Okay, hier ist das erste richtige Kapitel. Es ist ein bisschen länger geworden als geplant und tatsächlich musste ich es aufteilen - der "Aang's Traum" ist doch weit größer geworden als ich angenommen hatte. Der taucht im ursprünglichen Script nicht auf, war für später angedacht gewesen, passt aber hier einfach besser hin.
Die Geschichte läuft mE ein bisschen "ruhig" an, wird aber noch wesentlich schneller und auch ein bisschen "episch" später, besonders dann, wenn ich mehr auf den mystischen bzw spirituellen Teil in der Welt des Avatars eingehe. Mike und Bryan haben wirklich ein super Universum da entwickelt, das muss einfach richtig eingesetzt und ausgenutzt werden. Und grad alles was den Avatar betrifft gibt es eine Menge Geheimnisse, die es zu lüften gilt, mehr sei aber an der Stelle nicht verraten.
Bitte gern um Feedback, speziell was Charaktäre angeht. Zuko ist ein bisschen OOC hier, wobei ich mal annehme, dass Zuko nach zwei Jahren härtester Diplomatie sich ein bisschen verändert hat. Aang ist dagegen nicht OOC, er hat einfach finstre / aufgewühlte Gedanken. Ehrlich gesagt gefällt mir ein nachdenklicher, erwachsenerer Aang weit besser als der "verrückte kleine Kerl" in der Show. Und da er ja hier im Kapitel 14, beinahe 15 ist bzw im größten Teil der Story 17 Jahre alt sein soll, wäre es vielleicht auch unpassend, wenn er ständig irgendwelchen Kindereien nachgeht. Für sowas ist Sokka da, der wohl nie erwachsen wird ;-)
Disclaimer: Nein, auch jetzt bin ich nicht im Besitz von Avatar ... Mike und Bryan haben da noch immer ihre Hände dran ...
A/N: Ich hab das hier nochmal überarbeitet und ein bisschen aufgeräumt, damit es etwas "lesefreundlicher" wird. Storytechnisch gesehen ist aber nichts Neues hinzugekommen.
Avatar - Der erste Luftbändiger
Buch 1 - Der Schatten
Kapitel 1 - Aang's Traum
Die Nacht war sternenklar, nur einige wenige Wolkenfetzen bedeckten ab und zu den nahezu vollen Mond. Ein alter Bauer stand am Fenster seiner ärmlichen Behausung und sah hinaus; ein seltsames Geräusch hatte ihn geweckt. "Komm wieder ins Bett, Kun." hörte er seine Frau aus der Schlafkammer rufen. Er schüttelte den Kopf. Was auch immer das Geräusch gewesen war, es hatte ihn um seinen Schlaf gebracht.
Er öffnete die Tür und ging hinaus, angenehm strich ihm der Wind über das Gesicht. Der Sommer war längst vorbei und die Ernte bereits eingeholt, doch noch waren die Nächte nicht zu kühl. Das Geräusch ertönte wieder und schien näher zu kommen; ein grollender, tiefer Laut, wie von einem großen Tier. Vielleicht war es ein Stachelwildschwein oder ein Schnabeltierbär. Beide Tiere waren nicht ungewöhnlich in dieser Gegend, aber keine Gefahr für einen erfahrenen Erdbändiger.
Der Bauer lief hinüber in die Scheune und sah hinein. Einige Wollschweine lagen auf dem Boden und schliefen, scheinbar spürten sie keine Gefahr. Er seufzte und schloss das Tor. Vielleicht war es nur eine Einbildung, nichts weiter. Als er schließlich zum Haus zurückkehrte und zum Mond aufsah, sah er einen großen Fleck, gleich einer dunklen Wolke, die sich jedoch gegen den Wind bewegte.
Appa knurrte erneut, er war müde. Seit zwei Tagen hatte Aang ihm keine richtige Pause gegönnt. Der Avatar wollte seine lange Reise endlich beenden und Ba Sing Se war nur noch eine reichliche Tagesreise entfernt. Dort würde er sein Ziel erreichen: den Jasmindrachen, ein Teehaus, dessen Besitzer Aang sehr gut kannte. Nun aber hatte Aang andere Gedanken; er schlief einen unruhigen Schlaf. Ein Traum quälte ihn regelmäßig, seit er vor zwei Jahren zuletzt auf der Hochzeit des Feuerlords auf seine alten Freunde getroffen war.
