Das Lächeln gefror Elizabeth fast auf den Lippen, als sie ihn so reden hörte. Was war mit ihm los?

Sie nahm sich zusammen und lächelte erneut, strich ihm mit der Hand über einen Arm: „Fitzwilliam! Ich bin so froh, dass du aus deiner Bewusstlosigkeit erwacht bist."

Er schaut verblüfft auf ihre Hand, die eine warme Spur auf seinem noch immer festgebundenen Arm hinterließ.

Dann redete er wieder: „Sie müssen mich über die gesamte Situation aufklären, Ma'am. Ich sehe an Ihrem körperlichen Zustand, dass Sie ganz offensichtlich verheiratet sind und ich vermute, durch die Art wie Sie mit mir sprechen und umgehen, dass ich Ihr Gatte sein könnte. Das würde mich natürlich sehr freuen, denn Sie sind zweifelsohne eine sehr schöne, bezaubernde Frau, jedoch – wie ist Ihr Name und wer bin ich? Vor allem – wo bin ich und was ist geschehen, dass ich mit höllischen Schmerzen an ein Bett gefesselt hier liegen muss?"

Elizabeth spürte, wie der Boden unter ihren Füßen nachgab und sie versank in Dunkelheit. Rodgers und Clarice konnten sie gerade noch auffangen, so dass ihr und dem Kind nichts Schlimmes passieren konnte. Die fortgeschrittene Schwangerschaft, die Aufregung um den Unfall, die Ungewissheit, die Nächte mit zu wenig Schlaf und nun diese Erkenntnis, das war einfach zu viel für sie gewesen. Sie erwachte jedoch rasch wieder, nachdem Rodgers auch ihr in bewährter Manier den Beutel mit Eis an das Gesicht gehalten hatte.

Fitzwilliam blickte mit großer Verwunderung auf das Szenario vor seinem Bett. Er fühlte sich sehr unbehaglich deswegen, aber noch unbehaglicher fühlte er sich, weil er sich wie ein Fremder vorkam. Und er hatte unheimlich starke Schmerzen. Er konnte sich kaum rühren, denn wenn er dies versuchte, schnürte es ihm förmlich die Luft ab und seine Schulter und sein Kopf peinigten ihn schwer.

Er bat den Butler mit rauer Stimme, ihm doch bitte einmal den kompletten Sachverhalt zu erklären. Clarice bemühte sich weiterhin um ihre Herrin, die sich inzwischen auf einem Chaiselongue hingelegt hatte. Rodgers kratzte sich ein wenig ratlos am Kopf, schöpfte einmal tief Atem und fing dann an:

„Also, Sie sind Mr. Fitzwilliam Darcy, der Sohn des George Darcy und dessen Gattin Lady Anne Darcy, einer geborenen Fitzwilliam. Ihre Eltern leben nicht mehr, Sie haben eine um mehr als zehn Jahre jüngere Schwester, Miss Georgiana Darcy. Sie sind Großgrundbesitzer und Herr eines sehr stattlichen Anwesens, nämlich diesem Haus hier, das man Pemberley nennt. Es liegt in Derbyshire. Weiterhin besitzen Sie ein großes Stadthaus in London am Grosvenor Square. Ich bin Rodgers, seit langen Jahren hier der Butler. Dies dort drüben ist Clarice, die Zofe Ihrer Gattin. Und Ihre Gattin wird sicher, sofern sie sich etwas besser fühlt, Ihnen weiter Bericht erstatten, was die Dinge zwischen Ihnen und ihr betreffen."

Der gute Diener trat an das Bett von Mr. Darcy und band ihm die Arme los. Dabei erzählte er weiter: „Am frühen Nachmittag vorgestern hatten Sie im Wald zusammen mit Ihrem Verwalter Mr. Portland die Sturmschäden inspiziert. Dann wurden Sie vom Pferd abgeworfen und ein herabstürzender Baum traf Sie schwer. Sie wurden ohne Bewusstsein hier ins Haus gebracht, der Arzt stellte eine schwere Gehirnerschütterung, mehrere Rippenbrüche und ein kaputtes Schlüsselbein fest. Bis vor etwa einer Stunde lagen Sie seitdem hier, ohne zu sich gekommen zu sein."

Mr. Darcy versuchte, die losgebundenen Arme zu bewegen, gab aber beim ersten reißenden Schmerz sofort auf: „Aaaah! Himmel und Hölle tut das weh! Sagen Sie Rodgers, wie verrichte ich denn meine Notdurft, denn ich habe das Gefühl, das sollte ich bald einmal tun?" Rodgers blickte auf die anwesenden Damen, zuckte mit den Schultern und flüsterte dann: „Wenn Sie noch ein Weilchen damit warten könnten? Selbstverständlich kann ich Ihnen dann dabei behilflich sein!"

