„Frau Seidel, ich weiß, dass das eine schwierige Situation für Sie ist, aber…", redete der Oberarzt auf Lisa ein. „… Ihr Mann hat keinen Organspendeausweis und er ist hirntot. Wir müssen jetzt wissen, was wir tun sollen." – „Was bedeutet das?", wollte Lisa wissen. „Das bedeutet, dass er aus seinem Koma nie wieder erwachen wird. Ihn halten nur noch unsere Maschinen am Leben." – „Und die Organspende?", hakte Lisa nach. „Die könnte einer anderen Person helfen. Sie können natürlich einschränken, welche Organe davon ausgenommen sind…" Lisa übermannten die Tränen. „Nein, nein", ergriff Friedrich das Wort. „Sie werden David nicht ausweiden." – „Frau Seidel, bitte. Sie sind die Ehefrau. Wir brauchen eine Entscheidung", wandte der Oberarzt sich sanft an Lisa. „Ich möchte ihn sehen", hauchte diese mit schwacher Stimme. „Ich möchte mich verabschieden. Laura, Friedrich, ihr bleibt doch bei Vani, oder?" – „Ja, natürlich", versicherte Laura, auf deren Schoß das kleine Mädchen schlief.
„David, was machst du denn?", wollte Lisa von ihrem Ehemann wissen. Sanft streichelte sie ihm durch die blutverklebten Haare. „Einfach so mitten in der Nacht die Kontrolle über den Wagen verlieren." Die Polizei hatte Lisa erklärt, dass David vermutlich viel zu schnell auf regennasser Straße unterwegs gewesen war. „Du kannst mich doch jetzt nicht so einfach alleine lassen. Unser Baby kommt doch bald auf die Welt. Wer wickelt es nachts, wenn ich vor Müdigkeit nicht mehr kann? Das hast du doch bei Vani schon so gut gemacht. Bitte, David, wach wieder auf." Betreten sah der Arzt dabei zu, wie Lisa sich über den hirntoten und von dem Unfall schwer mitgenommenen Mann beugte und weinte. „Bitte, David, komm zu mir zurück." Der Oberarzt warf einen Blick auf seine Uhr. Mit jeder Minute, die verging, nahm auch die Qualität der Organe ab. „Frau Seidel?"
