Kapitel 11 – Nummer Dreiunddreißig
Montag,
20. August, 11:05 Uhr, Konlir.
„Darf
ich euch alle mit Limoux Aicard bekannt machen? Er schloss sich
unserer Gruppe gestern an", sagte la Vaca und deutete auf einen
Serum, der in der Ecke stand und ihnen alle stumm zunickte. Sie
befanden sich in ihrem bisher dritten Hauptquartier und Aicard musste
zugeben, dass ihnen die Innendekoration gut gelungen war. Neben einer
Waffenkammer gab es einzelne Zimmer, Küche, Bad, Wohnzimmer (in
welchem sie sich gerade befanden) und Balkon. Nur der Hinterhof sah
etwas heruntergekommen aus. Aicard hatte sich noch nicht ansatzweise
ein Bild der Gruppe gemacht. Die Auftragskiller schienen so bunt
zusammengewürfelt, wie seine Musiksammlung. Offensichtlich
jedoch waren Sinn, Zweck und Aufgabenbereich der Gruppe weitaus
anders ausgerichtet als seine Musiksammlung.
Regley
stellte sie der Reihe nach vor und begann dann mit der Besprechung
zum neuen Auftrag: „Diesmal ist es ein harmloser Job. Wir sollen
nur die Goldhornziege finden und an ihren Bestimmungsort bringen.
Dafür haben wir ab heute sieben Tage Zeit. Wenn alles gut läuft,
bekommen wir am Sonntag unser Geld. Also dann, an die Arbeit…"
Sonntag,
26. August, 19:50 Uhr, Konlir.
Limoux
Aicard saß in der Ecke des Raumes, in dem die restlichen
Auftragskiller sich zu ihrem erneut wohl verdienten Geld
beglückwünschten. Getränke wurden herumgereicht,
ebenso wie Goldstücke, Lotterielose und allerlei
Haushaltsgeräte. Ob dies einen Sinn verfolgte, bleibt fraglich.
Aicard nahm einen Briefbogen heraus und begann zu schreiben…
Geehrter
Videm,
ganz nach
ihren Anweisungen habe ich für unsere Organisation Taunt and
Tacit die nötigen Informationen über die Gruppe der
„Auftragskiller" gesammelt. Da sie offiziell keinen Anführer
besitzen, fange ich in alphabetischer Reihenfolge an. Zuerst wäre
da Abanderada Varuna. Er ist ein sehr transparenter und simpel
gestrickter Charakter. Seine Jovialität übersteigt die
Leistung seines Cerebrums bei weitem, wie ich gleich am ersten Tag
bei den Auftragskillern feststellte…
Montag,
20. August, 11:10 Uhr, Konlir.
„Also,
Abanderada, du erkundigst dich nach dem Aufenthaltsort der Ziege.
Blanche, Gaga, Chontamenti und la Vaca, ihr sammelt die nötigen
Materialien für unsere Reise. Alle anderen bleiben hier und
bereiten sich zum Aufbrechen vor", empfahl Regley. „Mann, muss
ich immer mit dem in einer Gruppe sein?", maulte Yax und deutete
auf Vinyó. Die anderen stimmten zu. „Na toll…",
grummelte Vinyó. „Jetzt krieg dich wieder ein. Mir gefällt
es auch nicht, mit den drei Musketieren in einer Gruppe zu sein",
jammerte Chontamenti und deutete auf la Vaca, Gaga und Blanche.
„Wir
ändern die Gruppe bestimmt noch", versicherte Blanche genervt.
„Hoffentlich
tun wir das", murmelte la Vaca.
Montag,
20. August, 11:30 Uhr, Konlir.
Abanderada
klopfte an der Tür. Vinyó öffnete und sah ihn
erstaunt an.
„Das
ging aber schnell…"
„Ja,
nicht wahr?", meinte Abanderada stolz.
„Und?",
wollte Regley wissen. „Wo ist die Goldhornziege?"