#-O-#
Der junge Avatar hatte, nachdem er ein Dorf vor marodierten ehemaligen Soldaten der Feuernation gerettet hatte, erfahren, dass Feuerlord Zuko endlich Mai heiraten würde. Auch wenn er seine Reise nicht längere Zeit unterbrechen wollte, konnte er sich doch einige Tage Ruhe leisten und die Palaststadt war nur zwei Tagesflüge entfernt - also entschied er sich, seinen alten Freund zu besuchen.
Nach einem ereignislosen Flug erreichte er die Palaststadt. Nachdem bekannt geworden war, dass der Avatar persönlich eingetroffen war, hatte Zuko es sich nicht nehmen lassen, seinen Thronsaal zu verlassen und Aang zu begrüßen. Respektvoll verneigte er sich vor dem Avatar, bevor er ihn umarmte. "Aang, es tut gut, dich wiederzusehen. Hat dich meine Einladung erreicht?"
Aang schüttelte den Kopf: "Nein, leider nicht. Durch Zufall ..." Zuko ließ ihn nicht aussprechen. "Du bist da, das allein zählt. Komm, ich möchte dir deinen Raum zeigen." Der Avatar folgte ihm, vorbei an den Wachen, einen langen Gang entlang, bis der Feuerlord vor einer Tür mit dem Zeichen des Avatars stehen blieb. "Hier ist es."
Aang verneigte sich und öffnete die Tür. Der Raum war genau so eingerichtet, wie er es bevorzugte: spartanisch, mit einem einfachen Bett und einem Platz zum Meditieren. Mehrere Kerzen erhellten den Raum, ein kleines Regal enthielt mehrere Bücher. An der Wand unterhalb des schmalen Fensters stand ein niedriger Tisch mit einem Spielfeld für Pai Sho und einem kompletten Satz Spielsteine.
Er drehte sich um und dankte Zuko. Doch bevor der Feuerlord den Avatar allein ließ, hatte er noch eine Bitte: "Morgen ist der große Tag. Aang, ich würde mich geehrt fühlen, wenn du unsere Verbindung segnen würdest." Der Luftbändiger lächelte und nickte und Zuko verließ den Raum.
Als der Tag alt wurde, entschied Aang, noch ein wenig zu spazieren. Er lief über den Hof, aus dem Tor hinaus, bis zu einem kleinen Park unweit des Palastes. Dort setzte er sich ins Gras und sah in einen kleinen Teich. Seit zwei Jahren sah er zum ersten Mal sein Spiegelbild wieder und war überrascht, wieviel älter er geworden war: das Gesicht war kantiger geworden, die kindlichen Formen verschwanden allmählich. Hier saß nicht mehr der zwölfjährige, lustige kleine Kerl, der er war, als er aus dem Eisberg gerettet worden war. Nein, hier saß jemand, der vor seiner Zeit erwachsen werden musste, der bereits jetzt mehr Tod und Leid gesehen hatte, als mancher Soldat in seiner ganzen Dienstzeit. Und trotzdem leuchteten die Augen, unbefleckt von all dem Horror des Krieges. Er war noch immer er selbst.
Langsam schloss Aang die Augen und begann mit der Meditation. Seine Gedanken waren ruhig und beherrscht. Vor seinem inneren Auge sah er, was er die vergangenen Monate erlebt hat, welche Entscheidungen er getroffen hatte, welchen Menschen er begegnet war. Noch immer suchte er eine Antwort, warum er allein auf die lange Reise gegangen war, die noch lange andauern würde. Warum hatte er die Gruppe aufgelöst, nicht den Mut gefunden, sie zu fragen? "Katara". Der Name tauchte ebenso plötzlich auf wie das Gefühl von Schmerz. Er wusste, er hatte sie verletzt. Er wusste, er hatte ihren wichtigsten Tag verpasst, als sie nach den Sitten und Gebräuchen ihres Stammes erwachsen wurde, als sie ihren sechzehnten Geburtstag feierte. Und er war wütend auf sich selbst, weil er nicht den Mut aufgebracht hatte, wenigstens nach Ende der Mission, die ihn von dem Besuch abgehalten hatte, sie zu besuchen.
