Kapitel 14 – Schatten
Gegenwart
Die Besprechung der Lage begann in fünf Minuten. Notwen war interessiert in den neuen Informationen. Zwei Tage lang hatten sie Zeit gehabt, um die entsprechenden Aufgaben zu erfüllen. Geratheon hatte sich dazu entschlossen, den Golfplatz auszubauen. Da er nicht zu ihnen gehörte, blieb ihm die Entscheidung überlassen. Notwen konnte nicht sagen, es hätte ihn verärgert, er war im Gegenteil froh, dass nicht er diese undankbare Aufgabe zugeteilt bekommen hatte. Nach und nach versammelten sich die Auftragskiller, Geratheon und Dragus in dem größten Raum des Hauptquartiers. Als alle anwesend waren, begann Dragus.
„Also. Zuerst einmal lese ich die Gruppen erneut vor. Geratheon besserte den Golfplatz aus. Notwen und ich teilten die Teams zu. Blanche war für den Zeitplan zuständig. Gaga, Regley und la Vaca waren für die Liste aller Personen in Konlir zuständig. Abanderada zählte die Wachen. Chontamenti und Yax notierten sich deren Schichtwechsel und Zeiteinteilung. Aicard und Vinyó erstellten mögliche Szenarien, um die Wachen zu umgehen. Also, was habt ihr?" Dragus wandte sich zuerst an Geratheon. Dieser blickte verwundert auf.
„Was? Ach so, ja, stimmt ja. Also, der Golfplatz verfügt nun über vierzehn Stationen." Anerkennendes Nicken machte die Runde. Notwen nutzte die Chance der Stille und sprach:
„Dragus, Blanche und ich haben die Teams zugeteilt, die die Wachen beobachten werden. Die erste Schicht beginnt in einer Stunde mit Gaga und Vinyó…"
Abanderada stand auf und verkündete: „Sie haben die Wachen verstärkt. Jetzt stehen an jedem der Tore zirka zwei Dutzend Wachen. Die schlechte Nachricht…"
„Es gibt eine schlechte Nachricht?", unterbrach Chontamenti sarkastisch.
„…ist, dass hinter den Toren jeweils noch einmal doppelt so viele Wachen patrouillieren. Wir haben es also inzwischen mit weit über zweihundert Revolutionären zu tun."
Diese Nachricht verfehlte seine Wirkung nicht. Alle sahen ziemlich niedergeschlagen aus, die einzigen Ausnahmen bildeten Abanderada selbst, Geratheon und Dragus, der wahrscheinlich zu abgehärtet war, um sich einschüchtern zu lassen.
„Das ist schlecht", kommentierte er nur. „Aber weiter im Text…"
„Moment!", unterbrach Yax irritiert. „Wie haben sie in so kurzer Zeit so viele Leute auf ihre Seite bekommen?"
„Durch die Tore, nehme ich an", vermutete Dragus. Yax verdrehte die Augen.
„Ich rede nicht von der physischen Seite, Superhirn! Ich meine, wie Videm und Al Jazeera es geschafft haben, so viele Leute von ihrer Sache zu überzeugen!"
„Ach so. Keine Ahnung", gestand Dragus. „Aber Vinyó, fahre bitte fort und berichte von der Zeiteinteilung der Wachen…"
Yax räusperte sich. „Also. Die Wachen unterstehen offensichtlich verschiedenen Anführern. Sie sehen fast wie eine Söldnerbande aus. Es gibt jeweils zwei Achter-Gruppen Taruner sowie zehn Kämpfer, an jedem Tor. Das lässt darauf schließen, dass sie alle Videm beziehungsweise Al Jazeera unterstehen, aber die direkten Befehle - das sind die für uns wichtigen wie ´Angriff´, ´Rückzug´ oder ´Achtung´ - erhalten sie von den einzelnen Gruppenführern. Die Taruner wechseln die Gruppen nach jeweils sechs Stunden. Die Kämpfer teilen sich auf und wechseln nach fünf Stunden. Das war's", endete Yax etwas lahm.
Dragus nickte nachdenklich und wandte sich an Vinyó und Aicard.
„Habt ihr Möglichkeiten gefunden, die Wachen zu umgehen?", erkundigte sich der Zauberer.
„Erzähl du", meinte Vinyó und lehnte sich zurück. Aicard begann.
„Nun, dank der Informationen von Yax und Chontamenti haben wir eine akzeptable Grundlage. Im besten Fall haben wir es also mit fünf Kämpfern und acht Tarunern zu tun…"
„Für jeden 1,08 Gegner also", kommentierte Vinyó. Yax schlug die Hand vor den Kopf.
„…also haben wir es nicht mit der ganzen Mannschaft zu tun. Allerdings müssten wir die Wachen vorsichtig umgehen oder ausschalten, damit die schlafenden Wachen nicht aufwachen. Jetzt zu den Schichtwechseln. Die Taruner wechseln nach sechs, die Kämpfer nach fünf Stunden. Daraus ergibt sich, dass wir zuschlagen, wenn die Wache der Kämpfer fast vorbei ist. Dann sind sie nicht mehr ausgeruht. Leider ist es so, dass die Zeiten immer vermischter werden. Ich habe eine Liste ausgerechnet und angefertigt, die zeigt, wann sich die besten Zeitfenster ergeben. Morgen um 16:00 Uhr beispielsweise haben die Taruner fünfeinhalb Stunden und die Kämpfer vier dreiviertel Stunden Wachdienst hinter sich. Ich arbeite noch weiter an der Liste…"
„Gut gemacht. Danke. Jetzt zu euch", wandte sich Dragus an Regley, la Vaca und Gaga. Regley ergriff das Wort.
„Es befinden sich außer uns und den Wachen insgesamt sieben Kämpfer, neun Natla, zwei Magier, fünf Onlo, vier Zauberer, vier Serum-Geister und ebenfalls vier Taruner in Konlir. Keine Traipser", bemerkte er rücksichtsvoll an Abanderada gewandt. „Das sind vierunddreißig Personen in Konlir, mit uns sechsundvierzig. Wir haben ihre Namen, Rassen und, von den meisten, den Beruf notiert. Bei den Waffen waren wir weniger erfolgreich. Die Natla wollten uns keine Auskünfte geben. Die Serum-Geister meinten, wir könnten gleich ihre Waffen im Vergleich testen und die Taruner wollten wohl nichts Falsches sagen. Aber die restlichen Rassen sind einigermaßen vollständig. Wir haben drei Dutzend Waffen gezählt, aber die Dunkelziffer liegt weit höher. Außerdem haben wir noch nicht in der Markthalle nachgesehen. Dort dürfte noch einiges zu finden sein…"
Dragus bedankte sich und beendete die Runde. Notwen blieb in dem Raum, der nur für die Versammlungen genutzt wurde. „Was meinst du?", fragte er Blanche, als nur noch der Taruner, er und Dragus im Raum saßen. Blanche zögerte, bevor er antwortete.
„Keine Chance, zumindest, wenn wir es allein schaffen wollen. Wir müssen allem Anschein mit fünfundsiebzig Wachen rechnen, egal wo wir entkommen wollen. Vinyó und Aicard haben uns zwar einen kleinen Hoffnungsschimmer mit ihren Plänen, aber wir müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen: Selbst wenn wir an der Minimalbesetzung vorbeikommen warten hinter den Toren noch fünfzig Gegner. Und wir können nicht erwarten, dass sie noch schlafen, wenn wir das Tor öffnen. Wir müssen hoffen, dass sie ihre Elite auf unserer Seite verschwendet haben. Das würde bedeuten, dass nur noch wenige, wirklich gute Kämpfer hinter der Grenze warten. Wenn das stimmt und wir zumindest die Kämpfer, Taruner, Magier und Zauberer in Konlir überzeugen könnten, sich uns anzuschließen: Dann, mit einem Restrisiko, könnte der Plan funktionieren."
„Aber da sie noch nicht auf unserer Seite sind, da wir nicht wissen, ob wir es mit Laien oder Profis hinter dem Tor zu tun haben und da wir keine Ahnung haben, ob wir die Wachschichten der Revolutionäre richtig eingeschätzt haben – vergesst nicht, dass ein paar Minuten, die sich Yax verschätzt hat, in ein paar Tagen Zeitverschiebung einfach Alles zunichte machen könnte – sieht es ziemlich beschissen für uns aus", erklärte Dragus. Jetzt verließen auch der Natla, der Zauberer und der Taruner den Raum. Notwen kickte gegen den Türrahmen. Er sah ziemlich frustriert aus. Blanche trat zu ihm.
„Könnte ich dich etwas fragen?"
„Hast du bereits. Aber ja", antwortete Notwen.
„Warum diese ewigen Ambitionen?"
„Wie bitte?"
„Du bist kein geldgieriger Natla. Trotzdem hast du dich ohne zu zögern darauf eingelassen, die Bank in Ferdolien auszurauben. Du hast dich sogar mit Videm Corume verbündet, um durch Cygnus an Geld zu gelangen und zuvor auch jeden Auftrag, der ein wenig Goldmünzen versprach angenommen. Soweit ich weiß warst du sogar damit einverstanden, das Nomadendorf in Mentoran niederzubrennen. Warum? Ich hatte nie den Anschein, als bräuchtest du dringend Geld…"
„Ach, das bildest du dir ein", wehrte Notwen ab.
„Und was ist es, weswegen du unbedingt Konlir verlassen möchtest? Wieso versuchst du so verzweifelt, hier wegzukommen?"
„Das ist eine längere Geschichte…", begann der Natla.
Ein Jahr zuvor
„Offen gesagt sieht ziemlich beschissen für Sie aus, Mr. Caasi", sprach der Natla.
„Mr. Angelus", erwiderte Notwen, bemüht, ruhig zu bleiben. „Ich frage hier nach einer ganz einfachen Sache. Ich frage nicht nach viel Geld. Vom moralischen Standpunkt müssen Sie mir Recht geben, dass es richtig ist!"
„Nein", entgegnete Cicero Angelus kühl. Sie saßen sich an dem Schreibtisch des Natla in der Bank aller Wesen in Ferdolien gegenüber. Es war ungefähr um die Mittagszeit und die große Halle war nicht spärlich besucht. Alle Rassen erledigten hier ihre Geldgeschäfte, Transaktionen und manchmal nur einen kleinen Plausch, was, selbstverständlich, verboten war. Der korpulente Natla Angelus sah Notwen herablassend an und sprach mit eisiger Stimme: „Es ist eben keine moralische Sache. Wenn es darum ginge, ihren Bruder zu retten, dann würde ich Ihnen das Geld mit Freuden überlassen…"
„Genau darum geht es doch!", unterbrach Notwen. Dieser Natla hatte anscheinend nichts, überhaupt nichts verstanden. Cicero Angelus schien es gar nicht zu kümmern.
„Sie wissen doch nicht einmal, ob er noch lebt und es sieht ziemlich aussichtslos aus! Er ist auf Linya das letzte Mal gesehen worden. Damit dürften seine Überlebenschancen bei knapp über Null liegen…"
„Sie kennen meinen Bruder nicht!"
„Es tut mir Leid, ich kann Ihnen nicht helfen." Notwen versuchte vergeblich, die Contenance zu wahren. Es funktionierte nicht. Er merkte selbst, wie seine Stimme lauter wurde und die anderen Kunden der Bank verschreckt zu ihm blickten, doch es war ihm egal.
„Jetzt hören Sie mal gut zu! Mein Bruder ist in Linya verschwunden. Ich brauche ein wenig Geld für die Expedition. Es würde keine zwei Wochen dauern und trotzdem wollen Sie mir nicht helfen!"
„Ganz recht", gab Cicero ohne mit der Wimper zu zucken zu. Notwen stand auf.
„Ist das ihr letztes Wort?", fragte er zischend.
„Das ist es."
„Dann sehe ich keinen Grund, Sie am Leben zu lassen!" Notwen zog einen Dolch hervor und wurde im letzten Moment von zwei Tarunern zu Boden geworfen. Mit geübtem Griff entwanden die Wachen den Dolch aus Notwens Hand, drehten ihm die Hände auf den Rücken und hielten ihn fest. Cicero Angelus wirkte verstört.
„Der ist wahnsinnig! Sperrt ihn in eine Zelle!"
Inzwischen sah der ganze Saal zu, wie Notwen von den Tarunern abgeführt wurde. Notwen hieb und stach vergeblich. Er drehte den Kopf zurück, sah Angelus an und brüllte:
„Das werden Sie noch bereuen! Das verspreche ich Ihnen, sie verdammter Vorzeigenatla!"
„Hier du Held. Wir haben extra eine Zelle für kranke Amokläufer", erklärte der Taruner grinsend. Sie standen vor - man ahnt es - einer Zelle. Wütend betrat Notwen den Raum. Es dauerte keine fünfzehn Minuten, da erschien zu Notwens positiver Überraschung ein ihm nicht unbekannter Anwalt. „Notwen Caasi. Dass ich dich einmal in dieser Zelle sehe…", grinste er. Notwen blickte auf und erkannte im Licht einen Natla.
„Submuloc! Das ist aber eine Überraschung!"
