Es war gerade noch Zeit, sich schnell für das Mittagessen umzuziehen (Clarice bestand darauf) und sich dann unter Mrs. Reynolds Fittiche zu begeben. Wie schon zu erwarten gewesen war, ließ Fitzwilliam sich entschuldigen, er konnte nicht zusammen mit den Damen speisen. Mrs. Reynolds hatte daher bei Elizabeth anfragen lassen, ob es Recht sei, dass sie dann nicht im großen Speisezimmer aufdecken ließe, sondern im kleineren Frühstückszimmer. Elizabeth hatte nichts dagegen. Das Essen war ausgezeichnet, wie immer, trotz dass es kein extravagantes Abendmenu war, sondern lediglich aus Suppe, Fleisch und einer Gemüsepastete bestand.

Als Mrs. Reynolds abtrug, richtete sie dann abermals das Wort an die neue Hausherrin: „Ma'am, käme es Ihnen nun gelegen, die Wirtschaftsräume und Farmgebäude von Pemberley zu besichtigen? Es wäre mir eine große Ehre, Ihnen dies alles zeigen zu dürfen." Elizabeth faltete ihre Serviette zusammen und nickte dann: „Selbstverständlich, Mrs. Reynolds. Aber ich bitte Sie von Herzen, es mit der Anrede bei Mrs. Darcy zu belassen, sonst komme ich mir gar so grau und alt vor, wenn man mich ständig mit ‚Ma'am' betitelt." Mrs. Reynolds hatte den Anflug eines Lächelns in den Augenwinkel, als sie sich bereit erklärte, es mit der Anrede so zu halten.

Georgianas Klavierspiel hallte durch das Erdgeschoss, als Elizabeth sich Mrs. Reynolds anschloss. Zunächst war Elizabeth verwundert, dass man die große Treppe nach oben ging, anstatt sich dem Küchentrakt zuzuwenden. In einem Korridor im ersten Stock öffnete die Haushälterin eine Tür, dahinter verbarg sich ein zweites, einfaches Treppenhaus. Dort stiegen sie weitere Treppen hinauf, bis sie in einem Flur standen, von dem etliche Türen rechts und links abgingen.

Mrs. Reynolds deutete auf die Namensschilder neben den jeweiligen Türen. „Hier sind die Zimmer der Dienstboten von Pemberley. Nicht von allen, aber von den meisten. Einige wohnen natürlich direkt dort, wo sie ihren Dienst versehen. So wie die Pferdeknechte, sie haben ihre Stuben bei den Stallungen, oder der Obergärtner, er hat ein eigenes Cottage hinter den Küchengärten."

Sie öffnete eines der Zimmer, die alle im Dachgeschoß des Hauses lagen, es war geräumig genug, gut und sauber eingerichtet, man konnte wirklich nichts beanstanden. Mrs. Reynolds betonte noch, dass alle Zimmer die gleiche Größe und Ausstattung hätten, wofür die selige Mrs. Darcy gesorgt hatte, gleich welchen Rang die Dienstboten auf Pemberley bekleideten. Auf die wichtigsten Zimmer, wie das ihrige, oder das von Rodgers oder Clarice, wies Mrs. Reynolds Elizabeth hin, falls einmal ein Notfall vielleicht tief in der Nacht eintreten sollte, wusste sie nun, wohin sie sich dann wenden konnte.

Zur Teestunde war Elizabeth völlig erledigt. Treppauf, treppab, in die Küchen (es gab mehr als eine, welche Überraschung!), in die Vorratsräume, in die Wäscherei, durch die Gärten, in die Meierei, zu den Stallungen, zum Verwalter, zur Brauerei (Pemberley braute eigenes Bier und belieferte umliegende Gasthöfe damit!). Sie trank hastig eine Tasse Tee und biss zweimal in ein Eiersandwich, dann hatte sie nur noch den Wunsch, die Füße hoch zu legen und bis zum Dinner zu schlafen. Die Eindrücke von heute waren so mannigfaltig, dass sie sie kaum verarbeiten konnte. Was sie im Sommer hatte zu Gesicht bekommen, war wahrhaft nur die Spitze des Eisberges gewesen. Was sich hinter der prachtvollen Fassade verbarg, konnte sie damals nicht einmal annähernd erahnen.

