Kapitel 7 – Personenschutz
„Soso…",
machte der Natla des Auftragshauses. „Ihr habt ja bisher die
meisten eurer Aufträge erfüllt…", meinte er.
Die
Anderen blieben stumm. Er blickte sie streng an.
„Bis auf den in
Latenia…", sprach er.
Yax grinste. „Ach, der, wo sie uns zu dem
Wald geschickt – oder gelockt – haben, bis er abgebrannt ist und
ein Auftragsmörder vorbeigeschaut hat, den meinen sie? Sie
schulden Videm nicht zufällig Geld oder?"
Der Natla biss die
Zähne zusammen.
„Jetzt nicht mehr…Aber zu eurem Auftrag.
Ignotexx Helixx – ja, mit zwei x – ist der wohl wichtigste
Kronzeuge, der gegen die Geldfälscherbande hier aus dem Tal der
Ruinen aussagen wird. Er ist ein dunkler Magier. Ja, Notwen, du
willst etwas anbringen?", unterbrach er sich.
„Eigentlich wollte
ich sie nur fragen, ob sie jemals gelernt haben, dass man Wörter
wie Kronzeuge nicht steigern kann. ´Der wichtigste Kronzeuge´
ist einfach nur der Kronzeuge, da in einer Monarchie der oberste
Herrscher die Krone trägt und daher kann man das Superlativ
getrost…"
„Das ist mir schnurz! Ich will euch den Auftrag
erklären also halt die Klappe! Jedenfalls… Ignotexx Helixx
wird gegen diese Bande aussagen. Dummerweise ist das einzige
weltliche Gut, was der Bande nicht fehlt, eben Geld und dummerweise
ist das wiederum das weltliche Gut, das den meisten anderen fehlt.
Also werden wohl viele Leute mit viel Geld bezahlt werden und ihr
müsst davon ausgehen, dass diese Leute wiederum viele schwere
Waffen besitzen. Ihr müsst unseren Gast von seinem momentanen
Aufenthaltsort zum Gerichtsstandort begleiten. Und das bedeutet viel
Arbeit für euch…", schloss er den Satz.
„Von
Lardikia bis nach Kolun! Weiter geht's nicht oder?", grummelte
Vinyó.
„Ach, du bist also einer von den
´Das-Glas-ist-halb-leer´-Typen?", fragte Yax.
„Was
ist ein ´Das-Glas-ist-halb-leer´-Typ?", wollte
Abanderada, der den Ausdruck nicht kannte wissen.
Notwen erklärte
es ihm.
„Ach so, dann bin ich ein ´Das-Glas-ist-halb-voll´-Typ",
meinte er – Abanderada – schließlich und nicht ganz zu
Unrecht.
„Und du, Chontamenti?", scherzte Yax.
„Bei mir ist das
Glas halb voll...", antwortete dieser. "…mit Gift!", ergänzte Chontamenti, als die
Anderen verwirrt blickten.
„Warum eigentlich nicht nach Konlir? Das
Gefängnis ist doch auch sicher, oder?", wollte la Vaca wissen.
„Da dekorieren die gerade", wandte Notwen ein.
„Sie machen
was?", hinterfragte Gaga.
„Sie modellieren das ganze Ding um",
meinte Vinyó. „Nach ein paar Revolten haben die Wächter
gestreikt und dann immer dieses raus und rein der Moderatoren und
dann fliehen die ganz schlauen mit ihren GZK raus, nur um dann
komplett gebannt zu werden weil sie scheinbar keinen Respekt vor der
Obrigkeit haben. Außerdem ist die Festung in Kolun viel
sicherer, da die jetzt ne Stahltür reingebaut haben, soll
GZK-sicher sein das Ding…Und zu guter letzt wohnt der Richter in
Kolun, angeblich wegen des tollen Klimas. Wenn ihr mich fragt geht
der gern Staubquadrat zocken. Wir sollten uns vielleicht auch GZK
zulegen, das würde uns den Weg sparen…"
„Für neun
Leute GZK einkaufen, das klappt nicht", brachte sich Regley ein.
„Gruppenzauberkugeln wären mal was…"
Sie erreichten nach einem langweiligen Marsch durch Konlir, Nawor und Orewu die Grenze zu Lardikia.
Nun, an
dieser Stelle könnte man die wunderbaren Strände Lardikias
beschreiben, oder das sonnige Klima. Allerdings würde das
höchstwahrscheinlich einen falschen Eindruck dieses Gebietes
vermitteln. Denn Lardikia ist gefährlich. Und diese
Gefährlichkeit wird wohl nur von der Fülle an Touristen
übertroffen. Der Z-TEG von Lardikia liegt bei fünfundsiebzig.
