A/N: Okay, hier ist es: Kapitel 2. Viel Spaß damit - es war ein problematisch zu schreiben, zum einen, weil ich eine Schreibblockade hatte, zum anderen, weil ich insgesamt dreimal das Kapitel schreiben musste. Die jetzige Fassung funktioniert am Besten.

Ich war ein bisschen überrascht, dass es hier tatsächlich Feedback gibt - Danke j.m.Hamlet. Ob ich die Fanfic auch auf der von dir genannten Site veröffentliche, weiß ich noch nicht, vielleicht etwas später, wenn ich die ersten fünf Kapitel zusammen habe, weil gewissermaßen die ersten doch als "Vorgeschichte" gelten könnten. Es kommt erstmal das ganze Hintergrundwissen zusammen, damit die Geschichte überhaupt funktioniert.

Ahja, danke zum Thema "Kalender": der ist zwar nicht 100 canon (Öhm - ich sag nur "Bibliothek" und "Planetarium"), aber sollte soweit Sinn macgeb. Ich möchte einfach etwas Hintergrundwissen zum Avatar-Universum liefern, und das soll so authentisch wie möglich sein ;-) - und der Kalender hilft mir. Zum Beispiel hab ich auch die Geburtstage unserer Charaktäre mit eingebaut und begonnen, eine Zeitleiste für die Events in meiner Geschichte anzufertigen. Sollte also zufälligerweise einer der Geburtstage innerhalb meiner Geschichte stattfinden, kann ich das sogar einbauen. Naja.

Soviel sei schonmal verraten: Aang hat meiner Meinung nach ziemlich genau nach den Ereignissen von "Sozin's Comet" Geburtstag, ist auch 13 am Ende der Geschichte. Der Komet kommt Ende des Sommers und Luftbändiger werden bevorzugt im Herbst geboren. Damit hab ich Aang's Geburtstag auf den 22. September gelegt, also technisch gesehen einen Tag nach dem Kometen, aber ca 2, 3 Monate vor Ende der Serie selbst. Der Epilog findet ja etwas später statt.

Die Geschichte spielt etwa 4 Jahre nach Ende des Krieges, Aang ist aber bereits 17, d.h. sein Geburtstag ist bereits vorbei. Ich hab keine Ahnung, WIE lang die Geschichte dauern wird, aber sollte sie zufälligerweise ein ganzes Jahr abdecken, wird Aang auch Geburtstag feiern :-)

Disclaimer: Nein, Avatar ist nach wie vor nicht in meinem Besitz.


Avatar - Der erste Luftbändiger

Buch 1 - Der Schatten

Kapitel 2 - Späte Erkenntnis

"Ich wollte nie der Avatar sein ..."

Die Worte tauchten immer wieder in seinen Gedanken auf. Aang hatte sich daran gewöhnt, dass, wann immer er eine schwere Entscheidung zu treffen hatte, er auch mit seinem Schicksal haderte. Der Guru hatte ihm geraten zu akzeptieren, wer und was er sei. Und Aang hatte genickt, er hatte akzeptiert und dadurch eines der Chakren öffnen können. Trotzdem - an manchen Tagen war er unglücklich, dass er die Bürde des Avatars tragen musste und kein normales Leben führen durfte. Manchmal erschien ihm die Last einfach zu schwer, unerträglich, selbst jetzt noch, nachdem der Krieg längst vorbei war.

Die vergangenen Jahre hatten ihm eine Welt gezeigt, die zerrissener kaum sein konnte. Die Zeit nach dem Krieg war hart, der Frieden schien ferner denn je zu sein. An manchen Orten der Welt brachen kleine Konflikte aus, die sich schnell zu Größeren vereinigten konnten: Loyalisten des alten Feuerlords und Milizen aus den Kolonien der Feuernation, die eigentlich längst hätten aufgelöst oder in das Erdkönigreich überführt werden müssen, bildeten paramilitärische Splittergruppen. Die meisten davon hatten sich dem Schutz der Kolonien verschrieben, andere dagegen hatten sich aufgemacht, Land zu erobern. Der alte Feuerlord mochte zwar im Gefängnis verrotten, doch ihre Loyalität war ungebrochen, denn sie hofften, Ozai würde sich eines Tages tatsächlich wie der Phönix aus der Asche erheben und die Feuernation wieder führen. Und sie für ihre Treue belohnen.

