Georgiana vertiefte sich erneut in die Bücher. Nach einer Weile hob sie den Kopf und stürzte ein Glas Wasser in einem Zug herunter. Ihr war siedend heiß, sie hatte die Seiten gefunden, wo die anatomischen Gegebenheiten bei Mann und Frau erörtert und bebildert wurden. Ihre Finger zitterten beim Umblättern der Seiten.

„Elizabeth?"

„Bitte?"

„Versprich mir, dass du mich nicht tadelst, aber ich… ich muss es dir einfach zeigen. Ich meine, es ist ja für alle Welt sichtbar, dass Männer… also ich meine, dass sie anders aussehen als Frauen. Aber… aber, sie haben auch keine Brüste… bei Gott, ich rede Unsinn. Schau es dir einfach an!"

Und damit reichte sie mit bebender Hand das Buch an ihre Schwägerin weiter. Diese studierte die aufgeschlagene Seite aufmerksam und zog die Stirn kraus.

Dann sah sie Georgiana an: „Da gibt es gewisse Unterschiede, ja. Keine Brüste bei Männern, ganz richtig. Aber das wusstest du ohnehin, denn das wäre uns gewiss an Fitzwilliam aufgefallen."

Und nun kicherten beide albern los.

Sie steckten nun beide die Köpfe in das Buch. Elizabeth versuchte, so gut es ihr möglich war, Georgiana alle körperlichen Unterschiede und auch deren Zweck zu erklären. Diese wurde mal knallrot, mal total blass, immer im Wechsel. Aber sie fand es unglaublich interessant. Und das nicht nur im Hinblick auf einen gewissen Mr. Gainsworth. Und nicht nur im Hinblick auf sie selbst. Ihr Interesse war ganz allgemein geweckt. Sie wusste plötzlich, die Medizin würde sie nicht mehr loslassen.

Die Nacht kam und somit der Dienst von Rodgers. Er wusch den Verletzten sorgfältig, damit er erfrischt war, dann versuchte auch er, ihm die Lippen zum Trinken auseinander zu zwingen, wieder umsonst. Kurz vor Mitternacht kam Mrs. Darcy noch einmal in das Krankenzimmer, im Morgenrock, und bat darum, fünf Minuten mit ihrem Gatten alleine gelassen zu werden. Rodgers entfernte sich diskret.

Elizabeth setzte sich auf die Bettkante, nahm die Hand ihres Mannes und legte sie auf ihren zuckenden Leib, denn das Baby war ganz besonders munter an diesem Abend. Sie legte ihren Kopf in die gesunde Armbeuge und so verharrte sie eine ganze Weile. Erst dachte sie, es wäre das Kind, was ihr den leichten Reiz auf der Bauchdecke verursachte. Doch als sie direkt hinsah, bemerkte sie, wie ein Finger Fitzwiliams zuckte. Fast so, als würde er das Kind spüren und streicheln wollen. Sie schaute genauer hin, nur um keiner Täuschung erlegen zu sein. Jetzt war es eindeutig: Er bewegte seine Finger! Sie drehte sich zu ihm um. Seine Augen waren weiterhin fest geschlossen. Sie nahm den Becher mit Wasser und löffelte ihm vorsichtig davon in den Mund. Seine Lippen zuckten ganz leicht. Dann, kurz bevor das Wasser wieder herauslief, schluckte er reflexartig. Elizabeth riss freudig die Augen auf! Sie hauchte einen Kuss auf seinen Mund, ein winziges Lächeln war die Reaktion.

Sie lief hinaus auf den Flur: „Rodgers, Rodgers!"

Atemlos hielt sie sich den Bauch.

Der Diener kam besorgt um die Ecke: „Liebe Güte, Mrs. Darcy, geht es Ihnen nicht gut?"

Sie schüttelte den Kopf: „Nein, mit mir ist alles in Ordnung, danke. Aber mein Mann – er zeigt Reaktionen!"

„Dem Himmel sei Dank! Was hat er gemacht?"

„Er hat… er hat", sie wusste, es würde für den alten Mann komisch klingen, aber sie sagte es dennoch, „er hat wohl das Baby in meinem Bauch gespürt und versucht es zu streicheln. Dann hat er einen Teelöffel Wasser geschluckt und schließlich ganz kurz gelächelt. Oh, Rodgers, ich bin so froh!"

„Das kann ich verstehen, Mrs. Darcy. Trotzdem müssen wir vorsichtig sein. Es kann auch leider nur wenig Bedeutung haben und in der nächsten Sekunde ist wieder alles beim alten. Aber hoffen wir, dass es eine Besserung seines Zustandes ist."

„Ja, hoffentlich."