Was? Was der Z-TEG ist? Die „Zauberer-Todesstatistik eines Gebietes", kurz
Z-TEG, gibt an, wie viele Zauberer im Jahr durch die NPC des
jeweiligen Gebietes getötet werden. Lardikia wird nur durch
Delos – den Staubgeistern sei Dank – und von Kuridan – hier
sind es die Schachtelmesserfarne – übertroffen. Bemerkenswert
ist wohl, dass die anderen Rassen bei dieser Rechnung nicht
mitgezählt werden. Dies liegt daran, dass Natla und Taruner
automatisch ausschieden. Eine der beiden Rassen benutzt immer nur
Schutzzauber, tja, und die Natla werden wohl ihre Gründe gehabt
haben.
…
Nun gut,
die dunkle Seite wollte nicht mitspielen, die Kämpfer hatten
Besseres zu tun und die Arbeiter hätten sich immer in Serums
verwandelt um die Statistik zu täuschen. Was dazu führte,
dass am Ende nur die Zauberer statistisch erfasst wurden. Wie immer.
Nun
standen die neun Protagonisten dieser Geschichte in Lardikia und
waren zu Vinyós Freude nur von Zauberern umgeben. Seine Freude
hielt nicht an. Schon auf dem Weg starben die Zauberer zu beiden
Seiten reihenweise an verschiedensten NPC.
Ein
kleiner Sprung in die Gedankengänge der einzelnen
Auftragskiller…
Touristen,
dachte Notwen.
Trottel,
dachte Blanche.
Peinliche
Idioten, dachte Vinyó.
Hunger,
dachte Abanderada.
Ich bin
zutiefst deprimiert, dachte Chontamenti.
Wenn ich
bloß einmal kurz die Drops aufheben könnte, dachte la
Vaca.
Ist ja
super hier, dachte Yax.
Ich weiß
immer noch nicht, warum wir hier sind, dachte Gaga.
Sieht fast
wie in Hinterwaldingen aus, dachte Regley.
So
erreichten sie das Strandhaus, den einzigen friedlichen Ort in
Lardikia. Erstaunlicherweise war es recht leer hier. Yax deutete auf
einen dunklen Magier an der Bar, der damit beschäftigt war,
seine Seelenkugeln im Inventar zu zählen. Notwen ging auf diesen
los und setzte sich neben ihn an die Theke.
„Sie haben einigen
Ärger am Hals, Mr. Sie sollten sich also nicht nur auf unsere
Hilfe verlassen. Also, wollen wir gehen?", begann er ein Gespräch gelangweilt.
Ein anderer Spieler setzte sich neben Notwen und fing an zu reden:
„Ist ihnen bewusst, Notwen, dass die Geldfälscherbande im Tal
der Ruinen einen Jahresumsatz macht, der dem der Markthalle in nichts
nachsteht?"
„Äh, und wer sind sie?", fragte Notwen
verwirrt.
„Gestatten, mein Name ist Ignotexx Helixx", stellte er
sich vor.
„Ich dachte der wäre Ignotexx", meinte Yax, der
sich hinzugesellt hatte und deutete auf den dunklen Magier, der
weiter unbekümmert seine Seelenkugeln zu zählen schien.
„Wieso?", wollte der zweite Magier wissen. „Sehen wir uns
ähnlich?"
Die darauf folgende Stille wurde nur von dem
Seelenkugelmagier unterbrochen wurde, der eine derselbigen in die
Luft hielt und mit einem leisen Plopp verschwand.
„Scheiß
drauf, lass uns gehen", meinte Gaga in seiner jovialen Art.
Sie
befolgten ausnahmsweise seinen Rat. Als sie die Grenze zu Orewu
erreichten, wussten sie noch nicht, dass sie schon längst
beobachtet wurden…
Anstatt auf einigermaßen direkten Wegen durch Orewu, Mentoran, Reikan, durch den Wald des einsamen Baumes, Anatubien, Gobos, über das vergessene Tal, quer durch Buran, Urdanien bis nach Kolun zu gehen, hatten sie den Auftrag bekommen, zugunsten einer weniger gefährlichen, jedoch langwierigeren Route über Mentoran, Kerdis, den See des Friedens, Loranien, Plefnir, Ruward, Terasi, Krato, Dranar, Delos, Sutranien, Urdanien bis nach Kolun zu laufen und daher waren die Grummeleien von Chontamenti zur Ausnahme und zum Erstaunen der Anderen nicht unberechtigt und falls irgendjemand der Personen, die dies hier lesen eine dritte, abwechslungsreiche und in erster Linie mögliche Route zu bieten hat, soll er sie freundlicherweise kundgeben, damit peinlich lange Sätze wie dieser hier in Zukunft vermieden werden können.