„Was meinst du, wie es mir geht? Die stille Berühmtheit Notwen Caasi in der Zelle der Bank aller Wesen, aufgrund versuchten Mordes auf einem gesicherten Ort. Da denkt man, man hätte Alles gesehen und tagtäglich wird man überrascht…"
Die ruhige Atmosphäre wurde jäh von Cicero Angelus unterbrochen, der wütend und von den beiden Tarunern flankiert die Zelle betrat. Zähneknirschend sah er von einem Natla zum nächsten. Er schien einen Moment die Sprache verloren zu haben und begann dann:
„Mir wurde berichtet, dass sie, Notwen Caasi, gewisse Bewunderer in der Regierung haben. Leider muss ich Sie daher freilassen. Aber eins sei gesagt: Sie werden nie wieder einen Schritt in diese Bank setzen und auf die Hilfe der Regierung würde ich auch nicht mehr hoffen, denn Sie sind ein Nichts! Niemand kennt ihren Namen, nur ihre Erfindung! Wenn ich Sie also noch ein einziges Mal sehe, dann werden Sie sich wünschen, Sie wären noch immer in dieser Zelle!"
Notwen blieb ungerührt sitzen und nahm von einem ihm zuzwinkernden Taruner seinen Dolch entgegen. „Sie irren sich. Ich werde einen Schritt in diese Bank setzen und dann werden Sie sich wünschen, Sie hätten mir das Geld bewilligt!"
Submuloc verdrehte die Augen, sagte aber nichts. Cicero Angelus blickte stumm vor Wut auf den Natla und verschwand dann mit den beiden Tarunern.
„Das war lustig", kommentierte Submuloc. „Und ich befürchte sogar, du behältst Recht…"
„Ich hoffe es", murmelte Notwen. „mir läuft die Zeit davon…"
Gegenwart
„Du hast ihn wirklich einen Vorzeigenatla genannt?"
„Jep."
„Ich bin beeindruckt…Warum hast du nie von deinem Bruder erzählt? Wir hätten dir geholfen, wir würden es immer noch…"
„Ich glaube nicht, dass es momentan eine Rolle spielt, aber danke…"
„Achtung!", rief Regley und beide blickten in die Richtung der Stimme. „Wir haben eine Versammlung einberufen, für alle Bürger von Konlir. Sie ist heute Abend…"
„Gute Idee", stimmte Blanche zu. Notwen nickte ebenfalls und wandte sich zum Gehen. Regley sah erwartungsvoll zu Blanche, der allerdings nichts sagte. Den Onlo schien irgendetwas zu verunsichern. Belustigt sah Blanche von Regley zu la Vaca, der jetzt an der Tür stand und unsicher mit den Füßen scharrte.
„Tja. Nun. Da wäre dann noch etwas…", begann Regley.
„Ja?"
„Wie es aussieht, wird jemand die Versammlung leiten müssen…"
„Ich verstehe. Das würde ich gerne machen."
„…und eine Rede halten", fügte der Onlo hastig hinzu.
„Wie bitte?"
„Nun ja. Irgendjemand muss den Leuten ja erklären, was Sache ist…"
„Und warum soll ich das tun?"
„Na ja…", zuckte Regley mit den Schultern. „Irgendwie, nach der Sache im Haus der Zauberer, jetzt nachdem Notwen verschwunden war, die Goldhornziege, das Pokerspiel, das James zerplatzt hat. Irgendwie warst du da unser Anführer. Gaga hat dich sogar einen Held genannt…"
Blanche schnaubte ungläubig und schüttelte den Kopf. „Ich bin kein Held, glaub mir…"
„Aber irgendjemand muss diese Rede halten!", drängte Regley.
„Such dir jemanden. Viele hier haben Führungsqualitäten. Warum hältst du sie nicht? Ich jedenfalls habe keine Lust, einem bunten Haufen zu erklären, wie hoffnungslos unsere Lage ist. Eigentlich denke ich auch, dass es zu früh ist, den Leuten alle Fakten zu erklären. Hoffnung ist das Einzige, was sie noch haben. Ich werde nicht derjenige sein, der ihnen das nimmt. Wirklich nicht." Mit diesen Worten und einem Kopfschütteln zog der Taruner von dannen. Regley wirkte etwas niedergeschlagen. Stimmt, warum hielt er sie nicht? Aber Blanche hatte Recht.
Er weiß es, dachte Regley. Und ich weiß es auch. Das wir hier nicht so bald wegkommen. Vielleicht nie.
Ein Jahr zuvor
„Blanche! Sie ist wieder da, die Wüstenkrake!"
Blanche nickte, blieb aber noch sitzen. Er hatte seinen Entschluss gefasst. Er stand auf, ging zur Tür und schritt hinaus in den Sand.
„Ich werde euch nicht mehr verteidigen", verkündete er. Die Bewohner des Nomadendorfes starrten ihn an.
„Was?", erkundigte sich ein Taruner, der die Sprache wieder gefunden hatte.
„Ich werde euch nicht mehr verteidigen. Es wird Zeit, dass ihr es selbst könnt."
„Das", kommentierte der Taruner. „…ist wohl ein sehr ungünstiger Zeitpunkt!"
„Sonst hättet ihr mich nicht ernst genommen."
„Verdammt Blanche, du bist der einzige, der das Dorf retten kann!"
„Ich rate euch, nach Süden zu ziehen. Ich werde nach Norden wandern und die Krake ablenken. Das dürfte euch ein wenig Zeit verschaffen."
„Blanche! Das können wir Alles später klären! Du bist der Held, du musst uns verteidigen!"
„Wenn ich in Mentoran bleiben muss, um ein Held zu sein, dann möchte ich keiner sein."
„Blanche!"
Blanche sagte nichts mehr, er wandte sich nur nach Norden und ging los. Er ignorierte die Schreie, die ihm durch den Sand folgten.
Sollten sie doch ihr Dorf verteidigen. Ein schönes Nomadendorf, das nicht einmal wandert, nicht arbeitet und sich von einem einzelnen Taruner verteidigen lässt, dachte er. Früher war es anders. Früher mussten alle Familien kämpfen. Sie werden es wieder lernen. Sie werden lernen, dass es im Leben nichts geschenkt gibt, nicht einmal das Leben selber.
Er sah den Wüstenkraken auf sich zuschnellen. Teilnahmslos zog er sein Schwert und hieb auf das Monster ein. Es verschwand jaulend Richtung Westen. Er wartete einen Moment. Eine Minute. Eine Stunde. Einen Tag. Eine Woche. Er stand auf und ging denselben Weg wieder zurück, den er gekommen war. Seine Fußspuren erkannte er nicht mehr, so wechselhaft war die Wüste. Er erreichte das Nomadendorf und eine Totenstille empfing ihn. Nichts Anderes hatte er erwartet. Ein Großteil der Häuser war zerstört. Der Kraken war da gewesen. Er hatte das getan, zu dem die Natur ihn auserkoren hatte, sein Territorium zu verteidigen. Blanche sah fast ein bisschen traurig in das leere Dorf. Er wollte nicht wieder nach Mentoran zurückkehren, sobald er es einmal verlassen hatte. Nichts wartete dort mehr auf ihn. In einer Hütte fand er einen Mantel, eine Hose, Schuhe, sämtliche Kleidung in weiß. Erstaunt sah er sich um. Den Besitzer würde es nicht stören, das wusste er. Weiß, wie er nun aussah, schritt er nach draußen, nur um einen Taruner eine Handbreit vor seinem Gesicht zu sehen. Rasch wich er zurück.
„Warum hast du das getan?", zischte der Taruner. „Du bist kein Held! Du bist ein schlechter Anführer! Alle sind weg! Der Kraken hat das halbe Dorf verwüstet!"
„Ich sehe es", sprach Blanche ruhig. Es interessierte ihn nicht, was der Taruner zu sagen hatte.
„Ich bin kein Held", stimmte er zu. „Ich habe es auch nie behauptet. Das Dorf brauchte jemanden, dem es folgen konnte. Ich habe nie darum gebeten, diese Verantwortung zu übernehmen. Sie haben mich zu dem Anführer verdammt, der ich nicht sein wollte. Jetzt geh mir aus dem Weg."
Der Taruner warf ihm noch einen hasserfüllten Blick zu, den Blanche mit einem mitleidvollen erwiderte und der Namenlose verschwand. Blanche trat hinaus auf den Platz in der Mitte des Dorfes und ging zur Grenze der Hütten. Er sah eine Gruppe aus verschiedensten Rassen auf sich zu kommen.
Mal sehen, dachte er. Vielleicht ergeben sich neue Möglichkeiten…
Gegenwart
„Gaga! Wir sagen den Leuten in der Stadt Bescheid, dass wir heute Abend die Versammlung haben. Hilfst du mit?", fragte la Vaca.
„Klar doch!"
Sie nahmen sich eine von Regley angefertigte Kopie der Einwohnerliste und machten sich auf den Weg. Die erste Kandidatin wohnte nicht weit vom Hauptquartier entfernt. Der weibliche Serum-Geist öffnete die Tür, offensichtlich umständlich, da sie in der anderen Hand ein gefährlich aussehendes Schwert hielt.
„Was gibt's?", fragte sie, nicht unhöflich, aber bestimmt.
„Äh. Sie sind…" Gaga blickte kurz auf die Liste, „Nija Apameia, Serum-Geist, wohnhaft in Konlir?"
„Sind wir doch alle, nicht wahr?"
„Nun. Stimmt. Sind Sie es?"
„Jupp."
„Dann möchten wir Sie informieren, dass heute Abend eine Versammlung stattfindet. Eine Art Lagebesprechung, wenn Sie so möchten…"
„In Ordnung, tun Sie das."
„Äh. Es wäre schön, wenn Sie ebenfalls erscheinen würden. Sonst wäre ihr Mitspracherecht verwirkt…"
„Natürlich geh ich hin! Schließlich möchte ich raus aus der Stadt…"
„Aber haben Sie nicht gerade gesagt, wir sollen ohne Sie anfangen?"
„Du sagtest, du möchtest mich informieren. Also meinte ich, du solltest das tun…"
Lachend schloss der Serum-Geist die Tür vor der Nase des Arbeiters. La Vaca grinste und bedeutete Gaga, weiterzugehen. „Frauen…", murmelte Gaga. La Vaca meinte nur:
„Das ist der Grund, warum die Serum-Geister immer als böse verhöhnt bleiben…"
Ein Jahr zuvor
„Verdammt, ich bin der schlechteste Mathematikstudent in Konlir!", maulte Gaga. Lupo sah ihn an. „Ich sagte dir doch schon, du sollst deine Erwartungen nicht zu hoch stellen. Nur weil die Anderen besser sind als du, heißt es nicht, dass du schlecht bist."
„Was soll das jetzt heißen?"
„Du brauchst nicht auf einer Stufe mit dem Rest zu stehen. Du hast andere Qualitäten. Du bist für andere Aufgaben gedacht, das merkst du früh genug…"
„Aber die verdammten Serum-Geister! Die machen mich krank! Immer tun sie besserwisserisch und belehren einen! Wir hätten sie ein für alle Mal ausrotten sollen!"
„Du berufst dich auf den alten Kampf zwischen der Zusammenkunft und dem Bündnis. Vergiss aber bitte nicht, dass weder du, noch ich, noch jene Serum-Geister am Leben waren, als dieser Konflikt begann. Sie haben keine Ahnung, warum sie kämpfen und trotzdem tun sie es. Weißt du, wie sehr die wirklichen Genies unserer Zeit, Shakespeare, Thomas, Wilde, wie sie ihre Weggefährten damals verachteten, für das, was sie begannen? Sie wussten genau, dass beide Seiten eine Lawine losgetreten hatten, dessen Ende noch heute nicht in Sicht ist. Die Serum-Geister, von denen du sprichst, haben nichts dazugelernt. Sie werden daher niemals große Denker werden. Berühmt, vielleicht. Intelligent, vielleicht. Aber keine echten Denker. Möglicherweise werden sie verehrt, aber nicht als Wert für diese Welt geschätzt. Du warst niemals ein Mathematiker, Jiko. Ende nicht wie die Serum-Geister, die du für Besserwisser hältst, denn jetzt kennst du das Geheimnis. Das Geheimnis, warum diese Welt seine Probleme nicht beiseite legen kann. Beurteile die Zusammenkunft nicht so hart, denn auch unter ihnen gibt es Geister wie uns, die die Dummheit unserer Vorfahren verachten. Das ist der Grund, warum die Serum-Geister immer als böse verhöhnt bleiben. Begehe nicht denselben Fehler, Jiko…"
„Du wusstest, dass ich nicht für die Mathematik geeignet bin?"
„Wusste? Natürlich wusste ich es! Wahrscheinlich wusstest sogar du es!"
„Warum hast du dann nichts gesagt?"
„Weil du lernen musst, dass du, nur du allein deine Entscheidungen triffst und ihre Konsequenzen trägst. Warte ab, eine Chance wird sich ergeben, dich zu beweisen…"
Gegenwart
„Was sagtest du?"
„Ich sagte: Das ist der Grund, warum die Serum-Geister immer als böse verhöhnt bleiben."
Gaga starrte ihn an. „Woher kennst du diesen Satz?"