„Sie sollten nun wirklich zu Bett gehen. Clarice und ich werden die Nacht gut herumbringen und Mr. Darcy zu ihrer vollsten Zufriedenheit versorgen."
"Natürlich, davon bin ich überzeugt. Und geben Sie ihm mehr Trinken, wenn es geht."

„Selbstverständlich. Gute Nacht, Ma'am!"

„Rodgers! Nur Mrs. Darcy, wenn ich bitten darf."

Sie ließ sich am Morgen sofort von Clarice den Bericht vom Verlauf der Nacht geben. Clarice hatte an Mrs. Reynolds übergeben, um dann Mrs. Darcy aufwarten zu können. Am Mittag würde sie dann ein wenig Zeit haben, um die Nachtruhe nachzuholen. Es seien keine nennenswerten Veränderungen an Mr. Darcy feststellbar gewesen, außer dass er einen halben Becher Wasser während der Nacht zu sich genommen hatte. Immer noch zu wenig, aber besser als nichts. Ab und zu habe er mal gestöhnt, wahrscheinlich weil er vermehrt die Schmerzen verspürte.

Elizabeth drängte Clarice zur Eile, sie wollte unbedingt fertig sein, wenn der Arzt zur Visite eintraf.

Sie saß noch beim Frühstück, als der Doktor gemeldet wurde. Sofort begab sie sich hinüber in das Krankenzimmer. Sie war ziemlich erstaunt, weil er nicht gleich nach Fitzwilliam sah, sondern seinen Blick auf sie heftete sie und dann fragte, wie es ihr so ginge. Es sei wohl keinem damit gedient, wenn sich nun auch noch die Dame des Hauses in hochschwangerem Zustand völlig verausgabe. Aber Elizabeth konnte den Doktor beruhigen, sie hatte zwar nicht sehr gut, aber doch einigermaßen ausreichend geschlafen und die Krankenpflege nicht auch noch auf die Schichten ausgedehnt, die für andere vorgesehen waren. Mit dieser Erklärung war der Arzt zunächst einmal zufrieden und wandte sich dann dem Verletzten zu. Dass er ein wenig getrunken hatte, fand er sein gutes Zeichen und als ihm Elizabeth von den winzig kleinen Reaktionen am späten Abend erzählte, nickte er wissend. Er ließ ein Fläschchen mit Tropfen da, ein Schmerzmittel, das man in das Wasser mischen konnte. Er ordnete an, dass der Kranke ebenfalls eine gehaltvolle Brühe eingeflößt bekommen sollte. Das war seines Erachtens für die Lebensfunktionen absolut notwendig. Da der Schluckreflex nun vorhanden war, wenn auch schwach, und Mr. Darcy zudem andere Reaktionen gezeigt hatte, rechnete er mit einem Ende der Bewusstlosigkeit im Lauf dieses Tages. Er ermunterte Mrs. Darcy, das, was die Reaktionen am Vortag bei ihrem Gatten hervorgerufen hatte, gegebenenfalls einige Male zu wiederholen. Er würde am frühen Abend noch einmal selbst vorbeischauen. Dann empfahl er sich allen Anwesenden.

Das Verabreichen von Wasser, dünnem Tee und Brühe war mühsam. Aber es funktionierte immerhin einigermaßen. Überall wurden einige wenige Tropfen des Schmerzmittels beigefügt. Der Doktor hatte dem Patienten, bevor er gegangen war, noch mit geübtem Griff die Blase entleert, damit es nicht da auch noch zu Problemen kommen würde.

Georgiana kam und hielt den fertigen Brief an Mr. Gainsworth in der Hand. Sie war begeistert zu hören, dass man bei ihrem Bruder eventuell mit einem Aufwachen innerhalb der nächsten zwölf Stunden rechnen konnte. Sie wollte auf Grund ihrer neu entdeckten Leidenschaft für die Medizin nun unbedingt eine längere Wachzeit haben. Mit viel Betteln gaben Elizabeth und Mrs. Reynolds ihr jeweils eine halbe Stunde ihrer Schicht ab. Sie war selig und sauste unermüdlich um ihren kranken Bruder herum. Ein bisschen Suppe verabreichen, ein bisschen Wasser einträufeln, die Bettdecke glatt streichen, die Haare kämmen, das alles waren Aufgaben, die sie mit großem Eifer erledigte. Dazwischen saß sie am Bett, hielt seine Hand oder las ihm aus ihrem derzeitigen Lieblingsbuch vor. Dafür nahm sie aber dann doch lieber den Gedichtband anstelle der medizinischen Fachbücher.