Er hatte auch keine Briefe mehr geschrieben. Irgendwann hatte Aang angefangen, sie zu vergessen: ihr Gesicht, ihre Berührungen, ihr Lachen. Aber jetzt waren die Erinnerungen zurück, genauso klar, als ob er sie erst vor wenigen Stunden zuletzt gesehen hatte, nicht vor zwei Jahren.
Katara würde morgen zusammen mit ihrem Bruder sicher ebenfalls der Zeremonie beiwohnen. Und Aang fürchtete sich davor; in seinem Kopf entwickelte sich ein kleiner Streit.
"Was Katara wohl denkt, wenn sie dich wiedersieht?"
"Sie wird glücklich sein, mich zu sehen."
"Nein. Sie wird dich dafür hassen, für das, was du ihr angetan hast."
"Was habe ich ihr angetan?"
"Du hast ihr nicht geschrieben, du hast sie nicht besucht. Du hast sie ignoriert."
"Aber morgen werde ich sie wiedersehen, mich bei ihr entschuldigen."
"Wenn du nicht vor ihr wegläufst. So wie du es die vergangenen zwei Jahre getan hast."
"Sie wird mir verzeihen."
"Kannst du dir verzeihen?"
"Ich muss. Oder ich werde wieder vor ihr davonlaufen."
Als Aang wieder aus seiner Meditation erwachte und aufblickte, sah er, wie die Sonne langsam über den Horizont stieg und langsam die Palaststadt erwachte - die ganze Nacht hatte er hier gesessen und nachgedacht.
Die ersten Gäste des Feuerlords trafen ein. Irgendwie war Aang erleichtert, als er sah, dass Sokka und Katara noch nicht unter ihnen waren, es gab ihm Zeit, sich vorzubereiten, seine Gedanken zu ordnen. Doch gleichzeitig war er enttäuscht. Je eher er die beiden wiedersah, desto eher konnte er ihr begegnen, sich entschuldigen und seine Furcht besiegen.
"Avatar Aang? Feuerlord Zuko lässt euch ausrichten, er erwarte euch in seinen Gemächern." Ein Diener war herbeigelaufen und hatte den Luftbändiger aus seinen Gedanken gerissen, er sah auf und nickte. Er folgte dem Diener zurück zum Palast, vorbei an den Gästen und Wachen. Feuerlord Zuko erwartete Aang bereits und nickte respektvoll.
In seinem Raum war ein einfacher Tisch gedeckt worden, zwei einfache, fleischlose Mahlzeiten und ein Krug mit Wasser waren aufgetischt. Selbst als Feuerlord verweigerte sich Zuko unnötigen Luxus, die Zeiten als verbannter Prinz und speziell jene Monate in Ba Sing Se hatten ihn verändert. Demut und Bescheidenheit hatten ihn geformt, zu einem besseren Menschen gemacht, als es seine Vorväter jemals gewesen waren.
Aang setzte sich nach Zuko an den Tisch, hob das Glas mit klarem Wasser und grinste ihn an - frei jeder Förmlichkeit: hier saßen nicht der Feuerlord und der Avatar, sondern zwei alte Freunde.
Sie unterhielten sich über die Zeit vor dem Ende des Krieges, als sie noch getrennte Pfade begingen; als noch Zuko verbannt und von der Idee besessen war, den Avatar zu finden. Das Schicksal hatte ihn schließlich aus einen ganz anderen Pfad geschickt, als er geglaubt hatte: am Ende waren sie Verbündete, die einander brauchten, um den Feuerlord zu besiegen und den Frieden wiederherzustellen.
Irgendwann kamen sie auf das Thema zu sprechen, das Aang am wenigsten behagte.
"Was ist mit dir und Katara?" fragte Zuko. Aang sah zur Seite. "Nichts. Wir haben uns in den letzten zwei Jahren nicht mehr gesehen." Er nahm sein Glas und trank einen Schluck.
"Nun, ich hatte angenommen, ihr würdet zusammen reisen. Ihr schient so glücklich zusammen zu sein."
"Zuko ... ich weiß nicht, warum ich sie damals nicht gefragt habe, mit mir zu kommen. Vielleicht wollte ich, dass sie glücklich wird, bei ihrer Familie leben kann. Ich bin der Avatar, ich habe den Luxus eines ruhigen Lebens nicht." Er klang bedauernd, unzufrieden mit der Entscheidung.