„Keine
Ahnung, aber mit dieser Schriftrolle werden wir es herausfinden!",
sagte Abanderada und wedelte mit einem Stück Pergament. Einen
Augenblick herrschte Stille. „Das darf doch nicht wahr sein!",
ergriff dann Yax das Wort. „Eine Schriftrolle der Lebenden? Damit
finden wir keine ZIEGEN!"
„Wirklich
nicht?", fragte Abanderada schwach.
„Wirklich
nicht", bestätigte Regley.
Sonntag,
26. August, 19:55 Uhr, Konlir.
Das ist
allerdings nur eines von vielen Beispielen, die ich im Laufe der
Woche habe erleben dürfen. Ich schätze es ist nun Zeit,
Graf Aloysius Regley von Hinterwaldigen, den von sich selbst
eingenommenen Onlo der Gruppe zu beschreiben. Regley ist eine sehr
intellektreiche und eitle Persönlichkeit und sein Intellekt wird
nur von seiner Eitelkeit übertroffen. Er scheint die Leistung
seines Cerebrums oftmals zu unterschätzen, was allerdings keinen
ernsthaften Schaden bei einem Auftrag anrichtet. Ein erstes Gespräch
mit ihm fand am Tag nach meiner Ankunft statt…
Dienstag,
21. August, 01:10 Uhr, Kuridan.
Aicard, la
Vaca und Regley harrten in dem hohen Grases aus, von dem sie wussten,
dass es gleich von der Goldhornziege passiert werden würde. Sie
hatten einen angeblich todsicheren Tipp über ihren
Aufenthaltsort erhalten. Ärgerlicherweise mitten in der Nacht.
„Vinyó
bezeichnete ihre Fähigkeiten als herausragend und unglaublich",
log Aicard leise in Richtung von Regley, um eine Konversation zu
beginnen.
„Das mag
ihm so vorkommen, für mich ist so etwas alltäglich…",
antwortete Regley herablassend. Aicard verdrehte im Dunkeln die
Augen, was Regley zum Glück nicht bemerkte.
„Oh,
Entschuldigung das ich existiere", fauchte Vinyó, der sich
der Gruppe soeben angeschlossen hatte.
„Ich
würde, aber es ist unmöglich. Es gibt keine Entschuldigung
für so etwas", sprach Regley ruhig.
„Sei
ruhig!", brüllte der Zauberer und zog seine Waffe. Sie hörten
ein Rascheln und sahen die Goldhornziege hinter einem Felsen
verschwinden.
„Gut gemacht!", lobte la Vaca.
Sonntag,
26. August, 20:00 Uhr, Konlir.
Sollte
Regley eine von sich überzeugte Person sein, ist sie nichts im
Vergleich zu Antoine Blanche. Ich weiß nichts über die
genauen Umstände, aber er schien vor nicht allzu langer Zeit
eine Begegnung mit einem Taruner namens Mr. Noir gemacht zu haben.
Diese Begegnung schien einen großen Riss in Blanches Ego
verursacht zu haben. Am Abend meines zweiten Tages eskalierte die
Situation…
Dienstag,
21. August, 19:40 Uhr, Konlir.
„Verdammt,
Blanche! Was ist los?", erkundigte sich la Vaca. Blanche torkelte
mit einer Flasche Taunektarbier in der Hand in den Raum.
„Noir",
formte Regley mit dem Mund, als er die Tür hinter Blanche
schloss. Blanche schlurfte in die Ecke, in der Vinyó und Yax
saßen, die ihn jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen ansahen.
„Yux! Vimto! Isch freue misch eusch zu schehen!"
„Ich
wünschte, ich könnte so etwas wie ´gleichfalls´
sagen…", antwortete Vinyó.
„Wie
bitte?", nuschelte Blanche.
„Isch
schagte: Isch wünschte, isch könnte sowasch wie
´gleischfalsch´ schagen", ahmte Vinyó seinen
Akzent nach.
„Aha",
nickte Blanche. „Aber esch isch wirklisch tschum auschraschten!
