Kapitel 10 – Protagoras

„Auf einer Skala von eins bis zehn. Wie alt ist Michael Jacksons Freund?", wollte la Vaca wissen.
„Michael Jackson? War das nicht der erste Serum, der zum Arbeiter wurde?", fragte Ignotexx.
„Genau der!", stimmte Regley zu.
„Wegen dem Fall bin ich vor das Freewarverfassungsgericht gezogen", meinte Ignotexx. „Und die Wohnung hab ich heute noch!", fügte er an. Es dauerte einen Moment bis die anderen den Witz verstanden.
„Also dieser dunkle Magier Putin", flüsterte Regley, „der ist für mich kein lupenreiner Demokrat…Dafür ist Freewar viel zu groß…"
Die Anderen nickten.
„Der ist so doof!", stimmte la Vaca zu. „Der fährt mit dem Schatz hinaus auf den See, wirft ihn über Bord und markiert die Stelle am Boot!"
Blanche betrat den Raum, den die Gruppe in Konlir gemietet hatte. Dort saßen, schon auf ihn wartend, Regley, Abanderada, la Vaca, Ignotexx und Chontamenti, Letzterer übel gelaunt.
„Also?", wollte Ignotexx nach einer Pause wissen.
„Tja, wie es aussieht, sind Notwen, Yax, Vinyó und Videm unplanmäßig und dein Bruder und Gaga planmäßig verschwunden. Außerdem…", wollte Blanche fortfahren, wurde aber durch ein Klopfen an der Tür gestört. Gaga stolperte herein und sah sie nur gut gelaunt an. Ein paar Momente lang sprach niemand.
Dann ergriff Chontamenti das Wort: „Hi Gaga…"
„Hi!", erwiderte dieser freudestrahlend. „Ist irgendwas?", fragte er, nachdem die Anderen ihn nur ansahen.
„Ach was, setz dich! Nimm dir 'nen Keks!", meinte Chontamenti. „Du hast nur gerade den Killertrupp von Videm zu unserem Hauptquartier geführt!"
„Du TROTTEL!", brüllte Regley.
„Was? Videm ist doch auf unserer Seite!", sagte Gaga verwirrt.
„Mensch, so hab ich das noch nie gesehen! Meine Güte, Gaga, kognitiv bist du ja wahnsinnig flink! Habt ihr das gehört, Gaga meint, Videm ist auf unserer Seite! Na wenn er das sagt, muss es ja stimmen, nicht?", fragte la Vaca in sarkastischem Unterton. „Meinst du ernsthaft, er wäre auf unserer Seite? Nachdem wir ihm nur Ärger bereitet haben? Wir haben ihm den Prisma-Kristall gestohlen, die Suppe versalzen, ihn kreuz und quer und vor Allem umsonst durch das halbe Land laufen lassen und ihm schlussendlich seinen eigenen Kameraden auf den Hals gejagt! Du kannst doch nicht erwarten, dass wir einander trauen?", wollte Blanche wissen, der bisher eher ruhig geblieben war.
„Du hältst dich wohl für clever, was?", fragte Gaga ihn irritiert.
„Im direkten Vergleich: Sicherlich…"
„Aber warum macht ihr das so kompliziert? Wenn wir wissen, dass er uns reinlegen will und er weiß, dass wir wissen, dass er uns reinlegen will, warum arbeiten wir dann zusammen?"
„Weil wir unsere waghalsigen Pläne sonst nicht finanzieren könnten. Videm ist der einzige, der denkt, er könnte uns reinlegen. Er ist der einzige, der kräftig genug in seinem Ego ertrinkt, um mit uns zusammenzuarbeiten", antwortete Blanche.
„Und warum hat Sedna mich dann umbringen sollen?", maulte Gaga.
„Zur Ablenkung, wie wir dir übrigens erklärt haben. Cygnus sollte denken, alle Verfolger seien abgeschüttelt, dabei laufen die Leute von Videm ihm noch immer hinterher!"
„Funktioniert der Plan nicht auch ohne Cygnus?"
„Lass mich kurz nachdenken…", sagte Regley gespielt. „Nein! Er ist die Schlüsselfigur und leitet alle Transaktionen der Markthalle! Ohne ihn ist alles sinnlos! Trottel…"
„Achsooo…", murmelte Gaga.
„Egal, wir müssen uns wohl eine neue Wohnung suchen", meinte Chontamenti kopfschüttelnd. „Schade, dabei war es hier gerade so deprimierend… Dann können wir ja jetzt vor das Verfassungsgericht ziehen…"

„Ich hab das doch schon oft genug erzählt. Ich sollte diesen Magier entführen, ihn in die Höhle bringen und warten", beteuerte der Serum erneut. „Ende der Geschichte", fügte er an.
„Na gut…du kannst gehen", meinte Notwen und bevor er sich umdrehte war der vermeintliche Entführer verschwunden.
„Um das noch einmal klar zu stellen: Wir sind hier, in Konlir, und Videm ist zur unbekannten Wiese gespült worden? Wisst ihr, wie unwahrscheinlich das ist?", fragte Vinyó.
„Ja, fast so unwahrscheinlich wie ein dummer Zauberer, aber man wird doch immer wieder überrascht, nicht wahr?", entgegnete Yax.
„Was soll das heißen, was soll das heißen?", fuhr Vinyó auf.
„Das soll heißen, dass du deine Intelligenz-Cracker auspacken solltest, weil wir hier mehr als nur einstellige Additionsaufgaben zu bewältigen haben!"
„Sagt die billige Kopie eines Zauberers, deren Oberstübchen vor Jahren kapituliert hat!", entgegnete Vinyó. Der Magier hatte sich gerade eine bissige Antwort zurechtgelegt, als sein gegenüber die Hand hob. „Moment…Hörst du das auch?"
„Wenn du den Zweihundert-Dezibel-Wasserfall neben uns meinst: Ja, du zurückgebliebener…"
„Niemand beschwert sich, dass wir streiten!", unterbrach Vinyó.
Als der Zauberer und der Magier sich umsahen, merkten sie, dass Notwen ebenfalls verschwunden war.
„Na toll, ich weiß genau, wegen wem er verschwunden ist…", kam Yax trockene Stimme nebst des Wasserfalles.

Dragus Try, der Vorsitzende von Selfish and Solemn, blickte auf, als sein Assistent Illyrus Reilly das Büro betrat.
„Was?", fragte er demonstrativ. Er wusste, dass er unfreundlich klingen musste, aber momentan war ihm nicht nach Höflichkeiten. „Äh…wir haben ein kleines Problem mit einem unserer Leute, ich rede von…"
„Ich weiß, von wem sie reden!", unterbrach Dragus. Wie hätte es auch anders sein können?, fügte er in Gedanken hinzu.
„Und was werde ich tun müssen, um zu verhindern, dass ich gezwungen wäre, den Befehl zu geben, Sedna Kalyke terminieren zu lassen, da er gegen etliche unserer Vorschriften verstoßen hat und vor Kurzem verschwand?"
Der Assistent arbeitete sich durch Konjunktiv, Futur und andere grammatische Scheußlichkeiten, bevor er antwortete:
„Sie müssten ein paar Formulare unterschreiben", meinte Reilly schließlich, kurz bevor Dragus:
„Muss ich irgendwelche Formulare unterschreiben?", fragte.
„Keine Ahnung."
„Wieso wissen sie immer was ich sagen möchte, bevor ich es sage?"
„Die Formulare sind in der M-Kategorie."
„Was für Formulare?"
„Ich hab sie schon hier", meinte Reilly.
„Bringen sie sie her", befahl Dragus.
„In Ordnung, ich versuche, in Zukunft nicht in der Zukunft zu wissen, was sie sagen, bevor sie es sagen", beantwortete Reilly und Dragus sparte sich die passende Frage zu dieser Antwort.
„Ach genau, die Formulare", sprach Reilly. „Sie müssten die Formblätter MM-2 und MM-3 ausfüllen…"
„MM-Muss ich?", fragte Dragus säuerlich und unterschrieb die ihm hingelegten Formulare.
„Was sie damit erreicht haben?", wollte Reilly wissen, da Dragus offensichtlich vorgehabt hatte, dies zu fragen.
Verdammt, jetzt beantwortet er auch noch Fragen, die noch nicht einmal ich kenne, dachte Dragus.
„Sie haben verhindert, dass wir gezwungen sind, in äh…moralischen Grauzonen zu agieren", sagte Illyrus Reilly und verschwand.Offensichtlich wollte ich ihn gerade herausschicken, dachte Dragus und machte sich wieder an die Arbeit.

Sedna Kalyke bekam von all diesen Problemen, die er verursachte, nichts mit. Er arbeitete im Nachbarbüro von Cygnus Veracruz und tat, wozu er sich entschlossen hatte. Blanche hatte ihm explizite Anweisungen gegeben, die besagten, dass er Cygnus, notfalls auch mit Gewalt, im Falle eines Scheiterns des Planes, beseitigen musste. Das waren höchst merkwürdige Anweisungen, denn Sedna konnte sich beileibe nicht vorstellen, welche Gefahr von Cygnus ausgehen könnte, wenn ihr Plan misslang. Schließlich würde so oder so niemand Schaden nehmen. Aber er hatte schon merkwürdigere Befehle erhalten, vor Allem von der Person, die gerade MM-2 und MM-3-Formulare unterschrieb, die ihn, unwissentlich natürlich, gefährden würden.
„Cygnus?", rief er in Richtung des Nachbarbüros. Er hörte einen dumpfen Schlag und danach nichts mehr.
Besorgt stand Sedna auf und schlich um die Ecke in das Büro Nummer Zweiundvierzig. Es war leer. Cygnus war verschwunden, wie vorhergesagt. Allerdings eine Woche zu früh, wie nicht vorhergesagt. Fluchend lief Sedna zurück und den Flur hinab. Als er gerade in Treppenhaus gelangen wollte, hörte er mehrere Stimmen und sah von oben etliche schwer bewaffnete Taruner mit einer beinahe unheimlichen Geschwindigkeit hinauf rennen.
Im verlassenen Bürokomplex in Konlir, ohne Waffe und umgeben von unfreundlichen, bildungsfernen Tarunern. Schlimmer hätte es kaum kommen können. Nun gut, Ignotexx könnte hier sein und nerven, dachte Sedna. Plötzlich sah er eine Gestalt am anderen Ende des Ganges entlang schlurfen.
„Chontamenti!", rief Sedna aus. Die Gestalt blickte auf, doch es war nicht Chontamenti, auch wenn er beinahe so aussah.
„Du meinst, du bist arm dran? Du weißt nicht wie das ist, jeden Tag deprimiert zu sein, mit lauter Problemen…", begann der Fremde.
„Ja, ja, in Ordnung. Wer bist du?", wollte Sedna wissen, während er die immer lauter werdenden Schritte von unten hörte.
„Ich habe viele Namen…", begann sein Gegenüber.
„Geschenkt! Wir müssen hier raus, oben gibt es eine Feuerleiter."
„Der obligatorische Fluchtweg. Du hast ja keine Ahnung, wie es ist, von einem Klischee zum nächsten, immer auf der Hut vor…" „Dann los!"
„Es ist auch deprimierend", sagte der Fremde, während sie weiter nach oben liefen, „dass ständig irgendwelche Personen auftauchen, ich kenne ihre Namen nicht, aber sie stören, nerven, irritieren…"
In diesem Moment wurde er von einer anderen Gestalt umgerissen.
„Hey!", sagte Sedna laut und trennte die beiden Namenlosen.
„Es ist wahrlich fantastisch hier zu sein!", rief der zweite Fremde aus und strahlte.
„Bin ich nur von Idioten umgeben? Hat hier keiner einen gewissen Grundintellekt?"
Der deprimierte Fremde blickte von dem fröhlichen Fremden zu Sedna und zurück.
„Das hat nichts mit Intellekt zu tun, im Gegenteil, die Intellektuellen waren schon immer realistisch und wussten, dass das Leben schwierig ist, ein trostloser Ort. Bei mir da oben rattert einiges durch, aber es zu erklären, würde zu lange dauern und außerdem…" „Ich finde ja, es ist wunderbar von ein paar Irren verfolgt zu werden. Ich war einmal auf einer Grillparty, es wurden Steine geworfen, Teppiche gestrickt und Briefpost versendet!"
Sedna, den das Alles auf eine fast unheimliche Art unberührt ließ, lief immer schneller nach oben, doch die beiden Kontrastgestalten folgten ihm bis aufs Dach.
„Wie wäre es, wenn ich hinunter klettere, während ihr hier oben die ankommende Horde aufhaltet?", fragte er.
„Wenn du glaubst, ich wüsste nicht, was du damit bezwecken willst…", begann die Depressionsgestalt.
„Natürlich!", rief die Frohnatur. „Ich hatte noch nie mehr Freude daran, heranrasende Horden, die mich umbringen wollen, aufzuhalten!"
Dieser Satz fiel Sedna durch einen unbeschreiblichen Mangel an Ironie, Zynismus und Sarkasmus auf und er begriff, dass der berühmte Zauberer Darwin dereinst Recht gehabt hatte und die verrücktesten Exemplare der Welt früh ausgelöscht wurden.
Das ungleiche Paar hatte einen gewaltigen Dachschaden und er hatte weder Zeit noch Lust ihn zu reparieren.
Also stieg er die obligatorische Feuerleiter mit einem letzten Blick auf die zwei Fremden hinab und überließ sie ihrem Schicksal.