Der Feuerlord nickte. "Wir beide haben Pflichten, du und ich. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, Mai den Antrag zu stellen."
"Du bist aber hier, bei ihr. Ich dagegen reise jeden Tag von einem Ort zum anderen. Wo die Menschen meine Hilfe brauchen, bin ich da." Aang versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen, es gelang ihm nicht.
"Aang, du bist der Welt verpflichtet, aber die Welt wird es sicher verstehen, wenn du auch einmal nicht selbstlos sein kannst. Du musst dich nicht zwischen ihr und Katara entscheiden."
"Es ist nicht so einfach, Zuko." Der junge Luftbändiger hoffte, Zuko würde es damit belassen, und für einen kurzen Moment herrschte auch eine unbehagliche Stille. Ohne es sich bewusst zu sein, brach Aang das Schweigen, als er leise zu sich sprach: "Es war nie einfach ... und ... sie wird mir nicht verzeihen."
Nie zuvor hatte er sich so verlegen gefühlt: es schien, als ob seine Gefühle ein offenes Buch waren. Nicht einmal die mentalen Übungen der Mönche hatten ihn auf das vorbereiten können, was ihn schon seit Monaten quälte.
"Was verzeihen?" fragte Zuko; Aang schüttelte den Kopf: "Es ist kompliziert. Nein. Sie kann mir nicht verzeihen, was ich getan habe."
"Ich verstehe." Zuko fühlte sich peinlich berührt. Hatte Aang seine Beziehung mit Katara beendet, auf seiner langen Reise eine andere gefunden?
"Nein, das verstehst du nicht. Ich habe ihren wichtigsten Tag verpasst. Ich war nicht da, als sie sechzehn wurde, als sie mich brauchte. Ich habe mein Versprechen gebrochen, ihr an jenem Tage das zu geben, was sie am meisten wünscht."
Aang holte ein kleines rotes Kästchen hervor und öffnete es; das Verlobungshalsband, welches er für sie angefertigt hatte, lag darin. Das Band war blau, durchwirkt mit silbrigen Streifen, die den Wind auf dem Meer symbolisierten, daran befestigt war das Medaillon von überraschend einfacher Schönheit. Es war das Symbol des Avatars, verändert, um die Beziehung zwischen ihm und Katara zu zeigen: die eine Hälfte zeigte das Symbol des südlichen Wasserstammes, die andere Hälfte die der Luftnomaden.
"Dann gib es ihr heute, Aang. Sie wird dir vergeben. Mai hat mir auch vergeben, was ich ihr angetan habe: als ich sie verlassen habe, um mich dir anzuschließen, und als ich sie ein weiteres Mal zurückließ bei der Flucht aus dem Gefängnis." Die Worte schienen Aang etwas zu beruhigen, er wirkte weniger angespannt, stellte Zuko fest. Aang schloss das Kästchen und steckte es wieder unter seine Robe.
Die Tür öffnete sich und ein Bediensteter schaute hinein: "Die Gäste vom südlichen Wasserstamm sind eingetroffen, Feuerlord Zuko."
"Gut. Wartet hier." Zuko stellte das Glas ab und stand auf und Aang folgte seinem Beispiel. Der Luftbändiger war sich noch immer unsicher, ob er Katara wiedersehen konnte, sein schlechtes Gewissen plagte ihn. Aber er musste es versuchen, oder er würde nie mehr die Chance dazu erhalten.
"Aang, würdest du sie in Empfang nehmen? Die Regierungsgeschäfte erledigen sich leider nicht von allein. Und Mai möchte schließlich nicht, dass die Diplomaten die Hochzeit stürmen, weil ich sie zu lange hab warten lassen." Zuko grinste schief. Er mochte Diplomatie nicht besonders, es war ein schwieriges Geschäft. Der Krieg war zwar vorbei, doch der Frieden musste noch immer aufwendig wiederhergestellt werden: Die Kolonien im Erdkönigreich mussten aufgelöst werden, Reparationszahlungen waren zu leisten. Und zu allem Überfluss hatten sich drei seiner Generäle losgesagt und hatten mit ihren Armeen Teile des westlichen Erdkönigreiches besetzt, ein Bürgerkrieg drohte. Aber heute war es nicht Zeit für zu finstere Gedanken.