Diescher Taruner wollte den groschen, den
unvergleisch….unvergleisch….den groschen Blansche übertrumpfen.
Dasch isch doch unerhört!"
„Kannst
du nicht irgendwas machen?", fragte Aicard an Vinyó gewandt.
„Ich
wünschte, ich könnte", antwortete dieser. „Blanche,
sprich bitte etwas deutlicher."
„Keine
Schorge", nuschelte Blanche. „Einesch Tages wird er älter
als isch sein und dann…dann…dann ischt er älter. So!"
Blanche
schien bemerkt zu haben, wie er von Aicard fassungslos angestarrt
wurde.
„Huch!
Aha! Die gruschelige Grablischt-Grille isch auch da! Aicard, altesch
Haus! Wie geht'sch?"
Sonntag,
26. August, 20:05 Uhr, Konlir.
Als
nächste Person dürfte wohl Chontamenti folgen, der
Serum-Geist. Irgendwie scheint er nicht einmal zu seinen Artgenossen
freundlich zu sein. Am dritten Tag durfte ich am frühen Morgen
einen Suchtrupp nach Gobos leiten. Mit unterwegs waren Chontamenti,
Vinyó und Gaga…
Mittwoch,
22. August, 07:30 Uhr, Gobos.
„Chontamenti,
glaubst du, dass die Goldhornziege hier ist?", erkundigte sich
Vinyó.
„Ich
glaube, wir irren hier durch den schlecht beleuchteten Zauberwald und
haben keine Ahnung, wohin wir laufen. Das kleine Stück Land, das
du immer haben wolltest, Vinyó? Eben…"
„Wow, du
musst echt gute Laune haben, um so wenig Hass zu verdeutlichen…"
„Ich bin
müde und habe keine Lust zu verdeutlichen, wie sehr ich euch
hasse. Was würde es für einen Unterschied machen? Ihr seid
sowieso fröhlich und unwissend…"
„Ganz
genau", bekräftigte Vinyó. „Aber irgendwie besser als
deprimiert und wissend…"
„Außerdem
frage ich mich immer noch, warum dieser Grünschnabel dieses
Suizidkommando leiten darf. Als wären wir nicht ohnehin so gut
wie tot…"
„Du hast
wohl gegen jeden Vorurteile", bemerkte Aicard.
„Das
sind keine Vorurteile, das ist pure Beobachtung. Du hast einen
Schaden. Und irgendwie finde ich es falsch, dass du in der Gruppe
bist. Ich hasse dich, du bist schlimmer als Vinyó…"
Aicard
wurde etwas unwohl. Er bekam das Gefühl, dass Chontamenti mehr
wusste oder ahnte, als er gesagt hatte. Was schlimm wäre.
„Und du
meinst, es ist eine schlechte Idee hier nach der Goldhornziege zu
suchen?", fragte Gaga.
„Du
meinst, ich finde es eine schlechte Idee, sich mit vier Leuten durch
Endor zu plagen, kaum bewaffnet und umgeben von Feinden? Verdammt,
natürlich nicht. Es ist die beste Idee, die ich je gehört
habe!"
„Ignoratio
elenchi. Darum geht es. Das ist der Trick…", murmelte Aicard und
zog weiter.
Mit fragendem Gesichtsaudruck folgten seine Gefährten.
Sonntag,
26. August, 20:10 Uhr, Konlir.
Nach
gründlichem durchlesen der bisherigen Zeilen muss ich mich
erneut korrigieren: Abanderada Varuna ist einfältig und
hinterwäldlerisch, zweifellos. Aber verglichen zu dem Arbeiter
der Gruppe ist er einem Einstein nicht unähnlich. Jiko Gaga ist
die mit Abstand dümmste Person, die diese Welt je bewohnt hat.
