Kapitel 11 – Nummer Dreiunddreißig

Montag, 20. August, 11:05 Uhr, Konlir.
„Darf ich euch alle mit Limoux Aicard bekannt machen? Er schloss sich unserer Gruppe gestern an", sagte la Vaca und deutete auf einen Serum, der in der Ecke stand und ihnen alle stumm zunickte. Sie befanden sich in ihrem bisher dritten Hauptquartier und Aicard musste zugeben, dass ihnen die Innendekoration gut gelungen war. Neben einer Waffenkammer gab es einzelne Zimmer, Küche, Bad, Wohnzimmer (in welchem sie sich gerade befanden) und Balkon. Nur der Hinterhof sah etwas heruntergekommen aus. Aicard hatte sich noch nicht ansatzweise ein Bild der Gruppe gemacht. Die Auftragskiller schienen so bunt zusammengewürfelt, wie seine Musiksammlung. Offensichtlich jedoch waren Sinn, Zweck und Aufgabenbereich der Gruppe weitaus anders ausgerichtet als seine Musiksammlung.
Regley stellte sie der Reihe nach vor und begann dann mit der Besprechung zum neuen Auftrag: „Diesmal ist es ein harmloser Job. Wir sollen nur die Goldhornziege finden und an ihren Bestimmungsort bringen. Dafür haben wir ab heute sieben Tage Zeit. Wenn alles gut läuft, bekommen wir am Sonntag unser Geld. Also dann, an die Arbeit…"

Sonntag, 26. August, 19:50 Uhr, Konlir.
Limoux Aicard saß in der Ecke des Raumes, in dem die restlichen Auftragskiller sich zu ihrem erneut wohl verdienten Geld beglückwünschten. Getränke wurden herumgereicht, ebenso wie Goldstücke, Lotterielose und allerlei Haushaltsgeräte. Ob dies einen Sinn verfolgte, bleibt fraglich. Aicard nahm einen Briefbogen heraus und begann zu schreiben…

Geehrter Videm,
ganz nach ihren Anweisungen habe ich für unsere Organisation Taunt and Tacit die nötigen Informationen über die Gruppe der „Auftragskiller" gesammelt. Da sie offiziell keinen Anführer besitzen, fange ich in alphabetischer Reihenfolge an. Zuerst wäre da Abanderada Varuna. Er ist ein sehr transparenter und simpel gestrickter Charakter. Seine Jovialität übersteigt die Leistung seines Cerebrums bei weitem, wie ich gleich am ersten Tag bei den Auftragskillern feststellte…

Montag, 20. August, 11:10 Uhr, Konlir.
„Also, Abanderada, du erkundigst dich nach dem Aufenthaltsort der Ziege. Blanche, Gaga, Chontamenti und la Vaca, ihr sammelt die nötigen Materialien für unsere Reise. Alle anderen bleiben hier und bereiten sich zum Aufbrechen vor", empfahl Regley. „Mann, muss ich immer mit dem in einer Gruppe sein?", maulte Yax und deutete auf Vinyó. Die anderen stimmten zu. „Na toll…", grummelte Vinyó. „Jetzt krieg dich wieder ein. Mir gefällt es auch nicht, mit den drei Musketieren in einer Gruppe zu sein", jammerte Chontamenti und deutete auf la Vaca, Gaga und Blanche.
„Wir ändern die Gruppe bestimmt noch", versicherte Blanche genervt.
„Hoffentlich tun wir das", murmelte la Vaca.

Montag, 20. August, 11:30 Uhr, Konlir.
Abanderada klopfte an der Tür. Vinyó öffnete und sah ihn erstaunt an.
„Das ging aber schnell…"
„Ja, nicht wahr?", meinte Abanderada stolz.
„Und?", wollte Regley wissen. „Wo ist die Goldhornziege?"
„Keine Ahnung, aber mit dieser Schriftrolle werden wir es herausfinden!", sagte Abanderada und wedelte mit einem Stück Pergament. Einen Augenblick herrschte Stille. „Das darf doch nicht wahr sein!", ergriff dann Yax das Wort. „Eine Schriftrolle der Lebenden? Damit finden wir keine ZIEGEN!"
„Wirklich nicht?", fragte Abanderada schwach.
„Wirklich nicht", bestätigte Regley.