Der junge Avatar nickte.
Zwei Bedienste begleiteten Aang hinaus auf den großen Hof, vorbei an neugierig schauenden Gästen. Das Tor stand offen und eine Gruppe Menschen stand davor. Einige davon trugen die traditionell blauen Kleider des südlichen Wasserstammes: Hakoda, gefolgt von Sokka, Katara und einem unbekannten jungen Mann, der ungewöhnlich nah bei Katara stand. Dahinter folgten noch zwei weitere Angehörige des Stammes, Meister Pakku und seine Frau Kana.
"Aang!" Sokka grinste und trat auf den jungen Luftbändiger zu. "Schön, dich wiederzusehen. Du bist ganz schön gewachsen!" Er grüßte Aang nach Art der Wasserstämme und drückte ihn anschließend. "Kann es kaum erwarten, deine Geschichte zu hören." Aang lächelte glücklich, die Familie war wieder vereint. Hakoda verneigte sich respektvoll vor ihm, bevor auch er ihm den Handschlag anbot. Der alte Meister des Wasserbändigens, Pakku, zeigte ein schmales, respektvolles Lächeln, sein alter Schüler hatte ihn übertroffen: er war nun der Avatar. Seine Frau aber hielt sich weniger zurück und umarmte Aang. "Kaum zu glauben, dass du es geschafft hast. Du hast uns Hoffnung gegeben und dein Schicksal erfüllt." sagte sie glücklich. Ihre weisen Worte, die sie ihren Enkeln vor drei Jahren auf den Weg gegeben hatten, hatten sich als Prophezeiung erwiesen. Hoffnung und Schicksal hatten den Krieg beendet.
Katara trat auf ihn zu und umarmte Aang, doch irgendetwas war anders. Sie wirkte reserviert, nicht wütend, traurig oder abgelenkt - nur distanziert. Als ob die Gefühle, die sie vor zwei Jahren für ihn hatte, nicht mehr vorhanden waren. "Hallo Aang." Auch ihre Stimme klang anders, weniger voll, weniger angefüllt mit Freude.
Es war, als ob sie einen fernen Verwandten begrüßt hätte, nicht ihren engen Freund. Und Aang begriff. Der junge Mann, der hinter ihr stand und einen etwas ungeduldigen Gesichtsausdruck zur Schau trug, war nicht einfach irgendein Junge vom Wasserstamm. Er war mehr als das, er hatte Aang als Katara's Freund ersetzt. Sie schaute nicht in Aang's Augen, wich ihm aus, als sie leise die Worte formulierte, die seine Vermutungen bestätigen sollten: "Das hier ist mein Freund Chang."
Er schloss die Augen, ordnete seine aufgewühlten Gedanken. Es gelang ihm, einen höflichen Gesichtsausdruck zu bewahren, als er Chang die Hand gab. Der junge Mann nickte. "Du bist also Avatar Aang. Sie hat keinen Tag nicht von dir geredet. Naja, aber das ist ja nun Vergangenheit." Aang zog die Brauen zusammen, sagte jedoch nichts. Er nickte knapp und trat vor die Gruppe: "Feuerlord Zuko hat mich gebeten, euch in eure Gemächer zu führen." Einfach, formell und neutral. Er wollte sich nicht die Blöße geben und Chang schlagen, aber es fiel im schwer.
Während er vor der Gruppe lief und sie zum Palast führte, spürte er, wie seine Gedanken anfingen, zu rasen.
"Sie hat dir nicht nur nicht vergeben. Sie hat dir ein Messer in die Brust gejagt."
"Ich hätte zurückkehren sollen, ich hätte ihren Geburtstag nicht verpassen dürfen."
"Hätte es etwas geändert?"
"Vielleicht."
"Kannst du dir sicher sein? Hast du nicht ihr Herz bereits gebrochen, als du sie am Südpol zurückgelassen hast? Als du deine Reise begonnen hast, ohne sie?"
"Ich weiß es nicht."
"Eintausend Lebensalter hast du an Weisheit. Und doch weißt du nicht, was Katara empfand?"