Sie
erreichten gerade Mentoran, als Gaga plötzlich stehen blieb und
sich an den Kopf schlug.
„Wir könnten doch einfach
Zauberkugeln benutzen!", rief er den Anderen zu.
Notwen stellte
sein Gehirn und seinen Mund, der im Begriff war zu antworten, auf
„positive Ignoranz" und ging weiter.
Blanche ließ sich dazu
hinreißen die Augen zu verdrehen und Chontamenti rempelte Gaga
im Vorbeistapfen an, was dieser aber nicht mitbekam.
Regley ergab
sich in sein Schicksal und erklärte Gaga zu guter Letzt, dass
diese erstens nur bis Sutranien reichten, dass sie – die
Wandernden – zweitens nicht genügend auf Lager hätten und sie
drittens nicht die Auftragspunkte bekommen würden, wenn sie
Ignotexx nicht gemeinsam in Kolun abliefern würden, da der
Auftrag sonst als unerfüllt galt. Yax indes verstaute sorgfältig
Notizblock und Stift, die er zuvor mühsam herausgekramt hatte um
das bevorstehende achte Weltwunder zu protokollieren, das in Form
von einer – wenn auch späten – Erkenntnis von Seiten Gagas
eintrat.
Die
anderen sieben Weltwunder dürften allgemein bekannt sein: Die
Pyramiden von Kerdis, die hängenden Gärten von Ferdolien,
der Koloss von Gobos, der Leuchtturm von Narubia, die Bibliothek von
Konlir, der Tempel von Delos und das Mausoleum von Ruward.
Da viele
dieser Wunder nicht mehr existieren, entschloss man sich für die
„alternativen sieben Weltwunder", die in einer Abstimmung in
Konlir gewählt wurden.
Diese lauten wie folgt: Die Bank aller
Wesen, im Wald des einsamen Baumes, die Koloaplantagen von Anatubien,
die Festung der dunklen Magier, das Gefängnis von Konlir, die
Wetterkontrollstation in Ferdolien, das Grab von Reikan und die
Falltür in Narubia.
Da man zur Zeit dieser Abstimmung so schön
bei der Sache war, wurden auch noch gleich sieben Naturweltwunder
gewählt.
Auch diese sollten der Welt nicht vorenthalten werden:
Der Vulkan von Anatubien, der einsame Baum im Wald des einsamen
Baumes, die Felsenhöhlen in Hewien, die Oase von Mentoran, die
Strände von Linya, der Fluss in Terasi und die Eiswälder
von Latenia und Wilisien.
Notwen
begann währenddessen in Mentoran mit dem recht stillen Ignotexx
ein Gespräch.
„Sie
wollen also gegen die Geldfälscherbande aussagen?", fragte
Notwen nachdenklich.
„Will
ich das?", fragte Ignotexx ebenso nachdenklich.
„Wollen
sie nicht?", fragte Notwen.
„Keine
Ahnung, sollte ich?"
„Keine
Ahnung, sollten sie?"
„Keine
Ahnung…"
„Es hat
sicher was mit Zivilcourage zu tun…"
„Oh,
unbedingt! Ohne geht so was nicht…"
„Was
meinten ihre Freunde in der Bande dazu, dass sie gegen sie aussagen?"
„Keine
Ahnung…Seit jemand auf sie geschossen hat, sind sie eher still…"
„Mhmmm…"
„Allerdings
hat mir mein Chef geantwortet."
„Wirklich?"
„Sie
zweifeln?"
„Ich bin
Natla."
„Ach
so…ja, er hat mir einen Brief geschrieben."
„Wie
zuvorkommend."
„Er ist
mir nicht zuvorgekommen, ich hätte ihm nie geschrieben."
„Und der
Inhalt?"
„Eine
Bombe."
„Eine
Briefbombe?"
„Nein,
eine Bombe. Hätte ich eine Briefbombe gemeint, hätte ich
dieses Wort verwendet."
„Tatsächlich?"
„Ja, so
etwas tu ich."
„Ich
meinte: Tatsächlich, so etwas tut er?"
„Er?
Mein Chef?"
„Wir
haben über keinen anderen Er gesprochen."
„Manche
reden mich mit Er an."
„Warum
gehen sie davon aus, dass ich das auch tue?"
„Sie
sind Natla."
„Ach so…
Und es gibt also Beweise gegen die Bande?"
„Keine
Ahnung, gibt es die?"
„Keine
Ahnung, gibt es die?"
„Keine
Ahnung… Aber ich sage ja aus."
„Na wenn
das mal reicht!"
„Mit
Sicherheit!"
„Sicherheit
wird selten groß geschrieben…"
„Sicherheit
wird immer groß geschrieben, aber Größe sagt nichts
aus!"
