Harry Potter and the Paradigm of Uncertainty
Autor: Lori Summers
Deutsche Übersetzung: Dani und Alina
http://www.HarryPotter-Translations.de
2. Auflage, Juli 2007
Disclaimer:
Diese Geschichte basiert auf Situationen und Charaktere, die das geistige Eigentum von Joanne K. Rowling sowie von verschiedenen Verlegern (z.B. Bloomsbury Books, Scholacsti Books, Carlsen Verlag, etc.) sind. Weder die Autorin, noch die Übersetzer dieser Geschichte verdienen Geld damit und es liegt nicht in ihrer Absicht Copyrights oder Warenzeichen zu verletzen.
Hinweis für Minderjährige:
Diese Geschichte spielt einige Jahre nach Harry Potter und der Stein der Wesen.
Aufgrund dessen handelt es sich um eine Geschichte für Volljährige Leser.
Um dies genauer zu begründen: Die jeweiligen Charaktere sind nun erwachsen. Das bedeutet, dass in ihrem Leben auch Krieg, Gewalt und Sex eine Rolle spielen, nur um einige zu nennen.
Komplex:
Harry Potter and the Paradigm of Uncertainty ist der erste Teil der Trilogie von Lori Summersund wird von Dani und Alina übersetzt. Der zweite (the Show that never ends) und dritte (Hero with a thousand faces) werden übersetzt von Claudia, Lilly Black, Nicole, Katrin und Stephanie. HWTF wird zukünftig noch übersetzt und dann auch online gestellt, ebenso die vorhandenen Cookies.
Wer dann immer noch nicht genug hat, kann zudem die „Vorgeschichte" von POU lesen.
Diese wurden jedoch nicht von Lori Summers geschrieben, sondern sind 2 eigenständige Geschichten von Penny und Carole und lauten „A Sirius Change" und „A Sirius Affair".
Wir wünschen euch viel Spaß beim lesen.
Drittes Kapitel:Ein Musterbeispiel an Ungewissheit Übersetzt von Dani und Alina
Im Traum war Hermione in der Kammer des Schreckens. In Wirklichkeit hatte sie nie einen Fuß in die Kammer gesetzt... aber sie hatte von Ginny und Harry so viel darüber gehört, dass sie sich manchmal fühlte, als hätte sie diese Erfahrung mit ihnen geteilt. Sie stand ungesehen in einer Ecke, als Harry den Basilisken bekämpfte; nur dass es nicht der vorpubertäre Harry war, der es wirklich getan hatte, sondern der erwachsene Harry, den sie heute kannte, und aus irgendeinem Grund trug der Traum-Harry immer noch den Schnauzer und Spitzbart, die sich der wirkliche Harry schon vor Jahren abrasiert hatte (letztendlich war er es leid, ihre Späße zu hören, er würde aussehen wie Mephistopheles). Die riesige Schlange wand und schlängelte sich und Harry tänzelte aus ihrer Reichweite, schwang Godric Gryffindors juwelenbesetztes Schwert und ließ seine Robe hinter sich herwirbeln. Eine Frau lag bewusstlos auf dem Boden, aber anstelle von Ginny war es Cho, die in ihre blau-orangenen Quidditchroben gekleidet war. Plötzlich richtete der Basilisk seine leuchtenden Augen auf Hermione; sie schrie vor Entsetzen auf, denn anstelle der gelben Schlitze hatte der Basilisk freundliche blaue Augen. Während sie ihn ansah, zog sich seine lange Schnauze zurück und seine grüne Haut verblasste... und plötzlich starrte sie in das Gesicht von Ron Weasley dort auf dem Hals der Schlange. Sie streckte ihren Arm aus, um seine Wange zu berühren, aber bevor sie es konnte, ertönte ein Rauschen und das Geräusch von Metall gegen Fleisch und der Kopf des Basilisken fiel hinab. Sein Körper krümmte sich auf dem Boden und entblößte Harry, der hinter ihm stand, das triefende Schwert baumelte lose in einer Hand. Er sah hinab auf die Schlange, die Rons Gesicht getragen hatte, und schrie, das Schwert fiel scheppernd auf den Steinboden.
Hermione schreckte auf, ein unangenehmer Film öligen Schweißes bedeckte ihren Körper und sie schluchzte. Sie setzte sich zitternd auf und zog die Decke bis zu ihrer Brust, ihr Kopf pochte und pochte... sie blinzelte und sah sich um. Das Pochen war nicht bloß in ihrem Kopf, jemand war an der Vordertür und hämmerte mit etwas dagegen, das sich nach einem Hammer anhörte.
Hermione schwang ihre Beine aus dem Bett und zog ihre Robe über die Schultern, als sie die Tür zu ihrem Schlafzimmer aufzog und in die Galerie hinauseilte. Ihr Zimmer war ovalförmig und bildete das zweite Geschoss einer der drei Türme der Villa; es lag direkt an der Wohngalerie, ein langer, komfortabel möblierter Flur, der an einer Seite offen war und den Blick auf den Wintergarten freigab. Lauras Zimmer war am anderen Ende der Galerie; ihre Schlafzimmertür stand offen und Hermione konnte ihre schnellen Schritte die gewundene Haupttreppe hinabgehen hören. Die Tür zum Ostflügel im zweiten Stock schwang auf und Justin kam mit freiem Oberkörper herausgestolpert, rieb sich die Augen und zog seine Pyjamahose hoch. „Wassurhölleishierlos?", nuschelte er. Sie hörten Laura die Haustür öffnen. Hermione flog die Treppe hinab, ihr Seidenumhang wogte hinter ihr her.
„Was hat das zu bedeuten, dass Sie mitten in der Nacht an unsere Tür hämmern?", fragte Laura schrill. Hermione kam neben ihr an. In der geschützten Vorhalle stand ein großer, schmutziger Zauberer mit einem Besen in der Hand, sein Hut und Umhang waren von dem kalten, stürmischen Regen, der vom Nachthimmel fiel, durchnässt. „Was wollen Sie?"
„Wohnt hier eine Dr. Granger?", sagte der Bote.
Hermione trat vor und zog ihre Robe fester um ihren Körper. „Ich bin Dr. Granger." Der Zauberer händigte ihr eine feuchte Nachricht aus, drehte sich dann ohne ein weiteres Wort um, bestieg seinen Besen und flog davon. Hermione öffnete die Nachricht. Justin hatte den Weg die Treppe hinab gefunden und er und Laura sahen Hermione an, während sie die Nachricht las.
„Was steht drin?", fragte Laura mit gedämpfter Stimme. Hermione seufzte und zerknüllte die Nachricht in ihrer Faust.
„Es geht um Harry", sagte sie. „Er ist tot."
