Kapitel 13 – Licht

Gegenwart
Die Anderen hatten Notwens Rückkehr zuerst ebenso kritisch gegenübergestanden und anschließend als akzeptabel angesehen. Abanderada stimmte ohnehin jedem Vorschlag zu, la Vaca war es mehr oder weniger egal, Gaga hatte die Situation wahrscheinlich nicht wirklich verstanden und vermutet, dass Notwen sowieso nur kurz auf Reisen gewesen war und Aicard hatte schlussendlich kein Problem mit einem Natla, den er kaum kannte.
Offiziell hatten sie nun wieder einen Anführer, nämlich Blanche. Um einen Rückfall zu vermeiden, wie Regley es beschrieben hatte, würden ab jetzt die Pläne gemeinsam und unter Moderation des Taruners beraten und beschlossen werden. Allerdings gab es keine Pläne. Zum ersten Mal standen sie ziemlich ratlos da. Notwen war zwar ebenso der Meinung, dass ihr Auftrag, Videm zu töten vorrangig war, aber da der Magier offensichtlich nicht in der Stadt war, konnten sie dieses Ziel vorerst vergessen. Dragus Try, der ebenfalls in der Stadt gefangen war, schloss sich ihnen ab und zu beim Pokern an. Sein Assistent, Illyrus Reilly würde den Laden schon in Gang halten, versprach der Zauberer.

„Drei Könige", verkündete Yax und zog den Bauern drei Felder vor.
„Dreihundert Goldmünzen Miete für die Parkallee!", erwiderte Vinyó und ließ einen Damespielstein über den Tisch sausen. „Was sagst du jetzt?"
„Ich setze auf die schwarze Zwölf", sagte der Magier ruhig und schlug mit einem Backgammonspielstein den König seiner eigenen Farbe.
„Du bluffst!", grinste Vinyó. „Ich gewinne mit drei Schlägen auf dem achtzehnten Loch!"
„Schach Matt! Sieben Herzen!", jubelte Yax und deckte eine schwarzen Pik-Buben auf.
„Du schummelst!", rief Vinyó.
„Wie denn, es gibt keine Regeln", meinte der Magier.
„Ach ja, stimmt…Wieso kommst du überhaupt auf so ein Spiel?", erkundigte sich Vinyó

Drei Jahre zuvor
„Schach Matt und Royal Flush!"
„Du schummelst", beschwerte sich Yax.
„Nein. Dieses Spiel hat keine Spielregeln. Es geht darum, den Gegner zu verwirren, ihn außer Fassung zu bringen und im richtigen Moment zu gewinnen", erklärte sein Gegenüber. Constance Tijet, Yax jüngere Schwester sah ihn an.
„Du wirst einen verantwortungsvollen Posten übernehmen. Du musst wissen, wie du gewinnen kannst, egal wie schwierig die Spielregeln sind, oft sogar, obwohl es keine gibt…"
Yax schüttelte den Kopf. „Da geht es um etwas Anderes. Diese Leute wollen Profit. Ich kann froh sein, eine Position ohne zuviel Verantwortung zu übernehmen…"
„Du kommst gut mit Verantwortung klar", meinte Constance. „Du wirst Gutes tun."
„Vielleicht…", murmelte Yax.

„Willkommen, Mr. Tijet. Ich freue mich, Sie hier als neuer Mitarbeiter der Bank aller Wesen begrüßen zu dürfen! Ich bin Cicero Angelus und ich werde Sie in das System einweisen."
Der Natla lächelte ziemlich künstlich. Vielleicht musste man das hier…, dachte Yax und beschloss sich gleich anzupassen.
„Nun, wie es scheint, bin ich gerade in der Rush Hour hier eingetroffen…"
„Das ist richtig! Wir haben viele Aufgaben zu erledigen. Hier geht es nicht nur um das Auszahlen von Geld, sondern auch um das sinnvolle verteilen von Krediten, Immobilienaufträgen und Beratung in gerichtlichen Fragen…"
Yax hatte den Namen des Natla schon wieder vergessen. Ihm schwirrte der Kopf von den Informationen, mit denen auf ihn eingedroschen wurde.
„Oh", bemerkte Cicero. „Ich glaube, Ihr erster Fall betritt gerade die Halle!"
Tatsächlich trat ein vornehm und eingebildet aussehender Mensch die Bank. Er sah sich um und schritt zielstrebig zum nächstgelegenen Schreibtisch, der zufälligerweise der von Yax war. Er schien nicht gerade zu Scherzen aufgelegt und Yax ahnte, dass nicht gut Kirschen mit ihm zu essen war.
„Guten Tag. Es geht um die Immobilien im Nordosten von Konlir. Sie sind sicherlich damit vertraut?"
„Selbstverständlich", griff Cicero ein. „Sie wollten die Grundstücke der dort ansässigen Menschen aufkaufen und sinnvoller nutzen!"
„Das ist richtig."
„Und was passiert mit den Menschen?", erkundigte sich Yax.
„Die werden sich einen anderen Wohnort suchen können. Was ich an ihrer Stelle mit Freuden tun würde", erklärte ihr Gegenüber. „Sie bekommen auch eine stattliche Abfindung..."
„Wie viel Abfindung?", hakte der Magier nach. Angelus schien unwohl zumute zu sein.
„Eineinhalbtausend Goldmünzen pro Kopf."
„Das ist nicht viel…"
„Natürlich haben wir die Sache bereits geregelt!", unterbrach Angelus.
„Wie bitte?", fragte Yax. „Noch ist doch wohl nichts entschieden? Die Bewohner haben das Recht zu bleiben!"
„Nicht, wenn man sie gut bezahlt!", knirschte Angelus mit den Zähnen.
„Nein. Nach Paragraph zweihundertzwölf der Verfassung von Konlir ist es durchaus erlaubt, die Summe abzulehnen und ansässig zu bleiben!"
„Ist das wahr?", erkundigte sich der Geschäftsmann gelangweilt.
„Nun, ja, äh…", stammelte Angelus.
„Dann ist die Sache für mich wohl erledigt. Schade…"
Damit stand der Immobilienhai auf und verließ die große Halle.
„WAS war das?", wandte sich Angelus wütend an Yax.
„Was meinen Sie? Ich muss ihn doch über die Fakten und das Gesetz aufklären, oder?"
„Ja, äh…Eigentlich…ach egal…"
Cicero Angelus schritt von dannen. Yax musste unwillkürlich grinsen. Natürlich konnte Angelus ihm keinen Vorwurf machen, wenn er sich an die Regeln hielt. Aber er hatte ihm gerade ein ziemlich lukratives Geschäft vermiest. Sicherlich hatte er sich damit auch unbeliebt gemacht. Aber dafür blieben die Menschen im Nordosten von Konlir in ihren Häusern. Ob es gut war, seinem Chef am ersten Arbeitstag die Suppe zu versalzen? Sicher nicht. Aber er musste halt seine Verantwortung tragen. Und es schien prima zu funktionieren.