„Größe
sagt etwas aus, aber sie macht nicht etwas aus…"
„Vielleicht
haben sie Recht…"
„Vielleicht
haben sie Recht, so toll sind wir ja auch nicht."
„Wie
meinen?"
„Wir
sind der einzige Begleitschutz."
„Ach, so
ist das?"
„So ist
das.", bestätigte Notwen.
„Ich sehe schon jetzt, dass sie wieder etwas fragen wollen", meinte Ignotexx.
„Das sehen sie?"
„Ja, das sehe ich, also was?"
„Sind sie sicher, dass ihre Aussage ausreichen wird?"
„Sie etwa nicht?"
„Ich bin Natla..."
„Ach so...", sagte Notwen.
So lief dieses Gespräch und es hätten sicherlich noch viele andere gefolgt, wären nicht plötzlich am Horizont mehrere Taruner aufgetaucht.
„Wir
können ihnen nicht entkommen.", diagnostizierte Notwen.
„Einen
weisen Verstand haben die Natla", sprach Regley.
„Und schwul sind
sie…", murmelte Chontamenti. „Ich frage mich, wie hoch die
Wahrscheinlichkeit ist, dass diese Gruppe zufällig hier
vorbeikommt, keine Mordabsichten hegt und uns in Ruhe lässt…"
„Du bist wirklich negativ, weißt du das? Du solltest dein
Testament machen, wenn du schon so schlimm drauf bist.", meinte
Ignotexx zu ihm.
„Ich hab mein Testament mit sieben Jahren
aufgesetzt, nachdem ich mich an einem Bilderbuch geschnitten hab",
antwortete Chontamenti.
„Du bist eine Schande für alle
Depressiven", wandte sich Ignotexx kopfschüttelnd ab.
Die
Taruner hatten sie inzwischen erreicht und der obligatorische
Anführer kam ihnen entgegen.
„Mein Name ist Sedna Kalyke. Ich
bekam den Auftrag, eure Gruppe zu verstärken, damit ihr euren
Kronzeugen nicht verliert…", er deutete auf Ignotexx, „und
zudem bekomme ich Treuepunkte, wenn ich den Auftrag erfülle.",
fügte er an.
„Die bringen nix, damit kannst du dir höchstens
ein Gummiwalross und ne Packung Psychopharmaka kaufen. Und ohne das
Eine kommt das Andere nicht aus, mit sparen wird's dann nichts", erklärte Chontamenti ihm.
„Ich hatte nicht erwartet, dass mir ein Serum meine erzielbaren
sozialen Abgründe aufweisen kann. Kann ich jetzt also
mitkommen?" „Was ist mit dem Rest deiner Truppe?", fragte
Blanche seinen Artgenossen.
„Ach die", meinte Sedna, „die
gehören gar nicht zu mir… sind das nicht Freunde von euch?",
fuhr er fort.
Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „OK,
ich nehme mal an es sind keine Freunde von euch…" und zog eine
feurige Sandaxt hervor. Diese beobachte er kurz, warf sie dann weg
und zog ein Rotsandschwert.
„Hey, so gut bin ich auch nicht. Die
Fälschung dient zur Abschreckung", beantwortete er die
fragenden Blicke.
Die Taruner und Auftragskiller zogen ihre Waffen.
Notwen machte sich allerdings nicht die Mühe, seinen Giftdolch
zu ziehen.
Vinyó stützte sich auf seinen Kristallstab,
machte aber nicht den Eindruck als ob er damit kämpfen konnte,
falls es dazu kommen würde. Yax war ein fantastischer Optimist,
hatte aber zudem auch Anflüge von Realismus, was einigermaßen
paradox war.
So nahm auch er keine Waffe in die Hand. Chontamenti war
ein fantastischer Pessimist, aber kein Realist, was weniger paradox
erscheint und außerdem hing er an seinem Leben und ging mit
einem Serum-Schwert in Angriffsposition.
Ein Taruner ging plötzlich
auf sie zu, was den Rest seiner Truppe zu erstaunen schien. Er sprach
zu ihnen:
„Hi, ich bin Geratheon und eher unfreiwillig hier. Könnte
ich mich euch zumindest für die nächsten Augenblicke
anschließen?" Geratheon trug keine Waffe.
„Du siehst aus,
als wärest du als Natla besser aufgehoben…", meinte Vinyó
zu ihm.
Geratheon stellte sich neben Ignotexx, um den sich die
restlichen Kämpfer gestellt hatten. Sterben war schon peinlich
genug, wenn man mit fast einem Dutzend unterwegs ist, aber dann
seinen Auftrag zu verfehlen, wäre nicht in Frage gekommen.