Lupin saß in einem höchst unbequemen Stuhl und wartete. Er behielt nur mit Mühe die Fassung und er war sich nicht sicher, ob er die Kontrolle über sich selbst behalten würde, wenn er Hermione sah. Harrys Körper lag in der Krankenstation, bedeckt mit einem Laken, und wartete auf die gerichtsmedizinische Untersuchung um die genaue Todesursache zu bestimmen... natürlich war es nicht ihre Krankenstation. Sobald sein Tod festgestellt worden war, wurde die gesamte ‚Dog-and-Pony-Show' in eine zivile medizinische Einrichtung mit normalen Medizauberern verfrachtet, damit, wenn seine Mitbewohner ankamen, sie keinen Blick auf diesen streng geheimen Ort und seine Mitarbeiter werfen konnten. Argo war gekommen, um sie zu treffen, wie immer beunruhigt über die Aufrechterhaltung der Geheimhaltung von Harrys Job. Darüber machte sich Lupin keine Sorgen. Es gab hier sowieso nichts, dass sie verraten könnte. Hermione und die Anderen wussten, dass Lupin und Harry manchmal zusammen arbeiteten, also würde seine Anwesenheit nicht seltsam erscheinen. Als ob noch irgendetwas wichtig war, jetzt, wo Harry nicht mehr da war. Lupin war kurz davor, einfach mit der Wahrheit herauszuplatzen, so dass Harrys Freunde wenigstens den kargen Trost haben würden zu wissen, wie er die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte.
Nachdem Harry im Flur das Bewusstsein verloren hatte, hatten ihn Lupin und Argo in den Krankenflügel schweben lassen, wo die Ärzte sich sofort daran machten, ihre Zauberstäbe und Tränke herauszuholen und sich gegenseitig Sprüche und Anweisungen zuzurufen. Harry hatte dort unbeweglich und teilnahmslos gelegen, seine Haut war immer blasser und blasser geworden. Die Ärzte waren panisch geworden, als sein Atem flach wurde und schließlich ganz ausblieb. Zuletzt hatten sie auf künstliche Beatmung im Muggelstil zurückgegriffen, aber vergebens... sein Herz hörte auf zu schlagen und er starb, so einfach war es. Lupin hatte wie betäubt in der Ecke gestanden und zugesehen, wie sie das Laken über Harrys lebloses Gesicht zogen. Argo war aus dem Zimmer geflohen, um einen Boten zu Harrys Haus zu schicken, weil sie diese Neuigkeit keiner Eule anvertraute, die abgefangen werden konnte. Es verärgerte Lupin, dass im Angesicht des Todes eines Freundes ihr erster Gedanke immer noch die Sicherheitsstufe war, obwohl er verstehen konnte, wieso sie so handelte. Die Bekanntmachung, dass Harry Potter tot war, würde den weit verbreiteten Kummer, den Dumbledores Tod auslöste, wie ein Picknick im Park erscheinen lassen.
Laute Stimmen aus dem Flur ließen Lupin sich aus seinem Stuhl erheben, als sich die Tür öffnete und Hermione hereinschritt, in einer aggressiven, besorgten Art und Weise und mit einem versteinerten Gesichtsausdruck. Hinter ihr folgten zwei weitere Mitbewohner Harrys, die geschockt und bekümmert aussahen. Hermione sah einfach nur ungeduldig aus, auch schien sie nicht besonders überrascht zu sein, Lupin zu sehen. „Remus", sagte sie. „Wo ist er?"
„Hermione..."
„Ich muss ihn sehen. Jetzt." Ihr Ton ließ keine Widerrede zu.
„Ich bin mir nicht sicher, ob das...", begann Pfaffenroth.
„Sie verstehen nicht", fuhr Hermione scharf fort. „Wer auch immer Sie sind und welchen Einfluss sie auch immer zu haben gedenken, sie werden mich unverzüglich zu seiner Leiche führen, ansonsten werden die Worte ‚es tut mir leid' nicht im Entferntesten beschreiben, wie Sie sich fühlen werden."
Argo hielt für einen Moment inne und trat dann zur Seite, um Hermione durchzulassen. Sie nahm ihre schnellen Schritte wieder auf und wartete kaum darauf, dass man ihr den Weg wies.
Die Gruppe erreichte die Krankenstation, aber die tränenreiche und emotionale Szene, die Lupin befürchtet hatte, stellte sich nie ein. Anstatt beim Anblick des lakenbedeckten Körpers zusammenzubrechen, hielt Hermione lediglich kurz inne, ging dann direkt darauf zu und zog das Laken mit einer schnellen Bewegung zurück. Die anderen blieben geschockt im Türrahmen hängen. Hermione beugte sich über Harrys Körper, legte ihr Ohr auf seine Stirn und betastete seine Schultern mit ihren Fingerspitzen... Lupin bemerkte, dass sie ihn auf etwas untersuchte. „Hermione... was soll das alles?", fragte er und trat einen Schritt vor.
Sie öffnete eins von Harrys Augenlidern und blickte hinein, sie schien Lupin überhaupt nicht gehört zu haben. Laura trat an die andere Seite des Bettes und ließ ihren Tränen nun freien Lauf. „Herm, er ist tot. Tu dir das nicht an."
„Lass sie es sich ansehen, wenn sie es muss", sagte Justin.
„Das kann nicht gesund sein", fuhr in Laura an. „Wir sollten jegliche Untersuchung den Experten überlassen."
Justin drehte sich zu Lupin um. „Was um alles in der Welt ist passiert?"
„Ich weiß es nicht. In der einen Minute ging es ihm noch gut, in der nächsten griff er sich unter schrecklichen Schmerzen an die Stirn, und dann brach er einfach zusammen."
„Irgendeine Ahnung, was das verursacht haben könnte?"
„Er ist nicht tot." Diese vier einfachen Wort, die ersten, die Hermione gesprochen hatte seit sie das Zimmer betreten hatten, brachten jegliche andere Konversation zum Verstummen.
Lupin starrte sie bloß an. „Wie bitte?"
„Oh, du hast mich schon gehört! Er ist nicht tot, Remus. Ich habe geahnt, dass er es nicht ist, deshalb musste ich ihn sehen. Es wurde erarbeitet, um jegliche Ermittler zu täuschen, sogar Ärzte, solange sie nicht wissen, wonach sie suchen müssen."
„Wovon redest du?", sagte Laura. „Sieh ihn dir an! Er ist tot!"
„Nein, Laura. Er ist in einer selbst hervorgerufenen todesnachahmenden Starre." Sie blickte in die Runde und sah in jedem Gesicht beinahe identische Ausdrücke fassungsloser Verwirrung.
„Wie bitte?", sagte Justin.