Sonntag, 26. August, 19:55 Uhr, Konlir.
Das ist allerdings nur eines von vielen Beispielen, die ich im Laufe der Woche habe erleben dürfen. Ich schätze es ist nun Zeit, Graf Aloysius Regley von Hinterwaldigen, den von sich selbst eingenommenen Onlo der Gruppe zu beschreiben. Regley ist eine sehr intellektreiche und eitle Persönlichkeit und sein Intellekt wird nur von seiner Eitelkeit übertroffen. Er scheint die Leistung seines Cerebrums oftmals zu unterschätzen, was allerdings keinen ernsthaften Schaden bei einem Auftrag anrichtet. Ein erstes Gespräch mit ihm fand am Tag nach meiner Ankunft statt…

Dienstag, 21. August, 01:10 Uhr, Kuridan.
Aicard, la Vaca und Regley harrten in dem hohen Grases aus, von dem sie wussten, dass es gleich von der Goldhornziege passiert werden würde. Sie hatten einen angeblich todsicheren Tipp über ihren Aufenthaltsort erhalten. Ärgerlicherweise mitten in der Nacht.
„Vinyó bezeichnete ihre Fähigkeiten als herausragend und unglaublich", log Aicard leise in Richtung von Regley, um eine Konversation zu beginnen.
„Das mag ihm so vorkommen, für mich ist so etwas alltäglich…", antwortete Regley herablassend. Aicard verdrehte im Dunkeln die Augen, was Regley zum Glück nicht bemerkte.
„Oh, Entschuldigung das ich existiere", fauchte Vinyó, der sich der Gruppe soeben angeschlossen hatte.
„Ich würde, aber es ist unmöglich. Es gibt keine Entschuldigung für so etwas", sprach Regley ruhig.
„Sei ruhig!", brüllte der Zauberer und zog seine Waffe. Sie hörten ein Rascheln und sahen die Goldhornziege hinter einem Felsen verschwinden.
„Gut gemacht!", lobte la Vaca.

Sonntag, 26. August, 20:00 Uhr, Konlir.
Sollte Regley eine von sich überzeugte Person sein, ist sie nichts im Vergleich zu Antoine Blanche. Ich weiß nichts über die genauen Umstände, aber er schien vor nicht allzu langer Zeit eine Begegnung mit einem Taruner namens Mr. Noir gemacht zu haben. Diese Begegnung schien einen großen Riss in Blanches Ego verursacht zu haben. Am Abend meines zweiten Tages eskalierte die Situation…

Dienstag, 21. August, 19:40 Uhr, Konlir.
„Verdammt, Blanche! Was ist los?", erkundigte sich la Vaca. Blanche torkelte mit einer Flasche Taunektarbier in der Hand in den Raum.
„Noir", formte Regley mit dem Mund, als er die Tür hinter Blanche schloss. Blanche schlurfte in die Ecke, in der Vinyó und Yax saßen, die ihn jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen ansahen.
„Yux! Vimto! Isch freue misch eusch zu schehen!"
„Ich wünschte, ich könnte so etwas wie ´gleichfalls´ sagen…", antwortete Vinyó.
„Wie bitte?", nuschelte Blanche.
„Isch schagte: Isch wünschte, isch könnte sowasch wie ´gleischfalsch´ schagen", ahmte Vinyó seinen Akzent nach.
„Aha", nickte Blanche. „Aber esch isch wirklisch tschum auschraschten! Diescher Taruner wollte den groschen, den unvergleisch….unvergleisch….den groschen Blansche übertrumpfen. Dasch isch doch unerhört!"
„Kannst du nicht irgendwas machen?", fragte Aicard an Vinyó gewandt.
„Ich wünschte, ich könnte", antwortete dieser. „Blanche, sprich bitte etwas deutlicher."
„Keine Schorge", nuschelte Blanche. „Einesch Tages wird er älter als isch sein und dann…dann…dann ischt er älter. So!"
Blanche schien bemerkt zu haben, wie er von Aicard fassungslos angestarrt wurde.
„Huch! Aha! Die gruschelige Grablischt-Grille isch auch da! Aicard, altesch Haus! Wie geht'sch?"

