zuneigung auf dem Kind ruhte.

„Ich war mir nicht bewusst, dass Ihr einen weiteren Sohn habt", sagte Legolas diplomatisch.

Elrond zog eine Augenbraue in die Höhe: „Er ist nicht mein leiblicher Sohn", entgegnete er gelassen. „Aber diese Unterscheidung vermag ich bereits nicht mehr zu treffen. Er lebt seit zwei Jahren bei uns und ich betrachte ihn als mein Kind."

Legolas nickte; er wollte nicht neugierig erscheinen, aber er hätte doch gerne mehr erfahren. Elrond schien das zu spüren, denn er fuhr fort, während sie in den Garten hinaustraten: „Seine Eltern wurden von einer Bande Orks überfallen und getötet", sagte er leise, wie zu sich selbst. „Er hat es miterlebt..."

Die Reaktion seines Zuhörers war ein geschocktes Schweigen. Legolas´ Blick wanderte zu Estel, der sein Stoffpferd durch die Luft schwang, immer knapp an den letzten Rosenblüten des Sommers vorbei.

Er wusste um Elronds Frau und welches Schicksal sie ereilt hatte, und nun erschien es ihm als grausame Ironie, dass dieses Kind eine Begegnung mit denselben dunklen Kreaturen, die Celebríans vorzeitige Abreise nach Valinor und damit die schmerzliche Trennung von ihrer Familie verursacht hatten, überlebt hatte.

Elronds Stimme war sanft, als er weitersprach: „Es scheint undenkbar, dass ein kleines Kind unbeschadet aus so einer Situation herausgeht, aber so war es. Elladan und Elrohir kamen zu spät, um seine Eltern zu retten, doch sie fanden Estel und brachten ihn hierher."

Sie nahmen auf einer der steinernen Bänke Platz.

Legolas hatte bereits Begegnungen mit Orks hinter sich und wusste um ihre Grausamkeit, deshalb fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden: „Wie..."

Er brach ab. Er konnte sich das Bild vorstellen, ein Massaker...

„Seine Eltern müssen ihn rechtzeitig versteckt haben", sagte Elrond. „Elladan sagte, sie fanden ihn unter dem Umhang seines Vaters, im Unterholz. Sie wurden im Wald überfallen, und vielleicht war das Estels Glück."

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Legolas starrte zu Boden, während er versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. „Sein Name ist Estel?", fragte er dann. Es erschien ihm wie ein böser Scherz, dass seine Eltern den Jungen „Hoffnung" genannt hatten, nicht ahnend, was geschehen würde.

Zu seinem Erstaunen hörte er Elrond leise lachen und sah auf.

Ich habe ihn so genannt", sagte Elrond. „Sein eigentlicher Name muss vorerst verborgen bleiben, denn er hat zu viele Feinde."

Legolas starrte ihn an; dies alles machte keinen Sinn. „Aber...Hoffnung?", fragte er leise.

Elrond nickte und lächelte ernst: „Du wirst verstehen, wenn ich dir sage, wer dieses Kind ist." Sein Blick schweifte kurz zu Estel und kehrte dann zu Legolas zurück: „Sein Name ist Aragorn. Er ist der letzte lebende Nachfahre von Isildur."

Legolas ächzte. „Sein Vater war Arathorn?", brachte er hervor. „Einer der Dunadán..."

Elrond nickte erneut. „Du kennst die Geschichte. Dieses unschuldige Kind", fuhr er fort, während er Legolas ansah, „ist die Hoffnung Mittelerdes."

Legolas´ Blick wanderte erneut zu Estel, während er zu begreifen versuchte, was das alles bedeutete. Als hätte er gespürt, dass sie über ihn redeten, kam Estel nun zu ihnen gelaufen. Er hielt immer noch einen kleinen Sicherheitsabstand zu Legolas und drückte sich gegen Elronds Bein, während er Braun an seine Wange schmiegte und den fremden Elb über das Stofftier hinweg neugierig beäugte.

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Und Legolas fiel jetzt erst ein, dass er hier einen kleinen Menschen vor sich hatte, einen Menschen mit einem elbischen Namen, der ihm zunächst wie ein Hohn des Schicksals vorgekommen war. Doch Lord Elrond tat nichts unüberlegt; groß war seine Weisheit, und wenn er entschieden hatte, das Kind „Hoffnung" zu nennen, dann hatte es einen berechtigten Grund.

Unbewusst lächelte er, und obwohl der Großteil von Estels Gesicht hinter Braun verborgen war, konnte Legolas sehen, dass der Kleine nach einem Moment des Zögerns zurückstrahlte. Wenn Ada keine Angst vor diesem Fremden hatte, schien ja alles in Ordnung zu sein, und außerdem übte sein helles Haar, das sich so sehr von dem Elronds und seinen Söhnen unterschied, einen gewissen Reiz aus.

Elrond beugte sich nun zu Estel hinunter: „Möchtest du zu Erestor gehen und ihm helfen, die Mittagsglocke zu läuten?"

Estel nickte vigoros und flüsterte ein begeistertes „Ja!", bevor er sich auch schon in Bewegung setzte und in Richtung Haus rannte.

Legolas blickte ihm nach und fragte sich, wie so kleine Kinder es schafften, nicht andauernd hinzufallen. Elrond sah ihn an: „Er weckt viele Erinnerungen an lang vergessene Zeiten, als meine eigenen Kinder noch so klein waren."

Und als Legolas nun seinen Blick erwiderte, sah er in Elronds Augen, wie gut das dem älteren Elben tat.

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Fortsetzung folgt