„Eine selbst hervorgerufene todesnachahmende Starre. Es ist eine Art Trance. Ich weiß es, weil ich ihm geholfen habe, den Spruch zu kreieren, der es auslöst. Es ist eine magische Verteidigung gegen mentale Attacken. Wenn sein Geist irgendwelcher Magie ausgesetzt wird, die mächtig genug ist, ihn zu schädigen, tritt der Spruch automatisch in Aktion und leitet alle Gehirn- und Körperfunktionen in eine Art Warteschleife, die ihn beschützt bis die Gefahr vorüber ist." Sie beugte sich wieder über ihn. „Irgendwann wird er von selbst daraus erwachen, aber ich kann ihn auch jetzt wecken." Sie zog sich einen Hocker ans Bett und nahm ihren Zauberstab aus dem Halfter.
Die vier Zuschauer beobachteten schweigend, wie Hermione eine Hand auf Harrys Stirn legte und ihren Zauberstab über seine Brust erhob und ihn in kleinen, achterförmigen Bewegungen bewegte. Sie starrte auf einen Punkt auf der gegenüberliegenden Wand, ihre Augen verengten sich, als sie sich konzentrierte, und sie murmelte leise einige Worte. Ihr Zauberstab begann, eine Spur warmen gelben Lichts zu ziehen, als er seinen Mustern in der Luft nachging; ihre Augen wandten sich ab, um Harrys Gesicht anzusehen. Sie senkte ihren Zauberstab auf die Haut an seinem Oberkörper und brannte das achterförmige Muster in seinen Körper; die leuchtenden Linien sanken in sein Fleisch und breiteten sich aus, wobei sie seinen Körper in einem warmen Leuchten erstrahlen ließen. Kleine, scheinende Energiepunkte begannen in der Luft um sie herum zu erscheinen und wurden zu Hermiones Zauberstab heruntergezogen, wo sie in Harry hineinflossen; sie wurden zahlreicher und schneller, bis sie nach einigen Augenblicken zu einer blendenden Flut von Licht wurden, die aus dem umliegenden Raum in seinen Körper rauschten. Hermione schien außer Atem zu sein, sie atmete keuchend als das Leuchten allmählich verschwand.
Alle standen regungslos da, den Atem angehalten, und warteten darauf, dass etwas passierte. Hermione hob ihren Kopf und entfernte ihren Zauberstab von Harrys Brust. „Wach jetzt auf, Harry", sagte sie leise.
Seine Brust hob sich gehorsam und er atmete tief ein. Seine Haut bekam wieder ihre rosa Farbe. Hermione seufzte erleichtert. Sie steckte ihren Zauberstab zurück in den Halfter und hob ihre Hand von Harrys Stirn. Seine Narbe war tiefrot und stach in einem starken Kontrast zu der blassen Haut um sie herum hervor. Die anderen traten verblüfft näher. Ein Puls schlug an seinem Hals, und während sie ihn ansahen, bewegten sich seine Wimpern und er öffnete seine Augen.
„Heilige Scheiße", flüsterte Justin.
„Kannst du mich hören?", sagte Hermione zu Harry mit leiser, ruhiger Stimme. Er nickte langsam und sein Blick wurde wieder klarer. „Weißt du, wie du heißt?"
Er schluckte. „Potter...", krächzte er. Er räusperte sich, und als er wieder sprach, klang es viel mehr nach ihm selbst. „Potter, Harold James."
„Das stimmt. Weißt du, wer ich bin?"
Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Hermione." Er drehte ein wenig den Kopf und sah sie an. „Es hat wohl funktioniert."
„Natürlich hat es das, du Blödmann."
Laura richtete sich auf und sah Lupin und Argo an. „In Ordnung, jetzt hätte ich gerne ein paar Antworten. Wer seid ihr denn und wie um alles in der Welt ist das passiert? Ich meine..." Sie wäre fortgefahren, aber Justin nahm sie fest am Arm. „Justin! Das ist lächerlich! Sie sagen uns gar nichts, wir sollten..."
„Ich werde es dir später erklären", sagte er leise. Lupin beobachtete mit verdächtigendem Blick, wie Justin Hermione einen vielsagenden Blick zuwarf. Sie wissen es, dachte er. Sie wissen von Harrys Job, aber Laura nicht.
„Ich glaube, wir sollten dem Chef seine Ruhe gönnen", warf er ein und versuchte, Pfaffenroth auf telepathischem Weg Anweisungen zu geben, was früher nie funktioniert hatte und jetzt auch nicht funktionierte. Glücklicherweise schien sie seiner Meinung zu sein und wandte sich, um den Raum zu verlassen. Wahrscheinlich hat sie Besseres zu tun, dachte er, doch er tadelte sich dann für den unbarmherzigen (wenn auch wahrscheinlich wahrheitsgemäßen) Gedanken.
Hermione setzte sich wieder auf den Hocker. „Geht ihr nur, ich komme später nach. Ich sollte bei ihm bleiben", sagte sie. Justin nickte und zerrte Laura, die den ganzen Weg über protestierte, hinaus auf den Gang. Lupin ging als letzter; die Tür schloss sich hinter ihm und er lehnte sich gegen die Wand, während die Erleichterung ihn von Kopf bis Fuß durchströmte.
Hermione half Harry, sich aufzusetzen, legte ihm Kissen hinter den Rücken und zauberte ihm einen Schlafanzug zum Tragen herbei. Als diese Aufgaben vollbracht waren, saß sie einige Augenblicke still da und überlegte, wie sie dieses Gespräch am besten in Angriff nehmen sollte. Harry sah sie nicht an; sie hatte das Gefühl, er hatte Angst vor dem, was er in ihrem Gesicht sehen würde, wenn er zu genau hinsah.
„Geht's dir gut?", fragte sie schließlich.
Er nickte. „Ich bin ganz schön kaputt, aber sonst in Ordnung. Wenigstens wissen wir, dass der Spruch funktioniert."
„Ich hätte darauf verzichten können, das auf diese Art herauszufinden", sagte sie. „Ich glaube aber, wir müssen den Zauber noch verändern. Was, wenn ich nicht da gewesen wäre? Man hätte angenommen, du seiest tot und hätte dich wahrscheinlich lebendig begraben, bevor du zu dir gekommen wärst."
„Nicht gerade etwas, das ich unbedingt erleben muss."
„Was hat dich angegriffen?"
Er schüttelte den Kopf und sah aus dem Fenster. „Ich bin mir nicht sicher."
„Lupin hat gesagt, der Schmerz hat in deiner Narbe angefangen. Das ist nicht mehr passiert seit..." Sie beendete den Satz nicht, es war gar nicht nötig. Sie wussten beide, dass seine Narbe gewöhnlich wehtat, wenn Voldemorts Lakaien in der Nähe waren.
