Die erste Woche verging, die zweite Woche brach an. Inzwischen hatte man ein klein wenig vorweihnachtliche Dekoration herangeschafft, Stechpalmenkränze, Tannenzweige, etliche Zapfen von Nadelbäumen und ähnliches. Das Haus war kaum wieder zu erkennen. Alle Einladungen hatten inzwischen ihre Empfänger erreicht und einige davon hatten bereits geantwortet. Auf Grund der kurzen Distanz hatte sich sogleich die Countess of Matlock gemeldet. Sie käme mit Freuden, aber nur mit ihrer Tochter Lady Harriet, der Earl sowie der Viscount wären leider nicht abkömmlich. Auch hatte sie nicht in Erfahrung bringen können, ob ihr zweiter Sohn, Colonel Montgomery Fitzwilliam, zugegen sein würde. Ebenfalls ziemlich schnell hatten die Gardiners aus London geantwortet, die sich überaus herzlich für die Einladung bedankten und dem Aufenthalt auf Pemberley erwartungsfroh entgegen sahen.
Natürlich blieb die Zusage aus Longbourn nicht aus, der weitschweifige Brief, begonnen von Mr. Bennet, ergänzt von Kitty und Mary und über mehrere Seiten durch Mrs. Bennet vollendet, war durch und durch typisch für Lizzies Familie. Sie und Fitzwilliam mussten bei dessen Lektüre mehr als einmal schmunzeln. Mit einiger Verzögerung kam auch ein zusagender Brief aus Netherfield, Jane hatte das meiste davon geschrieben, meist sachlich und ruhig formuliert, wie es ihre Art war.
Doch das Postscriptum hatte Charles angefügt, und daraus wurde auch der Grund der späten Antwort ersichtlich, denn er schrieb in liederlicher, fast unleserlicher Schrift: „P.S. – und nur für meinen guten Freund Darcy bestimmt – wundere dich nicht, dass wir nicht alsbald geantwortet haben, aber wir haben in der Tat wesentlich Besseres zu tun, als Korrespondenz zu erledigen… wenn du weißt, was ich meine, und es würde mich wundern, wenn es euch beiden nicht ganz genauso ginge!"
Darunter prangte ein dicker Tintenklecks.
Fitzwilliam schob den Brief zunächst einmal diskret in die Brusttasche seines Fracks. Am Abend aber, als er sich auszog, nahm er den Brief heraus und steckte ihn in die Ärmelaufschläge seines Hausmantels.
Als er sich neben Elizabeth auf dem Bett ausstreckte, zog er das Papier hervor und gab es ihr zu lesen: „Natürlich will ich dir den Brief deiner Schwester keinesfalls vorenthalten, aber ich musste damit warten, bis wir alleine sind, denn der Zusatz von Charles ist zu pikant, als dass man diese Zeilen womöglich in weiterer Gesellschaft hätte lesen können. Verzeih also."
Lizzie las sich durch die Seiten mit der akkuraten, steilen Schrift ihrer Schwester.
Als sie zum Postscriptum ihres Schwagers kam, bat sie Fitzwilliam, es ihr vorzulesen: „Diese Schrift ist unmöglich zu entziffern, was um alles in der Welt hat er da herumgekleckst?"
Ihr Mann gluckste unterdrückt: „Liebste, du verlangst mir einiges ab."
Als er ihr dann den kompletten Satz vorgelesen hatte, fing Elizabeth an wie verrückt zu lachen.
Sie musste nach Luft japsen, so sehr suchte der Lachanfall sie heim. „Das ist zu köstlich! Jane ergeht sich seitenweise in ausführlichen Beschreibungen über das Wetter in Hertfordshire, über die Leute in Meryton, ja auch über Mama, Papa und Mary und Kitty, über das Essen, die Bediensteten auf Netherfield, wie sie sich in alles einfindet, sie macht sogar ein paar leicht ironische Bemerkungen über die Schwestern ihres Mannes, aber es klingt alles so – so distanziert, gelassen, wenig emotional. Wenn die Anmerkung von Charles nicht wäre, könnte ich kaum glauben, dass Jane eine verheiratete Frau ist. Aber wie verheiratet sie ist, muss mir erst mein Schwager in einem schnodderigen Satz berichten. Die gute Jane! Und Charles, der Schwerenöter! Sie sind anscheinend beide kaum aus dem Bett zu bekommen."
