Titel: Der Internationale Zauberer
Verfasserin: Alana Chantelune
Übersetzer: Ron Ravenclaw
Spoilers: Alles, was ihr über Harry Potter gelesen habt.
Generelle Zusammenfassung: Internationaler Zauberer ist eine wöchentliche Zeitschrift, die aus Aufsätzen von verschiedenen Journalisten der ganzen Welt besteht…
Heute im Internationalen Zauberer: Eine der tragischeren Geschichten der Zaubereigeschichte.
Disclaimer: Zu meiner großen Verzweiflung gehören Harry Potter und die Zaubererwelt nicht mir. Ich verdiene nichts damit – leider! Was das Konzept betrifft, gehört es zur französischen Zeitschrift „Courrier International".
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Ergänzung zum Dossier „Squibs"
Die Affäre Uebelii
Oder die Romanze von Pietro und Clea
Die Affäre beginnt 1812 in Napoli.
Die junge Clea Aristoli, neunzehn Jahre alt, zweite Tochter des Dogen – Chef der Zauberer in Venedig –, folgt in Neapel einer Weiterbildung für ihre Gabe als Medium.
Dort trifft sie den jungen Muggel Pietro Scipio, einundzwanzig Jahre alt, Sohn von armen Händlern. Als brillant und klug wurde er in seinem kleinen Dorf entdeckt und trat unter das Patronat eines Kardinals – ein Muggel mit hoher Stelle in der Kirche –, der ihm Geld gab, damit er Jura studieren konnte.
Das Märchen von dem jungen, aus niederen Verhältnissen stammenden Muggel und der Tochter eines der wichtigsten Zauberer Italiens sagte nicht vielen zu, und vor allem nicht der Familie des Mädchens. Was sich zu einem neuen „Romeo und Julia" hätte entwickeln können, ändert schnell die Richtung, als das Mädchen und einer ihrer Vettern, der sie „auf den rechten Weg zurückbringen sollte", mit Erstaunung entdecken, dass Pietro von den Zaubern für magische Verhüllung nicht beeinflusst wird, und dass er instinktiv weiß, wozu magische Objekte nützen, die normale Muggel aus Furcht würden aufspringen lassen. Als er erfährt, dass seine Geliebte eine Hexe ist, zeigt er auch keine ablehnende Reaktion wie meisten Muggel, sondern er scheint eher von alten Erinnerungen geplagt.
Clea und ihr Vetter treffen so die Entscheidung, Pietro dem Dogen vorzustellen. Nimmt ein Teil der Familie Aristoli an der Wahl des Mädchens Anstoß, erregt dieser junge, kühne Muggel mit dem reifem Geist, der sich in Venedigs Zaubererzirkel schnell als eine wertvolle Hilfe in den Beziehungen zu den Muggeln etablieren kann, doch Neugier beim Dogen. Er wird Ursus, Cleas Vetter, Don Rodrigue di Isegrim, einem jungen Duellanten aus Spanien, und Cleas Freundin Serena d'Opalino bekannt gemacht und freundet sich mit ihnen an. Dank ihrer Gabe entdeckt Clea, dass ihr Liebhaber mit den Zaubererfamilien von Neapel eng verbunden ist.
Der Doge hält die Behauptungen seiner Tochter für wahr und entdeckt, dass der junge Mann der Opfer eines alten und sehr mächtigen Vergesslichkeitszaubers geworden ist. Jetzt davon überzeugt, dass der Junge ein wichtiges Geheimnis über die Uebelii, dem mächtigen neapolitanischen Klan, der dafür bekannt ist, Nekromantie auszuüben und der schärfste Gegner des Dogen bei der Römischen Kammer zu sein (zu jener Zeit die Versammlung der verschiedenen Zaubereroberhäupter der italienischen Städte), in sich trägt, lässt er den Rat von Fachleuten einholen, um den Freund seiner Tochter zu befreien, ohne seinen Geist zu schädigen.
Schließlich gelingt es einer französischen Hexe, Germaine Besigues, dem jungen Mann seine Identität zu enthüllen: Pietro ist der Sohn des Oberhaupts des Klans Uebelii und sei während einer Scharlachfieberepidemie verstorben, einer schrecklichen magischen Krankheit jener Zeit. Der junge Mann, ohne magisches Talent, war in Wirklichkeit im Alter von acht Jahren ausgesetzt worden, um den Neffen von Domiziano Uebelii zu erlauben, ihm als Haupt des Klans nachzufolgen. Pietro ist also ein Squib, den seine Familie aufgrund ihrer festen Prinzipien aus dem Wege geschaffen hat, denn für sie war seine Existenz beschämend.
Der junge Mann und seine neuen Freunde aus Venedig richten daraufhin eine Anklage wegen Aussetzens und Erbschaftsberaubung an die Magische Justizkammer in Neapel, aber sie werden von dieser abgewiesen, da sie dem Klan gehorcht; die Uebelii werfen den Klägern nämlich Verleumdung vor und lehnen es ab, die Anklage anzuerkennen.