Elizabeth war wesentlich müder, als sie gegenüber dem Doktor zugegeben hatte. Erst hatte sie aus Sorge um Fitzwilliam nicht schlafen können und als sie schließlich am eindösen gewesen war, hatte das Baby ganz arg rumort. Sie löste Georgiana nach dem Lunch ab, die nur unwillig das Krankenzimmer verließ, um ihrerseits zum Essen zu gehen. Elizabeth schrieb einen kurzen Brief an ihre Eltern und schilderte so sachlich es ihr möglich war die Situation. Dann versiegelte sie das Schreiben und stand auf. Seufzend rieb sie sich den Rücken. Sie schmunzelte, als sie das Kind spürte. Schnell streckte sie sich neben Fitzwilliam aus und legte sich seine Hand auf den Bauch. Es dauerte ein paar Minuten, dann hörte sie ihn etwas murmeln. Aber es war völlig unverständlich. Doch immerhin wieder eine neue Reaktion. Sie war glücklich und rückte näher an ihn heran. So schlief sie erschöpft ein.

Sie wachte von einem grauenvollen Stöhnen auf. Irgendwer musste da anscheinend Höllenqualen leiden, so dachte sie, noch nicht ganz bei sich. Dann setzte sie sich mit einem Ruck auf und blickte auf ihren Mann neben sich. Der hatte zwar die Augen noch immer nicht richtig geöffnet, aber seine Lider flatterten wie wild. Er warf den Kopf unruhig hin und her und gab schmerzerfüllte Laute von sich. Sie stand rasch auf und beobachtete ihn genau. Er schien starke Schmerzen zu haben, kein Wunder, wenn er auch so voller Unruhe war. Das war gar nicht gut für ihn. Er sollte besser still liegen. Sie gab ihm ein paar Löffel voll Tee, mit den Tropfen versetzt. Doch das wirkte so schnell natürlich nicht. Fitzwilliam versuchte, sich zu bewegen, was ihm aber wegen der halben Bewusstlosigkeit, in der er sich noch befand und auch wegen der Verletzungen, nicht recht gelang.

Es klopfte leise an die Tür und Mrs. Fielding kam auf das „Herein" von Elizabeth in das Zimmer getreten. Sie bemerkte sofort, dass der Kranke überaus unruhig und kaum zu bändigen war. Sie eilte sofort wieder zur Tür hinaus. Wenige Minuten später kam sie mit Rodgers an ihrer Seite zurück, der zwei starke Lederriemen in der Hand hielt.

Mrs. Fielding nahm Elizabeth zur Seite: „Mrs. Darcy, wir müssen leider ihren Mann am Bett festbinden."

Elizabeth hielt sich voller Schreck die Hand vor den Mund, was Mrs. Fielding veranlasste, ihr aufmunternd über die Schultern zu streichen: „Keine Bange, es wird nur für kurze Zeit sein. Ohne diese Maßnahme würde er nur unnötig Schmerzen erleiden, das wollen wir damit vermeiden. Er muss ruhig liegen, damit ihm nicht alles wehtut. Ist er erst einmal erwacht und kann seine Bewegungen kontrollieren, machen wir die Riemen wieder ab, natürlich."

Geschickt wickelte Mrs. Fielding ein paar weiche Leinenstreifen um die Handgelenke des Patienten, dann zurrte Rodgers die Ledergurte am Bett fest und band die mit dem Leinen versehenen Hände seines Herrn daran. Eine Weile versuchte Fitzwilliam noch, sich loszureißen, dann wurde er immer ruhiger und ruhiger.

Mrs. Fielding nickte zufrieden und schickte dann Elizabeth zur Ruhe: „Mrs. Darcy, ich bestehe darauf, dass Sie sich jetzt ein wenig Ruhe gönnen. Falls sich die Lage hier wesentlich ändert, lasse ich Ihnen sofort Bescheid geben."

Aber Elizabeth ging nicht in ihr Schlafzimmer. Sie hatte bei Fitzwilliam ganz gut geschlafen und fühlte sich nicht unwohl. Sie zog sich ein dickes Pelzcape über und ging nach draußen. Sie lächelte, als sie die Stufen hinunter ging, die gleichen, die sie bei ihrem ersten Besuch auf Pemberley vor gut 15 Monaten in Panik hinunter gelaufen war, nachdem sie Fitzwilliam und Georgiana im Musikzimmer heimlich beobachtet hatte. An der Balustrade blieb sie kurz stehen.

Der Dialog zwischen ihr und Fitzwilliam von damals kam ihr in den Sinn:

Ich bin mit meinem Onkel und meiner Tante hier."

Und ist Ihr Aufenthalt angenehm?"

Sehr angenehm. Morgen fahren wir nach Matlock."

Morgen? Übernachten Sie in Lambton?"

Ja, im Rose and Crown."

"Ja."

