Liebe Leserinnen und Leser, dies ist das erste Kapitel einer zweiteiligen Erzählreihe, die sich mit Lucius Malfoys Gefangenschaft in Azkaban (Band sechs) beschäftigt. Nach endlosen Bitten und Beschwerden erhält Narcissa endlich die Erlaubnis, ihren Mann zu sehen.
Innigsten Dank an Slytherene und Alcina vom Steinsberg, deren scharfe Augen und spitze Federn geholfen haben, das Beste aus den Texten zu machen.
Kalte Mauern
Die Dunkelheit breitete lautlos ihr blaues Tuch über das Land. Der vielstimmige Gesang der Vögel verstummte und wich einer beunruhigenden Stille.
Narcissa Malfoy löste sich aus der starren Position, in der sie eine volle Stunde am Fenster gestanden hatte und trat zurück in die vertraute Dämmerung ihres Schlafzimmers.
Auf ihren Wangen waren die Tränen getrocknet, die sie stumm vergossen hatte, eine salzige Spur auf makelloser Haut.
Im Zimmer war es gerade noch hell genug, um das Bild ihres Mannes auf dem Nachttisch erkennen zu können. Es zeigte ihn im halben Profil, die Haare verwegen vom Wind zerzaust, ein fesselndes Lächeln in den sturmgrauen Augen. Narcissa versuchte, sich jeden Zug seines heiteren Gesichtes einzuprägen, das traumatische Bild zu überschreiben, das sich in ihren Geist eingebrannt hatte und sie erbarmungslos verfolgte, seit sie vor wenigen Stunden aus Azkaban zurückgekehrt war.
Nach endlosen Bitten, Beschwerden und schließlich Drohungen seines Anwaltes hatte man das Besuchsverbot für den Gefangenen Lucius Malfoy aufgehoben und ihr als seiner Frau eine Sondergenehmigung erteilt. Sie hatte keine Sekunde gezögert, sie sofort geltend zu machen, obwohl sich eine eisige Faust um ihr Herz schloß, wenn sie an die Gerüchte dachte, die über das Zauberergefängnis kursierten.
Die wenigen Briefe, die sie von Lucius erhielt, waren nichtssagend und beängstigend allgemein. Domhnall Auchmuty, der Anwalt ihres Mannes, ein verschlagener Schotte von brillanter Intelligenz und geschätzten dreißig Jahren Erfahrung im Gerichtssaal, hatte ihr bestätigt, daß die Korrespondenz der Gefangenen, insbesondere die der als Todesser bekannten, nicht nur limitiert war, sondern auch genauestens überwacht und die Post selbstredend gelesen wurde – eine Sicherheitsmaßnahme, die als völlig legitim galt.
Ungeachtet dessen hütete Narcissa die brüchigen, schlecht geschabten Pergamente wie einen Schatz. Den eleganten Linien, Anstrichen und Schwüngen seiner Handschrift zu folgen, spendete ihr Trost, wenn sie vor Einsamkeit und Sehnsucht nicht mehr ein noch aus wußte, und die Gleichmäßigkeit der Schriftzüge bestärkte sie in der Hoffnung, er möge vor Übergriffen der Wärter und Racheakten anderer Häftlinge verschont geblieben sein. Sie gab der entsetzlichen Angst um ihn niemals Raum, aber Furcht und Sorge fraßen im Stillen an ihr und verzehrten sie, wenn sie sich nach einem endlosen Tag zu nächtlicher Stunde schließlich private Gedanken gestattete.
Immer war unausgesprochen klar gewesen, daß sie die Führung seiner Geschäfte übernahm, wenn er aus irgendwelchen Gründen nicht imstande sein würde, die Aufgaben zu bewältigen. Lucius schätzte ihren kalten Scharfsinn, mochte die bisweilen unkonventionellen Wege, die ihre Ideen nahmen und pflegte grundlegende Entscheidungen, knifflige Fragen und wichtige Neuerungen stets mit ihr zu diskutieren. Dabei leitete er solche Gespräche gern mit einer halb neckenden, halb bewundernden Anspielung auf ihren exzellenten Abschluß der Magischen Ökonomie ein. Selbstredend unter den drei Jahrgangsbesten, hatte sie eine zusätzliche Auszeichnung für besondere Diplomatie in allen Simulationen komplizierter Verhandlungsfälle eingeheimst.