Sonntag, 26. August, 20:05 Uhr, Konlir.
Als nächste Person dürfte wohl Chontamenti folgen, der Serum-Geist. Irgendwie scheint er nicht einmal zu seinen Artgenossen freundlich zu sein. Am dritten Tag durfte ich am frühen Morgen einen Suchtrupp nach Gobos leiten. Mit unterwegs waren Chontamenti, Vinyó und Gaga…

Mittwoch, 22. August, 07:30 Uhr, Gobos.
„Chontamenti, glaubst du, dass die Goldhornziege hier ist?", erkundigte sich Vinyó.
„Ich glaube, wir irren hier durch den schlecht beleuchteten Zauberwald und haben keine Ahnung, wohin wir laufen. Das kleine Stück Land, das du immer haben wolltest, Vinyó? Eben…"
„Wow, du musst echt gute Laune haben, um so wenig Hass zu verdeutlichen…"
„Ich bin müde und habe keine Lust zu verdeutlichen, wie sehr ich euch hasse. Was würde es für einen Unterschied machen? Ihr seid sowieso fröhlich und unwissend…"
„Ganz genau", bekräftigte Vinyó. „Aber irgendwie besser als deprimiert und wissend…"
„Außerdem frage ich mich immer noch, warum dieser Grünschnabel dieses Suizidkommando leiten darf. Als wären wir nicht ohnehin so gut wie tot…"
„Du hast wohl gegen jeden Vorurteile", bemerkte Aicard.
„Das sind keine Vorurteile, das ist pure Beobachtung. Du hast einen Schaden. Und irgendwie finde ich es falsch, dass du in der Gruppe bist. Ich hasse dich, du bist schlimmer als Vinyó…"
Aicard wurde etwas unwohl. Er bekam das Gefühl, dass Chontamenti mehr wusste oder ahnte, als er gesagt hatte. Was schlimm wäre.
„Und du meinst, es ist eine schlechte Idee hier nach der Goldhornziege zu suchen?", fragte Gaga.
„Du meinst, ich finde es eine schlechte Idee, sich mit vier Leuten durch Endor zu plagen, kaum bewaffnet und umgeben von Feinden? Verdammt, natürlich nicht. Es ist die beste Idee, die ich je gehört habe!"
„Ignoratio elenchi. Darum geht es. Das ist der Trick…", murmelte Aicard und zog weiter.
Mit fragendem Gesichtsaudruck folgten seine Gefährten.

Sonntag, 26. August, 20:10 Uhr, Konlir.
Nach gründlichem durchlesen der bisherigen Zeilen muss ich mich erneut korrigieren: Abanderada Varuna ist einfältig und hinterwäldlerisch, zweifellos. Aber verglichen zu dem Arbeiter der Gruppe ist er einem Einstein nicht unähnlich. Jiko Gaga ist die mit Abstand dümmste Person, die diese Welt je bewohnt hat. Unangefochten steht er ganz oben auf sämtlichen Listen der beschränkten Menschen aller Länder. Ich vermute in seinem Leben hat er der Weltbevölkerung mehr Kopfschmerzen bereitet, als der gesamte Aspirin-Vorrat der Erde ausgleichen könnte. Noch in Gobos durfte ich feststellen, wie gefährlich das Unwissen gegenüber dem Wissen und der Gesundheit ist…