"Sie liebt nicht den Avatar mit seiner Weisheit. Sie liebt mich, Aang."
"Finde heraus, ob sie noch immer etwas für dich empfindet."
"Wie?"
"Frag sie."
"Wann? Es ist jetzt nicht die richtige Zeit!"
"Heute abend. Frag sie, ob sie mit dir tanzen will. Finde heraus, was sie empfindet."
Die große Tür zum Palast öffnete sich und Aang führte die Gruppe hinein. Der Gang war lang und endete an einer Kreuzung. Auf der linken Seite befanden sich die Gemächer der königlichen Familie als auch jenes des Avatars. Vor ihnen war offener Durchgang, nur mit einem schweren Vorhang verschlossen; dahinter lag der Thronsaal. Auf der rechten Seite aber befanden sich die Quartiere der persönlichen Gäste des Feuerlords. Aang zeigte die Quartiere, ein jedes war für zwei reserviert. Sokka und sein Vater teilten sich eins, ebenso Pakku und Kana. Die letzten beiden waren für Katara und Chang gedacht. Der junge Avatar war etwas erleichtert: immerhin schliefen die beiden getrennt, damit bestand noch Hoffnung, dass er noch Katara erreichen konnte. Sie mochte vielleicht entäuscht und verletzt gewesen sein, dass Aang sie nicht besucht hatte. Aber sie hatte sich noch nicht an ihren neuen Freund gebunden. Sie trug nicht einmal mehr ihr Halsband.
Später am Tag, es war noch lange nicht Abend, aber die Sonne hatte ihren Zenit überschritten, zog sich Aang zurück. Toph und ihre Familie waren noch nicht eingetroffen, obwohl er sicher war, dass auch sie Einladungen erhalten hatten. Immerhin waren die Bei Fongs die einflussreichste Familie im Erdkönigreich und Toph war eines der Mitglieder der Gruppe um den Avatar.
Er saß vor seinem Meditationstisch und versuchte nachzudenken. Aber es gelang ihm nicht. Gefühle beherrschten seine Gedanken. Nur ab und zu blitzte ein einzelnes Wort auf, meistens ein Name: "Katara". Immer dann, wenn er an sie dachte, schien eine neue Woge von Gefühlen über ihn hereinzubrechen; Eifersucht schien vorzuherrschen.
Aang bemerkte nicht, dass sich die Tür öffnete, und jemand in seine Raum trat. "Aang?"
Er schreckte aus seiner Meditation auf und drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam. Sokka. Der junge Krieger des Wasserstammes bemerkte Aang's Gesichtsausdruck und wirkte besorgt. "Stimmt was nicht?"
"Nein, alles in Ordnung. Alles großartig." Aang gab sich keine Mühe, den Sarkasmus zu verbergen.
"Soll ich dich lieber allein lassen?"
"Ja ... nein ... Ich weiß es nicht." Der Luftbändiger atmete tief ein. Vielleicht konnte Sokka ihm helfen, Katara zu verstehen. "Seit wann ... seit wann ist sie mit diesem Chang zusammen?"
Sokka setzte sich neben ihn: "Ein paar Monate, ich weiß es nicht genau."
"Weißt du, warum? Warum sie mit ihm zusammen ist?"
"Keine Ahnung. Sie verrät mir ja auch nicht alles, Aang."
Aang atmete resigniert aus. "Ich kann's mir denken. Ihr Geburtstag letztes Jahr, ich war nicht da."
"Wie gesagt, ich weiß es nicht. Aber sie war ziemlich enttäuscht, dass du nicht gekommen warst. Ehrlich gesagt, habe ich sie nicht mehr so traurig erlebt, seit Mutter gestorben ist."
Eine unbehagliche Stille breitete sich aus. In seinen Ohren hörte Aang sein eigenes Herz schlagen, jeder Atemzug schien einem kleinen Orkan gleich.
"Ich wollte es nie sein." murmelte er.
Der junge Krieger zog fragend seine Augenbrauen hoch.
"Der Avatar. Ich wollte nie der Avatar sein. Und jetzt wünschte ich, ich wäre es nicht gewesen, dann hätte ich Katara nicht verletzt. Ich konnte nicht zu ihrem Geburtstag kommen ... meine Pflichten als Avatar haben es verhindert."
