Kapitel 4 – Ein Latenia brennt nicht!
„´Geht
nach Norden, immer nach Norden, bis ihr zu einem großen Haus
kommt. Dort werdet ihr jemanden treffen. ´ Sagt mal, eine
dämlichere Anweisung hat man uns noch nie gegeben, oder?",
fragte Chontamenti die anderen.
Sie standen in Latenia und fragten
sich - zu Recht - warum. Gaga lief gegen eine Tanne. „Es ist das
unveräußerliche Recht eines jeden Menschen, ein Idiot aus
sich zu machen", murmelte Vinyó im Vorbeigehen.
„Ach,
Biber-Brötchen!", rief Gaga zum Erstaunen der anderen zurück.
Yax hielt es für notwendig, sich einzumischen und rief:
„Milchkuh-Muffins!"
„Kuh-Kekse!", sagte Abanderada, dem das
Spiel zu gefallen schien.
In der Hoffnung, ein Ende in diese
Diskussion zu bringen, rief Notwen: „Spinnen-Spekulatius!" Damit
hatten die anderen nicht gerechnet und verstummten.
Sie gingen
weiter. „Dort vorne ist das Haus", informierte Yax die anderen
unnötigerweise.
Das Haus war nicht zu übersehen, es stand
auf einem Hügel, bestand zum größten Teil aus edlem
Holz, hatte sechs Stockwerke und – und das war das bemerkenswerte
nach Notwens Ansicht – es brannte lichterloh.
„Es geht doch
nichts über eine gebührende Begrüßung. Sie
hätten auch gar nicht reagieren können, also war es ein Akt
der Höflichkeit", diagnostizierte Yax.
Sie kamen dem Haus
näher und da niemand um Hilfe rief, beschlossen sie ein Lager zu
errichten und zu warten bis das Haus der Brennerei ein Ende setzen
würde, oder umgekehrt.
„Fehlt nur noch der, den wir treffen
sollen", kommentierte Abanderada, der alles Unnötige an die
anderen weitergeben musste.
Wie viele vielleicht wissen, passieren
die Dinge, die man am wenigsten erwartet immer dann, wenn man sie am
wenigsten erwartet. Folglich passierte es, dass der Mann, den
Abanderada so treffend beschrieben hatte, genau in dem Moment, als
der Satz dessen, also Abanderadas, Lippen verließen, ebenso das
Haus.
Der Onlo flackerte fröhlich und die Flammen hatten
offensichtlich Spaß daran sich auszubreiten, sodass der Wald,
der die kleine Gruppe umgab, schon bald fröhlich mitfackelte.
Der Onlo verschwand in dem Moment Richtung Heimat, als Yax ihn
starren wollte. Chontamenti, der die Ansicht vertrat, dass der Onlo
nächstes Mal lieber zu Hause bleiben sollte, freute sich über
die Unannehmlichkeiten, die er heimwärts von seinen Artgenossen
für die Rodung eines kompletten Waldes zu erleben hatte und
bedauerte im selben Moment, das sich die Todesursachen und
Nebenwirkungen während der Heimkehr auflösten, sodass
Anatubien wohl weiterhin ein Ort mit Wäldern und Vulkankratern
bleiben würde und kein Ort mit Vulkankratern – ohne Wälder.
Regley, der Flammen – wie er gerne betonte – „gar nicht so
gerne" mochte, wurde ungeduldig und fragte: „Ja… und jetzt?"
Zu gerne hätte Notwen ihm eine Antwort gegeben, blieb sie ihm
allerdings schuldig, da in diesem Moment eine weiße Gestalt
durch die Flammen trat.
„Das ist Chuck Norris!" rief Gaga.
„Von
dir hätte ich einen qualifizierteren Kommentar erwartet, Gaga",
kommentierte Blanche dies.
Die Gestalt schritt inzwischen weniger
würdevoll auf sie zu, da der Schneemantel, den er trug langsam
zu rauchen begann.
Einmal aus der Gefahrenzone getreten, setzte er
eine weniger lächerliche und mehr beherrschte Miene auf.
„Hi,
wie läuft's?", fragte er.
„Auf 4 Beinen, Morgen kommt das
Alphabet dran", sprach Yax, der seinen mehr schlechten als rechten
Sinn für Situationskomik anbringen wollte.
Der Weiße
passte sich sofort an den Rest der Gruppe an und ignorierte diesen
Kommentar.
Er nahm zu Blanches Erleichterung den weißen Mantel
ab und schrie zu Blanches Entsetzen sprichwörtlich mit einem
grellen Türkis zurück.
Da es, dank den Flammen, Zeit war,
das Wort zu ergreifen, redete der Magier – denn nichts Anderes war
er – an Notwen gewandt los: „Sind sie Notwen Caasi,
Natla-Händler, Wohnsitz An der Nebelwolke 42, Hausnummer
ebenfalls 42?"
Notwen, der allmählich ein ungutes Gefühl
bekam, antwortete: „Muss ich? Das hat sich nämlich nicht so
bewährt in der Vergangenheit…"
„Sind sie Caasi oder
nicht?", drängelte der Magier ungeduldig.
„Na gut, ich bin's", gab Notwen zu, in der Hoffnung seinen lange bestellten
Toaster oder einen Lottogewinn zugeschrieben zu bekommen.
„Prima",
meinte der Magier. „Es tut mir Leid, wenn ich so ungehobelt bin,
aber ich fürchte ich muss sie töten"
Notwen runzelte die
Stirn. „Mich töten?", hakte er nach.
„Ganz genau", kam
die Antwort.
„Na ja, aber das ist doch eine recht langfristige
Angelegenheit oder nicht? So etwas benötigt längere
Planung, von beiden Seiten!", plapperte Notwen, der es bisher immer
vermieden hatte zu sterben.
„Ist alles hier drin", meinte der
Killer stolz mit einem Wink auf den im Schnee liegenden Mantel, aus
dem nun ein 30-seitiges Handbuch mit dem Titel „Der nächste
Sarg könnte ihrer sein – Warum nicht an die Zukunft denken?
Testamente frei verschenken!" herausschaute.
„Aber warum wollen
sie mich überhaupt töten?", wollte der inzwischen recht
unruhige Notwen wissen.
„Mann, das kommt nicht von mir, warum nehmt
ihr das alle immer gleich persönlich?", grummelte der Magier.
Und mit diesen Worten zog er seine HK P10 und feuerte alle 16 Schüsse auf Notwen ab, wohl wissend, dass dieser in der kurzen Zeit mitnichten mehr einen Schutzzauber aktivieren könnte.