Damit
im Nachhinein keiner behaupten kann, der Kampf sei nicht ausführlich
genug beschrieben:
Fünfzehn schwer bewaffneten Tarunern standen
die neun Auftragskiller Notwen Caasi, Vinyó Kre, Yaxva Tijet,
Chontamenti, Jiko Gaga, Rico de la Vaca, Abanderada Varuna, Graf
Regley von Hinterwaldingen und Blanche, sowie Ignotexx Helixx, Sedna
Kalyke und Geratheon gegenüber.
Der Kampf war also, noch bevor
er begonnen hatte aussichtslos.
Ohne Vorwarnung, derer es eh nicht
bedurft hätte, griffen die Taruner an.
Notwen trat einem gezielt
vor das Schienbein.
Vinyó beschoss einen
Taruner mit einer
Starre, Blanche und Sedna kämpften Seite an Seite gegen ihre
Artgenossen und hielten die Taruner von Ignotexx fern. Geratheon warf
zaghaft einen Stock in Richtung des Getümmels. Ein feindlicher Taruner
warf ihm und Ignotexx einen bösen Blick zu, worauf wiederum auch
Ignotexx Geratheon einen ebenso bösen Blick schenkte. Der Taruner
rannte auf sie zu und wurde im letzten Moment von Blanche aufgehalten,
der sein weißes Schwert mit einer flüchtigen Bewegung in den Taruner
warf. Dieser zerbröselte rasch zu Staub. Sedna blockte einen Angriff
eines Taruners und sah diesen kurz an. "Du!", zischte der Taruner. "Ach
du meine Güte!", fiel Sedna dazu ein. Er kämpfte schnell an
anderer Stelle fort und der Taruner stand plötzlich Chontamenti
gegenüber, der ihn mit deprimierender Gleichgültigkeit anstarrte.
Chontamenti versuchte es mit der diplomatischen Variante und begann mit
seinem Gegenüber zu sprechen, was diesen kaum erfreute.
Im Nachhinein soll versucht
werden, das darauf folgende Gespräch zu rekonstruieren:
Chontamenti:
„Hallo…"
Taruner:
„…was ist?"
C: „Sie
würden mir eh nicht zuhören…"
T: „Jetzt
mach hin, du bist nicht zum Spaß hier!"
C: „Na
gut…"
T: „Also,
was ist?"
C: „Sie
sollten zur Kenntnis nehmen, dass ich sehr deprimiert bin…"
T: „Und
du solltest zur Kenntnis nehmen, dass du gleich ne Sandaxt im Kopf
hast, wenn du nicht antwortest!"
C: „So,
jetzt…"
T: „WAS
JETZT?"
C: „Nichts
mehr…"
T: „Wieso
nichts mehr? Verdammt, sag mir was du wolltest!"
C: „Ach
ja… genau…"
T: „WAS?"
C: „Ich
habe zu Hause den Herd angelassen…"
T: „Willst
du mich verarschen!"
C: „Diese
Gegend hier ist traurig, oder?"
T: „WIE
BITTE?"
C: „Na
ja, all der Sand, nirgendwo Leben und wenn die Onlo erfahren würden,
dass es hier so weht…"
T: „Äh,
ja, ist nicht die beste Gegend für Immobilien, stimmt schon,
aber könnten wir vielleicht zum THEMA zurückkommen?"
C: „Das
liegt an ihnen…"
T: „WAS
GENAU interessiert dich hier an der Landschaft?"
C: „Das
Nichts, allumfassend, allgegenwärtig und doch für Taruner
unbegreifbar…"
T:
„Himmel, ich wird heut nie fertig!
C: „Ich
sagte ihnen, was sie wissen wollten…"
T: „Das
mit dem HERD???"
C: „Nein,
dass ich zutiefst deprimiert bin…"
T: „…"
C: „Ich
habe doch gesagt, dass sie mir nicht zuhören würden…"
Es sollte
angemerkt werden, dass Pasiphae Lysithea, so der Name des Taruners
zwei Tage später ins Hospital „Konlir-Zentrum" verlegt
wurde, er litt unter einem Nervenzusammenbruch der dritten Kategorie,
wie ihn nur depressive Serums verursachen können. Er befindet
sich auf dem Weg der Besserung. Wie es der Zufall wollte, war er der
Anführer der Söldnertruppe gewesen. Als er unmittelbar nach
Chontamentis Worten zusammengebrochen war und von Yax aus
Friedfertigkeit nach Hause gezaubert wurde, ergriff der Rest der
Gruppe die Flucht.
Drei Taruner waren bei dem Angriff ums Leben
gekommen und durften Lysithea an ihrem Heimatort begrüßen,
ein Taruner stand dank Vinyó starr auf einer Sanddüne und
einer humpelte mit einem verstauchten Schienbein und neun seiner
Artgenossen davon.