Mittwoch, 22. August, 12:07 Uhr, Gobos.
„Kaum spricht mich jemand an, schon hasst er mich", jammerte Chontamenti.
„Krieg dich wieder ein", meinte Vinyó nur, dem langsam der Geduldsfaden riss. „Und wo zum Teufel sind wir überhaupt?"
„Ich habe keine Ahnung…", gab Aicard zu.
„Großartig!", maulte Chontamenti.
„Ich weiß, wo es lang geht", meldete sich Gaga zu Wort. Die Anderen beäugten ihn misstrauisch.
„Ernsthaft?", vergewisserte sich Aicard.
„Ernsthaft."
„Na dann, zeig uns den Weg", gestikulierte Aicard in den Wald hinein. „Wir müssen zur roten Hütte, wie du weißt…"
„Kein Problem", sagte Gaga.
Nach drei Stunden wurde Aicard klar, dass sie sich hoffnungslos verirrt hatten.
„Ja, hör auf Shorty, dann lebst du länger! Den Gag kannte ich schon!", klagte Vinyó.
„Stattdessen bin ich hier im tiefsten Urwald mit Dschungel-Junge Gaga, Poncho und Pablo…"
„Wir sind gleich da, ernsthaft!", versicherte Gaga.
„Hör mal gut zu Mogli!", fuhr Chontamenti auf. „Ich bin müde, mir wurde gerade beispielhaft bewiesen, wie es endet, wenn man Volltrotteln wie dir vertraut und ich habe überhaupt keinen Nerv mehr auf deine Gobos-Selbstmord-Touristen-Tour!"
„Meine Rede", murmelte Aicard.
„Du bist so ein Vollidiot", fing Vinyó die Tirade auf. „Und außerdem muss ich jetzt lauter sprechen, denn da kommt ein MONSTER!"
Etwas brach durchs Unterholz.
„Prima", schimpfte Chontamenti und lief hinter den anderen Dreien her. Über Baumstümpfe, Wurzeln und allerlei Getier hüpfend, hechteten sie in eine unbestimmte Richtung. Sie liefen immer schneller, Vinyó wagte nicht sich umzudrehen, hörte aber ein Trampeln hinter sich.
„Stopp!", hörte er Aicard von vorne rufen, konnte gerade noch bremsen. Aicard fuchtelte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu behalten. Er, Gaga und Vinyó standen an der Kante zu einem mörderisch aussehenden Abhang. Hinter sich hörte Vinyó Chontamenti.
„Stehen bleiben", rief er und spürte Sekunden später einen dumpfen Schlag. Alle vier polterten den Abhang hinunter, prallten an Bäumen, Felsen und scheinbar auch Laternen ab. Ein letzter Aufprall und Vinyó verlor vollständig das Bewusstsein.
„Hat die Ziege mir vorhin zugezwinkert?", hörte Vinyó Gaga's Stimme von weit her.
„Ja und danach hat sie sich in einen VW-Bus verwandelt. Mann, für wie bescheuert hältst du mich?", entgegnete Chontamenti.
„Mir war auch so, als ob sie Ähnliches getan hätte", schaltete sich Aicard ein.
Vinyó öffnete die Augen. Fluchend rappelte er sich auf und blickte seine drei Mitgefährten erwartungsvoll an.
„Was?", wollte Aicard wissen.
„Was ist passiert? Was war das für ein Ding?"
„Die Goldhornziege", antwortete Chontamenti nur.
„Und sie hat mir von oben zugezwinkert", bemerkte Gaga.
„Hat sie nicht."
„Egal", unterbrach Vinyó die Debatte. „Wie kommen wir jetzt zur roten Hütte?"
„Dreh dich mal um, Zauberer von Oz", empfahl Chontamenti.
Vinyó tat es. Sie standen direkt neben der Hütte. In einem leuchtenden Rot schimmerte ein freundliches Eingangsschild entgegen auf dem in ebenso freundlichen Buchstaben stand:
Des Umbaus wegen geschlossen.
„Wir waren fast da?", erkundigte er sich sprachlos.
„Nicht nur das. Wie es aussieht sind wir mehrere Male drum herum gelaufen", ergänzte Aicard und klopfte Gaga auf die Schulter. „Alles sein Verdienst…"
„Toll. Vielen Dank, Gaga. Wirklich…"

Sonntag, 26. August, 20:13 Uhr, Konlir.
Ich habe nicht das Gefühl, die Ausmaße seiner, Gaga's, Dummheit lebhaft verdeutlicht zu haben. Daher möchte ich noch ein weiteres Beispiel anschaulich machen. Wie es scheint, versucht Jiko Gaga seit geraumer Zeit eine Gehaltserhöhung von Mr. Blanche zu bekommen. Genau habe ich es nicht verstanden, aber er schien zum trügerischen Schluss gekommen zu sein, dass er durch das Beweisen seiner vollkommenen Eingeschränktheit eine solche Gehaltserhöhung erreichen würde. Am Abend der erfolglosen Suche in Gobos wurde ich Zeuge eines solchen Versuches. Ich muss an dieser Stelle leider gestehen, dass ich Gaga, um das Vertrauen des Kretins zu gewinnen, bei ebenjenem vergeblichen Versuch half.