Unangefochten steht er ganz oben auf sämtlichen Listen der
beschränkten Menschen aller Länder. Ich vermute in seinem
Leben hat er der Weltbevölkerung mehr Kopfschmerzen bereitet,
als der gesamte Aspirin-Vorrat der Erde ausgleichen könnte. Noch
in Gobos durfte ich feststellen, wie gefährlich das Unwissen
gegenüber dem Wissen und der Gesundheit ist…
Mittwoch,
22. August, 12:07 Uhr, Gobos.
„Kaum
spricht mich jemand an, schon hasst er mich", jammerte Chontamenti.
„Krieg
dich wieder ein", meinte Vinyó nur, dem langsam der
Geduldsfaden riss. „Und wo zum Teufel sind wir überhaupt?"
„Ich
habe keine Ahnung…", gab Aicard zu.
„Großartig!",
maulte Chontamenti.
„Ich
weiß, wo es lang geht", meldete sich Gaga zu Wort. Die
Anderen beäugten ihn misstrauisch.
„Ernsthaft?",
vergewisserte sich Aicard.
„Ernsthaft."
„Na
dann, zeig uns den Weg", gestikulierte Aicard in den Wald hinein.
„Wir müssen zur roten Hütte, wie du weißt…"
„Kein
Problem", sagte Gaga.
Nach drei
Stunden wurde Aicard klar, dass sie sich hoffnungslos verirrt hatten.
„Ja, hör
auf Shorty, dann lebst du länger! Den Gag kannte ich schon!",
klagte Vinyó.
„Stattdessen
bin ich hier im tiefsten Urwald mit Dschungel-Junge Gaga, Poncho und
Pablo…"
„Wir
sind gleich da, ernsthaft!", versicherte Gaga.
„Hör
mal gut zu Mogli!", fuhr Chontamenti auf. „Ich bin müde, mir
wurde gerade beispielhaft bewiesen, wie es endet, wenn man
Volltrotteln wie dir vertraut und ich habe überhaupt keinen Nerv
mehr auf deine Gobos-Selbstmord-Touristen-Tour!"
„Meine
Rede", murmelte Aicard.
„Du bist
so ein Vollidiot", fing Vinyó die Tirade auf. „Und
außerdem muss ich jetzt lauter sprechen, denn da kommt ein
MONSTER!"
Etwas
brach durchs Unterholz.
„Prima",
schimpfte Chontamenti und lief hinter den anderen Dreien her. Über
Baumstümpfe, Wurzeln und allerlei Getier hüpfend, hechteten
sie in eine unbestimmte Richtung. Sie liefen immer schneller, Vinyó
wagte nicht sich umzudrehen, hörte aber ein Trampeln hinter
sich.
„Stopp!",
hörte er Aicard von vorne rufen, konnte gerade noch bremsen.
Aicard fuchtelte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu behalten. Er,
Gaga und Vinyó standen an der Kante zu einem mörderisch
aussehenden Abhang. Hinter sich hörte Vinyó Chontamenti.
„Stehen bleiben", rief er und spürte Sekunden später
einen dumpfen Schlag. Alle vier polterten den Abhang hinunter,
prallten an Bäumen, Felsen und scheinbar auch Laternen ab. Ein
letzter Aufprall und Vinyó verlor vollständig das
Bewusstsein.
„Hat die
Ziege mir vorhin zugezwinkert?", hörte Vinyó Gaga's
Stimme von weit her.
„Ja und
danach hat sie sich in einen VW-Bus verwandelt. Mann, für wie
bescheuert hältst du mich?", entgegnete Chontamenti.
„Mir war
auch so, als ob sie Ähnliches getan hätte", schaltete
sich Aicard ein.
Vinyó
öffnete die Augen. Fluchend rappelte er sich auf und blickte
seine drei Mitgefährten erwartungsvoll an.
„Was?",
wollte Aicard wissen.
„Was ist
passiert? Was war das für ein Ding?"
„Die
Goldhornziege", antwortete Chontamenti nur.
„Und sie
hat mir von oben zugezwinkert", bemerkte Gaga.
„Hat sie
nicht."