Fitzwilliam rollte sich halb auf Elizabeth: „Sollten wir uns da nicht ein Beispiel daran nehmen?"
Mehr fragte er nicht, dann setzte er dies bereits äußerst motiviert in die Tat um.
Die Weihnachtstage rückten immer näher. Das Wetter hatte sich deutlich verschlechtert, seit fast zwei Tagen schon machte ein eiskalter Nieselregen jeden Aufenthalt im Freien zu einer Bewährungsprobe für die Gesundheit. Selbst Fitzwilliam hielt sich vermehrt im Haus auf, er wollte sich keinesfalls jetzt vor den ganzen Festivitäten womöglich noch erkälten. Er war häufig in der umfangreichen Bibliothek und in seinem persönlichen Arbeitszimmer zu finden. Oftmals saß Mr. Portland mit dabei, Akten, Bücher und Papiere wurden gewälzt. Oftmals aber auch war der Hausherr alleine, hatte einen dicken Folianten auf seinen Knien liegen und blätterte sich langsam durch die Seiten. Das Kaminfeuer wärmte den Raum durch und durch, zum Glück. Er legte das Buch kurz zur Seite, da er die Absicht hatte, sogleich weiter zu lesen und verließ kurz das Zimmer. Der zuvor eingenommene Nachmittags-Tee wollte wieder heraus…
In dieser Zeit der Abwesenheit klopfte Lizzie an die Tür des Arbeitszimmers. Da sie keine Antwort erhielt und die Tür nur angelehnt war, schlüpfte sie schnell hinein, auch weil es im Korridor kalt und zugig war und der Raum ihres Mannes angenehme Wärme ausstrahlte. Ihr Blick fiel sofort auf das umfangreiche Werk auf dem Schreibtisch. Sie ging näher heran. Sie überflog die gedruckte Schrift, erfasste die Sache nicht recht, bis ihr das Wort ‚Unfruchtbarkeit' deutlich ins Auge sprang. Langsam sank sie auf den Ledersessel am Schreibtisch nieder. Was war das? Was las Fitzwilliam da? Ging es etwa um Viehzucht? Oder gar…? Sie traute sich nicht, den Gedanken zu Ende zu denken.
Die Tür öffnete sich mit Schwung und ihr Gatte trat herein. Sofort als er bemerkte, dass Elizabeth in dem Buch blätterte, zog sich seine Augenbraue drohend nach oben. Die sonst azurblauen Augen blickten so grau wie der Himmel über Derbyshire.
Hilflos deutete Lizzie auf die Buchseiten: „Erklärst du mir, um was es dabei geht?"
Die Augenbraue entspannte sich ein klein wenig, als er zu ihr an den Schreibtisch trat.
Er schüttelte leicht den Kopf. „Das ist nicht so einfach zu erklären. Ich wünschte, es wäre es."
Seine Miene war verschlossen, so wie Elizabeth ihn aus ihrer ersten Begegnung in Meryton in Erinnerung hatte. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, er zog diesen zwar nicht zurück, machte aber auch keine Anstalten, die Geste irgendwie zur Kenntnis zu nehmen.
Elizabeth seufzte, stand auf, legte beide Hände auf seine Frackaufschläge und lehnte ihren Kopf an seine Brust. „Wenn es dir so schwer fällt, darüber zu reden, dann hat es schätzungsweise nichts mit landwirtschaftlichen Belangen zu tun, stimmt's?"
Er reagierte weiterhin mit Schweigen auf diese Frage.
Er hatte keine Ahnung, wie lange sie beide schon in dieser Position verharrten, als er endlich anfing zu sprechen: „Es handelt sich um ein ziemlich gutes, recht ausführliches Buch über medizinische Probleme bei Menschen. Es fiel mir eher zufällig in die Hände und dann kam ich auf die Idee, nachzuschauen, ob darin auch etwas über – ja also, über die Fortpflanzung steht." Jetzt war es teilweise raus, er fühlte sich nicht mehr ganz so angespannt.
