Kapitel 15 – A.W.O.L
Yax gähnte ausgiebig. Er saß im Cafe Simplicissimus, das verlassen in der Innenstadt dalag. Er war soeben vom Wachdienst am Südtor zurückgekehrt. Es war neun Uhr am Morgen. Gedankenverloren starrte er umher und wollte gerade aufstehen, als Vinyó hereinkam.
„Morgen."
„Hi. Auch gerade vom Wachdienst wieder da?"
„Jup. Am Nordtor. Eigentlich hätte ich auch da bleiben können, mehr ist hier auch nicht los. Sieht ziemlich verlassen aus, nicht wahr?"
„Tja, die Tage der Betriebsamkeit sind vorbei…"
„Sagst du. Ich hab keine Lust mehr auf Wachdienst. Gaga hatte meine vorletzte Schicht übernommen, daher kann ich gleich wieder los", grummelte Vinyó.
„Geh nicht hin", riet Yax.
„Witzbold. Notwen bringt mich um…"
„Wie soll er dich hier finden?", fragte Yax rhetorisch. Schließlich hatte der Zauberer ihn ja auch gefunden.
„Meinst du das ernst?"
„Klar! Hab ich etwa Lust auf diese Scharade? Seit Tagen überwachen wir nur, ohne irgendwas zu tun. Notwen muss halt lernen, dass wir bessere Dinge zu tun haben…"
„Ah, Dr. Jekyll und Mr. Hyde!", kam eine Stimme von der Tür. Cyrus grinste breit und sah sich um. Vor einem schiefen Bild an der Wand blieb er stehen.
„Das, meine Freunde, ist wahre Kunst!", sprach er bedeutungsvoll und breitete gestikulierend die Hände aus. Er versuchte, das Bild gerade zu rücken. Vergeblich.
„Tja, warum seid ihr hier?", fragte der Kämpfer erwartungsvoll.
„Streik", meinte Yax nur.
„Ah, Sciopero! Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"
„Du brauchst Hilfe", sagte Vinyó nur im verächtlichen Tonfall.
„Das", erwiderte Cyrus und nickte anerkennend, „stimmt vielleicht. Trotzdem, ihr seid hier, seit gut fünf Minuten und habt noch nichts getan! Ich bitte euch, wir sind in einem Cafe, hier muss es doch irgendwo was zu trinken geben…"
Seine Stimme verlor sich in einem Murmeln, als er hinter die Theke und in einen Vorratsraum trat. Yax und Vinyó sahen sich, ihre Augen verdrehend an, als auch schon ein triumphaler Aufschrei zu vernehmen war.
„Ha! Was sagte ich? Ein respektabler Weinkeller, sowie ein noch respektabler Vorrat an Taunektarbier. Die Feier kann beginnen!"
Mit zwei Flaschen tatsächlich erstklassig aussehendem Wein schritt er zurück. Mit einem Geräusch, das Vinyó und Yax zusammenzucken ließ, zog der Kämpfer einen kleinen Dolch und wollte gerade die Flasche köpfen, als eine Stimme ihn unterbrach.
„Was soll das werden?"
Der weibliche Serum-Geist Nija Apameia stand im Türrahmen. Cyrus sah sie verdutzt an.
„Ich, geehrte Dame, werde nun dieses kostbare Gut Kultur vernichten und nichts kann mich aufhalten!"
Erstaunt über den höflichen Umgangston des Kämpfers blieb Vinyó stumm, doch Yax wandte sich an den Serum-Geist.
„Tut uns Leid, aber…"
„Stopp!", unterbrach Nija, als Cyrus erneut ansetzte, die Flasche zu köpfen.
„Niemand kann mich aufhalten", verkündete der Kämpfer in absichtlich tiefer Grabesstimme.
„Nur über meine Leiche!", grummelte der Serum-Geist und zog ein Schwert.
„Das ist albern!", kommentierte Cyrus, wechselte aber im selben Moment den Dolch von einer in die andere Hand.
„Was ist denn hier los?", erkundigte sich la Vaca, der durch die Tür trat.
„Vergiss es. Setz dich lieber hin und guck zu. Gerade läuft das Morgenprogramm. Zorro", erklärte Yax und deutete auf Cyrus und Nija, die sich abwägend umkreisten.
„Auch gerade wieder vom Wachdienst zurück?", fragte Vinyó.
