Titel: Der Internationale Zauberer
Verfasserin: Alana Chantelune
Übersetzer: Ron Ravenclaw
Spoilers: Alles, was ihr über Harry Potter gelesen habt.
Generelle Zusammenfassung: Internationaler Zauberer ist eine wöchentliche Zeitschrift, die aus Aufsätzen von verschiedenen Journalisten der ganzen Welt besteht…
Darstellung des folgenden Artikels: Wer sind die Squibs? Was können sie? Was ist ihnen unmöglich? Diese Fragen können wenige Leute genau beantworten, und doch kann man ihr Dilemma nicht verstehen, wenn man nicht genau weiß, inwiefern sie uns gleichen und inwiefern sie sich von uns unterscheiden. Eine berühmte Geschichtsforscherin versucht, es uns besser zu erklären.
Disclaimer: Zu meiner großen Verzweiflung gehören Harry Potter und die Zaubererwelt nicht zu mir. Ich verdiene nichts damit – leider! Was das Konzept betrifft, gehört es zur französischen Zeitschrift „Courrier International".
Squibs, ein verstecktes Drama
Von Katrina Warumniechtze.
Squib.
Dieses Wort klingt wie ein Schimpfwort. Man dreht sich um, man meidet den Blickkontakt. Ein schamhaftes Wort.
So selten seien sie, existieren Squibs in der Zaubererwelt, und diese Tatsache würde man unnötigerweise verstecken. Es scheint, dass die Frage viel komplexer ist als man glaubt.
Und doch, warum schämen wir uns dafür?
Kommen wir zuerst auf die Stellung des Squibs zu sprechen.
Squibs und Muggel
Ein Muggel ist ein Individuum, das bar jeder magischen Kraft ist. Ein Squib ist ein Individuum, das in einer Zaubererfamilie geboren ist und bar jeder magischen Kraft ist.
Diese beiden Definitionen sollten es erlauben darauf zu schließen, dass Muggel und Squibs eigentlich dieselben Eigenschaften besitzen und sich ähnlich sind.
Nun unterscheidet sich aber der Squib vom Muggel nicht nur wegen seiner besonderen Geburt. Natürlich besitzt der Squib die Kenntnis über die Zaubererwelt, welche der Muggel nicht besitzt, eine Kultur, die den Zauberern vorbehalten ist, sowie eine Erziehung, die ihm nicht erlaubt, ohne Vorbereitung in der Muggelwelt zu leben.
Außer seiner Zauberererziehung teilt der Squib andere Eigenschaften mit dem Zauberer. Denn im Gegensatz zur allgemeinen Annahme sind die Squibs nicht völlig ohne jede Zauberkraft, sind keine einfache Muggel.
Natürlich sind sie nicht dazu fähig, einen Zauberstab zu benutzen, noch irgendein magisches Phänomen aktiv auszuüben.
Doch sind sie im Gegensatz zu den Muggeln sicher dazu fähig, Magie zu sehen.
Einerseits sind sie von den oft benutzten Zaubern zur Muggelabwehr oder Magieverhüllung nicht betroffen; andererseits haben sie völligen Zugang zu den Gemeinschaften und magischen Orten, welche die Muggel gewöhnlich nicht bemerken.
So ist es unmöglich, sie wie einfache Muggel zu betrachten.
Außerdem ist ihre Wahrnehmung von Zauberei genauso wie die der Zauberer: Sie seien sogar dazu fähig, zum Beispiel die Dementoren zu sehen, welche für Muggel unsichtbar sind.
Muggelfamilien können echte Zauberer hervorheben, aber Zaubererfamilien zeugen keine Muggel. Die Squibs sind mehr als das.
Die Squibs sind ein besonderer Fall in der Zaubereigeschichte. Manche Forscher bezeichnen sie sogar als „fehlendes Kettenglied", aber um solch ein Konzept anzunehmen, müsste man dieses fehlende Kettenglied bei den Muggeln finden, und kein Muggel zeugte je einen Squib, ein Wesen mit schwachen magischen Spuren, die ihm erlauben würden, die Zauberei passiv aufzuspüren.
Schwierigkeit der Statistiken
Man besitzt wenige Zahlen über das Phänomen der Squibs, denn ihre Existenz wird zu oft verleugnet, versteckt, vor dem Tageslicht verborgen. Diese Haltung findet sich in allen Zauberergemeinschaften weltweit, auch wenn Schweden, Norwegen und Dänemark gerade Programme begonnen haben, die das Thema betreffen.