Yaxva und Vinyó hatten beschlossen, ihren Streit auf später zu verschieben und zuerst nach Notwen und dann nach Videm zu suchen. Sie gingen zunächst westwärts, dann nach Norden. Sie erreichten Ferdolien gerade noch rechtzeitig, um den Jackpot des Kasinos zu begutachten, ihr ganzes Geld zu verspielen und ohne Hab und Gut nach Osten zu reisen.
Ohne einen Anhaltspunkt wäre die Suche zugegeben ziemlich schwer gewesen, aber ohne Geld war sie praktisch unmöglich.
„Wusstest du, was die letzten Worte des Touristenführers in Anatubien waren?", wollte Yax wissen.
„Nein", sagte Vinyó schlicht.
„Für uns besteht keine Gefahr, der Vulkan ist schon vor langer Zeit erloschen", erzählte Yax trotz Allem.
Gegen seinen Willen musste Vinyó grinsen und um sich die Gelegenheit, Yax intellektuell zu besiegen nicht ergehen zu lassen, ließ er sich auf diese offensichtliche Herausforderung ein: „Und was waren die letzten Worte von Dylan Thomas?"
„Was, dem berühmten Zauberer und Dichter?"
„Genau."
„Keine Ahnung…"
„Er sagte: ´Ich hatte gerade siebenundzwanzig Taunektarbier, ich glaube das ist Rekord!´"
„Ach, letzte Worte sind für Menschen, die noch nicht genug gesagt haben…", murmelte Yax.
„Waren das nicht auch letzte Worte?", fragte Vinyó.
„Ach, sei ruhig…", meinte Yax.
„Du musst immer das letzte Wort haben, oder?", wollte Vinyó wissen.
„Nein."
„Doch!"
„Stimmt nicht."
„Wir können es ja mal testen. Ich sag etwas und du bleibst still, in Ordnung?"
„OK…"
Vinyó beäugte ihn misstrauisch. „Also, wir gehen jetzt ins nächstgelegene Gasthaus und fragen nach Notwen."
„Geht klar."
„Siehst du!"
„Was?"
„Ich hab was gesagt und du hattest trotzdem das letzte Wort!"
„Stimmt nicht!"
„Und ob. Sei einfach ruhig!"
„Klar."
„Es hat keinen SINN!", rief Vinyó.
„Falsch", sagte Yax.

Sedna erreichte das vormalige Hauptquartier der Gruppe. Da niemand mehr da war, beschloss er, sich ein wenig umzuhören. Nach Befragung von zwölf Matratzen, siebzehn Menschen und fünf Juristen, erfuhr er, dass die neue Wohnung direkt vor dem Freewarverfassungsgericht lag. Er klopfte und trat ein.
„Auf ein Aktienplus von siebenhundert Prozent!", rief la Vaca laut und alle stimmten zu.
„Auf Squornhöllisch Zeta und die unvergleichlichen Bewohner!", rief Regley. Erneute Zustimmung erklang durch den Raum.
„Auf Humma Kavula und Viltvodl VI!", rief Ignotexx dazwischen.
„Auf Stavromula Beta!", rief Gaga und erhob ein imaginäres Glas.
„Hey!", brüllte Sedna dazwischen. „Könntet ihr mir vielleicht erklären, warum unser neues Hauptquartier, das Ausgangspunkt etlicher krimineller Aktivitäten ist, direkt vor dem Verfassungsgericht steht? Gibt es einen dümmeren Ort auf der Welt?"
„Das ist genial, wir wohnen dem Gesetz direkt vor der Haustür und niemand bemerkt uns.", meinte Blanche.
„Ich habe fünf Minuten gebraucht um euch zu finden! Überhaupt, warum ist Cygnus schon entführt worden, wo sind Yax, Vinyó, Notwen und Videm und warum ist der Himmel blau?", wollte Sedna wissen.
„Eine berechtigte Frage", stimmte Chontamenti aus der Ecke zu, „eigentlich müsste er grau oder schwarz sein. Wie das Leben, düster und außerdem…"
„Mir reicht es!", rief Sedna und er verschwand mit dem Gefühl, das die ganze Welt verrückt geworden war. Oder er allein.

„Ey, das is unscher Tisch, geh wsch!", pöbelte der Arbeiter Vinyó an. Beunruhigt setzten sie sich an einen möglichst weit entfernten Tisch.
„Wer oder was ist das da?", wollte Yax wissen und deutete auf ein merkwürdig gestreiftes Tier in der Ecke.
„Das ist die Hauskawutze, Lola. Ich würde ihr nicht zu nahe kommen, die Küche soll voller Leichen sein, die das versuchten", erklärte ein Onlo vom Nachbartisch. Noch beunruhigter bestellten sie etwas zu essen.
Es hat wenig Sinn über die nächsten Minuten zu berichten, denn es geschah nichts Interessantes in den Augen eines gesunden Menschenverstandes. Doch nach ebenjenen Minuten sah sich Yax von einem wütenden Mob umringt, die mit ihren Waffen klirrten und sie böse anfunkelten, allen voran die Hauskawutze Lola. Vinyó stand etwas außerhalb, wurde nicht angesehen und blieb daher erstmal stumm. Mit einer piepsigen Stimme räusperte sich die Kawutze.
„Halt! Kratzen im Hals muss nicht sein, nimm einen Hustenbonbon!", meinte Yax in fröhlicher Stimme.
Lola begann in einem drohenden Unterton zu sprechen: „Sind wir uns alle einig, dass dieser Fremde den Namen unseres Gebieters missbraucht und ohne Erlaubnis verwendet hat?"
„Wir sind uns einig", kam die Antwort der Menge unisono.
„Hört mal, wir hatten doch ein wunderbares Essen und ich habe nur gesagt: ´Dieser Waldschlurchbraten wäre gut genug für Sotrax gewesen´", meinte Yax unsicher.
„Blasphemie! Er hat sein Verbrechen ein weiteres Mal begangen!", schrie die Kawutze und die Menge klirrte wieder mit ihren Waffen.
„Hey Killerkawutze, bleib mal schön außen vor, du hast hier nichts zu melden. Das ist eine Sache zwischen intelligenten Wesenheiten", entgegnete Yax wütend und Vinyó verdrehte die Augen.
Währenddessen betrat ein gutes Dutzend Wachen den Raum und Vinyó kam nicht umhin, zuzugeben, dass sich die Situation weiter zuspitzte.
„Jetzt beleidigt er auch noch unseres Gebieters oberste Vertreterin! Habt ihr es gehört?", rief ein dunkelhäutiger Taruner hysterisch. „Al Jazeera, du hast erstmal Sendepause!", funkelte Yax ihn an. Noch mehr solcher Fehltritte und ich kann ihn in einem Plastiksack nach Hause nehmen, dachte Vinyó.
„Das knuddelige Monchichi da soll Sotrax oberste Vertreterin sein? Da weiß Sotrax gar nichts von, vermute ich. Er würde sich im Grabe umdrehen…", zeterte Yax weiter an Lola gewandt. Ein kleiner Keil flog aus der Menge und traf Yax am Kopf.
„Was sollte das denn?", brüllte Yax.
„Ich bitte um Einhalt!", rief Lola.
„Kein Grund zur Veranlassung!", meinte Yax. „Wo ist eigentlich euer Problem? Ich hab doch nur Sotrax gesagt, das ist sogar im konservativen Teil von Konlir erlaubt…"
„Wenn du noch einmal Sotrax sagst, dann…", unterbrach Lola ihn und wurde selbst durch einen Sandaxt unterbrochen, die knapp an ihrem Kopf vorbeizischte.
„Tu doch was!", rief Yax zu Vinyó, der sich langsam immer weiter zum Ausgang schlich. „Also, wer hat diese Axt geworfen?", giftete Lola.
Ein Taruner meldete sich zaghaft.
„Und warum?", wollte die Kawutze von ihm wissen.
„Na ja, du hast Sotrax gesagt…", begann der Taruner und wurde sofort von Mob getötet.
„STOPP!", brüllte die verzweifelte Killerkawutze. „Niemand wird hier irgendjemanden töten, bevor ich das Kommando gegeben habe! Selbst wenn, und das sollte euch allen klar sein, selbst wenn die betroffene Person Sotrax gesagt hat…"
Es dauerte keine zwei Sekunden, da wurde sie von der Menge verschluckt.
Inzwischen griffen die Wachen ein und stellten sich der tobenden Menge in den Weg. Sie wurden von ihr absorbiert, getötet und verschlungen. Der Pöbel suchte sich neue Opfer und da Yax und Vinyó reflexartig zur Tür gehechtet waren, konnten sie niemand anderen als sich selbst umbringen.
Kopfschüttelnd liefen der Zauberer und der Magier in den von Menschen kontrollierten Norden von Kuridan.