„Es hätte eine äußerst böse Macht gewesen sein müssen, um so eine Reaktion auszulösen." Er sah aus, als wollte er noch mehr sagen, aber konnte es nicht, ohne sein Geheimnis zu lüften. Ein weiteres Schweigen zog sich lange hin, bevor Harry begann, sich unbehaglich im Bett zu winden. Sie sagte nichts, da sie es nicht leichter für ihn machen wollte. Schließlich seufzte er tief und sah ihr in die Augen.
„Ich kann mir vorstellen, dass du tausend Fragen hast", sagte er.
„Wie zum Beispiel?"
„Oh, ich weiß nicht... wie zum Beispiel, was das hier für ein Ort ist? Wie bin ich hierher gekommen? Wohin gehe ich, wenn ich tagelang weg von Zuhause bin? Was zum Teufel ist mit meinem alten Feuerblitz passiert?"
Sie nickte. „Nun, ich überspringe mal diese ganzen kleinen Fragen und gehe direkt über zur zehntausend Pfund- Frage, okay?" Harry nickte. Sie atmete tief ein und nahm all ihren Mut zusammen. „Harry... bist du ein Spion?"
Bei den Hunderten von Malen, die sie sich schon vorgestellt hatte, ihm diese Frage zu stellen, hatte sie eigentlich gedacht, dass sie sich jede mögliche Reaktion ausgemalt hätte, aber sie hätte niemals gedacht, dass es gar keine geben würde. Er saß nur da und starrte sie ruhig an, und ihre Worte hingen in der Luft wie der unangenehme Geruch von verbranntem Popcorn. Schließlich wandte er seinen Kopf leicht ab und sie konnte sehen, wie die sich die Muskeln seines Kiefers anspannten. Er sah sie wieder an, ein kleines, sardonisches Lächeln in seinem Gesicht. „Ich mag diesen Ausdruck eigentlich nicht besonderes. Wir nennen uns lieber ‚Geheimdienst-Zauberer'."
Obwohl sie sich zu neunundneunzig Prozent sicher gewesen war, dass Cho ihr die Wahrheit gesagt hatte, hatte es einen seltsamen Effekt auf Hermione, ihn es sagen zu hören. Ihr letztes verbleibendes, hartnäckiges Bild von ihm als den kleinen Jungen, den sie einst gekannt hatte, wurde wie Glas zerbrochen. Vorher konnte sie beobachten, wie er größer wurde, seine Stimme tiefer, wie er Bartstoppeln bekam, wenn er sich nicht rasierte, und wie sein Gesicht kantiger wurde... aber auf irgendeine Art war er für sie immer noch der Junge, den sie im Zug getroffen hatte, der in Dudleys abgetragener Kleidung versank und nicht verstand, welchen Platz er in der Welt hatte, die er dabei war, zu betreten. Der Junge, der sie dafür gebraucht hatte, dass sie mit ihm schimpfte, weil er seine Hausaufgaben bis zur letzten Minute hinausschob, der ihre Warnung, sich nicht nach Hogsmeade zu schleichen, ignorierte, der mutig alles durchgestanden hatte, das andere sich niemals getraut hätten, einfach, weil er nicht wusste, wie man ein Feigling war.
Aber dieser Junge war nicht mehr da... und zum ersten Mal war ihr das wirklich klar. Harry war ein erwachsener Mann, mit der Verantwortung eines Mannes, und wahrscheinlich erinnerte er sich nicht einmal mehr daran, wie es gewesen war, zwölf zu sein, als seine größte Sorge daraus bestanden hatte, Slytherin im Quidditch zu schlagen... aber er wusste immer noch nicht, wie man ein Feigling war.
Jetzt wo sein Geheimnis enthüllt war, sah Harry gleichzeitig müde und ausgesprochen traurig aus, als ob er etwas verloren hätte, was sehr wertvoll für ihn gewesen war. „Ich hätte wissen müssen, dass ich dir das nicht verheimlichen konnte", flüsterte er.
„Hast du aber", sagte sie. „Ich hatte keine Ahnung."
Er runzelte die Stirn. „Wie hast du..."
„Cho hat es mir erzählt", sagte sie und versuchte ohne Erfolg, die Bitterkeit aus ihrer Stimme zu halten. Das blieb Harry nicht verborgen. Er lehnte sich vor und fixierte sie mit strengem Blick.
„Hermione", sagte er mit einem tadelndem Tonfall. „Bitte sag mir, dass du nicht für eine Sekunde geglaubt hast, dass ich es ihr sagen würde, während ich es dir verheimliche."
„Was sollte ich denn sonst glauben?"
„Hast du irgendeine Ahnung, wie viele sie Leute im Ministerium kennt oder mit wie vielen sie ausgegangen ist? Sie könnte es selbst herausgefunden haben... so muss es in der Tat gewesen sein, denn ich habe es ihr sicher nie gesagt. Ich habe es niemandem gesagt."
„Du hast es Lupin gesagt", sagte sie.
Harry lächelte. „Na ja, er arbeitet für mich. Ich konnte es nur schlecht verbergen."
Hermiones Mund klappte auf, dann schüttelte sie mit einem Seufzen den Kopf. „Oh Harry. Es gibt so viel, dass ich über dein Leben nicht weiß."
Er lehnte sich zurück und nickte zustimmend. „Das weiß ich, und es tut mir Leid. Aber das ist alles vorbei. Jetzt wo du es weißt, solltest du alles wissen. Egal, was du mich fragen willst, ich verspreche, dass ich dir die Wahrheit sagen werde."
Hermione dachte einen Moment nach. Nach Tagen des Rätselns und der Verwirrung war die plötzliche Konfrontation mit der Antwort auf jede Frage, die sie hatte, ein wenig verwirrend... sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. „Also... bist du wirklich ein Spion?", bekam sie irgendwie lahm zustande.
Harry schien weder die Wiederholung zu beachten noch korrigierte er ihre Wortwahl ein zweites Mal. „Das stimmt. Ich arbeite für die Geheimdienst-Abteilung (GA) des internationalen Bundes für Zauberei."
„Nicht für das Ministerium?"
„Nein. Die praktizieren nicht viel Spionage. Sie sind viel zu beschäftigt damit, uns vor den Muggeln zu verbergen, als sich darum zu kümmern, was im Geheimen in der Zaubererwelt vor sich geht."
„Wen spionierst du aus? Andere Zauberer?"
„Gewissermaßen. Über neunzig Prozent von dem, was wir tun, beinhaltet das Beobachten dunkler Mächte. Die meiste Zeit verbringe ich damit, nach dunklen magischen Aktivitäten und Zauberern, die auf die andere Seite übergegangen sind, zu suchen. Wenn ich sie finde, kümmere ich mit um sie."