"Aang, wärst du nicht der Avatar, würdest du heute hier nicht sein. Du wärst gefallen, zusammen mit all den anderen Luftnomaden, vor einhundert Jahren. Du wärst nicht im Eisberg gefangen gewesen, du wärst nicht von uns befreit worden und du hättest den Krieg nicht beendet. Du bist was du bist. Du bist der Avatar. Und Katara war stolz auf dich, sie ist es immer noch." Sokka versuchte, den jungen Luftbändiger aufzumuntern, aber scheiterte; Aang's Mine verfinsterte sich.
"Du verstehst nicht, in welchem Konflikt ich mich befand und immer noch befinde, Sokka!" herrschte er den Krieger an, doch sofort schämte er sich dafür. "Es tut mir leid. Es ist nur ... ich hab Katara verletzt, und jetzt ist sie fort. Vielleicht ist es besser so, vielleicht braucht sie jemanden, der für sie da ist ..." Aang's Stimme brach ab. Sokka sah ihn mitfühlend an, immerhin war Aang sein bester Freund. Und noch bevor sie sich getrennt hatten vor zwei Jahren, hatte Sokka gehofft, Aang würde auch seiner Schwester ein guter Freund sein. Mehr als das. Er schien derjenige zu sein, der Katara glücklich machen konnte, der ihr Hoffnung gab. Wenn es jemanden gab, den sich der junge Krieger für seine Schwester vorstellen konnte, dann war es Aang.
"Ich weiß nicht, ob es dir hilft, Aang. Aber ich kann diesen Chang nicht leiden. Eitler Snob vom nördlichen Wasserstamm. Er erinnert mich an Hahn. Du erinnerst dich an diesen Trottel? War mit Yue verlobt." Sokka biss die Zähne zusammen. Noch immer schmerzte ihn die Erinnerung an Yue, die ihr Leben gab, um den Mondgeist wiederzubeleben. Er hatte sie geliebt, doch nun war sie nicht mehr als ein Schatten in seinen Erinnerungen. Suki hatte nur die Leere in seinem Herzen ausfüllen können, den Schmerz des Verlustes hatte sie jedoch nicht besiegt.
"Sokka, du bist ein wahrer Freund ..." brachte Aang hervor. Noch hielt er seine Tränen zurück, aber es schien, als ob er diesen Kampf verlieren würde.
"Aang, mach dir keinen Kopf. Dieser Chan wird bestimmt nicht um Katara's Hand anhalten. Läge ihm etwas an ihr, hätte er sie schon längst gefragt."
"Das weißt du nicht. Mir ist Katara wichtiger als alles andere, wichtiger, als meine Pflicht als Avatar. Und trotzdem war ich nicht da, hab ihr das nicht gegeben." Aang hatte wieder das kleine Kästchen aus seiner Robe hervorgeholt und berührte das Halsband, welches darin lag. "Das werd' ich wohl nicht mehr brauchen. Sokka ... geh jetzt ... bitte."
Der junge Krieger stand auf, wollte noch etwas sagen, aber der Gesichtsausdruck des Avatars sprach eine nur zu deutliche Sprache. Er wollte nun allein sein, allein mit seinen Selbstvorwürfen, seinen Gefühlen und seinem Selbstmitleid. Eines ist sicher, dachte Sokka, von dem verrückten kleinen Kerl ist nichts mehr übrig geblieben.
Er schloss die Tür hinter sich und bemerkte, dass seine Schwester davor stand. Er sah sie kurz an, wortlos teilte er ihr mit, was Aang in diesem Moment eben empfand. Sie verstand, sah ihrem Bruder nach, als dieser davoneilte. Sie wusste nicht, ob sie es wagen sollte. Sie wusste nicht, ob sie Aang jetzt in dieser Stunde besuchen, in seine innersten Kreise vordringen durfte. Katara wusste, er war nun verwundbar, seine größte Wunde hatte nicht Azula und nicht der Feuerlord ihm beigebracht, sondern sie. Aber sie wusste, sie hatte kaum eine Wahl gehabt; er hatte sie lange verletzt, als er nicht an jenem Tage zurückgekehrt war, als sie ihn am meisten gebraucht hatte. Und irgendwann war sie des Wartens überdrüssig geworden, hatte sie schließlich ihre Verbindung mit ihm gelöst. Chang war nun für sie da, längst nicht perfekt wie Aang, er war nicht einmal ein Wasserbändiger. Aber er hatte ihr seine Schulter angeboten, hatte sie weinen lassen und sie getröstet. Und irgendwann hatte sie sich für ihn entschieden und Aang aus ihren Gedanken ziehen lassen.
