Jonathan runzelte die Stirn, das hatte er sich schon gedacht. Georgiana war offensichtlich total unaufgeklärt, was die Dinge jenseits des Küssens anlangte. Er war ganz sicher kaum mehr erfahren, er hatte noch niemals mit einer Frau geschlafen. Einmal hatte er während eines Erntefestes eine Magd abgeknutscht, aber als sie ihm an die Hose gewollt hatte, war er erschreckt aufgesprungen und weggerannt. Beim Militär hatte er nun allerdings einige Dinge aufgeschnappt, die für ihn langsam ein vollständiges Bild ergaben. Wahrscheinlich war es weniger gut, wenn sowohl der Mann als auch die Frau völlig unerfahren in die Ehe gingen. Wobei er sich jedoch jetzt, wo er Georgiana anverlobt war, nur ungern vorstellte, sich bei einer anderen Frau die entsprechende Erfahrung zu holen. Wahrscheinlich würde es nur gehen, wenn er vorher eine halbe Flasche Brandy leeren würde. Nicht mehr und nicht weniger, denn bei zuviel Alkohol würde er vielleicht zu gar nichts in der Lage sein.

Er fragte sich allen Ernstes, wer vor der Hochzeit die Aufgabe übernehmen würde, Georgiana über ihre ehelichen Pflichten in Kenntnis zu setzen. Sie war mutterlos, also würde diese Aufgabe wahrscheinlich ihrer Schwägerin, Mrs. Darcy, zukommen. Sie hatte auch einmal eine Tante in London, eigentlich die Tante von Mrs. Darcy, erwähnt. Vielleicht wäre die geeignet? Oder Mr. Darcy würde die Dinge selbst in die Hand nehmen. Er traute es seinem zukünftigen Schwager ohne weiteres zu. Aber er tippte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Mrs. Darcy.

Seine abgeschweiften Gedanken kehrten zur Realität zurück und er schuldete Georgiana noch eine Antwort.

Daher sagte er betont schlicht: „Nun, vielleicht haben sie vor der Hochzeit schon das Bett miteinander geteilt?"

Georgiana schlug leicht ein paar Tasten an, ohne zu ermessen, was Jonathan damit gemeint haben könnte: „Ach ja, vielleicht."

Der nächste Satz von ihr kam zeitverzögert: „Obwohl es vielleicht von Vorteil wäre, wenn ich wüsste, was du damit meinst."

Jonathan hatte Mühe, nicht laut aufzustöhnen. Der Schuss war gründlich nach hinten losgegangen.

Er legte sich einen passenden Satz zurecht: „Sie schlafen hier doch in einem gemeinsamen Schlafgemach, oder? In einem großen Bett?"

„Ich glaube schon. Ich war noch nicht im Schlafzimmer meines Bruders. Ich stelle es mir ganz merkwürdig vor, neben einem Mann", sie blickte schüchtern auf, „neben dir in einem Bett zu liegen."

„Ja, liebste Georgiana, das wird sicher merkwürdig sein."

„Warum eigentlich sollte man das vor der Hochzeit nicht tun? Gut, es ist vielleicht anstößig, wenn man nur im Nachthemd im Bett liegt, kann das der Grund sein? Genau, es wäre nicht schicklich, dass das ein Mann sieht, mit dem man nicht verheiratet ist."

Jonathan betete, es möge jemand alsbald zur Tür herein kommen. Das Gespräch bewegte sich auf gefährlichem Terrain. Doch niemand tat ihm vorerst den Gefallen.

Dafür plapperte Georgiana nun unbedarft weiter: „Obwohl, man könnte es doch sicher mal ausprobieren. Mein Bett dürfte groß genug für uns beide sein."

Jonathan glaubte, sich verhört zu haben, er riss entsetzt die Augen auf, konnte aber nichts entgegnen, ohne Georgiana bloßzustellen. Andererseits – war ihre Idee wirklich so abwegig? Er verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Er konnte die Gastfreundschaft der Darcys auf keinen Fall so schändlich missbrauchen. Und er musste Georgiana unauffällig dieses Ansinnen ausreden.

„Nein, ich denke, wir werden noch früh genug in einem Bett gemeinsam schla… nächtigen. Ich würde dich andauernd in meinen Armen halten und küssen wollen und an Schlaf wäre dann nicht zu denken. Also lassen wir das besser."

Doch nun wurde ihr Lächeln breiter: „Oh, aber das wäre doch wunderbar! Jonathan, ich möchte es ausprobieren, bitte!"

Er wurde langsam ungehalten: „Nein! Mein letztes Wort!"

Sie verzog das Gesicht: „Aber warum denn?"