Man schätzt, dass ungefähr 1/5 der geborenen Zauberer in einem Jahr aus Muggelfamilien stammen, aber was die Geburt eines Squibs angeht, wäre die Frequenz von nur eine Geburt von 200 oder 300, ja sogar eine in 1000.
So sind es sehr besondere Angaben, mit denen man vorsichtig umgehen soll, denn es sind nur Hypothesen, die nie geprüft worden sind.
Die Squibs werden von den Zaubererministerien nicht gezählt und, man muss es zugeben, als unwichtig in dem täglichen Versuch, die Zauberei vor den Muggeln zu verstecken, betrachtet. Es gibt noch nicht einmal ein Mittel, sie zu zählen, denn sie erscheinen weder in den magischen Stammbäumen noch in den magischen Listen der Schulen oder der Ministerien. Ihre Existenz scheint so offiziell verleugnet zu werden, denn ihr Status wird noch nicht einmal von den magischen Gesetzen erkannt. Es ist so höchst schwierig, sie zu zählen und soziale Studien über ihren Status zu betreiben, während sie seit jeher an der Zaubererrealität teilnehmen.
Squib und Familie
Wenn die Geburt eines Zauberers in einer Muggelfamilie nicht ungewöhnlich ist und oft sehr gut toleriert wird, ist es sehr schwierig, wenn man ein Squib in einer Zaubererfamilie ist, oder wenn es einen Squib in der Familie gibt. Sie befinden sich zwischen ihrer Geburtswelt und jener hin- und hergerissen, wo sie ihr Mangel an magischer Eignung natürlich hinführt.
Die meisten Squibs integrieren sich so ins Muggelleben; ein Teil beendet sogar jede Verbindung mit der Zaubererwelt. Meistens bleiben sie dennoch zum Teil mit ihr verbunden, sei es nur wegen ihrer Familie. Anderen Squibs gelingt es, in der Zaubererwelt zu bleiben; gewöhnlich sind es Individuen, die an Familienunternehmen teilnehmen, wo die Magienutzung nicht unbedingt erforderlich ist, und sie lassen ihre Umgebung von der – gezwungenen – Kenntnis profitieren, die sie von der Muggelwelt haben.
Aber öfters wird der Squib von der Familie geächtet oder er entwickelt ein Minderwertigkeitsgefühl, das ihn dazu bringt, sich von den Zauberern zu entfernen. Es kann bewusst oder unbewusst sein. Viele Squibs mit Geschwistern sagen, wie sie unter dem unterschiedlichen Verhalten ihrer Eltern zu ihnen und den anderen Zaubererkindern der Familie leiden. In diesen Fällen verursacht der übermäßige Schutz genau so viele Schaden wie die Verachtung: Das Gefühl des Andersseins, welches der Squib als Kind erlebt, wird oft von allen kleinen Dingen des Alltags verstärkt, bei denen es nötig ist, Magie zu benutzen, vor allem in der Jugend, wenn die anderen Kinder dank ihres Zauberstabs Möglichkeiten haben, die der Squib nie besitzen wird.
Man bemerkt bei den Squibs die Entwicklung von Minderwertigkeits-, ja sogar von Unrechtsgefühlen, oder manchmal auch von Schuldgefühlen, wozu sich sehr oft ein Hang zur Depression und manchmal ein exzessiver Neid gesellen.
Das Schuldgefühl ist sehr oft eine Übertragung des Schuldgefühls der Eltern des Squibs; diese stellen sich Fragen über ihre Verantwortlichkeit in der Sache, und indirekt macht sich das Kind verantwortlich für die Verzweiflung seiner Eltern.
Familiendramen oder Annahme
Man erlebte echte Familiendramen in manchen alten Zaubererfamilien mit festen Prinzipien; manchmal, in bestimmten exzessiven Fällen, wird der Squib aus dem Klan verbannt. Man berichtet sogar, nach Quellen aus dem Mittelalter, dass das Aussetzen, ja sogar die Ermordung des Squibs von manchen Reinblutfamilien ausgeübt worden sei. Doch stammen sie aus dem Nachlass des düsteren Klans Von Nachtenbörn, aus Ungarn, um 900 bis 1200. Der einzige Fall eines bekannten Aussetzens ist dagegen die bekannte Affäre Glaucii, 1817, in Italien – siehe nächster Artikel. Aus diesen alten und in der Zaubererwelt völlig integrierten Familien entfernt sich öfters der Squib und er wird ein Tabu in den Gesprächen.
