Man war anderntags nach Matlock zum Lunch geladen. Leider war das Wetter nicht mehr so gut wie in den Tagen zuvor, zwar regnete es nicht, aber es war trüb, unfreundlich und es pfiff ein starker Wind. So war man gezwungen, die gesamte Zeit über in Matlock Castle im Haus zu verbringen. Der Earl war brummig wie eh und je, aber seine blassblauen Augen flackerten beim Überbringen der guten Nachricht kurz einmal auf. Der Viscount ließ sich zu einem blasiert wirkenden Glückwunsch herab, er hatte so wenig gemein mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder Montgomery. Lady Harriet hingegen war entzückt, ebenso natürlich die Countess, die es aber etwas gespreizter ausdrückte.
Richtig wohl fühlte sich an diesem Tag kaum einer auf Matlock Castle, was wohl daran liegen mochte, dass man nicht einmal zu einem Spaziergang aufbrechen konnte und stets zusammen im Salon oder Speisezimmer saß. Auch das abwechselnde Klavierspiel von Lady Harriet und Georgiana brachte wenig Aufheiterung in die steife, leicht gedrückte Atmosphäre. So waren die Darcys recht froh, ziemlich rasch nach dem Tee aufbrechen zu können und den Heimweg nach Pemberley anzutreten.
Aufseufzend legte Elizabeth den Brief auf den kleinen Konsoltisch vor ihr. Es war zu erwarten gewesen, dass ihre Mutter auf Grund der frohen Kunde aus Pemberley nun keine Zeit mehr vergeudete und sich bereits auf der Reise nach Derbyshire befand. Es war nur nicht gewiss, wann genau sie eintreffen würde.
Der Frühling hatte nun endgültig Einzug gehalten. Die Obstbäume standen in voller Blüte, die ersten Bienen schwirrten emsig umher. Elizabeth liebte es, nun in den Garten- und Parkanlagen spazieren zu gehen, oftmals führte ihr Weg sie sogar über eine der Siedlungen bis nach Lambton. Dort wurde sie mit großen Augen angeschaut, bevor die Dörfler ihre Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Einzig die Wirtin des „Rose and Crown Inns" traute sich dieser Tage, die vornehme Dame anzusprechen. Sie fegte gerade die Stufen des Gasthauses, als Elizabeth freundlich lächelnd vorbeikam.
Die Wirtin knickste leicht unbeholfen und meinte dann mit ihrem harten Derbyshire-Akzent: „Ach, Ma'am, wirklich glaub', ich kenn' Se. War'n denn Se nicht mal Gast hier im Sommer? Mein' doch, erinner' mich dran. Und Herrin auf Pemberley sind Se nun, wie man hört, aber sagte ich damals schon zu mei'm Alten, verzeih'n Se Ma'am, zu mei'm Mann eben, ich werd' einen Besen fressen, werd' ich, wenn der junge Herr und diese nette junge Dame nicht ein Paar noch werden. Ja, hab' ich zu ihm wirklich gesagt."
Elizabeth musste fast lachen, und es wäre trotz der etwas unverfrorenen Art der Frau unhöflich gewesen, nicht zu reagieren, also gab sie Antwort: „Es ist sehr freundlich, dass Sie mich wieder erkannt haben. Sie scheinen ein gutes Personengedächtnis zu haben. Ja ganz Recht, ich war letzten Sommer mit meinem Onkel und meiner Tante hier."
Sie wollte ihren Weg schon fortsetzen, als das Geplapper der guten Frau sie davon abhielt: „Muss ja noch'n Glückwunsch loswerden, also denn mal alles Gute noch, auch an den Gemahl von Ihnen, natürlich. Wird ja nun nur noch'n Kindchen in der Wiege fehlen, was Ma'am?"
Und als Elizabeth sie nur völlig sprachlos anstarrte, schlug sich die vorlaute Frau die flache Hand auf die Stirn und schnatterte unverdrossen weiter: „Ach herrje, hab' ich sogar den Nagel auf'n Kopf getroffen, was? Denn nehm'n Se mal auch gleich noch die besten Wünsche von uns für die Zukunft des kleinen Würmchens mit auf'n Weg, Ma'am."
Elizabeth war froh, darauf nichts mehr antworten zu müssen. Sie lächelte daher der Frau kurz zu, drehte sich um und ging.
