Ironie des Schicksals
Liebe Bettina-Arlette!
Ich habe lange überlegt, ob ich Ihnen überhaupt antworten soll. Ich wollte ja nicht einmal Ihren Brief öffnen. Letztlich habe ich mich dazu entschieden, Ihnen zu schreiben – aus verschiedenen, persönlichen Gründen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verspüre keineswegs das Bedürfnis, Sie persönlich kennen zu lernen, ich möchte Sie nur wissen lassen, dass es schön war, zu erfahren, dass meine Entscheidung richtig war.
Ich selbst lebe wie Sie in Berlin (Auch wenn ich eigentlich aus dem Umland stamme. Naja, frei nach dem Motto: Mitten drin, statt nur außen dran, lebe ich mittlerweile in der Hauptstadt) und werde auch bald 30. Ich bin Mutter von zwei Kindern. Sylvana ist vier und Jonas zweieinhalb. Ja, ich war mit ihm schwanger, als mein Mann bei einem Unfall ums Leben kam. Drei Tage nach der Beerdigung kam er zur Welt. Winzigklein und ganz rosig war er. Ohne meine Kinder hätte ich wohl nicht weitermachen können. Anfangs war es schwer – so ganz alleine mit den Beiden. Meine Eltern waren mir eine große Stütze, genauso wie mein Bruder. Mit meinen Schwiegereltern habe ich nur noch ein unterkühltes Verhältnis. Mein Schwiegervater war gegen die Transplantation und ich glaube, er hat mir nie verziehen, dass ich mich entschieden habe, wie ich mich entschieden habe. Aber das ist nicht mehr wichtig. Ich sehe mir das Foto an, das Sie mir geschickt haben – es ist die Bestätigung dafür, dass meine Entscheidung richtig war.
Eduardo ist neun Monate, ja? Ein wunderschönes Alter. Sie werden dann langsam mobil, entdecken die Welt. Kinder bereichern so das Leben. Ihn aus einem fernen Land zu adoptieren ist ein mutiger Schritt. Ich wünsche Ihnen wirklich von Herzen, dass Sie eine schöne Kennenlernzeit mit ihm haben.
Meine Kinder halten mich glücklicherweise davon ab, zu viel zu grübeln oder mein Unglück zu beklagen. Ihr Vater war meine große Liebe – für ihn habe ich einem anderen, wirklich lieben Mann sehr wehgetan. David und ich, wir haben uns sehr geliebt. Wir hätten alles füreinander getan. Er fehlt mir wahnsinnig. Und dann sehe ich meine Kinder an und sie sehen mit Davids Augen zurück. Ja, sie sehen ihm sehr ähnlich, was es nicht leichter macht.
Jetzt haben Sie sicher den Eindruck, dass sich mein ganzes Leben nur um meine Trauer und meine Kinder dreht. Nun ja, so ganz stimmt das nicht. Ich habe einen Job, in dem ich ziemlich erfolgreich bin, aber seit ich allein erziehend bin, arbeite ich nicht mehr ganz so viel. Meine Mäuse freuen sich über nichts mehr, als wenn sie Mittagskinder im Kindergarten sind und wir nachmittags etwas Schönes unternehmen. Das werden Sie ganz sicher auch noch erleben, wenn Ihr Eduardo erst einmal groß ist. Genauso wie altkluge Sylvana-Sprüche wie „Ich bin schon vier, ich habe schon alles erlebt." Ich wünsche Ihnen auf alle Fälle nur das Beste für die Zukunft. Grüßen Sie Ihre Familie von mir.
E.S. (Sie werden verzeihen, dass ich nicht mit Namen unterschreibe, aber ich möchte meine Anonymität gerne wahren. Für mehr bin ich einfach nicht stark genug.)
P.S.: Ich lege Ihnen ein Bild von meinem ganzen Stolz bei – meinen Kindern. Wenn Sie sich Jonas 30 Jahre älter vorstellen, dann wissen Sie wie der Spender Ihrer Lunge aussah. Eine Bitte hätte ich zum Schluss doch noch – auch wenn ich Ihnen meinen Namen vorenthalten habe, wäre ich Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie mich von Zeit zu Zeit wissen lassen würden, wie es Ihnen und Ihrer kleinen Familie geht.