Dem Kranken gelang es, ein verzerrtes Lächeln zustande zu bringen: „So. Können Sie das? Darauf bin ich dann schon sehr gespannt. Aber Sie haben Recht, in Anwesenheit der Damen wäre das wahrlich keine gute Idee."

Elizabeth hatte sich ein wenig erholt und war in der Lage aufzustehen.

Bleich wie eine Wand kam sie auf das Bett zu und ihre Stimme klang zittrig, als sie sich auf den Stuhl setzte, den ihr Rodgers hingeschoben hatte: „Du siehst mich völlig fassungslos. Mit allem hatte ich gerechnet, aber sicher nicht damit, dass du dich an nichts mehr erinnern kannst."

Sie konnte ein trockenes Schluchzen nicht mehr unterdrücken und ließ ihren Kopf auf die Brust sinken, bedeckte zusätzlich ihre Augen mit beiden Händen.

Unter Tränen fuhr sie fort: „Ich kann nicht glauben, dass dir all die schönen Erinnerungen an unser erstes Ehejahr abhanden gekommen sein sollen. Und an die Zeit davor! Wie du meine Liebe errungen hast, wie du unter meiner anfänglichen Ablehnung gelitten hast. All das soll vergessen sein? Oh nein, nein! Es ist zum Verzweifeln!"

Sie weinte bitterlich.

Er wollte ihr, einem Impuls folgend, über das Haar streichen, sie mit Gesten trösten, doch er konnte sich kaum rühren. Er fand alles unglaublich anstrengend und wollte eigentlich nur eines: Einen Nachttopf und dann wieder schlafen. Er fühlte sich ausgelaugt, fast wie gerädert. Doch er merkte, dass er etwas erwidern musste. Er sammelte seine wirren Gedanken, die nicht weiter als eine Stunde in die Vergangenheit reichten.

„Es wäre schön, wenn du mir deinen Namen nennen würdest, damit ich dich als meine Frau, die du ja wohl bist, ansprechen kann. Bitte!"

Sie nickte und hob ihren Kopf etwas an: „Ich bin Elizabeth Darcy, geboren in Longbourn in Hertfordshire, mein Mädchenname ist Bennet. Und… und…", sie brach ab, weil sie von Schluchzern geplagt wurde, „für gewöhnlich hast du mich Lizzie genannt, oder… oder… auch andere Kosenamen verwendet."

Trotz seiner Erschöpfung und der grässlichen Schmerzen rührte ihn etwas an dieser, an seiner Frau.

Er seufzte und fragte matt: „Und wir sind seit einem Jahr verheiratet? Habe ich das richtig verstanden? Und das Kind, wann wird es erwartet?"

Abermals ein kurzes Nicken von ihr: „Ja, heute ist der sechste November und am sechsundzwanzigsten ist unser Hochzeitstag. Das Baby wird in etwa Mitte Dezember zur Welt kommen."

Diesmal war es an ihm zu nicken: „Gut. Ich hoffe, dass ich bis dahin körperlich wieder einigermaßen hergestellt sein werde. Was aber mit meinem Gedächtnis ist – da bin ich völlig überfragt und wirklich ratlos. Vielleicht kann man den Arzt später dazu befragen. Elizabeth, nein, Lizzie, du sagtest, dass wir ein wunderbares erstes Ehejahr miteinander verbracht haben. Also darf ich davon ausgehen, auch deinen anderen Äußerungen war dies so zu entnehmen, dass wir eine glückliche Beziehung führen und die Eheschließung aus Liebe erfolgt ist?"

Ihr liefen wieder die Tränen die Wangen herunter: „Ja, ja, wir waren sehr glücklich miteinander und wir… ich liebe dich sehr!"

Sie griff nach seiner Hand, hob diese an, da es die unverletzte Seite war und küsste sie. Er schaute erstaunt auf ihre Aktion. Ein rasend schneller Blitz durchzuckte seine tiefstes Inneres: Er hatte so etwas schon einmal erlebt! Doch als er wieder auf die hochschwangere Frau an seinem Bett blickte, war alles in seinem Kopf erneut völlig leer. Er konnte sich also auch getäuscht haben.

Müde schloss er die Augen. Er fühlte sich arg mitgenommen und sehnte sich danach, dass ihn Ruhe umgab und er das soeben Erfahrene, Gelernte reflektieren konnte. Er spürte, dass sich die Dame, die seine Frau war, vom Bett entfernte.