„Egal",
unterbrach Vinyó die Debatte. „Wie kommen wir jetzt zur
roten Hütte?"
„Dreh
dich mal um, Zauberer von Oz", empfahl Chontamenti.
Vinyó
tat es. Sie standen direkt neben der Hütte. In einem leuchtenden
Rot schimmerte ein freundliches Eingangsschild entgegen auf dem in
ebenso freundlichen Buchstaben stand:
Des
Umbaus wegen geschlossen.
„Wir
waren fast da?", erkundigte er sich sprachlos.
„Nicht
nur das. Wie es aussieht sind wir mehrere Male drum herum gelaufen",
ergänzte Aicard und klopfte Gaga auf die Schulter. „Alles sein
Verdienst…"
„Toll.
Vielen Dank, Gaga. Wirklich…"
Sonntag,
26. August, 20:13 Uhr, Konlir.
Ich habe
nicht das Gefühl, die Ausmaße seiner, Gaga's, Dummheit
lebhaft verdeutlicht zu haben. Daher möchte ich noch ein
weiteres Beispiel anschaulich machen. Wie es scheint, versucht Jiko
Gaga seit geraumer Zeit eine Gehaltserhöhung von Mr. Blanche zu
bekommen. Genau habe ich es nicht verstanden, aber er schien zum
trügerischen Schluss gekommen zu sein, dass er durch das
Beweisen seiner vollkommenen Eingeschränktheit eine solche
Gehaltserhöhung erreichen würde. Am Abend der erfolglosen
Suche in Gobos wurde ich Zeuge eines solchen Versuches. Ich muss an
dieser Stelle leider gestehen, dass ich Gaga, um das Vertrauen des
Kretins zu gewinnen, bei ebenjenem vergeblichen Versuch half.
Mittwoch,
22. August, 18:32 Uhr, Konlir.
„Darf
ich hier kurz stören?", fragte Gaga vorsichtig. Er betrat den
Raum, in dem Aicard und Blanche einige Landkarten studierten.
„Natürlich
nicht", meinte Blanche abwesend. „Ich habe immer Zeit für
rüde Unterbrechungen…"
„Mir
schwirrt schon seit Tagen eine Sache im Kopf herum…", sprach Gaga
mysteriös.
„Und du
möchtest, dass ich sie entferne?", vermutete Blanche.
„Ich…äh…nein,
es ist, als ob ein weißes Licht immer näher käme und
dann werde ich plötzlich ohnmächtig…oh…"
Gaga fiel
rückwärts und mit einem Lauten Geräusch auf den Boden.
„Wenn
man ohnmächtig wird, fällt man nach vorne", bemerkte
Blanche und wandte sich wieder der Karte zu.
„Fehlalarm!",
korrigierte Gaga sich. „Aber…oh…"
Mit diesen
Worten fiel er vornüber auf den Schreibtisch. Fluchend schubste
Blanche ihn von selbem herunter.
„Ahks!",
machte Gaga.
„Wie
bitte?", erkundigte sich Blanche, dem die Sache langsam auf die
Nerven ging.
„Ahks!
Uchkatko!"
„Aha",
machte Blanche. „Was ist es, was du versuchst, mir nicht zu sagen?"
„Er
sagte: Es tut weh. Danach nannte er dich einen…", übersetzte
Aicard.
„…einen
was?"
„…er
benutzte ein Schimpfwort."
„Smaha,
smaha!", machte Gaga.
„Was
sagte er?", wandte sich Blanche an Aicard.
„Er
sagte: Smaha, smaha", wiederholte Aicard.
„Danke
sehr!", giftete Blanche.
„Uitowa,
uitowa! Ehhhhh…", sprach Gaga und streckte seine Hand aus.
Blanche
ergriff und schüttelte sie.
„Der
Trick funktioniert nicht! Ehhhhh", machte Blanche ihn nach.
„Jejkrischto
Glismuto!", rief Gaga und verließ den Raum.