Aang hatte in den vergangenen vier Jahren alles getan, um diese Konflikte zu beseitigen. In vielen Fällen war ihm dies gelungen, sein Verhandlungsgeschick stand seinem Bändigen in nichts nach. Doch nicht immer hatte er die Krisen friedlich lösen können. Mehrmals musste er mit Truppen des Erdkönigreiches anrücken und Rebellen aus besetzten Dörfern vertreiben. Mehrmals hatte er gegen seinen Glauben handeln und Leben beenden müssen. All dies belastete sein Gewissen und gab seiner Vermutung Nahrung, er sei der Avatar mit der schwersten Prüfung.

"Ich wollte nie der Avatar sein."
"Ich wollte nie der Avatar sein, und doch bin ich es."

Die Welt brauchte ihn. Nur Aang besaß die Macht, das Schicksal der Welt aktiv zu formen, dies war seine Aufgabe, seine Bürde, aber auch seine Stärke. Und nun war es seine Aufgabe, das Gleichgewicht in der Welt wiederherzustellen.
Als er über den selbsternannten Phönix König Ozai triumphiert hatte, Zuko zum Feuerlord gekrönt wurde und die ersten zaghaften Schritte in die Ära des Friedens getan worden waren, hatte er geglaubt, das Gleichgewicht in der Welt sei wiederhergestellt worden. Junge, naive Gedanken eines Dreizehnjährigen, der bis zu jenem Tage nur ein Ziel vor Augen hatte: einen Krieg zu beenden, der einhundert Jahre lang die Welt in einem dunklen Zeitalter gefangen hielt.
Aber die vergangenen vier Jahre hatten ihm gezeigt, dass sich die Welt noch längst nicht im Gleichgewicht befand, und dass es noch viele Jahrzehnte dauern würde, bis die Narben des Krieges verblassen würden.

Doch dies waren nicht die einzigen Gedanken, die Aang plagten. Das Gleichgewicht der Welt hing nicht allein davon ab, dass sich die Nationen nicht mehr im Krieg befanden. Der Krieg hatte gewaltige Verwüstungen hinterlassen, Schäden, die selbst der Avatar mit all seiner Macht nicht würde beheben können. Die Drachen waren beinahe ausgestorben; die Tradition des Drachenjagens, eingeführt von Feuerlord Sozin, hatte sie vom Angesicht der Welt verschwinden lassen. Nur zwei hatten überlebt, sie lebten nun verborgen nahe der alten Stadt der Sonnenkrieger. Die fliegenden Bisons gab es nicht mehr, Appa war der letzte seiner Art. Der Verlust dieser sanften Riesen hatte Aang besonders geschmerzt, hatte ihn manche Nacht nicht schlafen lassen.
Und dann waren da noch die Luftnomaden. Sein Volk, seine Leute, sie alle waren von den Truppen der Feuernation ausgelöscht worden. Er war, genau wie sein treuer Begleiter, der letzte. Der letzte Luftbändiger, der letzte Luftnomade.
Immer wieder waren ihm diese Gedanken durch den Kopf gegangen. Die Welt KONNTE gar nicht zurück ins Gleichgewicht gebracht werden. Er war der letzte Luftnomade, und wenn er eines Tages starb, würden mit ihm entgültig die Luftbändiger aufhören zu existieren.
Und immer, wenn er diese Gedanken hegte, stritt er mit sich selbst, verstrickte sich in Widersprüche, haderte erneut mit seinem Schicksal und seiner Bürde.

"Wie soll ich das Gleichgewicht wiederherstellen, wenn es unmöglich ist?"
"Es ist nicht unmöglich. Sonst wärst du nicht aus dem Eisberg befreit worden."
"Aber wenn ich nicht befreit worden wäre?"
"Dann hätte der Feuerlord vor vier Jahren das Erdkönigreich verbrannt und den Krieg gewonnen."
"Aber warum wurde ich gerade damals befreit? Warum nicht früher?"
"Weil SIE dich befreit hat. Sie war da, genau in dem Moment, als die Welt dich am meisten brauchte."
"Warum sie? Warum nicht irgendein anderer, warum gerade damals?"

Aang wusste keine Antwort. Aber er erinnerte sich an ein Gespräch mit seinem Freund und Mentor Gyatso vor über einhundert Jahren. Es war am Tag, an dem der junge Luftbändiger in den Rang eines Meisters erhoben werden sollte, als der alte Mönch ihm etwas wichtiges mitgeteilt hatte. Vielleicht würde ihm diese Erinnerung helfen.