Gegenwart
„Und du meinst, es würde funktionieren?", erkundigte sich Abanderada skeptisch.
„Natürlich meine ich das. Sonst hätte ich es nicht erst erklärt", sprach la Vaca ungeduldig. Sie standen etwa zwanzig Meter vor dem Osttor. Die Wachen beäugten sie misstrauisch. La Vaca sah zu ihnen herüber und winkte. Niemand winkte zurück. „Ich glaube, ich habe den Plan noch nicht ganz verstanden", gestand Gaga.
„Ganz einfach", wiederholte der Kämpfer geduldig. „Du lenkst die Wachen ab und Abanderada und ich schlagen sie nieder. Dann öffnen wir das Tor und verschwinden…"
„Klingt großartig", stimmte Gaga zu. „Ich weiß nicht", erklang Abanderada unüberzeugt.
„Das klappt! Also, los…"
Gaga lief pfeifend auf die Wachen zu, die einen viel sagenden Blick wechselten und sich dann dem Arbeiter zuwandten:
„Hier darfst du nicht raus. Du hast die Ankündigungen doch gelesen, oder? Als Vorsichtsmaßnahme ist Konlir gesperrt."
„Oh, ach wirklich?", fragte Gaga unsicher. „Ja wirklich", sprach die erste Wache, ein Kämpfer. Damit drehten sich beide Revolutionäre um und standen dem leicht verdutzten la Vaca gegenüber.
„Oh…Hi…", sagte dieser trocken.

Drei Jahre zuvor
„Und du meinst, es würde funktionieren?", fragte la Vaca skeptisch.
„Natürlich, oder nicht?", sprach sein Freund, der Serum-Geist Andrist Crispian.
„Ich weiß nicht so recht…", sagte la Vaca.
„Doch, das wird in Ordnung, wird es nicht? Wir werden die Besten in unserem Metier, nicht wahr? Ich lenke sie ab und du greifst an, tust du nicht?"
„Nun gut. Dann machen wir es so…", seufzte la Vaca. Im Südwesten sah er die Bank aller Wesen im Abendlicht schimmern. Das war eine andere Welt. Schon sahen sie ihr erstes Opfer.
„Also los", flüsterte Andrist und stand auf.
„Hey! Schönes Wetter heute, ist es nicht?", fragte er jovial.
„Ja, stimmt schon irgendwie", sprach der Zauberer unsicher.
„Wie heißt du? Ich bin Andrist, bin ich nicht?"
„Vinyó. Warum genau stehst du hier?" La Vaca näherte sich dem Zauberer.
„Ach ich sehe mich nur um, ein Abend im Wald des einsamen Baumes ist herrlich, ist er nicht?"
La Vaca schlug zu. Mit einem dumpfen Laut fiel der Zauberer auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Schon machte Andrist sich über die Brieftasche her. Er pfiff, als er den Inhalt sah.
„Damit wäre unser Aufenthalt in Konlir gesichert, nicht wahr?", nickte er anerkennend. La Vaca grinste. Diese Art der einfachen Geldbeschaffung gefiel ihm.
„Dann gleich auf zum nächsten Opfer, oder nicht?", fragte Andrist in lockerem Tonfall.
„Gerne. Es gibt noch viel Gold zu verdienen…"

Gegenwart
„Wer hat euch so zugerichtet?", erkundigte sich Regley desinteressiert. La Vaca, Gaga und Abanderada betraten gerade das Hauptquartier. Nur Letzterer schien unverletzt.
„Was geht dich das an, Graf Greenpeace?", raunzte der Kämpfer und ließ sich in einen der Sessel fallen. Regley zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Roman zu. Wenn die Blockade nicht bald aufhören würde, bräuchte er dringend neuen Lesestoff. Dieses Buch war ihm zu langweilig. Er blieb immer wieder an einem Satz hängen. Wenn wir Schatten euch beleidigt. Er hatte ihn vor langer Zeit schon einmal gelesen. Wenn wir Schatten euch beleidigt. Wenn wir Schatten euch beleidigt, oh so glaubt…

Drei Jahre zuvor
„Wenn wir Schatten euch beleidigt, oh so glaubt und wohl verteidigt, sind wir dann: Ihr alle schier, habet nur geschlummert hier…"
„Die Geschichte ist langweilig", kommentierte Regley.
„Du solltest wissen, dass es ein Stück Geschichte ist. Kunst. Poesie…"
„Das ist mir egal…"
„Nach all der Zeit, die du gelesen hast?"
„Immer."
„Du wirst deine Meinung ändern", versprach Ambergris Regley seinem Enkel.
„Unmöglich…"
„Nichts ist unmöglich, wenn du dich anstrengst"
„Du meinst, ich sollte nach Konlir gehen und bei meiner Bewerbung um eine Anstellung wird es mir helfen, dieses Buch zu kennen?"
„Allgemeinwissen, ja."
„Es ist überflüssig. Niemand brauch so etwas…"
„Möchtest du ein Geheimnis erfahren?", unterbrach Regleys Großvater.
„Ich…was für ein Geheimnis?", fragte Regley, über den abrupten Themenwechsel erstaunt.
„Der Autor dieses Buches", begann Ambergris. „Hieß William Hezekiah Shakespeare."
„Das weiß ich", erwiderte Regley enttäuscht.
„Du kennst aber nicht den Namen seines Bruders…"
„Er hatte einen Bruder?", fragte der Onlo erstaunt.
„Ja. Sein Name war Aigisthos Regley. Vielleicht überdenkst du es also noch einmal", sprach Ambergris und verließ den Raum und den verdutzten Regley. Minutenlang rührte er sich nicht. Dann nahm er das Buch wieder in die hand und begann lächelnd zu lesen.