Diese Fähigkeit kam ihr nun mehr denn je zupaß, wenn es galt, aufgeschreckte Partner oder mißtrauische Investoren davon zu überzeugen, daß die Beteiligung an den Geschäften der Malfoys keineswegs bedeutete, in eine kriminelle Vereinigung zu investieren. Ohne jemals ausgesprochen zu haben, worauf sie anspielte, lenkte sie die Ansichten der Betreffenden mit eisiger Berechnung und faszinierender Subtilität in die gewünschte Richtung, so daß die meisten zu der Einsicht gelangten, es sei nur selbstverständlich, das Unternehmen eines prominenten Opfers der herrschenden Willkürjustiz zu unterstützen.
Dennoch vermochten Narcissa die Erfolge kaum zu freuen. Zu düster die Schatten, die Lucius' Abwesenheit warf, zu anstrengend, die allgegenwärtigen Ressentiments souverän zu parieren, die ihr immer wieder herb entgegenschlugen. Trotz allem war sie entschlossen, es jenen zeigen, die glaubten, die Malfoys hätten verspielt. Oberste Priorität blieb jedoch, eine Möglichkeit zu schaffen, ihren Mann während der dreijährigen Haftzeit regelmäßig besuchen zu können.
Als die Eule des Anwaltes eintraf, befand sich ihr Sohn im Internat – ein wahrer Glücksfall. Sie hoffte, daß er dort genügend Ablenkung erfuhr, um sich nicht wie sie in Besorgnis zu verlieren. Sie sandte ihm warmherzige, innige Briefe, die ihn ermuntern sollten und die lediglich die Standardpassage enthielten, die sie aus Lucius' Schreiben übernahm – daß es ihm den Umständen entsprechend gut ginge.
Es genügte, daß Draco bei der Hausdurchsuchung zugegen gewesen war. Ministerialbeamte hatten unmittelbar nach Lucius' Verhaftung auf dem Anwesen das Unterste zuoberst gekehrt und dabei kein sonderliches Feingefühl walten lassen. Der Junge war noch Tage danach abwechselnd verstockt-schweigsam und aufbrausend zornig gewesen.
Wie gut, daß die Besuchserlaubnis in einen Zeitraum fiel, in dem keine Ferien anstanden.
Narcissa setzte sich kerzengerade aufs Bett und faltete die schmalen Finger im Schoß. Im Zimmer war es mittlerweile so dunkel, daß sie sich nur noch anhand vertrauter Objekte zu orientieren vermochte. Dennoch entzündete sie kein Licht. In der blauschwarzen Finsternis fühlte sie sich Lucius nahe. Mit ein wenig Phantasie konnte sie sich einbilden, den Nachhall seiner Berührung zu spüren, ein Streicheln der Schulter, die Spur seiner Lippen auf ihren, weiches Kitzeln seiner langen Haare an ihrem Hals.
Man hatte ihn zum Haftantritt nicht geschoren, und die sekundenlange egoistische Erleichterung darüber trieb ihr noch jetzt die Tränen in die Augen, denn natürlich bedeutete langes Haar ideale Brutbedingungen für Läuse und anderes Ungeziefer, das man zweifelsohne als gerechte Zusatzstrafe für Todessergefangene erachtete und daher mehr als billigend in Kauf nahm. Wenigstens blieb ihr ein Schock erspart, als zwei Wärter ihn durch eine mehrfach gesicherte Tür hereinbrachten.
Der Besuchsraum der Festung war kaum wärmer als die Gänge, durch die man sie geführt hatte, nachdem sie alle persönlichen Habseligkeiten, zuvorderst ihren Zauberstab, in die Obhut eines verschlagen dreinblickenden Auroren mit mausgrauem, schütterem Haar geben mußte. Immerhin rann hier kein Wasser von den Wänden, und der Boden war trocken. Es gab einen grob behauenen quadratischen Tisch in der Mitte mit zwei sich gegenüberstehenden Stühlen, und das Licht wurde nicht durch rußende Fackeln erzeugt, sondern ging von magisch gespeisten Deckenleuchten aus. Narcissa durchzuckte flüchtige Verachtung darüber, daß hier offenbar ausreichende Beleuchtung jegliche Diskretion zwischen Besuchern und Gefangenen verhindern sollte, aber der Anblick ihres Mannes drängte jeden anderen Gedanken in einen bedeutungslosen Hintergrund.