Die Reisenden waren mit dem Ergebnis zufrieden,
nur Chontamenti jammerte über die Ignoranz der Taruner.
Die
Antwort von Blanche, er müsse sich entschuldigen, er habe eben
nicht zugehört, war auch kein wahrer Trost.
Sie
erreichten das Länderdreieck Kerdis-Mentoran-Reikan. Sedna
entschied sich dafür, bei der kleinen Truppe zu bleiben.
Geratheon verabschiedete sich.
„Falls mal jemand einen
Diebstahlschutz braucht, meine Tür steht immer offen", hörten
sie ihn noch rufen, bevor er verschwand. „Bescheuerter Typ. War
bestimmt kein Taruner…", grummelte Chontamenti.
„Ich befürchte
den sehen wir noch wieder", grinste Yax. Bei so etwas hatte er meist
Recht.
Sedna und
Ignotexx sahen sich an. „Hi…", meinte Ignotexx.
„Hi…",
meinte auch Sedna.
„Ihr kennt euch nicht zufällig?", war
Notwens angemessene Frage.
„Na ja ´kennen´ wäre
übertrieben", antwortete Sedna. „Genau genommen ist er mein
Bruder…"
-----
„Ach
kommt Leute, so geht's nicht! Du, Erzähler, das ging zu weit!", schritt Notwen ein.
Äh... wieso? Das wollte ich gar nicht schreiben, oder?
„Mir geht das schon lange auf die Nerven. Du kannst doch nicht einfach noch einen hirnlosen Cliff- bzw. Absatzhänger hier reinbauen!", meinte Notwen.
Nein, das ist genial! Genau eine solche Wendung bringt wieder Aufregung in die Geschichte, und außerdem…
„Halt! Ich war noch nicht fertig! Und was bildest du dir ein, solche Namen an Leute zu vergeben! Die Namen! Das ist die Höhe! Erbärmliche Wortspiele sind das! Notwen Caasi zum Beispiel…", wollte Notwen beginnen.
Notwen Caasi stand schon ein halbes Jahr bevor ich hiermit begonnen habe als Natla in allen Geschichten fest! Ich hatte einen Vertrag, eine Abmachung und daran halte ich mich, wenn…
„Blanche! Was Besseres ist dir nicht eingefallen?", fuhr Notwen dazwischen. „Hallo, Blanco, Bianco, irgend so was, aber doch nicht Blanche! Ich war von Anfang an gegen diese Story! ´Auftragskiller´, das ich nicht lache! Und dann die kleine Unschlüssigkeit in Kapitel sechs…"
Also, DAS hab ich umgeschrieben!
„…ja, von einem Haufen unlogischem Mist in einen Haufen nachvollziehbaren Mist…"
Also immerhin!
„…und dann einen Kämpfer RICO de LA Vaca zu nennen? Du hast nicht zufällig einen Vertrag mit einer Schweizer Hustenbonbonfirma? Mehr Beispiele? Pasiphae Lysithea, gerade erst vorgekommen und zusammengegaukelt aus zwei Jupitermonden…"
Moment! Aus zwei wohlüberlegt ausgesuchten Jupitermonden!
„…da liegt es auch nicht fern, jemanden ´Abanderada Varuna´ zu nennen! Und die neunte Rasse, Traipser! Gekonnter Wortwitz!"
Notwen, Ironie steht dir nicht…
„…und der kleine Fehler mit Videm, ebenfalls im sechsten Kapitel, auch umgeschrieben, nicht wahr?"
Das Kapitel hat mich aber auch Nerven gekostet…
„Und der Plan B, der in Kapitel sechs erwähnt wird?"
Ist hier Sprechstunde oder was? Der Plan B ist für später und jetzt hör auf zu fragen!
„Und zu guter Letzt diese merkwürdige Bemerkung in Kapitel fünf!"
Die hat niemand, absolut niemand außer dir bemerkt!
„Trotzdem, ein Schwachsinn war das! Diese olle Kamelle interessiert niemanden, die hättest du dir sparen können…"
Das war praktisch ne B-Seite zum Coward…
„Unwichtig! Die Geschichte war dumm, nicht weniger und vor Allem nicht mehr…"
…Aber
letzten Endes hat sie zu erfolgreichen Ergebnissen geführt,
meinst du nicht? Notwen Caasi, der berühmte Erfinder hätte
halt nicht in die Storyline gepasst. Aber eine Bemerkung war ja wohl
erlaubt! Überhaupt ist es meine Entscheidung was ich hier
schreibe, soll ich's dir beweisen? Also gut:
Notwen
blieb stumm, denn er wusste darauf nichts zu erwidern. Siehst du?