Gegenwart
„Ich hasse es, er redet nur PC", klagte Chontamenti.
„Wer?", fragte Aicard.
„Vinyó. Das nervt mich!"
„Was ist PC?", erkundigte sich Gaga verwirrt.
„Dasselbe wie CC."
„Und was ist das?"
„Ein Quoten-Natla. Wie unser Freund aus dem Nebel", erklärte Chontamenti und fügte seine übliche Schimpftirade an.
„Das habe ich nicht verstanden", gestand der Arbeiter.
„Hab ich auch nicht vermutet", kommentierte der Serum.
„Warst du schon immer so depressiv?"

Drei Jahre zuvor
„Das habe ich nicht verstanden", gestand der Serum-Geist.
„Es ist ganz einfach", erklärte Chontamenti seinem Sohn. „Das Hypotenusenquadrat ist das Ergebnis der Addition der beiden Kathetenquadrate."
„Wozu brauch ich das?"
„Äh…Wenn du mal auf ein dreieckiges Feld kommst, dann…ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung", lachte Chontamenti. Es gab keine dreieckigen Felder.
„Ich glaube, wir sollten noch einmal die Schule überprüfen, auf der sie dir solch unnütze Sachen beibringen wollen…", meinte er.
„Erzähl einen Witz", unterbrach sein Sohn.
„In Ordnung. Ein Serum-Geist deines Alters sitzt in der Schule…"
„Mein Beileid."
„…da fragt der Lehrer, wie hoch das Schulgebäude sei…"
„Und der Schüler sagt 1.30 Meter, die Schule steht mir bis zum Hals? Den kannte ich schon."
„OK. Dann ein anderer: Fragt Person A Person B: Merkt man es von allein, wenn man schizophren ist? Person B antwortet: Du sagst dir dann in der Regel schon Bescheid…"
„Den kannte ich noch nicht", gestand Chontamentis Sohn.
„Ich befürchte, jetzt müssen wir Mathe machen. Du musst sieben Äpfel auf neun Wölfe verteilen…"
„Sonst passiert was?"
„Sonst fressen sie dich…"
„Und die Wölfe fressen Äpfel?"
„Äh. Ja."
„Sind es Feuerwölfe?"
„Das tut nichts zur Sache."
„In Ordnung…"
„Wie viele Äpfel bekommt jeder Wolf? 7/9 oder 9/7?"
„Ich esse alle Äpfel und imitiere einen Wolf?", schlug der Serum-Geist vor.
„So geht's auch", gestand Chontamenti grinsend.

Gegenwart
Aicard betrat den Raum, in dem Notwen und Blanche leise diskutierten. Auf den fragenden Blick des Serum-Geistes antwortete Blanche:
„Wir planen die nächsten Schritte. Es sieht inzwischen so aus, als ob die Blockade ewig weitergehen wird, solange wir nichts unternehmen."
„Aber warum macht Videm überhaupt so eine Blockade. Was bringt das?"
Notwen hatte sich darüber auch schon Gedanken gemacht, aber er hütete sich davor, sie den Anderen kundzutun. Das war einfach zu absurd. Stattdessen sagte er:
„Vielleicht möchte er, dass wir das verbliebene Geld aus der Stadt schaffen, oder dass wir irgendwann beim Versuch zu entkommen sterben. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass er ein Zeichen setzen möchte. Es gibt keinen Stadthalter mehr, also kann er der nächste Herrscher werden, wenn das Chaos sich gelegt hat. Anarchie als Wegbegleiter zur Monarchie. Sehr schlau…"
„WENN sich das Chaos legt! Wir haben keine Ahnung, ob es das überhaupt tut. Wir müssen den Leuten helfen, sie retten…", sprach Aicard hilflos.
„Deswegen planen wir", stimmte der Natla zu.

Drei Jahre zuvor
„Wir müssen den Leuten helfen, darum geht es!", erklärte Aicard seiner Tischnachbarin.
„Nun ja, ich weiß nicht so genau. Die Organisation, der du beigetreten bist, ich traue ihr nicht", erwiderte Nija Apameia, seine Freundin. Sie saßen im Cafe Simplicissimus, in der Innenstadt von Konlir.
„Taunt and Tacit ist harmlos! Wir tun nur das, was getan werden muss, nichts Schlimmes", versicherte er.
„Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Er ist unheimlich, dieser Videm. Du kannst den Leuten nicht helfen. Nicht, wenn du diesem Magier hilfst."
Kopfschüttelnd verließ sie den Raum.

Wütend betrat er zwei Stunden später das Büro. Ein freudestrahlender Videm Corume kam ihm entgegen.
„Hey Aicard! Wir haben hier etwas. Der Informant, von dem du gesprochen hast, er hat uns gewisse Auskünfte gegeben. Das Bündnis wird versuchen, ein Gebiet im Westen zu erobern. Dank deiner Hilfe wird das Gebiet gesichert und evakuiert. Sei froh, du hast heute viele Leben gerettet…"
„Ich helfe den Leuten eben", erklärte Aicard nach einer kleinen Pause. Er war wie elektrisiert. Ein Zeichen, zwei Stunden nachdem ihm jemand Ungerechtigkeiten vor den Kopf geworfen hatte?
„Das tust du. Wir alle", sprach Videm Corume und ging.
„Ich helfe ihnen", murmelte Aicard Limoux. „Ich helfe ihnen. Ich kann sie retten, sie alle…"