Lucius Malfoy steckte in grober, fleckiger Sträflingskleidung, die trotz des schlechten Sitzes nicht verbarg, wieviel Gewicht er verloren hatte. Um die Handgelenke lagen Ketten, die entzündete Schürfwunden hinterlassen hatten. Sein Haar fiel in einem strähnigen Zopf über den Rücken und verdeckte keine der Platzwunden in seinem bleichen, hohlwangigen Gesicht. Ein kaum verschorfter Riß führte quer durch die linke Braue bis dicht über das Lid, aber am meisten erschreckte Narcissa ein seltsames Gebilde, einer Halskrause ähnlich, das seinen Kopf fixierte und es ihm unmöglich machte, nach links oder rechts zu sehen, ohne den ganzen Körper zu drehen. Der flackernde Blick seiner Augen traf sie und brannte sich wie eine sengende Flamme in ihre Seele. Ihr Herz hämmerte ein einsames Stakkato gegen den Brustkorb, aber sie stand stocksteif, unfähig, dem Impuls nachzugeben, zu ihm zu laufen und ihn in die Arme zu schließen.
Malfoy rührte sich ebenfalls nicht. Er atmete flach, strikt darum bemüht, keine der über ihm zusammenschlagenden Emotionen preiszugeben, um nicht später Angriffsfläche für die Häme und Gewalt der Wärter zu bieten. Er hatte nicht erwartet, daß sie ihr jemals einen Besuch gestatten würden; umso mehr traf ihn die Ankündigung der Aufseher, die geschickt worden waren, ihn zu holen.
Ihre schmale, hochgewachsene Gestalt wirkte in dem schäbigen Raum grotesk deplaciert, und er wünschte nichts sehnlicher, als sie in die Arme zu schließen und ihr Entsetzen ob seines erschreckenden Anblicks glücklicher Erleichterung weichen zu sehen.
Die beiden Wärter, die ihn abgeholt hatten, postierten sich mit gezückten Zauberstäben diagonal zum Tisch, so daß sie jede Bewegung der Anwesenden verfolgen konnten, und der dritte, mit dem Narcissa gekommen war, sagte: „Die Besuchszeit dauert vierzig Minuten. Sie werden sich auf diese Stühle setzen, die Hände flach auf dem Tisch. Wenn Sie, Madam, den Gefangenen berühren wollen –", er unterbrach sich und lächelte anzüglich, „dann nur solcherart, daß Ihre Hände auf seinen zu liegen kommen. Sie müssen laut und deutlich sprechen. Ich weise Sie ferner darauf hin, daß der Häftling in jedem Fall einer magischen Dekontamination unterworfen wird. Falls Sie also geplant hatten, eine spezielle Form der stablosen Magie an ihm anzuwenden, um ihm Vorteile zu verschaffen, rate ich dringend davon ab." Ein böses Lächeln glomm in den Augen des Wärters. Narcissa wurde eine Spur blasser, erwiderte jedoch betont hochmütig den Blick des Mannes, aus dessen hagerem Gesicht unverhohlene Gier leuchtete.
Lucius' Anwalt hatte sie über diese Praktik unterrichtet, die dazu diente, verbotene Magie aufzuspüren und, bei Erfolg, diese in einem nicht ungefährlichen, ausgesprochen schmerzhaften Prozeß zu zerstören. Niemals würde sie ihren Mann einem solchen Risiko aussetzen.
Der Wärter bedeutete ihm, zum Tisch hinüberzugehen. Erst anhand seiner schwerfälligen Schritte bemerkte sie, daß auch seine Füße gefesselt waren. Steif und mit einer besonderen Vorsicht ließ er sich auf dem harten Holzschemel nieder. Obgleich er zu verbergen suchte, daß ihm die Bewegung Schmerzen bereitete, konnte er sekundenlang verzerrte Brauen nicht verhindern.
„Verzeihen Sie", sagte Narcissa mit klirrender Höflichkeit, wandte sich von ihm ab und baute sich vor dem Wortführer auf. „Was geht hier vor? Wozu trägt mein Mann diese Vorrichtung? Ist es wirklich nötig, ihn komplett zu fesseln?"
Sie bebte vor kalter Wut, aber ihr Äußeres verriet nichts von dem Sturm, der in ihrem Inneren tobte.
Lucius Malfoys Blick zuckte nervös zwischen den beiden anderen Aufsehern hin und her, die amüsiert grinsten, ihre Stäbe jedoch weiterhin bereithielten.
„Ihr Mann, Mrs. Malfoy", informierte sie der Angeredete mit selbstgerechtem Lächeln, „hat sich bedauerlicherweise eine Genickverletzung zugezogen. Das Gestell dient seinem Schutz." Er schien seinen Sieg zu genießen, meisterlich darin geübt, die subtilen Zeichen von Schreck und Entsetzen auch bei äußerlich beherrschten Menschen zu erkennen. „Was Ihre zweite Frage betrifft, es entspricht den Vorschriften, die Gefangenen gefesselt einem Besuch zuzuführen. – Sie verschwenden übrigens kostbare Zeit", setzte er hämisch hinzu und überkreuzte die Arme vor der Brust.