Er schlug die Augen noch einmal auf und suchte ihren Blick: „Madam, da Sie… verzeih', da du mit mir verheiratet bist und mein Kind trägst, wäre dann nicht eine andere Verabschiedung angebracht?"

Sie blickte irritiert umher. Rodgers zog Clarice diskret zur Tür.

Elizabeth trat wieder näher an das Bett heran: „Natürlich, wenn du meinst. Ich dachte nur… ich wollte dich nicht über Gebühr strapazieren. Vielleicht ist das alles zu anstrengend für dich."

„Das ist es wohl. Ich fühle mich auch ziemlich miserabel, aber hast du einmal daran gedacht, dass eine Verabschiedung, wie sie unter sich liebenden Eheleuten üblich ist, sogar Erinnerungen in mir wecken könnte? Wäre das nicht jede Anstrengung und jeden Versuch wert?"

„Ja, das wäre es", flüsterte sie, bevor sie sich zu ihm runterbeugte und ihm ihre weichen Lippen auf den Mund drückte.

Er bedauerte sehr, dass er sich absolut nicht rühren konnte in diesem Moment. Lediglich sein unverletzter Arm fand seinen Weg in ihren Nacken. So drückte er sie etwas fester und länger an sich. Er war ein Glückspilz, dass er dieser Fitzwilliam Darcy war, gesegnet mit einer Frau, die küssen konnte wie eine Kurtisane und die ihm zudem bald einen strammen Erben oder eine strahlend schöne Tochter gebären würde. Er hätte es schlimmer treffen können!

Schweren Herzens ließ er sie los und seufzte laut. Er blickte ihr nach, wie sie durch den Raum ging und verschwand. Jäh wurde er aus seinen wundervollen Gedanken gerissen, als Rodgers ihm auffordernd den Nachttopf hinhielt. Er stieß abermals einen Seufzer aus, der nun aber völlig anders klang.

Elizabeth sah sich in der Pflicht, das Personal durch Mrs. Reynolds und Rodgers von der Änderung der Lage informieren zu lassen. Sie ließ sich in dem kleinen Aufenthaltsraum der Hauswirtschafterin auf einen Stuhl sinken und gab einen kurzen Abriss über die Ereignisse des frühen Morgens. Mrs. Reynolds staunte sehr. Elizabeth wollte Mr. Portland und auch natürlich Georgiana persönlich über alles in Kenntnis setzen und fragte daher, ob ihre Schwägerin schon beim Frühstück erschienen sei. Aber die junge Miss wurde noch nicht gesehen an diesem Morgen. Elizabeth machte sich auf den Weg zu deren Zimmer.

Ireen, die Zofe, öffnete ihr: „Mrs. Darcy, guten Morgen. Miss Georgiana ist gerade fertig und wollte eben zum Frühstück gehen."

„Es ist gut, Ireen. Danke. Ich begleite meine Schwägerin nach unten, da ich auch noch nichts gefrühstückt habe."

Elizabeth wartete mit ihrem Bericht, bis man im Frühstückszimmer eintraf, wo man direkt auf Mr. Portland traf, der dazu gebeten worden war.

Elizabeth nippte an ihrem Tee, dann begann sie zu sprechen: „Es gibt neue Entwicklungen, was den Zustand meines Gatten anlangt. Er ist heute Morgen gegen 5 Uhr aus der Bewusstlosigkeit erwacht."

Mr. Portland nickte erfreut und lächelte breit, Georgiana klatschte vor Begeisterung in die Hände.

Doch der Dämpfer kam sofort, als Elizabeth weiter berichtete: „Das ist wirklich eine soweit erfreuliche Nachricht. Jedoch leidet er an einem völligen Gedächtnisverlust. Das bedeutet, dass er weder weiß, wer er ist, noch jemanden hier aus der Familie oder vom Personal kennt. Er weiß nicht, wie er heißt, und auch nicht, dass er ein sehr wohlhabender Mann von Rang und Ansehen ist. Er erkannte mich nicht, er wusste von dem Kind nichts, er…", sie brach ab, zu sehr nahm sie ihre eigene Erzählung mit.

Leise beendete sie den Satz: „… er weiß nicht einmal mehr, wie glücklich wir zusammen waren."

Dann fing sie an zu weinen.

Georgiana legte ihr einen Arm um die Schulter. Mr. Portland machte ein überaus ratloses Gesicht.