„Arigato",
meinte Blanche kopfschüttelnd. „Arigato na…"
Draußen
wartete Gaga auf Aicard.
„Danke,
dass du mir geholfen hast, auch wenn es leider vergebens war…"
„Kein
Problem", erwiderte Aicard. „Man hilft sich ja in der Gruppe…"
Erst viel
später wurde ihm bewusst, was er gesagt hatte.
Sonntag,
26. August, 20:15 Uhr, Konlir.
Und so
brach der vierte Tag meines Aufenthaltes an. Ich hatte schon einiges
über Rico de la Vaca gehört, aber als ich ihn an jenem
Donnerstag traf, schien er überhaupt nicht nach einem
furchtlosen Kämpfer auszusehen…
Donnerstag,
23. August, 15:42 Uhr, Konlir.
„Entschuldigung",
versuchte Aicard auf sich aufmerksam zu machen. Er stand neben la
Vaca im Hinterhof des Hauptquartiers. Der Garten sah etwas
heruntergekommen aus und Aicard konnte der Stadtverwaltung nicht
verdenken, dass sie bei der Revolution freiwillig abgedankt hatte. So
einen Job hätte er auch nicht gerne gehabt.
„Was
genau wird das?", fragte Aicard.
La Vaca
sah ihn misstrauisch an. „Das wüsstest du wohl gerne, nicht
wahr?"
Nach einem
Augenblick schien ihm aufzufallen, wie kindisch sich das anhören
musste. Er trat einen Schritt auf Aicard zu.
„Nun gut, Meister aller Klassen. Du hast doch
sicher schon einmal von Taunt and Tacit gehört, oder?"
Aicard
schien innerlich zu schrumpfen. „Ja, habe ich…"
„Nun,
sie sind hinter uns her! Die Anderen wollen es mir nicht glauben,
aber ich kenne die Wahrheit. Eines Tages greifen sie an. Dafür
habe ich diese Schutzlöcher ausgehoben."
La Vaca
deutete auf eine sargähnliche Ausbuchtung im Garten. Das
geschaufelte Loch sah nicht gerade sehr einladend aus, aber Aicard
musste zugeben, dass, sobald ein Tunnel gebaut war, die Grube leicht
zu verteidigen sein musste.
„Erstaunlich", kommentierte er.
„Ja,
nicht wahr?"
„Und
wann wird der Tunnel gebaut?"
„Welcher
Tunnel?", erkundigte sich la Vaca erstaunt.
„Nun,
eine Grube allein wird sicherlich nicht als Verteidigungsstellung
reichen, oder?"
„Verteidigungsstellung?
Das ist ein Versteck! Meine Güte… Verteidigungsstellung. Also
echt…"
Murmelnd
zog la Vaca von Dannen und ließ einen erstaunten Aicard zurück.
Sonntag,
26. August, 20:20 Uhr, Konlir.
Auch Vinyó
Kre ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Gerade wenn man
denkt, man kennt ihn, erstaunt er einen ein weiteres Mal. Am nächsten
Tag, die gegebene Zeit, die die Gruppe hatte, um die Goldhornziege zu
fangen, wurde langsam knapp, selbst dann hatte Vinyó noch Zeit
für seine Witze…
Freitag,
24. August, 10:16 Uhr, Konlir.
„Psst!
Hey! Aicard, komm mal schnell hierher!", zischte Vinyó. Er
stand im Hinterhof und hielt einen Wasserschlauch in der Hand.
Aicard
tat, wie ihm geheißen. „Ja bitte?"
„Hilf
mal eben mit", bat Vinyó und drückte ihm den
Wasserschlauch in die Hand. Yax, der am Hintereingang des
Hauptquartiers stand, drehte auf ein Zeichen von Vinyó das
Wasser auf. Vinyó ließ den Schlauch in die Grube hinab.
„Was
soll ich noch tun?", erkundigte sich Aicard nach ein paar Minuten
verwirrt. Die Grube hatte sich fast komplett gefüllt.
