Releasenotes:
Tja, Freizeit ist knapp: Die Technikerschule läuft wieder, und da hab ich nur noch ein paar wenige Stunden die Woche Zeit. Auch dieses Kapitel hab' ich ein paar mal umgeschrieben, aber es scheint jetzt ganz gut zu funktionieren. Ich mag übrigens symbolische Darstellungen und hab passenderweise hier eine versteckt ;)
Feedback:
j.m.hamlet: Ich bezeichne das ganze als "Einleitung" in der Hinsicht, als dass der richtige Main Storyarc etwas später einsetzt. Ich versuch's so kurz wie möglich zu halten, aber kürzer als kurz geht nicht. Und wenn ich so an Harry Potter denke, geht da die Einleitung in so manchem Buch auch so richtig schön lang ;-)Will's aber nicht übertreiben. Immerhin soll das hier keine Zusammenreihung irgendwelcher Ereignisse sein und auch keine reine Kataangfic, sondern auch die Geschichte der Gaang nach dem Krieg erzählen. Geht also bald richtig los.
Achja, zum "Ähnlich gedacht" - das bezog sich mehr auf die ursprüngliche Version, die auf englisch stark verkürzt auf verfügbar ist. Da musste ich nur einige wenige Änderungen vornehmen. Die Geschichte hier ist ja die "Extented Edition", und die ist komplett "neu" geschrieben.
Disclaimer: Mir gehört Avatar noch immer nicht. Und leider wollen M&B mir auch ihre Kreation nicht überlassen ;-)
# Korrekturtag: Solange der hier steht, ist diese Fassung noch nicht korrigiert – dies wird in den nächsten Tagen passieren, wenn mein Betareader mir die korrigierte Version zukommen lässt. #
Avatar - Der erste Luftbändiger
Buch 1 - Der Schatten
Kapitel 3 - "Sei entschieden!"
Der Markt war überfüllt, zahllose Menschen drängten sich auf engstem Raum. Der junge Avatar war froh, sich etwas unauffälliger gekleidet zu haben. Nur so war es ihm möglich, unerkannt durch die Straßen der Stadt zu gehen; sein Ruhm lastete schwer auf seinen Schultern. Zwar hatte es gewisse Vorzüge, der Avatar zu sein, doch wollte er diese Karte nicht zu oft ausspielen. Und er mochte es nicht, wenn er bevorzugt behandelt wurde oder nicht einmal Geld bezahlen musste, nur weil er seine Pflicht erfüllt und den Krieg beendet hatte.
Einige Zeit später hatte Aang endlich alle Vorräte gekauft, die er für seine weitere Reise benötigen würde: Getrocknetes und frisches Obst, etwas Gemüse, einen neuen Trinkwasserschlauch, Kräuter und Tee, Kochgeschirr und einen Mantel für kalte Regionen. Die Reise zum Südpol würde mehrere Tage andauern, etwas mehr als eine Woche und er wollte nicht unvorbereitet aufbrechen.
Nun hatte er nur noch eines zu erledigen: er stieg die Treppen hinauf, bis er vor der weit geöffneten Doppelschiebetür des Teehauses stand. Der Jasmindrachen. Hier gab es den besten Tee der Stadt, gebrüht von kundiger Hand. Aber nicht der Tee allein hatte dem Teehaus seinen exzellenten Ruf eingebracht: Iroh spielte oft Tsungihorn und gab Rat all jenen, die seine Hilfe benötigten.
Ein Bediensteter eilte herbei und betrachtete den Neuankömmling, er verneigte sich kurz: "Was darf ich Euch bringen, mein Herr? Möchtet Ihr einen Jasmintee? Oder Ginseng?" Aang entschied sich für einen Jasmintee und ließ sich an einen Tisch führen. Von hier aus konnte er den gesamten Raum überblicken: zahlreiche Tische für zwei oder vier Personen waren aufgestellt und Bedienstete eilten umher. Selbst um diese Zeit, der Nachmittag war noch nicht angebrochen, war das Haus gut besucht. Beamte, Kaufleute und wohlhabende Bürger saßen hier, genossen Tee und unterhielten sich. In einer Ecke saß ein Pärchen; das Mädchen war kaum älter als Aang, ihr Freund schien etwa fünf Jahre älter zu sein.
Der Bedienstete kehrte zurück und brachte den gewünschten Tee. "Danke. Ich möchte mit Iroh sprechen, ist er da?"
"Es tut mir leid, aber er ist zur Zeit beschäftigt. Wollt Ihr ihm eine Nachricht hinterlassen?"
