Kapitel
8 – Romulus und Remus
Sedna und
Ignotexx hätte sich wahrscheinlich die ganze Zeit über
gestritten, wären sie nicht zu stolz gewesen und hätten
sich gebührend ignoriert. Doch die Atmosphäre am See des
Friedens war alles andere als friedlich. Nur Chontamenti schien die
plötzlich bedrückte Stimmung zu gefallen, aber das zeigte
er natürlich nicht, sondern beklagte sich stattdessen über
seine akute Arbeitslosigkeit. So erreichten sie auch schon Plefir und
etwas schien plötzlich zu ändern. Auf einmal blieben
nämlich zwei der Gruppe stehen. Es waren – wie nicht anders zu
erwarten – Ignotexx und Sedna.
„Was?
Ist da was?", fragte Notwen ängstlich mit einem Blick in den
dichten Wald um sie herum.
„Wovor hast du Angst? Das uns
Pilzwachteln entführen?", lachte Yax, allerdings ebenfalls
etwas unsicher.
„Pilzwachteln sind sehr brutal. Wahre Monster. Sie
können Feuer speien", fiel Abanderada dazu ein.
„Nee ne?
Kann mir mal einer erklären, wo ihr den herhabt? Mumien, Monster, Mutationen?", meinte
Sedna dazu.
„Woher weißt du das denn?", wollte Regley
erstaunt wissen.
„Ein Freund von mir war einst in Plefir und
erzählte mir davon…", beantwortete Abanderada die Frage.
„Wann war das denn ungefähr?", fragte Regley weiter.
„Äh,
so ungefähr vor achtzehnhundert Neumonden", sagte Abanderada
nach einer kurzen Denkpause.
„Das klingt aber nach viel", meinte
Notwen.
„Was sind Neumonden?", wollte Gaga wissen.
„Das sind
aber fast eineinhalb Jahrhunderte", wandte Blanche ein. „Bist du
sicher, dass du richtig gerechnet hast?"
„Todsicher. Traipser
werden zwischen hundert und fünfhundert Jahre alt.",
antwortete Abanderada.
„Das ist aber ne ganz schöne
Zeitspanne", sagte Regley beeindruckt.
„Moment mal!", fuhr
Sedna dazwischen. „Ihr glaubt den Quatsch doch nicht etwa, oder?"
„Pilzwachteln speien Feuer, so ist es von den Onlo überliefert.
Sie meiden diese Wälder meistens", fuhr Regley fort.
„Na
super, jetzt verlassen wir uns also auf unsere beiden
Provinzkartoffeln. Gerade wo es um Geographie geht, müsstet ihr
es doch besser wissen…", grummelte Chontamenti.
Wie um seine
Worte zu widerlegen, trat plötzlich eine Pilzwachtel aus dem
Unterholz. Gaga ging fröhlich auf sie zu und machte sie um einen
Pilzschirm kürzer. Aus dem Nichts wurde er von einem Brandzauber
getroffen. Während die überraschten Gefährten
vergeblich versuchten, den Geschossen auszuweichen, trat eine –
ohne Übertreibung – gewaltige Feuerwachtel durchs Dickicht.
„Mitkommen", grollte sie.
„Das war eindeutig", bemerkte Yax
trocken.
Sie wurden
durch das halbe Gebiet geführt und landeten schlussendlich in
einer unterirdischen Baumkammer, wo sie in eine adäquate Zelle
geführt wurden. Sie vertrieben sich ihre Zeit damit, zu Pokern
oder aus einem von Regley geschnitzten Schachbrett zu spielen. Nach
wenigen Stunden öffnete sich die Zellentür und ein Taruner
wurde herein geworfen. Chontamenti erkannte in ihm den Taruner, den
er mit einem Gespräch niedergerungen hatte. Auch der Betroffene
bemerkte dies schnell und wich in eine Ecke zurück.
„Nicht
der! Nicht dieser Freud-Verschnitt im Serumskostüm!"
„Sieh
an, sieh an, der großartige Pasiphae Lysithea wagt sich in dies
finstre Gemäuer. Ein Wunder, dass du den Weg gefunden hast…",
sagte Sedna.
„Dein…Bruder?", wollte Notwen wissen. Für
diese Bemerkung erntete er zwei tiefschwarze Blicke.