„Pass
auf", meinte Vinyó und gab Yax erneut ein Zeichen, der das
Wasser daraufhin abstellte und verschwand. „Wir verstecken den
Wasserschlauch und danach uns. Dann schrei so laut du kannst: „Taunt
and Tacit! Alarm! Soweit verstanden?"
Aicard
nickte, es dämmerte ihm langsam, auf was Vinyó hinaus
wollte. Sie taten es wie besprochen.
Aicard räusperte sich und
rief: „Taunt and Tacit! Alarm! Sie sind hier!"
Vinyó
stimmte mit in den Warngesang ein und sie beobachteten, hinter der
Hauswand versteckt, wie la Vaca schreiend und brüllend die
Hintertür aufriss.
„Alarm!
Alarm!", schrie er und rannte auf seine Grube zu.
Es gab ein
lautes Platschen und Vinyó verschwand glucksend im Haus.
Sonntag,
26. August, 20:24 Uhr, Konlir.
Nach
etlichen unnötigen Plackereien am Samstag, die zu keinem
Ergebnis und viel Frust führten, hatten wir die Goldhornziege am
Sonntag, ergo heute eingekesselt. In der Kakteenebene von Nawor
begegneten wir ihr. Ausgerechnet die letzte Person, die ich
beschreibe, half uns zu dem wohlverdienten Geld. Yaxva Tijet brachte
uns trotz widriger Umstände den Sieg…
Sonntag,
26. August, 13:37 Uhr, Nawor.
„Dort
vorne", flüsterte Blanche. Der Rest nickte nur. Sie lagen auf
einem Hügel in Nawor und blickten auf die Ebene hinunter, in der
die Goldhornziege graste. Allein die Ruhe, die sie dabei ausstrahlte,
schien sie verspotten zu wollen. Nach einer knappen Woche hatten sie
sie vor sich und doch war die Situation zerbrechlich wie
China-Porzellan. Ein falsches Geräusch könnte jede ihrer
Hoffnungen zunichte machen.
„Dann
los", meinte la Vaca und wollte aufstehen, doch Blanche hielt ihn
zurück.
„Wir
müssen es geschickter anstellen…"
„Ich
hätte eine Idee", meldete sich Aicard zu Wort.
„Hey!
Ziege! Hier bin ich!", rief Yax etwas lahm. „Hörst du mich,
du blödes Vieh?"
„Spielt
er Ohrenabkauen oder was?", fragte Vinyó genervt. „Komm
schon, lock sie hier her!"
„Jetzt
sieh mich an du dumme Kuh!", brüllte Yax. Er machte ein
merkwürdiges Geräusch, das wohl den Ton einer Goldhornziege
imitieren sollte: „Mähh…"
„Das
klang ja schön. Kannst du auch eine Ziege nachmachen? Du
brauchst übrigens nicht zu schreien, mein Gehör ist nicht
beeinträchtigt. Außerdem bin ich eine Ziege", meinte die
Goldhornziege und drehte sich schlussendlich zum völlig
verdatterten Yax um. Dieser starrte sie nur an, unfähig etwas zu
sagen.
„Du
willst mich zu deinen Freunden nach dort hinten locken, nicht wahr?
Dabei müsst ihr mich doch nur an den Ort meiner Bestimmung
bringen…", erklärte die Goldhornziege, in einem Tonfall, in
dem man normalerweise mit Fünfjährigen spricht.
Normalerweise sprachen Ziegen aber auch nicht.
„Nun,
genau genommen ist das unser Plan, ja. Aber woher wusstest du…?",
fragte Yax, der sich inzwischen wieder gefangen hatte.
„Mein
Gehör ist nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern auch
erstaunlich gut entwickelt."
„Aha.
Und wo ist jetzt der Ort deiner Bestimmung?", erkundigte sich Yax
hilflos.
„Es ist
immer besser, freundlich zu fragen", sagte die Goldhornziege. „Mein
Name ist übrigens…"
„Entschuldigung,
wie war dein Name?", hakte Yax nicht unfreundlich nach.