Der Luftbändiger schüttelte den Kopf. Noch wusste die Bedienung nicht, wer er war und er wollte nicht die Karte des Avatars spielen, nicht unnötig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. "Es ist dringend. Sagt ihm, ein alter Freund seines Neffen sei hier und benötigt Rat." sagte er und der Bedienstete verschwand.
Inzwischen war der Jasmintee ein wenig abgekühlt und Aang trank ihn aus. Das Pärchen in der Ecke war plötzlich laut geworden, ein Streit entwickelte sich. Das Mädchen stand auf und sah zornig ihren Freund an, der versuchte, sie zu beruhigen. "... es ist nicht so, wie du denkst!" rief er. "Ach nein? Was war dann mit dieser Jo Dee? Wie kann sie es wagen ... !" rief sie, bevor sie aus der Teestube stürmte. Peinlich berührt sah Aang zur Seite, offenbar war er gerade unfreiwillig Zeuge vom Ende einer Beziehung geworden. Auch die restlichen Gespräche waren für einen kurzen Moment verstummt.
"Er empfängt Euch jetzt." Der junge Luftbändiger nickte und folgte dem Bediensten zu einer einfachen Holztür. Er ließ sich hineinführen und sah sich kurz in dem gemütlich eingerichteten Raum um: ein niedriger Pai Sho Tisch war etwa in der Mitte aufgestellt, darunter lag ein aufwendig gewebter Teppich. Rote Sitzkissen waren für ihn bereitgelegt worden. Und Iroh stand neben einem hölzernen Teewagen, auf dem eine Kanne mit Tee sowie zwei Schalen abgestellt waren. "Ein Freund meines Neffen seid Ihr also? Darf ich denn Euren Namen erfahren?"
Aang lächelte; seine unauffällige Kleidung und der Kapuzenumhang hatten selbst den alten General getäuscht. Er schlug die Kapuze zurück und trat auf Iroh zu, dessen Gesicht sich nun aufhellte: "Aang! Es tut gut, dich wiederzusehen! Es ist lange her!" Er umarmte den jungen Avatar fest, froh, einen alten Freund wiederzusehen. "Viel zu lange, Iroh. Viel zu lange."
Der ehemalige General löste die Umarmung wieder und schenkte Aang Tee ein. "Setz' dich und genieß' diesen Tee - er ist aus einer besonders seltenen und reinen Form des Ginsengs gebrüht, wie er nur in den Gärten des Erdkönigs wächst." erklärte Iroh und reichte dem Luftbändiger eine Schale, bevor er die zweite Tasse füllte.
Aang probierte einen Schluck und genoss das sanfte Aroma und lächelte. Ja, dieser Tee war wirklich gut, nicht zu stark und angenehm belebend.
Beide unterhielten sich über die Ereignisse, seit die Gruppe Ba Sing Se verlassen hatte.
Die Stadt hatte sich vom Krieg weitestgehend erholt, die zerstörten Bereiche und die beiden Mauern waren wieder repariert worden. Der Erdkönig war wenige Wochen nach dem Ende des Krieges zurückgekehrt und hatte den Dai Li, den korrumpierten Geheimdienst der Stadt, aufgelöst. Die meisten Mitglieder waren jedoch verschwunden, bevor über sie gerichtet werden konnte, vermutlich waren sie geflohen oder untergetaucht.
Iroh's Teehaus war in der Zwischenzeit über die Grenzen hinaus bekannt geworden. Reisende besuchten ihn und brachten Neuigkeiten aus allen Teilen des Königreiches. Die Anstrengungen des Avatars, den zerbrechlichen Frieden zu erhalten, machten dabei den größten Teil der Nachrichten aus. "Du bist sehr erfolgreich, Aang. Ich glaube, du wirst dein Versprechen und das meines Neffen einhalten können und tatsächlich die Welt wieder aufbauen." Iroh lächelte zufrieden. Natürlich war noch immer jede Menge zu tun. Die rebellischen Truppen waren längst noch nicht zur Aufgabe bereit und noch immer gab es einige wenige Kolonien der Feuernation, die nicht aufgelöst wurden oder sich in das Erdkönigreich integrieren ließen. Am problematischsten war aber das regelmäßige Aufflackern von Selbstjustiz und Sklaverei. Immer wieder wurden ehemalige Bürger der Kolonien entführt und in die Sklaverei verkauft, es gab aber auch Vorfälle, in denen Meuten wütender Bauern Kolonisten ermordeten. Dennoch war die Welt ein weit friedlicherer Ort als noch vor zwei, drei Jahren.
Schließlich wechselte Iroh das Thema: "Nun ja. Aang, Zuko hat mir vor einiger Zeit zwei Briefe geschickt. Der eine war für mich bestimmt, der andere aber ... nun, sieh selbst. Ich habe ihn nicht geöffnet."