„Den ganzen Weg vom Osttor, ja", bekundete la Vaca und setzte sich tatsächlich hin. Zu weiteren Erklärungen kam er nicht, denn Cyrus hatte plötzlich zugeschlagen, im selben Moment seine Bewegung gestoppt und mit einem zweiten Dolch versucht, das Schwert aus den Händen des Serum-Geistes geschlagen. Diese jedoch sah die Bewegung kommen und hieb mit aller Kraft gegen den heransausenden Arm. Cyrus wich aus, verlor aber das Gleichgewicht und fiel. Fluchend rappelte er sich auf, führte wütend eine ganze Tirade von Hieben mit den Dolchen aus und warf sich dann auf Nija. Krachend flogen beide gegen die Wand. Die ganze Zeit über hatten la Vaca, Vinyó und Yax den Kampf beobachtet, jetzt blickten sich die drei Zuschauer fragend an und standen auf. Gerade noch so gelang es ihnen, die beiden Gegner zu trennen.
„Das ist mein Cafe du Spinner und wenn du noch einmal versuchst, meine Geschäftsordnung zu verletzen, bringe ich dich um!", fuhr Nija auf. Cyrus setzte zu einer bissigen Antwort an, stoppte dann aber und blickte verdutzt drein.
„Dein Cafe?"
„Ja, verdammt!"
„Ach so ist das! Meine Güte, hättest du das gleich gesagt", sprach der Kämpfer grinsend, riss sich mühelos von Yax los, der ihn festhielt und sammelte seine Waffen ein.
„Ich dachte, du wärst eine Kundin, die mir den Wein abluchsen will!"
„Denk erneut!", grummelte Nija Apameia.
„Äh…", kam eine Stimme von der Tür. Aicard Limoux stand da und blickte etwas verdutzt drein. Nija fuhr herum, blieb einen Moment stocksteif stehen und griff dann erneut nach ihrem Schwert.
„Ist in Ordnung, er ist nicht von der Lebensmittelkontrollbehörde oder so etwas", erklärte Vinyó hastig.
„Das weiß ich", sprach Nija in einem gefährlichen Tonfall.
„Äh. Entschuldigung", brachte Aicard dann hervor.
„Westtor, schätze ich?", fragte Yax gelangweilt. Niemand antwortete ihm. Er wandte sich wieder dem Tisch zu und überlegte mit all seiner geistigen Kraft, wie es ihm gelingen könnte, die Farbe der Tischdecke mit bloßer Gedankenkraft zu verändern.
„Die kommt etwas spät, die Entschuldigung", fauchte Nija.
„Tja. Ist…äh…viel passiert", stammelte Aicard. „Jedenfalls hattest du Recht. Damals. Ich hätte auf dich hören sollen…"
„Ihr kennt euch?", fragte Vinyó. Auch er wurde ignoriert.
„Immerhin siehst du es ein", kommentierte Nija. Aicard wartete offensichtlich auf noch eine Bemerkung, die aber nicht kam. Noch immer verunsichert stand er im Türrahmen.
„Kann ich…äh…reinkommen, ohne dass du mir den Kopf abschlägst?"
„Ja.", sprach Nija nur. Vorsichtig machte Aicard einen Schritt in Richtung der verdutzten Cafebesucher. Sofort schnellte Nija nach vorne.
„Angsthase", zischte sie amüsiert, als Aicard sofort wieder zurückwich. Offensichtlich hatte sie dem Serum-Geist genug Angst eingejagt und das Spiel wurde langweilig, denn sie erklärte ihm genervt:
„Ist in Ordnung. Wenn ich dich töten wollte, hätte ich es bei der Versammlung getan…"
Das schien Aicard kaum zu besänftigen, trotzdem schritt er vorsichtig an die Theke.
„Ich persönlich finde", meldete sich Cyrus zu Wort, „dass wir jetzt vielleicht die Flasche öffnen könnten…"
„Erst musst du bezahlen", erinnerte Yax vorsichtig, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Er hatte nicht begriffen, was eben geschehen war und alles, was er nicht begriff, verängstigte ihn.
„Natürlich bezahle ich!", sagte Cyrus indigniert. Er holte einen Beutel Goldmünzen hervor und schleuderte ihn mit aller Kraft auf die Theke, die fast zusammenbrach.
„Hier!", verkündete er andachtsvoll. „Reicht für das halbe Lokal!"
„Es ist kein Lokal, es ist ein Cafe", erinnerte Nija ihn. „Trotzdem danke."