„Lernst du nie, anzuklopfen?", fragte Blanche kopfschüttelnd, als er von seinem Schreibtisch zu Gaga hochblickte, der ihn erstaunt ansah.
„Entschuldigung", murmelte er, ging zur Tür und klopfte von innen.
„Herein", meinte Blanche trocken.
„Ich hoffe, ich störe nicht?!", fragte Gaga überflüssigerweise.
„Würde das etwas ändern? Wie kann ich helfen?", wollte Blanche wissen.
„Ich mach es kurz!"
„Das wäre nett."
„Ich will eine Gehaltserhöhung!"
„Tatsächlich?"
„Ja! Und wenn du mir keine gestattest, werde ich dich bestechen, um eine zu erhalten!"
„Und du bist ganz allein auf diese einzigartige, gut durchdachte Idee gekommen?", fragte Blanche, der sich zwang, ernst zu bleiben.
„Nun ja, la Vaca hat mir den Tipp gegeben. Er meinte, er hätte es schon ausprobiert und es hätte prima funktioniert! Also, zweihundert Goldmünzen mehr pro Monat, dafür gebe ich dir dreihundert Goldmünzen hier und sofort!"
„Dir fällt echt immer wieder was ein", meinte Blanche kopfschüttelnd. „Es tut mir Leid, dich enttäuschen zu müssen, aber leider glaube ich nicht, dass es allzu passend wäre…"
„Meinst du, ich rede Kleinkram? Vierhundert, hier und sofort!"
„Nein."
„Fünfhundert, wonach klingt das?"
„Nach Kleinkram."
„Fünftausend!"
„Fünftausend? Du veralberst mich!"
„Zehntausend!"
„Ich…", stockte Blanche.
„Haha! Das ist die Summe, ich sehe es in deinen Augen, diese leichte Gier!"
„Nein!"
„Dein Mund sagt nein, aber deine Augen sagen ja!"
„Und meine Schwerthand sagt ´Verschwinde oder ich verliere den letzten Nerv!´"
„Das ist nicht das letzte Mal, das wir gesprochen haben!", meinte Gaga und stapfte hinaus.
„Ich befürchte auch…", murmelte Blanche und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

„Ja?"
„Reilly! Hier antanz…Wie oft soll ich noch sagen, dass sie nicht da sein sollen, bevor ich sie rufe? Das macht mich nervös!"
„Entschuldigung…"
„Was haben Sie?", wollte Dragus wissen.
„Kalyke ist endgültig verschwunden."
„Mehr nicht?"
„Mehr haben wir nicht", meinte Illyrus Reilly zu seinem Arbeitgeber.
„In Ordnung, ich schicke einen Suchtrupp los", meinte er und verschwand.
„Schicken sie einen…Ach verdammt, ich hasse es…", murmelte Dragus.

„Mit viel Pech werden meine Leute einen Suchtrupp losschicken", erklärte Sedna an alle Anwesenden.
„Für diesen Fall müssten wir einen Plan haben…"
„Wir verkleiden dich als Vogel und du kletterst aufs Dach", schlug Gaga vor und erntete einen fiesen Blick.
„Wir verkleiden dich als Maulwurf und du gräbst dich in den Boden", entgegnete Sedna.
„Wir verkleiden dich als Transvestit und du bleibst in diesem Stockwerk", schlug la Vaca vor.
„Sei nicht albern…", begann Sedna.
„Find ich gut", unterbrach Blanche.
„Ich…was??"
„Also abgemacht", grinste Gaga.
„Ihr…nein…unter keinen…"
„Ich fürchte, du hast keine Wahl, sie sind schon da…", sagte la Vaca vom Fenster. Fünf Kämpfer und drei Zauberer schlichen auf die Haustür zu.

Währenddessen erreichten Yax und Vinyó die Grenze zwischen dem vom Bündnis und dem von der dunklen Zusammenkunft kontrollierten Teil von Kuridan.

Der Suchtrupp klopfte und trat ungefragt ein.
„Hallo", winkte la Vaca.
„Wir suchen einen Taruner auf der Flucht namens Sedna, habt ihr ihn gesehen", begann der vordere Zauberer in einem harmlos unschuldigen Ton.
„Nein, die letzten Flüchtlinge, die wir gesehen haben, kamen aus Nordost. Vom Gasthaus. Da soll es ziemlich rund gehen. Aufstände. Viele Tote. Ähnliches", meinte Blanche.
„Und ein Taruner war nicht dabei?", wollte der Zauberer wissen.
„Nein, es waren ungebildete Wesen, wie z.B. Zauberer und Kämpfer", sagte Chontamenti aus einer Ecke in einem ziemlich aggressiven Tonfall.
„Und wer ist das dort, unter der Decke?", wollte ein Kämpfer wissen und deutete auf den zur Tür weg gedrehten und miserabel verkleideten Sedna.
„Das? Das ist…äh…unser Freund Regley", meinte Gaga unsicher.
„Könntet ihr ihn aufwecken? Um sicher zu sein, versteht ihr?", sagte der Zauberer immer noch im harmlosen Tonfall wie zuvor.
„Das ist leider nicht möglich, er mag es gar nicht, geweckt zu werden."
„Ich bitte darum", sagte der Zauberer nachdrücklich.
In diesem Moment betrat Regley den Raum. Blanche verdrehte die Augen, la Vaca trat unsicher von einem Fuß auf den anderen.
„Guten Abend", meinte Regley.
„Hi", sagte Gaga, während la Vaca und Blanche mit ihren Mündern die Worte „Geh" und „Verschwinde" formten.
„Geht selber, ich wohne hier…", meinte Regley und ließ sich in einen Sessel fallen.
„Ignotexx und Abanderada sind noch unterwegs", wandte er sich zum Rest der Gruppe.
„Was meinst du, wenn du sagst du wohnst hier. Wer bist du?", wollte der Zauberer von Regley wissen.
„Wer ich bin? Ich bin Graf…"
„Ähem!", hustete la Vaca von der anderen Seite des Raumes.
„…Diogenes…"
„Wer will Kaffee?", ertönte Gagas Stimme.
„…Aloysius…"
Blanche trat Regley auf den Fuß.
„…Regley von Hinterwaldingen und warum zu Teufel unterbrecht ihr mich andauernd?"
„Wenn du Regley bist…", fing der Kämpfer in scharfem Ton an.
„WENN?"
„…wer ist dann das unter der Decke?"
„Woher soll ich das wissen? Ich wohne zwar hier, aber ich scheine von einem Haufen – entschuldige Blanche, du nicht, zugegeben – Barbaren umgeben zu sein, der tut, was er will", grummelte Regley.
Der Kämpfer riss die Decke hoch. Drunter lag Sedna, noch immer mit dem Rücken zur Gruppe.
Gerade als er sich umdrehen wollte, gab es draußen einen lauten Knall.
„Wir sehen nach, aber irgendwann kommen wir wieder", sagte der Zauberer in drohendem Unterton.
Der Suchtrupp verschwand.
Regley stand auf und blickte aus dem Fenster.
„Das hast du ja prima hingekriegt!", sagte la Vaca sarkastisch. „Danke, dass du so toll mitgespielt hast!"
„Seht mal nach draußen", meinte Regley nur.
Sie taten es. Draußen war, wie man sprichwörtlich sagte, die Hölle los.

Al Jazeera, wie er aufgrund der Tönung seiner Haut von Yax genannt worden war, begutachtete diese Hölle. Der Taruner hatte die Rebellion des Gasthauses ausgeweitet. Der komplette Stadtteil östlich des Blumenladens war bereits unter seiner Kontrolle. Katalysator hierfür war selbstverständlich der Tod der Hauskawutze gewesen.

Wie einfach, dachte er. Wie ein unbedeutender Magier so etwas auslösen konnte, indem er nur Sotrax Namen sagen musste. Ich muss ihm wirklich dankbar sein. Im Süden sah er das Gefängnis brennen. Wirklich Dankbar…, fügte Al Jazeera in Gedanken hinzu.

Yax bekam natürlich nichts von dem Schaden mit, den er angerichtet hatte. Er und Vinyó hatten ihr Ziel offensichtlich erreicht. Sie blickten den Abhang in Kuridan hinunter auf das Haus der Zauberer. Durch das Fenster sahen sie Notwen, der sie aber noch nicht bemerkt hatte. Yax wollte gerade aufstehen, als Vinyó ihn zurückhielt.
„Was?", fragte er Vinyó defensiv.
„Keine Ahnung. Ich glaube nicht, dass er allein dort ist…", meinte dieser.
Tatsächlich sah es so aus, als ob Notwen mit jemandem reden würde, denn obwohl er sie noch nicht gesehen hatte, schien er mit jemandem zu sprechen.
„Vielleicht Videm", schlug Yax vor.
„Wir sollten einen unauffälligeren Weg gehen", meinte Vinyó.
„Und einen schnellen", murmelte Yax. „Wir sind nicht die einzigen, die mit Notwen reden wollen, wie es scheint…"
Eine Truppe von etwa einem Dutzend Magier, Taruner und Serum-Geister ging geradewegs auf das Haus zu. Yax und Vinyó wollten gerade außer Sichtweite um das Haus herumschleichen, als sich die Tür öffnete und Notwen sie hereinwinkte. Yax und Vinyó wechselten Blicke, sagten aber nichts. Sie entschlossen sich stumm zu warten. Nach ein paar Minuten bemerkte Vinyó: „Vielleicht sollte ich eine Nachricht an den Rest schicken…"
„Ganz tolle Idee, Dr. Kre. Und wie wollen wir das anstellen?"
Als Antwort holte Vinyó einen zerzausten, aber zweifellos munteren Feuervogel aus seiner Tasche. Yax starrte ihn nur an.
„Was?", verteidigte sich der Zauberer. „Ich dachte, nach all den Kommunikationsproblemen wäre es ganz gut…"

Die Nachricht erreichte die restlichen Auftragskiller, als sie gerade dabei waren, ihr Hauptquartier zu verbarrikadieren.
„Da kommt niemand mehr durch!", stellte la Vaca zufrieden fest, als durch eines der kaputten Fenster ein Feuervogel herein flog. „Wie ist er hier hereingekommen?", wollte Gaga entsetzt wissen.
„Na wie wohl?", fragte Regley zurück, der die unbeholfenen Aktionen beobachtet hatte.
„Du kannst auch bei einem Haus alle Fenster einschmeißen und danach verkünden, dass du jetzt alle Mücken herausjagen willst…"
„Egal, die Nachricht", drängte Ignotexx, der zusammen mit Abanderada vor kurzem leicht verdreckt, aber gerade noch wohlbehalten die sichere Wohnung betreten hatte. Zusammen mit Blanche, la Vaca, Regley, Gaga, Chontamenti und Sedna harrten sie seither dort aus.
Regley las den telegrammartigen Brief laut vor:

„Liebe Mitstreiter im Kampf gegen die Vernunft Stopp Ich und Yax befinden uns momentan vor dem Haus der Zauberer in Kuridan Stopp Unser spezieller Freund und Notwen befinden sich offensichtlich ebenfalls dort Stopp Killer sind ebenfalls da Stopp Wir beobachten weiter Stopp Beeilt euch und kommt her Stopp PS: Vergesst nie, wo eure Handtücher sind Ende."

„Und nun?", fragte Gaga.
„Nun gehen wir nach Kuridan", beschloss Blanche.

Draußen vor dem Gerichtshof war es menschenleer. Trümmer und Brände waren die einzigen Dinge, die die Revolution überlebt hatten. Die Gruppe der Acht überquerte den Platz und stieß an dessen Ende auf ein gutes Dutzend Soldaten der Stadtwache.
„Ganz ruhig", beschwichtigte Regley die Gruppe, die ausschließlich aus Kämpfern bestand.
„Was ist hier passiert?", wandte sich Sedna an die Wachen, die die Mitglieder der dunklen Zusammenkunft argwöhnisch beäugte.
„Im Gasthaus in Torihn kam es zu einer kleinen Prügelei. So ein Magier hat angeblich ´religiöse Gefühle´ verletzt und den ´öffentlichen Frieden gestört´. Er ist seitdem spurlos verschwunden. Danach hat so ein dunkelhäutiger Taruner den wütenden Mob auf Konlir losgelassen. Eigentlich hätten wir das schnell in den Griff bekommen müssen, aber plötzlich hat sich halb Konlir der Revolution angeschlossen. Der Präsident von Konlir, Wolfronald Merkohl ist auf der Flucht. Wir sind hier praktisch von Revolutionären umzingelt…"
„Wie hieß der Magier?", fragte Regley hastig, obwohl er die Antwort bereits zu wissen vermutete.
„Keine Ahnung, ich glaube Yux oder so. Er ist mit einem Zauberer zusammen nach Osten geflohen, so heißt es. Ich an seiner Stelle würde mich nicht mehr so schnell blicken lassen. Wenn ich den in die Finger bekomme…"
Die Stimme des Kämpfers verlor sich in einem Murmeln. Sie bedankten sich und zogen weiter nach Osten.

