Und gleich noch eins, denn auch ohne I-net konnte ich ja immerhin was schreiben…

10. Eins auf die Pfötchen

Kaum, dass die Kette außer Sicht war, öffnete sich die Toilettentür und Susan betrat den Raum. Automatisch griff ihre Hand zur Türklinke, hielt dann aber in der Bewegung inne. Perplex starrte sie auf Lucys Reflexion im Spiegel. Lucy grinste. „Na, w-„

„Sag mal spinnst du?!" Augenblicklich verlosch das Lächeln auf Lucys Gesicht. Ihre Freundin bewies in diesem Augenblick starke Ähnlichkeit mit einem ausbrechenden Vulkan. „Kannst du mir mal verraten wo du gesteckt hast? Wegen dir musste ich die Lehrer anlügen... und Professor Snape... und der blöde Trank... und überhaupt!" Wütend machte Susan einen Schritt auf ihre Freundin zu. Lucy, die in den letzten Stunden genug Aufregung gehabt hatte, hob beschwichtigend die Hände. „Tut mir ehrlich leid Susan" setzte sie an „ich hatte einfach Panik vor Kräuterkunde." „Vor Kräuterkunde?!" Susan stutzte verwirrte. „Ja weil... weil ich dachte sie macht heute einen ihrer Überraschungstests und ich hab kaum gelernt. Ich schlaf zurzeit so schlecht."

„Du hattest Angst vor nem Test?"

Lucy nickte.

„In Kräuterkunde?"

Erneutes Nicken.

„Weil du schlecht schläfst?"

Lucy begann sich langsam wie ein Wackeldackel zu fühlen.

„Und warum zum Teufel schreibst du dann nicht einfach von mir ab?"

Lucy seufzte resignierend. „Du weist doch wie ich das hasse..."

„Ja klar, stattdessen verschwindest du halt mal nen Tag." Skeptisch stemmte Susan die Hände in die Seiten und sah ihre Freundin mit hochgezogenen Augenbrauen an. Unter gesenkten Lidern schielte Lucy zu ihr hinauf. Respekt. Fünf Jahre Professor Snape waren auch an Susan nicht spurlos vorüber gegangen.

„Ja... ich wollte auch einfach mal schlafen... ich fühl mich so fertig. Hab die ganze Nacht Panik geschoben. Und da mich von den Slys keiner sehen sollte konnte ich dir nicht Bescheid geben." Lucy hielt den Blick gesenkt und wartete auf eine Reaktion. Die Sekunden verstrichen. Schließlich atmete Susan hörbar aus. „Ok. Gekauft. Aber beim nächsten Mal kriegst du deinen Panik bitte schon am Nachmittag davor, damit ich mich drauf einstellen kann. In Ordnung?" Grinsend fiel Lucy ihrer Freundin um den Hals. Susan hakte sich bei ihr unter und beide wandten sich zur Tür. Auf dem Weg zum Mittagessen erhielt Lucy eine ausführliche Beschreibung all der lebenswichtigen Dinge, die sie in sechs Stunden verpasst hatte. „Du wirst mir nie glauben, " leitete Susan den Bericht ein, „was mir heute in Zauberränke passiert ist..."

Als Lucy sich gerade die dritte Portion Spagetti Bolognese auf den Teller schaufelte- das fehlende Frühstück musste ja ausgeglichen werden- wurde Susan unterbrochen.

„Nun das freut mich aber außerordentlich, Miss Wilde. Nachdem mir ihre Gesellschaft im Unterricht verwehrt wurde, hatte ich schon begonnen mir Sorgen zu machen, aber so lange sie noch Essen können... Schmeckt es denn?"

Lucy starrte in Snapes Gesicht, auf welchem ein zuckersüßes Lächeln festgefroren schien. Sekundenlang misslang es ihr die Situation zu verstehen. Wieso war Snape plötzlich so seltsam? Als der Groschen endlich fiel, war das Lächeln etwas weitaus bedrohlicherem gewichen. Lucy schrumpfte förmlich zusammen. Alles in ihr strebte nach der Katzengestallt. Ambra wurde nie mit Ich- töte- dich- nicht- aber- du- wirst- dir- wünschen- ich- täte- es- Blicken bedacht.

„Ich hoffe doch, dass es schmeckt. Allem Anschein macht sie die Schulküche ja geradezu sprachlos. Nun Miss Wilde, nachdem sie ja wieder Genesen sind, könnten sie vielleicht etwas Zeit erübrigen und mich heute Abend in meinem Büro besuchen. Und überreden sie bitte ihre Stimme sie zu begleiten, ich habe da noch ein paar Fragen..." Mit diesem Satz wandte Snape sich um und schritt davon. Lucy starrte den wie immer wallenden Roben hinterher. Das war ja mal wieder klar, wenn man selbst keine Probleme zur Hand hatte, Snape in seiner nicht enden wollenden Güte, half natürlich aus. Was würde die Welt bloß ohne ihn tun?