„Gern geschehen", erwiderte Cyrus bissig.
„Verdammt, wo seit ihr gewesen?!", fragte Gaga erzürnt, als er das Cafe betrat.
„Hi Gaga!", stieß Yax fröhlich aus und prostete ihm zu. Gaga ignorierte ihn.
„Notwen ist jetzt schon genervt. Er hat mich geschickt, um nach euch zu suchen!"
„Sag ihm", murmelte Vinyó, „…sag ihm, dass wir uns endgültig von unseren Aufgaben losgesagt haben. Wir kämpfen hier für Freiheit, Leben und das Recht auf Freizeit!"
„Das soll ich ihm sagen? Er bringt mich um! Dann bleib ich lieber hier…"
Gaga setzte sich an den Tisch, an dem schon Vinyó und la Vaca saßen.
„Ich finde, wir sollten unseren eigenen Staat gründen!", erklärte der Zauberer.
„Ganz genau!", stimmte Cyrus zu. „Wir machen unsere eigenen Gesetze und niemanden stört es! Unsere Flagge ist dann ein weiß-blauer Kompass auf blauem Grund!"
„Wer kommt auf so eine dumme Idee?", fragte la Vaca dazwischen. Bevor Cyrus antworten konnte, meldete sich Vinyó zu Wort.
„Unser Land brauch auch einen Namen!"
„Hundertprozentig!", stimmte Yax zu und erhob sein Glas erneut. „Und unser Land soll heißen…Buran!"
„Das ist schon vergeben", warf Aicard ein, der sich skeptisch zur neuen Staatsgründung dazugesellt hatte.
„Hm. Dann…Apamaios! Benannt nach Grundstückbesitzerin Nija Apameia, nicht wahr?", fragte der Magier in Richtung Theke.
„Hm?", machte Nija.
„Wir haben gerade ein Land nach dir benannt. Fühle dich geehrt!"
„Tue ich. Trotzdem müsst ihr zahlen."
Kopfschüttelnd wandte sich Yax wieder den Anderen zu.
„Land im Süden von Konlir, fünf Buchstaben."
„Anatubien."
„Anatu…passt nicht", kommentierte Gaga, allerdings erst, nachdem er alle fünf Kästchen gefüllt hatte. Yax und Vinyó vermieden es, sich anzusehen.
„Buran", flüsterte Cyrus im Vorbeigehen.
„Buran!", stieß der Arbeiter aus und kritzelte es hastig nieder.
„Meine Güte, Gaga. Heute übertrumpfst du uns alle", bemerkte Yax.
„Oh. Danke. Allerdings bin ich nicht annähernd auf Aicards Niveau. Seht euch an, was der hier alles ausgefüllt hat. Wertpapier an der Börse stand hier und es hat keine zwei Minuten gebraucht, da schreibt er Aktie auf. Brillant, oder?"
„Ja. Wahrhaftig", sagte Vinyó und dann leiser zu Yax: „Allerdings weniger brillant, diesem Kretin das Rätsel zu geben. Wieso hat er das gemacht, wo ist Aicard?"
„Da hinten", antwortete der Magier und deutete hinter die Theke. Dort war der Serum-Geist mir Nija im Gespräch.
„Was meinst du, was hatte der Streit vorhin zu bedeuten?", fragte der Zauberer neugierig.
„Ich schätze, sie waren beide Mitglieder in einer fanatischen Sekte", riet Yax.
„Keineswegs! Er war Mitglied, aber sie Kritikerin. Sie hat die Hälfte aller seiner Freunde umgebracht, er stieg frustriert aus der Sekte aus und sie erkor sich augenblicklich zu deren Anführerin!"
„Meinst du?", fragte Yax skeptisch.
„Du kannst drauf wetten, so lief es ab!"
Dass der erste Satz seiner Schlussfolgerungen der Realität sehr nahe kam, konnte Vinyó ja nicht wissen.
„Danke", meinte Aicard.
„Wofür?", fragte Nija.
„Dass du mich nicht verraten hast."
„Hätte ich Grund dazu gehabt?", fragte sie spöttisch.
„Allen Grund in der Welt", erwiderte Aicard.
„Wahrscheinlich. Aber was hätte das genützt? Bist du also immer noch Mitglied bei TaT?"
„Nicht mehr. Eigentlich war dies mein letzter Auftrag. Ich hab mich um entschieden."