„Es ist Alles bereit!"
„Reilly, ist alles für die Evaku…ach, schon gut…"
„Ja, wir brechen jetzt auf", erklärte Reilly. „Natürlich, sie geben die Befehle, ich vergaß…"
„Ich gebe hier die Befehle! Also, alle raus!"
Dragus Try und Illyrus Reilly beobachteten, wie die letzte Abteilung von Selfish and Solemn das Hauptquartier verließ. Sie folgten dem Zug und zogen nach Norden, um ihr Ersatzhauptquartier, ihr Sub-Hauptquartier, wie Dragus es nannte, zu besetzen. Dragus warf noch einen traurigen Blick auf das unter ihnen brennende Konlir und trottete hinter seinem teilweise schwer bewaffneten Trupp her, der die Grenze zu Ferdolien passierte.

„Na los, verbrennt das Haus! Macht euch selbst zu Mördern ihr Feiglinge!", brüllte Alpha Proxima zu den selbsternannten Revolutionären, die dabei waren, sein Haus anzuzünden. Sie stoppten.
„Dann geh raus", schlug ein Taruner nach einer knappen Minute Stille vor.
„Nein", meinte Alpha schlicht.
„Ich hab keine Zeit für solche Albernheiten. Raus oder brennen", erklärte der Taruner.
„Brennen", antwortete Alpha. Der Taruner verdrehte die Augen.
„Irgendwann kommst du eh raus…", grummelte er und wartete ab.
Durch die Hintertür betrat ein zweiter, komplett in Schwarz gekleideter Taruner das Haus.
„Alpha?", fragte er.
„Noir. Schön dich zu sehen. Kann ich dir was anbieten?", fragte Alpha sarkastisch zurück.
„Nein danke. Hast du gerade viel zu tun? Ich muss mit dir reden."
„Ob ich gerade viel zu tun habe? Ob ich gerade VIEL ZU TUN HABE?? Der komische Taruner möchte mein Haus abbrennen und…"
„Es ist dringend. Ich muss dringend mit dir reden."
„In Ordnung. Rede."
„Und etwas trinken. Wir müssen reden und trinken."
„Hast du zugehört? Er möchte mein Haus verbrennen!"
„Kann er doch auch ohne dich, oder?"
„Was? Ich will das aber nicht! Ich hänge etwas an meinem Haus, verstehst du?"
„Ja, ja, wir finden eine Lösung…", beschwichtigte der Taruner Alpha. Er trat nach draußen zu seinem Artgenossen. „Entschuldigung", meinte er. „Sie wollen hier also das Haus beschädigen?"
„Das habe ich vor", stimmte der andere Taruner zu.
„Und sie können es nicht, weil sich mein Freund Alpha noch darin befindet?"
„Richtig."
„Und sie würden, solange er sich dort drin befindet, nichts unternehmen?"
„Richtig, aber…"
„Gehen wir einmal davon aus, dass er sich nicht da drin befindet."
„Ja, aber…"
„Da er theoretisch den ganzen Tag dort drin verbringen würde und sie sich dann damit abgefunden hätten, könnte er doch auch kurz einmal Luft schnappen…"
„Was..."
„Dann würden sie das Haus doch trotzdem nicht abreißen, da er ja in der Theorie dort drin ist, oder?"
„Ich schätze, das würde ich nicht tun…"
„Na also! Alpha, du kannst rauskommen…"
Alpha trat nach draußen und begutachtete den Taruner und seine Leute argwöhnisch.
„Dieser Herr", meinte Alpha Proximas Freund Mr. Noir und deutete auf den anderen Taruner, „hat sich soeben bereit erklärt, dein Haus nicht abzubrennen, da du ja eigentlich drin bist."
„Ich…was…", begann der Taruner, doch Noir unterbrach ihn: „Sie verstehen sicher, dass sie sich nun dort hineinbegeben müssen…"
„WAS?"
„Nun, sonst würde sie doch nichts davon abhalten, einfach ihr Wort zu brechen, nicht wahr?"
„Verstehe…"
Alpha Proxima und Mr. Noir begaben sich in das nächstgelegene Cafe, das den sympathischen Namen „Simplicissimus" trug. „Können wir ihm trauen?", fragte der leicht mitgenommen aussehende Alpha.
„Ich würde ihm bis an das Ende von Konlir trauen", beruhigte Noir ihn.
„Und wie lang ist das noch weg?", hakte Alpha nach.
„Etwa fünf Minuten", antwortete Noir unbekümmert. „Barkeeper. Beeilen sie sich, Konlir geht gleich unter…"
Der Barmann schlurfte kopfschüttelnd weg. Von draußen hörte man das bedrohliche Knistern von Flammen.
„Heilige…Sie haben doch nicht etwa…?", vermutete Alpha.
„Keine Sorge, es hat noch nicht begonnen", beschwichtigte ihn Noir. Alpha beruhigte sich.
„Das ist wahrscheinlich nur dein Haus, das gerade verbrannt wird…"
„WAS?"
„Das ist doch jetzt eh egal", sprach Noir. „Die Welt geht gleich unter…"
Er gab dem Barkeeper, der gerade die Getränke brachte, einen Beutel mit zweihundert Goldmünzen.
Der Wirt starrte ihn an. Erst hatte er sich nur über die Bestatterähnliche Bekleidung des Taruners amüsiert. Inzwischen war er immer unsicherer, ob die schwarze Gestalt Absicht war, oder nicht.
„Ist das ihr ernst? Die Welt geht gleich unter?", vergewisserte er sich.
„Ach was, nein…", murmelte Noir.
„Ein Glück!", stieß der Kellner aus.
„Nur Konlir", fügte der Taruner an.
„Aber…Man hat uns beigebracht, Papptüten über den Kopf zu ziehen und sich unter Türrahmen zu verstecken…"
„Klar, können sie machen", riet Noir und trank aus.
„Hilft es?"
„Nein", gab er zu und drückte Alpha eine Zauberkugel in die Hand. Sie verschwanden.
Darauf folgte eine unheimliche Stille.
Darauf folgte ein unheimlicher Krach.
Darauf folgte eine unheimliche Stille.

„Was zum Teufel…?", rief la Vaca aus.
„Ich glaube er mag rot sehr gern…", brabbelte Gaga vor sich hin. Sie standen südlich vom Wasserfall und beobachteten das Spektakel im Westen. Die komplette Innenstadt von Konlir schien zerstört.
„Meine Güte, das muss ja eine verdammt dicke Sumpfgasbombe gewesen sein…", meinte Regley.
„Ey pass doch auf!", rief er, als ein schwarz gekleideter Taruner und ein Serum an ihm vorbeirempelten.
„'Tschuldigung!", rief der Serum, wurde jedoch sofort von dem Taruner weiter gezogen.
„Mann, Alpha, wir haben keine Zeit für so etwas!"
„Komische Kerle", murmelte Blanche. Von Westen kamen jetzt lauter Flüchtende gerannt.
„Entschuldigung? Könnte ich sie an diesem wunderbaren Tag stören?", fragte ein ziemlich glücklich aussehender Fremder an Sedna gewandt.
„Oh. Hey! Ich kenn dich doch!", meinte die Gestalt.
„Was…Oh nein…", sagte Sedna.
„Hey Deprea!"
Eine traurig gebeugte Gestalt trottete heran. „Ich glaube nicht, dass das, was du zu sagen hast mich aufheitern könnte…"
„Wir kennen den Kerl doch! Das ist der nette Angestellte aus dem Hochhaus!"
„Du kennst den?", wollte Regley von Sedna wissen.
„Flüchtig…"
„Flüchtig! Was für ein geniales Wortspiel! Ich hab mich noch gar nicht vorgestellt, ich bin Euphrosyne und das ist Deprea Vandamál", sprach die Frohnatur und deutete auf den deprimiert wirkenden Fremden neben ihm.
„Am Besten nur Deprea", fügte Euphrosyne an.
„Ich habe viele Namen, doch niemand will sie sich…", begann Deprea.
„Geschenkt!", unterbrach Sedna.
„Ich bin ein dunkler Magier und…"
„Das sehe ich", unterbrach Ignotexx trocken und deutete auf Euphrosyne: „Er auch"
„Nein", widersprach Deprea. „Er ist ein heller Magier. Ein komischer komplett kosmisch kontagiös kranker Koinzident, nicht wahr? Ich mag sie nicht, sie sind zu optimistisch. Es mangelt ihnen an Realität, sie sind so…"
„Ach, das meint er nicht so", strahlte Euphrosyne, „In Wirklichkeit sind wir die besten Freunde!"
„Freu dich alleine weiter, bemitleidenswerter…"
„Ich will nicht unhöflich sein", unterbrach Sedna in einem Tonfall, der nichts Anderes als Unhöflichkeit androhte. „Aber wie um alles in der Welt seid ihr da wieder raus gekommen?"
„Tja, nachdem du uns zurückgelassen hast…"
Sedna zuckte leicht zusammen.
„…Kamen ja diese komischen Kerle, nech?"
„Ja…"
„Nun, sie fragten: ´Wer seid ihr?´ und ich antwortete nur: ´Freunde von dem Typen, den ihr jagt´. Irgendwie schien sie das nicht aufzumuntern. Es sah schon fast so aus, als ob sie mich angreifen wollten. Herrlich, nicht wahr? Doch dann hat Deprea hier…", Euphrosyne deutete auf die traurige Gestalt, „…angefangen, mit den Killern zu reden. Er sagte ´Findet ihr es nicht auch seltsam, von einem Auftrag zum nächsten zu stürmen, ständig nur Leid und Tod über die Welt zu tragen und niemals so etwas wie Reue zu verspüren? Mir könnt ihr ruhig das Leben nehmen. Erzählt mir bloß nichts vom Leben…´"
„Und was haben die Killer gemacht?", fragte Ignotexx an Euphrosyne gewandt.
„Sie begingen Selbstmord…Tja, ich schätze, Deprea ist der einzige, der einem Esel alle vier Beine wegdiskutieren kann…"
„Aber ich bin die Einzige, die ihn danach noch zu einem Wettrennen auffordern kann…", kam eine eingebildete Stimme aus dem Nichts hinter ihnen. Eine Onlo stand da und blickte ziemlich herablassend auf die Gruppe.
„Äh, Entschuldigung, wenn ich ein Problem mit meinen Ohren habe, aber hast du dich vorgestellt?", fragte Blanche ebenso herablassend zurück.
„Fenchurch Zacatecas", sagte die Onlo nur.
La Vaca brach in Lachen aus.
„WAS?"
„Ich sagte: Fenchurch Zacatecas."
„Was ist denn das für ein bescheuerter Name?"
„Was hast du gefragt…?", fragte die Onlo in bedrohlichem Ton.
La Vaca, dem sein eigener bescheuerter Name einfiel, brachte plötzlich ein ernstes Gesicht zustande.
„Dacht ich's mir doch…"
„Tja, wir müssen jetzt weiter…", sagte Blanche und winkte den Anderen, ihm zu folgen.
„Ich gehe mit", meinte Fenchurch nur.
„Nein!", rief la Vaca.
„Können wir auch mitgehen?", fragte Euphrosyne höflich.
„Nein!", rief Sedna.
„In Ordnung", meinte Blanche.
„Was?", riefen la Vaca und Sedna unisono.
„Ich sagte: In Ordnung. Sollen sie ruhig mitkommen. Wenn Vinyó Recht hat, wartet ein ganzer Trupp Killer auf uns, dann können wir Unterstützung gebrauchen."
„Unterstützung? Doch nicht von Flowerpower und den Blues Brothers da!", grummelte Chontamenti.
„Was ist los?", fuhr Fenchurch auf.
„Alles, was nicht angebunden ist…", kam Depreas Stimme von scheinbar nirgendwo her.
„Oh, sehr witzig…"
„Wir müssen los…", meinte Blanche, sichtlich erschöpft von der Debatte.
„Und wer bist du? Sicher irgend so ein Idiot, dessen langweilige Vorträge nur von seiner Vergesslichkeit unterbrochen werden, oder?"
„Und du hältst dich wohl für schlauer als Andere, oder?", höhnte Regley.
„Ich halte mich nicht für besser als Andere, allerdings ist es leider so, dass ich, statistisch gesehen, tatsächlich besser bin."
„Statistisch gesehen gibt es im Vatikan auch pro Quadratkilometer zwei Päpste!"
„Sei ruhig, oder du wünschst dir, du wärst es gewesen!"
„Los. Wir müssen los…", murmelte Blanche nur und gestikulierte in Richtung Terbat. „Wir können uns auf dem Weg vorstellen. Yax und Vinyó haben bestimmt bald keine Lust mehr zu warten."