„Es wäre wirklich unschicklich, wie du schon sagtest."

Sie stand auf und näherte sich ihm: „Es müsste ja niemand erfahren. John!" Sie blickte ihn bittend an.

Er biss sich fest auf die Lippen und schüttelte mit Nachdruck den Kopf: „Auf gar keinen Fall, Georgiana!"

Nun hatte sie bereits Tränen in den Augen: „Du bist sehr unnachgiebig. Liebst du mich denn nicht?"

Er nahm ihre Hände und zog sie nacheinander an seine Lippen: „Doch, doch, ich liebe dich sehr sogar. Nur – lass uns bitte nicht mehr über das Thema von eben sprechen, ja?"

Eine einzelne Träne tropfte auf seinen Handrücken. Er wischte die feuchte Spur auf ihrer Wange mit dem Daumen weg, dann folgten seine Lippen dieser Spur. Er fand ihren Mund, sie klammerte sich an ihn.

Es klopfte kurz an die Tür, die beiden fuhren schnell auseinander.

Elizabeth trat ein, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen: „Sobald mein Gatte und sein Gast wieder da sind, werde ich mich zurückziehen. Das Kind ist sehr unruhig und macht mir gehörig zu schaffen. Ich hoffe auf Ihr Verständnis, Mr. Gainsworth."

Jonathan neigte leicht den Kopf: „Mrs. Darcy, ich bitte Sie, dafür habe ich das größte Verständnis. Dann darf ich Ihnen trotz aller Beschwerlichkeiten, die Sie derzeit zu erdulden haben, eine angenehme Nachtruhe wünschen."

„Herzlichen Dank, Mr. Gainsworth."

Nun kamen die beiden anderen Herren herein, weiterhin in Gespräche vertieft.

Sir Thomas war zu hören: „Es freut mich wirklich, dass ich Ihnen da ein klein wenig weiterhelfen konnte. Ihre Bibliothek birgt eine ganz außerordentliche Sammlung, in der Tat."

Fitzwilliam konnte einen raschen Blick mit seiner Frau wechseln, die ihm ganz kurz ein fast unmerkliches Nicken zuwarf. Ein schräges Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

Dann verabschiedete sich Elizabeth auch von Sir Thomas und begab sich zur Ruhe. Georgiana folgte ihr bald darauf. Nur die drei Herren saßen noch etwa eine Stunde am Feuer, Jonathan gab einen ersten Bericht über seine Militärkarriere ab. Danach löste sich diese Runde ebenfalls auf.

Während Fitzwilliam sich neben der schlafenden Elizabeth ausstreckte, deren Schlaf ausnehmend tief zu sein schien und er ein klein wenig enttäuscht darüber war, dass er nicht mit ihr in seinen Geburtstag feiern konnte, erwachte anderswo das Haus zum Leben. Dienstboten eilten ohne Schuhe leise durch das Haus und versuchten, ohne großen Lärm zu machen, die Dekorationen anzubringen und alles für die Feier vorzubereiten.

Georgiana wälzte sich ruhelos im Bett. Alles, was sie am Abend mit Jonathan beredet hatte, zog wieder und wieder durch ihren Kopf. Sie wusste nicht, was sie von der ganzen Sache zu halten hatte. Sie zog sich einen Morgenmantel über und schlich sich aus dem Zimmer. Hier oben bemerkte man eigentlich nichts von den Geschäftigkeiten des Personals, das was man für das Schlafzimmer des Hausherrn vorgesehen hatte, würde voraussichtlich erst gegen Morgen dorthin verbracht. So hatte es jedenfalls Rodgers verfügt. Sie lief rasch barfuss über den Flur, blieb vor der Tür des Gästezimmers stehen und lauschte angestrengt. Kein Laut kam aus dem Zimmer von Jonathan Gainsworth. Sie drehte sich um, ging ein paar Schritte und prallte gegen einen menschlichen Körper. Ihr entschlüpfte ein kleiner Schrei, worauf sich sofort eine feste Hand auf ihren Mund legte.

Sie vernahm Jonathans Stimme: „Liebe Güte, was machst du mitten in der Nacht auf dem Flur?"

Sie war erstaunt über die plötzliche Begegnung, aber noch geistesgegenwärtig genug, mit einer Gegenfrage zu antworten: „Ja, aber du läufst ja auch hier herum. Wie erklärst du bitte das?"

Jonathan antwortete: „Ich konnte nicht schlafen und habe sehr befremdliche Geräusche gehört. Da bin ich aufgestanden und habe mich ein wenig umgesehen. Interessant, was nachts im Haus so alles los ist. Was machen die viele Leute da?"

„Es sind gewisse Vorbereitungen für den Geburtstag meines Bruders im Gange."

