Kapitel 12 – Tabula rasa

Regley betrat schlechtgelaunt das Hauptquartier. Blanche sah ihn erwartungsvoll an.
„Irgendetwas, das deine Stimmung erklärt?"
„Diese Idioten!", schimpfte Regley.
„Was ist?", fragte Yax, der eindeutig beunruhigt klang.
„Ich war eben in Konlir! Die Revolutionäre haben eine neue Ankündigung gemacht!"
„Und?", fragte Blanche nach kurzem Schweigen. „Wie lautet sie?"
Regley hielt ihm einen Streifen Pergament hin. Blanche begann laut zu lesen:
„Auf Geheiß unseres revolutionären Revolutionsführers, tritt folgende Anordnung unwiderruflich in Kraft:
Alle Reanimationsstätten der Welt werden geschlossen.
Der Grund dieser Maßnahme ist die nur so einzudämmende Überbevölkerung.
Unterzeichnet: Der stellvertretende Revolutionär, ", schloss Blanche.
„Was genau heißt das?", erkundigte sich Gaga, der anscheinend nichts mitbekommen hatte.
„Wer stirbt, bleibt tot", erklärte Aicard.
„Ganz genau", sagte Blanche leise. „Das heißt, wir müssen uns in Zukunft vorsehen…"
„Aha", machte Gaga.
„Verdammt, wir hätten die Mistkröte verrecken lassen sollen!", fuhr Regley auf.
„Wie meinst du das?"
„Al Jazeera! Der dämliche Taruner aus Torihn! Das war sein Befehl, hast du nicht zugehört?"
„Wer ist Al Jazeera?", fragte Aicard verwirrt.
„Der Revolutionsführer, wie sie ihn heutzutage nennen. Ein Feigling, das ist er!"
„Ihr kennt den ominösen Revolutionsführer? Es heißt, niemand weiß wirklich, wie er aussieht!"
„Oh doch! Wir wissen wie er aussieht! Als ob das irgendetwas helfen würde…Verdammt, wir hätten ihn umbringen sollen!"
„Er war unbewaffnet!", wandte Vinyó ein, obwohl er eigentlich derselben Meinung war.
„Na und?"
„Nichts und. So etwas liegt in der moralischen Grauzone!"
„Trotzdem! Wir…"
„Genug!", unterbrach Blanche. „Es hilft nichts, zu streiten. Wir gehen jetzt zum Natla und holen uns einen Auftrag…"
„Meinst du das ernst?", erkundigte sich Yax.
„Ja. Wir müssen weitermachen wie bisher, das ist meine Meinung…"
„Find ich auch", stimmte Abanderada zu.
„Meine Rede", sprach la Vaca.

Sie betraten nach einer kurzen Wanderung das Auftragshaus. Der Natla sah sie herablassend an.
„Auch mal wieder hier, nicht wahr?", meinte er spöttisch.
„Hast du einen Auftrag für uns?", fragte Blanche genervt.
„Wo habt ihr euren Freund den Natla gelassen? Jetzt wo wir beim Thema sind: Ich hab ihn auch beim letzten Mal, dem Goldhornziegenfall nicht gesehen. Ziemlich knapp übrigens, aber egal…"
„Hast du einen Auftrag?", drängte Blanche.
„Jetzt wo du's sagst: Ich habe einen…"
„Was du nicht sagst! Kriegen wir ihn auch zu hören?"
„Ja. Tötet Videm Corume. Das ist Alles…"
„Videm Corume? Warum?"
„Aus…persönlichen Gründen…"
„Um nicht zu sagen aus finanziellen?", hakte Blanche nach. „Ich erinnere mich daran, dass du etliche Schulden zu begleichen hattest, weswegen du uns auch in die Falle in Latenia geschickt hast…"
„Ich würde es nicht Falle nennen…"
„Hinterhalt?", schlug Regley vor.
„Wie auch immer. Ihr habt euren Auftrag."
„Das ist aber gefährlich, solche Aufträge zu geben. Gerade mit dem neuen Erlass, der den Tod nicht mehr rückgängig macht…"
„Das ist ja der Sinn, Brave Heart! Würde ich ihn umbringen lassen, wenn er fünf Minuten später hier vor der Tür steht, wäre ich wohl ziemlich doof, nicht wahr?"
„Bist du doch jetzt schon", murmelte Regley leise.
„Und du Baumbart?", wandte sich der Natla an ihn. „Meinst du, du könntest Videm umbringen?"
„Sicherlich…Er ist recht schlau aber trotz Allem schwach…"
„Hört mal, wer da spricht…", kommentierte Chontamenti.
„Leute? Was steht ihr hier noch! Los! Los!", meinte der Natla ungeduldig.