„Warum der plötzliche Sinneswandel?"
„Du brauchst es nicht glauben, aber ich hatte schon früher geplant, diese verdammte Organisation zu verlassen…"
„Warum hast du es nicht getan?"
„Ich hatte meine Gründe", erwiderte Aicard.
„Hab ich schon erzählt, was mir in eben diesem Cafe einst passiert ist?", fragte Vinyó.
„Nein", erwiderten la Vaca und Yax unisono.
„Nun, ich betrat gerade dieses Cafe…"
„Wann?", unterbrach Yax.
„Etwa zwei Jahre dürfte es her sein…"
„Dieses Cafe?"
„Ja verdammt!"
„War nur eine Kontrolle…"
„Na ja, jedenfalls kaufe ich mir einen Kaffee und ein paar Kekse."
„Welche Sorte?"
„Irrelevant."
„O.K."
„Dazu kaufe ich eine Zeitung, nur um das Kreuzworträtsel zu lösen."
„Du löst Kreuzworträtsel?"
„Halbtags."
„Welche Zeitung? Der Konlir-Kurier?"
„Nein. Ich finde ihn zu oberflächlich aufgemacht. Ich wählte die Teidam-Times."
„Vollkommen in Ordnung", stimmte la Vaca zu.
„Ich setze mich an einen Tisch. An diesen Tisch, um die Wahrheit zu sagen. Ich möchte es genau schildern: Die Kekse lagen in der Mitte, der Kaffee auf meiner rechten Seite, das Rätsel auf meiner linken Seite."
„Wieso so herum? Bist du Linkshänder?"
„Ja. Seht ihr es vor euch?"
„Als ob es echt wäre", stimmte Yax zu.
„Was ihr nicht vor euch sehen könnt, weil ich es noch nicht beschrieben habe, ist der Zauberer, der bereits an dem Tisch saß. Mir gegenüber."
„Wie sah er aus?", wollte la Vaca wissen.
„Durchschnittlich. Wie ein Zauberer."
„Gelangweilt?"
„Ganz genau. Er sah nicht so aus, als ob er gleich etwas Merkwürdiges, Bizarres tun würde…"
„Doch was tat er?", hakte der Magier nach.
„Er beugte sich vor. Er nahm die Packung Kekse. Er riss sie auf. Er nahm einen Keks. Und…"
„Was?"
„Aß ihn."
„WAS?"
„Er aß ihn!"
„Was um alles auf der Welt hast du gemacht?", fragte la Vaca, ungläubig über ein solches Verhalten.
„Unter diesen Umständen tat ich, was jeder Zauberer getan hätte: Ich war gezwungen, es zu übersehen."
„Warum denn?"
„Wie gesagt, dass sind Dinge, auf die man nicht vorbereitet ist. Nie in meinem Leben, nicht von meiner Familie, meinen Lehrern, meinen Freunden oder Bekannten und auch nicht von meinen primitivsten angeborenen Instinkten hatte ich je gelernt, wie ich auf einen Zauberer zu reagieren hatte, der meine Kekse klaute und futterte!"
„Also ich hätte…", begann la Vaca und stoppte. „Nein. Ehrlich gesagt hätte ich auch keine Ahnung gehabt, was ich machen sollte…Also, was passierte dann?"
„Ich starrte wütend auf das Kreuzworträtsel und überlegte fieberhaft, ein anderes Wort für ´egoistisch´ zu finden…"
„Wie viele Buchstaben?", fragte Yax.
„Elf."
„Ichsüchtig?"
„Nun, die Lösung blieb aufgrund meiner Wut fern meiner Gedankenströme. Der Kaffee war zu heiß, um ihn zu trinken. Mir blieb nur noch eine Option. Ich gab mir selbst einen Ruck, nahm einen Keks und versuchte mit aller Kraft, nicht zu bemerken, dass die Packung mysteriöserweise bereits offen war."
„Also wehrst du dich nun doch!"
„Ja. Ich aß den Keks. In einer Art und Weise, wie sie symbolischer nicht sein könnte. Offensichtlich, ganz deutlich, damit der Zauberer auch nicht den geringsten Zweifel haben sollte, was ich da tat. Wenn ich einen Keks esse – dann bleibt er gegessen!"
„Was tat der Zauberer?"