Aang schluckte. Vor zwei Jahren war er von Zuko's Hochzeit geflohen, bevor er die Verbindung segnen konnte. Er wusste, er hatte damit den Feuerlord verletzt, ja sogar beleidigt und ihm später einen Brief mit einer Erklärung und einer Entschuldigung geschrieben. Natürlich hatte Aang nie eine Antwort erhalten, sein nomadisches Leben gestattete nicht, dass er lang genug an einem Ort verweilte, um Post zu erhalten.
Der junge Avatar hielt die Rolle in seiner Hand, das Siegel des Feuerlord war ungebrochen. Sollte er jetzt den Brief lesen? Aang war sich unsicher, ob er wissen wollte, was darin stand. Vielleicht kündigte der Feuerlord die Freundschaft auf. Vielleicht aber äußerte er auch Verständnis und hatte die Entschuldigung akzeptiert. Schließlich entschied er sich und brach das Siegel; er entrollte das Papier und er begann zu lesen. Der Brief war informell geschrieben, ein gutes Zeichen.
Als der Luftbändiger den letzten Absatz las, atmete er tief ein:
Aang, was jetzt kommt, wird dich vielleicht mehr interessieren als alles andere. Die Hochzeit selbst ist gut verlaufen, Mai hat "Ja" gesagt. Aber du hast gefehlt; Katara hat mir gesagt, du bist geflohen, nachdem du mit Sokka gesprochen hast. Ich kenne sie nicht so gut wie du, aber eines ist sicher: so traurig habe ich sie noch nie gesehen. Ist dir vielleicht in den Sinn gekommen, dass du sie einmal zu oft verletzt haben könntest?
Nach der Hochzeit hat sie sich mit Mai unterhalten, und ich hab mal mit Sokka geredet. Gute Freunde helfen einander, und es tut einfach weh, wenn mein bester Freund, du, Aang, nicht mehr der Selbe bist. Du hast dich verändert, das habe ich gleich bemerkt. Aber so sehr?
Du hättest mit Katara sprechen sollen, wie du es mir versprochen hattest. Ja, ich verstehe, warum du vor ihr geflohen bist, als du ihren Freund gesehen hast. Trotzdem war es falsch, und ich hab dich kaum wiedererkannt: der Avatar, derjenige, der Ozai besiegt hat, flieht vor seinen Gefühlen. Was ist dir in den letzten Monaten zugestoßen?
Was Sokka betrifft: er war stocksauer auf dich. Hat zwei Tage nichts gegessen, und das bedeutet eine ganze Menge, wie du sicher weißt. Als ich ihn zuletzt gesehen habe, hat er sich aber beruhigt, ich denke, er wird dir irgendwann verziehen haben.
Ich hab keine Ahnung, wann du diesen Brief erhälst. Aber wenn du ihn liest, musst du dich entscheiden: fliehst du weiter, so wie du von der Hochzeit geflohen bist, oder wirst du endlich den Mut finden, mit ihr zu sprechen?
Aang rollte das Blatt zusammen und steckte ihn unter seinen Umhang. "Danke, Iroh." sagte er matt. Er wünschte, er hätte den Brief früher gelesen. Nun war es vielleicht zu spät, etwas zu retten, aber jetzt wusste Aang, was sein nächstes Ziel war. Was ihn dort erwartete, konnte sich als schwierigere Aufgabe herausstellen, als den Sieg über Feuerlord Ozai: Katara's Vertrauen zurückzugewinnen und die Beziehung wieder aufzubauen. Natürlich, vielleicht war sie längst mit Chang verlobt, vielleicht waren sie sogar schon verheiratet. Doch Aang würde es nie herausfinden, wenn er sie nicht besuchte und es mit eigenen Augen sah.
Der junge Luftbändiger trank einen Schluck von seinem Tee und spürte einmal mehr, wie das Aroma seine Sinne kitzelte und die Gedanken beruhigte.
"Dich beunruhigt noch mehr als das, Aang." stellte Iroh schließlich fest. "Du bist doch nicht nur hier, um Tee zu trinken und über die alten Zeiten zu reden."
"Ist das so offensichtlich?" Natürlich hatte der Luftbändiger immer wieder während des Gespräches durchscheinen lassen, dass er mit der Last auf seinen Schultern nicht zufrieden war. Es belastete ihn, dass die Welt nicht den Frieden gefunden hatte und das Gleichgewicht noch nicht wiederhergestellt worden war; vielleicht war dies auch nie mehr möglich.