Am Eingangstor zu Konlir wurden sie bereits erwartet. Ein Kämpfer stand ungeduldig dort und zeigte unverkennbare Anzeichen von schlechter Laune.
„Hallo. Ihr seid die Auftragskiller, oder?"
„Ich glaube schon", erwiderte Vinyó.
„Mein Name ist James. Ich bin Mitglied von Selfish and Solemn."
„James…?", meinte Blanche trocken. „Du bist sicher, dass das dein Name ist…?"
„Todsicher. Ich scherze nie", antwortete der Kämpfer.
„Vielleicht heißt du auch Jim? Oder Tyrann?", hakte Vinyó nach.
„Spiel nicht den Dummen, niemand kann das so gut wie ich!"
„Oh mein Gott…Ich geh schon mal…", meinte la Vaca.
„Stehen bleiben Mr. Vatikan! Niemand geht bevor ich gehe und das tue ich nie!"
„Was willst du?", erkundigte sich Blanche genervt.
„Ihr müsst mithelfen, die Revolutionäre auszuschalten, das ist es was ich will, oder nicht?"
„Bestimmt. Nur leider haben wir einen anderen Auftrag. Und niemand wir hier irgendjemanden ausschalten, ohne das ich die Erlaubnis gebe"
James hielt einen Umschlag hoch.
„Was ist das?", fragte Blanche misstrauisch.
„Die Erlaubnis", erklärte James.
Blanche las sie kurz durch und reichte sie zurück. „Netter Scherz", meinte er.
„Das ist kein Scherz", sagte James kopfschüttelnd. Hinter ihm fiel das Stadttor krachend ins Schloss.

„Blanche! Wo gehst du hin?"
„Wir müssen zum Osttor, schnell!"
„Warum?"
„Frag nicht, lauf!"
An jenem Tor angelangt verlangsamte Blanche seine Schritte.
„Mann, erklärst du uns auch mal was los ist?", erkundigte sich Vinyó.
„Eine Blockade, das ist los. Sie haben alle Tore in Konlir geschlossen. Hier kommen wir nicht mehr raus…"
„Netter Scherz", meinte Regley, bis ihm auffiel, das schon jemand diese Worte in ähnlichem Zusammenhang benutzt hatte. Tatsächlich war auch das Tor im Osten geschlossen. Als er nach Südwest blickte, hörte er laute Stimmen und das unverkennbare Rattern des Südtores.
„Großartig! Und wie sollen wir jetzt Videm finden?"
„Wir warten ab, bis er zu uns kommt. Der Natla hat uns kein Zeitlimit mitgegeben. Das war dumm von ihm und glücklich für uns. Also warten wir…"

„Wie viel willst du, Yax?", fragte Abanderada, der die Karten verteilte. Die Auftragskiller und eine ominöse zehnte Person saßen am Tisch des Hauptraumes. Die zehnte Person soll noch nicht näher beschrieben werden.
„Das erinnert mich an eine Geschichte, vielleicht habt ihr sie gehört", begann Yax. „Der König und die Dame dieses Landes spielten Golf mit fünf Kreuzen. Ihr Sohn der Bube bemerkte, wie ungewöhnlich es war, dass sie nur zwei Herzen zwischen sich hatten. In jenem Augenblick fingen seine Schwester, Zwey und ihr Hund, Drey an zu singen: Vier Karos sind die besten Freunde der Dame. Woraufhin die gesamte Familie sie zu Tode prügelten und sie mit zwei Pik begruben. Verstanden?"
„Jeder hat es verstanden", meinte Regley.
„Aber ich nicht", beklagte Yax. „Wie viel will ich denn nun?"
„Zwei Karten!", riefen die Anderen unisono.
„Nicht vorsagen, bitte!", sprach Yax. Nach einer kurzen pause fügte er an: „Zwei Karten, bitte…"