Narcissa, bleich vor Zorn und der Angst, in die sie die Mitteilung versetzt hatte, wandte sich abrupt ab und nahm am vorgeschriebenen Ort Platz. Lucius hob bedächtig die Hände und brachte sie in die vorgeschriebene Position auf der Tischplatte – schmutzige, verschorfte Inseln auf von stetiger Nutzung blankgewetztem Holz mit abgebrochenen Nägeln und wildem Fleisch.
Gegen ihren Willen traten seiner Frau Tränen in die Augen, aber sie suchte mutig seinen Blick und legte ohne zu zögern ihre perfekt manikürten Finger über seine.
Ein Schauder durchlief ihn, als sei die zärtliche Berührung nach Monaten der Einsamkeit zuviel, als müsse er sich gegen den Impuls wehren, sie zu umklammern und an sich zu ziehen.
„Ich bin froh, daß sie dir erlaubt haben, herzukommen", sagte er seltsam förmlich in einer rauhen, unsicheren Stimme, die klang, als sei sie das Sprechen nicht mehr gewohnt. Er hätte noch unendlich mehr hinzuzufügen gehabt, aber nicht einmal das Bekenntnis, daß er sie vermißte, würde ihm ohne einen Tränenausbruch über die Lippen kommen.
Es tut mir leid, Cissy.
Seine grauen Augen forschten mit verzweifelter Intensität in ihrem schönen Gesicht. „Geht es dir gut?", fuhr er fort, leicht, als plaudere er vom Wetter. Völlig unmöglich, sich zu öffnen, wollte er keinen kompletten Zusammenbruch riskieren.
„Gewiß", erwiderte Narcissa gepreßt. Auf keinen Fall durfte sie ihn mit ihrem Kummer belasten. „Um dich sorge ich mich", gestand sie mutig. „Sie behandeln dich entsetzlich. Wie konnte es überhaupt zu einer solchen Verletzung kommen?"
Der scharfe Atemzug, mit dem er Luft in die Lungen sog, blieb ihr nicht verborgen, ebensowenig das Kräuseln der Lippen vor Schmerz. Ihr Herz krampfte sich vor Mitgefühl und Wut auf die Wärter zusammen.
„Eine Meinungsverschiedenheit", sagte Lucius mit triefendem Zynismus, der nur schlecht sein Grauen verbarg. „Ich hatte Glück." Tatsächlich waren ihm nur durch einen Zufall multiple Lähmungen erspart geblieben.
„Was macht Draco? Ich hoffe, es gibt überwiegend Gutes zu berichten", lenkte er die Konversation bestimmt um, und seine Augen flehten, sie möge mitspielen. Narcissa drückte seine Hände fester, nickte steif und lächelte gezwungen.
„Ausschließlich Gutes", stieg sie souverän auf das neue Thema ein. „Er brilliert geradezu in Verteidigung gegen die Dunklen Künste."
Ein anerkennendes Lächeln huschte über Malfoys blasses Gesicht. Auf seine Frau war Verlaß, im richtigen Moment feine Spitzen zu streuen. Allerdings war die Subtilität an die meisten Wärter vergeudet, deren grobschlächtigen Denkprozessen nur mit ungeschminkter Direktheit begegnet werden konnte. Er wagte nicht, an die einzige Ausnahme zu denken, deren Opfer er geworden war.
Lucius zog die rechte Hand unter ihrer hervor und fuhr sich fahrig über die Stirn, wie um ein plötzliches Schwindelgefühl fortzuwischen. Dabei blieben seine Finger in einigen losen Strähnen hängen. Die Hast, mit der er versuchte freizukommen, grenzte an Panik. Der ohnehin unordentliche Zopf geriet dabei vollends durcheinander, und es kostete Narcissa all ihre Selbstbeherrschung, nicht aufzuspringen und ihn tröstend in die Arme zu nehmen.
Seine Hand zitterte heftig, als er sie schwer zurück auf den Tisch legte. Die Lippen formten ein entschuldigendes Lächeln, das zur Grimasse unterdrückten Weinens geriet.
Narcissa sah ihm eindringlich in die Augen, eine stumme Bitte, ihr zu vertrauen, dann richtete sie das Wort an den ihr am nächsten stehenden Aufseher.
„Den Gefangenen widerfahren Unfälle, und sie bekommen nicht einmal die Möglichkeit zur persönlichen Hygiene", sagte sie, eisige Anklage in ihrer klaren, kalten Stimme.