Gegenwart
„Abanderada!", rief Regley und lief dem Traipser hinterher, der gerade das Haus verlassen wollte. Abanderada stoppte nicht, ging aber auch nicht schneller. „Was ist draußen am Stadttor passiert?"
„Ach das. La Vaca hatte einen Einfall und der hat nicht so gut funktioniert. Man kann ja nicht immer Glück haben, nicht wahr?"
„Da hast du wohl recht", stimmte der Onlo zu. Sie traten hinaus auf die Straßen von Konlir. „Eigentlich sind seine Einfälle ganz gut", lenkte er ein. „Ich weiß auch nicht, warum er in letzter Zeit so halsbrecherisch ist. Gibt es solche Chaoten auch in Kerdis?"
„Ich glaube ja…"
„Wo gehst du jetzt hin?"
„Chontamenti hat erzählt, wir haben die Verantwortung, den ersten Golfplatz von Konlir zu bauen. Vier Löcher sollen schon fertig sein. Ich dachte ich könnte etwas helfen…"
„Au Mann, du bist ganz schön verrückt. Übrigens hat's mich gewundert, wie leicht du den Fall mit der Goldhornziege genommen hast. Scheint dich gar nicht verwundert zu haben, dass die Tiere plötzlich sprechen können…" Abanderada verstand die Andeutung sehr wohl.
„Ich habe tatsächlich schon Erfahrungen mit solchen Tieren gemacht…"
„Wo? Doch nicht in Kerdis?"
„Nein, in Mentoran…"
„Du warst in Mentoran?", wollte der Onlo erstaunt wissen.
„Ja. Dort war ich mal…"

Drei Jahre zuvor

„Chimikeppuko!", rief Abanderada und lief dem Traipser hinterher, der gerade die Höhle verließ. „Wo gehst du hin?"
„Nach Mentoran."
„Nach Mentoran? Bist du wahnsinnig?"
„Wieso? Ist doch ein guter Gedanke, oder?"
„Ein guter Gedanke? In Mentoran lauern die schrecklichsten Monster, so heißt es!"
„Ach? Na und? Sollen sie doch lauern. Ich geh trotzdem hin", beschloss der Traipser Schulter zuckend. Er wandte sich an Abanderada. „Kommst du mit?"
„Ich…ob ich…was? Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist…"
„Dann bleib hier, Feigling", schimpfte Chimikeppuko.
„Oh, na gut, ich gehe mit. Aber sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt…"
Zwölf Stunden später erklommen sie den ersten Dünenkamm. Vor ihnen erstreckte sich Mentoran, das größte Land, das sie je gesehen hatten. Zwischen zwei Gebirgszügen im Norden sahen sie den Canyon, der nach Reikan führte. Nach Osten verlief das Gebirge in die Ferne. Im Süden sahen sie nur noch Wüste.
„Was ist das dort hinten?", erkundigte sich Abanderada und deutete auf einen schimmernden Fleck, der weit entfernt schien.
„Ich war noch nie hier, woher soll ich es wissen? Es gibt nur eine Möglichkeit, es herauszufinden…" Mit diesen Worten stapfte Chimikeppuko die Düne herunter. Abanderada zögerte noch einen Moment und folgte dann. Nur ein paar Minuten später wurde ihnen klar, dass sie die Entfernungen völlig falsch eingeschätzt hatten. Die Oase, wie Abanderada später erfahren sollte, befand sich eine Reise von zwei Tagen tief im Inland der Wüste. Trotzdem liefen sie weiter. Urplötzlich stoppte Chimikeppuko.
„Hörst du das?", wisperte er.
„Was?", fragte Abanderada verwirrt und wurde im selben Moment von einer eigenartigen Kraft erfasst und herumgeschleudert. Völlig benommen registrierte er zwei Tentakel, die ihn immer schneller umher schleuderten. Er hörte Chimikeppuko schimpfen und auf den Wüstenkraken einschlagen, was selbstverständlich nichts brachte. Schließlich gab der Traipser auf, auf das Tier einzudreschen und begann stattdessen ein altes Gebet.
„Lauter!", brüllte Abanderada, der gemerkt hatte, wie die Tentakel ihren Griff lockerten. Chimikeppuko begann erneut mit dem Gebet:
„Mögen Sonne und Mond vom Himmel fallen und unsere Höhlen erleuchten. Mögen all die unglücklichen Seelen, die im ewigen Käse des Mondes gefangen waren, befreit werden. Oh Zihitzel gesinga. Dabudabudabudabu. Watn datn gruschen blackenbacken. Wuftitubel karamba. Omskigowak wivvipuk", schloss Chimikeppuko. Mit einem dumpfen Geräusch schlug Abanderada auf den Sand ein. Verwirrt blickte er nach oben und in die wässrigen Augen des Wüstenkraken. Mit einer tiefen, bassähnlichen Stimme begann dieser zu sprechen.
„Das war das wundervollste Gedicht, das ich je gehört habe…"
„Freut mich, dass es dir gefallen hat", sagte Chimikeppuko unsicher. Mit einem schlürfenden Geräusch verschwand der Wüstenkraken im Sand.
„Cool", murmelte Abanderada.
„Yeah!", stieß Chimikeppuko aus. „Das war doch mal was! Das ist es, wovon ich rede, Mann! Das ist es, wovon ich rede!"
Kopfschüttelnd machten sie sich auf den Rückweg.

Gegenwart
„Wir haben ein Problem", sagte Blanche.
„Das haben wir", stimmte Notwen zu.
„Ich würde ja helfen, aber die Situation…", murmelte la Vaca.
„Wir müssen es wagen", beschloss der Taruner schlussendlich.
„Bist du sicher?", fragte Notwen.
„Ja. Es gibt keine andere Möglichkeit…"
„Aber die Risiken!"
„Risiko ist immer da. Das ist unsere einzige Chance…"
„Die Situation ist nicht aussichtslos. Wir können noch gerettet werden…"
„Nein. Darauf können wir nicht warten…"
„Nun gut. Gib uns das Zwölfereisen!", wandte sich Notwen an la Vaca.
„Kommt sofort…"
Notwen holte aus und der Ball flog dutzende Meter nach Süden.
„Nicht schlecht…", bemerkte Blanche.
„Wir sind dran", meldete sich Yax zu Wort. Er und Vinyó hatten eine kurzzeitige Allianz geschlossen, um den Taruner und den Natla endlich einmal zu besiegen. Vinyó legte an, holte aus und…
„Hey!", rief eine Stimme aus dem nichts. Vinyó bremste seinen Schlag gerade noch rechtzeitig, verlor aber das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin.
„Schau mal, wer da ist", kommentierte Chontamenti. „Jim Knopf ohne die wilde Dreizehn…"