„Nahm sich noch einen. Ehrlich!", setzte er hinzu. „Genau das ist passiert. Er nahm sich noch einen Keks, er aß ihn. Einfach und sonnenklar. So sicher, wie wir hier in diesem Cafe sitzen! Und das Problem war: Weil ich das erste Mal nichts gesagt hatte, war es irgendwie noch schwieriger, das Thema beim zweiten Mal aufs Tapet zu bringen. Was hätte ich sagen sollen? ´Entschuldigen Sie…ich habe leider nicht übersehen können, äh…´ Funktioniert nicht! Nein, ich ignorierte es womöglich mit noch mehr Nachdruck als zuvor."
„Du meine Güte", seufzte la Vaca.
„Ich starrte auf das Kreuzworträtsel, fand kein anderes Wort für egoistisch und der Kaffe war immer noch zu heiß. Ich legte daher einen Wagemut an den Tag, wie ihn jenes, also dieses Cafe noch nie zuvor gesehen hatte: Ich nahm einen weiteren Keks. Und eine Sekunde, nur eine einzige Sekunde, begegneten sich unsere Augen. Dann blickten wir wieder weg. Aber ich kann euch versichern, dass ein bisschen Elektrizität in der Luft lag. Es baute sich ungefähr in dem Moment etwas Spannung über dem Tisch auf…"
„Das glaube ich gern…"
„Auf diese Art und Weise machten wir die ganze Packung durch. Ich, er, ich, er, ich…"
„Die ganze Packung?", fragte Yax ungläubig.
„Nun, es waren nur zehn Kekse, aber für uns war es ein Kampf unter Gladiatoren, der über sämtliche Kekse der Welt entscheiden sollte!"
„Gladiatoren hätten im Freien kämpfen müssen. Körperlich anstrengender", bemerkte la Vaca.
„Schon möglich. Aber zurück zu den Keksen. Die leere Packung lag leblos zwischen uns. Der Zauberer stand, nachdem er sich von seiner schlechtesten Seite gezeigt hatte, endlich auf und verließ das Cafe. Ich war sichtlich erleichtert, könnt ihr euch denken. Kaum fünf Minuten später war mein Kaffee ausgetrunken, ich stand auf und nahm die Zeitung und unter der Zeitung…"
„Ja?"
„Lagen meine Kekse."
„Was?", fragte Yax mit schwacher Stimme.
„Was?", fragte la Vaca krächzend.
„Tatsächlich", erklärte Vinyó.
„Nein!" Magier und Kämpfer schnappten nach Luft und warfen sich vor Lachen auf den Boden. „Das ist die krasseste Geschichte, die ich je gehört habe", grinste Yax.
„Ja, schön", sprach Aicard, der sich zu ihnen gesellte. „Aber momentan habe ich auch Probleme mit Kreuzwortsrätseln. Also, bitte gebt mir ein Oxymoron!"
„Friedenstruppen!", schlug Yax vor.
„Steuerrecht", meinte Vinyó.
„Es lebe der Tod!", rief la Vaca grinsend.
„Eile mit Weile", erwiderte Yax.
„Zaubertrick", meinte Vinyó.
„Postapokalyptisch, vielleicht?", fragte Cyrus skeptisch.
„Bitte!", unterbrach Aicard. „Lasst mich ausreden. Das Wort hat dreizehn Buchstaben!"
„Also doch Friedenstruppen!", stieß Yax wütend hervor.
„Friedenstruppen hat fünfzehn Buchstaben."
„Hat es nicht!"
„Meine Güte, Yax. Ein außen stehender Beobachter würde denken, unser Bildungswesen hätte an dir versagt…"
„Holzeisenbahn", sprach eine Stimme von der Tür. Notwen blickte sie düster an.
„Hey, unsere Nebelmaschine ist da!", rief Cyrus grinsend.
„Warum wart ihr nicht bei euren Wachdiensten? Momentan müsste Regley dran sein, wo ist er? Seit heute Morgen geht mir einer nach dem anderen verloren!"
Vinyó und Yax blickten sich an. „Wir wissen, wo Regley ist…"
Die Beiden führten Notwen um die Ecke, wo Regley gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl saß. Als der Onlo Notwen erblickte weiteten sich seine Augen und er versuchte, sich zu bewegen, wobei der Stuhl mit ihm umfiel. Yax und Vinyó stellten ihn wieder hin.
