Lois hatte Jason ins Bett gebracht und ging die Treppe langsam wieder hinunter. Sie wusste nicht, wie sie das alles hier weiter aufrecht erhalten sollte, wie sie mit Richard umgehen sollte und nicht einmal mehr, wie sie mit ihrem Sohn umgehen sollte.
Sie hatte gewusst, dass Jason von alleine auf den Zwischenfall auf dem Schiff zu sprechen kommen würde und heute Abend war es soweit gewesen.
„Mom, ich wollte dem Mann auf dem Schiff nicht wehtun…"
Sie nahm seine Hand und sah in sein verängstigtes Gesicht. „Das weiß ich, Schätzchen."
„Aber ich habe ihm wehgetan, oder? Ist er tot?"
Lois entschloss sich, so ehrlich wie möglich zu antworten. „Ja, aber ohne dich wäre ich jetzt tot… Jason, ich weiß, dass du das nicht absichtlich gemacht hast- aber er hat dir Angst gemacht und du wusstest nicht, was du getan hast. Du wusstest nicht, dass du so viel Kraft hast. Und ich… wusste es auch nicht."
Jason schniefte. „Ich weiß nicht, wie das passiert ist. Ich habe keine Luft mehr bekommen, weil ich Angst hatte und ich wollte mich nur mit den Händen vom Klavier abstoßen, weil ich doch mein Spray brauchte und dann… und dann… war das Klavier weg und der Mann auch und ich brauchte gar kein Spray mehr und… und…"
Lois nahm ihn in die Arme und versuchte, ihn zu beruhigen. „Ich kann dir das im Moment auch nicht genau erklären, aber ich werde mit jemandem sprechen, der das vielleicht besser kann und dann sehen wir weiter, ja?"
Jason schaute sie an, seine ungewöhnlich brillanten blauen Augen sahen nun direkt in ihre. „Mit wem denn?"
„Das sage ich dir, wenn ich mit ihm gesprochen habe, okay? Jetzt möchte ich nur, dass du dir keine Sorgen mehr machst, in Ordnung?"
Jason nickte langsam und schlang dann seine Arme um sie, ehe er sich zurück in seine Decke kuschelte.
Richard saß im Wohnzimmer und sah sie forschend an.
„Was denn?" fragte sie, wich seinem Blick jedoch aus und setzte sich, wobei sie jedoch das Glas Rotwein, was er ihr hinhielt, ablehnte- sie wollte nicht, dass er sah, wie ihre Hände zitterten.
„Wann willst du es ihm sagen?" fragte Richard ruhig.
„Wem will ich was wann sagen?"
„Lois, bitte… Ich weiß, dass Jason nicht mein Sohn ist und ich denke, ich kenne mittlerweile den Grund, warum du nie über seinen Vater sprechen wolltest, also sei bitte wenigstens dieses eine Mal ehrlich… Wann willst du Jason sagen, dass… Superman sein Vater ist?"
Lois starrte ihn an. „Woher…?!"
„Ich war im Schlafzimmer, als du mit ihm gesprochen hast und ich habe genug mitbekommen, um das für sicher zu halten."
Lois wollte etwas sagen, doch er hob die Hand, um sie daran zu hindern.
„Nein, Lois, sag jetzt bitte nichts. Jetzt sage ich dir etwas. Ich habe an deinen Augen gesehen, dass du mich angelogen hast, als du mir sagtest, dass du nie in ihn verliebt warst- das war nicht fair und das weißt du! Aber weitaus schlimmer ist, dass du noch immer versuchst, dir und mir etwas vorzumachen! Du hast nie aufgehört, ihn zu lieben und vielleicht ist das der Grund, warum wir zwar schon lange verlobt, aber noch immer nicht verheiratet sind. Es wird für uns beide Zeit, uns den Tatsachen zu stellen."
„Richard… Es tut mir so leid- ich habe es versucht, wirklich…"
Er war darauf gefasst gewesen, doch jetzt, als sie das sagte, schnürte es ihm das Herz ab. „Ich weiß…"
Er schluckte und fragte sich, ob er die Frage, die ihm auf der Seele brannte, wirklich stellen sollte und entschied sich dann dafür- er musste es wissen.
„Warum… warum hast du mir nie gesagt, dass du mit ihm… ich meine… du hast immerhin mit ihm…"
„…geschlafen? Nein, habe ich nicht, zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass ich das hätte!"