Er bleckte die Zähne, eine unwillkürliche Geste, die sie abstieß und nur mehr erzürnte.
„Ma'am, unsere Insassen haben selbstverständlich Zugang zu Waschgelegenheiten", verteidigte er sich näselnd und blitzte ihr ein hinterlistiges Lächeln zu. „Aber gerade Mr. Malfoy hier –", er verlieh dem Namen eine höhnische, vielsagende Betonung, „scheint die Assistenz einer Dienerschaft empfindlich zu vermissen. Gewiß war er anderes gewohnt."
Narcissa schob so jäh den Stuhl zurück, daß das schabende Geräusch, das dabei entstand, die beiden bewaffneten Wächter aus ihrer kontemplativen Beschaulichkeit riß. Ehe sie es sich versah, richteten sich zwei Zauberstäbe drohend auf sie. Lucius am Tisch krampfte die Finger ineinander, zitternd vor Schmerz, den ihm der fruchtlose Versuch, sie aufzuhalten, eingebracht hatte.
Nicht, Cissy, du ziehst den Kürzeren!
Er wußte nicht, ob er die Worte wirklich laut ausgesprochen hatte; das Atmen fiel ihm plötzlich schwer, und eine beklemmende Schwäche in Erwartung eines schrecklichen Unglücks durchrieselte ihn.
„Bedrohen Sie mich nicht", vernahm er ihre vertraute Stimme jedoch beherrscht und selbstsicher. „Ich werde ihm selbst das Haar richten. Wagen Sie nicht, mich aufzuhalten."
Geschmeidig trat sie hinter ihn und begann in ruhiger Entschlossenheit, den Zopf zu lösen. Lucius, der vor Angst um sie wie erstarrt saß, beobachtete zu seiner Verblüffung, wie der wortführende Aufseher seinen Kollegen, die kampfbereit am Platz tänzelten, sichtlich belustigt ein Zeichen gab, sie gewähren zu lassen. Offenbar wollte er sich das unerhörte Schauspiel nicht entgehen lassen.
Narcissas schmale Finger glitten geschickt durch die schmutzigen, blonden Strähnen ihres Mannes, teilten und glätteten das einst perfekt gepflegte Haar und entwirrten mit sanfter Hartnäckigkeit verfilzte Ansätze. Läuse konnte sie zu ihrer unendlichen Erleichterung keine entdecken. Mit dem ihr eigenen Pragmatismus ignorierte sie jedoch die weißlichen Punkte, die an manchen Strähnen klebten und drängte das aufkommende Ekelgefühl in einen fernen Winkel ihres Bewußtseins. Stattdessen wanderten ihre Finger in natürlicher Selbstverständlichkeit seinen Nacken entlang, streichelten seine Haut, wo das Gestell dafür Raum ließ, verweilten einen Atemzug lang auf seinen spitz gewordenen Schultern, liebkosten zärtlich seine stoppeligen Wangen.
Er lehnte sich in ihre Berührungen, die Augen geschlossen. Zu verlockend, sich wenigstens für einige kostbare, zeitlose Augenblicke vorzustellen, er wäre daheim und nicht, seiner Freiheit beraubt, umgeben von Feinden, die nur danach trachteten, ihn zu quälen. Anzügliches Kichern der Männer schwebte an ihm vorüber, aber er mochte sich nicht so tief herablassen, den Spott auf Narcissa und sich zu beziehen.
„Was muß ich tun, damit sie aufhören, dich zu mißhandeln?", flüsterte sie, den Kopf mutig dicht zu ihm geneigt. Die weiche, makellose Haut ihrer Wange streifte für Sekundenbruchteile seine Schläfe, und Tränen schossen ihm in die Augen.
„Muggel foltern, aber hier flennen", vernahm er aus dem Hintergrund die angewiderte Stimme eines Wärters, doch weder Ärger noch Scham erreichten ihn.
Bei allen Mächten, er vermißte sie so entsetzlich! In jeder der eisigen, endlosen Nächte träumte er von ihr, sehnte sich nach ihrer nur für ihn reservierten Wärme und faszinierenden Leidenschaft, weinte zusammengekrümmt auf dem klammen Strohsack, wenn er in die trostlose, erdrückende Realität der einsamen, kalten Zelle zurückkehrte. An Tagen, an denen er sich stark genug fühlte, wenn er spürte, er würde die Gewißheit ertragen, sie noch lange nicht wiederzusehen, gehörte jeder Gedanke ihr. Dann malte er sich aus, wie sie an einem Sonntagmorgen gemeinsam ein köstliches Frühstück einnahmen, bis weit in den Nachmittag eng umschlungen auf dem Sofa saßen und die wundervolle Zweisamkeit genossen. Sie hatte es sich angewöhnt, ihm vorzulesen, und manchmal schreckte er aus Tagträumen, weil er meinte, ihre vertraute Stimme gehört zu haben.