Ein Taruner, der wohl eigentlich ein Natla sein müsste schritt auf sie zu. Er blickte von dem sich fluchend aufrappelnden Vinyó zum glucksenden Yax und fand wohl schließlich die passenden Worte:
„Ihr seid doch die magischen Zwillinge, oder so…"
„Sicherlich nicht", knurrte Vinyó. Geratheon schien ihn nicht gehört zu haben.
„Und der Rest ist ja auch da! Was für eine Überraschung!", rief er.
„Wer ist der Kerl?", erkundigte sich Aicard.
„Ignoriere ihn!", war der erste Tipp von Chontamenti. „Das erleichtert die Qualen…"
„Quallen? Bestimmt nicht hier auf den südlichen Hügeln! Das muss einfach Chontamenti sein, der stets gut gelaunte Serum-Geist!" Geratheon klopfte Chontamenti auf die Schulter, der so aussah, als wenn er gleich auf den Taruner losgehen wollte.
„Ich weiß genau was du denkst!", grinste Geratheon und hielt ein paar Socken in die Luft. „Du willst den Auto-Piloten abschalten und mich angreifen! Extra für dich habe ich diese Depri-Socken entwickelt! Sie halten die Freude auch bei Winter ab!" Der Serum-Geist warf sich auf den Taruner, wurde aber im letzten Moment von Regley zurückgeworfen.
„Ich bring ihn um!", brüllte der Serum.
„Ganz ruhig Tarzan!", rief Yax und half nun Regley.
„Huch. Er ist leicht verärgert, schätze ich?", fragte Geratheon betroffen.
„Nein. Verärgert kann man nicht sagen…angekratzt vielleicht", meinte Notwen. Zu guter Letzt schlug la Vaca den Serum-Geist bewusstlos. Danach kehrte Ruhe ein.
„Hast du schon einmal Golf gespielt?", erkundigte sich Vinyó bei Geratheon.
„Ich? Zumindest verkaufe ich wunderbare Golfschläger…"

Drei Jahre zuvor

„Hast du schon einmal Golf gespielt?", fragte Richard Cory.
„Nein. Wo denn auch?"
„Es gibt wunderbare Golfplätze in Ferdolien, Kolun und im vergessenen Tal…"
„Haha. Die letzteren beiden kann man ja wohl abschreiben. Das Tal ist von der Zusammenkunft besetzt und Kolun ist weiter weg, als ich in meinem Leben laufen könnte…"
„Dann halt Ferdolien. Du wirst sehen, dass Spiel ist interessant, vor Allem weil…"
„Hey! Vinyó!", rief ein Arbeiter, der sich durch die Menge kämpfte. Vinyó Kre und Richard Cory saßen im Cafe Simplicissimus.
„Tag Linc, wie geht's?", fragte Vinyó.
„Wir haben da einen Fall", keuchte der Arbeiter.
„Ich hab Mittagspause…", klagte der Zauberer.
„Es…es ist Acinonyx…"
Vinyó übersprang einen Herzschlag. „Acinonyx…?"
„Ja. Irgendein Magier hat ihn erwischt…"
Vinyó stand auf, ebenso Cory. Ohne Worte zu wechseln setzten sie sich in Bewegung. Die Reanimationsstätte in Konlir lag nur wenige Straßen entfernt. Fünf Minuten später erreichten Richard Cory, Vinyó und Lincoln der Arbeiter das große Haus. Ein Zauberer kam ihm bereits entgegen. „Hi Vinyó. Bisher geht es ihm ganz gut. Scheint ein einzelner Schwerthieb gewesen zu sein…"
„In Ordnung, ich helfe", sprach Vinyó. Der Zauberer schien zu zögern.
„Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es so gut wäre…"
„Ich helfe!", klang Vinyó nun bestimmend und er betrat den dahinter liegenden Raum. Viele Leute vergaßen, dass erstklassig trainierte Zauberer, auf Seiten der Zusammenkunft waren es Magier, dafür sorgten, die Opfer der Kämpfe wieder zu beleben. Das gelang auch meistens. Trotzdem wurde es oft für ein Spiel gehalten.
„Wie sieht es aus?", erkundigte sich Vinyó.
„Ganz gut soweit. Das Schwert war wohl nicht vergiftet. Aber es wird schwierig, die Arterie zu schließen…", erklärte ein zweiter Zauberer.
„Kennen sie den Zauberer?", fragte er dann Vinyó. Dieser schien einen Moment die Sprache verloren zu haben.
„Ja, er st mein Schwager", sprach er dann. „Sie sollten vielleicht versuchen, die Arterie abzuklemmen und erst später zu nähen, sonst besteht die Gefahr einer…"
„Sie warten besser draußen", empfahl der Zauberer. Vinyó war zu schockiert, um zu widersprechen. Draußen wartete er, seiner Ohnmacht bewusst. Zwei Stunden später verließ der Zauberer den Raum, sah dann von Richard Cory zu Lincoln und schlussendlich zu Vinyó und nickte. „Es wird ihm wieder besser gehen", versprach er. Erleichtert nickte Vinyó ein. Alles war in Ordnung. Er hatte den richtigen Beruf gewählt…

Gegenwart
Wieder im Hauptquartier fanden sich die Auftragskiller zusammen mit Geratheon und Dragus Try ein. Desinteressiert blickten die Auftragskiller, bis Blanche das Wort ergriff:
„Wir sind jetzt schon seit einer Woche hier. Es wird Zeit, die wichtigsten Dinge zu klären. Vorräte gibt es genügend, deshalb haben andere Sachen Priorität. Wir müssen herausfinden, wie viele Wachen an den Toren stehen. Wir müssen auch herausfinden, wann die Wachen jeweils ausgewechselt werden und was die besten Möglichkeiten sind, sie zu umgehen. Außerdem müssen wir wissen, wie viele Leute hier in Konlir sind und eine Liste erstellen. Seid ihr damit einverstanden?"
Einen Augenblick sagte niemand etwas, dann sagte la Vaca leise, aber so, damit es trotzdem alle hörten: „Wow. Damit hätten wir doch einen Plan. Und wer koordiniert die einzelnen Gruppen? Einen Anführer brauchen wir ja…"
„Ein Triumvirat", schlug Regley prompt vor. „Notwen, Blanche und Dragus."
Als niemand etwas einwandte, zuckten die drei Angesprochenen mit den Schultern und ergaben sich ihrem Schicksal. Sie fingen an, die Gruppen einzuteilen.
„Was hast du für Qualitäten?", fragte Dragus an Gaga gerichtet.
„Äh…Ich bin nicht schlecht in Mathematik…"
Dragus blickte von der Liste auf, auf welcher er die einzelnen Gruppen notierte. „Dann wirst du die Liste der Leute erstellen, die sich noch in Konlir befinden. Die Wachen zählen natürlich nicht. Dabei helfen werden dir Regley und la Vaca. Die Liste muss die vollständigen Namen, die Rasse und falls möglich auch noch Beruf und Anzahl der Waffen enthalten. Dann mal los…"