Ihre Ausflüge zu Fuß stießen nicht überall auf Begeisterung. Georgiana, die niemals gewagt hätte, ihre Schwägerin offen zu kritisieren, sprach sie beim Frühstück dezent auf das Thema an, mit einer Diplomatie, die man dem jungen Mädchen gar nicht zugetraut hätte: „Äh, Elizabeth, macht es dir gar nichts aus, so weite Strecken zu Fuß zurückzulegen? Ich könnte das nicht."
Die so Angesprochene machte ein leicht abwehrende Geste mit der Hand: „Nein, das ist alles Gewohnheitssache, glaube mir, Georgiana, du könntest das auch, mit ein bisschen Übung. Vielleicht begleitest du mich ja mal, erst auf kürzeren Strecken, dann immer mal ein bisschen weiter weg."
„Das ist ein nettes Angebot von dir, aber wahrscheinlich wird es dir doch nun zunehmend schwerer fallen, wenn…", sie brach verlegen ab und blickte zu Boden, das Wort ‚Schwangerschaft' wollte ihr partout nicht über die Lippen kommen.
Elizabeth schüttelte den Kopf und antwortete: „ Ach nein, das macht dem Baby gar nichts aus, ich denke eher, es tut mir und dem Winzling ziemlich gut."
In diesem Augenblick kam ihr Mann zur Tür herein: „Was tut dir und dem Winzling gut?"
„Die ausgedehnten Spaziergänge bei diesem schönen Wetter natürlich, die ich so sehr genieße. Ich wollte, dass Georgiana mich ab und zu mal begleitet."
Fitzwilliam setzte seine linke Augenbraue gekonnt ein, diesmal hatte es einen deutlich missbilligenden Charakter: „Liebste Lizzie, ich kann diese ewig langen Ausflüge zu Fuß nicht gutheißen. Und in deinem Zustand schon überhaupt nicht."
Er wurde leicht kampflustig von seiner Frau angefunkelt: „Ich kann mich erinnern, dass du einmal recht entzückt von meinen langen Streifzügen gewesen bist. Hast du mir nicht selbst gestanden, dass du absolut fasziniert warst, als ich auf Netherfield ankam, um nach der erkrankten Jane zu sehen?"
Ihr Mann seufzte: „Das ist richtig, aber ich schätze, hier geht es um ganz andere Dinge."
„Um andere Dinge? Die solltest du mir dann aber geschwind erläutern, damit ich dir folgen kann."
Er setzte sich und schenkte sich Kaffee aus der Silberkanne in seine Tasse: „Du bist allein unterwegs. Das ist schon ungewöhnlich genug unter normalen Umständen. Nun stelle dir bitte einmal vor, dir würde unterwegs, fernab von einer Besiedlung, etwas zustoßen. Du knickst um, fällst hin, oder dergleichen. Keiner würde wissen, wo genau du bist, keiner würde dich hören, wenn du um Hilfe rufst. Ganz zu schweigen davon, was dir und dem Kind sonst noch dabei passieren könnte."
Eilizabeth war versucht, heftig mit dem Fuß aufzustampfen, verkniff es sich aber in letzter Sekunde wegen Georgiana, die dem Wortwechsel eh schon mit offen stehendem Mund zuhörte: „Pah, das sieht dir ähnlich! Dir geht es nur um das Kind und dass diesem kostbaren Wesen ja nichts zustößt. Ich meine hingegen, dass die Bewegung vielleicht viel besser für Mutter und Kind ist, als nur untätig im Haus herumzusitzen, oder noch schlimmer, was ich aber auch schon gehört habe, als die gesamte Schwangerschaft im Bett zu verbringen. Woher soll ich dann deiner Meinung nach die Kraft für die Geburt schöpfen?"
Entnervt fuhr sich ihr Gatte mit der Hand durch die glatten, braunen Haare: „Genau aus dem Ausgeruhtsein. Es halten alle werdenden Mütter wohl so, ich kenne jedenfalls keine, die ständig meilenweit in der Gegend herumgelaufen wäre."
Nun war es an Elizabeth, spöttisch die Brauen zu liften. „Du kennst werdende Mütter? Außer mir? Erstaunlich!"
