Doch er wurde nicht wie erwartet in den Salon geführt, sondern nach draußen vor das Portal. Dort führten soeben zwei Reitknechte einen prächtigen Hengst vor, dessen schwarzbraunes Fell glänzte und Zeugnis der Kraft und guten Gesundheit des Tieres war. Das Pferd war von feiner Statur, aber trotzdem kräftig, stark und robust. Eleganz gepaart mit Temperament, Stärke gepaart mit Anmut und Widerstandsfähigkeit gepaart mit Noblesse. Fitzwilliam starrte sprachlos auf das edle Tier. Mr. Portland reichte ihm die Abstammungspapiere.
Er überflog diese mit Kennerblick und äußerste sich dann: „Ein Hengst aus deutscher Zucht. Aus den Hannoverschen Landen. Gutes Pferdeland, wunderbare Rasse. Aber er hat einen italienischen Namen, sehr ungewöhnlich. Er heißt Principe, was soviel wie Prinz bedeutet. Klingt aber wesentlich melodischer, beeindruckender. Er kann den Grundstock einer neuen Zuchtlinie hier bilden, außerdem ist er als Reittier für den erfahrenen, anspruchsvollen Reiter nutzbar."
Er machte eine Pause, ging auf das Tier zu und sprach leise mit ihm. Der Hengst stellte die Ohren aufmerksam nach vorne und lauschte der tiefen, einprägsamen Stimme. Es wurde sofort klar, wer von den beiden die Oberhand haben würde, das Pferd erkannte seinen Herrn ziemlich schnell an.
Fitzwilliam wandte sich wieder der Familie und den anderen Wartenden zu: „Bei wem darf ich mich für dieses wundervolle Tier bedanken?"
Elizabeth wurde von Georgiana nach vorne gezerrt.
Fitzwilliam lächelte: „Woher wusstest du, dass ich eine neue Zucht zu beginnen gedenke? Und welche Art von Pferden ich dafür vornehmlich im Sinne hatte?"
Elizabeth wies mit der Hand auf den Verwalter: „Mr. Portland war so freundlich, mir da in großem Maße behilflich gewesen zu sein. Ohne seine Unterstützung, seine guten Kontakte und seine Fachkenntnis wäre Principe jetzt nicht hier."
Mit wenigen Schritten war er bei Mr. Portland und schüttelte ihm dankbar die Hand. Doch dann drehte er sich zu seiner Frau um. Man hörte keinen Mucks mehr unter den Anwesenden. Er zog sie zu sich heran, dann hielt er sie einfach nur fest umschlungen. Beifall brandete auf.
Er hob den Kopf und sagte in die Menge: „Leute, vielen Dank euch allen. Ich nehme an, ihr habt zum nicht unerheblichen Teil eine Nachtschicht eingelegt, um mich heute überraschen zu können. Und ich nehme weiterhin an, dass es in der Gesindeküche unter Garantie Kuchen und Tee für euch gibt. Mrs. Reynolds hat bestimmt vorgesorgt. Lasst es euch schmecken, aber vergesst mir euer Tagwerk nicht!"
Die dienstbaren Geister zerstreuten sich mit zufriedenen Mienen und nun endlich konnte man gemeinsam mit dem Besuch aus Rutland zum Frühstücken gehen.
Dort warteten noch weitere Geschenke auf Mr. Darcy. Ein sehr wertvolles Buch, das Georgiana aus London hatte besorgen lassen. Eine ganze Reihe neuer Krawattentücher, die Mrs. Reynolds zusammen mit Rodgers angeschafft hatte. Leider standen Sir Thomas und sein Sohn mit leeren Händen vor dem Hausherrn, versprachen ihm aber die Überlassung einer wertvollen Zuchtstute aus den Stallungen von Gainsworth Hall für die Dauer von drei Jahren. Mit etwas Glück konnte sie in der Zeit zweimal abfohlen. Ein wahrer Glückstag für das Darcy'sche Gestüt.
Während man sich also in Derbyshire einem exzellenten Frühstück widmete, ging es auf Netherfield bereits hoch her. In der Nacht hatten bei Jane die Wehen eingesetzt. Sie hatte sowieso unruhig geschlafen, ohne Charles an ihrer Seite, der sonst einfach nie Ruhe gefunden hätte. In letzter Zeit hatte sich es häufig ereignet, dass er in einem Gästezimmer geschlafen hatte. Nicht, weil er und Jane sich entfremdet hätten, aber so fühlten sich derzeit beide am wenigsten gestört und deswegen nahmen sie die gelegentliche räumliche Trennung in Kauf.
