Kapitel 5 – Notwens Tod
Die Kugeln trafen ihr Ziel. Notwen, der ein Nebelwesen war, blickte eher verwirrt als erschrocken drein, als er sich in eine Nebelwolke auflöste. Hätte er noch Zeit gehabt, hätte er den Kopf über diese Unverschämtheit des Magiers geschüttelt. Obwohl er noch nie gestorben war, wusste er, was nun kommen würde und bedauerte, kein Kartenspiel mitgenommen zu haben. Andererseits hätte er nur gegen sich selbst spielen können und das wäre ein vollkommen „sinnentkerntes" Handeln gewesen, wie Notwen befunden hätte. Er würde direkt nach Narubia gelangen, nicht über Los ziehen und auch keine Treuepunkte einziehen. Die Natla-Händler hatten ihre altmodische Auferstehungskampagne als Einzige beibehalten und Notwen kritisierte dies bis Heute. Besonders Heute, wie er zugeben musste. Er würde mit der dreitausendfachen Geschwindigkeit einer anatubischen Seeschwalbe nach Narubia gezogen werden und in eine Art Wartesaal gelangen, in welchem sich sämtliche Natla, die starben, wieder finden mussten und auf ihre Regeneration warteten. Man hielt es allerdings nicht für nötig, die Ankunftsgeschwindigkeit auch nur im Geringsten zu vermindern, sodass die Natla wie Flipperkugeln durch den Raum jagten. Notwen wurde natürlich automatisch schlecht und er sah ein, dass, wenn er sich nun auf Karten hätte konzentrieren müssen, die Situation nur schlimmer geworden wäre.
Nach 3 Minuten und 42 Sekunden wurde er entlassen und er nahm wieder eine einigermaßen manifestere Gestalt an. Auf wackeligen Beinen verließ er seine Heimat- und Geburtstätte und ging hinaus auf die Wolken Narubias. Notwen war längere Zeit nicht mehr in Narubia gewesen, da er seine Heimat nicht sonderlich mochte. Er fühlte sich an Dranar erinnert, umgeben von Nebel, mit düsterer Stimmung und – das war wohl ausschlaggebend – keinerlei Straßenbeleuchtung.
Plötzlich ertönte neben ihm eine
Stimme: „Caasi, hier rüber!"
Notwen hatte nichts Anderes zu
tun, daher tat er genau dies, wenn auch leicht torkelnd. Vor sich sah
er einen dunklen Magier, der ihn ungeduldig ansah.
„Was gibt's?",
fragte Notwen als er ihn erreichte.
„Eine Menge zu bereden, aber
nicht hier.", meinte der Magier.
Nun seinerseits durch die
Geheimnistuerei unruhig geworden, entschied sich für die am
meisten zeitsparende Möglichkeit und blieb still. Sie erreichten
das Haus der Finsternis, von dem Notwen wusste, dass es zu dieser
Zeit nichts verkaufen würde. Im Haus brannte eine
Standardbeleuchtung, es schien aber leer. Sie betraten das Haus und
gingen in ein Zimmer im 1. Stock, das stark nach einem Konferenzraum
aussah.
Sie setzten sich und der Magier begann zu sprechen: „Sie
fragen sich sicher, warum sie hier sind Caasi, oder?"
Notwen mochte
es zwar nicht, dass man ihn mit seinem Nachnamen ansprach, beließ
es aber bei einem Nicken. „Verraten sie's mir?", fragte er,
nachdem der Magier nicht weiter sprach. „Ich will die
Weltherrschaft an mich reißen, wie man so schön sagt.",
meinte dieser nach einer kurzen Pause.
„Klingt nach einer
Langzeitaufgabe.", kommentierte Notwen das. Dem in schwarz
gekleideten Magier schien etwas einzufallen, denn er streckte
plötzlich Notwen seine Hand hin. „Wie dumm mich nicht
vorzustellen. Mein Name ist Videm Corume, ich freue mich, Sie kennen
zu lernen. Ich habe viel von Ihnen gehört…", stellte der
sich nun doch vor.
Notwen schüttelte die dargebotene Hand. „Wie
sie vielleicht vermutet haben, möchte ich, dass sie mich bei der
Durchführung meines Plans unterstützen.
„Und sie werden
mich auch sicher in Alles einweihen wie ein fairer Geschäftspartner",
spöttelte Notwen.
„Ich werde sie in den ersten Teil meines
Plans einweihen, denn mehr brauchen sie vorerst nicht zu wissen",
erwiderte Videm. „Und wie lautet der erste Teil?", fragte Notwen,
wohl wissend, dass er damit indirekt seine Zustimmung signalisiert
hatte.