Kopfschüttelnd verließ Yax das Hauptquartier eine halbe Stunde später und trat auf die verlassenen Straßen Konlirs hinaus. Sie hatten das nächste Spiel bereits festgelegt und ihr zehnter Spielpartner war schon kurz zuvor verschwunden. Diese Kartenspiele waren nicht seine Sache.
„Yax", zischte jemand hinter ihm. Er blieb stehen. Er ging weiter.
„Yax", zischte erneut jemand.
„Wer immer das auch sein mag, es ist nicht lustig…", bemerkte Yax.
„Wer immer es auch ist, bin ich", kam eine Stimme hinter ein paar Kisten an der Straßenseite. Sekunden später stand James vor Yax.
„Hallo", sagte Yax. „Auf Wiedersehen."
„Stehen bleiben! Zwing mich nicht, dich zu zwingen, mir zuzuhören!"
„Bist du nicht der Tyrann von Selfish and Solemn?"
„Ich habe einen Vorschlag…", sprach James und winkte ihn näher.
„Vinyó versteckt etwas", begann er dann zu sprechen. „Finde heraus, was es ist und nenne deinen Preis."
„Erstens", erklärte Yax in ruhigem Ton. „Du kannst dir meinen Preis nicht leisten und zweitens: Wovon redest du?"
„Mach keine Scherze, ich habe keinen Sinn für Humor!", zischte James.
„Mich hättest du getäuscht…"
„Vinyó ist der schlimmste Zauberer in Konlir. Ich habe immer geahnt, dass er ein Sympathisant der Revolutionäre ist. Das Problem ist, mir fehlt der Beweis…Du hast Zutritt zum Hauptquartier. Also beschaff den Beweis."
„Für jemanden ohne Sinn für Humor bist du erschreckend lustig", bemerkte Yax.
James hielt drohend seinen Zeigefinger empor.
„Glaubst du, ich könnte mit diesem Finger dein Bein brechen?", fragte er ebenso drohend.
„Komischerweise: J-J-Ja das tu ich", stotterte Yax.
„Kluger Zauberer", kommentierte James.
„Äh. Entschuldigung, aber allein die Vorstellung, dass Vinyó ein Spion, sogar nur ein Sympathisant sein soll ist absurd. Er hat eine große Klappe, mischt sich in fremde Angelegenheiten und nervt, aber das macht ihn widerlich und keinen Spion."
„Glaube ich nicht. Ich bin widerlich und ebenfalls ein Spion", sagte James.
„Touché", kommentierte der Magier.
„Achtung! Da kommt jemand! Sieh nach wer es ist!", zischte James.
Yax blickte um den Stapel Kisten herum.
„Das sind drei weibliche Natla, unbewaffnet. Scheinen keine Revolutionäre zu sein. Sollen wir sie verfolgen?", fragte er amüsiert nach hinten. Es kam keine Antwort. Kopfschüttelnd drehte er sich um und blickte wieder hinter die Kisten. Dort war niemand.
„Äh. James?", fragte der Magier in die Stille hinein. Der Deckel der Mülltonne hob sich und der Kämpfer blickte umher.
„Ah, natürlich. Ich verstehe. Du bist undercover!", grinste Yax.
„Ich habe deine Geschichte überprüft", sagte James. „Fakt ist: Du willst raus aus Konlir."
„Fakt ist: Das will jeder."
„Kooperiere mit mir und ich krieg dich hier raus…"
„Danke Dosenmann, aber zur Markthalle komm ich auch alleine…"
„Ich meinte ins vergessene Tal…"
„Ins…zur Festung?"
„In vier Tagen. Dann ginge es ab nach Hause, wo du friedlich mit deinen Eltern und deiner Schwester Konstanz leben könntest…"
„Das heißt Constance und überhaupt, wie hast du das…?"
„Das ist meine Sache", erklärte James. „Also, bist du dabei oder nicht?"
„Das vergessene Tal…Nun, ich versichere dir, dass Vinyó kein Spion ist, aber wenn sie nur ein paar harmlose Informationen haben wollen…warum nicht?"
„Du bist ein wahrer Staatsheld", sprach James feierlich. „Bis jetzt", fügte er an.
„Nun, ich werde gleich mit Blanche sprechen um dir bessere Quartiere zu besorgen", scherzte Yax.

Yax schlich leise in Vinyó's Zimmer.
„Was hätten wir denn da…"
Er zog einen Brief hervor, der unter einigen Büchern auf dem Tisch lag, lief zurück in sein Quartier und überflog ihn.
Geehrte Fenchurch Zacatecas,
ich schreibe diesen Brief aus dem blockierten Konlir in der Hoffnung, dass er dich noch rechtzeitig erreicht. Es handelt sich um einen Gefallen, den niemand besser erfüllen könnte als diejenige, die ungebunden zu jedweder Organisation steht. Die Revolution steht in Gefahr und es müssen dringendste Maßnahmen ergriffen werden, um…