Er stellte klirrend die Kaffeetasse auf dem Tisch ab, so unvermittelt und hart, dass Georgiana zusammenzuckte: „Elizabeth, ich bin sehr in Sorge. Und nicht nur in Sorge um das Kind. Du weißt, dass du mir ganz gewiss eben so lieb und teuer bist, deswegen habe ich ja diese Horrorvisionen, dass bei einem deiner Ausflüge ein Unglück geschehen könnte."
Er holte tief Atem, dann sprach er etwas ruhiger weiter: „Wenn du schon auf derlei Bewegung absolut nicht verzichten möchtest, dann meinetwegen, aber ich bestehe darauf, dass dich zukünftig immer jemand begleitet. Sollte Georgiana sich dazu in der Lage sehen, soll es mir Recht sein, aber noch lieber wäre es mir, wenn Clarice oder eine andere Hausangestellte dabei wäre. Können wir uns darauf einigen?"
Er blickte sie an, aus seinen stahlblauen Augen sprach echte Besorgnis. Ihr Blick wurde weicher, sie gab endgültig den Widerstand auf, als er bittend die Hand nach ihr ausstreckte. Georgiana drückte sich tiefer in ihren Stuhl, um nicht aufzufallen, denn sie wollte sich um nichts in der Welt das Ende dieser Szene entgehen lassen, sie ahnte nämlich nun so langsam, wohin der Disput letztendlich führen würde. Und sie wurde tatsächlich sehr schnell für ihr Ausharren im Esszimmer belohnt.
Ihre Schwägerin machte einige wenige Schritte auf ihren Mann zu, dieser ergriff sie am Handgelenk und zog sie mit einer schnellen, geschickten Bewegung auf seinen Schoß. Georgiana schoss bereits die Röte ins Gesicht.
Sie hörte ihren Bruder nur noch murmeln: „Wir fordern das Schicksal nicht heraus, Liebste, versprich mir, dass du sehr vorsichtig sein wirst, ja?"
Und als Elizabeth, ohne den Blick von den Augen ihres Mannes zu wenden, hauchte: „Natürlich, ich verspreche es", folgte dem endlich ein verzehrender Kuss.
Georgiana wagte nicht zu atmen, aber trotzdem musste irgendetwas die Aufmerksamkeit ihres Bruders auf sie gelenkt haben, denn sie sah plötzlich seine meerblauen Augen scharf auf sie gerichtet.
Er schob langsam Elizabeth von sich und lachte trocken und halb verlegen auf: „Georgiana, ich hoffe, du hast genug gesehen. Du darfst dich nun gerne zurückziehen."
Mit hochrotem Kopf verließ das junge Mädchen das Frühstückszimmer.
Die Ankunft von Mrs. Bennet auf Pemberley war nicht zu überhören. „Ach, was habe ich doch für eine anstrengende Reise hinter mir. Es ist kaum zu glauben, wenn mir nicht mein aufmerksamer und wirklich großzügiger Schwiegersohn für die letzte Etappe seine eigene Equipage zur Verfügung gestellt hätte, hätte ich mich noch weiterhin in überfüllten Postkutschen hierher quälen müssen und wäre sicher noch immer nicht hier. Wo ist denn überhaupt meine Tochter? Mrs. Reynolds, ich hoffe sehr, dass es der Hausherrin gut geht, oder etwa nicht? Sonst wäre sie doch sicher bereits zu meiner Begrüßung hergeeilt. Also sollte es ihr so miserabel gehen wie der armen Jane, dann weiß ich nicht, warum wir armen Frauen immer so fürchterlich leiden müssen. Ich meine, reicht es nicht schon, dass wir im gebärfähigen Alter einmal pro Monat…".
Das unbedachte Geschwätz verstummte plötzlich im weitläufigen Vestibül, da Miss Georgiana im Blickfeld von Mrs. Bennet und Mrs. Reynolds aufgetaucht war.
Diese knickste höflich vor der Schwiegermutter ihres Bruders, sie versäumte auch nicht, ein paar Worte zu äußern, obwohl es ihr gegenüber Fremden (oder Personen, die sie nicht so oft zu Gesicht bekam), noch immer nicht leicht fiel, sich unbefangen zu unterhalten: „Wie schön, dass Sie da sind, Mrs. Bennet. Ich lasse gleich nach Ihrer Tochter schicken, wenn es Recht ist."
Mrs. Bennet nickte abwesend und sie antwortete beiläufig: „Ja, sehr schön, sehr schön, ich danke Ihnen, Miss Georgiana."