Es hatte sich ihr eine reibungslose Organisation offenbart, wo ein Rädchen ins andere griff, damit alles einwandfrei funktioniert. Die meisten Bediensteten von Pemberley arbeiteten außerhalb des Hauses, und es waren deren unglaublich viele. Elizabeth war fast darüber erschrocken, wie vielen Menschen ihr Gatte ein Auskommen ermöglichte, wie viele von ihm abhängig waren, in Lohn und Brot bei ihm standen. Je mehr Elizabeth sich dessen bewusst wurde, desto unsicherer wurde sie. Wie sollte sie da den Überblick behalten? Der Verwalter, Mr. Portland, hatte sie zwar sehr höflich begrüßt und ihr versichert, dass er ihr jederzeit behilflich sein würde, aber es kam ihr alles wie ein unüberwindbarer, riesiger Berg vor.

Als sie sich zur Tür des Teesalons begab, um sich nach oben zurückzuziehen, stieß sie mit Fitzwilliam zusammen, der noch in Reitkleidung hereinkam, um den Tee zu nehmen. Es war das erste Mal seit den Morgenstunden, dass das Ehepaar aufeinander traf. Er hielt seine Frau auf Armeslänge von sich entfernt und beobachtete sie kritisch.

Dann beschied er: „Darling, du scheinst mir ziemlich erschöpft, das kann ich nicht gutheißen, gerade wo du dich heute eh nicht wohl fühlst. Wenn du möchtest, dann lasse ich dir ein Bad richten, danach solltest du dich unbedingt ein wenig niederlegen."

Sie schaute ihn mit müden Augen an: „Genau das hatte ich eben vor, ich danke dir von Herzen, dass du dich so sehr um mich bemühst. Ich gehe nun nach oben." Sie strich ihm kurz mit der Hand über die vom Reiten verschwitzte Wange und wollte sich gerade zum Gehen anwenden, als er sich zu ihr niederbeugte und sie auf die Stirn küsste.

Dabei murmelte er: „Ich habe dich sehr vermisst und hoffe, dir ging es ebenso…", er ließ den Satz abbrechen, weil seine Lippen zwanghaft nach unten wanderten und ihren Mund suchten, doch kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, straffte Fitzwilliam sich durch, weil Mrs. Reynolds gerade den Flur entlang kam und den Tee für ihn brachte. Elizabeth verschwand schnell ohne ein weiteres Wort.

Elizabeth lag ausdruckslos in der großen Badewanne, die nicht wie üblich portabel im Raum aufgestellt war, sondern – und so etwas hatte sie erst einmal zuvor in Bebilderungen über die alten römischen Thermen in einem Buch ihres Vaters gesehen – fest gemauert und mit gebrannten, glasierten Steinen ausgelegt war. Elizabeth fand es unverschämt luxuriös, außerdem konnte die Wanne, nein es war eigentlich schon fast ein Bassin, gut und gern zwei oder drei Personen aufnehmen. Dank des warmen Wassers hatten die seit dem Morgen andauernden Krämpfe im Unterleib nachgelassen. Dampfschwaden durchzogen den Raum. Sie war furchtbar müde und schloss daher die Augen.

Sie öffnete sie träge wieder, weil sie ein Geräusch gehört hatte und dachte, es wäre Clarice. Aber es war Fitzwilliam, der plötzlich im Dunst neben ihr stand. Sie lief rot an, obwohl er sie natürlich nicht zum ersten Mal nackt sah. Aber dieser eindringliche Blick von ihm ließ sie erröten. Seine Bewegungen, die er nun machte, um sich seiner Kleidung zu entledigen, kamen ihr sehr langsam, fast lasziv vor. Sie bekam einen Kloß in den Hals. Bei Gott, wie konnte ein Mann nur so attraktiv sein! Sie wusste, nichts auf der Welt würde ihn davon abhalten können, jetzt gleich zu ihr ins Wasser zu steigen, die Wanne war dafür ausgelegt. Ihr wurde sehr heiß, als ihr klar wurde, dass ihr Mann dieses Bad absichtlich so hatte einrichten lassen. Er hatte das alles so geplant, um… - um mit ihr… um eine gewisse Intimität auskosten zu können. Sie wischte sich umständlich eine Schweißperle von der Stirn.

Fitzwilliam glitt in dem Moment wie ein Aal neben ihr ins Wasser. Sofort legte er eine Hand auf ihren Bauch und fragte, wie sich fühlte.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, als müsste sie diese befeuchten, obwohl der Wasserdampf sich überall niederschlug, und antwortete wahrheitsgemäß: „Es ist schon alles besser, das warme Wasser hilft mir enorm. Aber glaub mir, der Nachmittag mit Mrs. Reynolds hat mich völlig erschlagen, ich hätte nie gedacht, dass Pemberley derart umfangreich ist."