„Nein!",
riefen sie entsetzt und unisono als auch die Anderen skeptisch
blickten.
„Wir sind … Bekannte", schloss Sedna hilflos. Die
Anderen blieben stumm.
„Muss ich wieder so eine lange Geschichte
ans Tageslicht bringen?", fragte er sie auffordernd. Die Anderen
blieben stumm.
„Ach Narubia und Sotrax noch eins! Dann stell ich
ihn eben vor…", grummelte er.
Er zerrte Lysithea aus der Ecke und
meinte: „So, das ist Pasiphae Lysithea, Auftragskiller und
Konkurrent meinerseits und Angestellter von ´Taunt and Tacit´.
Er arbeitet für dessen Chef, Videm Corume heißt er.
Zufrieden?"
Man könnte
zu Recht behaupten, dass die Anderen nicht zufrieden waren.
„Der
arbeitet für Videm?", wollte Yax skeptisch wissen.
Lysithea
war eindeutig ein Konkurrent von Sedna, denn er antwortete genauso
hochnäsig wie er:
„Du kannst mich auch direkt ansprechen
kleiner Magier. Falls du mich von da unten sehen kannst, zumindest."
„Du kriegst gleich dermaßen einen auf die Fresse!", brüllte
Yax ihn an.
„Ganz ruhig", beschwichtigte ihn Blanche. „Ich bin
sicher, Lysithea sitzt genauso in der Tinte wie wir", meinte er.
„Im Keller meinst du wohl, unwürdiger Artgenosse", sprach
Lysithea.
„Ganz ruhig", beschwichtigte Notwen nun seinerseits den
weißen Taruner, der gerade auffahren wollte und wandte sich im selben Atemzug an Lysithea:
„Du kannst uns doch sicher sagen, warum wir hier drin hocken, nicht
wahr?"
Lysithea grummelte noch etwas, was sich stark nach
„bescheuerter Natla" anhörte und fügte sich dann in
sein Schicksal.
„Also", begann er, „wir sind hier in
Gefangenschaft der Pilzwachteln. Alle fünfundsiebzig Jahre, was
morgen wohl wieder Zeit ist, strömen die Pilzwachteln in Plefir
aus und ziehen eine Schneise der Zerstörung hinter sich her.
Zuvor allerdings müssen sie ein paar Leute opfern. Insgesamt
dreizehn Personen, von jeder Rasse muss jemand vertreten sein",
erklärte Lysithea.
„Tja, wir sind zwölf", bekundete la
Vaca nach rascher Zählung.
„Ich glaube, du hast gerade wieder
das treffende Stichwort gegeben, Rico", murmelte Chontamenti
genervt, als sich die Zellentür ein zweites Mal seit ihrem
Aufenthalt öffnete. Ein Taruner stolperte hinein, den sie alle
wieder erkannten.
„Ihr braucht doch nicht etwa wieder einen
Diebstahlschutz, oder?", wollte der strahlende Geratheon wissen.
„Wieso wieder?", schnauzte Chontamenti ihn an. „Ein zweites Mal
wäre keiner so doof."
„Ah, ich sehe du verhandelst gerne",
lachte Geratheon munter. „Es gibt natürlich etliche
Sonderrabatte dazu!"
„Nee, oder?", kommentierte Vinyó.
„Oh doch! Es gibt sogar Ambigramme zu kaufen!", antwortete der
Taruner, der als Natla besser aufgehoben wäre stolz.
„Wie
schaffst du es, immer so fröhlich zu klingen? Abanderada-Gene?",
fragte Regley, während Gaga sich an einem improvisierten Verkaufsstand ein Paar Arbeitshandschuhe gegen Diebstahl schützen ließ.
„Man muss einfach total von seiner Sache überzeugt
sein!", strahlte Geratheon ihn an.
„Zweifellos", kommentierte
Notwen, „aber jetzt sind wir dreizehn und einfacher hätten wir
es den Wachteln nicht machen können…" „Ach hör mir
auf mit Stephen King!", grinste Geratheon dazwischen, „lies
Douglas Adams! Das ist viel lustiger!"