Richard sah sie nur an und Ärger schwang in seiner Stimme mit, als er sagte, „Oh Lois, ich bitte dich! Hat der Klapperstorch Jason gebracht?!"
Lois wich seinem Blick nicht aus. „Ehrlich, Richard, ich weiß es nicht! Kurz, nachdem ich erfahren hatte, dass ich schwanger bin, war mir klar, dass es nur diese eine Möglichkeit gibt, aber ich weiß verdammt noch mal nicht, wie es dazu kam, ich weiß es bis heute nicht! Deswegen habe ich angefangen, es zu verdrängen und bis er wieder auftauchte, auch mit Erfolg!"
Er konnte sehen, dass sie die Wahrheit sagte und doch wollte es nicht in seinen Kopf.
„Gut, dann… ist es wohl Zeit, dass du mit ihm sprichst. Jason wird ihn brauchen und ich-"
Lois sah ihn entsetzt an. „Richard…"
Er seufzte. „Lois, du kennst mich viel zu wenig… Ich habe nicht vor, Jason im Stich zu lassen. Er bleibt mein Sohn, so wie er es von Anfang an war- aber wir beide… Wir müssen es einfach gut sein lassen und einsehen, dass wir nie füreinander bestimmt waren."
„Aber, ich…" Tränen sammelten sich in ihren Augen.
„Es bringt nichts, Lois. Uns beiden nicht. Und am Ende wird es nur noch mehr wehtun. Lass uns jetzt einfach ehrlich miteinander sein, die Sache beenden und… unsere Verlobung lösen."
Die Tränen liefen ihr nun die Wangen hinunter. „Wie kannst du bei all dem so, so… so ruhig bleiben? Ich…"
Er atmete tief ein. „Ich habe gesagt, wir müssen ehrlich miteinander sein und das bin ich jetzt. Es bringt mich halb um, dich loszulassen, unser Leben so wie es bisher war aufzugeben, zu wissen, dass ich mein Leben vollkommen neu aufbauen muss, aber ich weiß auch, dass ich es tun muss, damit ich irgendwann wieder glücklich sein kann. Und dasselbe wünsche ich dir! Und jetzt… muss ich gehen, ich brauche einen klaren Kopf. Ich seh dich morgen im Büro."
Lois konnte nur stumm nicken. Richard ging, um seine Gedanken und Gefühle zu ordnen und überließ sie ihren eigenen.
Sie überlegte, sich einen Kaffee zu machen, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder, da sie nur zu gut wusste, dass ihr Kaffee sowieso ungenießbar war und ging dann auf die Terrasse. Sie brauchte Luft- und eine Zigarette!
Die Luft draußen war kühl und sie atmete tief durch, ehe sie eine Zigarette aus der Packung zog. Sie verdrehte die Augen, als die Flamme des Feuerzeuges sofort wieder verlosch. Sie steckte die Zigarette zurück in die Packung und sagte, ohne sich umzudrehen „Warum bist du immer dann in der Nähe, wenn ich rauchen will?"
„Ich bin immer in der Nähe…"
Sie drehte sich um sah ihn an, wobei sie einen gewissen Zorn nicht aus ihrer Stimme verbannen konnte.
„Ja, bis auf die letzten fünf Jahre oder so!"
„Lois, es tut-"
„Nein! Sag jetzt bloß nicht, dass es dir leid tut! Weißt du, ich verstehe, warum du gehen musstest, wirklich, es hat eine Zeit gebraucht, aber ich verstehe es jetzt. Aber sag mir nicht, dass es dir leid tut verdammt noch mal! Du hast dich nicht verabschiedet, nicht mit einem einzigen Wort! Du warst einfach plötzlich nicht mehr da, weg, buchstäblich vom Erdboden verschluckt! Und ich war allein, fühlte mich allein, es ging mir elend- nicht nur, weil du weg warst, oh, nein, ein paar Wochen später habe ich festgestellt, dass hinter all dem noch weitaus mehr steckte und ich denke, du weißt, wovon ich spreche!"
„Jason…" sagte er leise.
„Ja, Jason!" sagte sie und ging, die Hände bedrohlich in die Hüften gestemmt, ein paar Schritte auf ihn zu.
„Nur komisch, dass ich mich überhaupt nicht daran erinnern kann, dass wir beide… dass du und ich…"
Sie brach ab und sah ihn wieder an. In seine Augen, in denen sich Traurigkeit und Bedauern spiegelten.