"Sehr gut, Aang." rief Gyatso. Der junge Luftbändiger umkreiste seinen Mentor einige Male lachend, bevor er schließlich den Luftroller, eine kleine Kugel schnell rotierender Luft, auf dessen Rotationsachse Aang balancierte, auflöste. Der Junge hat Talent, hatte viel schneller als seine Freunde das Luftbändigen erlernt und die einzelnen Stufen rasch erklommen, stellte der alte Mönch fest. "Komm, ich möchte dir etwas zeigen."
Aang folgte Meister Gyatso die Treppen hinauf bis hin zu einem großen Gebäude, welches er einige Male besucht hatte. Die große Bibliothek des südlichen Lufttempels enthielt das über Jahrhunderte gesammelte Wissen der Luftnomaden; viele weise Luftbändiger suchten und fanden hier Antworten auf die großen Fragen.
"Du kennst doch sicher die Geschichte des Avatars, oder?" fragte sein Mentor, als dieser die schwere Tür zur Bibliothek öffnete. "Aber ja, Bruder Pasang hat mir einiges über den Avatar erzählt. Ist das wichtig?" Aang sah zuerst seinen alten Freund an, bevor er einmal mehr von der schieren Größe der Halle überwältigt wurde, in denen zahllose Regale aneinandergereiht standen. Zwischen den Regalen liefen einige Mönche, nahmen Bücher oder legten welche zurück und gingen ihren Recherchen nach. "Nicht unbedingt. Es sei denn, Pasang hat dir etwas über das Schicksal des Avatars erzählt." Gyatso blieb schließlich vor einem alten Regal stehen, in dem einige staubige Folianten standen und zahlreiche Pergamentrollen sorgsam verstaut worden waren. Er nahm einen der Folianten heraus und schlug ihn auf. "Aang, du weißt sicher, dass das Schicksal etwas ist, was dir vorherbestimmt ist. Jeder Mensch auf dieser Welt hat ein Schicksal, welches er erfüllen muss, bevor sein Leben endet. Die meisten von ihnen wissen es natürlich nicht, andere ignorieren dieses Wissen und wieder andere können ihre Aufgabe erst erfüllen, wenn sich ihr Schicksal mit dem eines anderen Menschen verbindet." Der junge Luftbändiger war gespannt: "Und der Avatar hat ein eigenes, ein besonderes Schicksal?"
"Genau. Der Avatar hat ein ganz eigenes, außergewöhnliches Schicksal, es ist eher eine Art Weg. Ein Pfad, den er begehen muss. Seine Aufgabe ist es, die Welt zu schützen, das Gleichgewicht zu erhalten, demnach ist sein Schicksal mit dem der Welt verbunden. Auch andere Menschen können mit der Welt auf ähnliche Weise verbunden sein, und diese werden zu mächtigen Verbündeten des Avatars. Immerhin kann auch der Herr der Elemente nicht überall zugleich sein, Aang." Der alte Mönch reichte Aang den Folianten. "Hier drin steht etwas über die letzten Avatare, vielleicht möchtest du etwas über sie erfahren?" Aang sah ihn fragend an. Was hatten die letzten Avatare mit ihm zu tun? Er war ein Luftbändiger, nicht mehr und nicht weniger. "Wieso, Meister Gyatso? Was werde ich hier erfahren?"
Der alte Luftnomade schwieg, sortierte seine Gedanken: Er wusste, wer und was Aang war, welcher Weg vor ihm lag und welchen Einfluss auf die Welt er nehmen würde. Aang war der neue Avatar, noch nicht bereit, diese Wahrheit zu erfahren, doch belügen wollte Gyatso ihn nicht. "Der Avatar hat die Macht, das Schicksal der Welt zu verändern, Aang. Du wirst den Avatar vielleicht erkennen, und wenn du das getan hast, wirst du deinen eigenen Platz in der Welt sehen." erklärte der ältere Mönch. Sein Schüler wirkte verwirrt, versuchte, den rätselhaften Satz zu verstehen, doch es gelang ihm nicht. Sollte er ein mit der Welt verbundenes Schicksal haben und eines Tages ein Verbündeter, vielleicht sogar Freund des Avatars werden?

Aang war nicht sicher, ob er nun eine Lösung für den Konflikt hatte. Er wusste nur, dass Katara und Sokka ihn aus dem Eisberg gerettet hatten. Und tatsächlich waren sie seine engsten Freunde und stärksten Verbündeten geworden, genau so, wie es Gyatso erzählt hatte. Die junge Wasserbändigerin hatte ihn beschützt und ihm das Wasserbändigen beigebracht und sogar gerettet, als er in Ba Sing Se durch Azula niedergestreckt worden war. Und Sokka war ein starker Krieger geworden, dessen Intelligenz und Können ihn immer wieder dort geholfen hat, wo Aang selbst nicht weiter wusste. Und ohne ihn wäre der Tag des Kometen anders ausgegangen: nur dank seines verwegenen Planes und mit der Hilfe von Toph und Suki war es ihm gelungen, die Flotte Luftschiffe zu vernichten, bevor sie größeren Schaden im Erdkönigreich anrichten konnte.
Tatsächlich: auf irgendeine Art und Weise waren ihre Schicksale nun mit dem des Avatars verbunden. Toph, Zuko und Suki, die erst später zur Gruppe hinzugestoßen waren, hatten ebenfalls ihren Teil beigetragen, das Schicksal der Welt aktiv zu verändern.