So ahnte Charles am Morgen beim Aufstehen auch noch nichts von der nahenden Geburt. Doch kaum hatte er sein Zimmer verlassen, da fiel ihm die unübliche Betriebsamkeit doch auf.
Vor allem, als er von seinem Butler zuerst zum Frühstück gedrängt wurde, wurde er stutzig: „Jones, meiner Frau geht es doch gut, oder?"
„Nun Sir, es freut mich Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie in Kürze die Freuden der Vaterschaft in all ihren Ausmaßen werden genießen können."
Charles Bingley verdrehte die Augen: „Jones, so reden Sie doch nicht so geschraubt. Kurz und prägnant für mich, wenn ich bitten darf!"
„Sir, Ihre Gattin liegt seit einigen Stunden in den Wehen und das Kind dürfte noch im Laufe dieses Tages geboren werden."
Mit einem Schrei sprang Charles auf: „Jones! Und das sagen Sie mir erst jetzt?"
„Man bat darum, Sie einstweilen nicht in Ihrer Ruhe zu stören."
„Wer bat darum?"
„Ihre werte Gattin und dann auch die Hebamme und die sich zugegen befindlichen Helferinnen."
„Großer Gott, Jones, haben Sie ein eigentlich ein Buch der gehobenen englischen Sprache verschluckt? Wie ist der Stand der Dinge? Darf ich zu ihr?"
„Ich werde mich bemühen, das für Sie zu eruieren, Sir!"
„Ich bitte darum, Jones."
Zu allem Überdruss fuhr eine gute Stunde später auch seine Schwiegermutter vor. Sie eilte sofort in völliger Aufgelöstheit begriffen an das Bett ihrer Tochter und ließ Charles komplett links liegen. Er eilte ihr hinterher, die Treppe hinauf. „Schwiegermama, so warten Sie doch bitte!"
Echauffiert drehte Mrs. Bennet sich um und schnaufte: „Mr. Bingley, ich habe wahrlich keine Zeit für Ihre Belange, ich muss nach Jane sehen."
„Genau das möchte ich doch auch! Nur nach ihr sehen, einen kurzen Moment, wenn Sie gestatten. Bitte!"
Er blickte so flehentlich, dass Mrs. Bennet geneigt war, klein beizugeben: „Also gut. Ich schaue, wie die Lage ist, und je nachdem dürfen Sie für genau fünf Minuten hinein. Keine Minute länger!"
„Danke, ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Ma'am!"
Sie verschwand in das Schlafzimmer. Charles pilgerte nervös davor auf und ab.
Nach zwei Minuten ging die Tür auf und die Hebamme winkte ihn heran: „Mr. Bingley, Sie dürfen herein kommen, aber es nur sehr, sehr kurz. Ihre Frau ist durch die mühevolle Schwangerschaft ein klein wenig geschwächt und quält sich dadurch etwas mehr als üblich. Lassen Sie sich bitte weder durch ihren Anblick noch durch ihre Schmerzbekundungen irritieren. Es ist alles völlig normal in ihrem Zustand."
Charles eilte an das Bett seiner Frau und hätte sie fast nicht erkannt. Von ihrer strahlenden Schönheit war kaum noch etwas zu erkennen. Mit wirrem, strähnigem Haar lag sie verschwitzt und ermattet in den Kissen. Er kniete neben dem Bett nieder und ergriff ihre Hand. Als die nächste Wehe kam, stöhnte sie in böser Vorahnung auf, zerquetschte ihrem Mann fast die Hand und stieß, als der Schmerz kulminierte, einen qualvollen Laut aus. Verzweifelt warf sie sich im Bett hin und her, die Hebamme und Mrs. Bennet bemühten sich, sie wieder zur Ruhe zu bringen.
Die Hebamme begleitete den Hausherrn wieder zur Tür hinaus. Er blickte die Frau besorgt an und erkundigte sich angstvoll: „Wenn Sie sagen, dass das normal ist, will ich still sein. Aber mir kommt es nicht unbedingt so vor, allerdings ist meine Erfahrung auf dem Gebiet natürlich gleich Null."
„Ihre Frau hat nur durch die beschwerliche Schwangerschaft nicht genügend Kraft, um den Strapazen der Geburt gelassen entgegensehen zu können. Das ist aber auch schon alles. Glauben Sie mir, wenn sie zu sehr leiden wird, habe ich auch noch Mittel, um ihr die Schmerzen ein wenig zu lindern. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen. Ich bin recht zuversichtlich, dass Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter im Laufe des Tages in den Armen werden halten können."