Man muss die immer wieder angesprochene lange Debatte erwähnen, dass in der Geburt eines Squibs ein Risiko besteht: auch wenn Squibs eher in Familien auftauchen, die seit langer Zeit aus Zauberern bestehen, behaupten zahlreiche Reinblutfamilien, die Anwesenheit von „Halbbluten" in den Stammbäumen würde nach einigen Generationen die Geburt von Squibs verursachen. Diese von radikalen „Reinbluten" heftig verteidigte These ist ein Argument für den „Schutz ihres Zaubererblutes".
In anderen Zauberfamilien kann es dem Squib gelingen, sich zu integrieren, wie man beobachten konnte, vor allem als Verbindung zwischen Muggelwelt und Zaubererwelt.
Die Lage in gemischten Zauberferamilien oder in jenen, wo einer oder beide Elternteile aus Muggelherkunft stammen, ist unterschiedlich.
In den gemischten Paaren ist der Zaubererelternteil oft zuerst enttäuscht, einen Squib als Kind zu haben, vor allem, wenn er selber aus einer alten Zaubererfamilie ist. Doch wurden in ganz Deutschland nur drei Falle in 88 Jahren gezählt, wenn man das Phänomen richtig einschätzen will.
Der Muggelverwandte kann seinerseits ein Schuldgefühl gegenüber seiner Ehegattin bzw. ihrem Ehegatten entwickeln, aber dieses Phänomen ist selten, und oft gar nicht vorhanden, wenn das Paar ein Zaubererkind hat. Diese Art vermischter Familien wird ganz gut toleriert, denn die Eltern denken unbewusst, jeder habe ein Teil seiner Erbmasse ihren Kindern hinterlassen, und sie sind damit zufrieden.
Wenn beide Eltern, oder sogar nur einer von beiden, aus Muggelabstammung sind, ist die Lage immer einfacher zu akzeptieren, auch wenn auch in diesem Fall die Beispiele selten sind.
Leben der Squibs
Manchmal kommt es bis zu einem Drama, und man zählt mehr Selbstmorde bei den Squibs als bei den Zauberern, auch wenn man keine konkreten Angaben besitzt. Der Selbstmord ist nämlich bei den Zauberern um vieles niedriger als bei den Muggeln, aber man spricht eher vom Selbstmord bei Squibs als bei Zauberern.
„Er fühlte sich nicht auf wohl in seiner Haut", „Sie fühlte sich zurückgeworfen", „Wir haben ihm sozusagen den Rücken zugewandt", das sind Worte, die in den Familien zu vernehmen sind, in denen man sich nicht ziert, von der „Affäre" zu sprechen, von diesem Mitglied der Familie ohne magische Kraft, der schließlich Selbstmord begangen hat; aber die Leute, die bereit waren, darüber zu reden, berichten meistens von Selbstmorden eine oder zwei Generationen vor der ihrigen; das Tabu der Squibs endet nicht mit ihnen, und sogar ihre Erinnerung geht durch diese Stille verloren.
Die Last der Scham, der Stille, des Tabus ist ein Problem, das man jetzt in Frage stellen muss.
Der Fall der Rückkehr der Magie: Ein Argument für die Squibs
Man muss das ziemlich oft wiederkehrende, wenn auch wenig bekannte Phänomen der Magierückkehr bei den Enkeln von Squibs erwähnen. Man hat nämlich vor kurzem bemerkt, dass es ziemlich oft vorkommt, dass sich Kinder oder Enkel von Squibs, welche Muggel heiratet haben, selber als Zauberer erweisen. Fälschlicherweise als einfache Muggelkinder betrachtet, beweisen diese Zauberer, dass ein Squib zu sein ein einfacher „Unfall" ist, und dass die latenten Kräfte des Squibs hinterlassen werden und in den nächsten Generationen erwachen.
Dieses zu lang ignorierte Detail ist das beste Argument, um die Zauberer dazu zu führen, sich mit der Wichtigkeit dieser „Zauberer mit Handikap" zu beschäftigen, und ihnen eine verdiente Stelle in der Zaubererwelt zu geben.
Die Angaben dieses Artikels kommen aus den persönlichen Forschungen der Autorin, Geschichtsforscherin im Gebiet der Soziologie – und Schwester eines ganz gut integrierten Squibs, Andreas –, die sich seit zwanzig Jahren mit dem vernachlässigten Phänomen der Squibs beschäftigt.
Sie veröffentlichte mehrere Aufsätze in zahlreichen Zeitschriften, sowie einen vierhändig geschriebenen autobiographischen Roman mit ihrem Bruder Andreas, Mit oder ohne Zauberei?.- Bonn: Essays 1980 (Reihe Soziologie). Sie bereitet ein Werk über die Squibs vor.