„Hi Yax."
„Vinyó", meinte Yax abwesend. „Vinyó!"
Hastig versteckte er den Brief.
„Ein Liebesbrief?", erkundigte sich der Zauberer.
„Äh, nein. Nur finanzieller Kram", verneinte Yax.
„Ah. Ein Liebesbrief", nickte Vinyó mit wissender Miene.
„Ich möchte nicht unhöflich sein, aber was machst du in meinem Zimmer?"
„Test, eins zwei drei, Test!", brüllte Vinyó in die Lampe an der Decke.
„Bitte, du brauchst mich nicht mit so was zu unterhalten. Beantworte einfach die Frage. Mir ist schon seit langem klar, dass du verrückt bist…"
„Nicht verrückt, nur unglaublich paranoid. Ich checke hier nur in jedem Zimmer nach Wanzen. Dieser James nervt mich jedes Mal wieder!"
„Du kennst ihn?"
„Ja. Bin ihm begegnet, in Konlir. Da wusste ich allerdings nicht, dass er bei Selfish and Solemn ist. Zu dem Zeitpunkt erschien er mir nur als der Tyrann und Psychopath, der er ist…"
„Bist du nicht etwas zu paranoid? Er erschien mir wie ein Vollidiot, aber doch nicht ernsthaft gefährlich…?"
„Der Typ würde seine Mutter kochen um an ein Rezept heranzukommen!"
„Netter Vergleich. Du scheinst ihn nicht zu mögen, nicht wahr?"
„Mir gefielen die Menschen noch nie, die von mir verlangten, jemandem zu helfen nur um ihn anschließend zu töten…"
„So schlimm?"
Vinyó antwortete nicht sondern sagte stattdessen: „Ich sehe hier nichts...Ich glaube ich werde auf die Straße gehen und die Internationale singen. Das Echo sollte ihn umbringen…"

„Guter Schlag", brüllte Blanche über den Lärm hinweg zu Regley. Sie spielten Golf am Wasserfall von Konlir. Blanche argumentierte, dass mit Glück ein Rettungstrupp heruntergeschwemmt werden würde.
„Was?", schrie Regley zurück.
„Ich sagte: Guter Schlag!"
„Ich schlafe nicht!"
„Was?", schrie Blanche nun seinerseits.
„Ich sagte: Ich schlafe nicht!"
„Nein! Die Schafe sind weiter unten! Mit Glück triffst du sie!"
„Zurück? Jetzt schon?"
„Du willst Lohn? Dafür dass du die Schafe triffst? In Ordnung, die Wette gilt!"
„Motette? Ich singe nicht!"
„Ach so! Der Verliere soll die Bälle zurückbringen!"
„Fälle? Du hast Recht, hier ist es zu laut, wegen der Wasserfälle!"
„Was?"
„Ihr seid dumm wie die Ecken eines Brötchens!", schrie Chontamenti ihnen zu.
„Was?", riefen die beiden unisono zurück.

„Hey!", sagte la Vaca. Aicard hob den Kopf. Er hatte in der Ecke gesessen und stumm vor sich hin gedacht.
„Hör auf, so depressiv dazuhocken!", riet la Vaca.
„Ich hocke hier nicht depressiv", erwiderte Aicard.
„Du sitzt da, siehst stumm vor dich hin und sprichst mit niemandem: Doch, du bist depressiv! Und deshalb wirst du jetzt mitkommen. Abanderada und Gaga ebenfalls."
„Wohin?", fragte Aicard. „Es herrscht eine Blockade…"
„Ja, aber ganz Konlir gehört uns! Ich glaube nicht, dass du die Stadt so gut kennst wie ich…"
„Und wohin gehen wir, ich meine in Konlir?"
„Du wirst sehen…", erklärte la Vaca mit breitem und zuversichtlichem Grinsen.

„Du bist zweiundvierzig Sekunden zu spät!", bemerkte James. Es war Abend und in einer der Hauptstraßen Konlirs war es unbelebt, wie Yax es noch nie erlebt hatte.
„Ah, Zorro! Entschuldigung, ich habe dich nicht erkannt ohne deine Mülltonne. Haben sie keine dunkle für die Nacht?"
„Hast du mir etwas mitgebracht?", fragte der Kämpfer ohne auf die Stichelei einzugehen.
„Ja, nämlich meinen Rücktritt. Ich werde Vinyó kritisieren, ich werde ihn lächerlich machen und sogar demütigen sofern ich es vermag, aber ich werde ihn nicht ausspionieren."
„Du wirst es nicht tun?"
„Meine Güte, was für eine Intuition!"
„Dann ist er dein Freund?"
„Freund? Ich habe keine Freunde in Konlir. Nur in meiner Heimat. Und ein paar in Reikan, wo du gerade fragst…"
„Du hast die Tragweite der Situation nicht verstanden, befürchte ich. Wenn Vinyó überführt wird und du nicht deine Mithelferschaft widerlegt hast, indem du mir mithalfst, dann werde ich dich der Mithelferschaft überführen…"
„Das würdest du nicht wagen…"
„Du würdest einfach verschwinden…spurlos…Kein vergessenes Tal mehr, keine Festung und keinen Larafstrauch…"
„Wen kümmert schon der Larafstrauch?", fragte Yax genervt.
„Kein Geld mehr", fügte James an.
„Jetzt glaube ich, dass du es wagen würdest…"
„Und sei es nur zum Spaß!", erklärte der Kämpfer.
„Nun gut, ich werde versuchen etwas zu finden. Mögest du dran ersticken…", lenkte der Magier resigniert ein, drehte sich um und ging in Richtung des Hauptquartiers.
„Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann!", rief James ihm nach.