"Manchmal denke ich darüber nach, welche Aufgaben noch vor mir liegen, Iroh. Und manche Dinge sind unmöglich - ich kann keine Wunder vollbringen!"
Der alte General sah Aang nachdenklich an: "Vielleicht hast du recht, vielleicht aber auch nicht. Bist du dir sicher, was deine Aufgaben betrifft?"
"Ja. Je mehr ich nachdenke, desto mehr erkenne ich, dass ich hier versagen werde. Das Gleichgewicht der Welt hängt nicht allein vom Frieden zwischen den Nationen ab, sondern auch vom Gleichgewicht der Elemente. Aber ich bin der letzte Luftbändiger! Wenn ich sterbe, wird es nur noch drei Bändigungskünste geben." Der junge Avatar wirkte verzweifelt. "Und nicht nur das, Iroh. Ohne Luftbändiger wird der nächste Avatar nicht mehr das Luftbändigen erlernen können, ich wäre damit der letzte vollständig ausgebildete Avatar. Und wenn schließlich der Avatar der Feuernation stirbt, wird es keinen Luftnomaden mehr geben, in den der Avatargeist hineingeboren werden kann."
Eine unheimliche Stille breitete sich aus. Iroh überlegte, suchte nach den richtigen Worten. Natürlich hatte er sich in den freien Stunden ebenfalls Gedanken über das Schicksal der zukünftigen Avatare gemacht, hatte den Widerspruch entdeckt, der Aang nun belastete. Eine Lösung hatte er nicht finden können, nicht einmal mit der Hilfe der anderen Ordensmitglieder seines geheimen Bundes. Dennoch, es gab eine Möglichkeit; sie war jedoch zu unsicher und zu schwach, um jemals ernsthaft diskutiert zu werden.
"Du sagst, du bist der letzte der Luftbändiger. Es könnte aber auch sein, dass dies nur die halbe Wahrheit ist."
Aang sah verwirrt aus. "In wie fern?"
"Als ich vor vier Jahren dich und Katara glücklich zusammen gesehen habe, habe ich gehofft, ihr würdet eines Tages eine Familie gründen. Eines oder mehrerer eurer Kinder könnten Luftbändiger werden. In diesem Falle wärst du dann nicht mehr der letzte der Luftbändiger, sondern gleichzeitig der Vater der Ersten." Iroh wartete die Reaktion seines jungen Freundes ab, sah, wie sich dessen Gesicht verfinsterte. Aang schwieg. "Es ist nur eine schwache Möglichkeit, die an vielen Unwägbarkeiten scheitern kann. Aber sie ist besser als gar nichts. Und vielleicht findest du auch weitere Wege, die Luftnomaden zurückzubringen."
"Nein. Ich will ihr das nicht auch noch aufbürden. Iroh, ich habe sie bereits einmal wegen meiner Pflichten als Avatar verletzt. Ich ... ich kann das nicht tun."
"Sieh' es nicht als Pflicht an, Aang, denn das wäre zu kurzsichtig. Eine Familie gründen ist eines der schönsten Dinge auf dieser Welt."
"Ich weiß nicht einmal, ob Katara überhaupt noch etwas von mir wissen will! Sie hat einen Freund, ist vielleicht schon lange verlobt!" Der Luftbändiger sprach aus, was er nur in dunklen Stunden dachte: er hatte sie längst verloren. Natürlich, die Möglichkeit bestand, dass sie zu ihm zurück kam - brachte Aang den Mut auf, sie zuerst zu besuchen. Entschieden hatte er sich schon, doch das bedeutete nicht jeder Zweifel wäre beseitigt.
Iroh überlegte, suchte nach einer Weisheit, die helfen konnte, jedoch ohne Erfolg. "Vielleicht hilft hier Hoffnung, Aang. Wo ist der optimistische Junge, der allen Gefahren getrotzt hat und selbst in der schlimmsten Situation noch etwas Gutes gesehen hat? Nun - ich kann es nicht sagen. Aber vielleicht hilft eine Runde Pai Sho; es hilft mir beim Nachdenken. Vielleicht hilft es auch dir?" Mit diesen Worten holte der alte General zwei mit Messingbeschlägen versehene hölzerne Kästchen hervor. Vorsichtig öffnete er beide und prüfte die Spielsteine; sie waren alle vorhanden.
Aang nahm ein Kästchen entgegen und nahm einen Stein heraus.
"Du hast den ersten Zug." erklärte Iroh. "Kennst du die Regeln?"
"Ja. Ich habe früher oft gespielt, aber Gyatso hat mich immer geschlagen." Er setzte ein schiefes Grinsen auf und betrachtete den Stein: er war weiß und zeigte ein vertrautes Muster in der Mitte.