„Ich…was? Ich habe ihn irgendwo gehört. Jetzt hierher, der nächste Mensch wartet", sagte la Vaca, bevor Gaga etwas sagen konnte. Sie klopften an der Tür zu einem Haus, das sehr nach einer verfallenen Villa aussah. Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Tür und ein Kämpfer stand vor ihnen.
„Cyrus?", erkundigte sich diesmal la Vaca, von der Liste aufblickend.
„Der bin ich wohl", antwortete der Kämpfer.
„Heute Abend findet eine Versammlung statt. Wir beraten unsere nächsten Schritte. Gut wäre es, wenn du ebenfalls teilnimmst."
„Klar. Viel habe ich ja sonst nicht zu tun…"
„Prima. Dann bis heute Abend…"
Sie machten sich wieder auf den Weg, nicht wissend, dass sie gerade den bekanntesten Kämpfer der freien Welt getroffen hatten. Sie hatten fast die Hälfte der Liste abgearbeitet, als Vinyó ihnen entgegenlief.
„Wir, also Aicard, Chontamenti und ich, haben die Tour schon beendet. Wird Zeit, wieder zum HQ zurückzukehren…"
Sie erreichten das Hauptquartier, wo sich schon alle versammelt hatten. Nur Regley, Abanderada, Dragus und Geratheon waren nicht anwesend: Sie beobachteten die Tore und führten genau Buch über die Dinge, die sie sahen. Plötzlich flog etwas gegen die Fensterscheibe.
„Hunderttausend heulende Himmelhunde! Hab ich mich erschrocken!", sagte Aicard und sah aus, als ob er es ernst meinte. Was verständlich war, denn fast jeder war zusammengezuckt, nur Gaga schien zu abwesend zu sein. Vinyó ging ans Fenster und öffnete es. Ohne Vorwarnung riss ihn eine Brieftaube zu Boden. Grummelnd schloss der Zauberer das Fenster und sah sich nach dem Tier um. Notwen war bereits aufgestanden und hatte den Brief vom Bein des Vogels entfernt.
„Für mich", erklärte Vinyó und streckte fordernd seine Hand aus. Notwen gab ihm den Brief.
„Was ist das?", fragte Yax.
„Ein Brief."
„Tatsächlich? Ich dachte das wäre der Newsletter der Koloaplantagen! Ich meinte den Inhalt!"
„Es ist der Newsletter der Koloaplantagen…", murmelte der Zauberer mit gespieltem Erstaunen, als sein Blick von Zeile zu Zeile huschte.
„Vinyó!"
„Ist ja gut. Ich hab einen Brief an Fenchurch Zacatecas geschrieben. Nicht, das es nötig gewesen wäre, schließlich scheint jeder über die Blockade Bescheid zu wissen…"
„Aber du wolltest doch auch, dass sie Noir, Alpha und die Anderen informiert, oder?", erkundigte sich Yax.
„Du hast den Brief gelesen?", fragte Vinyó entsetzt.
„Den Anfang ja. Ich weiß, ich bin ein elender Hund. Beantwortest du die Frage trotzdem?"
„Ja zur ersten und ja zur zweiten Frage. Nun gut, ich les die Antwort vor:
Lieber Vinyó. Wie dir sicherlich bekannt sein dürfte, habe ich dringendere Dinge zu tun, als mich um Lappalien wie eure zu kümmern. Meiner Ansicht nach ist es euer eigenes Fehlverhalten, dass euch und euren Mitbewohnern in Konlir nachhaltig geschadet hat. Allerdings bin ich auch ein gütiges und großzügiges Wesen und helfe euch, selbstverständlich gegen ein gewisses Entgelt, bei euren Versuchen, die Stadt zu verlassen. Auch habe ich Alpha, Noir, Deprea und Euphrosyne, sowie Illyrus Reilly und einige Andere kontaktiert. Wir zählten an jedem der Tore fünfzig inkompetent aussehende Revolutionäre. Sedna Kalyke und Ignotexx Helixx werden uns nach Beendigung ihrer jetzigen Mission ebenfalls zur Seite stehen. Nächstes Mal wünsche ich mir allerdings, nur bei wichtigen Neuigkeiten gestört zu werden…
Vinyó blickte auf und sah in die Runde. „Und du hast von allen Leuten, die wir kennen, ausgerechnet sie um Rat gefragt?", vergewisserte sich Regley ungläubig. „Also wenn es eine Person gibt, die uns mindestens so verachtet wie Videm, Al Jazeera und die Revolutionäre, dann ist es doch Fenchurch Zacatecas, oder?"
„Wer genau ist das?", erkundigte sich Aicard.
„Frag nächstes Mal nicht. Eine unfreundliche Kämpferin, mehr nicht…"
„Und was machen wir jetzt?"
„Wir warten ab, was bei der Versammlung geschieht", beschloss Blanche. „Wie viel Zustimmung wir bekommen…"
„Wer sollte eigentlich die Rede halten?", fragte Vinyó. Regley scharrte unsicher mit den Füßen.
„Noch niemand", beeilte er sich zu sagen. Blanche sagte kein Wort.
„Rede? Klingt als wären wir auf dem Jahrmarkt! Wir sind in der größten Stadt der Welt gefangen. Haben wir Zeit, Reden zu halten?", hakte Yax nach.
„Eigentlich ist es unnötig", stimmte Blanche zu und erhielt einen vernichtenden Blick von Regley als Dank für diese Bemerkung.
„Nun, was wir auch tun", fuhr der Taruner fort. „Wir dürfen niemandem auf unserer Seite schaden. Das ist unser höchstes Ziel…"
Ein Jahr zuvor
„Wir dürfen niemandem auf unserer Seite Schaden zufügen. Dies soll unser höchstes Ziel sein. Auch dürfen wir niemals zulassen, dass Menschen in unserem Umfeld geschädigt werden. Wir müssen Alles daran setzen, jene zu retten. Das ist unser Eid", schloss der Zauberer. Vinyó blickte gelangweilt zu seinen Kollegen. Er, wie alle Anderen, kannte diesen Eid auswendig, da sie ihn ja selbst geschworen hatten. Langsam wurde es langweilig.
„Müssen wir diesen Kram bei jeder Versammlung durchsprechen?", fragte der Zauberer links von Vinyó leise. Es war eine rhetorische Frage, schließlich war die Antwort gesetzlich vorgeschrieben. Das war das Problem bei der Reanimationsstätte – es ging nicht nur darum, einen der schwierigsten Jobs der Welt zu erledigen, man musste sich auch an die übersorgfältigen Vorschriften halten. Zu guter Letzt löste der Zauberer die allwöchentliche Versammlung auf, wünschte ihnen Allen noch viel Glück und ging durch die Tür nach draußen. Vinyó und seine Kollegen machten sich routinemäßig auf zur täglichen Übung. Auch das war nervig: Um die höchstmöglichste Leistung erwarten zu können, mussten sich alle Zauberer diesen Übungen unterziehen. Inzwischen kannte Vinyó die Szenarien alle auswendig. Allerdings musste er zugeben, dass sie halfen. Sie waren alle auf der Höhe mit sämtlichen neuartigen Methoden, konnten im Schlaf die nötigen Anweisungen herbeizitieren und war daher für den Ernstfall die wohl best trainierte Reanimationsstätte der Welt. Wahrscheinlich dachten das alle anderen Stätten auch, dachte Vinyó.
Sie waren mitten in der Übung, als sie über zwei neue Fälle informiert wurden. Offensichtlich war es eine absolute Sensation, denn der Bote schien kaum die passenden Worte zu finden. Vinyó meldete sich freiwillig – was dem Rest recht war – und erreichte in nur eineinhalb Minuten den entsprechenden Operationssaal. Tatsächlich war es ein sensationeller Fall. Der Magier und der Kämpfer hatten sich offensichtlich gleichzeitig angegriffen. Der Kämpfer hielt noch immer das Schwert umklammert, das dem Magier aus der Brust ragte. Auch der Kämpfer war nicht ungeschoren davongekommen, Vinyó bemerkte auf Anhieb drei Stichwunden in Arm und Seite. Schnell fasste er sich wieder und fällte eine Entscheidung, die ihm noch lange nachgetragen werden sollte. „Zuerst der Magier", wies er die helfenden Arbeiter an. Sie starrten ihn nur an. Inzwischen war ein zweiter Zauberer zur Hilfe geeilt, den Vinyó als seinen Sitznachbarn in der kurz zuvor beendeten Versammlung erkannte. Falls er sich nicht irrte, war sein Nachname Helixx oder so ähnlich. Der Name war allerdings nicht gerade eine Seltenheit. Der Zauberer stellte sich neben Vinyó. „Zuerst der Magier", wiederholte dieser ungeduldig. Endlich schien Leben in die Anderen zu gelangen, denn sie befolgten den Befehl sofort.
„Moment", unterbrach Helixx. „Was macht der Magier vor dem Kämpfer?"
„Sterben", sagte Vinyó nur und wandte sich wieder seinem Patienten zu. Mit einem Ruck riss er das Schwert heraus und drückte sofort ein paar Tücher auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen.
„Hey aber…", begann Helixx.
„Wenn die Opfer hier reinkommen, verlieren sie ihren Status als Feinde!", erklärte Vinyó ungeduldig. Auch den Anderen schien jetzt unwohl, denn sie rückten unsicher zurück.
„Verdammt, ihr sollt mithelfen!", rief der Zauberer wütend. Helixx schien einen Entschluss gefasst zu haben, denn er wandte sich nun zu dem verletzten Kämpfer und half diesem.
Immerhin, dachte Vinyó.
Zwei Stunden später verließen Vinyó und Helixx erschöpft, aber zufrieden den Raum. Als Überraschung wartete ein Kämpfer auf sie.
„Vinyó Kre?", fragte er.
„Ja…"
„Sie sind festgenommen."
Vinyó traute seinen Ohren nicht. „Wie bitte?"
„Weshalb?", fragte Helixx und stellte damit die weitaus wichtigere Frage.
„Sie unterstützten die dunkle Zusammenkunft. Ihnen, Ignotexx Helixx, kann ich leider keinen Vorwurf machen, obwohl sie ihm indirekt halfen. Trotzdem sind sie hiermit verwarnt! Und nebenbei: Sie sollten ihre Geschäfte mit dem Tal der Ruinen einstellen, oder ich werde persönlich dafür sorgen!"
„Sie machen Witze!", rief Vinyó dazwischen. Das war wirklich etwas zu unmenschlich.
„Nein. Allerdings gibt es eine Möglichkeit, sich freizukaufen…"
„Welche?"
„Liefern Sie mir den Magier. Das ist Alles…"
„Was passiert dann mit ihm?"
„Er wird hingerichtet und es wird sichergestellt, dass er nicht wieder belebt wird."
„Das geht nicht", unterbrach Helixx. „Er wird automatisch zur Reanimationsstätte der Magier transportiert. Und dort werden sicherlich keine Wiederbelebung verhindern können, oder?"
„Nun, wir haben soeben eine Methode gefunden, wie wir Feinde in unsere Stätten bringen", erklärte der Kämpfer.
„Moment! Sie wollen mich verurteilen, obwohl ich nicht einmal ihren Namen kenne, die genaue Anklage, das Motiv oder die Gewissheit, das es rechtlich abgesichert ist?", fragte Vinyó wütend.
„Ich bin James. Ihnen wird Fraternisierung mit dem Feind vorgeworfen. Der Magier ist uns bekannt und seien Sie versichert: Er ist gefährlich! Zum letzten Punkt…"
Der Kämpfer, der James hieß, rollte ein Pergament aus. Vinyó brauchte es sich nicht einmal durchzulesen. Das Siegel am unteren Ende reichte vollkommen.
„Warum holst du dir den Magier nicht einfach, James?", fragte der Zauberer zähneknirschend und benutzte absichtlich die zweite Person Singular.
„Wir wissen beide, dass das nicht geht, Vinyó", sprach James und zahlte es ihm mit selber Münze heim. „Nach dem Gesetz liegt das Schicksal des Patienten in deiner Hand. Deshalb solltest du uns helfen, oder du wirst vielleicht nie mehr das Tageslicht sehen…"
Die Drohung ließ Vinyó kalt. „Also willst du, dass ich dir den Magier sofort ausliefere, oder du sorgst dafür, dass ich im Gefängnis lande?"
„Nicht sofort! Wir können ihn nicht in diesem Zustand töten!"
„Also soll ich ihn heilen, damit du ihn umbringen kannst? Das macht mich krank!"
„Dann soll es so sein! Vinyó Kre, Sie sind hiermit offiziell festgenommen, da Sie, statt dem Kämpfer Cyrus Hilfe zu leisten, dem Magier Videm Cor…"
Plötzlich hörten sie lautes Rufen in dem Raum hinter ihnen. Gleichzeitig stürmten Vinyó, Ignotexx und James zur Tür. Drinnen erwartete sie ein ziemliches Blutbad. Der Magier war offensichtlich zu sich gekommen und hatte vier Arbeiter umgebracht, bevor der noch geschwächte Kämpfer ihn endgültig besiegte. Sie sahen den Körper des Magiers verschwinden. Damit würde er zur Wiederbelebung in die Festung der dunklen Magier gelangen und höchstwahrscheinlich durchkommen. So absurd es klang, der Kämpfer hatte dem Magier soeben unwissentlich das Leben gerettet. Vinyó wusste allerdings auch, dass sich seine letzte Chance gerade buchstäblich in Luft aufgelöst hatte. Ignotexx war eine halbe Sekunde vor Vinyó zu derselben Erkenntnis gelangt. Er schlug den Kämpfer James rücklings bewusstlos. Der Zauberer wandte sich an Vinyó.