„Gut in Mathematik? War das ernst gemeint?", erkundigte sich Regley skeptisch.
„Nicht schlecht in Mathematik", verbesserte Gaga. „Und ja, war es…"
„Du willst behaupten, du bist interessiert in Mathematik?", hakte la Vaca nach.
„Ja", sagte der Arbeiter. „Was ist so komisch daran?"
„Och, ich weiß nicht genau. Du schienst mir nicht die hellste Leuchte deines Faches zu sein…", murmelte Regley.
Beleidigt lief Gaga voraus.
„Du hast ihn gekränkt", stellte der Kämpfer erstaunt fest. „Tatsächlich gekränkt…"
„Du glaubst den Unsinn doch nicht etwa, oder? Sein IQ übersteigt nicht einmal die Zimmertemperatur", flüsterte der Onlo zu la Vaca, der lachte.
„Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber irgendeine Qualität hat jeder…"

Drei Jahre zuvor
„Du willst behaupten, du bist interessiert in Mathematik?", hakte Lupo Gaga, Jikos Vater erfreut nach. „Ich hatte nie den Eindruck, du hättest den Unterricht sehr genossen…"
„Das lag eher am Lehrpersonal. Die Schule in Konlir war absolut bescheuert. Die Universität in Konlir ist viel besser…"
„Wem sagst du das?", schmunzelte Lupo. Er selbst war Professor an ebenjener Universität.
„Könnte ich Mathematik studieren?", fragte Gaga. Lupos Miene war unergründlich.
„Du weißt, es ist schwierig. Ziemlich schwierig sogar…"
„Aber du bist derjenige, der Zuständig für die Annahme oder Ablehnung von Bewerbungen ist…", deutete Gaga an.
„Zwing mich nicht zur Vetternwirtschaft", warnte Lupo.
„Zwing mich nicht, dich zu zwingen", grinste Gaga. Lupo schüttelte resigniert den Kopf.
„Du bist unglaublich nervig, weißt du das?", grummelte er.
„Von wem habe ich das wohl?", sprach Gaga mit düsterer Stimme.
„Na gut. Du hast den Platz. Aber du musst wissen, dass es sehr schwierig wird, mit den Ansprüchen der Universität mitzuhalten. Ich muss es wissen."
Innerlich jubelte Gaga auf. Er hatte es tatsächlich noch geschafft. Er bewahrte die Contenance und sagte mit ruhiger Stimme: „Danke. Ich wird dich nicht enttäuschen…"
„Sicherlich nicht", murmelte Lupo leise, nachdem der Arbeiter den Raum verlassen hatte.

Gegenwart
Blanche hatte die Aufgabe übernommen, den Zeitplan für die Teams zu übernehmen. Es war größtenteils langweilige Arbeit, aber irgendjemand musste sie ja machen. Als er fertig war schritt er hinaus auf die Straße, wo, zu seinem Erstaunen Notwen auf ihn wartete. Dieser sah ihn herausfordernd an. „Was machst du hier?"
„Ich bin fertig mit dem Zeitplan. Was machst du hier?"
„Ich bin fertig mit der Zuteilung der Teams. Was machst du hier?"
„Ich bin fertig…ach, das ist albern. Golfen?", schlug Blanche vor. Notwen schüttelte traurig den Kopf. „Geht nicht", erklärte er. „Dragus hat die Golfschläger und ist damit abgehauen…"
„Schwertkampf?"
„Was?"
„Du willst mir doch nicht erzählen, du könntest nicht mit dem Schwert kämpfen, oder? Zufällig weiß ich, dass Narubia eine ausgezeichnete Kampfschule besitzt. Die Dolche sind nur zur Tarnung."
„Du hast es durchschaut", gab Notwen zu.
„Wo hast du eigentlich so gut kämpfen gelernt?", erkundigte sich Notwen. Er war gerade fünfmal hintereinander von Blanche entwaffnet worden. „Ich meine, selbst für einen Taruner kämpfst du sehr gut", fuhr er fort, als der Taruner nicht antwortete.
„In Mentoran."
„Ach was! Ehrlich?", meinte Notwen sarkastisch. „Natürlich in Mentoran! Aber von wem war die Frage!"
„War sie nicht", gab Blanche zurück, aber als er den Ausdruck auf dem Gesicht des Natla sah, begann er fast hastig zu antworten.
„Ich habe es mir selbst beigebracht. Ein Schwert hatte ich geerbt, also habe ich es probiert…"
„Und mit wem hast du trainiert?"
„Mit der Wüste." Notwen blickte ungläubig. „Sie steckt voller Leben, wenn du sie genauer kennst…", erklärte der Taruner.