„Aber er sagte doch, dass es keine große Feier gäbe."

Georgiana nickte: „Er weiß ja auch nichts von der ganzen Sache."

Jonathan wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als der Schein einer Lampe langsam näher kam. Er öffnete rasch die Tür zu seinem Zimmer und zog Georgiana hinter sich her. Nicht auszudenken, wenn jemand sie hier sehen würde.

Innen hielt er ihr erneut die Hand auf den Mund und presste Georgiana zwischen sich und die Tür. Was, wenn jetzt eine ganze Armada von Dienstboten in diesem Trakt herumschwirrte? Georgiana konnte nun unmöglich auf ihr Zimmer zurückkehren. Das Gespräch vom Abend bekam eine ganz neue Dimension. Sehr vorsichtig nahm er die Hand von ihrem Mund, nur um sofort seine Lippen auf ihre zu drücken. Sie starrte ihn an, begriff plötzlich, wo sie war. Allein mit Jonathan - in dessen Zimmer mitten in der Nacht!

Hatte sie es nicht am Abend groß verkündet, dass sie ausprobieren wollte, wie es wäre, mit ihm in einem Bett zu liegen? Eine solche Gelegenheit würde sich vermutlich vor der Hochzeit nicht wieder finden. Sie befreite sich vorsichtig aus seinen Armen und machte einige Schritte in das Zimmer hinein: „John, ich kann nicht in mein Zimmer zurückkehren. Es werden jetzt mehr und mehr Leute in diesem Teil des Hauses tätig sein, nach dem zu urteilen, was ich von den Plänen so mitbekommen habe. Außerdem bin ich rechtschaffen müde. Ich muss notgedrungen hier schlafen."

Er schluckte die Worte des Protestes herunter und nickte in großer Resignation: „Natürlich, begib dich nur zu Bett, ich finde ein anderes Schlafplätzchen."

Ungeahnte Parallelen zu Fitzwilliam und Elizabeth taten sich auf, die sich einmal in einer ähnlichen Situation auf Netherfield während ihrer Verlobungszeit befunden hatten. Georgiana schlug die Decke auf dem Bett zurück und kroch darunter.

Dann entledigte sie sich ihres Morgenrocks und seufzte auf: „Ach, das Bett hier ist auch ganz wunderbar. Es steht dem meinen in nichts nach."

Und ohne nachzudenken fuhr sie fort: „Du muss auch müde sein, die ganze Reise war bestimmt anstrengend. Du solltest dich auch hinlegen. Wo sonst als hier? Du kannst jetzt genauso wenig zur Tür hinaus wie ich."

Jonathan schüttelte in Panik den Kopf: „Georgiana, alles was Recht ist, glaub mir, das wäre mehr als anstößig. Auch wenn du darin kein großes Vergehen siehst, wäre es dennoch eines. Selbst wenn es beim harmlosen Nebeneinanderliegen in diesem großen Bett bleiben würde, es wäre ein Grund für deinen Bruder, mir eine Kugel in den Kopf zu jagen."

„Aber er würde es nicht wissen."

„Liebes, das spielt die geringste Rolle. Du würdest es wissen und ich auch. Ich möchte ihm gegenüber kein schlechtes Gewissen haben müssen. Du etwa?"

Er ging zum Bett, drückte der jungen Frau einen Kuss auf ihr Haar, wandte sich zur Tür und legte dann die Hand an den Türknopf: „Gute Nacht! Es wird mir jedoch eine stille Befriedigung verschaffen, morgen Abend beim Zubettgehen zu wissen, dass du bereits in diesen Kissen geschlafen hast. Es entschädigt für diese Nacht, die ich woanders zu verbringen gedenke. Schlaf wohl, liebe Georgiana!"

Und er öffnete die Tür und verschwand, noch bevor sie ihren Mund zu einer Entgegnung aufmachen konnte.

Er konnte ja aus seiner eigenen Zimmertür gehen, es wäre nicht schlimm, wenn man ihn dabei beobachten würde. Er huschte über den Flur und sah nur kurz den Schatten eines Lakaien am Ende des Korridors. Dann begab er sich nach draußen, machte sich auf den Weg in den Stall. Er konnte den Weg nur ahnen, er kannte sich auf dem Anwesen gar nicht aus. Aber er fand nach einiger Sucherei ein trockenes, angenehmes Plätzchen im Stroh. Er war nicht sonderlich verwöhnt, das Militär hatte ihm außerdem auch schon einiges abverlangt. Er nahm eine der Pferdedecken von der Halterung und wickelte sich darin ein. Gut, dass es noch nicht zu kalt war.