„Schnell! Du hast nicht viel Zeit…"
Es bedurfte keiner Worte. Vinyó nickte Ignotexx noch einmal dankend zu und rannte dann zum Ausgang. Draußen angelangt hörte er schon die Stadtwache näher kommen, die automatisch informiert wurde, wenn im friedlichen Konlir trotz der Gesetzte Menschen zu schaden kamen. Verzweifelt sah er sich um. Er rannte auf den allseits bekannten Fischladen zu. Es war keine sonderlich gute Tarnung, denn schließlich konnte er im Nachhinein nicht behaupten, etwas kaufen zu wollen, aber es war besser als nichts.
„James…", murmelte Vinyó. „Verdammter Tyrann…"
Gegenwart
„Meine Güte, wir sind so dämlich!", sprach Abanderada, als er das Hauptquartier betrat. Er war gerade von seiner Beobachtung bei den Toren zurückgekehrt. Es regnete in Strömen.
„Könntest du mich bitte davon ausschließen?", fragte Regley genervt, der das Südtor bewacht hatte und folglich schon ein paar Minuten zuvor zurückgekommen war.
„Was ist?", fragte Blanche.
„Wir haben noch kein einziges Mal die Markthalle besichtigt! Es müssen doch Tonnen von Zeug da rum liegen, oder?"
„Du hast Recht. Wir hatten es einmal bei der Lagebesprechung erwähnt, aber vollkommen vergessen!" Der Taruner schlug sich mit der Handfläche gegen die Stirn.
„Das gibt uns einige Chancen! Vielleicht gibt es sogar Sprengstoff, das wäre optimal…Nun, ich muss los, das Tor bewachen und sehen, was sich da tut. Am Besten führst du ein paar von uns zur Markthalle und beaufsichtigst eine Zählung, Abanderada."
„Ich?"
„Warum nicht? Bis dann…"
Abanderada grinste und stellte eine Gruppe zusammen. Zwar waren sie Alle gleichberechtigt, aber Abanderada hatte noch nie eine verantwortungsvolle Aufgabe übernommen. Offensichtlich war Blanche das auch aufgefallen und er hatte prompt gehandelt. Neben Abanderada machten sich nun Geratheon, Vinyó, Chontamenti und la Vaca auf den Weg zur Markthalle. Der Traipser war seit Beginn von Konlir beeindruckt gewesen und konnte, wie er sich gestand, nicht ganz nachvollziehen, warum alle Anderen so verzweifelt versuchten, hier wegzukommen. Eigentlich war es ganz schön und friedlich. Die Wälder im Norden, die Stadt im Zentrum und die Wiesen im Osten bildeten eine abwechslungsreiche Gegend. Wahrscheinlich ist es mehr das Gefühl, eingesperrt zu sein, überlegte Abanderada. Natürlich ist das Gebiet groß, aber außer Golfsspielen und ein wenig Wandern wissen die Anderen nichts damit anzufangen. Sie sollten vielleicht einmal ihr halbes Leben in einem Höhlensystem verbringen. Das würde ihnen eine neue Sichtweise ermöglichen…
Jetzt standen sie vor dem großen Gebäude, das, wie Abanderada feststellte, bis auf ein paar kleine Veränderungen ein Ebenbild der Ruhmeshalle im Norden war. Nur der Sinn und Zweck der beiden Gebäude unterschied sich in einem Maße, das jeden blind für die Übereinstimmung machte. Im Inneren war es stockfinster. Nach und nach zündeten la Vaca und Geratheon die Fackeln am Rand der Halle an. Normalerweise leuchteten die Lichter, die von der Decke hingen pausenlos. Jetzt waren sie erloschen, was Geratheon, Vinyó und la Vaca, also jenen in der Gruppe, die die Halle gut kannten, sofort auffiel. Die Halle war so breit, das die Mitte noch immer im Dunkeln lag, obwohl an der Seite Licht brannte. Sogar Chontamenti, der bisher nur ein paar Mal in der Halle gewesen war, wirkte beeindruckt. Abanderada, der die Markthalle noch nie von innen gesehen hatte, verschlug es die Sprache. Das Gebäude wirkte noch größer als von draußen. Überall waren ordentliche Stände aufgebaut, die trotz in der kurzen Zeit der menschlichen Abwesenheit schon eingestaubt wirkten. Die Zeit, wie die Abwesenheit, wurden in jener Halle deutlicher als je zuvor. So vergänglich wie jetzt deutlich wurde, war die Menschheit den Anderen in der Gruppe noch nie erschienen. Sie fühlten sich wie winzige Eindringlinge, die diesen Ort störten.
„Seht mal her", winkte Geratheon. Er war Händler und für ihn musste das hier das Paradies sein. Die Gruppe scharrte sich um ihn und blickte auf den Stand, vor dem der Taruner halt gemacht hatte. Es war kein Stand in dem Sinne, sondern eine Reihe von Tischen, die sich durch die ganze Halle ziehen musste. Und auf dieser Tischreihe lagen Gegenstände, die sie in einem Maß beeindruckten, wie noch nie. Es waren Waffen. Waffen, in welcher Stückzahl sie noch keiner gesehen hatte. Wenn die Markthalle mit dutzenden Menschen gefüllt und hell erleuchtet war, machte es einen schwächeren Eindruck. Jetzt erstreckten sich dutzende, wahrscheinlich hunderte verschiedenster Angriffswaffen vor ihnen. Sie konnten das Ende der Tischreihe nicht sehen, nicht einmal die Stelle, an der die Angriffswaffen aufhören und das Angebot der Verteidigungswaffen beginnen mussten.
Einst muss dieser Ort voller Leben gewesen sein, dachte Abanderada. Jetzt sieht es hier nur noch trostlos aus.
Vinyó fasste sich als erster wieder und begann mit der Auflistung. Chontamenti, la Vaca und Abanderada folgten seinem Beispiel. Nach ein paar Minuten gaben sie es aufgrund der riesigen Menge an Material auf und beschlossen, nur ungefähre Schätzungen anzugeben.
„Chontamenti, könntest du vielleicht die Anzahl der Schilde schätzen?", fragte Vinyó.
„Vierhundert."
„Schätzen, nicht raten!"
„Oh, eine größere Aufgabe traut man mir nicht zu, war ja klar! Verdammte Idioten…"
Kopfschüttelnd wandte sich Vinyó an Abanderada. „Das wird nie was mit dem. Ich habe keine Ahnung, warum er immer so depressiv ist. Könntest du nicht vielleicht was unternehmen?"
„Wieso ich?"
„Na ja, irgendeine Lebenseinstellung muss dir ja zu dieser…wie soll ich sagen…Heiterkeit verhelfen, oder?"
„Ich glaube nicht, dass er meine Ansicht teilen würde…" Abanderada bemerkte, dass Vinyó ihn noch immer erwartungsvoll ansah. „Na gut. Ich kann dir die Geschichte erklären und du versuchst – vergeblich – es ihm nahe zu bringen, in Ordnung? Keine Angst vor Ohrenschäden durch das Zuhören?"
Vinyó nickte. „Die Geschichte stammt von dir. Die ist bestimmt nicht gefährlich…"
„Na dann…"
Ein Jahr zuvor
„Pass auf! Wir wissen nicht, was das ist!"
„DU weißt vielleicht nicht, was es ist. Mir ist klar, dass das die Staubschleiferkönigin sein muss…Die ist bestimmt nicht gefährlich…"
„Du hast keine Ahnung, ob sie gefährlich ist! Willst du ihr wieder Gedichte vorsingen, oder was? Ich kann dir schon jetzt sagen, dass das nicht klappt!"
Abanderada und Chimikeppuko lagen auf einem Felsen und blickten auf ein Tal in Kerdis hinab. Dort ruhte eine beeindruckende Kreatur, die, wie Abanderada treffend bemerkte, nicht gerade sehr friedlich aussah. Chimikeppuko wollte das allerdings nicht hören. Das Tier bewegte sich und Abanderada zuckte zusammen. Sie hatten den Wüstenkraken dutzende Male besichtigt und ihn immer wieder zur Weißglut getrieben, falls dies denn bei Kraken möglich war. Es war sicherlich oftmals brenzlig geworden. Nicht umsonst war das Tier als der Schrecken von Mentoran bekannt. Aber hier in Kerdis herrschte etwas Anderes. Die Staubschleiferkönigin war ein wirklich gewaltiges Wesen, sie maß sicherlich neunzig Fuß Länge und verfügte über Klauen, die in der Größe den Hütten des Nomadendorfes glichen. Ansonsten sah sie wie alle Staubschleifer aus: Knurrend über den Boden kriechend, mit dickem Fell und einem sichtlich schlechten Gemüt. All das schien Chimikeppuko vollkommen kalt zu lassen. Abanderada sah es als seine Pflicht, noch einen letzten Versuch zu unternehmen.
„Tu das nicht! Lass uns nach Hause gehen!"
„Du spinnst…"
Ein Stein polterte den Hang hinunter. In der Stille klang es wie Donnergrollen. Die Königin sah auf. Chimikeppuko sah aus, als hätte ihn der Blitz getroffen. Abanderada schaltete schneller und zog Chimikeppuko nach unten, obwohl er bereits wusste, dass es zu spät war. Er hörte ein schleifendes Geräusch und ihm wurde bewusst, dass dies die Namensgebung der Kreatur hervorgerufen haben musste. Witzigerweise hatte er darüber nie nachgedacht. Und jetzt war sich Abanderada nicht mehr sicher, ob er es noch könnte. Die Königin kam näher und dem Traipser wurde klar, dass es nur noch zwei rationale Möglichkeiten gab: Verstecken und Sterben oder Laufen und Sterben. Im Bruchteil einer Sekunde entschied er sich für das Letztere und riss Chimikeppuko auf die Beine. Sie hechteten, nicht wagend, sich umzudrehen, in Richtung Osten. Der Weg nach Hause war ihnen versperrt, daher rannten sie geradewegs auf Mentoran zu. Das Tal, in dem die Königin geweilt hatte, musst am äußersten Rand ihres Revier gelegen haben. Die beiden Traipser sahen die Grenze vor sich. Zu Beginn und in der Verwirrung hatten sie einen Vorsprung von einhundert Metern gehabt, den sie sogar noch ausbauten, da die Königin sich nur schwerfällig über die Hügelkuppe bewegte. Jetzt, im offenen Terrain mussten sie einsehen, dass sie es nicht mehr schaffen würden. Ihnen blieb die Wahl, in Kerdis oder Mentoran auf ihr Ende zu warten. So oder so, sie würden nicht lange warten müssen. Abanderada, der stets der Zögerliche war und eher zurückhaltend auf alle Vorschläge, Kerdis zu verlassen, reagiert hatte, schubste Chimikeppuko durch den Canyon, der den Beginn von Mentoran markierte. Entgegen seiner Hoffnungen machten der Staubschleiferkönigin diese geographischen Grenzen nichts aus. Unbeirrt behielt sie ihr Tempo bei. Dann geschah etwas Unerwartetes. Zum zweiten Mal in seinem Leben verspürte er das Gefühl der Schwerelosigkeit. Sicherlich dachten viele Menschen bei Schwerelosigkeit an ein leichtes Schwindelgefühl, Bauchschmerzen und ein Kribbeln im rechten Fuß. Doch niemand verbrachte diesen Zustand mit dem Horror in Verbindung, den Abanderada erlitt. Als vielleicht einziges Lebewesen in der Welt, wusste er es einzuordnen. Der Kraken war zurückgekehrt. Hilflos an einem Tentakel hängend, sah er viel zu weit unter sich Chimikeppuko und im Hintergrund die nahende Königin. Ein erschreckendes Déjà-vu-Erlebnis setzte ein. All das kannte der Traipser schon. Das sinnlose Schlagen auf den Wüstenkraken, das fast ohnmächtige Gedicht, das einsetzte und wieder einmal das ungeheure und nervenaufreibende Gefühl, zu fallen. Er fiel, fiel, fiel…landete.
Abanderada schlug die Augen auf. Es dauerte einen Moment, bis er einige Dinge begriff. Es war kein Traum gewesen. Er lag im Sand. Aber kein schlurfendes Geräusch, das wie sonst eine der beiden Urmächte begleitete. Es war ruhig. Es war still. Der Traipser rappelte sich auf. Sofort griffen ihn Kopfschmerzen mit brutaler Gewalt an. Verwirrt blickte er um sich. Er sah einen schwarzen Fleck im Sand vergraben. Abanderada torkelte darauf zu. Es war Chimikeppuko und er hatte zweifellos das zeitliche gesegnet. Auf seinem Gesicht war nichts als Verwunderung zu lesen. Abanderada ließ sich zurück in den Sand fallen. Eigentlich wollte er wieder einschlafen. Egal, ob ein Riesenkraken oder eine noch größere Staubschleiferkönigin warteten. Das zählte irgendwie nicht mehr. Sie waren bestimmt nicht gefährlicher, als andere Wesen. Diese Kreaturen wurden zu Monstern aufgeblasen und wurden, wenn es nach Abanderada ginge, meilenweit überschätzt.