Damit lief sie schon weiter, in Richtung des Korridors, wo sich ihrer Meinung nach der Salon befand. Mrs. Reynolds wollte schnell hinter her eilen, um den Irrtum aufzuklären, doch der Schelm in Georgiana ließ sie die Haushälterin mit einer Geste aufhalten.
Sie schüttelte den Kopf und flüsterte: „Lassen Sie sie nur gehen, Mrs. Reynolds, im schlimmsten Fall wird sie direkt auf meinen Bruder in der Bibliothek treffen."
Die ältere Frau konnte ein stummes Lächeln nicht unterdrücken und ging nach einem verschwörerischen Blick auf die junge Miss wieder an ihre Arbeit.
Ohne nachzudenken, und vor allen Dingen ohne anzuklopfen, trat Mrs. Bennet durch die Tür, hinter der sie den Salon vermutete. Als sie sich irritiert umsah und ihren Fehler bemerkte, war es schon zu spät.
Eine tiefe, recht ungehaltene Stimme ließ sich vernehmen: „Rodgers, in Dreiteufelsnamen, ich sagte bereits, dass ich nicht gestört zu werden wünsche, diese Papiere hier verlangen mir nun mal höchste Konzentration ab."
Mrs. Bennet sah ihren Schwiegersohn mit tief hängendem Kopf über den Schreibtisch gebeugt sitzen, ohne aufzusehen, sprach er weiter: „Verdammt noch mal, also was gibt's, Rodgers?"
Mrs. Bennet überlegte panisch, ob sie etwas erwidern oder einfach still wieder hinausgehen sollte, doch genau diese Sekunde des Zögerns erweckte den Argwohn des Hausherrn und er blickte ungehalten auf. Seine blauen Augen schossen Blitze in Richtung des Eindringlings. Er erblickte seine Schwiegermutter und sprang sofort von seinem Stuhl auf. Dieser polterte krachend zu Boden und als Fitzwilliam einen Schritt machen wollte, um sich zu verbeugen, blieb er am Stuhlbein des umgekippten Stuhles hängen und legte sich der ganzen Länge nach auf den Teppich vor dem Kamin. Auf seine ganzen sechs Fuß und drei Zoll hingestreckt, betrachtete ihn Mrs. Bennet, die vor Schreck meinte, niemals wieder auch nur ein Wort herauszubringen. Doch ein leises Zucken und Beben der Schultern ihres Schwiegersohnes ließen sie stutzen. Was zunächst wie ein Schmerzenslaut geklungen hatte, entpuppte sich als Glucksen, das anschwoll und lauter wurde, in gleichem Maße, wie das Beben durch den Körper des am Boden liegenden Fitzwilliam heftiger wurde. Mrs. Bennet brauchte noch einen Moment, um gänzlich zu verstehen, dass ihr Schwiegersohn in wenigen Sekunden in schallendes Gelächter ausbrechen würde. Langsam hob er nun den Kopf und sie konnte sehen, dass er sich schnell die Fingerknöchel vor den Mund hielt, um den Lachanfall etwas zu unterdrücken, beziehungsweise nicht zu unhöflich zu wirken.
Sie fasste sich schneller als gedacht und fing ebenfalls laut zu lachen an.
Zwischen zwei Glucksern fand sie dann Atem und Sprache wieder: „Liebe Güte, das war eine Begrüßung die sich gewaschen hat, ich muss schon sagen, verehrter Mr. Darcy…"
Sie prustete erneut los, während er sich nun langsam vom Boden erhob.
Immer noch lachend, holte er die Verbeugung nach, ergriff sodann die Hand seiner Schwiegermutter und hauchte einen Kuss darauf, biss sich noch einmal kurz auf die Lippen und sagte schließlich: „Sie verzeihen sicher mein ungeschicktes Verhalten, liebe Frau Mama. Ich lege mich normalerweise so schnell keiner Frau zu Füßen, also sehen Sie es als ganz besondere Wertschätzung."
Und dann ereilte sie beide ein neuerlicher Lachanfall.
Elizabeth traute ihren Ohren nicht, als sie aus der Bibliothek schallendes Gelächter vernahm. Sie öffnete die Tür und nun traute sie ihren Augen kaum, denn dort standen ihr Mann und ihre Mutter nah beisammen und bogen sich fast vor Lachen.