Also weiter in der Geschichte, wo waren wir? Ach ja…
-----
„Dein
Bruder?", fragte Blanche erstaunt seinen Artgenossen.
„Dein
Bruder?", fragte Vinyó erstaunt seinen Artgenossen, da
Notwen auf abgrundtief unerklärliche Weise stumm blieb.
„Ja",
antworteten beide angesprochenen unisono.
„Mann, ist doch
vollkommen schnurz oder? Können wir endlich weitergehen?",
drängelte Chontamenti genervt wie immer.
Die Anderen rührten
sich nicht von der Stelle.
Notwen, der ganz bestimmt, ganz
hundertprozentig sicher nicht wieder irgendwelche unbegründeten
Dummheiten reden würde, kam schließlich zu Wort: „Na
gut… was wollte ich denn? Genau, wieso seit ihr dann bei
verschiedenen Parteien, der Eine beim Bündnis, der Andere bei
der dunklen Zusammenkunft?"
Ignotexx antwortete zurückhaltend:
„Nun, weil er nicht nur Taruner, sondern auch ein halber Zauberer
ist und ich zudem ein halber Taruner bin, kann man nicht genau sagen,
bei welcher Partei wir kämpfen."
„Nicht, dass es irgendetwas
ändern würde…", fügte Sedna an.
„Cool, und wie
geht das dann bei den Türmen ab?", wollte Yax interessiert
wissen.
„Ist doch egal", meinte Sedna. „Die Memme traut sich
nicht einmal in die Nähe von so was… Und bei mir überwiegt
die gute, die Seite der Taruner, ist doch klar, oder?"
„Also",
wehrte sich Ignotexx, „erstens traue ich mich sehr wohl in die Nähe
von Wachtürmen, zweitens kannst du ja wohl kaum die Taruner zur
guten Seite zählen und drittens hatte ich in letzter Zeit weit
mehr um die Ohren als du!"
„Wenn du den Haufen Probleme, in den
du dich manövriert hast so nennen willst…"
Notwen sah sich
genötigt einzugreifen: „Äh…"
…
Noch mal…
Notwen sah sich gezwungen einzugreifen: „Ach ja, äh, genau,
also, wie gesagt, ne? Wie wäre es, wenn ihr erzählen
würdet, warum ihr euch für die verschiedenen Seiten
entschieden habt?"
Sedna fügte sich in sein Schicksal und
begann zu erzählen…
„Na ja,
nach der Ausbildung in Konlir hat man bei mir eine gewisse...
moralische Flexibilität feststellen können. Ich bin weiß
Sotrax kein Misanthrop, genauso genommen auch kein Philanthrop, aber
man könnte sagen, ich leide unter einer Art von… Ataraxie. Ihr
wisst was Ataraxie ist?"
„Seelische Unerschütterlichkeit, nicht wahr?", wusste Blanche einzuwerfen.
„Ganz
genau. Mir können andere Personen ganz bewusst egal sein.
Positive Ignoranz war der offizielle Ausdruck. Also wurde ich der
schwarzen Abteilung ´Selfish and Solemn´ zugeteilt, eine
Elitetruppe der dunklen Zusammenkunft, die halbe Zauberer selten,
aber dafür gerne sehen.
Bei der heiteren Truppe da lernt man den
Umgang mit sämtlichen Armbrüsten, Kaktuspfeilschleudern und
sonstigen fiesen Zaubern. Ich nahm den Namen Kalyke an, schließlich
war es Vorschrift einen alternativen Nachnamen zu wählen. Man
wird meistens dazu ausgebildet, Leute vom Bündnis zu killen. Es
gibt natürlich noch andere Möglichkeiten, zum Bleistift
werden Arbeiter überredet oder gezwungen, zu Serums zu werden.
Da allerdings für die Ewigkeit eine mögliche Rückfälligkeit
zu befürchten ist, wird meist auf erstere Methode
zurückgegriffen. Die Aufgabe der ´Selfish and Solemn´
ist schlicht und einfach, das Bündnis auszurotten.