Gegenwart
Vinyó blieb einen Moment stumm. Dann noch einen Moment und dann einen dritten. Zuerst wollte er sich erkundigen, ob Chimikeppuko reanimiert wurde, dann fiel ihm ein, dass Traipser wohl kaum über die nötigen Stätten verfügten. Schlussendlich fragte er, weil ihm nichts Anderes einfallen wollte:
„Und deshalb bist du fröhlich? Weil dein Freund in der Wüste umgebracht wurde?"
Der Zauberer konnte nicht wirklich sehen, wie man Chontamenti damit aufheitern konnte. Abanderada allerdings blieb gelassen wie immer:
„Dort, in der Wüste, als ich in sechzig Fuß Höhe hing, hatte ich mit meinem Leben abgerechnet. Mir wollte nicht einfallen, wie ich, falls mich das Wesen losließ, meinen Fall bremsen wollte. Mir war klar, dass ich den Toten näher als den Lebenden war. Das ist Alles…"
„Wie, das ist Alles? Aber du hast doch überlebt?"
„Natürlich. Aber das hätte ich eigentlich nicht sollen. Ich bin ohne einen Kratzer aufgewacht, ohne irgendwelchen Schaden zu nehmen! Nenne es ein Wunder, aber irgendwie, egal wie, habe ich überlebt. Und jede Sekunde, die ich – wie sagt ihr Zauberer? – überfällig´ bin, ist eine Sekunde, mit der ich nicht gerechnet habe. Das ist Alles…"
Vinyó kam nicht umhin, diese Mischung zwischen Optimismus, Wahnsinn und Logik zu bewundern. Allerdings konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er Chontamenti damit froh stimmen konnte.
Aicard Limoux sah von dem Hügel auf das Tor hinab. Jedes Mal, wenn er die Patrouille sah, wurde ihm etwas unwohl zu Mute. Das hatte mehrere Gründe. Es war ihm klar, dass sie von demselben Magier beauftragt worden waren, dem er jahrelang geholfen hatte. Einerseits war er froh, nicht auf der Seite jener zu stehen, die dort unten lauerten, aber andererseits konnten sie auch gehen, wohin sie wollten und Aicard konnte es nicht. Gerade fiel ihm ein, dass auch die Wachen nicht überall hinkamen. Konlir war für sie so unerreichbar, wie für ihn die Außenwelt. Aber was zählte schon die Außenwelt, in der Konlir das Zentrum war? Sollte es Aicard gelingen, zu entfliehen, verdarb er sich wahrscheinlich jede Chance, je zurückzukehren. Eigentlich war es nur Utopie. Er würde sowieso nicht entkommen, jedenfalls nicht ohne sein Leben zu verlieren, an dem er nun einmal besonders hing. Der letzte Gedanke der innerlichen Diskussion war stets: Das Alles war sowieso noch weit entfernt und momentan bestand seine Aufgabe nur darin, darauf zu achten, dass die Wachen ihre Zeiten nicht änderten, was sie nicht taten, ihre Posten nicht verließen, was sie nicht taten und ihre Stückzahl nicht maximierten, was sie ebenfalls nicht taten. Aicard rief sich zur Ordnung. Wenn er schon diese Aufgabe nicht bewältigen konnte, welche dann?
Ein Jahr zuvor
„Sie verlassen bei Sonnenuntergang ihr Versteck. Sie rechnen mit niemandem", erklärte Aicard zum wiederholten Mal.
„Und diese Informationen sind verlässlich?", hakte Videm nach.
„Selbstverständlich."
„Prima. Sie werden ihre Quartiere ahnungslos verlassen, ohne einen Gedanken an den Tod zu verschwenden, der sie erwartet…"
„Moment!", unterbrach Aicard. „Tod? Du sagtest, es sollte eine Befragung werden!"
„Du hast uns alle Informationen geliefert, die wir hätten brauchen können. Übrigens habe ich schon gleich einen neuen Auftrag", erklärte Ijiraq und kramte ein Dossier aus dem chaotischen Papierberg auf seinem Schreibtisch. Videm, der die ganze Zeit über nur gestanden hatte, wandte sich zum Gehen.
„Hey! Niemand hat etwas davon gesagt!" Der Magier blickte ihn spöttisch an.
„Tritt heraus aus deiner Traumwelt, Aicard! Natürlich müssen wir die SAS-Leute umringen, was dachtest du denn? Du hast ihnen wahrscheinlich sogar einen Gefallen getan, denn Ijiraq und seine Leute sind nicht gerade zimperlich bei ihren Verhörmethoden…"
Ijiraq schien diese Bemerkung nicht verärgert, sondern eher geschmeichelt zu haben, denn er lächelte. Das machte Aicard wütender, als alles Andere. Ijiraq hielt Aicard erwartungsvoll den Stapel Papier hin, der sein nächster Auftrag sein sollte. Der Serum-Geist jedoch drehte sich um und verließ den Raum. Videm Corume folgte ihm und baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf.
„Lass mich durch!"
„Nein", entgegnete Videm. „Du musst den Auftrag erledigen, der dir erteilt wurde. Du sollst die Auftragskiller höchstpersönlich ausspionieren. Dir ist doch klar, dass das eine Ehre ist, nicht wahr? Kaum jemand genießt mehr Vertrauen als du, Aicard!"
„Ist mir egal, ob es eine Ehre ist. Ich war hier hergekommen, um den Leuten zu helfen, nicht um sie zu verraten!"
„Aicard! Das sind nur Menschen! Sie stehen nicht einmal auf unserer Seite!"
„Das ist mir auch egal. Ich gehe!"
Inzwischen war Ijiraq, noch immer das Dossier haltend, hinaus getreten und mischte sich ein:
„Wirst du nicht. Was dachtest du, was das hier ist, ein Kegelclub? Hier tritt man nicht einfach aus!" Videm hob eine Hand und bedeutete seinem Stellvertreter, still zu sein.
„Ist in Ordnung, Iji. Aicard, du musst einsehen, wie wichtig das hier für uns und unsere Sache ist! Wenn dieser Auftrag gut erledigt wird – und ich weiß, dass du der Beste von uns dafür bist – dann ist unser jüngster Plan abgesichert, wie nie zuvor!"
„Ich gehe trotzdem", meinte Aicard. Er sprach jetzt ruhig und sachlich. „Oder wollt ihr mich auch töten? Das bezweifle ich!" Ijiraq lächelte ein eisiges Lächeln und erwiderte:
„Dich wollen wir nicht töten, aber es gibt da einen Serum-Geist, der den Namen Nija Apameia trägt. Und wir wollen doch nicht, das Nija etwas zustößt, nicht wahr? Es ist kein schwieriger Job, wenn ich es recht bedenke. Und wenn du diese Aufgabe schon nicht bewältigen kannst…welche dann?"
Ins Schwarze getroffen, dachte Videm. Es lohnt sich immer, Trümpfe in der Hand zu halten, auch wenn man sie manchmal gegen seine eigenen Leute ausspielen muss…Auch der gute Ijiraq wird sich wundern, welche Spuren sein Leben hinterlassen hat…
Aicard Limoux starrte die beiden Bosse von Taunt and Tacit an, warf ihnen dann einen zweifellos als hasserfüllt zu identifizierenden Blick zu und schnappte sich das Dossier. Wortlos verließ er Videm Corume und Ijiraq und machte sich zu seinem letzten Auftrag auf.
Gegenwart
„Was machst du für ein trübes Gesicht?", fragte Vinyó, während er zu dem Serum-Geist trat.
„Ich bin in Konlir, fern meiner Heimat, ohne relevante Chance zu flüchten und umgeben von Menschen, die mich aufheitern wollen. Reicht das?", fragte Chontamenti.
„Du musst doch aber sicherlich irgendetwas Gutes aus dieser Situation herausfiltern können, oder? Ich meine, positive Argumente gibt es immer!"
„Ich lebe noch…"
„Das ist doch was!"
„…aber wie gesagt: Ich bin in Konlir, fern meiner Heimat, ohne relevante…"
„Ja, in Ordnung! Dann sollten wir uns deinen Problemen zuwenden, oder?"
„Du bist ein beschissener Therapeut…"
„Wie viele kennst du?", grinste der Zauberer.
„Keinen einzigen. Aber ich glaube nicht, dass diese empfehlen würden, sich seinen Problemen zu stellen…"
„Da hast du vielleicht sogar Recht…"
Damit herrschte Stille. Zauberer wie Serum-Geist sahen wieder auf das westliche Tor hinab. Sie saßen vor der Markthalle und die Aussicht war nicht übel. Wie die Ruhmeshalle war auch die Markthalle auf einem Hügel errichtet worden. Zwar war der Ausblick von hier nicht halb so gut, wie von der Ruhmeshalle, aber trotzdem war es ein interessanter Ausblick. Nicht zum ersten Mal fragte sich Vinyó, ob Chontamenti nur den depressiven Serum-Geist spielte. Jedes Gemüt hätte sich bei diesem Panorama erhellt.
„Ich wundere mich, ob ich nicht etwas Aufheiterndes sagen könnte…", sprach Vinyó.
„Das wundere ich mich auch…"
„Haha…"
Sie verfielen wieder ins Schweigen. Chontamenti sah nachdenklich aus.
„Wie bist du Notwen begegnet?", brach Vinyó das Schweigen.
„Wie?"
„Vor knapp einem Jahr. Du erinnerst dich vielleicht. Ich und Regley, verwirrt durch die Gegend laufend, dann du und Notwen, dem du erklärst, wie perfekt Serum-Geister dafür geschaffen sind, Sieber zu töten, ich murmele im Vorbeigehen ´Und zu sonst nix´, schon ist Stress und wir wandern ziellos weiter, etc, etc…"
„Ich erinnere mich…"
„Du hast wirklich diesen Gold siebenden Idioten die letzten Lichter ausgeknipst?"
„In der Tat."
„Gut gemacht. Die stehen größtenteils auf meiner Seite, aber wenn du meine ehrliche Meinung hören willst, sind sie nur…"
„Ich wurde belogen."
„Bitte?"
„Ich war unterwegs, um Geld zu besorgen. Deshalb lernte ich Notwen kennen…"
„Belogen? Von wem?"
„Von der Mutter meines Sohnes."
„Tatsächlich? Nun, wenn das nichts ist…", murmelte der Zauberer gedankenverloren.
„Ich halte es für eine langweilige Geschichte…"
„Wir haben alle nur langweilige Geschichten auf Lager. Sieh dich um. Böse Leute möchten uns tot sehen, wir bauen Widerstand auf und so weiter. Glaubst du, damit könnten wir einmal in Geschichten vorkommen?"
„Sicherlich nicht…"
Ein Jahr zuvor
„Positive Argumente gibt es immer", erklärte der Anwalt.
„Ich bin in einem einfachen Rechtsstreit. Mein Sohn ist alt genug, selbst zu entscheiden, unter wem er aufwachsen soll. Bedenken Sie das."
„Das tue ich. Aber wie auch immer, es sieht nicht allzu gut für uns aus. Die Mutter ihres Sohnes kämpft ziemlich erbittert. Ihr Anwalt ist sehr gut, das kommt erschwerend hinzu. Allein aus finanzieller Sicht ist es besser, aufzuhören. Meinen Sie nicht?"
„Was? Natürlich meine ich das nicht! Mir ist egal, wie sie es anstellen, aber ich möchte diesen – wie sagen sie? – Sorgerechtsstreit so rasch wie möglich beenden!"
„Geben sie auf", riet der Anwalt.
„Nein! Es gibt doch sicher Mittel und Wege?", fragte Chontamenti. Er stellte damit eine ziemlich unangenehme Frage in den Raum.
„Ja. Aber sie kosten Geld…"
„Kein Problem!"
„Viel Geld…"
„Kein Problem!", erwiderte Chontamenti nachdrücklich. „Sagen Sie mir einfach die Summe!"
„Fünfzehntausend Goldmünzen…"
Chontamenti erwiderte nichts, aber dachte an seinen mageren Kontostand.
„Bis wann?"
„Bis zur nächsten Gerichtsverhandlung…"
„Also?"
„Morgen. Bis zum nächsten Tag haben Sie Zeit", erläuterte der Anwalt.
„Was genau geschieht mit dem Geld?"
„Nun, jeder Richter ist käuflich. Das ist eine Weisheit, die nicht abzustreiten ist."
„Da haben Sie es", sagte Chontamenti und ließ einen schweren Koffer auf den Schreibtisch donnern, der merklich unter dem Gewicht erzitterte.
„Nun, ich denke, damit lässt sich eine nette Bestechung ausrichten…"
„Also? Legen Sie es dem Richter vor die Tür, oder was?"
