Weil ich grad dabei bin, gleich noch eins...

Kapitel 2. Nachts sind alle Katzen grau

Autsch! Das war jetzt schon das vierte Regal gewesen. Mittlerweile spürte sie ihren Zeh kaum noch. War auch eine absolut brillante Idee ohne Licht nachts durch die Bibliothek zu tappen. Bravo Lucy. Sie schüttelte den Kopf in Unverständnis über die eigene Dummheit.

Kam halt davon, wenn man Hausaufgaben prinzipiell in letzter Sekunde erledigte. Da bemerkte man eben das Fehlen eines besonders wichtigen Buches erst halb zwei Uhr morgens am Tag vor dem Abgabetermin. Also Bibliothekseinbruch. Auweia, wie weit würde sie wohl noch abrutschen?

Nach drei weiteren blauen Flecken stand Lucy vor dem gesuchten Regal. Leise murmelnd ließ sie den Finger über die Titel gleiten. Das verdammte Buch musste hier doch irgendwo sein...

In diesem Dämmerlicht konnte noch nicht einmal der eifrigste Mohrrübenesser wirklich was sehen. Da! Ganz versteckt zwischen den dicken Wälzern stand es.

Vorsichtig zog Lucy das Buch aus dem Regal und schlug es auf. Den Blick auf das Inhaltsverzeichnis fixiert trat sie ans Fenster. Vielleicht konnte zumindest das Mondlicht die Buchstaben daran hindern ständig zu einer schwarzen Masse zu verschwimmen.

Völlig in das Buch vertieft hörte sie nicht wie vorsichtig die Tür geöffnet wurde. Erst als besagte mit einem klicken ins Schloss fiel und Schritte über den steinernen Boden hallte schreckte Lucy auf. Im selben Moment entglitt ihr das Buch und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf. Wer auch immer im Raum war, dass konnte er nicht überhört haben.

Schnell ergriff Lucy das verräterische Buch und zog sich in eine dunkle Ecke zwischen den Regalen zurück. Ganz so einfach musste der andere es ja auch nicht haben. Eng an die Wand gepresst lauschte sie angestrengt in die Dunkelheit. In den ersten Minuten wurde die Stille nur von dem Rauschen in ihren Ohren übertönt. Er oder sie lauerte. Wartete, dass Lucy einen Fehler beging. Ihr Herz schlug fast schmerzhaft gegen die Rippen, sie hasste solche Anspannung.

Wenn er (Lucy hatte entschieden, das eine „Sie" niemals soviel Geduld gehabt hätte) an der Stelle blieb, wo er war, hatte sie noch eine kleine Chance unbemerkt zu verschwinden. Doch kaum hatte sie diese Gedanken zuende gedacht, schien er ihren Plan erraten zu haben und setze sich in Bewegung. Systematische Absuche der Regalreihen, verdammt. Sie konnte sein Näherkommen förmlich spüren.

Dann doch lieber eine schlechte Note in Astronomie als sich erwischen zu lassen. Mit einem bedauernden Blick schob Lucy das Buch ins nächstliegende Regal und verwandelte sich in eine Katze. Dank sei Mutter. Wenn es etwas gab, dass sie im Elternhaus gelernt hatte, dann Verwandlungen. Ok, ihre Kräfte waren längst noch nicht voll entwickelt und demzufolge war sie ein ausgesprochen kleines Kätzchen, aber das konnte im Moment doch nur von Vorteil sein.

Leichtfüßig sprang sie aus ihrem Versteck und lugte um die Ecke. Ein schwarzer Schatten verschwand gerade in der übernächsten Regalreihe. Jetzt oder nie. Lautlos schlich das Kätzchen zur Tür. Verschlossen! Wie hatte sie nur das Klicken vergessen können.

Aus einem Impuls heraus wollte sich Lucy mit der Hand gegen den Kopf schlagen. Ich muss wohl kaum beschreiben wie lächerlich ein Kätzchen wirkt, dass bei dem Versuch sich selbst zu hauen das Gleichgewicht verliert. Mit einem kläglichen Mauzen fiel Lucy auf das kleine Näschen und blieb für einen Moment benommen liegen.

„Aber wie kommst du denn hier her?" Nein, oh bitte nicht! Alles nur das nicht. Vorsichtig schielte Lucy durch die halb geöffneten Augen und riss sie vor Schrecken ganz auf. Von allen Menschen dieser Schule musste es ausgerechnet er sein. Professor Snape in seiner ganzen dunklen Pracht. Noch bevor sie die Gelegenheit hatte ihm zu entwischen, hatte er sie schon aufgehoben. Mit Erstaunen stellte Lucy fest, dass sie mehr oder weniger auf einer seiner Hände Platz fand. An ihrer Größe musste sie wirklich unbedingt arbeite.

„Welchem nichtsnutzigen Schüler bist du denn entlaufen?" Bitte? Sah sie aus, als wäre sie irgendeines Menschen Eigentum. Stolz reckte sie das kleine Köpfchen und sah ihn herausfordernd an. So nicht. Katzen waren Majestäten. Nun ja, Königin hin oder her, als plötzlich ein riesiger Schatten von der Seite auftauchte, zuckte sie doch recht schnell in eine geduckte Haltung. Doch die Angst war unbegründet. Snape hatte lediglich die andere Hand erhoben um sie mit dem Zeigfinger zärtlich unter dem Kinn zu kraulen. Lucy konnte ein Schnurren nicht unterdrücken. Wenn sie sich seine Berührungen auch nie auf solche Weise ausgemalt hatte, war es doch ein berauschendes Gefühl.