Sie spürte einen Schauer ihren Rücken hinabwandern. „Dich um sie kümmern? Wie genau?"
Er wand sich im Bett. „Du fragst mich, ob ich schon einmal jemanden getötet habe." Sie zögerte und nickte dann. „Ja, habe ich", sagte er und sah sie direkt an. „Aber nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Mein Hauptinteresse liegt darin, Zauberer von dunkler Magie davon abzuhalten, so viel Macht zu entwickeln, dass sie zur wirklichen Bedrohung werden könnte. Wenn ich dunkle Zauberer finde, versuche ich sie davon abzuschrecken. Die meisten von ihnen sind bloß machthungrig und unsicher, es ist nicht viel nötig, sie zum Aufhören zu bringen... zumindest zeitweilig. Ansonsten nehme ich sie in Gewahrsam und sperre sie dort ein, wo sie keinen Schaden anrichten können."
„In Azkaban?"
„Oh nein. Azkaban ist für die Öffentlichkeitsarbeit und um Kinder zu erschrecken. Wenn ich einen schwarzen Zauberer beseitige, wird ihn niemand jemals wiederfinden. Deshalb versuchen wir festzustellen, dass er auch nicht rehabilitiert werden kann, bevor wir ihn einsperren." Er seufzte. „Aber es gibt Zeiten, da läuft nicht alles nach Plan. Wenn sie mich bekämpfen, habe ich keine andere Wahl als zurückzuschlagen. Wenn das passiert... nun, sie verlieren normalerweise." Er sagte dies ohne eine Spur Überheblichkeit, er schien es einfach zu bedauern, dass es je dazu kommen musste.
Hermione wollte einerseits dieses Thema weiterführen, andererseits aber auch wieder nicht. Sie entschied sich in diesem Moment für „nicht". „Wie lange tust du das schon?", fragte sie ruhig.
Er sah zur Seite. „Ich wurde fast ein Jahr nach unserem Abschluss rekrutiert." Hermiones Mund öffnete sich. „Ich weiß, ich weiß..."
„Acht Jahre?", rief sie aus. „Du hast es geschafft, dass acht Jahre von mir fern zu halten?"
„Es war nicht einfach, glaub mir. Nicht nur, weil du einfach viel zu schlau bist..."
„Versuch nicht, mir zu schmeicheln, das ist billig!"
„...sondern weil ich es dir sagen wollte, jeden Tag", fuhr er fort. „Ich habe vorher nie etwas vor dir geheim gehalten, und es gab Zeiten, in denen ich mich fragte, ob mein Beruf überhaupt real war. Wie konnte er es sein, wenn du nicht darüber Bescheid wusstest?" Hermione seufzte, einigermaßen besänftigt. „Erinnerst du dich an unsere erste Wohnung?"
„Wie könnte ich diesen vierstöckigen Klotz vergessen... aber es war ein schöner Ort. Der Dachgarten machten das Aufsteigen fast lohnenswert."
„Im ersten Jahr bin ich nahe dran gewesen, verrückt zu werden. Ich hatte so viele Jobangebote, dass es mir unmöglich war, sie auszusortieren, und ich hatte keine Ahnung was ich tun sollte. Und das Frustrierende daran war, dass keines dieser Angebote etwas mit mir oder meinen Qualifikationen zu tun hatte... die wollten einfach nur den Namen und die verdammte Narbe. Eines Tages, als du in der Uni warst, bekam ich Besuch..."
Harry richtete sich auf und streckte sich, sein Nacken war von der Sonne gewärmt. Er hätte einen Zauberspruch benutzen können, um den Garten zu jäten, aber das wäre zu schnell gegangen... in diesen Tagen war alles willkommen, was ihm die Zeit vertrieb. Er drehte sich um, um hinabzugehen und seine Hände zu waschen, und sprang dann mit einem kurzen Schrei zurück.
Direkt hinter ihm stand eine Frau. Sie hatte Durchschnittsgröße, eine streng zurückgekämmte Frisur und ein kräftiges, ausdrucksloses Gesicht. Sie sah ihn bloß an. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie dort gestanden hatte. „Herr Gott", keuchte er. „Sie haben mich zu Tode erschreckt!"
„Sind Sie Harold J. Potter?", fragte sie ihn, so ruhig als würden sie sich irgendwo in einem Park treffen.
„Ähm... ja."
Sie verengte ihre Augen und betrachtete ihn etwas genauer. „Können Sie sich ausweisen?" Ohne ein Wort hob Harry seinen Pony um seine Narbe zu entblößen. Die Frau erblickte sie und hob sie Augenbrauen. „Das sieht ja übel aus. Wie sind Sie denn dazu gekommen?"
Harry blinzelte bloß, vollkommen verblüfft, und ließ sein Haar zurück über seine Stirn fallen. „Sie wissen nicht..." Er räusperte sich. „Sie wissen nicht wer ich bin?"
„Nun, wenn sie Harold J. Potter sind, dann doch, tue ich. Wieso, sollte mir diese Narbe etwas sagen?"
„Sie sagt den meisten Leuten etwas. Ich bin..." Er zögerte wieder, weil er es nicht gewohnt war, diese Sache zu erklären. „Ich bin recht bekannt unter Zauberern."
„Ist das so? Ich komme nicht viel raus. Und ich versuche, so wenig Kontakt wie möglich mit normalen Zauberern zu haben."
Harry grinste, er genoss es. „Ich freue mich so, Sie kennen zu lernen", sagte er und meinte es auch. Er versuchte sich daran zu erinnern, wann er jemals einen Zauberer getroffen hatte, der keine vorgefasste Meinung von ihm hatte, scheiterte aber. Selbst die bei Muggeln aufgewachsene Hermione hatte in einem ihrer Bücher von ihm gelesen. „Also wer sind Sie dann?"
„Mein Name ist Pfaffenroth. Ich bin gekommen, um Ihnen einen Job anzubieten."
„Was für einen Job?" Er hatte noch nichts über ihr Angebot gehört, doch es war schon fesselnder als alle anderen Angebote, die er unten hatte.
Die Frau räusperte sich und begann langsam umherzuschreiten, ihre Hände waren auf professionelle Art und Weise auf ihrem Rücken gefaltet. „Ich arbeite für den Internationalen Bund der Zauberei. Ich bin Leiterin der Geheimdienst-Abteilung."
„Geheimdienst?"
„Das ist richtig."
„Was, Sie meinen wie 007?" Sie sah ihn bloß ausdruckslos an, offenbar verstand sie die Anspielung nicht. Harry formulierte es neu. „Spione?"