Die vergangenen vier Jahre hatten Aang vor allen Dingen eines gezeigt: es war ein Fehler gewesen, sich von seinen engsten Freunden zu trennen. Zuko war Feuerlord; er konnte nicht mehr wild mit der Gruppe reisen, seine Aufgabe war es nun, seine Nation in die neue Ära des Friedens zu führen. Toph war in Ba Sing Se geblieben und wollte beim Wiederaufbau der Stadt helfen, später wollte sie wieder bei ihren Eltern leben. Suki hatte sich, nachdem sie die Tage zusammen mit Sokka verbracht hatte, entschieden, auf ihre Insel zurückzukehren; der junge Krieger hatte ihr versprochen, sie regelmäßig zu besuchen, dauerhaft wollte er seinen Stamm aber nicht verlassen.
Am Ende waren nur Sokka und Katara bei Aang geblieben und sie wären auch noch bei ihm gewesen, hätte er nicht entschieden, dass sie beim Wiederaufbau des südlichen Wasserstammes helfen sollten.
Am stärksten aber traf ihn, dass die Entscheidung, sich von seinen Freunden zu trennen, Katara in die Arme eines anderen getrieben hatte. Noch war Aang sich nicht sicher, ob er zum südlichen Wasserstamm reisen wollte, sobald er seine eigentliche Reise in Ba Sing Se beendet hatte.

Der junge Luftbändiger sah auf und erkannte, dass die Sonne bereits ihren Zenit überschritten hatte; es war Zeit. Appa war bereits wach und fraß Gras, Momo hatte sich irgendwo ein paar Früchte besorgt. Aang warf sein Bündel in den Sattel und sprang auf die Schultern des fliegenden Bisons: "Yip! Yip!"
Und das große Tier erhob sich.

#O#

Feuerlord Zuko sah in den Himmel hinauf. Die Pause, die er sich gönnte, schien viel zu kurz; nun warteten wieder die Regierungsgeschäfte. Nein, das war nicht richtig. Er konnte sich nicht erinnern, wann er richtig regiert hatte, denn gegenwärtig musste er sich mit den hohen Adligen befassen, die ihn nicht nur nicht unterstützten, sondern ihn sogar am liebsten stürzen wollten. Es war kein Geheimnis, dass der junge Feuerlord beim Adel wenig beliebt war, immerhin hatte er ihre Macht und ihren Einfluss deutlich verringert, als der Krieg endete. So mancher Fürst, der einst große Ländereien im Erdkönigreich besessen hatte, stand nun vor dem Ruin.
Manchmal wünschte sich Zuko, sein Freund, der Avatar, wäre hier und würde ihm helfen; lediglich das enge Bündnis zwischen ihm und Aang hatte die Fürsten davon abgehalten, in den offenen Widerstand zu treten. Doch der hatte sich seit der Hochzeit des Feuerlords nicht mehr im Palast sehen lassen, er konzentrierte all seine Anstrengungen auf den Wiederaufbau des Erdkönigreiches. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Adelshäuser sich zusammenschlossen und um die Macht kämpfen würden. Ein Bürgerkrieg stand bevor. Alles, was Zuko nun tun konnte, war das Aushandeln von Verträgen und Pakten.
"Bitte um eure Vergebung, Feuerlord. Aber der Rat erwartet euch im Ratssaal." Ein Bediensteter war herangetreten und hatte seinen Kopf respektvoll geneigt. Zuko nickte und kehrte in den Palast zurück, lief den langen Gang entlang und betrat die Halle.
Die anwesenden Ratsmitglieder verneigten sich kurz und warteten, bis sich der Feuerlord an seinen Platz gesetzt hat. Nun würde eine weitere endlose Debatte beginnen ...