„Bist du sicher?", fragte Gaga skeptisch.
„Rico. Nein. Das können wir nicht machen!", wandte sich Aicard an la Vaca. Er war einer der wenigen, die ihn mit seinem Vornamen ansprachen. Das störte la Vaca nicht sonderlich.
„Doch. Wir müssen da rauf. Prima Aussicht", erklärte er den Anderen.
„Gerne", stimmte Abanderada zu.
„Nein, müssen wir nicht!", redete Aicard verzweifelt auf seine Gefährten ein. Diesen jedoch schien der Vorschlag zu gefallen. Sie standen auf einem der nördlichen Hügel, der etwa zweihundert Meter über Konlir lag, vor der Rückwand der Ruhmeshalle. Offensichtlich wollte la Vaca dort hinauf. Aicard aber nicht. Die Halle war sicherlich mehr als fünfzig Meter hoch.
Zumindest das mit der Aussicht dürfte stimmen
, überlegte Aicard.
„Doch", widersprach la Vaca nun.
„Wieso?" Aicard klang jetzt etwas verzweifelt.
„Du kannst das hier machen und dein Leben riskieren oder zurückgehen, dich in deine Ecke verkriechen und in dem Wissen, nichts riskiert aber auch nichts erlebt zu haben dort zu bleiben. Deine Entscheidung…"
Aicard dachte einen Moment nach. Das war reine Erpressung, das wusste er. Aber irgendwie stimmte es schon. Er hatte keine Ahnung, was er sonst machen sollte. Langsam nickte er.
„Es ist zwar Selbstmord, aber ich komm mit…"
„Dann los…"
Die Steine, aus denen die Halle gebaut war, die jetzt vor ihnen in die Höhe ragte, waren zwar an sich glatt, doch zwischen den Fugen fand man prima halt. Langsam machte sich la Vaca an den Aufstieg, Gaga und Abanderada folgten scheinbar furchtlos. Zuletzt sah Aicard noch einmal zurück auf das unter ihm liegende Konlir und begann dann ebenfalls zu klettern.

„Hier, das ist Alles, was ich finden konnte", grummelte Yax.
„Prima. Dann lass mal sehen", meinte James und sah sich den obersten Brief an. Er blätterte sie nacheinander durch.
„Hmm. Nur Briefe an die Familie, mehr nicht. Moment, was ist das hier?", fragte er und zog ein kleines Stück Papier aus dem Stapel. Sie sahen es sich an.
„Sieht aus, wie der Bauplan eines Hauptquartiers…", murmelte der Kämpfer.
„Unseres Hauptquartiers", half Yax ihm auf die Sprünge.
„Euer Hauptquartier…"
„Da ist ein Kreis um den Hauptraum", bemerkte Yax.
„Der Hauptraum!", sprach James und klopfte auf den Kreis. „Und was ist das? Ein weiterer Kreis, unter der Karte. Ein Kreis mit zwei Pfeilen innen drin…"
„Eine Uhr…?", fragte Yax vorsichtig.
„Eine Uhr!"
Nach einer kleinen Pause fügte der Magier in einem Tonfall hinzu, als ob er einem geistig zurückgebliebenen Schüler das Alphabet erklärte:
„22:00 Uhr."
„22:00 Uhr! Ah, ich weiß was es bedeutet! Vinyó trifft sich im Hauptquartier mit den Revolutionären, während die Anderen abgelenkt sind!"
„Tatsächlich?", fragte Yax in schockiertem Tonfall. „Er hatte den Anderen den Tipp gegeben, heute Abend Golf spielen zu gehen…"
„Ein Ablenkungsmanöver!", erklärte der Kämpfer zuversichtlich. „Heute Nacht schnappen wir ihn…"

