Müde schloss Hermine die Tür ihrer Garderobe hinter sich und apparierte in das nahe gelegene Hotel

Wieder einmal saß Hermine, wie so oft in der letzten Woche, an Professor Snapes Bett.
Sie hielt ein Buch in ihren Händen, aber ihr Blick schaute nachdenklich irgendwo ins Nichts.
Sie war müde von den langen Verhandlungen mit ihrem Agenten, der nicht verstehen konnte, dass sie ihre Karriere so einfach beenden wollte. Er gab erst Ruhe, als sie ihm den größten Teil ihrer Einnahmen versprach und alle Rechte an ihn abtrat, bis auf die von ‚Meine singenden Tränen'.
Zu sehr war ihr das Lied ans Herz gewachsen.
Sie sang es mehrmals täglich am Bett von Professor Snape, nur um jedes Mal glücklich festzustellen, dass er in diesen Momenten entspannter aussah.
Wenn sie nicht sang, las sie ihm aus den Büchern vor, die sie gerade auch interessierten oder sie saß schweigend bei ihm.
Inzwischen kam es ihr auch nicht mehr so seltsam vor, seine Hand in der ihren zu halten.
Die amüsierten Blicke, die Dumbledore ihr zuwarf, wenn er auf die Krankenstation kam, ignorierte sie.

‚Was zehn Tage im Leben eines Menschen alles ändern können. Ich hätte nie gedacht, dass ich Severus einmal mehr entgegenbringe als Hass. Und nun haben diese wenigen Tage gereicht, um meine Gefühle für ihn völlig zu verändern.'
Lächelnd schüttelte Hermine den Kopf. Sie machte sich nicht mehr die Mühe, ihre Gefühle, die ihr nun so klar erschienen, als sei es nie anders gewesen, zu verdrängen.

„Der Tag an dem sie dich finden ist nah.", flüsterte sie. „Bitte, Severus, finde du auch zu mir. Lass mich dir zeigen, wie schön das Leben sein kann."
Eine einsame Träne rann über Snapes Wange. Als Hermine sie sah, wischte sie die Träne atemlos, aber sehr sanft mit ihrem Finger weg und legte noch für einen Moment tröstend ihre Hand auf sein Gesicht.
Besorgt, aber auch bewundernd sah sie ihn eine ganze Weile an, bis sie seufzend das Buch mittendrin aufschlug und laut anfing zu lesen.

Ich bin ein Stern am Firmament,
Der die Welt betrachtet, die Welt verachtet,
Und in der eigenen Glut verbrennt.

Ich bin das Meer, das nächtens stürmt,
Das klagende Meer, das opferschwer
Zu alten Sünden neue türmt.

Ich bin von Eurer Welt verbannt
Vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen,
Ich bin der König ohne Land.

Ich bin die stumme Leidenschaft,
Im Haus ohne Herd, im Krieg ohne Schwert,
Und krank an meiner eignen Kraft.

Hermine hielt inne und sagte liebevoll und mit einem kleinen schmunzeln zu Snape: „Ob dieser Muggeldichter, Hermann Hesse, dich kannte? Als hätte er von dir geschrieben."

Sie legte das Buch beiseite, nahm sich vor, ihm morgen ein wenig fröhlichere Literatur mitzubringen und umschloss seine Hand mit ihren Händen.

Einige Stunden später fand Dumbledore Hermine schlafend, halb sitzend auf ihrem Stuhl, halb liegend auf Snapes Bett.

Auf der anderen Seite der Wahrnehmung konnte Snape langsam seinen Gedanken folgen und sie in verständliche Impulse umwandeln. Vieles allerdings konnte er noch nicht begreifen und auch sein Körper reagierte nicht auf seine stummen Befehle.
Immer wieder vernahm er dieselbe vertraute Stimme, mal in dem ihm bekannten paradiesischen Singsang, mal in einem wundervollen, gleichmäßigen Tonus.
Lang verloren geglaubte Gefühle erwachten erneut in ihm und erfüllten ihn gleichzeitig mit Glückseligkeit und tiefem Schmerz.
Sobald die Stimme verstummte und die Wärme, die sich über seine Hand im ganzen Körper ausbreitete verschwand, blieb er mit einem kaum aushaltbaren Schmerz allein.
Erinnerungen verfolgten ihn.
Deutlich sah er Menschen durch seine Hand sterben, bis es ihn fast zerriss.
Er konnte nicht fliehen, unaufhaltsam kamen die Gedanken und trugen ihn an grauenhafte Orte und in unfassbare Situationen.
Allein kämpfte er mit und gegen diese Erinnerungen, bis ihm der Schlaf eine Auszeit gönnte, oder er sich an der vertrauten Stimme festhalten konnte.
Sie erzählte ihm viel, aber er konnte nur manche Wörter und Sätze wie einen kostbaren Schatz verstehen und in sich bewahren.

'Lass mich dir zeigen, wie schön das Leben sein kann.'
Verzweifelt stöhnte er auf, ohne dass ein Laut nach außen drang.
‚Wie denn? Sag mir wie? Das Leben ist nicht schön. Und wenn es mal schön ist, hat diese Schönheit einen viel zu hohen Preis. Lass mich doch gehen.', schrie er, doch sein Mund blieb unbeweglich.
Eine Träne lief über sein Gesicht.
Atemlos verharrte er, als er eine sanfte Berührung spürte, die seine Träne mitnahm und sich auf sein Gesicht legte, bis es hell in ihm leuchtete.
Viel zu schnell war dieser Moment vorbei und ließ diese drohende, aber nicht mehr so bedrohliche Stille zurück.
Bevor die Erinnerungen wieder kamen, rettete ihn die Stimme erneut.