Mittwoch, 22. August, 18:32 Uhr, Konlir.
„Darf ich hier kurz stören?", fragte Gaga vorsichtig. Er betrat den Raum, in dem Aicard und Blanche einige Landkarten studierten.
„Natürlich nicht", meinte Blanche abwesend. „Ich habe immer Zeit für rüde Unterbrechungen…"
„Mir schwirrt schon seit Tagen eine Sache im Kopf herum…", sprach Gaga mysteriös.
„Und du möchtest, dass ich sie entferne?", vermutete Blanche.
„Ich…äh…nein, es ist, als ob ein weißes Licht immer näher käme und dann werde ich plötzlich ohnmächtig…oh…"
Gaga fiel rückwärts und mit einem Lauten Geräusch auf den Boden.
„Wenn man ohnmächtig wird, fällt man nach vorne", bemerkte Blanche und wandte sich wieder der Karte zu.
„Fehlalarm!", korrigierte Gaga sich. „Aber…oh…"
Mit diesen Worten fiel er vornüber auf den Schreibtisch. Fluchend schubste Blanche ihn von selbem herunter.
„Ahks!", machte Gaga.
„Wie bitte?", erkundigte sich Blanche, dem die Sache langsam auf die Nerven ging.
„Ahks! Uchkatko!"
„Aha", machte Blanche. „Was ist es, was du versuchst, mir nicht zu sagen?"
„Er sagte: Es tut weh. Danach nannte er dich einen…", übersetzte Aicard.
„…einen was?"
„…er benutzte ein Schimpfwort."
„Smaha, smaha!", machte Gaga.
„Was sagte er?", wandte sich Blanche an Aicard.
„Er sagte: Smaha, smaha", wiederholte Aicard.
„Danke sehr!", giftete Blanche.
„Uitowa, uitowa! Ehhhhh…", sprach Gaga und streckte seine Hand aus.
Blanche ergriff und schüttelte sie.
„Der Trick funktioniert nicht! Ehhhhh", machte Blanche ihn nach.
„Jejkrischto Glismuto!", rief Gaga und verließ den Raum.
„Arigato", meinte Blanche kopfschüttelnd. „Arigato na…"
Draußen wartete Gaga auf Aicard.
„Danke, dass du mir geholfen hast, auch wenn es leider vergebens war…"
„Kein Problem", erwiderte Aicard. „Man hilft sich ja in der Gruppe…"
Erst viel später wurde ihm bewusst, was er gesagt hatte.

Sonntag, 26. August, 20:15 Uhr, Konlir.
Und so brach der vierte Tag meines Aufenthaltes an. Ich hatte schon einiges über Rico de la Vaca gehört, aber als ich ihn an jenem Donnerstag traf, schien er überhaupt nicht nach einem furchtlosen Kämpfer auszusehen…

Donnerstag, 23. August, 15:42 Uhr, Konlir.
„Entschuldigung", versuchte Aicard auf sich aufmerksam zu machen. Er stand neben la Vaca im Hinterhof des Hauptquartiers. Der Garten sah etwas heruntergekommen aus und Aicard konnte der Stadtverwaltung nicht verdenken, dass sie bei der Revolution freiwillig abgedankt hatte. So einen Job hätte er auch nicht gerne gehabt.
„Was genau wird das?", fragte Aicard.
La Vaca sah ihn misstrauisch an. „Das wüsstest du wohl gerne, nicht wahr?"
Nach einem Augenblick schien ihm aufzufallen, wie kindisch sich das anhören musste. Er trat einen Schritt auf Aicard zu.
„Nun gut, Meister aller Klassen. Du hast doch sicher schon einmal von Taunt and Tacit gehört, oder?"
Aicard schien innerlich zu schrumpfen. „Ja, habe ich…"
„Nun, sie sind hinter uns her! Die Anderen wollen es mir nicht glauben, aber ich kenne die Wahrheit. Eines Tages greifen sie an. Dafür habe ich diese Schutzlöcher ausgehoben."
La Vaca deutete auf eine sargähnliche Ausbuchtung im Garten. Das geschaufelte Loch sah nicht gerade sehr einladend aus, aber Aicard musste zugeben, dass, sobald ein Tunnel gebaut war, die Grube leicht zu verteidigen sein musste.
„Erstaunlich", kommentierte er.
„Ja, nicht wahr?"
„Und wann wird der Tunnel gebaut?"
„Welcher Tunnel?", erkundigte sich la Vaca erstaunt.
„Nun, eine Grube allein wird sicherlich nicht als Verteidigungsstellung reichen, oder?"
„Verteidigungsstellung? Das ist ein Versteck! Meine Güte… Verteidigungsstellung. Also echt…"
Murmelnd zog la Vaca von Dannen und ließ einen erstaunten Aicard zurück.