Zumindest hatte sie das geglaubt. Jetzt, da sie ihn wiedergesehen hatte, waren die alten Gefühle erneut an die Oberfläche gekommen, jede Sekunde schienen sie stärker zu werden. Und das Gefühl, dass nur er für sie bestimmt war, schien das stärkste von allen zu sein. Sie konnte förmlich Aang's Herzschlag spüren, obwohl die Tür sie trennte. Katara atmete tief ein und öffnete die Tür.
Doch Aang war nicht hier. Der Raum war leer, lediglich die Kerzen brannten. In einer Ecke lag ein kleiner Haufen Steine - er hatte sich mit Erdbändigen entzogen, war weggelaufen. Er floh, nicht aus Angst, sondern vor ihr. Er floh vor seinen Gefühlen.
Katara stand da, fiel auf die Knie und ließ ihren Gefühlen freien Lauf.
#-O-#
Aang wachte schweißgebadet auf. Der Traum war so real gewesen, so wie eine frische Erinnerung. Doch all das lag nun schon zwei Jahre in der Vergangenheit. Kleinste Details, Gerüche, Farben, alles schien sich perfekt in sein Gehirn eingeprägt zu haben. Am tiefsten hatte sich aber das Gefühl von Scham eingegraben. Er war wieder geflohen, wieder hatte er sich für den Weg des Luftbändigers entschieden, einen Konflikt vermieden, statt ihn wie ein Erdbändiger zu suchen. Aber nicht nur das beschämte ihn: er hatte auch Zuko's Ehe nicht mehr gesegnet. Sofort nachdem Sokka seinen Raum verlassen hatte, hatte Aang, ohne groß nachzudenken, einfach die Wand per Erdbändigen geöffnet, war hinausgesprungen und hatte sich mit Appa davongestohlen.
Danach war er tagelang umhergereist, tauchte hier und dort auf, half beim Wiederaufbau zerstörter Gebäude, schlichtete Konflikte. Aang tat alles, um seine Gefühle zu betäuben, denn er floh vor ihnen.
Aber es half nichts. Wenn er nicht von jenen Ereignissen an Zuko's großem Tag dachte, sah er in irgendeinem seiner Träume Katara, die sich verletzt von ihm abwand und Chang umarmte. Die Ungewissheit nagte an ihm, aber Aang fand nicht den Mut, seine Reise abzubrechen, Katara zu besuchen und den Konflikt zu lösen. Statt dessen fraß er alles in sich hinein, versteckte die Gefühle so gut es ging hinter einer Mauer aus Selbstkontrolle.
Jetzt aber neigte sich seine Reise dem Ende entgegen, Ba Sing Se war nah. Die letzte Etappe seiner Reise war das Teehaus "Jasmindrachen", wo er Iroh besuchen wollte. Der ehemalige General und Thronanwärter hatte stets ein offenes Ohr für die Sorgen anderer und er würde auch Aang seinen Rat nicht verwehren.
Appa knurrte müde, es war Zeit. Die Nacht war zwar noch nicht ganz zu Ende gegangen und er hatte vorgehabt, die ganze Strecke bis nach Ba Sing Se ohne größere Pause zu fliegen. Aber der große Bison war nun einmal müde, und Aang wollte ihm nicht mehr zumuten, als er ertragen konnte.
Eine kleine Lichtung erschien ihm ein geeigneter Landeplatz zu sein. Appa setzte etwas holpriger auf als sonst und fiel fast sofort in tiefen Schlaf. Aang sprach herab und setzte sich auf den Boden, das saftige, grüne Gras fühlte sich gut an.
Die Bäume rauschten leise und Vögel zwitscherten, Wind strich über seinen Kopf. Friedlicher hätte dieser Platz kaum sein können, und doch befanden sich Aang's Gedanken noch immer in Aufruhr. Selbst die Meditation würde kaum Linderung versprechen.
"Ich wollte nie der Avatar sein ..."