Al Jazeera hatte die von ihm verursachte Detonation in Konlir genauestens beobachtet. Anarchie, dachte er, ist der Schlüssel zur Welt. Jetzt muss ich nur noch die Tür finden, merkte eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf an. Er hatte schon eine Ahnung, wo diese Tür zu finden war. Er folgte der Truppe, die gerade Terbat betrat unauffällig.

„Terbat, würde ich sagen", meinte Reilly.
„Wohin sollten wir deiner Meinung nach hingehen? Ach so, natürlich. Also, wir ziehen nach Süden, Richtung Terbat", wandte sich Dragus Try an seine versammelte Mannschaft.
Er, Reilly und ein paar bis an die Zähne bewaffnete Kämpfer – und das war wörtlich zu verstehen, da etliche unter ihnen über messerscharfe Beißgeräte verfügten – hatten das sichere Sub-Hauptquartier verlassen und waren nach Torihn gezogen, um Sedna zu suchen.
„In Ordnung, dann können wir starten…", begann Reilly.
„Haha!", stieß Dragus ohne Vorwarnung aus.
„Was?", fragte Reilly ihn.
„Ich wollte ´Dann los!´ sagen und nicht ´Dann können wir starten´! Du hast es nicht bemerkt!"
„Oh…verdammt…"
„Gibt es irgendwelche Neuigkeiten von unseren Spähern?"
„Nun, einer der Späher unserer Späher, meinte kurz etwas durch das Spelz erspäht zu haben, aber in Wirklichkeit war es nur ein anderer Späher, einer unserer Späher, wohlgemerkt und nun ist es zu spät zum Spähen…"
„Nun, in Ordnung. Dann ziehen wir ohne Späher weiter. Es war eh alles nur Spekulation. Unser Ex-Killer in Spe wird sich nicht im Spelz verstecken. Ich meine Sedna", fügte Dragus an, als er Reillys fragenden Blick sah.
„Oh…ach so…"

„Wo bleiben die?"
„Ich habe keine Ahnung."
„Was machen die da drin?"
„Ich habe keine Ahnung."
„Wirst du jemals ein wenig anders antworten?"
„Ich habe…"
„Schon gut", unterbrach Yax maulend. „Ich geh jetzt rein, hältst du das für eine gute…Ach, vergiss es…"
Der Magier stand auf und schlich langsam in Richtung des Hauses.
„Nein, warte!", zischte Vinyó hinter ihm her.
„Du weißt doch", zischte Yax zurück, „die einzige Sache, der ich nicht widerstehen kann ist die Versuchung!"
„Yaxva! Die Anderen sind gleich da!"
„Woher willst du das wissen?"
„Ich…" Vinyó überlegte kurz. „OK, dann sehen wir eben nach…"
Gemeinsam liefen sie geduckt zur Hintertür des Hauses.

„Stehen bleiben!", sagte Blanche leise, als er an einem tiefschwarzen Felsblock vorbeispähte.
„Ich habe schon Anweisungen von wichtigeren Personen als dir ignoriert!", meinte Fenchurch.
„Da vorne steht irgendjemand", fuhr Blanche unbeirrt fort. Dieser Bekanntgabe folgte ein durcheinander gemischtes Fluchen, Ratschläge geben, Verzweifeln und Kopfschütteln. Nur der Leser wird hier in der Lage sein, alles herauszufiltern.
„Deprimierend. In dieser Gegend wollte ich eigentlich nicht sterben, aber…", seufzte Deprea.
„Lass sie uns begrüßen!", unterbrach Euphrosyne.
„Was? Was hat er gesagt?", erkundigte sich Gaga verwirrt bei seinem Nachbarn.
„„Wir laufen auf sie zu und schreien laut ´Buh!´", schlug la Vaca vor.
„Hoffentlich sind sie auf unserer Seite", murmelte Ignotexx.
„Wir sind tot", resignierte Chontamenti.
„Meint ihr, hier gibt es Feuerwölfe?", erkundigte sich Abanderada.
„Das friedlichste Gebiet der Welt nennen sie das hier? Hier wird gemordet wie sonst nirgends!", entrüstete sich Regley.
„Das ist mir so was von egal", meinte Sedna kopfschüttelnd.
„Na und? Wir sind ein Dutzend und bewaffnet. Die können uns nichts", erklärte Fenchurch.
Blanche gestikulierte wild in ihre Richtung um sie zum Schweigen zu bringen, doch nach einer knappen Minute schlich ein Serum um den Felsblock, hinter den sie sich versteckt hatten.
„Hi!"
„Hi…", murmelte Blanche, der sich der peinlichen Lage bewusst war. Ein offensichtlich harmloser Serum brachten eine an heikle Situationen gewöhnte Gruppe dazu, sich wie die Kaninchen zu verstecken. Der Serum ignorierte dies dezent.
„Wie seid ihr hier ohne Waffen hereingekommen?", erkundigte er sich.
„Äh…", machte jemand vom hinteren Ende der Reihe.
„Flowerpower hat den Wiesengeist bestochen", hörten sie Chontamentis Stimme.
„Bestechung ist ein gemeines Wort", verteidigte sich Fenchurch. „Ich bevorzuge Beschenkung. Ich war der Meinung, wir könnten die Waffen noch brauchen…"
„Oh ja", erklang Regley. „Da wir ja auch bisher immer ein friedliches Leben genossen haben, wenn wir mit Schwertern und anderen Mordgeräten umhergetrottet sind!"
„Ohne würden wir wahrscheinlich gar kein Leben genießen", gab Sedna zu bedenken.
„Guter Punkt.", stimmte Blanche zu.
„Mir wäre das vielleicht sogar lieber, doch auf mich…", begann Deprea kläglich.
„In deinem Fall wäre es uns auch lieber", wurde er von Chontamenti unterbrochen.
„Müsstet ihr nicht auf derselben Seite stehen?", erkundigte sich Regley bei Chontamenti.
„Nein", erklärte dieser kurz angebunden. „Er beschwert sich über das Leben und ich beschwere mich über alle Anderen. Auch über dich", fügte er an. „Dich kann ich auch nicht leiden…"
Der Serum, der die Konversation erstaunt verfolgt hatte, beschloss, dass es an der Zeit war sich vorzustellen.
„Alpha Proxima, mein Name. Und das dahinten ist Noir."
Er deutete auf den schwarzen Felsblock, hinter dem sie sich alle versteckt hatten. Blanche kniff die Augen zusammen.
„Tatsache, da steht einer", rief Regley erstaunt.
„Ich bin Mr. Noir", stellte sich der schwarz gekleidete Taruner vor.
„Ein ganz schöner Kontrast", bemerkte Sedna leise, als er von Blanche zu Noir hin und her blickte.
„Wir sind auf dem Weg nach Kuridan", erklärte Noir. „Dort wollen…"
„Sind wir?", unterbrach Alpha.
„Was?"
„Sind wir auf dem Weg nach Kuridan?", vergewisserte sich Alpha.
„Ja, sind wir. Dort treffen wir uns mit jemandem, Tattel oder so war sein Name."
„Nun, offensichtlich sind wir auch auf dem Weg nach Kuridan", bekannte Regley.
„Dann werden wir offensichtlich mit euch gehen."
„Werdet ihr?", fragte Blanche.
„Werden wir."
„Ich freue mich über jede Gesellschaft!", strahlte Euphrosyne.
„Ignorieren", riet Deprea. „Einfach ignorieren…"
„Wer bist du?", wandte sich Noir an ihn.
„Ich weiß nicht wirklich, wer ich bin. Aber wenn ich es herausfinde, wirst du der erste sein, der es erfährt…"
„Und du?", drehte sich Noir nun zu Sedna. Es schien, als würde er willkürlich die für ihn nennenswerten Personen ansprechen.
„Ich bin Sedna Kalyke. Von Selfish and Solemn."
„Was machst du da?"
„Ich operiere automatisch. Ich kaufe was zu essen, binde mir die Schnürsenkel, töte meine Feinde…"
Noir schien sich von diesem Zynismus nicht aus der Ruhe zu bringen. Er sah Ignotexx an.
„Und du?"
„Ich bin Ignotexx. Ich bin Pazifist", fügte er mit einem Blick zu Sedna an.
„Ja, er würde für einen Friedensnobelpreis töten", witzelte la Vaca.
Blanche schien schlecht gelaunt, weil Noir ihn seit der kurzen Debatte schlicht zu ignorieren schien.
„Was ist los?", fragte Regley ihn. „Du siehst aus, als müsstest du dich gerade mit deiner inneren Nichtschäbigkeit verbinden, um nicht auf den Typen da loszugehen…"
„Alles OK", meinte Blanche nur. „Lass uns weitergehen."

