Hermine
wurde den ganzen restlichen Abend gefeiert und auch ansonsten war es
ein ausgelassenes, fröhliches Fest.
Mr. Lovegood und Dumbledore
strahlten um die Wette, wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen.
‚So
viele einzigartige Fotos und so ein langes, privates Interview, heute
ist einer meiner glücklichsten Tage.', dachte der eine.
'Endlich
ein Fortschritt bei Severus und die für ihn nötige Hilfe läuft
direkt vor meiner Nase herum.', der andere.
Gegen Ende des
Balles, draußen wurde es schon langsam hell, näherte sich
Dumbledore Hermine.
"Hermine, hätten sie Lust morgen früh,
ähm später, mit mir in meinen Räumen zu frühstücken? Sagen wir
so gegen zehn?"
"Gerne, Albus. Ich halte eh nichts davon, den
ganzen Tag im Bett zu vertrödeln.", lächelte Hermine.
Wenige
Stunden später, um kurz vor zehn, stand Hermine vor dem Aufgang zu
Dumbledores Privaträumen.
Ohne das sie etwas tun musste, schwang
der steinerne Wasserspeier, der seine Räume bewachte, zur Seite und
gab den Weg zur Treppe frei.
Oben wurde sie bereits von Dumbledore
erwartet.
Nach einer herzlichen Begrüßung machten sich beide
mit großem Appetit über das ausgiebige Frühstück her.
Eine
ganze Weile sprach keiner von ihnen, doch als sie satt waren und sich
entspannt in ihren Stühlen zurück lehnten, ergriff Hermine zuerst
das Wort.
„Sie wollten mit mir über Professor Snape sprechen,
Albus?"
"Ja, Hermine und ich bin froh, dass sie gewillt sind
mir zuzuhören."
Dumbledore machte eine kurze Pause und Hermine sah ihn gespannt an. Er fing mit dem aktuellen Ereignis an und erzählte ihr von Snapes momentanen Zustand.
Dann sagte er: „Bis heute Abend wusste ich nicht mehr, wie wir Professor Snape hätten helfen können. Ich habe erneut eine Bitte an sie, eine weitaus größere als vor zwei Tagen und ich wäre ihnen dankbar, wenn sie mir bis zum Ende zuhören würden."
Hermine nickte knapp. „Ihnen zuliebe gerne Albus, aber an meiner mangelnden Sympathie gegenüber Professor Snape wird sich nichts ändern."
Sie bemerkte verwundert, dass es ihr nicht gelang, ihren Worten glauben zu schenken. Aber sie hätte sich lieber von einem Werwolf beißen lassen, als zuzugeben, dass von mangelnder Sympathie kaum noch die Rede sein konnte. Noch zweimal war Professor Snape nachts Bestandteil ihrer Träume gewesen, immer in der Rolle des aufregenden Unbekannten, den sie so sehr wollte, dass ihr Herz fast zersprang.
Dumbledore lächelte so wissend, dass Hermine errötete.
"Also, Hermine, als sie gestern Abend ihr Lied
von den singenden Tränen gesungen haben, saß ich bei Professor
Snape am Bett. Wochenlang gab es nicht die kleinste Reaktion
seinerseits, aber sie hörte man bis in sein Zimmer und in dem Moment
veränderte sich sein Gesichtsausdruck und einer seiner Finger zuckt,
wenn auch beides kaum wahrnehmbar war. Dieses Lied, ja nicht nur das,
vor allem ihre Stimme, muss etwas in ihm bewegt haben.
Ich möchte
sie nun bitten, noch für einige Zeit in Hogwarts zu bleiben und
Professor Snape Gesellschaft zu leisen. Ich weiß, dass sich diese
Bitte wirklich absurd anhören muss, aber lehnen sie nicht gleich
ab."
Dumbledore schaute Hermine ernst und sehr eindringlich an.
In Hermines Augen konnte ein aufmerksamer Beobachter einen großen Zwiespalt sehen.
Am liebsten hätte sie sofort abgelehnt, zumal ihr Vertrag eine solche Auszeit auch nicht zuließ, andererseits wäre es schön auf Hogwarts zu sein, die Geborgenheit, die sie hier empfand, zu genießen. Aber Zeit bei Professor Snape zu verbringen, kam natürlich nicht in Frage. Bei dem letzten Gedanken zog sich ihr Herz zusammen. ‚Mist, dass kann doch echt nicht wahr sein, ich fühle mich so hilflos. Dabei hatte ich doch immer alles so gut im Griff. '
"Albus, nennen sie mir einen Grund, warum ich das tun sollte.", sagte Hermine eine Weile später leise.
"Sie meinen wohl einen der Gründe, die sie noch nicht kennen. Das ist nicht so einfach gesagt, Hermine. Ich glaube es wäre gut, wenn ich ihnen mehr über Professor Snape erzähle. Es ist aber unerlässlich wichtig, dass sie nichts davon weiter erzählen. Ich weiß, dass ich das nicht extra erwähnen muss, sie waren immer sehr zuverlässig und verschwiegen, aber hier geht es um das Leben eines Menschen. Würde nur eine Information nach außen dringen, es wäre das Todesurteil für Professor Snape."