„So ungefähr…"
„Na ja, wenn es mir hilft…"
„Damit gelangt das Gericht zu folgendem Ergebnis: Das Sorgerecht für Sethos I. aus Reikan geht an die Mutter ebenjenem Serum-Geist über. Eine Berufung auf dieses Urteil ist nicht möglich. Die Verhandlung ist beendet und der Fall abgeschlossen…", erklang die Stimme des Richters, beinahe gelangweilt. Chontamenti starrte ungläubig von einer Person zur nächsten im Saal. Es dauerte seine Zeit, bis er wieder klar denken konnte. Er fasste einen Plan.
„Was ist passiert?!"
„Oh, Chontamenti. Entschuldigen Sie, aber ich habe viel zu tun", erklärte der Richter draußen auf dem Flur.
„Sie…ich meine…Ich dachte, wir hätten eine Vereinbarung!"
„Nun, aber die Klägerin hat Sie eindeutig überboten. Schade, aber nicht überraschend…"
„Wie überboten? Und was ist dann mit dem Geld?"
„Nun, ich dachte eigentlich, dass ihr Anwalt es Ihnen zurückreichen würde…"
„Hat er aber nicht!"
Der Richter zuckte mit den Schultern. „Nicht mein Problem…"
„Dann eröffnen Sie das Verfahren erneut!"
„Unmöglich."
„Wie viel brauchen Sie jetzt?", erkundigte sich Chontamenti. Der Richter beäugte ihn misstrauisch. Er schien eindeutig nachzudenken.
„Nun, ich denke mit einer Summe von fünfzigtausend Goldmünzen ließe sich ein neues Verfahren einrichten und Sie würden ein für allemal begünstigt. Aber ich bezweifle, dass Sie über die nötigen Ressourcen verfügen…"
„Das Geld ist kein Problem. Ich beschaffe es!"
Und hole mir meinen Sohn zurück, dachte er im Stillen.
„Nun, wenn Sie es sagen…", sprach der Richter zweifelnd und ging davon.
„Hey, pass auf!"
„Entschuldigung. Ich habe es allerdings eilig!"
„Das sieht man! Ich zufälligerweise auch, also wenn du den Weg frei machen würdest…"
Chontamenti schüttelte den Kopf. „Leider brauche ich dein Geld…"
„Du scherzt?", vergewisserte sich der Natla.
„Nein…"
„Nun, dann werde ich dir die traurige Wahrheit erläutern: Ich habe kein Geld! Ich bin selbst auf der Suche danach, aber das ist für mich kein Grund, herumzulaufen und Leute zu bedrohen!"
Der Serum-Geist wich zurück und ließ zu guter Letzt die Waffe sinken. Er sah sich in Nawor um und musste sich eingestehen, keinen wirklichen Plan zu besitzen.
„Tatsächlich? Nun, wie würdest du auf der Suche nach Geld vorgehen?"
„Zuerst mache ich mir klar, dass ich kein Geld zu suchen brauche. Es ist nämlich schon vor meinen Augen. Siehst du die Sieber?"
„Ja. Du meinst, wir sollten sie töten und ihr Gold nehmen? Dann los!"
Chontamenti stapfte durch den Fluss in Nawor auf die Sieber zu und ließ seinen Gegenüber mit leicht verunsicherter Miene und mitten im Satz stehen.
„Eigentlich meinte ich, wir sollten selbst nach Gold sieben und nicht, die Sieber umzubringen! Ach…egal…mach was du willst…", murmelte der Natla.
Gegenwart
Vinyó schien ehrlich überrascht. „Also…bist du so deprimiert, weil du noch immer nicht das Geld aufgetrieben hast? Warum hast du nichts davon erzählt? Ich bin mir sicher, wir hätten dir mit unserem erworbenen Geld aus Ferdolien aushelfen können…"
„Wie sollte ich für meinen Sohn sorgen, wenn ich mir stets bei Anderen Geld borge? Nein, ich muss auch mir selbst gute Gründe liefern…", erwiderte der Serum-Geist.
„Aber du hättest deinen Anteil an dem Prisma-Kristall geltend machen können! Schließlich hast du auch zum Gelingen der… Aktion… beigetragen!"
„Schon, aber wir haben einstimmig beschlossen, unsere Anteile unseren Aufträgen zu widmen, die ebenfalls Finanzierung benötigen. Ich wollte nicht aus der Reihe tanzen…"
Vinyó wollte etwas erwidern, aber Chontamenti schnitt ihm das Wort ab.
„Jetzt ist es sowieso egal. Ich möchte meinem Sohn nicht einen weiteren Wandel aufzwängen. Damit ist Schluss und ich kann mich beruhigt den Auftragskillern widmen…"
Der Zauberer blieb stumm und blickte wieder in Richtung Konlir. Die Unterhaltung war so weit überraschend schlecht gelaufen. Wahrscheinlich lag das an Vinyó. Sicher war er sich nicht.
„Noch drei Stunden bis zur Versammlung und du hast immer noch niemanden gefunden, der den Leuten die Wahrheit sagen soll?", fragte Blanche.
„Nein", erwiderte Regley niedergeschlagen. „Aber vielleicht…"
„Nein."
„Aber wir brauchen…"
„Ja."
„Und du könntest…"
„Nein"
„Na gut…"
„Warum klärst du sie nicht auf? Es ist nicht so schwer. Du müsstest einfach nur sagen, dass wir hier in Konlir sind, mit einer minimalen Chance zu entkommen und einer maximalen Chance bei dem Versuch zu sterben und dass es Ewigkeiten dauern kann, bis sich die Leute außerhalb um entscheiden. Und du solltest es möglich in der Alles-wird-wieder-gut-und-großartig-Version verkaufen…"
„Das ist das Problem. Außerdem glaube ich nicht, dass ich den passenden…Hintergrund habe…"
Blanche zog die Stirn kraus. „Wie darf ich das verstehen?"
„Mein…Lebenslauf ist…verworren, könnte man sagen…"
„Ach, deiner auch? Was ist bei dir passiert?"
„Ich war Mitglied in einer…zwielichtigen Bande. Besser kann ich es nicht erklären…"
„In einer Bande?"
„Ja. In einer dunklen Bande, aber…"
„Aber?"
„Hm. Nein, kein Aber. Eine dunkle, zwielichtige Bande…"
„Du sprichst vom Kegelclub in Konlir, nehme ich an", fragte der Taruner und zwang sich, ernst zu bleiben, was ihm auch gelang, als Regley weiter erzählte.
„Man nennt sie, glaube ich, die Jerodar-Diebe. Zumindest hier in Konlir. Sie selbst nennen sich nicht so, sie haben einen eigenen Namen. Frag mich nicht, wie er lautet, ich habe mir geschworen, ihn nie wieder zu verwenden…"
„Interessant…Ich dachte, du stammst aus einer eher wohlhabenden Familie?"
„Wohl wahr…"
„Scheint nicht so gut gelaufen zu sein…"
„Wohl wahr…"
Ein Jahr zuvor
Regley schnitt eine Grimasse.
„Warum soll ich mich noch weiterbilden? Ich habe kein Problem damit, einen Job zu bekommen. Wirklich nicht…"
„Trotzdem bist du damit auf der sicheren Seite", erklärte Ambergris geduldig.
„Auf der sicheren Seite? Wo bleibt der Spaß? Was habe ich von diesem ganzen Getue, wenn ich keinen Spaß habe?"
„Immerhin eine Lebensgrundlage."
„Das interessiert mich überhaupt nicht!"
„Dann bitte, ich möchte dir nichts vorschreiben", sprach Ambergris und deutete zur Tür. Regley zögerte. „Meinst du das ernst?"
„Natürlich. Geh, wenn du willst, bleib, wenn du willst. Mir ist es egal, du hast meinen Rat gehört. Ich möchte nicht, dass du als einer von jenen endest, die vor zwei Wochen dieses schreckliche Attentat durchführten. Du erinnerst dich, nehme ich an?"
Natürlich erinnerte sich Regley. Bei diesem Bombenanschlag waren drei Häuser zerstört und viele Onlo getötet worden. Onlo starben fast nie und wurden eigentlich immer reanimiert, daher waren Sachschäden noch verheerender. Die Existenzen jener Onlo waren vorerst zerstört und die Aktion führte zu einem bisher einmaligen Ruf nach Vergeltung in der Bevölkerung aus. Bisher hatten die Onlo vom Krieg der beiden Parteien eher wenig mitbekommen. Jetzt waren auch die Wachen von Anatubien instruiert worden, mit aller Härte gegen die dunkle Zusammenkunft vorzugehen.
„Aber ich brauche auch etwas Abwechslung!", sprach Regley jetzt hilflos.
„Dann geh."
Regley wartete noch einen Moment und stand dann auf. Langsam verließ er das Zimmer. Verließ das Anwesen Regley. Verließ das Land Anatubien.
„Aha. Sie bewerben sich also für den Beruf als Bankier hier?", fragte der Natla.
„Das tue ich", stimmte der Onlo zu.
„Und was für Qualitäten bringen Sie mit sich?"
Regley wollte antworten, als er lautes Gebrüll hörte.
„Beruhigen Sie sich!", sprach ein Magier sachte auf einen Arbeiter ein.
„Beruhigen? Sie verlangen mein Leben von mir!"
„Stellen Sie sich nicht so an, Sie müssen nur die Kredite zurückzahlen. Das ist jetzt wirklich übertrieben!"
„Übertrieben? Sie arrogantes…"
Der Arbeiter hechtete über den Schreibtisch auf den Magier zu, der gerade rechtzeitig auswich. Nur noch der Tisch stand jetzt zwischen den beiden.
„Ich bitte Sie, das ist albern!", sagte der Magier.
„Brauchen Sie Hilfe, Tijet?", fragte nun auch der Natla.
„Nein Mr. Angelus, ich habe Alles im Griff", keuchte der Magier und deutete auf zwei Wachen, die sich geflissentlich näherten. „Oder eher die dort…"
„Also", wandte sich der Natla an Regley. „Wir sprachen über ihre Qualitäten…"
„Genau", stimmte Regley zu und zwang sich, den brüllenden Arbeiter, der nun unter noch mehr Gebrüll abgeführt wurde, zu ignorieren. „Ich besuchte den höchstmöglichsten Bildungsweg in Anatubien, wie Sie hier ablesen können…"
Regley zog eine Mappe hervor und zeigte sie dem Natla.
„Aha. Warum haben Sie sich nicht weitergebildet, diese Möglichkeit stand Ihnen offen, wie ich sehe…"
„Nun, ich hätte es tun können, völlig richtig. Aber ich wollte diesen Beruf früher kennen lernen, Sie verstehen…"
„Ah, ein Übereifriger…Meiner Meinung nach sind Menschen wie Sie nicht eifrig, sondern hastig. Das ist ein entscheidender Unterschied…"
Ein Arbeiter trat an den Natla heran. „Mr. Angelus, der Natla von heute Morgen, Caasi heißt er, ich habe die normalen Schritte eingeleitet, aber wie es aussieht, müssen wir ihn freilassen…"
„Verstehe", grummelte der Natla. „Was für ein beschissener Tag…"
Er wandte sich an Regley. „Es tut mir Leid, aber mit ihrem Lebenslauf können wir Sie nicht einstellen. Damit könnten Sie höchstens Mitglied bei den Jerodar-Dieben werden", witzelte er. „Sie scheinen mir einfach nicht den passenden…Hintergrund zu haben. Einen schönen Tag noch…"
Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ließ er den verdutzten Regley zurück.
„Nun, es ist ganz einfach, Provi. Du stielst den kämpfenden Parteien die wertvollen Ketten. Du musst wissen, sie gehören uns! Die Eindringlinge versuchen seit Jahren, uns zu bestehlen. Das müssen wir verhindern. Achtung", sprach der Jerodar-Dieb Arenga. Er gehörte eindeutig der Jerodar-Familie an und war nicht, wie zum Beispiel Regley es war, nur Helfer in der Gruppe. Er hatte die typischen Merkmale seiner Urahnen geerbt und war mit Sicherheit ein hervorragender Dieb. Regley hatte gehört, dass die Jerodar-Familie eine der ältesten Familien der Welt sein sollte. Der Onlo hatte sogar das Gerücht vernommen, alle Menschen, einschließlich der dunklen Magier stammten von ihr ab. Ob das stimmte, wusste er nicht.