Sie stemmte beide Fäuste in die Hüften und räusperte sich vernehmlich: „Hmh, darf ich nachfragen, was euch hier so sehr erheitert? Mama? Fitzwilliam?"
Die beiden fuhren wie ertappt herum, erblickten eine konsternierte Elizabeth in der Tür, was sogleich das Signal zu einer weiteren Lachsalve von Schwiegermutter und Schwiegersohn war. Elizabeth schüttelte fassungslos den Kopf.
Erstaunlicherweise fasste sich ihre Mutter als erste, sie sank auf einen der Stühle, wedelte echauffiert mit ihrem Taschentuch und gab kichernd Auskunft: „Ach Lizzie, ob du es glaubst oder nicht, aber dein Gatte ist aus Versehen hingefallen und lag direkt vor mir ausgestreckt auf dem Teppich. Es war – zu komisch."
Und die Erinnerung an den Vorfall ließ sie erneut in Gelächter ausbrechen.
Noch immer machte Elizabeth ein sehr verkniffenes Gesicht: „Wie? Nein, also Mama, das kann ich nicht glauben. Wie kommst du überhaupt hier herein? Hat Mrs. Reynolds dich nicht in den Salon geführt?"
Jetzt ließ sich endlich ihr Mann vernehmen, der langsam wieder Atem geschöpft hatte und sich den Bauch nicht mehr vor Lachen hielt: „Oh, es hat sich genau so zugetragen, wie deine Mutter es gesagt hat. Sie kam wohl unverhofft hier herein, anscheinend weil sie sich in der Tür geirrt hatte und ich war so überrascht darüber, dass ich beim Aufstehen meinen Stuhl umwarf und in aller Eile darüber gestolpert bin. Es war natürlich furchtbar peinlich, aber irgendwie überwog die Komik in der ganzen Situation und ich fing ganz unziemlich an, laut zu lachen."
Die Schilderung entlockte nun auch Elizabeth ein Schmunzeln. Gemeinsam begab man sich nun in den Salon, wo eine unschuldig dreinblickende Mrs. Reynolds den Tee servierte. Elizabeth erwähnte den Vorfall nicht, obwohl sie ahnte, dass die Haushälterin nicht ganz unschuldig daran gewesen sein musste.
Mrs. Bennet nippte an ihrer Teetasse, dann sagte sie: „Also, ich muss schon sagen, mein lieber Mr. Darcy…"
„Fitzwilliam, wenn es Recht ist, Frau Mama", verbesserte er sie sogleich.
„Ähm ja, natürlich. Mein lieber – Fitzwilliam, Sie haben recht unziemlich geflucht, als Sie nicht mich sondern Ihren Kammerdiener in der Bibliothek vermuteten. Ich meinte, durchaus die Worte ‚verdammt noch mal' oder auch ‚in Dreiteufelsnamen' gehört zu haben. Halten Sie das womöglich immer so, ist der Ton in Ihrem Haus derart abfällig? Das will ich doch nicht hoffen, Sir!"
Er holte tief Luft, es war sehr unglücklich, dass seine Schwiegermutter ihn schlechtgelaunt angetroffen hatte: „Natürlich ist dies nicht der Fall, dass versichere ich Ihnen. Jedoch ist der gute Rodgers fast schon so etwas wie ein Vertrauter von mir. Er ist seit ich denken kann auf Pemberley in Diensten, er stand meinem Vater bereits zur Seite. Der Umgangston zwischen ihm und mir kann daher von Zeit zu Zeit und wenn es der Anlass gebietet, etwas lockerer sein, das gebe ich zu. Er weiß es aber richtig zu nehmen und einzuschätzen. Ansonsten denke ich, dass es hier in meinem Haus durchaus manierlich zugeht und die gängigen Umgangsformen gewahrt werden."
Mrs. Bennet setzte ihre Teetasse ab und nickte bedächtig: „Nun, ich habe selbstverständlich nichts anderes erwartet, aber vielen Dank, dass Sie mir zu meiner Beruhigung diese Bestätigung gegeben haben, Und nun zu dir, Lizzie."