„Meine Güte…", schnaufte Aicard. Sie hingen an der Wand in fünfundvierzig Metern Höhe und der Serum musste sich eingestehen, dass er die Höhen unterschätzt hatte. Sie hatten gerade erst zwei Drittel des Weges hinter sich. Es dämmerte bereits und das erste Abendrot fiel auf die Ruhmeshalle, an welcher er so unglücklich hing. Vor sich sah er Gaga und Abanderada, die sich problemlos höher zogen. Drei-Punkt-Haltung, sagte er immer wieder zu sich selbst. Klettern konnte man in Reikan nicht so gut und er hatte sich nie die Zeit genommen es zu erlernen, was er jetzt bereute. Diese Aktion hier war praktisch zu einer lebenswichtigen Entscheidung geworden. Nicht nur will es lebensgefährlich war, sondern weil er entschlossen war, nicht nur beim Klettern entweder aufzugeben oder weiterzumachen. Er würde seine Entscheidung auf die Auftragskiller übertragen. Er hatte nicht geplant, lange zu bleiben, was auch immer er den Anderen erzählt hatte. Noch war der Brief an Videm nicht abgeschickt. Sollte er aufgeben, würde er ihn absenden, die Auftragskiller verlassen und seinen Gefährten für immer den Rücken kehren. Es gab kein Zurück, das wusste er. Würde er es allerdings schaffen, so schwor er sich, könnte er unter keinen Umständen dazu bewegt werden, Taunt and Tacit wieder beizutreten. Er würde den Brief verbrennen, noch an diesem Abend, überlegte er. Die Auftragskiller waren moralisch nicht desorientiert. Hier würde er bleiben.
Wenn er es schaffen würde, fügte er in Gedanken an.Und im Moment sieht es nicht sehr danach aus.

Yax lief pfeifend die Straße hinunter in Richtung des Einganges zum Hauptquartier. Er blieb stehen, als er ein Geräusch auf der anderen Straßenseite hörte. Er ging in Richtung der Quelle von jenem Geräusch.
„Hey", zischte James. „Verschwinde!"
„Ah, ich verstehe. Ihr beschattet das Haus. Was für ein Spaß", gluckste der Magier und drängte sich in das Versteck, in dem bereits zwei Kämpfer warteten. Er erkannte sie wieder, sie waren mit im Haus der Zauberer gewesen. Astraios und Astraea waren ihre Namen, aber das wusste Yax natürlich nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie Brüder waren. Sie hatten nicht wirklich Zeit gehabt, nachdem Notwen im Haus der Zauberer verschwunden war. Sie hatten Al Jazeera gehen lassen – schließlich war er unbewaffnet gewesen – was sich inzwischen als Fehler herausgestellt hatte. Sedna, Ignotexx, Mr. Noir – sehr zur Freude von Blanche – Alpha, Fenchurch, Deprea und Euphrosyne hatten alle dankbar die Mitgliedschaft bei den Auftragskillern abgelehnt. Sie wollten alle lieber unabhängig agieren können. Sedna war wieder seiner Organisation beigetreten, Fenchurch, die ebenfalls ein leichtes Interesse gezeigt hatte, Selfish and Solemn beizutreten, hatte sich doch dafür entschlossen, eigene Wege zu gehen und Ignotexx wollte eine Reise nach Terasi unternehmen. Deprea und Euphrosyne verschwanden nach dem Kampf spurlos, ebenso wie Noir und Alpha. Umso mehr verunsicherte Yax der Brief, den er bei Vinyó gefunden und hastig wieder an seinen rechtmäßigen Platz gelegt hatte. Er war nicht dazu gekommen ihn zu Ende zu lesen. Aber das Alles hatte Zeit, wichtig war erst einmal, dass die drei Kämpfer das Haus stürmten.
„Ihr seht euch einen Moment um und kommt in fünf Minuten zurück", wandte sich James an die beiden Kämpfer. Diese nickten und verschwanden. Drei Minuten vergingen.
„Gleich werden wir den Revolutionär festnehmen", redete James auf Yax ein.
„Aber Moment! Wer ist das?", fragte der Kämpfer und deutete auf eine Gestalt, die das Haus betrat. „Noch mehr Verschwörer! Ich hätte es wissen müssen!"
Yax unterdessen hätte wissen müssen, dass es sich bei dieser Person um den zehnten Spieler der Pokerrunde handelte. Wie aber schon erwähnt waren diese Spiele nicht seine Sache. Die Kämpfer kamen zurück.
„Alles ruhig", meldete sich Astraea. Die Stadt war schon seit der Blockade in dieser Totenstarre. Nichts schien mehr auf Leben hinzudeuten. Natürlich war ein Großteil der Bevölkerung geflohen, aber es lebten immer noch Dutzende Personen hier.
„Dann gehen wir rein. Eben ist noch ein Verdächtiger ins Haus gegangen. Du kannst mitkommen", wandte sich James an Yax.
„Wie großzügig", dankte dieser. Sie liefen nicht gerade unauffällig auf das Haus zu.