"Es tut mir so leid, hier eingedrungen zu sein. Es hieß, das Haus sei für Besucher geöffnet. Ich hatte keine Ahnung…"

Darf ich Sie ins Dorf zurückfahren?"

Nein! Ich liebe es, spazieren zu gehen."

Ja. Ich weiß."

Leben Sie wohl, Mr. Darcy."

War das der Anfang gewesen? Nein, der war schon viel früher gemacht worden. Bereits beim ersten Blickkontakt auf dem Ball in Meryton. Und dann bei vielen weiteren unglaublichen, unmöglichen Begegnungen.

Wie bei seinem ersten Antrag im Park von Rosings am Ostersonntag im strömenden Regen. Wie sehr hatte sie ihn geliebt in diesem Moment! Jedoch – es war ihr nicht bewusst gewesen. Sie war so blind gewesen. Sie hätte bereits über ein halbes Jahr länger schon mit ihm glücklich sein können, wenn sie nur nicht so verbohrt reagiert hätte. Geliebt hatte sie ihn schon immer. Nur gewusst leider erst so viel später.

Es war sehr kalt geworden nach dem Sturm, in dieser Nacht hatte es den ersten Frost gegeben. Sie zog ihr Pelzcape fröstelnd dichter um ihren Körper und ging langsam ins Haus zurück. Sie durfte nun keinesfalls auch noch krank werden. Sie ging an der Küche vorbei und ließ sich dort eine heiße Milch machen. Nachdem sie diese ausgetrunken hatte, suchte Elizabeth ihre Schwägerin auf und spielte mit ihr noch einige Runden Karten. Liebend gerne wäre sie, bevor sie sich endgültig für die Nacht zurückziehen würde, noch einmal zu ihrem Mann hinein gegangen, doch was hätte es für einen Sinn gemacht, wo er doch nun festgebunden war. Bei dem Gedanken daran stiegen ihr heiße Tränen in die Augen.

Unruhig wälzte sie sich im Bett. Die zweite Nacht war sie nun ohne ihn. Zwar hatte sie es im Frühsommer länger ohne seine Anwesenheit ausgehalten, als er in Rutland weilte, doch da war er ja auch viele Meilen weit fort gewesen. Nun aber lag er im gleichen Haus wie sie und sie konnten doch nicht zusammen sein. Das war eine kaum zu ertragende Situation. Irgendwann schlief sie doch endlich ein.

War es ein Traum? Oder war es Wirklichkeit? Sie hatte Mühe, eine bleierne Müdigkeit von sich abzuschütteln und blinzelte in eine vor ihr Gesicht gehaltene Lampe. Es war Clarice. „Mrs. Darcy, bitte wachen Sie auf und kommen Sie mit. Ihr Mann ist aufgewacht!"

Sie war völlig benommen, erfasste zwar die Worte, aber nicht sofort den Sinn. Deswegen fragte sie zunächst auch leicht ungehalten: „Clarice! Wie viel Uhr ist es denn?"

„Es ist halb sechs, Mrs. Darcy. Und Sie sollten wirklich rasch hinunter gehen."

Langsam erfasst sie die Bedeutung von Clarices Mitteilung und es kam Leben in sie. Während sie die Treppe hinunter lief, fragte sie: „Was ist passiert? Wie ist er erwacht?"

„Ach, Rodgers wollte ihn rasieren und er wollte Wasser dafür holen. Doch er kam mit einem Leinenbeutel wieder, der eisigkalt war. Draußen war das Wasser in einigen Eimern gefroren und er hat es zerschlagen und mit rein gebracht. Diesen Beutel mit dem Eis hat er Mr. Darcy auf seine Stirn gelegt und es hat nur wenige Minuten gedauert, da hat er ganz plötzlich die Augen aufgeschlagen. Ich bin sofort zu Ihnen losgerannt."

Sie hatten inzwischen das Damenschreibzimmer erreicht, wo Rodgers ihnen erleichtert entgegen trat: „Er ist wach, er hat noch nichts gesagt. Nur laut gestöhnt."

Elizabeth nickte, wickelte den Morgenmantel fester um sich und ging hinüber zum Bett. Ein sanftes Lächeln zog über ihre Lippen, als sie sich ihm näherte.

Seine grau-blauen Augen waren geöffnet, aber sie blickten matt und uninteressiert umher. Als er Elizabeth erblickte, schoben sich seine Brauen ein klein wenig zusammen und er brachte mit belegter, krächzender Stimme hervor: „Wie ungewöhnlich. Eine Lady im Schlafrock. Sie verzeihen, dass ich zu keiner Verbeugung fähig bin, Ma'am, aber mein Kopf tut mir so weh, als würde er gleich in tausend Einzelteile zerspringen."