Drei Jahre zuvor
„Du willst mir doch nicht erzählen, du könntest nicht mit dem Schwert kämpfen, oder?", fragte der Taruner ungläubig. Blanche schüttelte den Kopf. „Natürlich könnte ich…"
„Wie gut?", erkundigte sich sein Gegenüber.
„Ich wage zu behaupten, ich kann besser als du mit dem Schwert umgehen", sprach Blanche mir ruhiger Stimme.
„Das bezweifele ich!", zischte der Taruner und zog seine Waffe. Blanche verdrehte die Augen.
„Ich glaube nicht, dass es irgendetwas bringen würde, dir zu beweisen, dass ich Recht habe. Aber na gut…" Auch Blanche zog seine Waffe, ein glühend rotes Schwert. Auch seine sonstige Erscheinung war ungewöhnlich. Er trug einen braunen Mantel, wie er für Taruner üblich war. Kein Weiß, dass seinem Namen alle Ehre gemacht hätte. Inzwischen waren mehrere Taruner hinzugekommen und beobachteten die beiden Kämpfenden. Der Taruner schritt auf ihn zu. Blanche hielt seine Waffe hinter dem Kopf verschränkt und wartete lässig ab. Im letzten Moment parierte er den Schlag des Taruners, drehte sich zweimal um die eigene Achse und schlug jedes Mal mit seinem Schwert zu. Klirrend fiel die Waffe des Taruners zu Boden. Blanche wandte sich ab und steckte seine Waffe ein. Die Menge, die inzwischen zu einer Gruppe von gut zwei Dutzend Tarunern angewachsen war, applaudierte. Im allerletzten Moment registrierte Blanche eine Bewegung hinter sich und warf sich zur Seite. Das Schwert des Taruners verfehlte ihn um Haaresbreite. Wütend rappelte sich Blanche auf, rannte auf den Taruner zu und deckte ihn mit einem Hagel von Schwerthieben ein. Der siebte traf mehr als nur das parierende Schwert. Der Taruner fiel zu Boden und rührte sich nicht mehr, bis er sich auflöste und, natürlich nicht materiell, zur Reanimationsstätte im Süden schwebte. Jede dieser Stätten, so wusste Blanche, hatte im Lauf der Jahre eine eigene Taktik zur Reanimation entwickelt. Früher konnten die Getöteten nicht wiederauferstehen, doch heute lag die Quote der Wiederbelebungen bei über achtundneunzig Prozent. Die Menschen wurden in Konlir von hoch qualifizierten Ärzten versorgt, ebenso die Magier, da sie ebenfalls von den Menschen abstammten. Die Natla hatten eine merkwürdige Methode, von der Blanche ebenso wenig wie von den Methoden der Onlo und Serum-Geister wusste. Die Taruner, das war ihm klar, hatten eine der komplizierten Methoden. Wie setze man Sandwesen zusammen? Die lebenden Taruner waren ebenso konsistent wie die Menschen, aber was war mit den toten Tarunern? Blanche kannte die Methode nicht genau und beschloss, sie sich in Zukunft einmal erklären zu lassen. Mit dem feigen Taruner von eben hatte er allerdings kein Mitleid. Die Menge, die das Spektakel verfolgt hatte, jubelte jetzt. Taruner freuten sich immer, wenn sie einen ordentlichen Kampf zu sehen bekamen. Inzwischen hörte man aber verwirrtes Murmeln. Blanche sah sich schnell um, nur um sicherzugehen, dass kein weiterer Wahnsinniger auf ihn zustürmte. Dann rief ein Taruner, laut genug, um es das ganze Nomadendorf wissen zu lassen: „Der Wüstenkraken! Er greift an!"

Blanche schüttelte ungläubig den Kopf. Hatte er nie Ruhe? Tatsächlich näherte sich die charakteristische Sandwolke, die Blanche nur allzu gut kannte. Dank dem Wüstenkraken, war das Dorf schon viermal in den letzten Monaten umgezogen. Eigentlich war es nicht als Nomadendorf geplant gewesen. Der Kraken spürte sie mysteriöserweise immer wieder auf. Blanche, der oftmals in der Wüste wanderte, hatte ihn einmal mit zwei merkwürdigen Wesen gesehen, die ihn offenbar zähmen konnten. Inzwischen war er sich sicher, dass es damals eine Halluzination gewesen war. Aber es wäre der Stein der Philosophen für das Dorf, wenn sie entdecken könnten, wie man das Monster besänftigte. Blanche trat ruhig und teilnahmslos an den Rand des Dorfes, dem sich die Sandwolke immer schneller näherte. Er musste verrückt sein, das wusste er. Aber kampflos würde er diesmal nicht fliehen. Er hatte genug von dem ewigen umherziehen. Der Wüstenkraken schoss aus dem Sand und Blanche fühlte sich, zurrecht, wenn er es genau bedachte, unglaublich klein. Er zog sein Schwert. Der Kraken ließ drohend seine Tentakel in der Luft fliegen. Das war die letzte Warnung, das war Blanche klar. Blitzschnell stieß ein Tentakel auf den Taruner zu. Blanche duckte sich und hieb mit gewaltiger Kraft auf die auf den Boden geklatschte Tentakel. Das Wesen ließ ein abgrundtiefes Knurren hören. Jetzt flogen gleich drei der gefährlichen Peitschen auf den Taruner zu. Wieder wich er aus und schnitt zwei der Tentakel ab. Der Kraken schien endgültig genug zu haben und verschwand mit einem schlürfenden Geräusch im Sand. Blanche wartete noch ein paar Augenblicke ab, ob es nicht doch eine Falle war, steckte dann seine Waffe weg und wandte sich dann dem Dorf zu, das zugleich ungläubig und jubelnd auf ihn wartete.

Gegenwart
„Eine unglaubliche Geschichte", kommentierte Notwen. „Aber ich glaube es dir trotzdem, dass sie wahr ist." Er hieb auf den Taruner ein, der gerade noch ausweichen konnte. Notwen setze nach und schlug ihm das Schwert aus der Hand. Blanche nickte anerkennend und wandte sich wieder dem Gespräch zu.
„Danke", grinste Blanche. „Unglaubliche Geschichten sind meistens wahr…" Er täuschte einen Angriff auf der linken Seite an.
„Das stimmt wohl. Niemand hat soviel Fantasie…", sprach Notwen und wich dem Schwert auf der rechten Seite aus.
„Aber jetzt mal bitte die Wahrheit: Wieso habe ich das Gefühl, dass ich dich irgendwoher kenne?" Blanche schlug einmal links, dann rechts und wieder rechts zu. Notwens Schwert fiel klirrend auf die Straße.
„Bitte?", fragte der Natla belustigt, während er es holen ging. „Wir sind knapp ein Jahr zusammen bei den Auftragskillern, falls du das meinst…"
„Nein! Ich habe dich schon irgendwo in der Zeitung in Konlir gesehen. Da bin ich mir sicher!" Blanche hatte nun kein Interesse mehr an einem weiteren Kampf, während der Natla durch seinen kurzzeitigen Sieg ermutigt schien.
„Nach unserem Coup in Ferdolien vielleicht?", witzelte Notwen.
„Nein, ich rede von vorher", meinte Blanche, jetzt sichtlich genervt und neugierig zugleich. Notwen beschloss, die Ehrlichkeit des Taruners zu erwidern und ihm ebenfalls die Wahrheit zu erzählen. Er musste ja nicht alle Details nennen.
„Dann weiß ich vielleicht, was du meinst…"