„Wir bevorzugen es, uns ‚Geheimdienst-Zauberer' zu nennen. Ich habe eine freie Stelle im ‚Department of Counterintelligence and Covert Operations', der Abteilung für Abwehrdienst und Untergrundtransaktionen. Sind Sie interessiert?"
Harry setzte sich überrascht auf die Kante des Daches. „Sie wollen, dass ich ein Sp... ein Geheimdienstzauberer werde, richtig? Nun, das ist wirklich mal was Neues." Er sah sie an. „Wenn Sie nicht wissen, wer ich bin, wieso sind Sie dann zu mir gekommen?"
Sie griff in ihre Tasche, zog eine Karte hervor und hielt sie ihm hin. Er nahm sie und stellte fest, dass es eine Tarotkarte war. Der König der Kelche, um genau zu sein. Er drehte sie um... auf der Rückseite stand in ordentlichen Druckbuchstaben sein eigener Name. „Was ist das?"
„Es ist eine Karte von einem verzauberten Tarotkartenset, das die Spur derer Zauberer verfolgt, die eine besondere Begabung für unsere Arbeit haben. Ich glaube, ein ähnliches Hilfsmittel kontrolliert die Zulassungen für Hogwarts, eine Feder, die den Namen von jedem geborenen, magischen Kind niederschreibt. Dieses Set kommt von dem selben Wahrsager, der auch die Feder entworfen hat. Immer wenn ich einen neuen Agent rekrutieren muss, nehme ich das Set und lege die Karten. Eine der Karten hat immer einen Namen aufgedruckt. Gestern nannte mir das Set Ihren Namen."
„Und Sie sind einfach hergekommen, ohne irgendetwas über mich zu wissen?"
„Das Set hat mich nie zuvor falsch geleitet. Ich selbst wurde vor Jahren von ihm ausgewählt."
„Also habe ich gar keine Wahl, richtig?"
„Natürlich haben Sie die Wahl. Das ist kein Befehl. Es steht Ihnen frei, ohne Konsequenzen abzulehnen. Eine Person muss diese Arbeit wollen, um erfolgreich zu sein. Es ist schwierig, mühsam und es ist gefährlich. Ich möchte Sie nicht, wenn Sie nicht die Neigung dazu haben. Ich weiß, dass Sie das Talent dazu haben. Haben Sie eine Ahnung, wieso das Set Sie ausgewählt haben könnte?"
„Nun, ja! Ich habe letztes Jahr Voldemort besiegt!"
Pfaffenroth nickte. „Oh, Sie waren das, richtig. Ich kann mir einfach keine Namen merken. Ich bin mir sicher, ich habe Ihren das ein oder andere Mal gehört. Nun, dann wäre es das."
Er sah zu ihr auf. „Wo ist der Haken?"
„Es gibt keinen Haken. Wenn Sie interessiert sind, kommen sie morgen früh zu dieser Adresse", sagte sie und gab ihm eine Karte. „Sie werden unverzüglich eingesetzt und Ihr Training wird beginnen. Sie sollten Ihre Beschäftigung geheim halten, aber das ist keine Pflicht. Viele unserer Agenten tun es, um ihre Familie und Freunde nicht zu gefährden." Sie schenkte ihm ein leichtes, blasses Lächeln. „Ich hoffe, ich sehe Sie morgen."
Und dann war sie weg, Appariert binnen eines Wimpernschlags.
„Du hast also den Job angenommen, weil Pfaffenroth nicht von dir gehört hatte?"
„Nicht ganz. Ich gebe zu, es war erfrischend, ausgewählt zu werden, weil ich für den Job geeignet war, und nicht weil mein Name Harry Potter ist. Und ich fand die Möglichkeit interessant. Ich war gut in Hogwarts, aber ich hatte immer das Gefühl, als wären meine einzigen Fähigkeiten Quidditch und das Böse zu bekämpfen. Wenn ich mit einer davon meinen Lebensunterhalt verdienen konnte, war ich dankbar für die Chance."
„Ich kann nicht glauben, dass sie nicht wusste, wer du warst. Ein Spion, der nicht weiß, wer Voldemort besiegt hat?"
„Ich fand später heraus, dass Argo in Wirklichkeit nur in der Verwaltung arbeitet. Sie ist seit Jahren nicht mehr im Außendienst eingesetzt worden. Als ich den Leuten unten bei der Strategie erzählte, dass sie es nicht gewusst hatte, haben sie sich fast totgelacht. Sie hatten mich seit Jahren beobachtet. Sie hatten eine Million Fragen über Voldemort."
„Lupin hat dich ‚Chef' genannt... bist du der Chef?"
„Ich bin nicht der Chef, aber ich bin ein Chef. Es stellte sich heraus, dass Argo Recht hatte, ich bin gut in diesem Job, gut genug, dass ich vor drei Jahren zum Leiter der Abteilung für Abwehrdienst und Untergrundtransaktionen ernannt worden bin. Es gibt sechs Abteilungen, jede mit ihrem eigenen Leiter, aber da meine Abteilung die größte und aktivste ist, darf ich automatisch den Titel „Chef" benutzen. Und wenn Argo etwas zustößt, übernehme ich die Leitung der GA. Was Lupin angeht, tja... das Kartenspiel hat ihn nicht ausgesucht, ich war das. Vor ein paar Jahren war ich in Rumänien und bin ihm begegnet, als er als Vampirjäger arbeitete. Er bekam nicht viele Jobs weil keiner wollte ihn engagieren. Er war fast am Verhungern. Ich konnte nicht anders, als mich daran zu erinnern, was für ein guter VgDK- Professor er gewesen war und wie viel er über die dunklen Mächte wusste, also bot ich im eine Stelle in meiner Abteilung an. Argo war nicht so begeistert, aber sie war optimistischer, nachdem er zwei anderen Zauberern bei seiner ersten Mission das Leben gerettet hat. Er ist verdammt gut. Ich bin erstaunt, dass das Kartenspiel ihn nicht von alleine ausgesucht hat."
Hermione lächelte. „Ich bin froh, dass du das getan hast. Ich hab mir immer solche Sorgen um ihn gemacht... es ist nicht seine Schuld, dass er ein Werwolf ist."
„Es ist eines der Dinge, auf die ich am meisten stolz bin."
Sie sah herab auf ihre Hände. Sie waren bei der schwierigsten Frage von allen angelangt. „Harry... warum hast du es mir nie gesagt?"
Er seufzte. „Ich weiß nicht, ob ich das mit Worten ausdrücken kann."
„Versuche es."