"Pai Sho ist eigentlich ganz einfach, du musst nur wissen, wann du welchen Zug machen musst. Und du musst Fallen legen, die der Gegner nicht umgehen kann - nur so kannst du einen Meister des Pai Sho schlagen."
Mit einem Lächeln legte Aang den Spielstein auf das Feld. Es war ein uralter, geheimer Zug, den Gyatso oft verwendet hatte, wenn er ein Spiel begann; vielleicht verhalf ihm dies zum Sieg. Er sah in Iroh's Gesicht die Überraschung. "Aang ... weißt du, welchen Stein du gerade auf die Mitte des Tisches gelegt hat? Kennst du auch alle anderen Züge, die darauf folgen?"
Der Luftbändiger nickte, und es begann ein Duell. Stein um Stein wurde aufgelegt, bis sich eine regelmäßige Form ergab. In der Mitte des Feldes lag der Spielstein des weißen Lotus, und die restlichen Steine waren so angeordnet, dass sich ein größerer Lotus mit zwölf Blättern ergab.
Aang sah in Iroh's Augen und erkannte, dass etwas seltsames passiert sein musste. "Das ist seltsam ... . Aang, weißt du, was dies bedeutet?"
"Dass ich gewonnen habe?"
"Nein. Bei diesem Spiel geht es nicht immer darum, wer gewinnt oder verliert. Manchmal erfährt man auch etwas über sich selbst. In diesem Fall sagt dieses Spielfeld zwei Dinge aus: zum einen kenne ich jetzt die Ursache für dein gestörtes inneres Gleichgewicht. Dein Herzchakra ist blockiert, aus irgendeinem Grund hast du es geschlossen." Der junge Avatar schluckte beunruhigt. "Zum anderen aber zeigt es mir, dass du Zugriff auf größeres Wissen haben möchtest, damit du dich und dein Schicksal erkennst. Das ist seltsam, denn du weißt bereits, wer du bist. Aber offenbar hast du den Blick verloren, was dein Schicksal betrifft - deshalb bist du auch zu mir gekommen."
-O-
Die weiße Wüste vor ihm erschien unendlich, nur unterbrochen von einigen Bergen. Rechts von ihm befand sich die Küste, tiefblaues, beinahe schwarzes Wasser stand im starken Kontrast zu Schnee und Eis. Sokka verließ das Dorf durch eben jenen Eingang, vor dem er vor fünf Jahren Aang aus dem Dorf verbannt hatte. Hätte er damals bereits gewusst, wer Aang wirklich war, hätte er ihn vielleicht nicht so abneigend behandelt und hätte ihm auch geglaubt, dass das Leuchtsignal tatsächlich unbeabsichtigt von ihm gestartet worden war.
Der junge Krieger atmete tief durch und begann seinen täglichen Dauerlauf; gut fünfzehn Meilen wollte er laufen. Dies gab ihm Zeit, über die vergangenen Wochen und Monate nachzudenken. Nachdem er vor drei Monaten von der Kyoshi Insel zurückgekehrt war, hatte sich einiges verändert. Einige Schiffe mit Mitgliedern des nördlichen Wasserstammes waren eingetroffen. Sie waren gekommen, um beim Wiederaufbau des Stammes zu helfen; keine leichte Aufgabe, immerhin hatten die regelmäßigen Überfälle der Feuernation während des Krieges den einst stolzen und starken Stamm dezimiert.
Inzwischen prosperierte der Stamm jedoch wieder: viele der Jungen und Mädchen, die noch vor einigen Jahren zu klein waren, um zu begreifen, warum der Stamm dem Untergang geweiht war, waren nun älter, reifer, und halfen mit beim Aufbau. Einige der älteren Jugendlichen hatten bereits ihre Reifeprüfung (das Eisfahren) bestanden. Und überraschenderweise stellte sich sogar eines der Mädchen als Wasserbändigerin heraus - die Erste seit Katara.
Sokka war einige Meilen gelaufen, als er schließlich stehen blieb. Er erkannte diesen besonderen Platz: hier hatte sich sein bester Freund vor vier Jahren von ihm und Katara verabschiedet. Diesen Ort hatte sich Aang ausgesucht, denn er war windgeschützt und lag ein gutes Stück vom Dorf entfernt; auf diese Weise konnten die drei Freunde ein letztes Mal ungestört zusammen sitzen. Und natürlich hatte der junge Avatar etwas vorbereitet, um den Abschiedsschmerz zu lindern.