„Lauter sprechen!", mahnte der näselnde Bariton des Oberaufsehers gereizt. Narcissa nahm zügig, aber nicht übereilt ihre Tätigkeit wieder auf. Sie teilte sein Haar sorgsam in drei Partien und begann, einen peniblen Zopf zu flechten.
Lucius holte tief Atem. Er mußte zu sich kommen, bevor sie die Frisur beendet hatte.
Gerade jetzt hätte er nichts gegen stärkere Schmerzen einzuwenden gehabt, aber es blieb bei den Stichen in der Seite, die er dem Prügelfluch eines brutalen Wärters vom Vortag verdankte und dem Druck im Rücken, den die Halskrause eher verstärkte als linderte. Sein ganzer Körper war steif und wund, die ewige Kälte und Feuchtigkeit steckte tief in den Knochen, und die periodischen Mißhandlungen durch sowohl Gefängnispersonal als auch übel gesonnene Mithäftlinge, hatten ihn zermürbt. Er verdrängte jeden Gedanken an den Vorfall, der ihn beinahe gelähmt zurückgelassen hatte, zu grauenvoll, sich an die entsetzliche Demütigung und die unmittelbaren Folgen zu erinnern.
„Ich lasse mir etwas einfallen, Lucius", versprach Narcissa, und ihre Stimme klag fest und entschlossen durch seine Abwesenheit. Zärtliche Finger wanden ein Band um den fertigen Zopf. „Niemand darf dich so behandeln."
Sie streichelte noch einmal seine Wange und setzte sich gehorsam zurück auf ihren Platz ihm gegenüber.
Lucius' Hände zitterten unaufhörlich, und seine einst so stolzen Augen schwammen in Tränen.
Ich kann nicht mehr, Cissy.
„Weißt du, wen ich neulich getroffen habe?", sagte seine Frau betont heiter und umfaßte seine Finger warm und fest. Er schüttelte wortlos den Kopf, unendlich dankbar für ihren Versuch, ihn abzulenken.
„Valentina Al-Hafedh, die Tränkemeisterin der Flamelstiftung, mit der ich gut bekannt bin", erzählte Narcissa unbefangen, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. Es schien zu funktionieren; er entspannte sich ein wenig und ließ sich von ihrer belanglosen Erwähnung zerstreuen. „Sie bastelt gerade an einer prekären Mischung, die ihr schon zweimal beinahe explodiert wäre. Stell dir vor, einer ihrer leichtsinnigen Mitarbeiter hat wohl vergessen, eine bestimmte Zutat beizufügen, die das Gebräu zeitweilig reaktionsträge macht, und als sie irgend etwas anderes hineingab, wäre fast alles hochgegangen. Sie meinte, das Schlimmste wäre die Zerstörung des brandneuen Labortraktes gewesen."
Lucius' Lippen verzogen sich zu einem unwillkürlichen Lächeln. Tränkemeister waren gemeinhin für eine gewisse Verschrobenheit bekannt. „Sie denkt praktisch", bemerkte er hastig, bevor er sich in Gedanken an Severus Snape verspinnen konnte. „Ich hätte es übrigens auch bedauert. Der Trakt wurde nämlich von unserer Spende erbaut", fügte er trocken hinzu, und das wundervolle Gefühl, sich unbefangen über alltägliche Dinge zu unterhalten, berauschte ihn sekundenlang. Die Gefahr eines Tränenausbruchs schien vorerst gebannt.
„Meine Mutter hat sich angewöhnt, die Sonntagnachmittage bei uns zu verbringen", fuhr Narcissa halb amüsiert, halb nachsichtig fort. „Sie gibt vor, mich unterhalten zu wollen, aber sie ist in dieser Hinsicht leicht zu durchschauen."
„Du könntest sie zu einem Geschäftsessen mitnehmen", schlug Lucius beinahe ein wenig heiter vor. Die Vorstellung, seine ehrwürdige Schwiegermutter an der Seite seiner Frau bei einer delikaten Verhandlung zu sehen, war so absurd, daß sie ihn mehr belustigte als erschreckte.
Narcissa wölbte eine Braue und zog die Nase gerade so viel kraus, um gepflegtes Mißfallen zu bekunden.