„Es hat nur uns beide gebraucht, um ihn zu fesseln, aber fünf Leute, um ihm den Knebel zu verpassen", erklärte Yax und versuchte ernst zu bleiben. Notwen entfernte den Knebel, der sich als die Armbinde für die Wachedienste herausstellte. Regley krächzte.
„Ich…krchhh…" Dann begann er mit ruhiger Stimme erneut. „Ich wuchs in einer zivilisierten und harmonischen Welt auf. Ich lernte die goldene Regel, nach der ich niemandem schaden sollte und bis auf ein paar finanzielle Geschäfte hielt ich mich daran. Aber in diesem Fall: ICH WILL DIESES LUMPENPACK AUFGEHÄNGT SEHEN!"
Yax und Vinyó blickten sich mit gespielter Furcht an.
„Ich will sie in Ameisenhügeln vergraben haben, ihre Leichen mit Honig getränkt! Ich will sie gerädert und gevierteilt sehen und die Stücke möchte ich in Arrest nehmen! Ich wurde noch nie in meinem Leben so gedemütigt!"
„Sachte", sprach Notwen und verpasste dem Onlo den Knebel. Dann wandte er sich an Yax und Vinyó, die leise drucksten. „Mitkommen!"
Sie traten auf die Straße draußen.
„Wisst ihr, Regley hat eigentlich Recht!"
„Notwen, du weißt doch, er hätte nur genervt und so konnten wir ihn im Auge behalten. Wir brauchen einfach nur eine Pause, weil wir nicht ewig nur diese Routine ertragen können."
Notwen nickte. „Na ja. Ich gehe davon aus, dass ihr Regley befreit. Ich gehe zurück zum Hauptquartier…"
„Du könntest auch bleiben" schlug Vinyó vor.
„Nein, denn anders als manch anderer arbeite ich. Bis dann…"
„Bye", rief Yax hinterher und wandte sich unmittelbar an Vinyó. „Du hast doch nicht vor, Regley zu befreien, oder?"
„Natürlich nicht, du etwa?"
„Neeeeeeein…", meinte der Magier mit einem langen Grinsen.
„Warum bist du der Meinung, dass Massenmord eine strafbare Handlung ist?", erkundigte sich Chontamenti gelassen. Abanderada zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Ist ja auch irgendwie Mord, oder?"
„Ja. Aber du meinst doch Massenmord als spezielle Straftat."
„Tja, man tötet ja besonders viele Personen, nicht?"
„Na und?"
„Das ist doch schlimmer als Mord!"
„Na und? Kein Grund, es strafbar zu machen"
„Es wird doch noch mehr Leben ausgelöscht!"
„Nicht, wenn du, wie ich es tue, Leben als Intelligenz und Intellekt bewertest und umgekehrt."
„Dann wird eben mehr Intelligenz ausgelöscht", meinte Abanderada verzweifelt über die Sturheit seines Gegenübers.
„Nein. Jede Person ist individuell intelligent. Die Anzahl der Personen ist nicht relevant."
„Aber man tötet doch trotzdem mehr Menschen!"
„Na und? Das ist egal, wenn man meinen Maßstab verwendet…"
„Da stand ich nun", sprach Cyrus. „Umgeben von dreißig bewaffneten Stadtwachen. Sie fragten mich, ob ich freiwillig aufgeben würde, oder sie mich töten müssten. Da erklärte ich ihnen, dass es noch eine dritte Möglichkeit gibt. Das schien ihnen nicht zu gefallen. Also griffen sie an und das war ihr Fehler. Eigentlich wollte ich sie nämlich nur darauf hinweisen, dass sie mich auch einfach laufen lassen könnten. Tja, irgendwie besteht die Welt nur aus Missverständnissen, nicht wahr?"
Die beiden weiblichen Natla, die zugehört hatten, schienen nicht ganz verstanden zu haben, was er meinte. Inzwischen waren zwei Dutzend neue Besucher angeströmt und das Cafe Simplicissimus erfreute sich bester Kundschaft.
„Ich meine", fuhr Cyrus fort. „Ich meine, das Leben ist werden und vergehen und meistens habe ich für letzteres gesorgt. Bin ich deshalb ein schlechter Mensch?"
Als niemand antwortete, schien Cyrus etwas gelangweilt zu sein. Vinyó und Yax traten neben ihn, halfen ihm auf und trugen ihn zu einem leeren Tisch in der Ecke.
„Ich brauche Hilfe", grummelte Cyrus.
„Das steht außer Frage", murmelte Vinyó.