Pünktlich sieben Uhr fand Lucy sich vor Snapes Büro ein. Eigentlich musste sie nur klopfen, hinein gehen, überleben und wieder hinauskommen. An sich kein Problem. Absolutes Kinderspiel sogar. Total banale Angelegenheit...

Aus unerfindlichen Gründen fühle Lucy sich plötzlich wie ein Faultier, das mit einem Baby in den Armen versuchte einen Steilhang hinauf zu klettern...

„Herein." Ah, dunkle Stimme aus dunkler Kerkertür, wie theatralisch. Als Lucy die Hand auf die Klinke legte sah sie, wie ihre Finger zitterten. Scheinbar konnte auch die kleine kommentierende Stimme in ihrem Kopf nicht gänzlich gegen den Master of Potions ankommen. „Miss Wilde, wie reizend, ich begann fast an Entzugserscheinungen zu leiden." Von seinen Papieren kurz aufblickend warf er ihr ein süffisantes Lächeln zu. „Nicht dass es in ihrem Jahrgang an untalentierten Dilettanten mangelt, aber nur wenige schaffen es die eigene Inkompetenz so amüsant zur Schau zu stellen." Lucy zog es vor auf diese Aussage nichts zu erwidern. In der Höhle des Löwen konnten schnelle Bewegungen und unbedachte Geräusche ja bekanntlich unangenehme Folgen haben.

„Ach, ist ihre Stimme doch beim Essen geblieben? Ich verstehe ja, dass man immer ein Stück von sich dort zurück lässt, wo man sich daheim fühlt, aber versuchen sie doch bitte mir ihre vollständige Anwesenheit zu vergönnen. Ich würde nur zu gern mehr über ihre plötzliche Krankheit und die wundersame Genesung hören." Schon wieder dieses Lächeln. Lucy fühlte wie ihre Nackenhaare einzeln in die Höhe sprangen. Irgendetwas in ihr hatte das dringende Bedürfnis zu fauchen. „Nun eigentlich hatte ich gestern nur einen starken Migräneanfall, dessen Nachwirkungen bis heute Vormittag angehalten haben."

„Migräne?" Gespielt entsetzt riss Snape die Augen auf. „Aber Miss Wilde warum haben sie dass denn nicht früher gesagt? Wenn ich gewusst hätte, dass ihnen ihre Leistungen in meinem Fach Kopfschmerzen bereiten, hätte ich doch helfen können. Zumal ich gerade für Schüler wie sie ein spezielles Programm habe." Fassungslos beobachtete Lucy, wie sich der Lehrer erhob und zu einem Schrank ging. Es geschah nicht oft, dass er es schaffte sie sprachlos zu machen, aber in diesem Fall... Während sie noch nach Worten suchte, zog Snape eine dünne Mappe unter einem Stapel hervor. Mit dieser in der Hand kehrte er zu dem Mädchen zurück und zog ein Blatt heraus. Widerwillig nahm Lucy das dargereichte Schriftstück entgegen. Es handelte sich um ein Aufgabenblatt, dessen Inhalt die Arbeit mehrere Stunden umfasste.

„Dies wird bis zur nächsten Woche erst einmal ausreichen, Nachschub gibt es dann wieder am Mittwoch."

„Ab-.„

„Sie brauchen mir nicht zu danken, Miss Wilde. Als Hauslehrer ist dies meine Pflicht. Zumal ich sie bisher wirklich lang genug vernachlässigt habe, nicht wahr?"

„Sie ge-..."

„Ja Miss Wilde?" Sein Gesicht war so plötzlich vor dem ihren, dass Lucy zurück zuckte. Er hatte leise gesprochen, doch in solch scharfen Ton, dass sie fast das Gefühl hatte geschnitten worden zu sein. Das Mädchen starrte in die harten, schwarzen Augen und fühlte wie eine Welle kalter Angst über sie hinein brach. Was immer sie für diesen Mann auch fühlte, in diesem Moment war es verschwunden. Alles was Lucy wollte, ließ sich auf drei Buchstaben reduzieren: W-E-G. Sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen und trat einen Schritt zurück. „Ich... ich danke ihnen für die Hilfe und würden dann jetzt gern gehen. Um zu arbeiten." Als sie den zweiten Satz hastig nachschob kräuselten sich die Lippen des Lehrers zu einem Lächeln. „Nun dann Miss Wilde, lassen sie sich von mir nicht abhalten..."