Yax und Vinyó spähten durch die halb geöffnete Tür. An einem Tisch saßen offensichtlich vier Personen, die sie kannten, sowie ein halbes Dutzend wichtig aussehende Taruner, Serums und dunkle Magier. Es war die mit Abstand merkwürdigste Runde, die sie je gesehen hatten.
„Also, ich schätze die Karten wurden verteilt", erklärte der dunkle Magier Videm Corume in sachlichem Ton.
„Und du scheinst nicht das beste Blatt zu haben", sagte der Natla Notwen Caasi leise.
„Eigentlich hast du gar keine Trümpfe mehr…", stellte ein Taruner, den Yax und Vinyó als Pasiphae Lysithea erkannten fest.
„Stimmt", gab der Zauberer Cygnus Veracruz zu. Darauf folgte die ohrenbetäubendste Stille, die sie je gehört hatten.
„Ich passe", sagte Cygnus schließlich.
„Ich erhöhe um zweihundert", verkündete Notwen, der nun mit Pasiphae und Videm als einziger noch im Spiel war.
„Ich gehe mit", sagte Videm schlicht.
„Hm", machte Pasiphae. „Na gut, ich auch, was soll's?"
„Mal sehen, was habt ihr?", fragte Notwen.
„Drei Könige", gluckste Videm.
„Full House!", rief Notwen aus. „Damit habe ich wohl gewonnen, es sei denn…Pasiphae, was hast du?"
„Zwei Paare…", murmelte dieser.
„Was, nur zwei Paare? Und damit bist du mitgegangen?"
„Ja, nur zwei Paare. Zwei Paare Neunen…War sowieso ne doofe Idee, hast Recht", murmelte Pasiphae.
Die Anderen Starrten ihn an.
„Was?", fragte Lysithea verlangend.
„Nichts, nichts", grinste Notwen und kassierte seinen Gewinn.
Neben sich hörte Vinyó den Magier, der sich offensichtlich weiter nach vorn drängen wollte, um mehr zu sehen. Vinyó hörte noch ein „Ups…" und Yax flog, nachdem er auf einem Pappblech ausgerutscht war, quer durch den Raum. Einen Augenblick sagte niemand etwas.
„Besucher!", rief dann Pasiphae aus und half Vinyó und Yax auf. Sie sahen Notwen die Augen verdrehen, als sie in seine Richtung blickten.
„Ich glaube, ihr müsst uns kurz entschuldigen", meinte Videm und gebot dem Zauberer und dem leicht desorientierten Magier mit einer Geste, einen zweiten Raum hinter dem Tisch zu betreten. Notwen und Pasiphae sowie Cygnus folgten.
„Nun gut. Setzt euch. Nehmt euch Kekse", bat Videm höflich. Als Antwort wurde er nur angestarrt.
„In Ordnung", seufzte er. „Dann gleich zum Thema: WAS ZUM TEUFEL MACHT IHR HIER?"
„Wir dachten, wir sehen mal vorbei", erwiderte Vinyó kühl.
„Ah, den dummen Magier verarschen, genialer Witz. Für so was hab ich einfach keine Zeit!"
„Aber zum Pokern hast du Zeit?"
„Wir", antwortete Notwen stattdessen und deutete auf Cygnus, Videm und Lysithea, „sind dabei gewesen, unseren Triumph zu besiegeln. Eigentlich war geplant, dass ihr übermorgen von der ganzen Sache erfahrt, damit nichts schief geht."
„Ach ja?", meinte Yax, der inzwischen wieder einigermaßen zu sich gekommen war.
„Nun Notwen, vielleicht hattest du es noch nicht bemerkt, aber wir gehören eigentlich auch zum Orchester! Meinst du nicht auch, dass es unklug ist, uns die ganze Zeit über anzuschwindeln und uns unsere eigentliche Aufgabe zu verschweigen? Ich für meinen Teil habe es satt, angelogen zu werden! Wenn du meinst, wir könnten schwierigere Aufgaben, als Cygnus zu überwachen, nicht bewältigen, dann solltest du dir verdammt noch mal andere Idioten suchen!"
Auf diese Ansprache folgte eine unnatürliche Stille. Notwen sah ziemlich müde aus.
„Alles klar", meinte er nach ein paar Sekunden. „Dann die Wahrheit…"
„Ich bitte darum", sagte Vinyó.
„Cygnus ist auf unserer Seite. Er hat sich bereiterklärt, uns freiwillig und gegen vergleichsweise geringes Entgelt Zugang zu großen Geldkonten der Markthalle zu verschaffen…"
„Und warum ist der Sandmann dabei?", fragte Yax misstrauisch in Richtung Lysithea blickend.
„Der Sandmann hat sich uns wieder angeschlossen…"
„Euch meinst du. Er hat sich euch angeschlossen. Wir spielen nicht mehr im selben Team", erklärte Vinyó.
„Nun, Videm und ich arbeiteten einen Plan aus, der es ermöglichen würde, niemandem die Schuld zuzuschieben zu müssen…"
„Wie großzügig!"
„Könnte ich bitte ausreden? Mit diesem Plan mussten weder Videm und seine Freunde, noch ich oder Cygnus büßen."
„Aber irgendjemand muss sich immer verantworten", unterbrach Yax erneut. „Solche Summen verschwinden nicht ungefragt."
„Hast du es immer noch nicht begriffen? Ihr solltet ertappt werden! Wir hätten Notwens Tod vorgetäuscht und ihr hättet als Schuldige dagestanden!", erklärte Videm ungeduldig.
„Ist das wahr?", vergewisserte sich Vinyó leise nach einer knappen Minute Stille.
„Im Großen und Ganzen schon", bestätigte Notwen.
„Und wer genau?"
„Alle. Abanderada, la Vaca, Gaga, ihr zwei natürlich, aber auch Chontamenti, Regley und Blanche."
„Aber warum arbeitest du mit Videm zusammen? Ihr hasst euch!"
„Wir haben verschiedene Ansichten, aber ich kenne ihn schon seit Jahrzehnten. Im Gegensatz zu euch."
„Was?"
„Wir wuchsen beide in Narubia auf. Bis vor einem Jahr hatten wir uns allerdings nicht mehr gesehen. Trotz Meinungsverschiedenheiten kann ich mich auf ihn verlassen, auch bei riskanteren Plänen wie diesen…"
„Also ging es alles nur ums Geld?"
„Es gibt nur eine Gesellschaftsschicht, die mehr an Geld denkt, als die Reichen – die Armen", antwortete Notwen mysteriös.
„Es ist nicht selbstsüchtig", fügte er an, als hätte er geahnt, was Yax sagen wollte.
„Wer nicht an sich denkt, denkt überhaupt nicht…"
„Und jetzt?"
„Jetzt müssen wir weiter überlegen", zuckte Videm mit den Schultern.
„Und Pokern", fügte er an. Er verließ den Raum. Notwen nickte Cygnus zu und sie schritten zum Ausgang. Auch Vinyó und Yax wollten aufstehen, doch Lysithea schüttelte nur mit dem Kopf und verschloss die Tür hinter sich.
„Hey! Verdammt, lasst uns raus!", brüllte Yax hinterher.
„Wie du schon richtig bemerkt hast", erklang Pasiphae's Stimme von der anderen Seite.
„Irgendjemand muss immer für schuldig erklärt werden…"

„Deprea?"
„Ich habe viele Namen…"
„Unwichtig. Wir buchstabiert man Trabantenstadt?"
„T-R-A-B-A-N-T-E-N-S-T-A-D-T. Das war jetzt ein vollständiger Satz, das erste Mal, das ihr mich nicht unterbrecht, ich sollte öfters…"
„Danke!"
„Kein Prob…"
„Noir?"
„Ja?"
„Meinst du, wir treffen unterwegs noch jemanden?"
„Ja."
„Ihr hättet auch mich fragen können", unterbrach Blanche gekränkt.
„Ich glaube euer Medizinmann wird langsam verrückt", meinte Fenchurch hämisch zu Regley. „Der Bestatter scheint ihn aus eurer Gruppe zu verdrängen…"
„Wie meinst du das?", fragte Regley desinteressiert.
„Evolution. Davon rede ich. Der stärkste setzt sich durch. Dem Albino-Freak gefällt das gar nicht…"
„Ach, Blanche lässt sich nicht durch so etwas ärgern", meinte Regley, obwohl er leicht verunsichert wirkte.
Durch ein lautes „Achtung!", das von keinem Anderen als Noir ausgesprochen wurde, nahm das Gespräch ein jähes Ende. Zweiundvierzig Sekunden später rannten sie Alle um ihr Leben.
„Alpha? Siehst du im Norden ebenfalls die Trümmer des Gasthauses?", erkundigte sich Noir.
„Jaa…"
„Dann siehst du sicher auch die Kämpfer, die in unsere Richtung laufen?"
„Jaa…"
„Warum zum Teufel stehst du dann noch hier? Schnell!"
Alpha beeilte sich.
„Es behagt mir nicht, vor dem Kampf davonzulaufen", grummelte Sedna.
„Mir auch nicht", stimmte Fenchurch zu.
„Mir macht es nichts aus", meinte Regley schwer atmend und mit raspelnder Stimme, als sie kurze Zeit später an der Brücke zu Kuridan verschnauften.
„Es hat keinen Sinn", erklärte Noir. „Wir sind zu langsam. Am Besten, wir bleiben hier und verteidigen die Brücke…"
„Seit wann gibst du hier die Befehle?", raunzte Blanche. Noir sah ihn verwundert an.
„Entschuldigung, es war nur ein Vorschlag..."
„Ich finde, er hat Recht", meinte Fenchurch. „Besser hier sterben als uns zu verstecken und es dann zu tun."
„Besser gar nicht sterben", bemerkte Ignotexx.
„Sterben. Erzählt mir bloß nichts vom Sterben ihr bemitleidenswerten…", fing Deprea an.
„Ach, Sterben wird überschätzt", strahlte Euphrosyne.
„Schwarz wird überschätzt", grummelte Blanche.
„Leben wird unterschätzt", kommentierte la Vaca.
„Onlo werden unterschätzt", bekannte Regley.
„Onlo sind schwul", schimpfte Chontamenti.
„Ich glaube nicht, dass wir so weiterkommen", schätzte Noir.
„Also bleiben wir hier?", fragte Sedna hoffnungsvoll.
„Das ist nicht meine Entscheidung"
„Ganz genau!", bekräftigte Blanche. Alle sahen ihn an. „Na gut, wir bleiben…"

„Ja, da sind sie."
„Da sind sie. Ach, Reilly, jetzt hör damit auf!", schnaufte Dragus. Er war zwar nicht unsportlich, aber die Jahre vor dem Schreibtisch forderten ihren Tribut. Wenigstens hatte Illyrus nicht geklagt und so konnte er sich in Ruhe selbst bemitleiden.
Er entschloss sich zu sprechen: „Wann genau…?"
„In einer halben Stunde", antwortete Reilly. „Moment. Sie stoppen. Sieben Minuten", korrigierte er sich.
„Sie stoppen? Stimmt doch gar nicht…", begann Dragus, als er die Gruppe auch schon stoppen sah.
„Ganz genau. Das ist die Brücke zu Kuridan", stimmte Reilly Dragus unausgesprochener Frage zu.
„Sie erwarten einen Angriff", stellte er kurz darauf fest.
„Ist Sedna bei ihnen?"
„Das weiß ich nicht."
„Na schön. Dann lassen wir uns einfach überraschen…"
Dragus teilte dem Rest der Gruppe die neuen Erkenntnisse mit.

Al Jazeera stoppte. Irgendetwas schien nicht zu stimmen, denn plötzlich brach Panik in der Gruppe aus. Sie liefen bis zur Brücke von Konlir und stoppten dort. Jetzt sah auch Al Jazeera den Grund für den Sprint: Eine Gruppe Kämpfer, die von einem Arbeiter und einem Zauberer begleitet wurde, lief im raschen Tempo und in einer beängstigenden auf die Brücke zu. Wäre mehr als nur eine Wiese als Deckung da gewesen, die Gejagten hätten nichts bemerkt.
Meine Güte
, dachte Al Jazeera zu sich selbst.Das hier scheint der größte soziale Brennpunkt der Welt zu sein.
Gut, Konlir zählte auch als Brennpunkt. Bis vor Kurzem
, fügte er zu sich selbst an.