„Dein erster Auftrag, Provi", sprach Arenga. Der Dieb nannte Regley nur Provi, anscheinend ein normaler und zum Glück nicht abwertender Titel der Bande für die Onlo. Tatsächlich näherten sich Schritte. Das Echo erklang viele Male in der weit verzweigten Höhle. Unzählige Gänge hatten dafür gesorgt, dass sich oftmals Wanderer hier verirrten und ohne Hilfe von Arenga wäre Regley es zweifellos ebenso ergangen. Der Onlo drehte sich zu Arenga, oder zumindest zu dem Punkt, an dem er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Um ihn herum war es leer. Arenga war in den Schatten verschwunden, das ahnte Regley. Es war auf dem Weg schon zweimal passiert und er hatte beobachten können, wie Arenga problemlos mit dem Schatten verschmolz und ohne dass die Opfer es bemerkten, ihnen den Schmuck aus der Tasche zog. Jetzt war wohl er dran. Er zog sich in eine Nische zurück. Sekunden später schritt ein pfeifender Zauberer an ihm vorbei. Regley schlich hinter ihm her. Onlo waren, soweit er wusste, meist die einzigen Neumitglieder der Diebesbande. Niemand außer ihnen und natürlich den Erben der Diebe, wie Arenga einer war, brachten die nötigen Fähigkeiten mit sich. Regley war es gewohnt, leise zu schleichen, wie eigentlich alle Onlo. Doch Arenga und seine Artgenossen hatten ihm demonstriert, dass auch komplette Stille möglich war. Regley selbst war nicht so leise, aber das Echo des stapfenden Zauberers übertönte jedes Geräusch. Mit den geübten Handgriffen, die er von Arenga gelernt hatte, erbeutete er drei bronzene Ketten, die anmutig im schwachen Dämmerlicht der Fackeln erschimmerten. Das war ein Problem in den Höhlen: Hätte man nicht wenigstens alle fünfzig Meter und an jeder Biegung Fackeln aufgestellt, wäre ein Fortkommen für Fremde nicht möglich gewesen. Regley brauchte für die Aktion etwa dreizehn Meter, was Arenga als vollkommen korrekt beurteilte. Der Dieb selbst hatte selbstverständlich nur eineinhalb Meter gebraucht, um vier Ketten zu erbeuten, eine Leistung die selbst unter den erfahrenen Dieben als überdurchschnittlich gewertet wurde. Mit seiner Beute und einem Grinsen kehrte Regley zurück zu Arenga, der anerkennend nickte.
„Ein paar Wochen Übung und du kannst dich im berühmten Zweikampf messen. Du bist ein Naturtalent", lobte er.
„Danke. Was passiert mit den Ketten?"
„Wir verkaufen sie."
„Ihr verkauft sie?", fragte Regley ungläubig.
„Ja. Früher wäre es nie dazu gekommen, aber heute fehlen uns die finanziellen Mittel. Wir nehmen das Geld, um gewisse…Aktionen durchzuführen…"
„Aktionen?", hakte Regle mit düsterem Blick nach.
„Ich weiß, eigentlich ist es unfair. Aber es ist ein anständig bezahlter Job, ein paar Anschläge hier und da…"
„Gegen wen richten sich diese Anschläge?"
„Gegen den, für dessen Schaden wir bezahlt werden. Meist gegen Einrichtungen des Bündnisses. Türme, in der Regel. Aber manchmal auch direkt in Konlir oder in Anatubien. So etwas lässt sich nicht vermeiden…"
Regley blickte für einen Moment noch düsterer drein und setzte dann eine freundlichere Miene auf. Trotzdem hatte er seinen Entschluss gefasst. Wenn die Jerodar-Diebe für den jüngsten Anschlag auf Anatubien verantwortlich waren und Regley war sich ziemlich sicher, dass das stimmte, dann könnte er unmöglich weiter ein Helfer für diese Kriminellen sein. Arenga war frohen Mutes und führte ihn in die Haupthalle der Diebe. Von hier aus konnte er hinaus gelangen, das wusste Regley. Er hatte sich den Weg vom Höhleneingang nördlich der Bank aller Wesen bis zur Haupthalle genau eingeprägt. Er verabschiedete sich bei Arenga und gab vor, sich noch ein wenig umsehen zu wollen. Er reckte den Daumen, als Arenga ihn daran erinnerte, dass es ungünstig wäre, sich zu verlaufen und wandte sich zum Ausgang. Siebzehn Minuten brauchte er für den Weg und gerade als er befürchtete, er hätte sich verlaufen, sah er den Ausgang vor sich. Weit im Osten sah er das Stadttor von Konlir, weit im Westen die Grenze zu Anatubien. Volle fünf Minuten stand er still zwischen beiden Möglichkeiten. Er fasste einen Entschluss. Warum sollte er nicht nach Konlir reisen? Er war noch nie dort gewesen. Seine Heimat lief ihm nicht weg. Mit den Schultern zuckend machte er sich nach Osten auf, in die größte Stadt der Welt. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er nicht, dass seine Unkenntnis über die Stadt dazu führen sollte, einen Fischladen zu betreten, der ihn durch eine Verkettung verschiedenster Umstände zu den Auftragskillern führen sollte…
Gegenwart
„Hm…", machte la Vaca.
„Was machst du da, la Vaca?", erkundigte sich Gaga.
„Ich hab hier einen Namen auf der Einwohnerliste von Konlir gefunden, den ich nicht zuordnen kann…"
„Und dennoch versuchst du es?"
„Jap. Ich habe den Namen schon einmal gehört, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wann es gewesen ist. Eine Art Lücke in meinem Gedächtnis. Du weißt, was ich meine?"
„Nicht wirklich", gestand der Arbeiter.
„Hm."
„Und?"
„Was und?"
„Lass dir nicht jedes Wort chirurgisch entfernen! Um welchen Namen handelt es sich?"
„Der Typ heißt Cyrus. Kämpfer, wie er mir sagte…"
„Den haben wir doch gesehen, oder?"
„Stimmt. Das haben wir. Es hilft trotzdem nicht…"
Die beiden Menschen verfielen wieder ins bekannte Schweigen. La Vaca dachte einen Moment nach.
„Ein Arbeiter", sagte er schlussendlich.
„Wie bitte?"
„Du fragtest mich, woher ich jenen Spruch kannte. Ein Arbeiter sagte ihn. Das ist der Grund, warum die Serum-Geister immer als böse verhöhnt bleiben. Jetzt erinnere ich mich…"
„Wie hieß der Arbeiter?", fragte Gaga neugierig.
„Lupus oder so…"
„Lupo?"
„Ja, das war der Name! Lupo, der Arbeiter. Interessanter Kerl. Sehr gesprächig…"
„Wann hast du ihn gesehen?"
„Möglicherweise ungefähr vielleicht ein Jahr her", schätzte la Vaca vage. „Schwer zu sagen, ich kann mich kaum erinnern. Mein Langzeitgedächtnis ist entweder für verdammt lange Zeiten oder für gar nichts zu gebrauchen. Dazwischen merk ich mir kaum etwas…"
„Tja. Ich schätze, der Arbeiter war mein Vater…", meinte Gaga.
„Du machst Witze. Es gibt keinen Arbeiter auf der Welt, der dir weniger ähnelt, soweit ich es beurteilen kann…"
„Aber…"
„Ts. Ich versuche, dir hier ernsthaft etwas mitzuteilen und du machst Scherze. Darafu kann ich verzichten!" Wütend stand la Vaca aus und ging nach draußen. Da wollte er dem Arbeiter fast seinen Berufszweig verraten und er machte nichts als Witze. Konnte es stimmen? Nein, Lupo hatte er wirklich anders als Gaga erlebt. Allerdings hatte er ihn auch nicht nach seinem Nachnamen gefragt. Wieder verdrängte la Vaca den Gedanken. Schwachsinn war das. Von tausenden Arbeitern hatte er ausgerechnet den Vater von Gaga getroffen? Ausgeschlossen. La Vaca ging die Treppe hinunter ins Erdgeschoss und durch die Tür nach draußen. Die Sonne schien noch ziemlich hoch am Himmel. Draußen traf er Yaxva, der gerade eine Tasche mit Wasserflaschen füllte und lauthals über den Platzmangel fluchte. Schlussendlich gelang ihm das, was la Vaca zuerst für unmöglich gehalten hatte.
Wahrscheinlich ein Zaubertrick, dachte la Vaca. Die Magier sollen ja wirklich allerhand Tricks beherrschen…
Yax blickte auf zu dem Kämpfer. „Du siehst aus, als hätte dich jemand in eine Bäckerei eingeschlossen und dir den Mund zugeklebt. Was ist dir denn passiert?", erkundigte sich der Magier.
„Vergiss es, nicht so wichtig. Nur ein Grund mehr, mir die Beine zu vertreten…"
„Klingt fast nach einem Grund mehr, jemandem mit den Beinen zu treten", setzte Yax nach.
„Ach was. Was machst du hier?"
„Ich wollte noch einmal zu den östlichen Hügeln. Schließlich dauert es noch mehr als zwei Stunden bis wir uns wieder treffen…"
„Gutes Argument."
„Kommst du mit?"
„Ich? Nein. Soweit wollte ich auch wieder nicht gehen", lachte la Vaca.
„Nun, ich kann es dir nicht verdenken…"
La Vaca kam auf eine Frage zu sprechen, die er seit seiner Kindheit mit sich herumtrug. „Könnte ich dich fragen, ob es stimmt, dass Magier mit Magie kämpfen können?"
„Ich bin davon überzeugt, dass du das fragen könntest. Zur Frage: Ich habe einen Schwur abgelegt, nichts, was ich in der Festung der Magier erlernte an jemanden, der kein Magier ist, weiterzugeben. Nur soviel sei gesagt: Wir heißen nicht umsonst Magier, ebenso wenig wie die Zauberer grundlos Zauberer heißen…Tja, auf Wiedersehen Rico."
„Auf Wiedersehen Yax."
La Vaca wunderte sich selbst über diese merkwürdig förmliche Konversation. Irgendwie war der Magier komisch. Das musste aber nichts heißen, hier waren alle Leute irgendwie komisch. Hier hatten scheinbar alle böse Geister. Alle.
Möglicherweise ungefähr vielleicht ein Jahr zuvor
„Kundschaft", flüsterte Andrist. La Vaca sah auf. Tatsächlich lief dort ein Arbeiter. „Hm", machte der Kämpfer. „Der sieht nicht reich aus…"
„Egal. Los geht's", sprach Andrist. Bevor la Vaca widersprechen konnte, stand sein Freund auf und begann mit der üblichen Story. Er hatte sich als verletzter verkleidet und stand so am Fuße des Abhangs, von wo er die Opfer normalerweise herunterlockte, um sie von la Vaca niederzuschlagen und ausrauben zu lassen. Normalerweise. Dieser Arbeiter schien nur höchst ungern die sichere Straße verlassen zu wollen. La Vaca, der sich sonst kaum für die Gespräche interessierte, hörte diesmal genauer hin.
„Entschuldigung", krächzte Andrist in einer typisch kränklich klingenden Patientenstimme.
„Ja bitte?", fragte der Arbeiter höflich.
„Ich hatte einen Unfall und brauche dringend Hilfe", sprach Andrist weiter. Eigentlich hätten die meisten Personen bereits das Weite gesucht, oder wären bereits zu Hilfe geeilt.
„Was ist passiert?", erkundigte sich der Arbeiter.
„Ich wurde angegriffen!"
„Wann?"
„Eben gerade erst!"
„Tatsächlich. Dann haben sie sich ja in Windeseile einen 1A-Kopfverband herrichten können! Respekt."
La Vaca biss sich auf die Lippe. Das lief wirklich nicht gut.
„Nun denn", sprach der Arbeiter und schritt langsam den Abhang herunter. „Wo seid ihr?"
„Wer?", fragte Andrist in gespielter Verwunderung, um zu retten, was noch zu retten war,
„Deine Komplizen."
„Eigentlich hat er nur einen", erklärte la Vaca und trat aus seinem Versteck.
„Ah ja. Höchst ungewöhnlich. Normalerweise sind es immer mehr als drei."
„Hast du sonst keine Probleme?", fragte Andrist aggressiv.
„Nun, unter forensischen Gesichtspunkten seid ihr ungewöhnlich, wahrscheinlich einmalig! Ich schätze, er hat dich auf die Idee gebracht?", wandte sich der Arbeiter an la Vaca, der daraufhin nickte.
„Verstehe. Nun, ich schätze, ihr möchtet mich ausrauben?"
„Richtig!", sprach Andrist zähneknirschend.
„Stört dich das nicht?", fragte la Vaca, verwundert über den lockeren Tonfall des Arbeiters.
„Nun, ich habe gerade vergeblich versucht, meinem Sohn zu erklären, worin der Unterschied zwischen Gut und Böse liegt, jetzt hält er mich für letzteres. Ich kann nicht wirklich verlangen, dass ihr es versteht, aber ich habe größere Sorgen…"
„Dann geh", sagte la Vaca.
„Spinnst du?", rief Andrist. „Du wirst ihn jetzt angreifen, sofort!"
„Nein, werde ich nicht", erklärte der Kämpfer ruhig.
„Verdammt Rico, du wirst ihn nicht laufen lassen!"
„Doch."
„Na warte!", schrie Andrist und rannte auf den Arbeiter und den Kämpfe zu. Mühelos schlug la Vaca den Serum-Geist bewusstlos. Mit trauriger Miene wandte er sich an den Arbeiter.
„Wie heißt du?"
„Lupo."
„Geh, Lupo. Sag jenen, die es hören möchten, dass Rico de la Vaca, der rote Blitz von Nawor, niemandem mehr schaden wird…"
„Was ist mit Andrist?"
„Er wird nicht verstehen, warum es manchmal besser ist, schlechter zu sein", sprach la Vaca.
„Das ist der Grund, warum die Serum-Geister immer als böse verhöhnt bleiben…"
„Wohl wahr. Jetzt geh."