Und sie berichtete über ihren Rundgang, ausführlich und langatmig. Ihr Gatte aber ließ sich nicht täuschen, er merkte, dass sie von der Situation in der Wanne ablenken wollte. Doch er ließ sie zunächst weiterreden, da er sie nicht auch noch überfordern wollte. Als sie dann aber wieder von der nutzvollen Aufteilung bei der Vorratshaltung anfing, wurde es ihm zu bunt. Er verschloss ihren plappernden Mund mit einem eindringlichen Kuss. Er hatte bereits vorhin, als er sie ihm Wasser hatte liegen sehen, eine starke körperliche Reaktion empfunden. Für einen kleinen Moment war er sich auch nicht ganz sicher, ob das alles machbar sein würde, aber dann dachte er einfach nicht mehr darüber nach und zog Elizabeth langsam zu sich rüber.

Sie sagte nun nichts mehr, sondern schaute ihn mit großen, leicht glasigen Augen an. Er ließ genüsslich seine Hände und Arme über ihren vom Wasser umspülten Körper gleiten. Immer wieder senkte er fordernd seinen Mund auf ihren, bis sie laut aufseufzte und ebenfalls ihre Hände begann einzusetzen. Einen kurzen Moment später hob er sie ganz auf sich und versenkte sich in ihr.

Sie schnappte nach Luft, protestierte sogleich: „Nein, was tust du? Du weißt doch, dass ich… „, sie konnte den Satz nicht vollenden, weil sie nicht wusste, wie sie es in Worte fassen sollte.

Doch Fitzwilliam zog nur seine linke Braue leicht spöttisch nach oben, grinste sie frech an und meinte: „Ich weiß es, und ich komme damit wunderbar klar. Ich genieße es sogar. Bin ich froh, dass ich dieses Bad habe bauen lassen. Im Bett wäre das natürlich nicht möglich gewesen, das sehe ich ein, aber hier", er bewegte sich aufreizend mit ihr, „scheint mir das völlig unproblematisch. Es ist quasi eine Patentlösung, ja ich sollte mir tatsächlich das Patent darauf geben lassen", frohlockte er abschließend.

Sie schloss resigniert, aber nicht ohne ein kleines Lächeln auf den Lippen, die Augen. Er hauchte auf jedes ihrer Lider einen feuchten Kuss. Dann mussten sie beide lachen.

Kurze Zeit später wickelte er glücklich und zufrieden seine Frau in ein angewärmtes Laken und trug sie auf das Bett. Das Feuer prasselte im Kamin, er deckte Elizabeth sorgfältig zu und klingelte nach Rodgers. Der erschien prompt wie immer, hatte bereits eine Karaffe und Gläser auf einem Tablett stehen. Der Hausherr nahm ihm dies ab, sogleich machte Rodgers sich im Bad zu schaffen, offensichtlich räumte er auf. Fitzwilliam goss seiner Gattin ein Glas Wein ein, küsste sie zart und ging dann in sein Ankleidezimmer. Elizabeth schlief endlich ein.

Gut zwei Stunden später betrat Clarice das Schlafzimmer, um Elizabeth beim Herrichten für das Dinner behilflich zu sein. Da es das erste gemeinsame große Abendessen auf Pemberley war, gaben sich beide Frauen große Mühe. Elizabeth folgte Clarices Vorschlägen gerne, auch wenn sie den gesamten Aufwand im Prinzip als reichlich übertrieben ansah. Das Ergebnis war phänomenal. Ihre Garderobe war noch nicht vollständig, aus Longbourn hatte sie ja nur wenig persönliche Sachen nach Pemberley transportieren lassen, Kleidung sowieso kaum, da sie bislang eher über eine bescheidene Garderobe verfügt hatte. So waren doch einige Kleider neu und extra angefertigt worden, um wenigstens eine Zeitlang, bis die restliche Kleidung genäht und geliefert war, ihren Aufgaben als Herrin eines so großen Hauses gerecht werden zu können.

So hatten sie und Clarice sich für ein neues Abendkleid entschieden, nach längerem Zögern Elizabeths, das aus taubenblauem, sehr fein gewirktem Musselin bestand und mit vielen silbergrauen Seidenborten verziert war. Es war eigentlich nicht Elizabeths Farbe, aber nachdem sie es anhatte, fand sie, dass es wirklich unglaublich gut aussah, und sie war froh, sich dafür entschieden zu haben. In die Frisur waren die gleichen Bänder eingearbeitet, wie sie auch am Kleid zu finden waren.