Die Auftragskiller, Noir, Alpha, Fenchurch, Deprea und Euphrosyne hatten sich vor der Brücke verschanzt. Es waren keine wirklich guten Verstecke, aber es sollte ihnen ein gewisses Überraschungsmoment verschaffen. Gespannt warteten sie auf die herannahende Truppe.
„Ich nehme die an der rechten Seite", flüsterte Sedna an Blanche gewandt zu.
„Sie kommen alle von der rechten Seite!", flüsterte Blanche zurück.
„Ich weiß. Deswegen ja…"
Eine weitere Minute verging, dann hörten sie das unverkennbare Geräusch eines herannahenden Sturmes.
„Los!", rief Blanche und die Gruppe kam auf die Beine und hechtete los. Aus den Augenwinkeln sah Sedna, wie Deprea und Chontamenti einen Kämpfer ins Gespräch verwickelten, während Euphrosyne mit einer ausklappbaren Holzleiter nach den Feinden warf. Noir wich etlichen Schwerthieben aus und rannte weiter auf den Zauberer zu. Mehr Zeit blieb Sedna nicht, denn schon sauste ein funkelndes Donnerschwert auf ihn nieder. Gerade noch rechtzeitig duckte er sich und zog im selben Moment sein eigens Schwert.
„Na warte!", grummelte er und warf sich auf den Kämpfer. Nach ein paar Sekunden erkannte er den Kämpfer: „Aither!"
„Sedna?"
„Was machst du hier?"
„Wir suchen dich! Hey, Astraea! Sedna ist hier, das ist seine Gruppe! Dragus!", rief Aither zu dem Zauberer. „Wir haben ihn!"
„In Ordnung!", rief dieser zurück.
„Hört auf, Leute!", rief Sedna den Anderen zu.
„Hast du gehört? Du sollst aufhören!", röchelte Regley zu einem Kämpfer, der ihn fest umklammert hielt.
„Astraios, es ist genug!", meinte Dragus und wandte sich dann zu Sedna: „Verdammt, was zum Teufel hast du die ganze Zeit gemacht? Ich musste MM-1 und MM-2 und M&M unterschreiben, um zu verhindern, dass du ganz verloren gehst!"
„Tut mir Leid. Ich hatte Anderes zu tun. Wir sind auf dem Weg nach Kuridan, um drei unserer Freunde zu befreien."
„Verstehe…", sagte Dragus nur. Plötzlich hörten sie ein Wimmern.
„Was zum…?"
Ein Kämpfer lag offensichtlich vollkommen zerstört am Boden und weinte.
„Iapetos, was…?", murmelte Dragus leicht geschockt.
„Ich glaube, unsere beiden Emotionskanonen sind Schuld", sagte Fenchurch und deutete auf Chontamenti und Deprea, die neben dem Kämpfer standen.
„Ihr habt doch nicht mit ihm geredet, oder?", fragte Blanche scharf. Sie blickten kaum schuldbewusst drein.
„Ich habe ausdrücklich gesagt, ihr dürft sie mit Steinen bewerfen, mit Schwertern angreifen und mit Kaktuspfeilen abschießen, aber nicht mit ihnen reden! Das ist menschenrechtswidrig!"
„Ist es schlimm?", fragte Dragus verunsichert.
„Ich glaube nicht", seufzte Blanche. „Ein paar Tage Bettruhe und vielleicht ein paar Selbsthilfekurse, dann geht es ihm wieder gut. Wir hatten das nicht zum ersten Mal, musst du wissen. Aber jetzt mit diesem Deprea ist Alles doppelt so schlimm…"
„Ist in Ordnung Iapetos, geh nach Hause und ruh dich aus…", wandte sich Dragus an den Kämpfer. Dieser schluchzte und verschwand per Zauberkugel.
„Beeindruckend", bemerkte Reilly. „Nein, ich bin tatsächlich kein Kämpfer", wandte er sich an Blanche.
„Woher wusstest du…?"
„Ich glaube, er wusste, was du sagen wolltest, bevor du es tatest…", kommentierte Noir.
„Ich brauche keine Ratschläge von dir!", giftete Blanche.
„Kann der Gedankensonar auch sagen, ob wir Zeit haben, uns mit solchen Gesprächen zu beschäftigen?", erkundigte sich Chontamenti.
„Er hat Recht", stimmte Sedna zu.
„Seddy hat Recht", stimmte der Kämpfer Aither zu.
„Aither hat Recht", stimmte Dragus zu.
„Nenn mich noch einmal so…", flüsterte Sedna zu Aither.
„Wieso nicht? Du warst glaube ich zu lange bei denen da. Du redest schon so geschwollen…", flüsterte dieser zurück.
„Stimme schlecht, Schwerthand in Ordnung", drohte Sedna.
Langsam machten sie sich auf den Weg. Nach einer halben Stunde standen sie am Fuße der Anhöhe, hinter der das Haus der Zauberer lag. Blanche ergriff das Wort:
„Wir müssen zuerst die nähere Umgebung unbemerkt von Dritten absuchen. Wenn Yax und Vinyó noch da sind, können sie uns helfen, Notwen zu befreien."
Dragus nickte. „Astraea, Astraios, ihr erkundet die Ost- und die Südflanke. Lasst euch nicht erwischen…"

Die beiden Kämpfer ließen sich Zeit, aber nach fünfzehn Minuten waren sie wieder zurück hinter dem Hügel um Bericht zu erstatten. „Niemand da. Durchs Fenster sieht man einen ganzen Haufen Magier, Serum-Geister und Taruner…"
„Noch irgendwas?", erkundigte sich Dragus.
„Ja", nickte einer der Kämpfer düster. „Ijiraq ist unter ihnen…"
„Meine Güte", meinte Fenchurch spöttisch. „Da können wir ja froh sein. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn du dich nicht klar ausgedrückt hättest…"
„Wer ist Ijiraq?", fragte Blanche.
„Die Nummer Zwei nach Videm bei Taunt and Tacit. Eigentlich ist er kein schlechter Kämpfer, trotzdem geht er nie ohne Leibgarde aus dem Haus. Wir können also davon ausgehen, dass wir hier von einem Dutzend Feinde reden…", antwortete Reilly.
„Na und? Warum müssen wir immer soviel Vorsicht nehmen? Wir sind genug, um sie alle zu überwältigen", maulte la Vaca. Tatsächlich war es keine kleine Gruppe mehr. Neben den Auftragskillern Abanderada, Blanche, Gaga, la Vaca, Chontamenti und Regley, standen Fenchurch, Noir, Alpha, Deprea, Euphrosyne, Dragus, Illyrus, Aither, Astraios, Astraea und zwei weitere Kämpfer, die sich noch nicht vorgestellt hatten. Unter diesen achtzehn Personen waren fast zehn ausgebildete Krieger.
„Wir müssen trotz Allem umsichtig sein", riet Noir.
„Wir müssen davon ausgehen, dass Notwen, Yax und Vinyó dort drinnen sind", bemerkte Sedna.
„Und wahrscheinlich auch Videm."
„Wie kommst du auf Videm?", erkundigte sich Gaga.
„Denk nach, du intellektueller Tiefpunkt der Weltgeschichte", grummelte Sedna. „Halb Taunt and Tacit ist da drinnen, Yax, Vinyó und Notwen haben als Letztes nach ihm gesucht und er ist wie sie verschwunden. Es ist nur logisch, dass er auch da ist…"
„Ich stimme ihm zu", kommentierte Blanche.
„Ich auch!", rief Euphrosyne. „Es ist wirklich wunderbar, mit euch zu reisen!"
„Machst du dich über mich lustig?", erklang Sednas Stimme drohend.
„Nein! Das ganze hin- und herlaufen, das Kämpfen und die ständige Gefahr zu Sterben, das ist alles wahnsinnig fantastisch!"
Die Stimme von Euphrosyne klang so überzeugend, dass jeder Gedanke an Ironie verflog.
„Du hast echt einen Schaden, Glückskeks", murmelte Regley.
„In Ordnung", hörten sie Dragus nun sagen, der gerade von der Lagebesprechung seiner Leute zurückkehrte.
„Wir machen es wie folgt: Fünf Kämpfer…" – er deutete auf la Vaca, Astraios, Astraea und die anderen beiden Kämpfer – „…werden durch das Fenster im Osten in das Gebäude klettern. Durch das Westfenster gehen Sedna, Ich und Reilly, sowie Regley, Blanche, Noir, Alpha und Fenchurch. Die anderen werden dafür sorgen, dass niemand das Haus durch den Haupt- oder Hintereingang verlässt. Los geht es in genau zehn Minuten, das dürfte euch Allen genug Zeit geben, auf eure Posten zu gehen. Aber bleibt außerhalb der durch die Fenster sichtbaren Bereiche. Dann los und viel Glück…"
Blanche fiel auf, dass Dragus diesmal nicht nach ihrer Meinung fragte. Es war beschlossene Sache. Also schloss er sich den Anderen an, die geduckt zur Westseite des Hauses liefen.

Al Jazeera hatte gesehen, wie die mittlerweile große Gruppe einander bekämpfte, dann plötzlich aufhörte und in Richtung Osten weiter zog. Er hatte sie auch dabei beobachtet, wie sie ihr Lager aufschlugen und konnte glücklicherweise den von dem Zauberer verkündeten Plan mit anhören.
Na schön. Dann eben das Nordfenster, dachte er sich. Da er das Gebäude mitkonstruiert hatte, hielt er noch immer einen Vorteil in der Hand.

„Hey Sandmann! Du bist so was von tot!"
Auf diese Behauptung von Yax folgte eine Pause.
„Willst du nicht wissen, warum?", fragte Yax.
„Du hast es mit bereits viermal erzählt", antwortete Lysithea, der sichtlich genervt von seiner Aufgabe war. „Langsam solltest du dir eine neue Geschichte ausdenken. Ich persönlich fand die mit der Zeitbombe am Besten."
„Du machst dich lustig. Aber noch lachst du! Das werden wir bald tun! Die Auftragskiller, das sind die Good-Guys, werden bald hier auftauchen und euch Amöben von Taunt and Tacit hinwegfegen wie El Niño!"
Die Tür wurde aufgerissen und Lysithea stürmte herein. Er warf Yax mit erstaunlicher Leichtigkeit gegen die Wand.
„Langsam hab ich die Schnauze voll von euch zweien! Seit ihr hier eingesperrt seid, habt ihr nur gemeckert, mich mit unsinnigen Drohungen beworfen und von endlosen Skiurlauben in Latenia erzählt! Wenn ihr wirklich irgendetwas ausrichten könntet, dann soll mich der Schlag treffen!"
Ein Schlag traf ihn.
„Wunsch erfüllt", hörte man Blanche sagen.
„Was zum Teufel macht ihr hier?", erkundigte sich Vinyó freudestrahlend und trat zu Blanche und auf den bewusstlosen Pasiphae.
„Du hast doch selbst gesagt, die Good-Guys würden euch befreien. Warum also so erstaunt?"
„Das war doch Alles erlogen!"
„Offensichtlich nicht", kommentierte Reilly, der gerade durch das Fenster kletterte. Er schien gerade mit einem Kreuzworträtsel beschäftigt, wobei das Wort „beschäftigt" eher übertrieben wirkte. Er sah nicht einmal wirklich auf die Hinweise, er füllte die Felder einfach so aus.
„Wer sind das Alles?", fragte Yax mit offenem Mund, als er Dragus und Noir durch das Fenster erblickte. Fenchurch folgte als Letzte, mit einem ziemlich erhabenen und herablassenden Benehmen.
„Wegen denen sind wir hier her gelaufen? Lohnt das?", erkundigte sie sich hämisch.
„Ganz ruhig, Gedankenkrücke", grummelte Regley, während er Vinyó begrüßte. „Das sind unsere Kollegen, über die du da redest…"
„Ganz genau. Das ist ja der treffende Grund…"
Bevor eine neue Diskussion aufflammen konnte, deutete Blanche zur offen stehenden Tür. Dahinter lag der für Vinyó vertraute Gang, der durch eine Tür vom Hauptzimmer getrennt war.
„Hinter der Tür sind sie", verkündete er.
„Notwen auch?"
Yax und Vinyó blickten sich an. Es schien Zeit, die betrübliche Wahrheit zu verkünden.
„Nun, wie es scheint, kannten wir unsere Nebelwand nicht so gut, wie wir dachten…", begann Yax.