„Was hast du mit mir gemacht?!" fragte sie so leise, dass nur er es hören konnte. Die Wut verrauchte, sie ließ die Arme herabhängen und was blieb war der verzweifelte Wunsch, endlich zu wissen, was geschehen war.
Sie fühlte sich plötzlich unendlich müde, sie fror und sie hatte Angst vor der Antwort- aber bei Gott, sie wollte eine Antwort!
Er kam näher und musste sich zwingen, sie nicht in die Arme zu nehmen; stattdessen nahm er ihre eiskalten Hände in seine großen, warmen.
„Die Antwort darauf ist ebenso einfach wie schwer… Du… kanntest mich, wusstest, wer ich bin, wer ich wirklich bin und wir, wir haben uns geliebt…"
„In welchem Sinn?" wollte sie wissen.
„In jedem Sinn…"
„Warum weiß ich davon nichts mehr? Das ist doch etwas, was man nicht… einfach vergisst!"
Er senkte den Blick. „Ich habe dir die Erinnerung daran… genommen."
„Du, du… hast WAS?" Lois starrte ihn an und entzog ihm ihre Hände.
Und Clark begann zu reden. Stockend zunächst, doch langsam flüssiger. Als er geendet hatte, sah Lois ihn lange an.
„Du hattest kein Recht dazu, mir meine Erinnerung zu nehmen! Hast du eine Ahnung, wie ich mich gefühlt habe? Schwanger, ohne zu wissen warum??? Hast du eine Ahnung, welche absurden Gedanken mich Tag und Nacht verfolgt haben, einfach, weil ich nicht die blasseste Ahnung hatte, wie ich urplötzlich an ein Kind komme? Ich wusste, dass es deins sein musste aber kannst du dir auch nur im Entferntesten vorstellen, wie es war, es zu wissen, insbesondere beim ersten Blick in seine Augen und dabei NICHT zu wissen, wie er überhaupt entstanden ist?!"
„Nein, ich hatte kein Recht, dir die Erinnerung zu nehmen und heute weiß ich, wie falsch das war, doch damals hielt ich es für das Beste, um dir mehr Leid zu ersparen. Mir war nicht klar, dass es den Schmerz für dich nur noch vergrößern würde…"
„Dann ist es dir hoffentlich jetzt klar! Dein Sohn hätte dich gebraucht, ich hätte dich gebraucht… Und jetzt… braucht er dich umso mehr…"
Er sah sie fragend an. „Lois… Für ihn ist Richard sein Vater. Ich-"
„Richard wirft nicht mit Pianos!" sagte sie heftig. „Er ist auf mehr als eine Art dein Sohn und nur du bist in der Lage, ihm das zu erklären!"
Clark war wie vom Donner gerührt. „Was… wann…?!"
Lois erzählte ihm von dem Zwischenfall auf dem Schiff und auch von dem Kryptonit, was Luthor Jason unter die Nase gehalten hatte nachdem er die Herkunft des Jungen hinterfragt hatte.
Clark versteifte sich. „Wie hat Jason auf das Kryptonit reagiert?"
„Gar nicht, er hatte nur Angst vor Luthor- aber das Schlimmste ist, dass Luthor es weiß! Nach der Sache mit dem Piano muss ihm klar gewesen sein, wessen Sohn er wirklich ist und ich… ich habe Angst um ihn. Der Mann ist wahnsinnig und noch immer nicht gefunden, ich…"
Clark konnte nicht anders. Er nahm sie in die Arme und drückte sie dicht an sich heran. „Ich sorge dafür, dass ihm nichts passiert. Dass dir nichts passiert. Und ich werde ihn finden und diesmal werde ich da sein, wenn er vor Gericht steht!"
Lois fühlte, wie das letzte bisschen ihrer mühsam errichteten Barriere in sich zusammen fiel und sie schlang ihre Arme um ihn, hielt ihn fest.
„Lass uns nicht noch einmal alleine…"
Er schluckte. „Das werde ich nicht. Und ich rede mit Jason. Weiß er… weiß Richard…"
„Richard weiß es. Er wusste von Anfang an, dass er nicht sein Vater ist und heute… hat er herausgefunden, wer es wirklich ist. Er bekam ein Gespräch zwischen mir uns Jason mit, was den Zwischenfall auf dem Schiff anging… Wir… wir haben unsere Verlobung gelöst. Nicht deswegen, er meinte nur, wir seien von Anfang an nicht füreinander bestimmt gewesen und dass es so besser wäre für uns beide und… er hatte Recht."