Elizabeth wusste nicht, dass am Ende der Treppe ihr Mann auf sie warten würde. Sie ging deshalb völlig unbefangen die ersten Schritte nach unten, bis sie seiner gewahr wurde. Einige Schritte hinter ihm stand Georgiana, bezaubernd anzusehen in einem maisgelben Kleid. Beide starrten jedoch die Treppe empor, als hätten sie ein Gespenst erblickt.

Elizabeth bekam ein zittriges Lächeln zustande: „Was ist denn los? Habe ich einen Pickel auf der Nase oder warum starrt ihr mich so an?"

Sie wollte das unglaubliche Gefühl des Bewundertwerdens durch lockeres Reden überspielen, aber es gelang ihr nicht.

Mit drei großen Schritten treppauf war Fitzwilliam plötzlich an ihrer Seite, reichte ihr den Arm. „Ich schwöre, niemals zuvor hast du schöner ausgesehen, wahrscheinlich nicht einmal am Tag unserer Hochzeit", sprach er sie leise von der Seite an „welch kostbares Kleinod habe ich da in meinem Hause!"

Mit Frau und Schwester an jeweils einem Arm betrat er das Esszimmer. Mrs. Reynolds persönlich beaufsichtigte die Lakaien, die nun das Essen auftrugen. Der Glanz der silbernen Leuchter brach sich in den kristallenen Gläsern auf dem Tisch, kostbares Porzellan war aufgedeckt. Ein köstliches Mahl wurde aufgetischt, aber wie Fitzwilliam betonte, würde es das Dinner nicht jeden Abend in dieser festlichen Form geben. Es war sozusagen das Willkommens-Essen im engsten Familienkreis für Elizabeth. Wobei, so fügte er nach einem Augenblick hinzu, man sich über kurz oder lang der Aufgabe stellen musste, da nun auch die Vorweihnachtszeit anbrach, die übrigen Verwandten und Bekannten zu einem dann großen offiziellen Willkommens-Dinner einzuladen.

Das Thema wurde nach dem Essen im Salon noch einmal genauer erörtert. Georgiana war begeistert von der Vorstellung, dass ordentlich Leben im Haus herrschen würde. Fitzwilliam betrachtete den Eifer seiner Schwester mit einem milden Lächeln, während Elizabeth bei der Vorstellung, einer so großen Gesellschaft vorstehen zu müssen, reichlich unbehaglich zumute war.

Dennoch ließ es sich Georgiana nicht nehmen, Papier und Feder zur Hand zu nehmen und halb zu sich selbst, halb zu den beiden anderen redend, eine vorläufige Gästeliste zusammenzustellen. „… natürlich auch Cousin Montgomery, nicht wahr Bruder? Ob er kommt, ist aber ungewiss. Und außer der Verwandtschaft aus Matlock natürlich auch die aus Rosings – obwohl…", sie warf ihrer Schwägerin einen zweifelnden Blick zu, machte dann jedoch unverdrossen weiter: „…und wir dürfen Elizabeth's Familie nicht vergessen und die Gardiners, selbstverständlich."

Ergänzend fügte ihr Bruder hinzu: „Ebenso wie Mr. und Mrs. Bingley natürlich!"

„Natürlich"; echote Georgiana, „die hatte ich ja bereits zur Familie von Lizzie dazugezählt."

Fitzwilliam stand auf, behielt aber sein Brandyglas in der Hand, und schaute seiner Schwester am Schreibpult über die Schulter.

Dann drehte er sich zu seiner Frau um, die in einem Armstuhl saß, und meinte lapidar: „Wir werden einfach die Sache zusammenfassen und dann eben eine ganz große Gesellschaft zu Weihnachten geben, wenn ihr möchtet" und er blickte von Elizabeth zu Georgiana „dann von mir aus gerne auch verbunden mit einem Ball."

Georgiana sprang vor Freude vom Stuhl auf: „Ein Ball? Oh, wir hatten hier noch nie einen Ball, danke, danke!"

„Hatten wir schon", brummte ihr Bruder, „aber da warst du noch nicht auf der Welt, ich war noch klein und Mutter – noch am Leben."

Georgiana setzte sich sogleich wieder hin, wurde still. „Natürlich", nickte sie dann nur noch.

Elizabeth hatte die kleine Episode zwischen Bruder und Schwester intensiv miterlebt und war sehr bewegt darüber.