Fünf Meter, dachte Aicard. Tatsächlich schien das Ende zum greifen nah. La Vaca hatte es als Erster geschafft, Gaga war gefolgt. Abanderada hing vor ihm an der Kante und wurde gerade von den Anderen hochgezogen. Drei Meter. Er wagte es nicht, nach unten oder irgendwo Anders hinzublicken, als auf die Wand vor ihm. Zwei Meter. Fast drohte ihn ein Lachkrampf einzuholen, als er daran dachte, wie lächerlich es eigentlich wäre, so kurz vor dem Triumph zu sterben. Ein Meter. Unglücklicherweise schien genau das gerade zu passieren. Die letzten Kräfte verließen Aicard. Beunruhigt ließ er los, sich fragend, ob ein Sturz aus siebzig Metern Höhe abzubremsen sei. Im letzten Moment griff eine Hand nach ihm. Mit einem gewaltigen Ruck rissen die beiden Menschen und der Traipser den Serum-Geist über die Kante. Schockiert saß er da.
„Eigentlich…wollte...ich es…allein schaffen. Trotzdem danke", keuchte er.
Es war inzwischen fast Nacht, die ersten Sterne zeigten sich.
„Allein schafft niemand etwas", belehrte la Vaca ihn. „Es wäre dumm, so zu denken…"
Aicard nickte. Das ergibt Sinn, dachte er. Taunt and Tacit denkt anders, riet eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf. Er ignorierte sie.
„Wollt ihr euch endlich mal die Aussicht ansehen?", fragte Abanderada die anderen Drei. „Ich dachte, deswegen sind wir hier…"
Sie hatten bisher nur zur Seite geblickt, auf der die Halle an den Berg stieß. Das kalte Massiv war allerdings nichts im Vergleich zu dem Ausblick in die entgegengesetzt Richtung. Unter ihnen erstreckte sich Konlir. Sie konnten die Stadttore aller Himmelsrichtungen sehen. Im Süden blickten sie auf den Gefängniskomplex, in Osten sahen sie die für sie winzigen Wasserfälle. Auch die nördliche Grenze zu Ferdolien war, wie Blanche prophezeit hatte, gesperrt worden. Aicard spürte einen kleinen Stich, als er bemerkte, dass Konlir tatsächlich abgeriegelt war. Er hatte es bisher zwar nicht wirklich für ein Spiel gehalten, aber die Wahrheit so unumstößlich vor sich zu sehen, traf ihn stärker als vermutet. Niemand konnte mehr aus der Stadt entkommen. Er blickte wieder in den wolkenlosen Himmel, an dem sich nun tausende Sterne zeigten. Er holte einen Brandsatz aus seiner Tasche. Das war Standard für Agenten von Taunt and Tacit wie ihn, um immer die belastenden Dokumente vernichten zu können. Welch Ironie, dachte er und holte den Brief hervor. Ohne auf die fragenden Blicke der Anderen zu antworten, setzte er den Brief in Brand. Die letzten entzifferbaren Worte, die er las waren: „Ich glaube die Auftragskiller sind es wert". Wie aus einer längst vergangenen Zeit schienen sie zu kommen, dabei war es nur wenige Tage her gewesen, als er sie geschrieben hatte. Kopfschüttelnd wandte Aicard Limoux sich wieder der unter ihm erhellten Stadt zu. Jetzt gab es nichts mehr zu tun.
Nun gut, dachte er. Der Abstieg fehlt noch. Aber das wird jetzt ein Kinderspiel werden…