Er nickte und sah müder denn je aus. „In Ordnung." Er setzte sich aufrechter hin und nahm ihre beiden Hände in seine. „Die Arbeit, die ich mache, ist nicht, was du dir wahrscheinlich vorstellst, voller Verfolgungsjagden und glamouröser Orte und ruhmreicher Siege über das Böse. Ich muss untertauchen und mich unter das Böse und die, die ihm dienen, mischen. Es ist entmutigend und es gibt Zeiten, in denen ich mich nicht mehr wie ich selbst fühle... Zeiten, in denen ich mich nicht mal mehr menschlich fühle. Aber wenn ich nach Hause komme, erinnere ich mich daran, wer ich bin und an das, für dessen Schutz ich kämpfe, und ich fühle mich wieder menschlich. Ich konnte es dir nicht sagen, denn wenn du von meiner Arbeit gewusst hättest, hätte dich die Dunkelheit, die ich jeden Tag sehen muss, auch berührt. Du wärst mit allem belastest, das ich beim Heimkommen vergessen will. Ich musste dich und die anderen mich ansehen lassen können, ohne dass ihr eine Ahnung hattet, mit was für Leuten ich mich tagein tagaus umgeben muss, um meinen Job zu machen." Er hielt inne und sah hinunter auf die Bettdecke. „Der Mann, der den Großteil meiner Ausbildung übernahm, ist ein großartiger und sehr mächtiger Zauberer. Er heißt Eleutherios Mamakos, aber wir nennen ihn alle nur Lefty. Er hat mir viele Dinge beigebracht, aber das Wichtigste, was er mir beigebracht hat, war, dass jeder, der das tut, was ich tue, einen heiligen Ort braucht, der von den dunklen Mächten unberührt ist." Er sah in ihre Augen. „Du warst mein heiliger Ort, Hermione."
Sie blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten, unfähig zu sprechen, und hielt seinem Blick einige Sekunden lang stand... gerade so lange, bis es unangenehm wurde. Sie sahen beide zur Seite. „Harry... ich weiß nicht, was ich sagen soll..." Er schwieg und starrte herab auf ihre verschlungenen Hände. „Und jetzt, da ich es weiß, ist es ruiniert!"
Das löste eine Reaktion aus. Sein Kopf schnellte hoch, seine Augen glänzten. „Nein! Das darfst du nie denken! Ich bin froh, dass du die Wahrheit kennst, so froh! Auch wenn ich unbedingt mein Leben zu Hause von meiner Arbeit trennen musste, war es doch absolut schrecklich, die ganze Zeit lügen zu müssen und euch nichts davon mitteilen zu können, was ich tat. Auch wenn es schön war, in eine unschuldige Umgebung nach Hause zu kommen, wird es noch besser sein, nach Hause zu kommen und dir erzählen zu können, wo ich war und was ich getan habe!" Hermione lächelte. „Um die Wahrheit zu sagen, irgendwo im Hinterkopf hatte ich fast den Wunsch, dass du es irgendwie herausfinden würdest, auch wenn ich mich nicht dazu bringen konnte, es dir zu erzählen."
„Was ist mit den anderen?"
„Cho weiß es ja schon, oder?"
„Nun... Justin weiß es auch irgendwie."
„Okay, das sind vier von sechs. Ich kann es genauso gut auch George und Laura sagen. Es macht keinen Sinn, nur sie im Dunkeln tappen zu lassen."
„Und vielleicht..." Sie verstummte unsicher. Harry sah sie fragend an.
„Vielleicht was?"
„Vielleicht können wir dir helfen", endete sie und konnte ihm nicht in die Augen sehen. Harry lächelte.
„Was du meinst ist, dass du mir vielleicht helfen kannst."
„Das hab ich nicht gesagt."
„Nein, aber das hast du gemeint."
„Sag mir nicht, was ich meine oder nicht meine, Harry!"
Er fuhr unbeirrt fort. „Das hätte ich erwarten sollen."
„Warum?"
„Darum! Du hasst deine Arbeit, du bist enttäuscht von deiner Forschung und du hast das Gefühl, du gehst in einem staubigen, alten Büro ein, umgeben von staubigen, alten Büchern und noch verstaubteren Leuten."
Hermione starrte ihn mit offenem Mund an. „Woher... woher weißt du das? Das weiß niemand!", krächzte sie. Es war ihr größtes Geheimnis, eines, das sie sich selbst hatte kaum eingestehen können, und schon gar nicht jemanden anderes.
„Traue mir ruhig etwas zu, Geheimnisse sind schließlich meine Branche. Du kannst vielleicht die Anderen zum Narren halten, aber nicht mich, Hermione. Niemals mich."
Sie stand plötzlich auf und ging zum Fenster, ihre Arme vor der Brust verschränkt. „Es ist wahr", sagte sie. „Ich hasse es. Ich langweile mich zu Tode. Und das war angeblich mein Traumjob, die Karriere, die ich immer zu wollen geglaubt habe. Ein Leben voller Gelehrsamkeit und Forschung und intellektueller Herausforderungen." Sie lachte bitter auf. „Ein riesiger Witz, oder? Da stellte sich heraus, dass all die Gelehrsamkeit und all diese intellektuellen Herausforderungen nicht so verlockend sind, wenn sie keinen Nutzen haben." Sie drehte sich um und sah zu ihm herunter. „Weißt du, ich hab mich immer gefragt, warum mich der Sprechende Hut nach Gryffindor gesteckt hat. Ich habe fest erwartet, in Ravenclaw zu landen."
„Zusammen mit dem Rest der Intelligenzbestien."
„Genau. Tja, jetzt weiß ich es. Die intellektuelle Beschäftigung ist nicht genug für mich. Und es ist deine Schuld, du Idiot!", sagte sie und schlug ihm auf die Schulter. „Du hast mich verdorben mit all deinen Kreuzzügen und deinen mitternächtlichen Missionen und deinen Heldentaten!"
„Vielleicht hat dich der Hut deshalb nach Gryffindor gesteckt. Damit du verdorben wirst."
Sie seufzte. „Kannst du es mir übel nehmen, dass ich die Vorstellung, dir zu helfen, verlockend finde?"
„Nein, ich nehme es dir nicht übel. Ich denke nur nicht, dass du wirklich verstehst, was du da vorschlägst."
Sie ließ sich wieder auf den Rand des Bettes fallen. „Klär mich auf."