Charles stotterte ein „Danke, danke vielmals", dann musste er den Ort des Geschehens verlassen.
Jonathan Gainsworth war sicher, in der Nacht richtig reagiert zu haben, auch wenn ihn beim Anblick der anmutigen Gestalt Georgianas leichte Zweifel an dieser Entscheidung kamen. Er freute sich jedoch darauf, in der kommenden Nacht sich in den gleichen Kissen und Laken räkeln zu können, in denen sie in der vergangenen Nacht geschlafen hatte. Diese Aussicht hob seine Stimmung beträchtlich.
Man hatte nach dem Frühstück die Türen zur Terrasse geöffnet, da das Wetter sich erheblich gebessert hatte und die Sonne herausgekommen war. Sie wärmte diesen Septembertag noch einmal und Fitzwilliam staunte nicht schlecht über die großen Zeltplanen, die die Terrasse pavillonartig überspannten. So konnte man auch ein wenig draußen sitzen und plaudern.
Doch dann wurde er erneut stutzig, denn einige der Dienstboten kamen um die Ecke, mit einem riesigen eisernen Spieß, daran waren eindeutig zwei kleine, bereits in der Küche vorgegarte Schweinchen zu sehen. Eine große Blechschale wurde herbeigeschafft, in der ein Feuer entzündet wurde, dann steckte man den Spieß auf ein Gestell und briet die Schweine vor den Augen der Gäste fertig.
Fitzwilliam blickte Elizabeth fragend an: „Wo kommen die Schweine her?"
Sie zuckte leichthin mit den Schultern: „Keine Ahnung. Aus dem Schweinekoben, vermutlich."
„Elizabeth!"
„Ja, wenn du auch so merkwürdige Fragen stellst, mein Lieber."
„Das sind keine merkwürdigen Fragen. Sind die Schweine aus unserem Bestand, ja oder nein?"
„Natürlich sind sie das. Woher sollten sie auch sonst kommen."
„Aha. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in den letzten Tagen eine Schlachterlaubnis erteilt hätte."
Seine Frau legte eine Hand auf seinen Arm: „Fitzwilliam, wie bitte hätten wir dich sonst überraschen sollen? Ich habe Mr. Portland die Erlaubnis erteilt, die Tiere für die Feier herzunehmen."
„Soso. Ganz schön eigenmächtig, Mrs. Darcy. Scheinbar bin ich nicht einmal mehr auf dem Gut mein eigener Herr. Madam hat wohl überall das Regiment übernommen."
Die Anwesenden merkten erst jetzt, dass der Schlagabtausch zwischen den beiden keinen völlig ernsten Charakter haben konnte. Die Augen von beiden sprühten nämlich vor Vergnügen bei dieser kleinen Diskussion.
Elizabeth klatsche kurz in die Hände und rief den Lakaien zu: „Ihr habt es gehört! Mr. Darcy möchte nicht, dass hier eine große Bewirtung stattfindet. Also räumt die Vorrichtung und alles Weitere gefälligst weg. Es wird keine Spanferkel geben heute!"
Die Dienstboten schauten irritiert, machten aber sofort Anstalten, den Befehl der gnädigen Herrin auszuführen.
Jetzt lachte endlich der Hausherr los und rief den verunsicherten Männern vor dem Zelt zu: „Um Himmels willen! Lasst alles wie es ist. Natürlich werden wir die Schweine hier fertig zubereiten und nachher verspeisen. Und wenn mich nicht alles täuscht, wird es noch weitere Schlemmereien geben. Mrs. Darcy und ich haben nur gescherzt. Nehmt dies also nicht ernst und tut weiter, wie euch meine Frau und Mrs. Reynolds, so vermute ich, instruiert haben. Langsam bekomme ich nämlich Hunger, wenn ich mir den Braten so näher betrachte!"
Nun stimmten alle in sein Gelächter mit ein. Fitzwilliam stand auf und ging zu dem Bratspieß. Er begutachtete alles fachmännisch und schnupperte an dem Fleisch.
Dann kehrte er mit zufriedener Miene zu seinen Gästen zurück: „Es dauert sicherlich noch eine gute halbe Stunde, bis es endgültig fertig ist. Wollen wir solange einen kleinen Spaziergang machen? Sir Thomas? Mr. Gainsworth? Georgiana? Lizzie? Das Wetter zeigt sich gütig, das müssen wir doch ausnutzen."
Sir Thomas schüttelte den Kopf: „Recht herzlichen Dank, aber ich habe es mir hier gerade sehr bequem gemacht. Eine fantastische Idee mit dieser zeltartigen Konstruktion. Ich bleibe hier und bewache die Schweine. Nicht dass dem guten Braten noch etwas Unvorhergesehenes widerfährt."