„Bestimmt nicht", sagte sie entschieden, aber in ihren blauen Augen leuchtete ein Lächeln. Lucius vermochte den Blick nicht von ihr zu wenden. Hatte er erst verzweifelt vermieden, sie wirklich anzusehen, um sich den Schmerz zu ersparen, sie nicht umarmen und liebkosen zu dürfen, nahm er sich jetzt die Zeit, sich ihre schöne Gestalt mit allen Details genau einzuprägen, um später, wenn sie fort war, davon zu zehren. Sie trug das Haar zu einer kunstvollen Frisur aufgesteckt, die sie gleichzeitig unnachahmlich elegant und professionell wirken ließ. An ihren Ohrläppchen schimmerten weiße Perlen. Eine passende Kette schmiegte sich um ihren Hals, ein feiner Silberstreif auf weißer Haut.
Seine Finger zuckten, als er gegen den Impuls kämpfte, die ihren zu umklammern. Er zweifelte keine Sekunde, daß man ihn gnadenlos selbst für diesen winzigen Ungehorsam strafen würde.
Narcissa streichelte tröstend über seine schmutzigen, verschorften Hände. „Ich hatte vorgestern unerwarteten Besuch", sagte sie und gab sich Mühe, ihre Stimme neutral klingen zu lassen. Ihr Mann schürzte unbestimmt die Lippen, aber sein ganzer Körper verkrampfte sich, und ihm wurde übel vor Angst.
Nicht daran denken. Es kann nicht sein.
„Lucius?", erkundigte sich Narcissa alarmiert und berührte seine Wange, ohne an das Verbot zu denken. Der derben Rüge des am nächsten stehenden Aufsehers schenkte sie mit eisigem Blick die gebührende Beachtung, bevor sie, an Lucius gewandt, besorgt flüsterte: „Hast du Schmerzen?"
Cissy. Meine Cissy. Ich werde paranoid.
„Nein." Er holte mühsam Atem. „Wer war denn da?", erkundigte er sich erzwungen interessiert, vermochte jedoch nicht zu verhindern, daß seine Stimme zitterte.
Sie hielt seinen Blick fest, verwirrt, aber bereit, nicht weiter nachzubohren, welcher Vorfall seiner seltsamen Reaktion zugrunde lag. Auchmuty, Lucius' Anwalt, würde ihr später vielleicht Auskunft geben können.
„Andromeda", sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ich fand es unerhört, daß sie es gewagt hat, ausgerechnet jetzt zu kommen."
Seit ihre älteste Schwester die Familienehre der Blacks durch die Heirat mit dem Muggel Ted Tonks besudelt hatte, war sie eine Ausgestoßene, die man verachtete und von der man nicht sprach.
„Was wollte sie?", fragte Lucius matt, schwindlig vor Erleichterung, daß es sich nur um die unwürdige Schwester seiner Frau handelte.
Narcissa winkte ab, sichtlich empört. „Mir ihre Hilfe anbieten – sie! Ich sei doch jetzt allein, und vielleicht könne sie etwas für mich tun." Sie zerbiß förmlich jedes Wort. „Dabei haben wir es doch zu einem nicht unerheblichen Anteil ihrer Tochter zu verdanken, daß du –". Sie unterbrach sich, drückte seine Hand.
Er lächelte kraftlos, unfähig, etwas anderes als völligen Gleichmut gegenüber der Schwägerin und eine müde Abscheu für die Nichte zu empfinden.
„Ich sagte ihr, ich würde die Geste schätzen, aber sie könne nicht erwarten, daß ich ihr Angebot annähme", schloß Narcissa mit eisiger Bestimmtheit. „Ich glaube nicht, daß ich mich mißverständlich ausgedrückt habe."
„Meine diplomatische, höfliche Frau", sagte Lucius anerkennend, aber alles, woran er denken konnte, war, daß dieser Besuch nicht ewig dauern würde.
„Noch fünf Minuten", schnarrte die Stimme des Oberaufsehers schadenfroh, und das wackelige Luftschloß, mit dem sich Lucius Malfoy für kurze Zeit der schrecklichen Realität entzogen hatte, stürzte mit furchtbarer Gewalt in sich zusammen. Panik und Furcht loderten in seinen Augen, versengten Narcissas Innerstes und erloschen zu einem zutiefst verstörten, hoffnungslosen Blick, der so schmerzte, als risse man ihr bei lebendigem Leib das Herz heraus.
Sie umfaßte seine Finger fester, ignorierte das leise Rasseln der Ketten und sah ihn eindringlich an.