Der junge Krieger ging auf die kleine Erhebung zu, auf der einst eine kleine Eisskulptur stand, die Katara und Aang gezeigt hatte. Aang hatte sie durch Wasserbändigen erschaffen und die Details vorsichtig von Hand ausgearbeitet, es war eine wunderschöne Arbeit gewesen. Nun aber lag die Skulptur in Stücke geschlagen auf dem Boden. Sokka konnte nicht sagen, ob die Witterung oder menschliche Gewalt dafür verantwortlich war, er fühlte aber, dass die zerbrochenen Reste der Skulptur stellvertretend für das stand, was aus der Beziehung zwischen Katara und Aang geworden war. Er schüttelte den Kopf und beugte sich über die Bruchstücke. Katara's Kopf war noch intakt, abgebrochen am Hals. Was Aang betraf - sein Schädel war in zwei Stücke gebrochen und es sah so aus, als ob seine Gesichtshälften zwei unterschiedliche Personen zeigte: die eine Hälfte war ohne Makel, zeigte ein Lachen und erinnerte an die glücklichen Tage nach dem Ende des Krieges. Die andere Hälfte jedoch war verwittert und es sah so aus, als ob Aang um einige Jahre gealtert war: eine verunstaltende Narbe zog sich über sein Gesicht und das Auge, das einst eine eingravierte Pupille besessen hatte, war nun blind. Auch das Lächeln war verschwunden.
Sokka stand auf und schüttelte den Kopf. Nein, er glaubte nicht an solche Dinge wie Visionen oder Schicksal, warum sollten also die Bruchstücke ihm etwas mitteilen? Seine Schwester hatte mit Aang endgültig gebrochen, als dieser vor ihr und von Zuko's Hochzeit geflohen war. Seit diesem Tag hatte sich Katara verändert, wirkte distanziert und nie wirklich bei dem, was sie gerade Tat. Selbst ihr Freund Chang hatte es bemerkt, obwohl er sonst etwas blind zu sein schien.
Wütend ballte Sokka seine Fäuste, als er an diesen "Freund" dachte. Er hatte immer gewusst, dass er etwas zu verbergen hatte, aber was er über Chang vor wenigen Tagen herausgefunden hatte ...
"Hey Chang, immer noch kein Glück?" fragte Sokka missmutig, als er den Krieger des nördlichen Wasserstammes beim Eisangeln vorfand. "Neee ... die beißen heut' überhaupt nicht."
"Gib mal her - jap, dein Köder ist falsch. Da beißt kein Fisch an, zumindest keiner von denen, die es hier gibt." Er nahm den Köder ab und nahm statt dessen einen größeren. "Du angelst wohl nicht allzu oft?"
"Krieger des nördlichen Wasserstammes angeln nicht, Sokka." brummt Chang, nahm die Angel und betrachtete den neuen Köder. "Das ist Frauenarbeit." Er holte aus und der Köder landete wieder im Wasser. Sokka schnaufte abschätzig. Seit seiner ersten Begegnung mit Suki hatte er seine Einstellung, was "Männerarbeit" und "Frauenarbeit" anging, deutlich geändert. Chang's Stamm jedoch pflegte weiterhin uralte Rituale, welche die Rechte und Pflichten von Männern und Frauen strikt trennten. Nicht einmal Katara's Demonstration, dass Frauen ebenso gute Kämpfer wie Männer sein konnten, hatte etwas bewirkt; lediglich ein einziger Wasserbändigungsmeister neben Pakku hatte sich dazu durchringen können, einzelne Frauen in der Kunst des Wasserbändigens zu unterrichten. Alle anderen Mädchen und Frauen, die bändigen konnten, erhielten die Ausbildung zum Heiler.
"Hier wird die Arbeit gerecht aufgeteilt, Chang." sagte Sokka fest. "Jaja. Deswegen sitz' ich hier und angle, statt zu trainieren. Ich mach das nur wegen Katara, sonst jammert sie mir wieder die Ohren voll."
Katara's Bruder ballte die Fäuste, sagte jedoch nichts. Eine Weile stand Sokka neben Chang, dachte nach. Schließlich entschied er sich, zu gehen und etwas zu trainieren, als sein Gegenüber einen Fisch aus dem Wasser zog. "Na endlich." murmelte er, warf den zappelnden Fisch in den Krug und warf erneut die Angel aus. Als er glaubte, dass Sokka außer Hörweite war, sprach er undeutlich mit sich selbst: "... wenn ich ... Nordpol zurückkehre ... Kyana ... kann sie das ..."
"Wer ist Kyana?"
Chang schreckte hoch und ließ die Angel fallen. "Was? Kyana? Wer soll das sein?"
"Du hast gerade diesen Namen gesagt. Wer ist Kyana?" Sokka kniff die Augen zusammen, sein Instinkt sagte ihm, dass er nun Katara beschützen musste - vor IHM.