Sonntag, 26. August, 20:20 Uhr, Konlir.
Auch Vinyó Kre ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Gerade wenn man denkt, man kennt ihn, erstaunt er einen ein weiteres Mal. Am nächsten Tag, die gegebene Zeit, die die Gruppe hatte, um die Goldhornziege zu fangen, wurde langsam knapp, selbst dann hatte Vinyó noch Zeit für seine Witze…

Freitag, 24. August, 10:16 Uhr, Konlir.
„Psst! Hey! Aicard, komm mal schnell hierher!", zischte Vinyó. Er stand im Hinterhof und hielt einen Wasserschlauch in der Hand.
Aicard tat, wie ihm geheißen. „Ja bitte?"
„Hilf mal eben mit", bat Vinyó und drückte ihm den Wasserschlauch in die Hand. Yax, der am Hintereingang des Hauptquartiers stand, drehte auf ein Zeichen von Vinyó das Wasser auf. Vinyó ließ den Schlauch in die Grube hinab.
„Was soll ich noch tun?", erkundigte sich Aicard nach ein paar Minuten verwirrt. Die Grube hatte sich fast komplett gefüllt.
„Pass auf", meinte Vinyó und gab Yax erneut ein Zeichen, der das Wasser daraufhin abstellte und verschwand. „Wir verstecken den Wasserschlauch und danach uns. Dann schrei so laut du kannst: „Taunt and Tacit! Alarm! Soweit verstanden?"
Aicard nickte, es dämmerte ihm langsam, auf was Vinyó hinaus wollte. Sie taten es wie besprochen.
Aicard räusperte sich und rief: „Taunt and Tacit! Alarm! Sie sind hier!"
Vinyó stimmte mit in den Warngesang ein und sie beobachteten, hinter der Hauswand versteckt, wie la Vaca schreiend und brüllend die Hintertür aufriss.
„Alarm! Alarm!", schrie er und rannte auf seine Grube zu.
Es gab ein lautes Platschen und Vinyó verschwand glucksend im Haus.

Sonntag, 26. August, 20:24 Uhr, Konlir.
Nach etlichen unnötigen Plackereien am Samstag, die zu keinem Ergebnis und viel Frust führten, hatten wir die Goldhornziege am Sonntag, ergo heute eingekesselt. In der Kakteenebene von Nawor begegneten wir ihr. Ausgerechnet die letzte Person, die ich beschreibe, half uns zu dem wohlverdienten Geld. Yaxva Tijet brachte uns trotz widriger Umstände den Sieg…

Sonntag, 26. August, 13:37 Uhr, Nawor.
„Dort vorne", flüsterte Blanche. Der Rest nickte nur. Sie lagen auf einem Hügel in Nawor und blickten auf die Ebene hinunter, in der die Goldhornziege graste. Allein die Ruhe, die sie dabei ausstrahlte, schien sie verspotten zu wollen. Nach einer knappen Woche hatten sie sie vor sich und doch war die Situation zerbrechlich wie China-Porzellan. Ein falsches Geräusch könnte jede ihrer Hoffnungen zunichte machen.
„Dann los", meinte la Vaca und wollte aufstehen, doch Blanche hielt ihn zurück.
„Wir müssen es geschickter anstellen…"
„Ich hätte eine Idee", meldete sich Aicard zu Wort.