„Ich verspreche, daß ich wiederkomme", sagte sie langsam und deutlich. „Ich lasse mir etwas einfallen, damit solche Unfälle nicht mehr vorkommen. Vertraust du mir?"
Er bedeutete ihr mit den Augen, daß er sie verstand; ein Nicken ließ das Halsgestell nicht zu.
In seinem Inneren schrie ein Chor dissonanter Stimmen, sie möge bleiben, aber um ihn herum war es totenstill. In seinen Ohren rauschte das Blut überlaut im Rhythmus seines flatternden Herzschlages.
„Verabschieden Sie sich", befahl der Wärter unwirsch. „Die Zeit ist um."
Narcissa erhob sich steif, die Augen voller Liebe auf ihren Mann gerichtet, der bleich und mühsam ihrem Beispiel folgte.
„Grüße Draco von mir", zwang er sich zu sagen. „Ich denke an ihn. Er soll nicht vergessen, wohin er gehört."
Ich liebe dich. Euch beide. Immer.
Sie nickte. Ein Lächeln erhellte ihr besorgtes, schönes Gesicht.
Sekundenlang erwog sie, die Erlaubnis für eine Umarmung zu erbitten, aber sie schwieg und streichelte ihren Mann nur mit den Augen. Weder sie noch er wären in der Lage, dies ohne bittere Tränen zu ertragen, und sie spürte, wie schwer es ihm ohnehin fiel, sich nicht der Verzweiflung hinzugeben.
„Ich liebe dich", sagte sie leise und fest, strich ein letztes Mal behutsam über seinen Arm und verfolgte starren Blickes, wie man ihn grob abführte. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, straffte sie die Gestalt und deutete hochmütig auf die zweite Tür, durch die sie selbst gekommen war.
„Wie Sie sagten", imitierte sie den Tonfall des Oberaufsehers sehr höflich und sehr kalt, „die Zeit ist um."
Narcissas Hand tastete im Dunkel apathisch nach der Feuchte auf ihren Wangen. Die Erinnerung an den Besuch hielt sie in einem tückischen Netz gefangen, die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen.
Sofort nach ihrer Rückkehr hatte sie Auchmuty eine Eule geschickt, in der sie dringend um ein Treffen ersuchte, aber sie wußte, daß selbiges keinesfalls vor dem morgigen Tag zustande kommen würde.
Trotz aller Vernunft quälte sie der Gedanke, nicht sofort etwas unternehmen zu können, das die Lage ihres Mannes besserte. Wie naiv war sie gewesen zu glauben, ausgerechnet er, ein Malfoy aus dem engsten Kreis des Dunklen Lords, würde im Gefängnis, dieser gesetzlosen Hölle, vernünftig behandelt werden? Wie bequem war es gewesen, sich selbst dieser Illusion hinzugeben, während er litt und in den spärlichen Briefen log, um sie nicht zu beunruhigen. Seine desolate Verfassung hatte sie bis aufs Mark erschüttert; nie zuvor war ihr so deutlich bewußt geworden, wie sehr er ihrer Stärke vertraute. Sie war bereit zu geben, auch wenn Ausmaß und Verantwortung gerade jetzt schwer auf ihr lasteten.
Was war nur geschehen, daß er eine so schwere Verletzung davongetragen hatte? Es stand außer Frage, daß er nicht adäquat behandelt wurde. Narcissa schauderte vor Sorge. Er hatte tapfer versucht, seine Schmerzen vor ihr zu verbergen, aber sie kannte ihn zu genau, um nicht zu spüren, wie schlecht es ihm ging. Unmöglich, sich einfach schlafen zu legen, als wäre nichts geschehen.
Entschlossen wischte sie die Tränen fort, richtete Kleid und Frisur und ging hinunter in den Salon. Noch in dieser Nacht mußte sie mit Auchmuty sprechen. Seit vielen Jahren im Dienst der Malfoys, war er es gewohnt, auch zu ungewöhnlichen Zeiten ein offenes Ohr für die Sorgen seiner Mandanten zu haben. Sie hüllte sich in ihren Wollumhang und trat beherzt in den kalten Kamin.
Grünliche Flammen loderten hoch auf, und als sie verloschen, lag der luxuriöse Salon verlassen da.
Vielen Dank an J.K. Rowling für die Erfindung dieser inspirierenden Charaktere.
Welcher Vorfall hat zu Lucius' Verletzung geführt? Weshalb ist er derart verstört?
Die Vorgeschichte, die in Kürze als zweites Kapitel hier erscheinen wird, verrät es.
Ich freue mich über Rückmeldungen. ;-)