"Feuerlord Zuko, mit allem gebührenden Respekt, aber es scheint, als ob euch nicht bewusst ist, wie sehr das Ansehen der Nation leidet, wenn ihr diese Verträge unterschreiben solltet." Ratsminister Jeng Fu hatte das Wort ergriffen.
"In wiefern, Minister?"
"Dem Erdkönigreich Mittel für den Wiederaufbau zu stellen ist die eine Sache. Aber dass ihr jetzt eine ganze Armee abstellen wollt, die in Omashu für niedere Tätigkeiten eingesetzt werden soll, ist nicht akzeptabel. Unsere Soldaten werden zum Gespött der Leute."
Zuko faltete seine Hände zusammen: "Nun Minister, wenn euch eine bessere Verwendungsmöglichkeit für die Armee einfällt, lasst es mich wissen. Es herrscht kein Krieg mehr, und General Tsung's Truppen haben sich für sieben Jahre verpflichtet, von denen nur fünf Jahre vergangen sind. Soll ich die Armee auflösen und die Soldaten, deren Familien vom Sold abhängig sind, nach Hause schicken?"
Natürlich gab es noch einen ganz anderen Grund, Tsung's Einheit nach Omashu zu schicken: Der General galt als alt und beeinflussbar und die Adeligen hätten jede Möglichkeit genutzt, dessen Armee auf ihre Seite zu ziehen.
"Natürlich nicht, Feuerlord Zuko. Doch gibt es keine andere Verwendung für diese Soldaten?"
"Nein. Meine Entscheidung steht fest, General Tsung's Einheit wird in zwei Tagen verlegt. König Bumi wird sich freuen, dass der Wiederaufbau der Stadt viel schneller voranschreiten wird, als geplant. Welche weiteren Verträge sind eurer Meinung nach nicht mit der Ehre der Nation vereinbar?"
Nach und nach erhoben sich die einzelnen Minister, trugen ihre Bedenken vor und Zuko hörte zu. Insgesamt schien der Rat eher die Interessen der Nation zu verteidigen als den Frieden zu unterstützen. Der Feuerlord wies die meisten Anfragen ab und unterzeichnete die beanstandeten Verträge. Schließlich waren alle Punkte für den Tag abgearbeitet.
Zuko stand auf und sah die einzelnen Minister an, versuchte, in ihren Gesichtern zu lesen. Er wusste, dass die meisten seiner Ratgeber ihn unterstützten, sie alle hatte er selbst ausgesucht. Einige von ihnen waren aus dem einfachen Volk, andere stammten aus den Adelshäusern, wieder andere waren Kaufleute und Industrielle - und keiner von ihnen hatte unter seinem Vater gedient. Trotzdem gab es einige, derer Loyalität sich Zuko nicht sicher sein konnte. Irgendwann würde er eine Lösung finden müssen.
"Die Tagung ist beendet, Minister." sagte er schließlich und seine Ratgeber verließen den Saal.

Später am Abend kehrte Zuko in seine Gemächer zurück. Müde setzte er sich auf eines der Sitzkissen und schloss die Augen. In Momenten wie diesen gewann er seine Kraft zurück. Nur so konnte er weitermachen und den Frieden verteidigen, für den der Avatar, seine Freunde und er so hart gekämpft hatten. Niemand hatte gesagt, dass es leicht würde, die Welt wieder aufzubauen. Aber es hatte auch niemand gesagt, dass es so schwer werden würde. Der junge Feuerlord vermisste die Zeiten, in denen er die Welt als verbannter Prinz nach dem Avatar absuchte. Selbst die Tage, als er noch glaubte, nur durch die Gefangennahme seines späteren Freundes seine Ehre wiederherstellen zu können, erschienen nun in einem besseren Licht, wirkten befreiend und einfach. Aber natürlich war das nur Wunschdenken.
Plötzlich spürte Zuko, wie jemand in seinen Raum getreten war. Er sah sich um - und bevor er erkannte, wer es war, fühlte er warme Lippen auf den seinen. "Mai!" sagte er und lächelte. Die hochgewachsene, blasse Schönheit setzte sich neben ihn und umarmte Zuko. "Du siehst furchtbar aus." Die Worte schwebten im Raum und plötzlich lachte er. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Ich weiß nicht, wie du es machst, aber wenn du bei mir bist, erscheint jeder Tag heller." sagte er und beugte sich vor, seinen Mund nah an ihr Ohr: "Aber ich werde dein Geheimnis schon herausbekommen."
Es klopfte an der Tür und ein Bediensteter erschien. Zuko atmete tief durch und schluckte seinen Ärger herunter. Der Diener verbeugte sich und hielt eine Schriftrolle in seiner Hand. "Bitte um Vergebung mein Herr. Dieser Brief wurde soeben für euch abgegeben." Der Feuerlord nahm die Rolle und ließ den Bediensteten gehen. Langsam entrollte er das Papier, begann zu lesen. Er las noch ein zweites und dann ein drittes Mal; Zuko konnte nicht glauben, was hier stand.