„Wir brauchen Hilfe", grummelte Cyrus.
„Auch das stimmt zweifellos", erwiderte Yax.
„Ich meine…ich meine…die Gehirne!"
„Ja", nickte Vinyó verständlich und mit Doktormiene.
„Ja", nickte auch Yax. Nach einer Pause fragten beide gleichzeitig: „Was ist damit?"
„Das ganze Meer ist voller Gehirne! Was das kostet! Wir haben hier an Land so wenig Hirn, es ist fast erschreckend! Nehmt allein die Menschen als Beispiel! Wir Menschen sorgen uns einen Dreck um das Meer und was passiert?"
„Nichts?", schlug Yax vor.
„Genau! Nichts passiert! Dem Meer geht es gut! Egal, ob wir helfen oder zerstören wollen, am Ende bleibt nur letzteres, Zerstörung! Mein Vorschlag", fuhr Cyrus fort und winkte Magier und Zauberer näher zu kommen. „Mein Vorschlag wäre, alle Idioten der Welt in eine Stadt einzusperren und der Natur ihren Lauf zu lassen!"
„Nun, mit dir hat man den ersten Schritt getan", murmelte Yax.
„Und die gescheiteren Menschen, die keine Idioten sind?", erkundigte sich Vinyó, offenbar mit echtem Interesse. Daraufhin fing Cyrus so stark an zu lachen, dass der Zauberer Angst hatte, den ersten Lachtod seit seinem Medizinstudium mitzuerleben.
„Die gescheiteren Menschen! Brillant!", kicherte Cyrus, als ob er dem Wahnsinn verfallen wäre. „Mein lieber Dr. Jekyll, es gibt keine gescheiten Menschen. Es hat sie nie gegeben!"
Kapitel 15,2 – There and Back Again
Es war Nacht. Zwei Gestalten schlichen durch die Nacht. Bedacht, kein Geräusch zu verursachen, schlichen sie durch die Dunkelheit. Als sie ein Geräusch hörten, huschten sie rasch in eine Nische und warteten, ohne zu atmen. Eine Katze lief an den Gestalten vorbei. Aufatmend gingen sie weiter, liefen im Zickzack durch die Straßen von Konlir. Sie kletterten an einer Hauswand hoch und liefen geduckt auf den Dächern weiter, stets huschten ihre Augen hin und her, über den Himmel und den Boden, um ja keine böse Überraschung erleben zu müssen. Sie erreichten das Dach eines mehrstöckigen Gebäudes und sahen von dort auf ein kleineres Dach, etwa zehn Meter unter ihnen herunter. „Dort unten", zischte eine der Gestalten. Die andere Gestalt nickte und holte ein Seil hervor. Sie ließen sich herab und standen nun auf dem Dach des kleineren Gebäudes. Sie liefen auf eine kleine Luke zu, die in die Decke eingelassen war. Sie öffneten die Luke und sahen hinunter.
„Wie tief?", fragte die erste Gestalt.
„Vier Meter, hat man mir gesagt", antwortete Gestalt Nummer zwei.
Ohne abzuwarten, ließen sie sich in das Loch hinab. Sofort zogen sie ihre Waffen, rügten sich aber gleich darauf dafür, dass sie überreagiert hatten. Sie befanden sich in einem Raum, der nur mit Spiegeln bestückt war. Im ersten Moment hatten beide gedacht, umzingelt zu sein. Leise schlichen sie zur Tür, öffneten sie und spähten hindurch. Sie befanden sich im ersten Stock. Wachsam umher sehend stiegen sie die Stufen der Treppe hinab, die ins Erdgeschoss führte. Gestalt Nummer eins winkte in die rechte Ecke und wandte sich nach links. Sorgsam durchsuchten sie den Raum, bis Gestalt Nummer zwei plötzlich triumphierend aufschrie.
„Regley, altes Haus. Da bist du ja! Meine Güte, hättest du mal was gesagt, wären wir dir sofort zu Hilfe geeilt…"
„Du sollst doch nicht immer so lange feiern", stimmte jetzt auch Gestalt Nummer eins zu, der neben die beiden getreten war.
Vinyó und Yax traten zu dem Onlo und befreiten ihn von dem Knebel und den Handfesseln. Bevor sich Regley vollends von dem Stuhl befreit hatte, waren Vinyó und Yax über ihre Vergesslichkeit lachend in der Nacht verschwunden.