Drei Jahre zuvor
„Eine unglaubliche Geschichte", kommentierte Notwen skeptisch. Die Gruppe der Natla, die sich in den Wolken von Narubia versammelt hatten, diskutierte heftig über ein Gerücht, dass sie vor ein paar Tagen vernommen hatten. Einer der bekanntesten Killer der Welt sollte sich dazu entschlossen haben, nach Narubia zu kommen. Natürlich waren dies gefährliche Gerüchte, das wusste Notwen. Er hatte allerdings seine Zweifel an der Theorie. Der betreffende Killer sollte ein Kämpfer sein, ein Mensch, der auf Seiten der Natla kämpfte. Es schien ihm merkwürdig, dass jemand wie diese Person sich nach Narubia aufmachte, um angeblich Angst und Schrecken zu verbreiten.
„Wie heißt der Killer?", wollte ein Natla wissen, den Notwen als Nallegam, einen Natla aus seiner Nachbarschaft erkannte. Notwen stand scheinbar teilnahmslos neben der Menge, aber er fieberte auf die kommende Antwort.
„Cyrus", flüsterte ein anderer Natla, Submuloc war sein Name. Notwen hatte es geahnt. Jetzt wusste er, dass es kein bloßes Gerücht war. Er kannte den Kämpfer, war ihm selbst begegnet und nur um Haaresbreite entkommen. Andere hatten nicht soviel Glück gehabt. Cyrus sollte eine wahre Schneise der Verwüstung durch die ganze Welt gezogen haben, ein Kämpfer von unermesslicher Gleichgültigkeit. Irgendwie passte es aber noch nicht zusammen. Es wurde von anderen Fällen berichtet, manche Serum-Geister behaupteten, sie wären dem Killer zum Opfer gefallen. Aber wenn er gegen Natla, Menschen und Onlo kämpfte, dann musste er doch auf derselben Seite wie jene Geister sein, oder nicht? Nun ja, lenkte Notwen ein, Serum-Geister waren nicht gerade eine Quelle der Wahrheit.
„Cyrus existiert nicht", fuhr Nallegam auf. „Er ist ein Mythos, eine Legende, ausgedacht von ein paar verängstigten Menschen, die ein politische Mittel erfinden wollten, um auf die Gefahr in den eigenen Reihen hinzuweisen!"
„Es gibt ihn!", erwiderte Submuloc wütend.
„Ach ja?", meinte Nallegam. „Hast du ihn gesehen?"
Submuloc machte seinen Mund ein paar Mal auf und zu und wusste scheinbar nichts zu entgegnen. Notwen ergriff das Wort.
„Ich habe ihn gesehen. Auf meiner letzten Reise nach Konlir. Es gibt ihn, auch wenn einige Erzählungen maßlos übertrieben sind."
Es folgte eine ziemlich erschreckende Stille, in der sich Notwen wünschte, er hätte gar nichts gesagt. Nallegam sah zu Submuloc und dann zu Notwen, den er immer für geistig fitt und rational denkend gehalten hatte.
„Meine Güte", sprach Nallegam dann. „Selbst Natla, die ich bis heute für zurechnungsfähig gehalten habe, wenden sich gegen mich? Et tu, Brute?"
Notwen legte den Kopf schief und sah ihn vorwurfsvoll an. „Ich habe nicht gesagt, dass er all diese Leute umgebracht hat. Nur, dass es tatsächlich einen Kämpfer gibt, der den Namen Cyrus trägt und ein Killer ist. Das war Alles…"
Das schien Nallegam zu besänftigen. Er setzte eine ´Ist-mir-doch-wurscht´-Miene auf und zuckte mit den Schultern. Plötzlich kann Aufruhr in die Gruppe, als ein Natla angerannt kam und wie von der Tarantel gestochen hektisch umher blickte. Die Natla sahen ihn erwartungsvoll und ängstlich an.
„Ielilag! Ein Kämpfer hat gerade Ielilag getötet! Danach ist er spurlos verschwunden!" Notwen, der etwas in der Art erwartet hatte, wandte sich resigniert ab. Das musste aufhören. Daher war es Zeit, das Experiment zu starten. Cyrus war höchstwahrscheinlich nur unsichtbar und nicht verschwunden. Notwen erkundigte sich bei dem gehetzten Natla nach dem Ort des Geschehens und setzte sich in Bewegung. Er erreichte keine fünf Minuten später den richtigen Platz. Nichts war zu sehen, aber der Natla wusste, dass er nur hier stehen bleiben musste. Möglichst unauffällig natürlich. Es geschah blitzschnell. Der Kämpfer tauchte aus dem Nichts auf und rannte auf Notwen zu. Dieser kramte hektisch nach dem Proto-Typ dessen, was er testen wollte. Er hörte den Kämpfer nicht, bemerkte ihn nur aus den Augenwinkeln. Seit dem Auftauchen des Killers, waren keine drei Sekunden vergangen. Im allerletzten Moment fand Notwen den Zauber, verfluchte sich innerlich, dass er so lange gebraucht hatte und wandte ihn an. Im selben Moment schlug Cyrus zu. Eine unsichtbare Kraft warf ihn zurück. Ungläubig starrte der Kämpfer auf den fast unsichtbaren Schutzschild, der Notwen umgab. Cyrus schien einen Entschluss gefasst zu haben und verschwand. Notwen versuchte unterdessen, seinen Herzschlag zu beruhigen. Es war nicht nur so, dass er fast getötet worden wäre, er hatte auch endlich den Beweis, dass seine Theorie funktionierte. Der Zauber war fertig. Der Natlaschutz war erfunden. Er konnte sich entspannen, die Angst vor Killern war besiegt.