"Endlich. Sie haben endlich jemanden gefunden, der weiß, wo sie ist." sagte er, setzte sich auf das Bett. "Sie haben endlich eine Spur, die zu meiner Mutter führt."
Mai kam zu ihm, legte ihre Hand auf seine Schultern und betrachtete das Stück Papier. Tatsächlich; es sah so aus, als ob die lange Suche endlich zu Ende war. Zuko's Mutter Ursa war vor Jahren von ihrem Mann und Feuerlord Ozai verbannt worden.
"Ich muss sofort aufbrechen und die Spur verfolgen" rief Zuko überglücklich. "Ich will sie endlich wiedersehen und zurück nach Hause holen." Mai aber schüttelte den Kopf. "Du wirst hier gebraucht, Zuko. Du kannst jetzt unmöglich den Palast verlassen!"
"Wieso nicht? Ich habe meine Ratgeber, die werden auch ein paar Tage ohne mich auskommen."
"Kannst du dir ihrer Loyalität sicher sein? Und was ist mit deinen Feinden unter den Fürsten? Wenn du jetzt gehst, werden sie die Gelegenheit ergreifen und dich stürzen!"
Zuko ließ sich auf das Sitzkissen fallen. "Lass deine Agenten nach ihr suchen. Dein Platz ist hier."
Er wusste, sie hatte Recht. Würde er nun den Thron verlassen, nach seiner Mutter suchen und die Regierungsgeschäfte seinen Ratgebern überlassen, würde dies als Schwäche ausgelegt werden. Es war frustrierend: er, der Feuerlord, Gebieter über die mächtigste Nation, war machtlos und an diesen Ort gefesselt. In anderen Zeiten hätte er ohne Schwierigkeiten für Monate verreisen können, doch jetzt gab es keine Möglichkeit, den Palast zu verlassen, ohne dass das Land in einen Bürgerkrieg stürzte.

#O#

Wolken verdeckten den Mond und die Erde unter ihm erschien dunkel und wie in tiefem Schlaf. Aang versuchte am Horizont etwas zu erkennen. Ein Licht, zwei, drei ... viele kleine und große Lichter konnte er erkennen: Ba Sing Se. Die Stadt war riesig, von einer äußeren und einer inneren großen Mauer umgeben, die viele dutzend Meter hoch und breit war.
Wie ein riesiger Fels in der Brandung hatte die Stadt viele Kriege überstanden: Chin der Eroberer hatte das gesamte Erdkönigreich erobert, doch Ba Sing Se hatte er nicht nehmen können. Seine Armeen selbst blieben unbesiegt, bis schließlich Avatar Kyoshi seinem Treiben ein Ende setzte.
Auch den großen Krieg, der einhundert Jahre andauerte und von Feuerlord Sozin begonnen worden war, hatte die Stadt überstanden, lediglich in den letzten Jahren gab es zwei Versuche, Ba Sing Se zu nehmen. General Iroh hatte eine sechshunderttägige Belagerung geführt, die äußere Mauer durchbrochen. Doch das Schicksal hatte die Stadt gerettet; Iroh kehrte als gebrochener Mann heim, dessen geliebter und einziger Sohn vor den Mauern gefallen war.
Später hatte Prinzessin Azula mit Kriegsminister Qin und seinem gigantischen Bohrer einen weiteren Durchbruch versucht: nicht Katapulte und gewaltige Armeen sollten die Stadt nehmen, sondern überlegene und experimentelle Technologie. Die Kavallerie war durch mechanische, dampfgetriebene Panzer ersetzt worden: Ergebnisse der Forschungsarbeit eines Erfinders, der gezwungen wurde, Kriegswaffen für die Feuernation zu entwickeln.
Doch Aang und seine Freunde hatten den Bohrer aufgehalten. Leider vergebens, denn nur wenige Wochen später war die Stadt gefallen. Nicht von außen, nicht durch militärische Überlegenheit war Ba Sing Se bezwungen worden, sondern durch Intrigen und Verrat. Die Mauern wurde von innen heraus durch Agenten des Dai Li an einigen Stellen zerstört und die Feuernation konnte eindringen, besetzte die Stadt und besiegte so die letzte Festung des Erdkönigreiches.