Erschrocken, aber aufrichtig sah Hermine Dumbledore an. „Sie können sich auf mich verlassen.", sagte sie fest.
Dumbledore lächelte.
"Sie haben sich
sicher schon gewundert, warum ich ihm vorbehaltlos vertraue. Hermine,
er ist nicht der bösartige Tränkemeister, den alle in ihm sehen und
den er nach außen hin zeigt.
Er hatte einfach sehr viel Pech in
seinem Leben. Ich bin immer wieder von neuem erstaunt, wie mutig er
trotz allem ist. Ja, ich glaube sogar, er ist der mutigste Mensch,
den ich kenne.
Seine Kindheit war furchtbar. Seine Eltern
benutzten ihn nur als Sklaven, er musste ihnen dienen und trotzdem
schlugen und quälten sie ihn. Bis zu seinem 11. Geburtstag sah er
nie etwas anderes als das Haus, in dem er auch geboren wurde. Seine
Eltern hielten ihn von allen anderen Orten und Menschen fern. Von der
Welt wusste er nichts.
Dann kam der Tag seiner Einschulung in
Hogwarts. Nur mit Mühe und ein paar Tricks,", Dumbledore räusperte
sich, „konnte ich ihn finden und mitnehmen.
Seine so genannten
Eltern hat er nie wieder gesehen.
Er wurde dem Hause Slytherin
zugeteilt und selbst dort hatte er keinen leichten Stand.
Sein
Sozialverhalten war so gut wie gar nicht ausgeprägt und er zog sich
viel zu oft zurück.
Die anderen Kinder hänselten und hassten
ihn. Die Quälereien waren aber viel zu selbstverständlich für ihn,
als dass er sich jemandem hätte anvertrauen können.
Ich sah ihn
oft an einem versteckten Ort in der Nähe des Sees, wie er bemüht
war, seine Tränen zurückzuhalten. Später gelang es ihm auch, aber
in den ersten beiden Jahren schaffte er es noch nicht.
Ich wusste
nicht, ob ich eingreifen musste, oder ob ich die Situation für ihn
noch unerträglicher gemacht hätte.
Zum Glück beobachtete ich
ziemlich bald, wie eine gleichaltrige Schülerin aus Gryffindor ihn
dort am See fand und liebevoll einen Weg in seine verschlossene Seele
gefunden hat.
Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber sie
wurden Freunde.
Das erste Mal in seinem Leben durfte Severus Snape
Liebe, Freundschaft, Respekt und Achtung erfahren, sie hat ihn
angenommen, wie er war.
Es war keine leichte Freundschaft.
Ein
unbeliebter Junge aus Slytherin und eine der beliebtesten
Gryffindors, sie hatten es beide wahrlich nicht leicht.
Schnell
verliebte sich Severus in das Mädchen. Und Jahre später, in ihrem
7. Jahr, begann sie langsam seine Gefühle zu erwidern.
Eine
zarte Liebesgeschichte entwickelte sich zwischen den beiden.
Es
war schrecklich, als diese von einem Jungen aus Gryffindor öffentlich
gemacht wurde.
Die Anfeindungen, die die beiden ertragen mussten,
waren kaum zu ertragen."
Dumbledores Augen glänzten feucht, als er weiter sprach.
"Das Mädchen litt sehr darunter und
trennte sich von Severus. Sie brach den Kontakt völlig ab und von
jetzt auf gleich hatte er nicht nur seine einzige Freundin verloren,
sondern auch das Mädchen, welches er über alles liebte. Hermine, er
war fähig zu lieben, ohne jemals auch nur das Wort gehört zu haben.
Es kam noch schlimmer.
Nur wenige Tage später wurde bekannt,
dass dieses Mädchen einen neuen Freund hatte.
Es war der Junge
aus Gryffindor, der Severus die ganzen sieben Jahre am meisten
ärgerte und verhöhnte.
Der Junge, der das Geheimnis seiner Liebe
zu dem Mädchen lüftete.
Der Junge, der in seinen Augen Schuld
daran war, dass dieses Mädchen sich von ihm trennte.
Hermine, dieser Junge hieß James Potter und das Mädchen, welches er später auch heiratete, war Lily Potter. Die Eltern von Harry."
Dumbledore
sah Hermine an.
Diese war blass, hatte ihre Hände fest ineinander
geschlungen und konnte nur leise und betroffen zwei Worte sagen, bis
ihre Stimme versagte:
„Wie furchtbar..."
Eine Weile
schwiegen beide, bis Hermine Dumbledore bat, weiterzuerzählen.
Dieser nahm Hermines Hände beruhigend in die seinen, bevor er
fortfuhr.