Sie stand langsam auf und sagte: „Müssen wir denn so viel Aufwand betreiben? Reicht es nicht, wenn ein schönes, gemütliches Weihnachtsessen für alle arrangiert wird? Das wird vermutlich mehr als genug Arbeit machen, oder?"

Sie dachte wiederum einen Moment lang nach, dann redet sie weiter: „Da jedoch viele Gäste länger bleiben werden, kann man eventuell darüber nachdenken, ob man nicht zum Jahreswechsel den Ball gibt, da offensichtlich Georgiana so gerne ein solches Ereignis hier erleben möchte, was meint ihr?"

Fitzwilliam blickte auf: „Das finde ich eine recht gute Idee, wir werden sowieso von kurz vor Weihnachten bis schätzungsweise zum Dreikönigstag das Haus voller Gäste haben, da wäre ein Silvesterball gar nicht schlecht, schon allein Georgiana zuliebe."

Er ging wieder hinüber zum Schreibpult und küsste seine Schwester aufs Haar. „Wie ich euch kenne, werdet ihr euch gleich morgen um die Einladungen kümmern. Bei dieser Arbeit wäre ich sowieso nur im Weg, also kümmere ich mich um Dinge außerhalb des Hauses. Allerdings war es heute draußen, unterwegs mit dem Pferd, schon ziemlich kalt, wie ich fand. Und nun, liebe Schwester, wünsche ich dir eine angenehme Nacht. Und bleib nicht zu lange auf, das Feuer ist auch bald aus hier und du weißt, wie schnell der Raum dann auskühlt."

Er schickte Elizabeth einen auffordernden, heißen Blick zu, so dass diese ganz automatisch sich seinen Gutenacht-Wünschen für Georgiana anschloss. Dann verließ das Paar den Salon.

Elizabeth wachte auf und erinnerte sich sofort an ihr langes Pflichtenheft für heute und die kommenden Tage. Wie um die Gedanken daran sofort verscheuchen zu wollen, drehte sie sich im warmen Bett um und versuchte wieder einzuschlafen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Irgendetwas war anders als sonst. Sie rollte sich wieder herum, zu der Seite, wo sie Fitzwilliam vermutete, öffnete die Augen und sah im Halbdunkel des Raumes, dass seine Bettseite leer war. Ernüchterung machte sich in ihr breit. Was hatte sie erwartet? Dass immer alles so sein würde, wie es in den Flitterwochen in Bedfordshire gewesen war? Sicher nicht, Fitzwilliam war hier der Hausherr und hatte eine ganze Menge Arbeit. Trotzdem fröstelte sie, so ganz ohne seinen warmen Körper an ihrer Seite.

Sie band sich ihren Morgenrock um und hastete hinüber zu seinem Ankleidebereich. Die Tür stand offen, der Raum jedoch war leer. Sie klopfte an die Badetür, keine Spur von ihm. Zurück im Schlafzimmer blickte Lizzie auf die Uhr auf dem Kaminsims, es war nicht einmal halb acht. Sie sank etwas bedrückt auf das Bett nieder. Ihr kam in den Sinn, wie er am Abend zuvor davon gesprochen hatte, sich um die Belange des Besitzes außerhalb des Hauses kümmern zu müssen. Ganz offensichtlich hatte er viel zu tun, dass er schon so früh am Tag damit beginnen musste.

Etwas mutlos wollte sie an der Klingelschnur reißen, besann sich dann aber anders, wählte ein sehr schlichtes Kleid aus, zog sich selbst an und frisierte sich ohne Clarices Hilfe. Im Frühstücksraum sah sie, dass ihr Mann ganz offensichtlich schon da gewesen sein musste, denn die Kanne mit dem Kaffee war mehr als halb leer, als Lizzie neugierig den Deckel hob und hineinschaute. Da er der einzige im Haus war, der Kaffee trank… Mrs. Reynolds brachte frischen Tee, recht erstaunt darüber, dass Mrs. Darcy bereits so früh und so kurz nach ihrem Gatten auf den Beinen war.

Dann klopfte es an der Tür und Clarice stand mit fragenden Augen vor Elizabeth. „Oh, Mrs. Darcy, warum haben Sie denn nicht geläutet?" Ein zweifelnder Blick der Zofe galt dem Kleid ihrer Herrin.

Elizabeth holte tief Luft und sagte dann etwas knapp: „Das hat sich so ergeben, und nun muss ich dringend mit Mrs. Reynolds einige Dinge besprechen, da wir zu Weihnachten etliche Gäste erwarten."

Damit war Clarice entlassen.