„Könnten wir BITTE
zur Realität zurückkommen und diese kindische
Schleichwerbung vernachlässigen?", fragte Ignotexx die
Anderen.
In diesem Moment betrat eine Art Oberwachtel, flankiert von
zwei Wachwachteln die Zelle.
Die Oberwachtel deutete auf Blanche, der
in einer Ecke saß und still vor sich hin dachte: „Du da, steh
auf und komm mit"
Blanche grummelte nur und sagte schließlich:
„Geht nicht. Meine Beine sind eingeschlafen."
Die Wachtel verlor
allmählich die Geduld. „Du meinst, sie sind komatös?"
Blanche stand langsam auf. „Und du bist grenzdebil, da passt es
doch wieder", murmelte er, als er die Zelle verließ.
Nach nur
wenigen Minuten betrat Blanche grinsend und von den zwei Wachwachteln
begleitet, die Zelle, in der die Anderen warteten. Notwen hatte
Chontamenti noch nie grinsen sehen und dachte nun, das sei eigentlich
auch gut so gewesen. Ein grinsender Blanche, das wäre wie ein
parteiischer Natla, ein unfreundlicher Moderator oder ein
diebstahlschützender Taruner. Wie auch immer, Notwen befand,
dass es sich um eine ernste Angelegenheit handeln musste.
So ergriff
er das Wort: „Was ist passiert?", fragte er Blanche.
„Wer
kommt als Erstes?", kam die Gegenfrage von Blanche.
„Was?!",
fragte Notwen verwundert.
„Was
kommt als Zweites!", lachte Blanche.
Notwen
verdrehte die Augen.
„Ach,
die Wachteln sind alle ganz nett. Sie wollen uns nur umbringen, aber
jeder hat doch seine kleinen Fehler, oder?", sprach Blanche
schließlich und klopfte Chontamenti auf die Schulter, der ihn
mitleidig ansah.
Die Zellentür öffnete sich
glücklicherweise, sodass die anderen keine Zeit mehr hatten, um
Blanche auszufragen. Die Wachwachteln traten mit noch größerer
Ehrfurcht zurück, als eine Art Oberoberwachtel den Raum betrat.
„Mitkommen", meinte sie nur und verschwand. Sie verließen
die Zelle fröhlich.
Sie wurden nach draußen auf eine
Lichtung geführt.
„Gibt's
hier keine Klimaanlage?", fragte Geratheon.
„Sei
ruhig, dummer Taruner", brüllte die Oberwachtel, die ebenfalls
mitgekommen war.
„Ich bin
nicht dumm, er ist dumm", meinte Geratheon und deutete auf Yax.
„Er ist
dämlich", meinte Yax und deutete auf Vinyó.
„Er ist
debil", meinte Vinyó und deutete auf Gaga.
„Er ist
doof", meinte Gaga und deutete auf Regley.
„Ruhe!",
schrie die Oberoberwachtel und nickte der Oberwachtel zu, die
wiederum den Wachwachteln einen Befehl gab, welche dann auch
unverzüglich damit begannen ein paar Holzscheite
zusammenzusuchen und zu einem improvisierten Haufen aufzubauen.
„Äh",
stotterte Sedna. „Falls das hier so ein IKEA-Impro-Scheiterhaufen
sein soll… Nun ja, dann würde ich erstmal einige richterliche
Bescheinigungen besorgen…"
„Wie
bitte?", fuhr die Oberoberwachtel ihn an.
„Na ja",
sprang Ignotexx ein, „So was muss überprüft werden, wie
eine Baugenehmigung. Besonders in Plefir wird viel Wert auf das
kontrollierte Entzünden von Feuern gelegt."
„Ja",
half Notwen, „Man muss etliche Formulare in Konlir ausfüllen,
ein ziemlicher Stress…"
Nach einer
kurzen Pause fügte er hinzu: „Aber ich könnte das eben
schnell machen, ich habe da Erfahrung, das dauert keine zwei Stunden
und ich bin wieder hier und juristisch ist alles geregelt!"
Die
Oberoberwachtel überlegte kurz und meinte dann: „Nun gut, aber
beeil dich, ohne Natla können wir nicht anfangen…"
„Schon
auf dem Weg", meinte Notwen freudestrahlend und er verschwand in
Richtung Südwesten...