Fitzwilliam stand bei dem ohrenbetäubenden Krach senkrecht im Bett. Was in aller Welt ging hier vor? Er drehte sich um und merkte, dass er allein im Bett war. Elizabeth war nicht da. Rasend wie ein Stier sprang er auf und riss einen der schweren Vorhänge zur Seite. Auf der Loggia direkt vor den Schlafzimmerfenstern grinsten ihn sechs seiner Jagdhelfer schelmisch an, das Gewehr mittlerweile wieder vollständig gesichert.

Sie neigten ehrerbietig den Kopf, als ihr Herr sich am Fenster zeigte und riefen laut und vernehmlich: „Unseren herzlichsten Glückwunsch, Mr. Darcy!"

Jetzt, da das Tageslicht in das Schlafzimmer flutete, sah er die Veränderungen: Eine gigantische Blumengirlande wand sich um die Bettpfosten, auf allen Kommoden und Tischen standen Blumen, in der gleichen Art farblich aufeinander abgestimmt. Wann war das denn alles hier hereingebracht worden? Während er geschlafen hatte? Das musste ja unglaublich leise und planvoll vonstatten gegangen sein, damit er auf keinen Fall aufwachen würde. Er rieb sich verwundert die Augen. Dann stahl sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht. Er vermutete stark, dass Elizabeth da gewaltig ihre Hände im Spiel haben musste. Weniger nett war allerdings der Salut der Jagdtruppe direkt vor seinen Fenstern gewesen. Ihn unsanft zu wecken. Fast schon unverschämt.

Im Bad fand er alles von Rodgers vorbereitet vor. Heißes Waschwasser, frische Kleidung, Rasierzeug, alles lag parat. Seufzend fing er mit der Morgentoilette an. Er war gespannt, ob ihn noch mehr Überraschungen erwarteten, war sich inzwischen fast sicher, dass Elizabeth weitere Dinge geplant hatte. Er schmunzelte, während er das Rasiermesser mit kratzendem Geräusch über die Bartstoppeln führte. Perfekt gekleidet und erfrischt verließ er das Zimmer. Er lauschte angestrengt, aber kein verräterisches Geräusch ließ sich vernehmen.

Also ging er zum Treppenhaus, und als er auf der oberen Stufe erschien, erscholl ihm ein vielstimmiges Geburtstagsständchen entgegen: „For he's a jolly good fellow…"

Er schüttelte ungläubig den Kopf, an der Spitze der versammelten Gruppe standen Elizabeth und Georgiana, etwas abseits hielten sich Sir Thomas und Jonathan. Auch das Treppenhaus war überladen mit Blumen. Er hatte etwas Drartiges noch niemals zuvor gesehen, geschweige denn, zu seinem Geburtstag erlebt. Mrs. Reynolds, Rodgers, Mr. Portland, Mr. Fielding und unzählige andere strahlten ihn an. Er lächelte ein äußerst verlegenes Lächeln und kam endlich am Fuß der Treppe an.

Dort warf sich zunächst seine Schwester in seine Arme: „Oh, du solltest dein Gesicht sehen! Wie wundervoll, dass uns diese Überraschung so geglückt ist. Wir hatten wirklich große Bedenken, dass du irgendwie davon Wind bekommen würdest. Aber es hat alles vorzüglich hingehauen. Und nun bleibt mir nur noch, dir von Herzen Glück zu wünschen, Bruderherz!"

Sie entließ ihn aus ihrer Umarmung, damit er sich Elizabeth zuwenden konnte. Diese schaute aber nur mit Kulleraugen auf ihren attraktiven Gatten, konnte sich von seiner schneidigen Erscheinung kaum losreißen und war auch längst nicht zu einer so spontanen Aktion fähig wie gerade zuvor Georgiana. Sie knickste daher nur förmlich vor ihrem Mann und hängte sich an seinen Arm.

Dann sagte sie: „Sollen wir zuerst zum Frühstück gehen, oder möchtest du davor schon Geschenke haben?"

Er schaute sich verwundert um: „Geschenke? Es gibt auch noch Geschenke? Das kann ich kaum glauben, zuletzt habe ich als kleiner Junge Geschenke zu meinem Geburtstag bekommen."

Elizabeth warf ihm einen scharfen, strafenden Blick zu.

Er musste einen Augenblick nachdenken, dann setzte er hinzu: „Abgesehen vielleicht von den dummen Scherzen, die Mr. Wickham anlässlich dieses Tages mir anzutun pflegte."

Nun lachten alle laut.

„Also dann", rief er vergnügt in die Runde „natürlich möchte ich zuerst meine Geschenke. Ich muss die Gunst der Stunde ausnutzen, wer weiß, wann ich wieder welche bekomme!"