Sie drehte sich zu ihrer Tochter und schaute diese an: „Du siehst erstaunlich gut aus. Im Gegensatz zu der guten Jane, die nur noch Haut und Knochen ist, und deren Schwangerschaft sie wirklich leiden lässt. Nicht dass ich sie gerne ohne meine Fürsorge in Hertfordshire gelassen habe, aber das Verlangen, dich nun zu sehen und dir zur Seite zu sein, war doch etwas größer. Jane habe ich in der Nähe, ich kann sie, falls gewünscht, tagtäglich besuchen. Bei dir verhält sich das eben anders. Aber so wie mir scheint, brauchst du meine Hilfe und meinen Beistand wohl nicht. Nun ja, dann werde ich euch auch nicht sehr lange strapazieren hier. Jane braucht mich offensichtlich mehr."
Am nächsten Morgen hielt Fitzwilliam Darcy einen Brief in seinen Händen. Er las ihn aufmerksam durch, dann legte er ihn auf den Schreibtisch und stand auf. Die wenigen Schritte bis zum Frühstückszimmer waren schnell zurückgelegt.
Georgiana
zuckte zusammen, als ihr Bruder stürmisch die Tür aufriss.
„Ah, dachte ich es mir, dass du hier bist. Ich habe Post bekommen.
Und die geht dich wohl einiges an."
"Mich?" Georgiana war
erstaunt. „Von wem denn Post?"
Ihr
Bruder schüttelte den Kopf: „Wo ist Lizzie?"
Die Antwort
ließ nicht auf sich warten: „Im Garten mit ihrer Mutter. Ein
kleiner Morgenspaziergang. Aber nun sag' von wem der Brief ist,
bitte!"
„Komme bitte in einer Viertelstunde in mein Arbeitszimmer, zusammen mit Lizzie, dann werde ich es euch mitteilen."
Damit verschwand er. Georgiana verlor ebenfalls keine Zeit und flog förmlich durch die Flure des Hauses, um ihre Schwägerin zu suchen.
Die beiden Damen blickten voller Spannung auf den Brief in den Händen des Hausherrn. Dieser räusperte sich noch einmal, bevor er anfing zu sprechen: „Also, um es kurz zu machen, dieser Brief ist von Baronet Gainsworth, nein, um es genau zu sagen, von dessen Sohn, Jonathan Gainsworth."
„Oh, Mr. Gainsworth, wie nett von ihm zu schreiben", rief Georgiana nicht ohne eine gewisse Freude aus.
Ihr Bruder beobachtete sie genau. Eine ziemliche Welle der Röte lief über das sonst recht blasse Gesicht seiner Schwester. Elizabeth blickte ratlos zwischen den beiden hin und her, sie ahnte bereits, was gleich kommen würde.
Die Frage ihres Bruders folgte auf dem Fuß: „Georgiana, hast du ihm berechtigte Hoffnungen gemacht, während unseres Aufenthaltes in London?"
Die Schwester blickte ihn irritiert an: „Wie Hoffnungen?"
„Auf
eine Verbindung mit ihm?"
Georgiana schaute verängstigt,
fast wie das Kaninchen vor der Schlange. Sie antwortete nicht.
„Nun?" Fitzwilliam bohrte nach.
„N…ein, ich glaube nicht, ich meine, ich weiß nicht… auf der letzten Ausfahrt in den Hyde Park… ach, Fitzwilliam, ich kann es dir nicht sagen."
Zu Lizzies Entsetzen fing das junge Mädchen zu weinen an.
Sie setzte sich zu ihr und nahm sie in den Arm: „Georgiana, nicht doch. Du kannst uns alles erzählen, was auch immer es sein mag."
Doch Georgiana schüttelte heftig den Kopf und schluchzte: „Ka-hann ich ni-hicht. Mein Bruder wird mich nie wieder ansehen, wenn ich es erzähle."
Jetzt war es an Fitzwilliam, zu trösten, er rückte von der anderen Seite an seine Schwester heran, nahm ihre Hand in die seine: „Georgiana, die Sache ist zu ernst. Du solltest wirklich sagen, was zwischen dem jungen Gainsworth und dir vorgefallen ist, falls überhaupt etwas vorgefallen ist. Der Brief ist eh nicht zu missdeuten, er hat mich nämlich um deine Hand gebeten. Ich sollte also genau wissen, auf was wir uns da einlassen, bevor ich eine Antwort gebe, meinst du nicht?"
Georgiana holte tief Luft, ein trockener Schluchzer quälte sie noch, dann nahm sie sich ein Herz und sagte sehr leise: „Auf unserer letzten Ausfahrt hat Jonathan mich – geküsst!"
Nun war es endlich raus.