"Wer ist sie? Deine Freundin? Deine ... Verlobte?" Bei dem Wort "Verlobte" zuckte Chang zusammen. "Nein ..."
"Ach nein? Glaubst du, ich bin blöd?"
"Ja ... ähhh ... nein ..." stammelte Chang ... er wirkte plötzlich nicht mehr so großspurig.
Sokka packte ihn und zog ihn hoch. "Gib mir einen Grund, warum ich dich nicht in das Eisloch werfen soll." knurrte er. Eines war sicher, jetzt hatte er genug: er hatte Chang nie wirklich getraut, aber mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Wie konnte der Krieger aus dem Norden Katara das antun? Aber bevor Sokka seine Drohung in die Tat umsetzen konnte, hörte er jemanden schreien. "Sokka! Was soll das, lass ihn los!" Es war Katara, die aus ihrem Zelt gekommen war und nun sah, wie ihr Bruder Chang am Kragen gepackt hatte. "Katara, halt dich da raus!" rief er zurück. "Es ist MEIN Freund! Lass ihn los!"
"Wusstest du, dass dein 'Freund' bereits verlobt ist?"
"Hör nicht auf ihn, Katara! Mein Herz gehört dir!" brachte Chang hervor; es klang verzweifelt.
"Lass ihn los, Sokka!" Katara rannte auf ihren Bruder zu und bändigte eine Wasserpeitsche und traf ihn schmerzhaft an den Schultern. Er ließ Chang los, der jetzt die Gelegenheit ergriff: Bevor Sokka auch ein weiteres Wort sagen konnte, trat der Krieger des nördlichen Wasserstammes zu; sein Gegenüber stürzte auf den Boden und hielt sich das linke Bein. Genau jenes Bein hatte er sich vor vier Jahren gebrochen, und nun war der Schmerz zurückgekehrt.
Katara lief auf Chang zu und umarmte ihn kurz. "Sokka, was ist in dich gefahren?"
"Frag doch deinen 'Freund'." Er biss die Zähne zusammen, um nicht vor Schmerz aufzustöhnen. "Frag ihn doch, wer 'Kyana' ist."
Nach diesem kleinen Kampf hatte sich Sokka von einem Heiler versorgen lassen; Katara hatte seit dem kein einziges Wort mehr mit ihm gewechselt. Statt dessen schien sie nun darauf zu drängen, sich mit Chang zu verloben, der hatte natürlich allerlei Ausflüchte gefunden, um eine eindeutige Antwort zu vermeiden.
Er sah noch einmal auf die Trümmer hinab. Er hoffte, Aang würde endlich an den Südpol zurückkehren und dann würde der junge Krieger alles versuchen, damit seine Schwester und der Avatar wieder mit einander reden. Was Chang betraf: Vielleicht war der Luftbändiger die Lösung für dieses Problem. Vielleicht genügte seine Anwesenheit und eine Entschuldigung, um Katara von der Falschheit ihres "Freundes" zu überzeugen.
Sokka setzte schließlich seinen Lauf fort und lief noch ein Stück nach Westen, bevor er schließlich einem eingeschnittenen Tal folgte und den Rückweg antrat. Nach einer Weile erreichte er endlich den Eingang seines Dorfes, von welchem er losgelaufen war. Dort sah er Katara: in ihrem Gesicht konnte er erkennen, dass etwas vorgefallen sein musste.
-O-
Der Tee war kalt, als Iroh mit seinen Ausführungen am Ende war: "... und aus dem Grund solltest du zu erst dein eigenes, inneres Gleichgewicht finden. Erst dann wirst du in der Lage sein, die beiden anderen großen Pflichten zu erfüllen: die beiden Welten gegeneinander ausbalancieren und dieses Gleichgewicht erhalten." Der alte General erhitzte seinen Tee mit Feuerbändigen und nahm einen Schluck.
Aang indessen schaute auf das Pai Sho Spielfeld; noch immer zeigte es den zwölfblättrigen Lotus.
"Also werde ich zum Südpol reisen, mit Katara und Sokka sprechen und sie auf eine neue Reise mitnehmen." bemerkte der junge Luftbändiger.
Iroh nickte zustimmend: "Sehr gut, Aang. Die beiden wirst du nicht nur brauchen, um deine Aufgabe zu erfüllen, sondern auch, um mit dir selbst ins Reine zu kommen."
"Dann ist es beschlossen, Iroh. Morgen früh werde ich aufbrechen. Danke, du hast mir sehr geholfen." Der Avatar stand auf und verneigte sich vor seinem Gegenüber.