Zur selben Zeit trat James die Vordertür des Hauptquartiers ein. Er stürmte, dicht gefolgt von den beiden Kämpfern in den Hauptraum. Dort saßen fünf völlig verdatterte Personen beim Pokerspiel. Chontamenti blickte milde interessiert von einem Kämpfer zum Anderen, bis er sich schließlich zu Yax drehte, der, Füße scharrend, im Hintergrund stand. Blanche und Regley sahen von ihren Karten auf. Die mysteriöse Gestalt, die das Haus erst kürzlich betreten hatte, saß, mit einer Kapuze verhüllt neben Blanche, sah aber nicht auf. Vinyó wirkte, als wäre er gerade nach den Lottozahlen gefragt worden.
„Gibt es etwas, meine Herren?", fragte er James.
„Und ob! Du bist ein Revolutionär und planst weitere Attentate! Zusammen mit wahrscheinlich jedem Anderen hier im Raum! Auch mit dieser Person!", rief James und riss dem vermummten Spieler die Kapuze ab. „Er ist eindeutig…"
James stoppte. Astraea und Astraios wechselten viel sagende Blicke.
„Was bin ich eindeutig, James?", fragte Dragus Try interessiert.
„I-I-Ich…ä-ä-äh…", stotterte der Kämpfer. Chontamenti blieb ungerührt sitzen, aber Blanche, Regley und Vinyó standen auf und zogen lässig ihre Waffen. Diametral zu dieser Bewegung ließen Astraea und Astraios ihre Waffen sinken.
„Wir hätten wissen müssen, dass es wieder einer dieser Spionagering-Aktionen von dem paranoiden James ist", wandten sie sich entschuldigend an Dragus. Dieser nickte verständnisvoll, während Vinyó zu sprechen anfing:
„Ich fürchte, du musst jetzt verschwinden."
„Das könnt ihr nicht machen! Wir sind auf derselben Seite!" James klang hysterisch.
„Ja, wir sind Gegner auf derselben Seite des Zaunes, nicht wahr?", kommentierte Vinyó.
„Jetzt erkenne ich es! Es ist eine gigantische Verschwörung. Und ich werde dieser Verschwörung auf den Grund gehen und wenn ich bis an die Spitze gehen muss!", verkündete James und drückte den Lichtschalter. Plötzlich wurde es dunkel.
„Deine Chance Blanche, wechsele die Karten!", witzelte Vinyó, während Yax den Lichtschalter suchte, den er schlussendlich auch fand. James war verschwunden, die beiden Kämpfer standen verdutzt da.
„Das wird ein Nachspiel haben", grummelte Dragus. Er verabschiedete sich und verschwand, flankiert von Astraea und Astraios durch die Tür.
„Du hattest da nicht zufällig deine Finger im Spiel, oder?", erkundigte sich Vinyó bei Yax.
„Ich? Nein! Dafür hätte ich keine Zeit…Es sei denn, ich könnte mir dabei einen prima Scherz erlauben", fügte er an. Vinyó fing an zu lachen. „Du warst es wirklich? Du hast ihn dazu aufgehetzt?"
„Das wird er uns beschreiben, während er spielt", erklärte Blanche.
„Moment", unterbrach der Zauberer. „Während ER spiel?"
„Ganz genau. Ich möchte mit jemandem spielen, der ein Ass im Ärmel hat…"
Wohl wissend, dass seine letzte Chance, Konlir zu verlassen vor wenigen Minuten geflüchtet war, setzte er sich. Außerdem, überlegte er sich, die Heimat ist stets schöner, wenn man in der Fremde von ihr spricht.

Es klopfte an der Tür. „Das war abzusehen", grinste Vinyó und öffnete die Tür. „Dragus hat bestimmt…"
„Was ist?", fragte Yax und sah schlussendlich von seinen Karten auf. In der Tür stand, vor einem fassungslosen Vinyó, der Natla Notwen Caasi.
„Du!", zischte Vinyó letztendlich und zog ihn herein, während die Anderen aus ihrer Starre erwachten und ihre Waffen zogen. Notwen schien nun auch seine Sprache wieder gefunden zu haben. Er blickte von einem zum Anderen und sprach:
„Ich bin unbewaffnet und hier um mich zu entschuldigen. Ich weiß, dass es schwer ist, das zu glauben, aber ich bin gekommen, um mich euch anzuschließen…"
„Was ist mit Videm?", erkundigte sich Regley kühl.
„Ich habe mich in ihm getäuscht. Ich dachte, wir hätten Gemeinsamkeiten, aber vor ein paar Tagen fand ich heraus, das ein Wahnsinniger in ihm steckt…"
„Wieso?", mischte sich Chontamenti in die Konversation ein.
„Er hat die Blockade befohlen, er arbeitet jetzt mit dem Revolutionsführer zusammen, den ihr Al Jazeera nennt…Ich bin im letzten Moment nach Konlir gelangt, gerade noch rechtzeitig, um mit anzusehen, was er und ich angerichtet hatten. Wie gesagt, es tut mir Leid…"
„Warum willst du dich uns anschließen?", stellte Blanche die für ihn finale Frage.
„Ich…", begann Notwen, stoppte aber. „Ich liebe es, mit euch zu arbeiten…", murmelte er dann.
„Mir genügt das", sagte Blanche leise. Regley nickte zustimmend.
„Tabula rasa?", fragte Notwen an Blanche gewandt.
„Tabula rasa", stimmte dieser zu.
Notwen wandte sich an Yax und Vinyó. „Könnt ihr mir verzeihen, dass ich euch eingesperrt habe?"
„Und dass du uns einen pflichtbewussten Schläger vor die Tür gestellt hast?", fügte Vinyó halb grimmig, halb belustigt hinzu.
„Hey", unterbrach Yax. „Wer mit einem Full House gegen einen Poker gewinnt, der muss bei den Auftragskillern sein", zwinkerte er. „Und jetzt lasst uns endlich zu Ende spielen. Jetzt wo wir wieder bei einer geraden Zahl sind, seid ihr schneller besiegt als ihr Auftragskillerauftragsniveauinitialisierungssymbol sagen könnt!"
„Zweifellos", stimmte Notwen zu und verteilte die Karten.