Schon allein deswegen fasste Elizabeth sich relativ schnell wieder, tupfte sich die Augen und sprach dann Mr. Portland direkt an: „Sie werden sicher noch eine ganze Weile alleine entscheiden müssen. Aber wir müssen Mr. Darcy an seine Aufgaben als Gutsherr und Besitzer eines derartigen Anwesens wie Pemberley wieder heranführen und das können nur Sie übernehmen. Sobald mein Mann wieder auf den Beinen ist, werden Sie ihm alles zeigen, ihn informieren, damit er lernt, wie die Abläufe sind und welche Entscheidungen man von ihm verlangt."

„Selbstverständlich, Mrs. Darcy. Wurde denn der Arzt schon wegen des Gedächtnisverlustes konsultiert und falls ja, konnte Angaben zur Dauer dieses Zustands machen?"

„Der Arzt war noch nicht da, aber ich erwarte ihn in Kürze. Mr. Portland, es tut mir leid, dass ich Ihnen das alles aufhalsen muss, aber einen anderen Weg gibt es nicht. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, herzukommen."

Während der Verwalter ging, richtete sich auch Georgiana auf: „Ich gehe nach Fitzwilliam schauen. Und ich werde anschließend in der Bibliothek nachsehen, was sich zum Thema Gedächtnisverlust finden lässt. Ich war erst so froh, als du sagtest, dass er aufgewacht sei. Aber nun das – wie furchtbar! Trinke deinen Tee nur in Ruhe aus. Auf bald!"

Und damit war auch sie verschwunden.

Georgiana klopfte leise an die Tür des Damenschreibzimmers. Mrs. Reynolds öffnete ihr, die gerade ihren Dienst bei dem Kranken versah. Sie hatte sich allerdings noch nicht vorstellen können, da der Patient noch schlief. So ging Georgiana eben zuerst in die Bibliothek und wühlte sich durch die Bücher. Es dauerte nicht sehr lange, bis sie etwas Entsprechendes gefunden hatte. Sie klemmte sich das Buch unter den Arm und begab sich zu ihrem Bruder zurück. Da dieser noch immer schlief, setzte sie sich an den Schreibtisch und begann zu lesen. Mrs. Reynolds war zu ihrer regulären Arbeit zurückgekehrt.

Da sie sehr vertieft in die Lektüre war, zuckte sie regelrecht zusammen, als sie die leicht raue Stimme ihres Bruders vernahm: „Sie sind aber nicht meine Frau. Und nicht die Zofe. Mit wem habe ich jetzt das Vergnügen?"

Sie war dermaßen überrascht von seiner Frage, dass sie ins Stottern geriet, obwohl es doch nur ihr Bruder war. Aber diese komische Frage warf sie völlig aus dem Konzept.

„Aber… aber, ich bin doch… Ach, Fitzwilliam!"

Sie sprang vom Stuhl auf und lief auf sein Bett zu.

Er zog eine Augenbraue hoch, dann stellte er fest: „Ich nehme an, Sie sind meine Schwester."

Da war sie auch schon bei ihm und wollte ihn ungestüm umarmen, doch das musste er abwehren, die Schmerzen waren kaum erträglicher geworden.

Sie stellte fest: „Wenigstens das mit deiner Augenbraue hast du nicht vergessen oder verlernt."

Hauchzart platzierte sie einen Kuss genau auf der erwähnten Stelle.

Er brach in ein unterdrücktes Gelächter aus: „Unglaublich! Man muss anscheinend nur ernsthaft krank werden, damit man in den Genuss von Küssen der schönsten Frauen kommt."

Georgiana fasste die Familiengeschichte für ihren gedächtnislosen Bruder zusammen, damit er sich von den familiären Umständen ein Bild machen konnte. Sie war teilweise sehr verunsichert, denn es kam ihr sehr sonderbar vor, ihm das alles darlegen zu müssen. Er nickte zwischendurch immer mal wieder und stellte ab und zu kurze Fragen. Sie wusste, dass sie sicher einige Dinge nicht oder nur unvollständig erwähnt hatte, aber das würde ja sonst Tage dauern, wenn man auf jede kleine Einzelheit eingehen würde.

Er befeuchtete sich die trockenen Lippen, als er eine weitere Frage am Ende ihrer Ausführungen stellte: „Und du bist also noch unverheiratet und lebst unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft hier?"

„Ja, allerdings hat unser lieber Cousin, der Colonel, ebenfalls die Vormundschaft über mich. Es ist auch so, dass… dass ich mich im Sommer dieses Jahr mit einem jungen Mann verlobt habe. Aber bis wir heiraten können wird es noch weit mehr als ein Jahr dauern. Er absolviert zurzeit seinen Militärdienst."

Und so berichtete sie auch noch über Jonathan Gainsworth und die Umstände ihrer halben Verlobung mit ihm.