„Ist etwas zu sehen?", erkundigte sich la Vaca bei Astraios, der durchs Fenster blickte. Er konnte die Namen seiner Mitstreiter immer noch nicht aussprechen. Für ihn klangen sie eh alle gleich, daher war es ihm weitestgehend egal. Den Kämpfern schien es genauso zu ergehen, denn obwohl sie einen freundlichen Eindruck machten, waren sie nicht wirklich an einem Gespräch interessiert.
„Nein", kam die geflüsterte Antwort. „Wir können rein."
Sie kletterten der Reihe nach durch das Fenster und zogen ihre Waffen. Was die Menschen nicht wussten, war, dass das Haus komplett symmetrisch errichtet worden war. Auch dieser Raum wurde durch zwei Türen und einen Flur vom Hauptraum getrennt. Ebenfalls unbekannt war ihnen die Tatsache, dass das obere Stockwerk gleich eingerichtet war, wie das untere. Durch das Fenster im Norden kletterte Al Jazeera laut- und problemlos. Nun gab es praktisch kein Entrinnen mehr für die Mitglieder von Taunt and Tacit. Alle Eingänge wurden von dem Rest der Gruppe bewacht. Sogar eine Laterne sah dem Spektakel zu, doch diese Geschichte soll ein andern Mal erläutert werden.

„Er hat WAS?", vergewisserte sich Blanche.
„Er wollte und ausliefern", erklärte Vinyó erneut. Blanche war wie vor den Kopf gestoßen.
„Aber…Der Plan war eindeutig! Cygnus sollte eine Woche früher als geplant entführt werden, trotzdem ist Videm auch noch verschwunden…"
„Wovon redest du?", fragte Regley. „Du wusstest, dass Notwen Cygnus früher entführen wollte?"
„Ja, er sagte das wäre Teil des Plans. Verdammt…"
„Videm Corume und Notwen Caasi arbeiten zusammen?", erkundigte sich Noir.
„Du kennst sie?", fragte Sedna ungläubig.
„Klar. Jemand namens Tuttle erzählte mir von einem Plan, mit dem leicht Geld zu verdienen sei. Ich sollte eine Gruppe, die sich Auftragskiller nannte zu einem bestimmten Punkt führen. Er sagte mit auch, falls ich annehme, sollte ich mit seinen Freunden Notwen Caasi oder Videm Corume Kontakt aufnehmen, die sich im Haus der Zauberer befinden sollten. Ich war nur auf dem Weg hierher, um abzulehnen…"
„Und das sagst du erst jetzt?"
„Ich hatte andere Dinge im Kopf, gerade nachdem, was in Konlir passierte…"
„Was passierte in Konlir?", unterbrach Vinyó, wurde jedoch ignoriert.
„Zu welchem bestimmten Ort solltest du uns bringen? Vielleicht hierher?"
„Könnte sein…"
„Großartig!", fuhr Blanche auf. „Jetzt hat Gothic-Jimbo den kleinen Helfer für den paranoiden Zwergmagier gemacht! Wir sind genau da, wo er uns hinhaben wollte!"
„Verdammt, Sedna", flüsterte Regley zu dem Taruner. „Wenn Blanche nicht gleich Ruhe gibt, tanzt Videm und seine Killergang hier an und er kann danach mit Glück noch als Mitglied der Temptations mitmachen! Nicht, dass er sich dafür neue Sachen kaufen müsste, aber trotzdem: Seid still", wandte er sich dann an alle. Es kehrte Ruhe ein.
Sie schlichen auf den pechschwarzen Gang hinaus und blieben vor der Tür stehen.
„Ein blinder Mann, der in einem verdunkelten Raum nach einer schwarzen Katze sucht…", murmelte Alpha mehr zu sich selbst als zu der Gruppe.
Dragus wandte sich an Reilly.
„Weißt du, wie viele da drin sind?", flüsterte er.
Reilly schlich näher zur Tür. Er schien einen Moment zu lauschen und nickte.
„Ein Natla, fünf Magier, drei Serum, fünf Taruner", verkündete er leise. Dragus nickte.
„Sollte einfach werden", murmelte Fenchurch.
Alpha hielt sich etwas zurück, während Sedna, Blanche, Noir und Fenchurch näher an die Tür rückten. Dragus machte den besseren Kämpfern Platz. Er hob eine Hand und zählte dann von fünf abwärts.

„Ich glaube, sie sind dahinter", flüsterte Astraios zu den Anderen. Sie standen in dem Gegenstück des Ganges, in dem Blanche und der Rest wartete. Auch hier war es dunkel wie die Nacht.
„Wir warten, bis wir hören, wie die Anderen den Raum betreten und versperren Videm und Co den Rückweg?", schlug la Vaca vor. Zustimmendes Nicken. Sie warteten.

Währenddessen stand Al Jazeera auf dem obersten Absatz der Treppe, die zu der Versammlung von Taunt and Tacit führte. Langsam ging er nach unten. Er spähte vom mittleren Absatz auf den Hauptraum hinab. Dort saßen tatsächlich allerhand Leute.
Was mache ich hier eigentlich?, fragte sich eine innere Stimme von Al Jazeera. Ist das klug, hier zu warten? Nun, ich bin hier oben, und die Bösen sind unten. So hat doch Alles seine Ordnung, nicht wahr?
Obwohl ihm nicht ganz wohl bei der Sache war, blieb er oben. Er wusste noch nicht, dass ihn diese Dummheit beinahe das Leben kosten würde. Aber eben nur beinahe.

Fünf. Sedna achtete genau auf den Countdown.
Vier. Er zog leise seine Waffe
Drei. Er gähnte noch einmal.
Zwei. Er atmete aus.
Eins. Er atmete ein.
Null.
Blanche riss die Tür auf und lief beinahe in eine bereitstehende Wache. Gerade noch rechtzeitig wich er aus lief auf den Tisch in der Mitte des Raumes zu. Ein leicht erstaunter Ausdruck erschien auf Notwens Gesicht. Blanche hieb nach einem Serum-Geist, der neben dem Tisch stand und traf.
Erst jetzt hatten die Mitglieder von Taunt and Tacit wirklich realisiert, dass sie angegriffen wurden.
Ein Magier stürmte in Panik nach oben die Treppe hinauf, prallte an irgendetwas ab und fiel polternd wieder hinunter. Blanche kämpfte unterdessen mit einem weiteren Taruner.
Illyrus Reilly warf einen kleinen Dolch nach einem der Serum-Geister. Dieser konnte nicht mehr ausweichen. Der einzige verbliebene Serum, der wohl Ijiraq hieß, kämpfte gleichzeitig gegen Fenchurch und Noir, während sich die andere Tür öffnete und la Vaca mit den restlichen Kämpfern hineinstürmte.
Das Chaos schien perfekt.
Sedna und Regley kämpften mit jeweils einem Magier, unterdessen ging ein Taruner zu Boden, der vergeblich gegen Astraios und Astraea gekämpft hatte. Zwei weitere Taruner rannten zum Haupteingang, wurden aber von Euphrosynes Holzleiter zurückgedrängt. Ein Kämpfer von Selfish and Solemn unterlag einem der Taruner, aber ansonsten sah es ganz nach einem Sieg für die Auftragskiller aus. Videm, Cygnus und Notwen hatten sich bisher aus dem Kampf herausgehalten.
Nun drehte sich der Magier zum Natla uns sprach: „Ich glaube, du weißt, was zu tun ist…Wir sehen uns dann wieder im Hauptquartier…"
Mit diesen Worten verschwanden er und Cygnus spurlos. Notwen sah dem Kampf weiter zu. Inzwischen waren nur noch zwei Magier, zwei Taruner und Ijiraq übrig, der inzwischen gegen Noir, Fenchurch und Sedna gleichzeitig kämpfte.
„Hey, Sultan von Reikan!", hörte man la Vacas Stimme. Der Kämpfer hieb auf Ijiraq ein, der gerade noch auswich, aber das Gleichgewicht verlor und stürzte. Fenchurch beugte sich über ihn.
„Dumm gelaufen", meinte sie und beförderte ihn in die Bewusstlosigkeit.
Die verbliebenen Magier und Taruner ergaben sich.
Notwen sagte etwas, das sich wie „Tja" anhörte.
„Ist irgendwie dumm für dich gelaufen, nicht wahr?", kommentierte Blanche.
„Stimmt…Aber dafür habe ich immer noch das Geld von Cygnus…"
„Und du meinst, das ist nach der Revolution noch etwas wert?", erkundigte sich Regley ungläubig.
Zum ersten Mal schien Notwen verunsichert.
„Revolution? Was für eine Revolution?", fragten Notwen, Yax und Vinyó unisono.
„Deine Revolution! Niemand sonst wäre auf einen so bescheuerten Plan gekommen, oder?"
„Ich weiß nicht, wovon du redest", meinte Notwen und klang ehrlich.
„Du weißt nichts von der Revolution in Konlir?", vergewisserte sich Sedna.
„Nein. Ich war die letzten Tage hier und von der Außenwelt abgeschnitten, könnte man sagen…"
„Ich weiß auch nicht, wovon du redest", meinte Yax zu Sedna.
„Ich auch nicht", bekräftigte Vinyó.
„Ich glaube, er weiß es", bemerkte Noir und deutete die Treppe hinauf.

Al Jazeera hatte auf dem mittleren Treppenabsatz gestanden, als das Chaos ausbrach. Von Allen Seiten stolperten Kämpfer, Magier, Zauberer, Arbeiter, Onlo, Serum-Geister und Taruner in das Zimmer. Ein Magier rannte die Treppe zu Al Jazeera hinauf, der so erschrocken war, dass er den Magier kurzerhand zurück nach unten trat. Er hatte auch beobachtet, wie ein Magier und ein Arbeiter verschwanden und ein Serum von einer Kämpferin bewusstlos geschlagen wurde. Er hatte auch gesehen, wie der Natla umzingelt und mit Fragen überhäuft wurde. Spätestens jetzt hatte ihn seine innere Stimme angebrüllt, die Treppe zu verlassen und soweit zu laufen, wie irgend möglich. Trotz Allem war er geblieben und musste nun, da er von Allen beobachtet wurde, zugeben, dass er auf diese Stimme hätte hören sollen.

„Na guck mal einer an! Das ist doch Al Jazeera, der Terror-Typ aus Torihn!", stieß Yax aus.
„Tatsächlich!", kommentierte Vinyó.
„Ihr kennt ihn?", erkundigte sich Reilly.
„Na und ob! Er wollte uns töten!"
„Das wollten alle in jenem Gasthaus", verteidigte sich Al Jazeera, der seine Stimme wieder gefunden hatte. Er schien einzusehen, dass er nur durch Reden aus dieser Situation lebend entkommen würde. Also redete er, während sein Gehirn nach einer Fluchtmöglichkeit suchte.
„Ich kenn ihn auch!", rief Alpha. Alle drehten sich zu ihm um.
„Kurz bevor man mein Haus niederbrennen wollte, sah ich ihn in der Innenstadt von Konlir Befehle an die Revolutionäre geben!"
„Welche Revolution?", fragte Vinyó, langsam verzweifelt klingend.
„Nun, nachdem ihr zwei…" – Al Jazeera deutete auf Yax und Vinyó – „…aus dem Gasthaus in Torihn geflüchtet seid, wurde mir klar, dass diese Welt reif für eine Veränderung war…Also bin ich mit dem leicht wütenden Mob nach Konlir gezogen. Ziemlich unvorbereitet, wie die Stadtwache war, konnten wir sie überraschen und Konlir an uns nehmen…"
„Dann ist die Explosion in Konlir auch dein Werk?", fragte Blanche wütend.
„Nun, wie gesagt. Ein Neuanfang tut uns Allen gut."
„Explosion?", fragte Notwen scharf.
„Ja. Halb Konlir ist zerstört", erklärte Dragus.
„Das wusste ich nicht", sagte Notwen leise.
„Also, wirst du dich jetzt wieder uns anschließen?", wandte sich Blanche an Notwen.
„Unter keinen Umständen."
„Dann tut es mit Leid."
„Mir auch", meinte Notwen und verschwand.

Ende von Teil I.
Und vielen Dank an Alle, die solange durchhielten!
:)