Lizzie frage ruhig: „Und?"
„Oh ja, es steht ein bisschen was über dieses Fachgebiet drinnen, aber ehrlich gesagt, habe ich nicht alles verstanden, es ist, so denke ich, nur für Mediziner ersichtlich und vollständig erschließbar."
Er machte eine lange Pause, bevor er weitersprach: „Ich… ich war mir eben nicht ganz sicher, wie die exakten medizinischen, ich sollte eher sagen biologischen Abläufe bei… bei der Entstehung von neuem Leben sind, und da wollte ich… dachte ich, das Buch könnte helfen."
Dann platzte er doch heraus: „Lizzie, hier steht, dass es auch Menschen gibt, die keine Nachkommen zeugen können, aus… aus ganz verschiedenen Gründen offensichtlich, die aber keiner genau kennt. Was ist, wenn … du hast nicht empfangen, weil… weil vielleicht ich nicht dazu in der Lage bin, Kinder in die Welt zu setzen, wäre doch immerhin möglich, dass mein… mein Samen nicht dazu taugt…", er brach erschöpft ab.
Elizabeth war absolut sprachlos.
Er ließ sich in den Sessel gleiten, wollte sie dabei loslassen, doch sie setzte sich unmittelbar auf seinen Schoß, gewahr, dass der Körperkontakt jetzt unbedingt erhalten bleiben müsse. Bevor sie zu einer Erwiderung ansetzen konnte, stöhnte er halblaut: „Bei Gott, ich hätte niemals gedacht, dass mir das derart zusetzen würde, dass du bisher nicht empfangen hast. Niemals! Ich dachte, ich würde souverän über solchen Dingen stehen, aber es bereitet mir eine fürchterliche Seelenqual!"
Sie fuhr ihm tröstend durch seine Haare, sagte aber noch immer nichts, weil sie spürte, dass er noch nicht fertig war.
„Obwohl", fuhr er dann auch prompt fort, „hierin auch – wenngleich wie ich finde mit sehr komplizierten Worten, ich habe sehr lange gebraucht, um es einigermaßen zu verstehen – gesagt wird, dass der Zyklus der Frau eine Mondphase umfasst, also wie sie sagen 28 Tage."
Er wurde etwas munterer bei diesen Worten, griff nach Feder und Papier: „Lass mich rechnen. Wir haben am 26. November geheiratet, wir waren bis zum 30. November in Bedfordshire und sind am 1. Dezember hier zu Hause angekommen. Am 2. Dezember hast du – ähm, ja bereits die … die Unpässlichkeit gehabt. Das sind von 28 Tagen ja insgesamt nur", er rechnete nach, „sechs. Nicht einmal der vierte Teil davon."
Er atmete tief ein. „Vielleicht zu wenig, um ein Kind empfangen zu können, oder…", er schlug eine Seite im Buch auf, las nach, „oder wenn es sich so verhält, wie ich es mir hier heraus zurechtlege, dann würde die größte Wahrscheinlichkeit im mittleren Drittel dieser 28 Tage liegen."
Abermals rechnete er, dann entspannten sich seine Gesichtszüge schlagartig, die Augen leuchteten stahlblau auf, ein schalkhaftes Grinsen zeigte sich plötzlich auf seinem Gesicht: „Der ideale Zeitpunkt!"
Elizabeth konnte es nicht fassen, wie schnell sich ihr Mann da gerade gewandelt hatte.
Sie strich ihm erneut liebevoll über die vollen, glatten Haare und sagte dann endlich: „Ich würde dich niemals anders haben wollen. Genau in diesen unberechenbaren, undurchsichtigen, etwas geheimnisvollen, enorm gut aussehenden, überaus attraktiven, und überdies völlig unmöglichen Mann habe ich mich verliebt."
Mit hektischen Bewegungen zog Fitzwilliam Darcy eine Schublade seines Schreibtisches auf, entnahm der Lade einen großen Schlüssel, schob Lizzie ungeduldig ein kleines Stück zur Seite, stapfte zur Tür, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn knarzend um. Seine Augen leuchteten in freudiger Erwartung, als er sich triumphierend wieder seiner Frau zuwandte: „Die Tür ist verschlossen, mein Schatz!"