Er verweilte mit seinen Finger unter seiner Nase und dachte einen Augenblick lang nach. „Als ich mit meinem Training begann, sagte Lefty zu mir, ‚So sieht's aus, Potter. Lektion Nummer eins. Das erste, das du akzeptieren musst, ist, dass du dir bei nichts sicher sein wirst, nie wieder. Die Welt des Geheimdienstes bewegt sich innerhalb eines Unsicherheitsparadigmas. Das ist hier die Norm. Ahnungen, Indizienbeweise, ein Tipp aus dritter Hand von einer zweitklassigen Quelle... solcher Art sind die Tatsachen, mit denen wir handeln.'" Er sah sie an. „Du magst dich nach Abenteuern sehnen, aber wenn es etwas gibt, was in deiner Persönlichkeit wesentlich ist, ist es, dass du das Bedürfnis hast, sicher zu sein. Du musst die richtige Antwort haben. Das ist nichts Schlechtes, aber es ist etwas, dass du in meiner Branche nie haben wirst." Er warf die Bettdecke zurück, schwang seine Beine aus dem Bett und erhob sich, um seine Kleidung von einem Haufen auf einer Bank in der Nähe zu holen. Hermione widersprach ihm nicht... wie könnte sie? Er hatte absolut Recht. „Und selbst, wenn das nicht der Fall wäre, würde ich da nie mitmachen."
Das konnte sie in Frage stellen. „Ach wirklich? Und warum genau wäre das deine Entscheidung? Wie würdest du mich aufhalten?"
Er sah sie ausdruckslos an. „Ich könnte dich aufhalten."
„Ich glaube, ich bin eine erwachsene Frau."
„Mit keinerlei Erfahrung, keinem Training, und, entschuldige, dass ich das sage, keiner Ahnung, wovon sie redet. Ich werde dich nicht in Gefahr bringen. Ich bringe mich selbst oft genug für uns beide in Gefahr." Er zog sein Shirt über seinen Kopf und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
Hermione sagte nichts. Sie war sich nicht genau sicher, wie sie diesen Punkt bestreiten könnte, oder ob sie das überhaupt wollte. Sie hatte eine ziemlich klare Vorstellung, dass Harrys Arbeit eines der tausend Dinge war, die viel verlockender klangen, als sie wirklich waren. Sie stand auf und ging zu ihm auf die andere Seite des Bettes. „In Ordnung, vergiss, dass ich das zur Sprache gebracht habe. Aber ich denke schon, dass ich anfangen werde, nach einer anderen Art von Arbeit zu suchen."
„Dafür bin ich auch." Er lächelte sie an. „Ich bin froh, dass du es herausgefunden hast", sagte er leise. „Ich hasse es, Dinge vor dir zu verheimlichen."
„Ich werde daran denken, wenn ich mich das nächste Mal frage, wer meine Eiscreme gegessen hatte." Sie lachten beide und umarmten sich dann fest. Hermione hakte sich bei Harry ein, als sie den Raum verließen. „Großer Gott, Laura und Justin fragen sich sicher, warum um alles in der Welt wir so lange gebraucht haben."
„Ach, ich bin mir sicher, dass sie denken, dass wir es miteinander getrieben haben", sagte er beiläufig. Hermione blieb abrupt stehen, einen völlig geschockten Ausdruck auf ihrem Gesicht.
„Wie bitte? Warum sollten sie denn das denken?"
Er sah sie fragend an. „Na ja... die meisten Leute stellen sich vor, dass wir relativ regelmäßig Sex haben. Wusstest du das nicht?"
Ihre Kiefermuskeln spannten sich an und sie stemmte ihre Hände in ihre Seite, was er sofort als ihre „empörte" Pose erkannte. „Ich weiß ganz sicher nichts dergleichen! So eine Unverschämt- und Vermessenheit! Ehrlich, können zwei Menschen nicht eine enge, platonische Beziehung haben, ohne dass Leute allerlei ungerechtfertigte Unterstellungen machen? Man könnte gerade meinen, die Leute hätten nichts Besseres zu tun!"
„Wahrscheinlich haben sie das wirklich nicht. Und du musst zugeben, dass es keine so ungerechtfertigte Vermutung ist. Was würdest du fairerweise von einem Mann und einer Frau halten, die für acht Jahre ihres erwachsenen Lebens zusammen gewohnt haben?"
„Ich würde sicherlich nicht anfangen einfach mögliche, aber unhöflichen Vermutungen anstellen darüber, was sie oder was sie nicht miteinander getan haben! Jeder weiß, dass wir Freunde sind, das ist alles! Unser Zusammenleben ist immer finanziell und geografisch zweckmäßig gewesen, und ich habe lieber dich als Mitbewohner als irgendeinen Fremden, den ich auf der Straße gefunden habe! Um nicht die winzige Tatsache zu erwähnen, dass wir beide während diesen acht Jahren mit mehreren Leuten zusammen gewesen sind!"
Sie gingen weiter den Gang entlang bis zu dem Warteraum, in dem ihre Mitbewohner auf sie warteten. „Siehst du, das ist genau das, worüber ich geredet habe. Du musst schmutzige Gedanken haben, um ein Spion zu sein... das würdest du keine zwei Sekunden durchhalten. Du suchst immer nach der schmeichelhaftesten Erklärung für alles."
Sie seufzte und ging weiter, einen verdrossenen Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Ja, ich nehme an, ich bin echt ein Freak, weil ich so vertrauensselig bin."
Harry grinste und legte einen Arm um ihre Schultern, und seine gute Laune kam wieder zum Vorschein wie der Sonnenaufgang. „Auch wenn du ein Freak bist, ich liebe dich trotzdem genau wie du bist."
Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Siehst du, solche Kommentare bringen die Leute dazu, zu denken, wir treiben es heimlich miteinander."
„Oh, lass sie doch reden. Das macht uns interessanter, denkst du nicht?"
„Du musst nicht noch interessanter werden, Herr Chef-Spion-Zauberer oder wie auch immer du dich heutzutage nennst."
Er hielt sie wieder auf dem Gang an. „Hermione... ist dir klar, dass das das erste Mal seit Monaten ist, dass wir uns so richtig schön geneckt haben?"
Sie lächelte. „Klar. Ich hoffe, ich bin nicht aus der Übung."
„Ach nee, das ist wie Besenfliegen. Man vergisst nie, wie das geht."
Sie gingen weiter den Gang entlang und die verbalen Salven flogen wie Tennisbälle. Hermione fühlte sich federleicht. Sie hatte erwartet, dass sie sich betrogen fühlen würde, oder hintergangen oder auf eine andere Art vor den Kopf gestoßen, wenn sie mit der Wahrheit von Harrys geheimen Leben konfrontiert würde, aber statt dessen fühlte sie sich befreit... als ob sie ihren Harry wieder hätte. Er seinerseits schien sich wohler zu fühlen als er es seit langem getan hatte, aber was sie nicht besprachen, war ihnen immer noch bewusst. Die Frage, was genau Harry eigentlich angegriffen hatte und was das zu bedeuten hatte, hing über ihnen wie eine graue Sturmwolke inmitten eines klaren, blauen Himmels... und Hermione hatte sich schon insgeheim entschieden, dass sie einspringen und ihm helfen würde, wenn sie gebraucht wurde, egal, was er sagte.