Zwei Stunden später rauchte Elizabeth gehörig der Kopf. Die letzte Stunde über war auch Georgiana in die Vorbereitungen mit einbezogen worden, in erster Linie, weil sie für die Gästeliste verantwortlich war. Mrs. Reynolds hatte sich alles sorgfältig notiert, hie und da Vorschläge gemacht und auf die Reaktionen der beiden Damen, besonders auf die von Mrs. Darcy gewartet.

Dann waren sich die drei Frauen einig: Ein großes Weihnachtsdinner, sehr festlich, viele Gäste, die größtenteils auf Pemberley bleiben würden, ein Silvesterball, quasi als Debüt für Georgiana. Einen Speisenplan hatte man zunächst nur für das große Dinner zusammengestellt, Mrs. Reynolds wollte sich zu gegebener Zeit Gedanken um die Menüs für die anderen Tage, an denen man Gäste beherbergte, machen. Auch teilte sie Mrs. Darcy mit, dass dann zusätzliches Personal auf Pemberley gebraucht wurde, mit dem vorhandenen Personalstand konnte dies nicht bewältigt werden. Zu diesem Thema mussten noch Mr. Darcy und der Verwalter gehört werden. Aber es gab in den umliegenden Dörfern und Gehöften immer verlässliche junge Männer und Frauen, die sich bei solcher Gelegenheit ein kleines Zubrot verdienen wollten.

Mrs. Reynolds ging mit Elizabeth auch noch die Mahlzeiten für diesen und die kommenden Tage durch, und da Elizabeth an nichts davon etwas auszusetzen hatte, begab sich Mrs. Reynolds zufrieden wieder an ihre Arbeit.

Georgiana machte sich sogleich mit Feuereifer daran, die Einladungen zu Papier zu bringen. Sie hätte beinahe den Lunch darüber vergessen, hätte nicht ihr Bruder, der zum Essen zurückgekehrt war, sie eigenhändig aus dem Salon geholt. Elizabeth gab während des Essens sachlich Auskunft über die Besprechung mit der Haushälterin und fragte sogleich, ob es wohl möglich wäre, Zusatzpersonal einzustellen oder ob Fitzwilliam dies vielleicht als zu aufwändig erachtete.

Dieser musste lachen, weil Elizabeth sehr vorsichtig diese Dinge abwägte. „Mein Schatz, darum musst du dir keine Sorgen machen, das kostet mich vermutlich weit weniger als das neue Kleid für Georgianas Balldebüt. Aber ich werde es gerne an Mr. Portland weitergeben, damit er sich um die Anwerbung dieser zusätzlichen Leute kümmert."

Gleich nach dem Lunch küsste Fitzwilliam Georgiana liebevoll auf die Stirn, ebenso verfuhr er mit seiner Gattin. „Nun, ich habe enorm viel zu tun, also wir sehen uns zum Dinner, ich werde heute zum Tee voraussichtlich nicht da sein."

Er machte einen Schritt zur Tür, dann sah er Elizabeths verlorenen Blick auf sich ruhen. „Georgiana, hattest du nicht gesagt, dass diese Einladungen von hoher Dringlichkeit sind und so bald wie möglich an die Empfänger überstellt werden müssen?"

Er komplimentierte seine Schwester schnell hinaus: „Dann solltest du keine Zeit mehr verlieren, wir sehen uns später, meine Liebe."

Mit diesen Worten schloss er rasch die Tür hinter der entschwundenen jungen Frau und wandte sich dann mit weichem Blick Elizabeth zu. Zwei große Schritte mit den Stiefeln, dann war er bei ihr.

Sein Kuss war alles andere als weich, voller Glut und Härte. „Wie konnte ich nur heute morgen gehen, ohne dich so zu spüren wie jetzt", hörte sie ihn dicht an ihrem Ohr sagen.

Ein weiterer tiefer Kuss, ihre Hände vergruben sich dabei in seinen Haaren – und dann stand Mrs. Reynolds in der Tür! Elizabeth' Gesicht überzog sich mit dunkler Röte, während Fitzwilliam verlegen an seiner Unterlippe herumnagte. Er verneigte sich knapp vor seiner Gattin und suchte ohne weitere Worte das Weite.

„Ich decke dann ab, Mrs. Darcy", war alles, was Mrs. Reynolds würdevoll, aber mit leichtem Schmunzeln von sich gab.

Elizabeth nickte kaum merklich und rauschte mit gerafftem Kleidersaum so schnell wie möglich aus dem Raum.