Appa überquerte die äußere Mauer, flog über Felder und kleine Gehöfte. Gleich würde Aang sein Ziel erreicht haben. Nach einigen Minuten schließlich erreichten sie die innere Mauer und der junge Luftbändiger lächelte: Ganz gleich, wie oft er die Stadt sah, sie beeindruckte ihn immer wieder auf's Neue: sie erstreckte sich bis zum Horizont, zehntausende Häuser, kleine wie große, standen dicht gedrängt beieinander. Breite Straßen durchzogen wie ein Spinnennetz die Stadt, enge Gassen schlängelten sich zwischen den Häusern. Ba Sing Se war grob in drei Bezirke eingeteilt worden: der untere Ring, in dem Arbeiter, einfache Händler und Tagelöhner, aber auch Bettler und sonstiges Gesindel lebten, war Aang wohlbekannt. Hier hatte er nach dem Krieg oft den Menschen geholfen, viele hatten in der Schlacht um die Stadt all ihre Habseligkeiten verloren.
Der mittlere Ring wurde vor allem von Gelehrten, Kaufleuten, Beamten und Soldaten und ihren Familien bewohnt. Hier hatte der Luftbändiger nach dem Krieg einige Freunde gemacht, die er fast genauso schätzte wie Sokka oder Toph.
Im obersten Ring lebten schließlich jene, die sich das Leben dort leisten konnten: hohe Beamte, der Hochadel, wichtige Persönlichkeiten und Diplomaten. Auch Aang besaß dort ein Haus, jenes war ihm übergeben worden, als er zum ersten Mal mit seinen Freunden die Stadt besuchte.

Der fliegende Bison landete ein kurzes Stück entfernt vom Haus in der Nähe der Ställe für große Tiere. Aang führte Appa in den Stall, gab ihm Heu und lud seine Habseligkeiten ab. Anschließend lief der junge Avatar die Straße entlang, bis er schließlich vor seinem Haus stand: es war angemessen; nicht unnötig luxuriös oder groß, aber es bot genug Platz für ihn und seine Freunde.
Bedienstete des Erdkönigs schienen das Haus zu pflegen, so dass der Avatar, wann immer er nach Ba Sing Se zurückkehrte, sofort in sein Heim ziehen und sich dort ausruhen konnte.
Aang öffnete die Tür und trat ein: ein großer, einladender Raum befand sich dahinter. Jetzt, da er allein war, erschien ihm das Haus zu groß; er vermisste Toph, Sokka und Zuko. Selbst Suki, die nur wenige Wochen zusammen mit seiner Gruppe gereist war, fehlte ihm. Aber ganz besonders fehlte ihm Katara.
Das Bett im Schlafzimmer sah sehr einladend aus, jetzt bemerkte er erst, wie müde er war. Momo, der kleine Lemur, der bis zu jenem Moment hinter ihm hergelaufen war, sprang auf eines der Kissen und rollte sich zusammen. Und Aang legte sich ebenfalls in das Bett und die Augen fielen zu.