„…"
„Nun,
das erklärt einiges", stimmte Yax zu. „Also, noch einmal.
Könntest du, oh Licht, das selbst der Sonne trotzt, oh
wunderbare Ziege, mir bitte erklären, wo vielleicht dein
Bestimmungsort liegt. Nur wenn du willst", fügte er hastig an.
Die
Goldhornziege nickte stumm und blickte dann zur Seite.
„Äh.
Bist du sicher, dass…", begann Yax.
„Ich bin
sicher."
„Nun, in
dem Fall…"
Yax
schritt in die Richtung, in die die Ziege geblickt hatte. Aus den
Augenwinkeln sah er, wie die Ziege ihm folgte. Ihm war leicht mulmig
zumute. Er hatte es hier sicherlich mit einem intelligenten Wesen zu
tun und es war oft schlimmer, mit intelligenten Wesen zu reden, als
mit normalen oder gar mit Gaga, wie er aus eigener leidlicher
Erfahrung wusste.
„Stopp",
sagte die Goldhornziege. Yax blieb fassungslos stehen. „Wie meinst
du das, stopp?"
„Stopp",
wiederholte sie.
„Das
war's?"
„Das
war's", echote die Ziege.
„Das
waren kaum fünf Meter!", meinte Yax ungläubig.
„Viereinhalb",
korrigierte sie. „Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu
machen, Yaxva Tijet…"
Mit diesen
Worten löste sie sich in Luft auf und nur eine kleine Statue
blieb zurück. Yax blieb wie angewurzelt stehen, auch nachdem
sich die anderen Auftragskiller zu ihm gesellten. Was ihn mehr als
alles Andere verunsicherte, war nicht, dass die Ziege gesprochen oder
dass sie sich in Luft aufgelöst hatte. Es war vielmehr, dass Yax
sich nicht erinnern konnte, seinen Namen gesagt zu haben.
Kopfschüttelnd ließ er die Gratulationen der Anderen über
sich ergehen.
Sonntag,
26. August, 20:30 Uhr, Konlir.
„Hier",
meinte Blanche und hielt Aicard einen kleinen Beutel mit Goldmünzen
hin. Wortlos verschwand er, dafür nahm Abanderada seinen Platz
ein.
„Warum sitzt du hier wortlos in der Ecke? Los, wir haben heute
unsere lupenreine Bilanz bestätigt!"
„Ich
gehe", meinte Aicard nur. Er hatte seinen Entschluss gerade erst
gefasst.
„Wie
meinst du das, du gehst?", erkundigte sich Regley. Inzwischen war
es ziemlich ruhig geworden. Alle sahen Aicard an.
„Ich
gehe", wiederholte dieser. „Es war sehr nett in eurer Gruppe,
aber ich habe noch viel Arbeit vor mir…"
„Du
kannst nicht gehen! Du bist jetzt Teil der Auftragskiller!",
entrüstete sich Gaga.
„Bitte,
es würde uns freuen, wenn du bleibst", bestätigte
Blanche.
Aicard
überlegte kurz, sah dann von seinem Brief zu den Auftragskillern
und wieder zurück.
„In
Ordnung", sagte er schließlich. „Ich bleibe…"
Geehrter
Videm.
Nach
reiflicher Überlegung muss ich nun folgende Zeilen, so
verärgernd sie sie auch finden mögen, schreiben. Es hat in
meinen Augen keinen Sinn, die Auftragskiller nach nur einer Woche zu
verlassen. Auch wenn es in diesem Brief oft nicht den Anschein hatte:
Die Auftragskiller sind eine der komplexesten Gruppen der Welt. Ich
werde diesen Brief daher mit einiger Verspätung, aber dafür
mit noch ausführlicheren Informationen abschicken. Mögen
Sie mir diese Tat verzeihen, aber ich glaube die Auftragskiller sind
es wert, genauer unter die Lupe genommen zu werden…