Mit wenigen Schritten querte er den Raum, hob Elizabeth vom Sessel hoch, setzte sie auf die Tischplatte des Schreibtisches und schob ungeachtet ihrer vor Überraschung und Scham geweiteten Augen langsam ihr Kleid nach oben. Der Blick, den er ihr dabei zuwarf, brannte wie Feuer auf ihrer Haut.
Es war nicht so, dass Elizabeth sich generell unwohl auf Pemberley fühlte, aber so manches Mal fand sie es recht schwierig, all dies entsprechend zu verarbeiten. Das Haus war wohl eine einzige Pracht, gepflegt und in extrem gutem Zustand, aber es war auch ein riesiger Kasten, der jetzt im Winter oftmals bedrückend kalt wirkte. Die vielen Haus- und Hofangestellten konnte sie sich noch immer nicht alle merken, umso schlimmer, dass nun das Zusatzpersonal für die Feiertage langsam eintraf. Mrs. Reynolds übernahm dabei für die Neuzugänge im Haus zwar das Kommando, doch sie tat nichts, ohne nicht vorher die Herrin um Zustimmung anzugehen. Elizabeth war ständig beschäftigt. Zweimal fuhr sie zusammen mit Georgiana zur Modistin nach Matlock, um die Festtags- und Ballgarderobe für sie beide in Auftrag zu geben. Clarice war dabei unvermeidlich im Schlepptau der beiden Frauen. Zur letzten Anprobe kam auch die Countess of Matlock dazu, gab ihre wohlwollenden Kommentare ab, und nötigte dann ihre Nichte und deren Schwägerin zu einem kurzen Besuch auf Matlock Castle zum Tee.
Das war das allererste Mal, dass Elizabeth den Earl und den Viscount zu Gesicht bekam. Beide begrüßten sie zwar mit ausgesuchter Höflichkeit, ließen sich jedoch, sobald es die Schicklichkeit zuließ, bei den Frauen entschuldigen und wandten sich wieder ihren Geschäften zu. Vor allem der Viscount wies eine große Ähnlichkeit mit seinem Bruder, dem Colonel auf.
In des Earls Augen konnte Elizabeth noch den Hauch des blauen Leuchtens der Fitzwilliam-Familie ausmachen, obwohl sie sie matt und trübe anblickten. Seine Ähnlichkeit wiederum mit seiner Schwester Lady Catherine de Bourgh war frappierend. Nun im Alter wurde das anscheinend wieder recht deutlich. Wie wohl Lady Anne, die Jüngste der Fitzwilliam-Geschwister, nun aussehen würde? Elizabeth bedauerte in diesem Moment sehr, dass ihre Schwiegermutter tot war.
Auf Pemberley hatte ein Künstler angefangen, Elizabeths Antlitz in einen Marmorklotz zu hauen. Dazu hatte er zunächst eine Tonskulptur angefertigt, nach der er nun täglich arbeitete. Die feinen Schläge der Werkzeuge hallten durch den Saal, obwohl man ihm eine entlegene Ecke zum Arbeiten ausgesucht hatte. Fitzwilliam hatte darauf bestanden, dass das Kunstwerk bis Weihnachten fertig gestellt sein sollte, und dem guten Mann einiges mehr an Geld gezahlt, damit der Termin eingehalten würde. Einmal täglich musste Elizabeth auch dort vorbeischauen und sich dem Künstler zuwenden, damit er ihr Originalgesicht mit dem des Tonprovisoriums und den Fortschritten im Marmor vergleichen konnte. Die zweite, kleinere Büste für die Nachtkonsole im Herrschaftsschlafzimmer würde er erst später nachreichen, dafür langte nun beim besten Willen die Zeit nicht mehr.