„Hey! Ziege! Hier bin ich!", rief Yax etwas lahm. „Hörst du mich, du blödes Vieh?"
„Spielt er Ohrenabkauen oder was?", fragte Vinyó genervt. „Komm schon, lock sie hier her!"
„Jetzt sieh mich an du dumme Kuh!", brüllte Yax. Er machte ein merkwürdiges Geräusch, das wohl den Ton einer Goldhornziege imitieren sollte: „Mähh…"
„Das klang ja schön. Kannst du auch eine Ziege nachmachen? Du brauchst übrigens nicht zu schreien, mein Gehör ist nicht beeinträchtigt. Außerdem bin ich eine Ziege", meinte die Goldhornziege und drehte sich schlussendlich zum völlig verdatterten Yax um. Dieser starrte sie nur an, unfähig etwas zu sagen.
„Du willst mich zu deinen Freunden nach dort hinten locken, nicht wahr? Dabei müsst ihr mich doch nur an den Ort meiner Bestimmung bringen…", erklärte die Goldhornziege, in einem Tonfall, in dem man normalerweise mit Fünfjährigen spricht. Normalerweise sprachen Ziegen aber auch nicht.
„Nun, genau genommen ist das unser Plan, ja. Aber woher wusstest du…?", fragte Yax, der sich inzwischen wieder gefangen hatte.
„Mein Gehör ist nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern auch erstaunlich gut entwickelt."
„Aha. Und wo ist jetzt der Ort deiner Bestimmung?", erkundigte sich Yax hilflos.
„Es ist immer besser, freundlich zu fragen", sagte die Goldhornziege. „Mein Name ist übrigens…"
„Entschuldigung, wie war dein Name?", hakte Yax nicht unfreundlich nach.
„…"
„Nun, das erklärt einiges", stimmte Yax zu. „Also, noch einmal. Könntest du, oh Licht, das selbst der Sonne trotzt, oh wunderbare Ziege, mir bitte erklären, wo vielleicht dein Bestimmungsort liegt. Nur wenn du willst", fügte er hastig an.
Die Goldhornziege nickte stumm und blickte dann zur Seite.
„Äh. Bist du sicher, dass…", begann Yax.
„Ich bin sicher."
„Nun, in dem Fall…"
Yax schritt in die Richtung, in die die Ziege geblickt hatte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Ziege ihm folgte. Ihm war leicht mulmig zumute. Er hatte es hier sicherlich mit einem intelligenten Wesen zu tun und es war oft schlimmer, mit intelligenten Wesen zu reden, als mit normalen oder gar mit Gaga, wie er aus eigener leidlicher Erfahrung wusste.
„Stopp", sagte die Goldhornziege. Yax blieb fassungslos stehen. „Wie meinst du das, stopp?"
„Stopp", wiederholte sie.
„Das war's?"
„Das war's", echote die Ziege.
„Das waren kaum fünf Meter!", meinte Yax ungläubig.
„Viereinhalb", korrigierte sie. „Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen, Yaxva Tijet…"
Mit diesen Worten löste sie sich in Luft auf und nur eine kleine Statue blieb zurück. Yax blieb wie angewurzelt stehen, auch nachdem sich die anderen Auftragskiller zu ihm gesellten. Was ihn mehr als alles Andere verunsicherte, war nicht, dass die Ziege gesprochen oder dass sie sich in Luft aufgelöst hatte. Es war vielmehr, dass Yax sich nicht erinnern konnte, seinen Namen gesagt zu haben. Kopfschüttelnd ließ er die Gratulationen der Anderen über sich ergehen.

Sonntag, 26. August, 20:30 Uhr, Konlir.
„Hier", meinte Blanche und hielt Aicard einen kleinen Beutel mit Goldmünzen hin. Wortlos verschwand er, dafür nahm Abanderada seinen Platz ein.
„Warum sitzt du hier wortlos in der Ecke? Los, wir haben heute unsere lupenreine Bilanz bestätigt!"
„Ich gehe", meinte Aicard nur. Er hatte seinen Entschluss gerade erst gefasst.
„Wie meinst du das, du gehst?", erkundigte sich Regley. Inzwischen war es ziemlich ruhig geworden. Alle sahen Aicard an.
„Ich gehe", wiederholte dieser. „Es war sehr nett in eurer Gruppe, aber ich habe noch viel Arbeit vor mir…"
„Du kannst nicht gehen! Du bist jetzt Teil der Auftragskiller!", entrüstete sich Gaga.
„Bitte, es würde uns freuen, wenn du bleibst", bestätigte Blanche.
Aicard überlegte kurz, sah dann von seinem Brief zu den Auftragskillern und wieder zurück.
„In Ordnung", sagte er schließlich. „Ich bleibe…"

Geehrter Videm.
Nach reiflicher Überlegung muss ich nun folgende Zeilen, so verärgernd sie sie auch finden mögen, schreiben. Es hat in meinen Augen keinen Sinn, die Auftragskiller nach nur einer Woche zu verlassen. Auch wenn es in diesem Brief oft nicht den Anschein hatte: Die Auftragskiller sind eine der komplexesten Gruppen der Welt. Ich werde diesen Brief daher mit einiger Verspätung, aber dafür mit noch ausführlicheren Informationen abschicken. Mögen Sie mir diese Tat verzeihen, aber ich glaube die Auftragskiller sind es wert, genauer unter die Lupe genommen zu werden…