Der Doge bringt die Sache vor die Hochkammer der magischen Justiz in Rom und beginnt so einen neuen Klankrieg zwischen den italienischen Zauberern. Erpressung, Entführungen, eine Vielzahl von Prozessen, Morde und Verwünschungen werden drei Jahre lang andauern, bis die Uebelii ihren Einfluss verlieren werden. Wird Pietro in seinen Rechten eigentlich bestätigt, so verzichtet doch Domiziano Uebelii, sein Vater, auf all seine Güter und Vorrechte zugunsten seines Bruders, damit die Familienerbschaft seinen Neffen beschieden ist. Eine schlechte Überlegung, denn sein Bruder wird ihn zwei Monate später ermorden lassen, um Chef des Klans zu werden.
Der Skandal Uebelii hat ganz Europa betroffen, und über Cleas und Pietros tragische Romanze wurde viel geschrieben. Gelang es zwar Pietro endlich, die Zustimmung der Familie Cleas zu kriegen, so fand die Hochzeit doch nie statt: Die junge Frau wurde nämlich zu einem Opfer des Konfliktes und wurde anstelle ihres Liebhabers von einem eifersüchtigen Werber vergiftet, einem Schützling des Dogen, der diesen verriet und sich von seinen Feinden bestechen ließ.
Nach dieser Affäre bekommt der Doge von Venedig die Stelle des Prinzen der Zauberer – dies ist der ehemalige Name des Zaubereiministers in Italien – angetragen; Pietro zieht sich aus der Zaubererwelt zurück, kehrt zu seinem ersten Muggelpatron zurück, bevor auch er Priester wird. Er wird zu einem wichtigen Kirchenmann und kämpft gegen die Hexenverfolgung, während er mit dem Mann, der sein Schwiegervater hätte werden sollen, einige Beziehungen aufrecht erhält.
Dieser historische Skandal, der dank der Briefe und des Tagebuchs von Serena, Cleas Freundin – im Besitz des magischen Museums von Venedig – und den berühmten Ereignissen, die er verursachte, gut bekannt ist – Pietro, der von Clea und ihrem Vetter verfolgt wird, Clea, die ihren Verlobten verteidigt, indem sie von ihren Visionen erzählt, die Kämpfe zwischen den Aristolis und den Sbirren der Uebeliis, die Entdeckungen der Hexe Germaine Besigues, Pietros Freundschaft zu Cleas Vetter und seinem Kameraden, dem jungen spanischen Duellanten Don Rodrigue di Isegrim, Cleas tragischer Tod… – hat viele Künstler inspiriert.
Der flamische Maler Carl Gruenspann realisiert so zahlreiche Porträts über die Affäre, und man kennt natürlich die Serie aus 17 Bildern – von denen vier verschwunden sind – des römischen Malers Gabriello Tuencheno. Die französische Dichterin Marie-Alix de Saint-Ange schrieb 1732 ihre berühmte Sammlung „Verstimmte Liebe", aus welcher mehrere Gedichte der Affäre gewidmet sind.
Um die Mitte des 19. Jahrhundert präsentiert der polnische Komponist Dmitri Khyskhassensky sein Hauptwerk „Das Ende der Uebeliis", eine fünfaktige Oper, die weltweit bekannt ist. 1889 wird der Roman des Belgiers Aristide K. Tastroffe „Die Affäre Uebelii" zu einem Klassiker. Er inspiriert unter anderen die Operette vom Franzosen Leopold Flüsster, „Pietro et Clea", 1902 erschienen, ein Werk, dessen Handlung leichtfertiger ist als Khyskhassenskys Oper.
Das Thema wird regelmäßig wieder benutzt; so veröffentlicht der jugoslawische Zauberer Alexander Ju Kreitz 1938 „Die Hintergründe der Affäre Uebelii", eine historische Analyse, welche die Kämpfe zwischen den italienischen Klanen und die Kunst, mit der der Doge diese Affäre politisch benutzte, ans Licht bringt.
Aktueller ist der 1988 veröffentlichte Bestseller „Die Augen der Wahrheit" der amerikanischen Schriftstellerin Marion Stei N'Raich, welcher die Geschichte aus der Sichtweise von Clea und den zahlreichen anderen Frauen nochmals erzählt. Schließlich veröffentlicht der schottische Autor Ebulard McAllister zurzeit eine riesige Freske über das Thema „Vor Wut und Zauberei", dessen vierten Band man erwartet.
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Erklärung der Namen:
Clea Aristoli: Ihr Name weist auf ihr Stand in der Gesellschaft: die Familie gehört zur italienischen Aristokratie.
Pietro Scipio: Diesen Namen hatte auch eine berühmte Familie des römischen Reichs.
Don Rodrigue di Isengrim: Isengrim ist der Wolf bei dem bekannten Epos Reineke Fuchs.
Uebelii: Die Mitglieder der Familie sind so übel wie es ihr Name zeigt.
Leopold Flüsster: Zwar flüstert in Wirklichkeit kein Fluss, aber poetisch kann es sein, also erwähnt der Name ein Fluss, der einem den Eindruck gibt, er würde auf Kieselsteinen flüstern.
Marion Stei N'Raich: Ihr Name erwähnt, dass sie steinreich ist.
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Einen herzlichen Dank an Yamitai für ihre Hilfe! Und vergesst nicht, wenn auf dem kleinen violetten Knopf darunter nicht gedrückt wird, ist er sehr traurig und Alana sicher auch!