Da im Grunde
alle Menschen, Onlo und manchmal, obwohl sie vorerst außen vor
standen auch Natla verdächtig waren und alle Verdächtigen
liquidiert werden sollten, kann man wohl sagen, dass ihr es merken
würdet, wenn die Organisation Erfolg hat. Dann wäre das
Land nämlich ziemlich leer. Nicht das es irgendeine Rolle
spielt, wenn man gekillt wird, ersteht man schließlich wieder
auf, aber manchmal wechseln Spieler, wenn sie Sponsoren sind dann die
Rasse und…"
„Ich
denke, das war jetzt Desillusion genug, Sedna. Wir wollen hier eine
vernünftige Geschichte darstellen und brauchen die Worte
´Spieler´, ´Sponsoren´ und ´Auferstehung´
nicht…", unterbrach Notwen und wollte gleich fortfahren:
„Moment,
das wollt ich gar nicht…", doch Sedna fuhr schon fort:
„Jedenfalls war ich in dieser Organisation. Bis zu einem denkwürdigen Tag. Also nicht wirklich denkwürdig, aber ich glaube es war ein Donnerstag. Egal. Ich sollte so einen Zauberer in Konlir umnieten, der einfachste Job der Welt. Ich war also wie geplant in Konlir, die Kaktuspfeilschleuder griffbereit genauso wie die restlichen Utensilien und pünktlich, wie es mir gesagt wurde, taucht der Zauberer auch auf. Und wer war es natürlich? Mein Bruder, die Pfeife…"
„Aber du hast ihn nicht umgebracht, oder?", wollte Regley schockiert wissen.
Sedna sah ihn mitleidig an: „Natürlich hab ich ihn umgebracht, Larafbäumchen. War ja schließlich ein Auftrag. Mir war sowieso klar, dass diese Situation früher oder später passieren würde. Kain und Abel hatten sich ja auch erst prima verstanden. Egal. Ich stand sowieso nur eine kleine Strecke von dem Heimatort der Zauberer entfernt, also dachte ich mir, ich komm mal vorbei um Hallo zu sagen. Sprach es, bzw. dachte es und tat's. Ich weiß nicht warum, aber Igno schien irgendwie verärgert. Ich hab ihm das Geld zurückgegeben, aber unhöflich wie es nun mal seine Art ist, hat er mich angepöbelt, von wegen, dass er jetzt seinen Job verlieren würde, weil er zu spät zur Arbeit komme und so weiter und so weiter. Dasselbe Gejammer, weswegen ich überhaupt erst weit weg von ihm gezogen bin, dröhnte mir wieder in die Ohren. Also, barmherzig, wie ich bin, gab ich ihm den Tipp, dass da so eine Arbeitstelle im Tal der Ruinen frei sei. Etwas zugig, aber dafür gut bezahlt. Offensichtlich hat er das Angebot angenommen…", schloss Sedna seinen Bericht.
Chontamenti
ließ so viel Begeisterung wie für ihn möglich ans
Tageslicht kommen, während Yax begeistert grinste und Blanche
anerkennend lächelte. Auf der Seite des Bündnisses waren la
Vaca, Gaga – sofern er in der Lage dazu war – Regley und Vinyó
entsetzt. Abanderada blickte fröhlich um sich, schien er doch
nichts von der Erzählung wirklich verstanden zu haben.
Notwen
bewahrte seine unergründliche Miene, seine Rasse war in dem
Bericht ja schließlich nicht allzu schlecht weggekommen.
Ignotexx runzelte die Stirn und blieb stumm, wusste er doch, dass es
nicht viel Sinn machte sich zu beschweren, hatte er diese Geschichte
doch schon unzählige Male selber in verschiedensten Varianten
gehört und selbst geschildert.
„Das ist…", begann Notwen,
„…interessant… Aber vielleicht sollten wir auf Chontamentis
Vorschlag eingehen und…"
„Und du, Igno?", unterbrach ihn
Vinyó. „Du bist also zu den Geldfälschern durch deinen
Bruder gelangt. Könnte man nicht also sagen, dass Sedna dich zu
dieser Tat veranlasste bzw. notgedrungen hat und du damit praktisch
unschuldig bist? Als Kronzeuge wirst du zwar ein minderndes Strafmaß
bekommen, aber doch trotzdem zu einer nicht unerheblichen Geldbuße
verurteilt werden, oder?"
„Äh, ja, das ist wohl so…",
antwortete sein Artgenosse.
Sedna mischte sich nun ebenfalls ein:
„Deshalb hab ich den Auftrag auch angenommen, schließlich
arbeite ich regulär bei ´Selfish and Solemn´ und
habe nur gerade Urlaub. Ich bezahle die Strafe, großzügig
wie ich bin…"
Das hatten Ignotexx und der Rest am wenigsten
erwartet.
„Tatsächlich? Aber wo ist der Haken?", wollte er
wissen.
„Es gibt keinen Haken", meinte Sedna.
„Es gibt immer
einen Haken!", sagte Ignotexx.
„Der Haken ist, dass es keinen
Haken gibt…", meinte Sedna genervt.
„Warum ist es dann ein
Haken?", wollte Ignotexx wissen.
Notwen wurde das zu bunt. „Wir
müssen los!", rief er den in ein spirituelles Duell
vertieften Brüdern zu.
So schritten sie von dannen und betraten
die mysteriöse Leere von Kerdis…
Ach ja...
Und wieder hatten sie Wasser vergessen…