"Warte, Aang. Bevor du aufbrichst, gibt es noch eine wichtige Sache. Kennst du den Orden des weißen Lotus?" Aang nickte. "Gut. Nimm diesen Stein. Die Begrüßungsformel kennst du bereits, ebenfalls den Brauch, sie bei einem Spiel Pai Sho aufzusagen."
Der weiße Stein zeigte das Zeichen des Lotus auf beiden Seiten, stellte der junge Luftbändiger fest. "Warum ich? Warum weihst du mich in den Orden ein?"
"Weil der Avatar den Orden dereinst gegründet hat. Aang, seit vielen Zyklen schon existiert der Geheimbund, er schützt das Wissen und die Schönheit der Welt auf seine Weise und unterstützt den Avatar bei seiner Aufgabe. Nutze diese Verbindung, wenn du nicht mehr weiter weißt." Mit diesen Worten trat der alte General auf Aang zu und umarmte ihn. "Viel Glück."
Als der Avatar die Teestube verließ, war die Sonne beinahe untergegangen. Irgendwie erinnerte ihn dieser Moment an jenen, den er mit Katara nach Ende des Krieges genossen hatte. Hier an der Brüstung vor dem Jasmindrachen hatten sie gestanden und sie hatten sich geküsst.
Aber ob sie noch immer so empfand, konnte Aang nicht sagen, doch nun hatte er sich entgültig entschieden: er wollte nicht länger vor ihr davonlaufen. Mit diesem Gedanken lenkte er seine Schritte in Richtung seines Hauses, die Straße hinab.
Endlich erreichte Aang sein Ziel, öffnete die Tür und ging hinein. Dort fand sich auf dem Tisch eine Schriftrolle, daneben ein seltsames Gerät. Es war ganz aus Metall gefertigt und erinnerte ein wenig an den Zeitmesser, den Sokka am Tag der Invasion benutzt hatte.
Aang legte das merkwürdige Ding zur Seite und widmete sich der Rolle. Sie war von Teo's Vater, dem genialen Erfinder und Mechaniker.
Hallo Aang,
Der Brief hier wird dich sicher erreichen, denn der Brieffalke, den ich dir schicke, ist außergewöhnlich klug und schnell - es gibt keinen besseren.
Ist dir das Gerät aufgefallen, das ich dir mitgeschickt habe? Es kann Metalle aufspüren, die sich hinter Wänden oder unter dem Boden befinden, vielleicht wird es nützlich sein.
Es gibt jedoch noch etwas wichtiges: während meiner Forschungen im nördlichen Lufttempel habe ich eine uralte Schriftrolle entdeckt. Ich weiß nicht, wie alt sie ist, aber das Siegel war aus blau-goldenem Wachs und ungebrochen. Nun, ich war neugierig und habe versucht, die Schriftzeichen zu lesen, aber ohne Erfolg. Die letzten Zeichen aber waren verständlich, ich habe sie niedergeschrieben. Sie scheinen eine Art Prophezeiung zu enthalten, aber lies selbst:
"Wenn der letzte seines Volkes, auferstanden aus einem langen Schlaf, das dunkle Übel besiegt, wird das alte Zeitalter der Dunkelheit beendet und er der erste seines Volkes sein."
Aang, ich weiß nicht, was dies bedeuten kann, aber nach dem, was du mir einst erzählt hast, könnte diese Prophezeiung auf dich hindeuten. Leider fürchte ich, dass ich dir diese Schriftrolle nicht zuschicken kann, denn das Papier bricht unter meinen Fingern. Doch vielleicht gibt es noch weitere Abschriften in den anderen Tempeln.
P.S. Teo hat einen neuen Gleiter für dich konstruiert, der nun auch zwei Personen tragen kann.
Aang rollte die Schriftrolle zusammen und konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Der Mechaniker, dessen Namen er noch immer nicht kannte, hatte ihm also dieses Gerät geschickt und ihm auch einen Hinweis gegeben, wonach er suchen sollte. Natürlich gab es Abschriften von alten Prophezeiungen, vielleicht im südlichen Lufttempel. Seine Freunde würden mit ihm auf ein neues Abenteuer gehen, wenn er sie denn fragen würde. Doch noch war er sich nicht sicher, ob sie ihm folgen wollten.
Plötzlich bemerkte Aang, wie müde er war. Er zog sich in seinen Raum zurück und legte sich ins Bett. Momo floh noch rechtzeitig vom Kissen; der Luftbändiger hatte ihn in der Dunkelheit nicht bemerkt.
Morgen endlich wollte er aufbrechen: Appa war ausgeruht und alles, was für die mehrtägige Reise notwendig war, hatte Aang besorgt.