Sie hatten in der Abgeschiedenheit des Schlafgemachs noch einmal über den Vorfall mit dem Buch kürzlich im Arbeitszimmer gesprochen. Fitzwilliam hatte ihr erklärt, dass er lange Zeit völlig auf sich selbst gestellt war, alleine lebte, alleine entschied, alleine sämtliche Dinge – auch die für sich ganz persönlich – regeln musste. Dass nun plötzlich ständig jemand da war, der all dies auch mit ihm teilen konnte, war noch immer ungewohnt für ihn. Er hatte deswegen zunächst nicht daran gedacht, das Problem des Kindersegens mit Elizabeth zu besprechen, dass er im Übrigen erst einmal als sein ganz eigenes Problem ansah. Er wollte sie selbstverständlich nicht willentlich übergehen, nein, es war einfach nur die gute alte Gewohnheit, sich mit Belastungen, Problemen, schwierigen Situationen zurückzuziehen, eventuell ein Buch dafür zu Rate zu ziehen, lange darüber nachzudenken und dann irgendwann einmal zu einem Entschluss zu kommen. Deshalb hatte er auch zuerst abweisend reagiert, als sie ihn an jenem Nachmittag im Arbeitszimmer bei seinen grüblerischen Studien aufgestöbert hatte. Und nach wie vor fand er es sehr gewöhnungsbedürftig, sich jemanden, selbst wenn es sich um Elizabeth handelte, offen mitzuteilen.
Außerdem war er niemals direkt aufgeklärt worden, jedenfalls nicht so, wie es wünschenswert gewesen wäre. Seine verlässlichste Wissensquelle war dabei noch sein Cousin Montgomery gewesen. Dieser hatte ihm vieles übermittelt, zum Glück auch einige biologische Details. Über die Aneignung all der praktischen Qualitäten, die ihren Mann so auszeichneten, wollte Elizabeth allerdings mehr wissen. Das wiederum war Fitzwilliam gar nicht recht. Sie hatte in der Hochzeitsnacht in Bedfordshire schon einmal versucht, ihm Informationen darüber zu entlocken. Er hatte darauf sehr zurückhaltend reagiert. Glücklicherweise hatte die exotische Kurtisane Aurelia nicht nur einen exzellenten Liebhaber aus ihm gemacht, sondern sie hatte ihm auch persönliche Erfahrungen die das gesamte Gebiet der körperlichen Liebe umfassten mitgeteilt. Teilweise war es da ebenfalls um biologische Vorgänge gegangen, vor allen Dingen, was die weiblichen Aspekte anlangte. Daher konnte er sich wenigstens eines annehmbaren Basiswissens rühmen, sicher mehr als viele andere Männer.
Natürlich ließ die Neugier Elizabeth nicht ruhen. Sie wollte unbedingt wissen, wo Fitzwilliam sich seine Geschicklichkeit im Ehebett angeeignet hatte. Er schwieg darüber beharrlich, machte das aber durch entsprechende Taten wett. Sie konnte sich kaum an einen Tag, eine Nacht seit ihrer Verheiratung erinnern, wo sie nicht beide sich ekstatisch windend miteinander vereint gewesen wären. Und das nicht nur im Bett – bei der Erinnerung an das Bad oder den Schreibtisch wurde Lizzie ziemlich rot - und stets achtete ihr Gatte darauf, dass sie dabei höchste Lust verspürte. Er war einfach wunderbar. Ihr Mut und ihre Erfahrung wuchsen natürlich auch tagtäglich. Langsam wusste sie, auf was er wie reagierte, wo er kitzelig war, wo völlig unempfindlich, was ihn lustvoll aufstöhnen ließ und durch welche Manöver er mal schneller, mal langsamer das Ziel erreichte. Sie lernte wissbegierig. Aber es nagte an ihr, dass offensichtlich eine andere Frau dies alles auch mit ihm getan hatte. Und er womöglich selbiges noch mit weiteren Frauen schon erlebt hatte. Es machte sie halb wahnsinnig, wenn sie daran dachte. Das brachte schon ein gewisses Ungleichgewicht in die Beziehung, denn er hatte ja nun gar keinen Grund zur Eifersucht, war der erste Mann, der sie überhaupt jemals zärtlich berührt hatte.