„Im ersten Teil werden wir uns der Bank aller Wesen, oder
viel mehr ihrem Inhalt bemächtigen.", eröffnete Videm ihm
wie versprochen den ersten Teil.
„Soll das heißen, wir rauben
der Bank und deren Kunden ihr Geld?", wollte Notwen unsicher
wissen.
„Wir borgen uns Geld für die nächsten Teile des
Plans würde ich sagen", meinte Videm.
„Ah, es gibt also mehr
als zwei Teile?", grinste Notwen. Zum ersten Mal erschien eine Spur
Verärgerung in der Miene von Videm. „Also, die ´Ausborgung´
wird in genau zwei Wochen erfolgen", überhörte er den
Kommentar.
„Warum ausgerechnet dann?", fragte Notwen
interessiert. Videm verdrehte die Augen. „Lesen sie keine Zeitung?
Zu dem Zeitpunkt können wir am meisten Geld … borgen",
schloss er den Satz hilflos.
„Nein", meinte Notwen erstaunt.
„Doch!", erwiderte Videm. „Oh!", rief Notwen.
„Wie sie
vielleicht wissen, führt die Bank aller Wesen ein eher
fragwürdiges Verwaltungssystem ihres Geldes. In jeder
Zweigstelle müssen mindestens die von den Kunden eingelagerten
Summen zur Verfügung stehen. Jede Zweigstelle hat aber
zusätzlich noch einen Reservetresor. In zwei Wochen werden die
Inhalte dieser Reservetresore in eine ausgewählte Zweigstelle
gebracht, eine Art Inventur könnte man meinen.", erklärte
Videm.
„Und zu diesem Zeitpunkt werden wir also eine separate
´Inventur´ durchführen, nehme ich an?", fragte
Notwen, dem die Sache langsam Spaß machte. Man konnte nicht
jeden Tag einen Bank… eine Ausborgung begehen und es war nicht
wirklich so, als ob dass Auftragsgeschäft ein einträgliches
Einkommen bietet.
„Wir werden die Inventur sein", meinte Videm
grinsend. „Aha. Und zu welcher Zweigstelle werden die Tresore
gebracht?", hielt Notwen das Gespräch in Gang.
„Das ist
nicht offiziell bekannt gegeben worden. Aber da letztes Mal Mentoran
an der Reihe war, gehen wir erst einmal davon aus, dass Ferdolien
unser Ziel sein muss.", antwortete Videm. „Zusätzlich wird
am selben Tag, trotz Warnung von Experten, ein höchst wertvoller
Prisma-Kristall in der Bank für eine kommende Ausstellung
deponiert werden. Der Kristall wird in einem Koffer und anschließend
in einem Tresor verwahrt und durch komplexe und vor Allem
unterschiedliche Sicherheitssysteme geschützt werden. Das soll
nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass er mehr als
fünf Millionen Goldmünzen wert ist. Mit dem Geld aus den
Tresoren, die jeweils fünf Millionen Goldmünzen beherbergen
macht das einen Gewinn von zwanzig Millionen Goldmünzen. Ihre
Gruppe wird 50 vom Gewinn erhalten. Ich hoffe, dass ist ihnen eine
kleine Ermutigung…"
Er schien die Unterhaltung beenden zu wollen,
denn er stand auf und streckte ihm erneut die Hand hin. „Überzeugen
sie ihre Freunde und sagen sie mir Bescheid, wenn sie mit dem Plan
einverstanden sind. Lassen sie sich nicht zuviel Zeit, denn wir haben
ja nur zwei Wochen. Und bitte nehmen sie das mit ihrem Tod nicht zu
ernst, ich wollte nur sicher gehen, dass ich zuerst mit ihnen allein
sprechen kann. Guten Abend."
Tatsächlich
dauerte es nicht lange, die Anderen zu überzeugen. Blanche
rümpfte die Nase, Abanderada und Gaga verstanden, sei es durch
Unwissen oder mangels akustischer Wahrnehmung nicht allzu viel und
der Rest fand sich notgedrungener Maßen und durch ihren
Kontostand damit ab, sich mal ein wenig anders beschäftigen zu
müssen. Notwen erfuhr außerdem, dass die restlichen acht
der Gruppe, nachdem er gestorben war, zuerst den Auftragsmörder
getötet hatten und sich anschließend mit einer Kiste
Taunektarbier den Weg durch die Flammen gebahnt hatten. Er bewunderte
ihren Einfallsreichtum.
Er wusste, dass sie ihn noch brauchen würden.
Notwen ließ Videm eine Nachricht zukommen und nicht ganz zwei
Wochen später hatten sie einen Plan fertig...