„Lois, ich…"
„Bitte, sag nichts dazu, ich glaube nicht, dass ich das jetzt hören kann oder will, lass es einfach so stehen." Sie löste sich langsam von ihm.
„Ich werde mit Jason reden und dann kannst du, solltest du mit ihm reden. Warum er diese Kraft hat und wie… er damit umgehen soll und was, na ja, was vielleicht noch kommt oder auch nicht und… so."
Er nickte. „Das werde ich. Ich kann dir auch nicht sagen, wann er welche Fähigkeit entdecken wird und ob er später über all diese Kräfte verfügen wird- so gesehen bin ich nicht klüger als meine Eltern, die gar nicht wussten, was noch alles kommen könnte, aber-"
Lois unterbrach ihn. „Moment… deine Eltern? Aber ich dachte…"
„Meine irdischen Eltern, Lois. Ich kam schon als Baby auf die Erde…"
Er lauschte in die Nacht und sah sie dann bedauernd an. „Ich muss gehen…"
„Ich verstehe…"
„Gute Nacht, Lois." Er war weg, ehe sie noch etwas anderes erwidern konnte.
„Gute Nacht…" murmelte sie.
Langsam ging sie ins Haus zurück und wickelte sich auf dem Sofa in eine Decke.
Es ging ihr nicht aus dem Kopf- Meine irdischen Eltern, Lois. Ich kam schon als Baby auf die Erde…
Sie war immer davon ausgegangen, dass er schon Superman war, als er das erste Mal auf der Bildfläche erschien. Aber das war falsch gewesen. Er war hier aufgewachsen… Zur Schule gegangen, aufs College vielleicht… Ein Job?
Das bedeutete… Superman hatte eine andere Identität. Eine menschliche, normale Identität.
Du… kanntest mich, wusstest, wer ich bin, wer ich wirklich bin…
Sie kannte ihn! Er musste jemand sein, den sie kannte, sie… kannte seine andere Seite, die Seite, die nicht Superman war! Wer, WER…
„Lois, wie groß würdest du Clark schätzen?" „1,90… 1,92…" „Und ungefähr zwischen 90 und 98 Kilo?"
Sie hatte sich mit Richard im Büro des Daily Planet über Superman unterhalten, sie hatte Fakten aufgezählt, Fähigkeiten, Größe, Gewicht…
Richard hatte zu Clark hinüber gesehen, diesen absurden Vergleich gezogen, Clark hatte auf diese… typische, irgendwie dämliche Art und Weise gelächelt und zu ihnen herüber gewunken und sie mussten lachen, weil… weil…
Nein, nein, so geht das nicht, Lane! Fakten!
Sie warf die Decke weg und holte sich Block und Stift. Sie zog einen Strich durch die Mitte und auf die eine Seite „Superman", auf die andere „Clark".
Du bist Reporterin, also stell dir Fragen…
Wann ist Superman verschwunden? Wann ist Clark auf „Weltreise" gegangen? Wann kam Superman zurück? Wann fing Clark wieder beim Daily Planet an? Die Daten, die sie aufschrieb, verschwammen ihr vor den Augen.
Nein, das war doch… Zufall! Oder?
Ich bin IMMER in der Nähe…
Aber… Clark war tollpatschig, er brachte es kaum fertig, eine Tasse Kaffee zu trinken, ohne die Hälfte zu verschütten, er lief dauernd gegen irgendwelche Sachen, Himmel, er war ja kaum in der Lage, ein Marmeladenglas ohne fremde Hilfe aufzuschrauben! Er trug eine Brille, er war doch bei weitem nicht so trainiert wie… Oder doch? Trug er einfach seine Anzüge eine Nummer größer, um es zu verstecken? Das war doch alles… die perfekte Tarnung?!
Das Herz dröhnte ihr in den Ohren, als ihr einfiel, dass Clark dauernd wegen irgendetwas zu verschwinden schien- das war auch früher immer schon so gewesen… Clark verschwand, Superman tauchte in den Nachrichten auf. Superman verschwand, Clark tauchte wieder auf…
Aber wie sollte sie diese Theorie überprüfen? Ihm auf Verdacht ein Messer in den Rücken rammen und sehen, ob es abbrach?! Ha, sehr komisch… Besonders dann, wenn es sich als falsch erwies…
Sie würde… ihn einfach beobachten. Oh ja, sie würde Clark Kent genau im Auge behalten… Und dann weitersehen.