Die Gäste brachen über Pemberley herein. Lady Catherine hatte sich im Übrigen überhaupt nicht geregt, weder ab- noch zugesagt. Eisiges Schweigen aus Rosings also. Die Bennets kamen als erste an. Sie wirkten überaus aufgeregt, schwatzten allesamt ständig durcheinander, selbst Mr. Bennet schien sich teilweise davon anstecken zu lassen, wenn er versuchte, Ordnung in das Familienchaos zu bringen. Nur in dem Augenblick, als Mrs. Bennet aus der Kutsche stieg, herrschte einen Moment lang völlige Ruhe. Sie konnte die Augen gar nicht von dem imposanten Bau wenden und wäre um ein Haar fast am Ausstieg der Kutsche hängen geblieben, weil sie nicht auf ihre Füße blickte.
Dann aber stand ihr Mundwerk nicht mehr still: „Nein, so eine Pracht aber auch! Ich schätze, es ist das feinste, größte und vornehmste Haus im gesamten Umkreis, ach was, sicher ist es noch eindrucksvoller als Matlock Castle, und so würde ich sagen, es ist das feudalste Haus in ganz Derbyshire. Mary, Kitty, seht euch das nur an! Ach, mein lieber Mr. Bennet, ist das nicht wunderbar?"
In der Halle trafen sie sogleich auf Lizzie, die stürmisch umarmt und begrüßt wurde.
Aber auch da führte Mrs. Bennet sogleich das Wort: „Lizzie, du meine Güte, wie vornehm du aussiehst. Das Kleid, die Frisur, ach, und die Schuhe! Aber Lizzie, wenn ich dich so ansehe, meine ich, du wärest arg dünn geworden. Du warst doch nicht etwa krank, oder? Und hast uns nichts davon geschrieben? Das würde dir ähnlich sehen, nun ja!"
Mit diesen Worten wandte sie sich an Georgiana, welche sich in einem kleinen Knicks erging. „Miss Georgiana, wie erfreut, Sie wieder zu sehen!"
Dann blickte sie sich etwas ratlos in der großzügigen Halle um, ging wieder auf Lizzie zu und plapperte weiter: „Lizzie, es ist wirklich traumhaft hier, nein, so hatte ich es mir ganz und gar nicht vorgestellt, lange nicht so märchenhaft. Aber nun sag, wo ist dein Gatte, ist das auch ein Art, seine Frau alleine vorzuschicken, die Gäste zu begrüßen…", sie verstummte rasch und biss sich fast auf die Lippen, als eine sonore Stimme von der Treppe herab tönte: „Natürlich überlasse ich das nicht meiner lieben Frau alleine, wie Sie sehen werte Mama, bin ich schon bei Ihnen!"
Mrs. Bennet nickte ergeben und wirkte nun doch etwas eingeschüchtert. Mittlerweile auf den unteren Stufen der Treppe stehend, ragte Fitzwilliam noch immer so hoch über alle weg, dass er eine überaus eindrucksvolle Gestalt abgab.
Er verbeugte sich vor seinem Besuch: „Frau Mama, es freut mich sehr, dass Ihnen so augenscheinlich alles hier gefällt. Ich heiße Sie herzlich willkommen auf Pemberley! Mr. Bennet, verehrter Schwiegerpapa, Lizzie und ich konnten den heutigen Tag wirklich kaum erwarten, der das Wiedersehen mit Ihnen brachte. Es ist mir eine große Freude, Sie hier zu haben. Miss Mary, natürlich wird Georgiana Sie sicher gleich ins Musikzimmer begleiten, das Sie beide meinetwegen durchgehend bis Dreikönig okkupieren können, hoffentlich haben Sie viel Freude dabei. Miss Kitty, ich hoffe doch sehr, Sie haben ihr allerneuestes Ballkleid dabei, damit Sie am Silvestertag strahlend das neue Jahr begrüßen können, auf der großen Gesellschaft die wir zu geben gedenken."
Elizabeth hakte sich nun bei Fitzwilliam unter und schenkte ihm ein zufriedenes Lächeln. Er hatte die Bennets gebührend begrüßt und jeden Einzelnen von ihnen individuell bedacht und angesprochen. Sehr rücksichtsvoll von ihm.