"Severus kämpfte sich mühevoll durch seine
letzten Wochen in Hogwarts. Sein Zeugnis war brillant, aber sein
ohnehin verletztes Herz war zerstört.
Was dann geschah, ist
weithin bekannt. Die Todesser konnten ihn für sich gewinnen und in
seiner stummen Verzweiflung verübte er unsägliche Taten. Ich möchte
keine davon entschuldigen, es war und ist furchtbar, aber dort fand
er die Anerkennung, die er suchte und so dringend brauchte.
Anerkennung, die ihm zuvor niemand entgegenbrachte.
Schnell wurde
er die rechte Hand von Voldemort.
Eines Tages stand er
plötzlich ganz aufgelöst vor mir.
Er sagte mir, auf seine Art,
wie leid ihm alles tat und er erzählte mir, dass Voldemort
beschlossen hatte Lily, James und ihren kleinen Sohn zu töten. Er
beschwor mich, dass ich Lily beschützen müsse und das er dafür
alles tun würde.
Das die Potters dem falschen Mann
vertrauten, Peter Pettigrew, dass weißt du.
Nur Harry überlebte.
Der Sohn seiner großen Liebe und seines größten Feindes.
Trotz
das wir Lilys Leben nicht schützen konnten, hat Severus sein Wort
gehalten und bis heute alles getan, um seine furchtbaren Taten zu
sühnen.
Er hat alles getan, um Lilys Sohn zu beschützen.
Hermine, du weißt gar nicht, wie oft es Professor Snape war, der
euch drei aus allen möglichen brenzligen Situationen rettete.",
ohne es zu merken wechselte Dumbledore zu dem vertrauteren ‚du'.
Hermine merkte es auch nicht.
"Sein Hass gegen Harry war sicher nicht berechtigt, aber Harry sieht seinem Vater so ähnlich, dass er ihn ständig an diese schlimmen Zeiten erinnerte und an den Verlust und den Tod seiner großen Liebe.
Dem Orden des Phönix
hat er unterstützt wie kaum ein anderer. Sicher um sich an Voldemort
zu rächen. Aber auch, weil das Gute in ihm gesiegt hat.
Er hat
die gefährliche Aufgabe auf sich genommen für uns Voldemort
auszuspionieren. Er ist zu ihm zurückgekehrt, auf meinen Wunsch hin,
und hat dem Orden viele wichtige Informationen zugespielt. Voldemort
denkt, dass es umgekehrt ist. Das Professor Snape auf seiner Seite
steht und den Orden ausspioniert.
Er hat viele Opfer gebracht, um
diesen Eindruck glaubwürdig zu vermitteln.
Du kannst dir sicher
vorstellen, welche Dienste er für Voldemort ausführen musste. Gegen
seine Überzeugung, gegen seinen Willen und gegen alles, an das er
glaubt und für das er lebt.
Er musste Menschen stundenlang
quälen, bevor er sie tötete und musste dabei noch vergnügt wirken.
Es wurden Menschen ermordet, die er kannte und schätzte und nicht
mal dort durfte er eingreifen.
Er hat so vieles auf sich genommen,
um dem Orden zu helfen.
Hermine, wir alle stehen tief in seiner
Schuld. Ohne ihn hätte Voldemort schon weit größeres Unheil
angerichtet.
Von jeder Mission kam er verletzt wieder, da nicht
jeder ihm vertraute. So wie ihm hier auch kaum einer vertraut. Jeder
Auftrag hätte sein letzter sein können.
Seine Augen spiegelten
oft einen Schmerz wieder, dass ich mich weigerte, ihn weiter so
einzusetzen. Aber davon wollte er nichts wissen.
Mit den
Heldentaten von Professor Snape könnte man viele Bücher füllen.
Vielleicht kannst du meine Bitte jetzt verstehen.
Auch wenn
wir ihn nicht mehr als Spion einsetzen können, da er bei seiner
letzten Mission als Verräter enttarnt wurde, ist er doch für den
Orden immer noch wichtig.
Und was noch wichtiger ist, er hat es
verdient zu leben und eine ganze Menge Glück zu haben. Es wäre
schrecklich, wenn er so von dieser Welt gehen müsste."
Dumbledore
wischte eine einzelne Träne weg, die über seine Wangen lief, eine
Mühe, die sich Hermine nicht machte. Bei ihr waren es zu viele.
Das
Schicksal ihres ehemaligen Lehrers, ließ eine große Woge Mitgefühl
durch sie hindurch fließen.
Viele Minuten später, in denen beide schwiegen, sagte sie entschlossen: „Ich werde hier bleiben, Albus, und versuchen Professor Snape zu helfen. Genaueres können wir morgen besprechen, heute habe ich noch einiges zu klären."
Dumbledore lächelte. „Ich freue mich Hermine.
Danke, vielen herzlichen Dank. Ich habe nicht zu hoffen gewagt, dass
du so schnell ja sagst."
Seine gütigen Augen folgten ihr, als
sie seine Räume verließ.