Lupo Gaga ging davon und ließ la Vaca zurück. Dieser dachte noch einen Moment nach und wandte sich dann nach Westen, wo gerade in einem surrealistischen Licht die Sonne unterging.
Gegenwart
Yax blickte vom Hügel in das Tal herab. Weit im Osten sah er das Stadttor. Hätte er noch Zeit gehabt, hätte er den Wachen dort einen Besuch abgestattet. Friedlich grasten in der Ferne die Schafe. Ihnen war der ganze Trubel vollkommen egal und dafür beneidete Yax sie.
„Na, auch auf der Suche nach Pulloverschweinen?"
Yax fuhr zusammen und drehte sich um. Hinter ihm stand ein Kämpfer und deutete in die Richtung der Schafe.
„Wie bist du…?"
„Ach, den Trick kann…"
„Moment! Eine bessere Frage: Wer bist du?"
„Wer ich bin? Der Geist der stets verneint…"
Als der Kämpfer merkte, dass dies Yax nicht als Antwort genügte fügte er an: „Mein Name ist Cyrus. Und du bist Yax."
„Ach, du kennst mich?"
„Du bist einer von den Verrückten, die versuchen aus Konlir zu entkommen, natürlich kenn ich dich…"
„Du meinst also, es ist unmöglich?"
„Entkommen? Nein, ich sage nur, dass es verrückt ist…"
„Wieso?"
„Yaxilein…", spottete Cyrus in einer arglosen Stimme. „Du willst mir doch nicht erzählen, du wüsstest nicht, was gerade draußen passiert? Zum ersten Mal in unserer Geschichte sind sich die Mächtigen der Welt ihrer wirklichen Ziele bewusst geworden. Draußen läuft die Propaganda auf Hochtouren, kann ich mir denken. Alle bösen Pläne sind offenbart worden und trotzdem ist noch niemand gekommen, um sich auf unsere Seite zu stellen. Findest du das nicht merkwürdig? Es gibt für mich nur zwei Möglichkeiten: Entweder wurden sie umgestimmt oder getötet. Ich vermute ein bisschen von beidem ist wahr…"
„Hilfe wird kommen!", versprach Yax, der sich an den Brief von Fenchurch erinnerte.
„Ich bitte dich! Der Gast, der durchs Fenster flieht wird es sich zweimal überlegen, ehe er durch die Tür zurückkehrt. Wenn ihr etwas erreichen wollt, dann zählt nur auf euch selbst. Diese Taktik hat bei mir auch stets funktioniert…"
„Was schlägst du vor?"
„Das will ich nicht – noch nicht – sagen. Aber sei gewiss, mein Konzept ist wirksamer."
„Kommst du zur Versammlung?"
„Schwer zu sagen", murmelte Cyrus nachdenklich. „Ja, ich denke es ist das Beste, wenn ich dort meine Zeit verschwende, zumindest ist es besser, als woanders meine Zeit zu verschwenden…Dann kann ich mich auch über Notwen und Blanche lustig machen…"
„Du kennst die beiden?", fragte Yax scharf.
„Nun, Notwen habe ich tatsächlich einmal getroffen, aber Blanche kenne ich nur vom Hörensagen, wie du sicher auch…"
„Wie meinst du das? Blanche ist berühmt?", grinste Yax.
„In meinem Berufszweig schon", murmelte Cyrus.
„Und was hältst du von ihm?"
„Psychisch falsch gepolt. Stark gestört. Hat vermutlich alle seine Klassenkameraden gekillt, als seine Mami vergessen hat, ihm ein Keksilein in die Brotdose zu stecken…"
„Ernsthaft, bitte", meinte Yax und verdrehte die Augen.
„Na ja, das war mein erster Eindruck. Jetzt halte ich ihn nur noch für stark gestört und merkwürdig ernst. Nun, sind wir das nicht alle?"
„Du vielleicht", witzelte der Magier. „Ich glaube, es wird Zeit. Wenn wir noch rechtzeitig zur Versammlung kommen wollen, sollten wir jetzt losgehen…"
„Nach Ihnen, Mr. Hyde", sagte Cyrus. Yax verstand diese Anspielung nicht.
Ein Jahr zuvor
„Ich brauche nur eine Unterschrift von Ihnen", erklärte Yax ruhig.
„Und was passiert dann?", fragte der Arbeiter misstrauisch.
„Dann haben Sie Insolvenz angemeldet. Das klingt schlimm, ist aber kein Untergang."
Schlagartig änderte sich die Stimmung des Arbeiters. „Kein Untergang? Woher wollen Sie das wissen?"
„Ich bin mir sicher, Sie schaffen es", versicherte Yax.
„Sicher? Sie wissen gar nichts von mir! Nicht einmal wie ich heiße! Und jetzt wollen Sie mir sagen, dass alles kein Problem ist?"
„Ich weiß sehr wohl, wie sie heißen, aber es ist trotzdem notwendig, dass Sie unterschreiben. Damit zahlen Sie ihre Kredite zurück…"
„Sie müssen mir helfen!", unterbrach der Arbeiter. „Wirklich!"
„Tut mir Leid. Aber es gibt keine andere Möglichkeit."
„Sie sind verrückt!", rief der Arbeiter.
„Beruhigen Sie sich!", sprach Yax beruhigend auf ihn ein.
„Beruhigen? Sie verlangen mein Leben von mir!"
„Stellen Sie sich nicht so an, Sie müssen nur die Kredite zurückzahlen. Das ist jetzt wirklich übertrieben!"
„Übertrieben? Sie arrogantes…"
Der Arbeiter hechtete über den Schreibtisch auf den Magier zu, der gerade rechtzeitig auswich. Nur noch der Tisch stand jetzt zwischen den beiden.
„Ich bitte Sie, das ist albern!", sprach Yax.
„Brauchen Sie Hilfe, Tijet?", hörte er eine Stimme.
„Nein Mr. Angelus, ich habe Alles im Griff", keuchte er und deutete auf zwei Wachen, die sich geflissentlich näherten. „Oder eher die dort…"
„Sie müssen mir helfen!", rief der Arbeiter jetzt immer wieder.
„Helfen Sie sich selbst und unterschreiben!", erwiderte Yax genervt, als der Arbeiter abgeführt wurde.
„Ich bitte Sie. Seien Sie vernünftig!"
Der Arbeiter war gerade wieder aufgestanden, um sich auf den Magier zu stürzen. In der Nebenzelle hörte Yax zwei Natla mit eindeutigem Dialekt reden.
„Ich kann keine Insolvenz anmelden, verstehen Sie?", sagte der Arbeiter, der zwar stehen blieb, sich aber beruhigte.
„Ich verstehe."
„Sie verstehen?", fragte der Arbeiter verwundert. „Ich muss die Kredite nicht zurückzahlen?"
„Welche Kredite?"
„Bitte? Die Kredite natürlich, die…" Der Arbeiter stoppte. „Sie…äh…wissen nicht zufällig, wie ich heiße, oder?"
„Doch, natürlich. Aber vor kurzer Zeit hatten wir hier ziemlich viel Hektik und ich schätze, Ihre Akte ist dabei verloren gegangen. Ein Jammer…"
„Ach so. Ich verstehe…", sagte der Arbeiter und lächelte.
„Nun, es steht Ihnen frei, zu gehen", meinte Yax und gestikulierte zum Ausgang. Ein stummer Blick des Dankes, dann war der Arbeiter verschwunden. Yax blieb noch einen Moment stehen und ging dann auch in Richtung des Ausgangs. Dort kam ihm Cicero Angelus entgegen.
„Haben Sie den Arbeiter entlassen?", fragte Cicero wütend.
„Ja. Er hatte das Recht, zu gehen."
„Hatte er nicht! Gerade eben kommt die Stadtwache hier herein und sagt mir, dass ihr Arbeiter ein gesuchter Spion ist! Und Sie lassen ihn entkommen! Sie sind gefeuert, fristlos, endgültig, für immer und ewig!"
„Ich hatte ihn für normal gehalten…"
„Sind wir das nicht alle? Ich muss jetzt noch so einen wahnsinnigen Natla laufen lassen. Tun Sie nicht so, als hätten Sie Probleme..."
Yax blieb stumm. Es war keine Lüge in den Augen des Natla. Er sagte die Wahrheit. Er, Yax, hatte tatsächlich einen Verbrecher davonkommen lassen, den er für einen verarmten Familienmenschen gehalten hatte. Wortlos holte er die Akte des Arbeiters hervor, drückte sie Cicero in die Hände und verschwand.
Gegenwart
„Ja. Äh. Nun. Ihr alle wisst sicher, warum wir hier sind. Die… äh… Revolutionäre… äh… haben uns hier eingesperrt, in der Stadt…"
„Das wissen wir!", unterbrach ein Kämpfer.
„…äh…und…", stotterte Regley weiter. Geratheon betrat die improvisierte Bühne und schleppte ein merkwürdiges Gerät mit sich. „Guten Abend, meine Damen und Herren!"
„Was soll das?", fragte Regley nervös.
„Nun, ihr habt die Leute so schön zusammengetrommelt, da nutze ich doch meine Chance! Also, dies hier ist die Zukunft. Ich werde dieses Gerät das „Fahrrad" nennen. Ein guter Name, nicht wahr?"
„Verschwinde!", rief ein weiblicher Serum-Geist. Aicard zuckte zusammen. Diese Stimme kannte er nur zu gut.
„Und, äh. Hallo? Ich würde gerne weiterreden! Wir müssen…äh…äh…"
„Wir müssen hier weg", kam eine Stimme aus dem Nichts. Blanche tauchte auf und stellte sich neben Regley. „Wir alle wissen das. Wir alle müssen das wissen! Einst war diese Stadt einzigartig in der Welt und sie ist es noch immer! Jeder, der hierher wanderte, hatte seine Gründe. Manche verließen schlechte Jobs, andere schlechte Menschen und wieder andere schlechte Städte. Sie kamen hierher, um etwas zu finden, oder einer Sache zu entkommen, um etwas zu bekommen, um etwas auszugraben oder um etwas zu vergraben oder liegen zu lassen. Sie kamen mit kleinen Träumen, oder großen Träumen oder gar keinen. Und genauso werden wir entkommen. Jeder hat Ziele, doch ein Ziel muss uns zusammenbringen und zusammen stark machen: Das Ziel zu entkommen. Denn wenn wir nicht zusammen leben können, werden wir…"
„Großartig!", unterbrach ein Kämpfer. Cyrus hatte bisher stumm neben Yax gesessen. Nun endlich war er aufgestanden. „So wollt ihr entkommen? Indem ihr euch zusammenschließt, zum Konlir City Shuffle? Das kann nicht funktionieren!"
„Wer bist du denn?", fragte Abanderada genervt.
„Ich bin Cyrus, der Lautlose, wie mich manche nennen…"
Augenblicklich entstand Gerede. Yax schien überrascht, er hatte noch nie von einer solchen Person gehört, zumindest wusste er nicht, dass Cyrus bekannt zu sein schien.
„Ich verstehe", sprach Notwen. „Ausgerechnet du möchtest uns jetzt sagen, was wir tun sollten?"
„Ah. Notwen. Die Gasgranate unter den Auftragskillern! Ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, nicht wahr?"
„Beantworte meine Frage!", drängte der Natla.
„Nein."
„Wieso nicht?"
„Das ist meine Antwort. Nein. Ich werde euch nicht sagen, was ihr tun solltet. Ich will euch sagen, was ihr tun müsst."
„Ach. Wahrscheinlich sollen wir uns verstreuen und uns von den Revolutionären einfangen lassen!"
„Wieder daneben", erklärte Cyrus. „Ihr sollt nicht kämpfen. Ihr müsst fliehen."
„Fliehen? Natürlich wollen wir fliehen! Aber kämpfen müssen wir doch trotzdem, oder?", brabbelte der Kämpfer dazwischen, der auch zu Beginn der Versammlung gesprochen hatte. Es geschah im Bruchteil einer Sekunde. Viele sahen nichts, wenige einen Blitz und nur Blanche und la Vaca wurden die Geschehnisse vollends gewahr. Cyrus zog sein Schwert, bewegte es in einer fließenden Bewegung über Brustbein bis zur Schulter des Kämpfers. Augenblicklich sackte dieser zusammen.
„Neuer Sheriff in der Stadt", sprach Cyrus, dessen Schwert schon längst nicht mehr zu sehen war. „Bleibt auf der Hut. Aber eine interessante Frage!", fuhr er fort. „Ich wiederhole noch einmal: Wir müssen nicht kämpfen, sondern fliehen!"
„Für mich hängt das auch irgendwie zusammen", kommentierte Chontamenti, der sich zuerst wieder gefasst hatte. Blanche schaltete sich ein. „Ich muss Chontamenti zustimmen. Wir können nur durch die Tore entkommen."
„Es gibt einen zweiten Weg."
„Erleuchte mich", grummelte Vinyó, der sich zu dem Kämpfer gebeugt hatte, nur um dessen Tod festzustellen. Gespannte Stille setzte ein. Dann sprach Cyrus.
„Über die Berge, ich dachte, das wäre klar…"