Also gingen nur die beiden Paare gemeinsam los. Man musste sich aber strikt an die Wege halten, da sowohl der Rasen als auch das übrige Gelände von den Regengüssen der vergangenen Tage sehr aufgeweicht waren.
Die Verlobten gingen vor dem Ehepaar entlang. So unter Beobachtung trauten sie sich zu nicht mehr, als nur untergehakt nebeneinander her zu laufen. Ganz im Gegensatz zu Fitzwilliam und Elizabeth, die sich eng umschlungen hielten und immer wieder nach wenigen Yards stehen blieben, um sich etwas ins Ohr zu flüstern, albern loszulachen, oder einen schnellen Kuss auszutauschen, immer dann, wenn Georgiana und Jonathan nicht hinsahen.
Dann aber gelang es den beiden Jüngeren, sich loszueisen. Elizabeth war nämlich stehen geblieben, weil das Baby sie sehr trat und sie wollte unbedingt, dass ihr Mann es auch spürte und mitbekam. Also drehte er sich zu Elizabeth um und legte ihr erwartungsvoll seine beiden Hände auf den Bauch. Prompt rührte sich das Kind nicht mehr. Währenddessen liefen Georgiana und Jonathan rasch weiter. Sie kamen an einem großen Springbrunnen vorbei, den große Figuren zierten. Ungeachtet des Matsches auf dem Rasen zog Jonathan seine Verlobte rasch hinter die großen Brunnenfiguren und drückte sie atemlos fest an sich.
„Glaube ja nicht, dein Bruder und seine Frau hätten hinter uns nicht ähnliche Dinge getan, Ich habe sie aus den Augenwinkeln mehrmals beobachtet. Sie haben sich mehr als einmal geküsst", raunte er ihr mit vibrierender Stimme ins Ohr.
Georgiana bekam eine Gänsehaut auf dem ganzen Körper, aber nicht, weil sie fror: „Aber die beiden sind ja auch verheiratet."
„Ja, und sie sind noch immer wie zwei Jungverliebte, nicht wahr? Ein erstrebenswertes Vorbild für uns, liebe, liebste Georgiana. In jeder Hinsicht!"
Und damit schenkte er ihr einen glühenden Kuss. Sie sank in seine Arme wie eine reife Frucht.
„Morgen musst du schon wieder weg!" Sie brachte den Satz langsam und mit enttäuschtem Gesicht hervor, nachdem er sich wieder ein wenig von ihr gelöst hatte.
„Ja, ich muss mich wieder bei meinem Regiment melden. Der Urlaub ist da knapp bemessen, leider."
„John, wie lange wird es dauern, bis wir uns wieder sehen können?"
Er strich ihr mit zwei Fingern sanft über ihre Wange: „Ich kann es nicht sagen. Ich glaube nicht einmal, dass ich zu Weihnachten werde kommen können. Es ist nun schon fast Oktober. Vielleicht an Ostern. Wenn alles gut geht."
„An Ostern erst? Ach, wie kann man nur so grausam sein! Ich mag das Militär nicht!"
Sie schaute verzweifelt zu ihm auf, in seine grünen Augen, eingerahmt von dunkelblonden Brauen. Seine manierlich geschnittenen Koteletten gingen über den Ohren in sein leicht drahtiges, aber wunderschönes blondes Haar über. Sie konnte dem Impuls nicht widerstehen und ließ ihre Hand einmal durch sein Haar laufen. Er strahlte sie an, dann berührten seine Lippen noch einmal kurz ihren Mund.
Seufzend richtete er sich auf und sagte: „Wir sollten zurückgehen, bevor du nasse Füße bekommst, oder deine wunderschönen Schuhe vollends ruinierst."
Er hob sie halb über den Rasen, bis zu dem gekiesten Weg. Dort warteten sie auf ihren Bruder und Elizabeth. Die kamen ohne Eile angeschlendert. Fitzwilliam hatte einen Arm um die Taille seiner Frau gelegt und die andere Hand ruhte liebevoll auf ihrem Bauch. Er hatte ein verzücktes Lächeln auf dem Gesicht und plauderte angeregt mit seiner Gattin. Das Kind hatte sich endlich zu weiteren Bewegungen herabgelassen, um auch seinem Vater eine Geburtstagsfreude zu bereiten. Er fühlte, wie sich das kleine Etwas im Bauch seiner Frau rührte und fand es absolut faszinierend, dass es so vital und voller Energie war.