"Aang. Aang, wach auf!" Sokka stand über ihm, er grinste breit. Er stützte sich auf eine Krücke, sein linkes Bein war verbunden.
"Was ... was ist los?" frage Aang und rieb sich die Augen.
"Du hast zwei Tage am Stück geschlafen. Wir haben uns schon Sorgen gemacht."
Er versuchte sich zu erinnern: der Krieg war vorbei, er hatte den Feuerlord besiegt und war, nachdem ihn seine Freunde gefunden hatten, wenig später erschöpft eingeschlafen. Aang konnte sich nur erinnern, wie er zwischendurch kurz aufgewacht war, sich an Bord eines Luftschiffes befand; doch bevor er aufstehen und sich umsehen konnte, hatte ihn der Schlaf wieder übermannt.
"Was ist mit dem Feuerlord?" fragte er schließlich.
"Unser König der Verlierer? Der gewöhnt sich gerade an seine neue Zelle. Naja. Wie geht es dir?"
"Ging schon besser. Aber ... der Krieg ist endlich zu Ende. Wie geht es jetzt weiter, Sokka?"
"Heute wird Zuko zum neuen Feuerlord gekrönt, deswegen hab ich dich geweckt. Achja, er hat dir das Päckchen hier da gelassen." Sokka gab Aang das Paket. Es war weich, und als der Luftbändiger es öffnete, lächelte er. Eine einzelne Träne lief die Wange herab, als er erkannte, was es war: Eine echte Robe der Luftnomaden, wie sie einst vor einhundert Jahren getragen wurde, war es, von überraschender Einfachheit und Eleganz. Ein traditionelles Amulett lag dabei, es ähnelte dem seines alten Freundes Gyatso. Aang zog die Robe an und betrachtete das Amulett ehrfürchtig. "Sokka, es gab bei den Nomaden eine Tradition. Die erfolgreichsten Schüler erhielten am Tag, an dem sie volljährig wurden, ein solches Amulett von ihren Meistern. Gyatso ist nicht mehr hier, aber ich denke, mein beste Freund ist eine würdige Vertretung. Zuko hat mir die Robe und das Amulett geschickt, du aber sollst es mir anlegen." Der junge Krieger nickte. "Ich fühle mich geehrt." Sokka nahm das Amulett und Aang kniete vor ihm nieder, senkte sein Haupt. Vorsichtig legte ihm sein bester Freund die Kette um den Hals.
Als Aang wieder aufstand, lächelte er und drückte Sokka. In genau jenem Moment öffnete sich die Tür und Toph, Suki und Katara kamen herein. "Hupfdohle! Du bist ja wach! Sokka, Finger weg, was sollen denn Katara und Suki von dir denken?" rief die blinde Erdbändigerin. Sie grinste breit und trat an Aang heran und umarmte ihn. "Uhh... danke Toph." Aang errötete ein bisschen. "Ach, aber denk dir bloß nicht, ich bin jetzt deine Freundin." sagte sie lachend und knuffte den Luftbändiger in den linken Arm. Auch Suki umarmte den jungen Luftbändiger.
Katara lächelte, als sie Aang genauer betrachtet: "Du siehst gut aus, Aang." Verlegen sah er zur Seite und errötete noch mehr, als sie ihn auf die Wange küsste und sanft umarmte. Eine Weile standen sie so da, bis Sokka sich räusperte: "Errm ... ich glaub, Zuko wollte noch einmal mit dir sprechen."
"Sokka, nun gönn' ihnen doch mal einen Moment Ruhe!" sagte Suki, nicht ohne ihm einen gespielt bösen Blick zuzuwerfen. "Hey, was kann ich dafür, wenn ... AUA!" Sokka rieb sich den Arm an der Stelle, an der Toph ihn geknufft hatte. Er sah sie finster an, aber wagte es nicht, noch einen Ton zu sagen. Die drei verließen den Raum, ließen Katara und Aang allein.
"Danke, Aang. Danke für all das, was du getan hast." sagte sie schließlich. "Ich bin so stolz auf dich." Er sah sie fragend an. "Du hast einen Weg gefunden, Ozai zu besiegen, ohne dich selbst zu verlieren." Sie lächelte glücklich, und schließlich löste sie die Umarmung. "Wir warten draußen auf dem Hof. Nun, Sokka hat recht: Zuko wartet auf dich." Mit diesen Worten verließ Katara den Raum und schloss sich den anderen an.
Er atmete tief ein und genoss den friedlichen Moment. Viele Dinge gingen ihm durch den Kopf, Gedanken, was das Schicksal nun für ihn bereithielt. Der Krieg war beendet, die Welt würde Frieden finden. Und es war seine Pflicht, diesen Frieden zu erhalten. Doch würden seine Freunde ihm folgen können? Zuko's Aufgabe war es nun, die Feuernation zu führen. Toph wollte vielleicht ihre Eltern wiedersehen. Sokka und Suki hatten, noch bevor sich Aang vor der letzten Schlacht von der Gruppe getrennt hatte, Pläne gemacht und wollten nach dem Krieg eine Weile miteinander verbringen. Und Katara? Konnte, nein, wollte er ihr sein nomadenhaftes Leben aufbürden?
Aang schüttelte den Kopf, verdrängte die Gedanken. Nein, nach dem heutigen Tage würden sie erst einmal eine Weile am Palast bleiben und später vielleicht nach Ba Sing Se gehen und sich ausruhen. Und dann konnten sie sich noch immer entscheiden, ob und wo sich ihre Wege trennten.
Schließlich stand er auf, verließ ebenfalls den Raum und ging den langen Gang hinab, bis er vor einem mit roten Samtvorhängen verhangenen Durchgang stand. Dort setzte er sich auf den Boden und wartete auf Zuko.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster einfielen, erwachte Aang. Das Haus war genauso leer wie am Tag zuvor, doch er fühlte sich nicht mehr einsam: seine lange Reise war beendet, heute würde er Iroh besuchen, ihn um Rat fragen und in einigen Tagen würde er endlich an den Südpol zurückkehren und Sokka und Katara wiedersehen. Aang nahm sich vor, Katara all seine Fehler zu beichten, sich bei ihr zu entschuldigen. Natürlich wusste er, dass es nicht leicht war. Und dass er vielleicht auf eine Katara traf, die ihm nicht vergeben wollte und glücklich mit ihrem neuen Freund war. Aber wann sollte er es sonst tun? Wenn nicht jetzt, wann dann?
Der junge Luftbändiger öffnete die Tür und trat hinaus, was auch immer dieser Tag bringen möge, es würde ihn nicht von seiner Entscheidung abbringen ...