Georgiana wurde zum Lunch gerufen. Fitzwilliam war es Recht, denn die Informationen, die sie ihm gegeben hatte, waren zwar sehr aufschlussreich gewesen, aber das viele Reden hatte ihn zugleich auch sehr ermüdet. Sein Lunch wurde ihm von Elizabeth höchstpersönlich ans Bett gebracht, die noch einmal nach ihm sehen wollte, bevor Mrs. Fielding für den Nachmittag erscheinen würde. Der Arzt wurde erst zur Teestunde erwartet, er hatte eine Nachricht schicken lassen, er sei bei einem anderen Notfall aufgehalten worden.
Auf dem Tablett fand sich eine sämige Karottensuppe, außerdem Grießbrei mit Pflaumenkompott und gestampfte Kartoffeln mit Erbsen. Er begutachtete alles genau und schüttelte konsterniert den Kopf: „Lizzie, ich bin doch kein zahnloser Alter. Oder ist mein Gebiss etwa auch in Mitleidenschaft gezogen und ich weiß davon noch gar nichts?"
„Nein, mit deinen Zähnen scheint mir alles in Ordnung. Aber dein Magen kann noch nicht sofort wieder mit allem belastet werden, du solltest vorsichtig sein. Ich werde dich ohnehin füttern müssen, da deine rechte Seite stark beeinträchtigt ist und du mit der linken Hand alles nur verschütten würdest."
Er schaute sie mit wenig Begeisterung an: „Oh nein, ich werde selbst essen. Das wäre ja noch schöner!"
Elizabeth zuckte mit den Schultern, schob ihm das Tablett weiter nach oben und ließ ihn gewähren. Er mühte sich ganz furchtbar mit der linken Hand ab und gab nach wenigen Löffeln erschöpft und entmutigt auf. Es war wesentlich anstrengender als vermutet. Entnervt blickte er zu Elizabeth. Diese stand in einiger Entfernung zum Bett, hatte die Lippen geschürzt und die Arme vor der Brust ineinander verschränkt. Nun zog sie belustigt eine Grimasse, sagte jedoch nichts.
Er holte tief Luft: „Bitte! Es geht nicht ohne deine Hilfe. Ich hatte zwar gehofft, dies bereits selbständig erledigen zu können, aber leider…"
Sie trat an das Krankenlager und nahm den Löffel auf. Die Suppe war schnell gefüttert, dann aber wurde ihm die Sache zu banal. Ihre Nähe war betörend, er erinnerte sich an ihren intensiven Kuss am Morgen. Davon wollte er mehr. Wenn er doch mit ihr verheiratet war… Er lehnte sich matt in die Kissen und flüsterte: „Muss ich denn noch viel davon essen?"
„Aber ja, du solltest eigentlich alles leer essen, das wäre gut."
„Hmh,
ich esse nur weiter, wenn ich eine Belohnung dafür
erhalte."
"Eine Belohnung? Wie sollte diese denn aussehen?"
„Ach, ich würde vorschlagen, du gibst mir einen Löffel Brei und dann einen Kuss. Dann wieder einen Löffel Brei und wieder einen Kuss, und so weiter."
Sie lachte laut los: „Wenigstens im Wesen bist du noch ganz der alte. Das ist so typisch für dich! Genau mein Fitzwilliam, wie ich ihn kenne und liebe!"
Er grinste zufrieden: „Also bist du mit dem Prozedere einverstanden?"
Sie gab keine Antwort, sondern führte den ersten Löffel Kartoffelbrei zu seinem Mund. Gehorsam schluckte er das Essen runter. Dann spürte er ihre Lippen sehr flüchtig auf seinem Mund. Seine enttäuschte Miene sprach Bände. Sie hielt ihm bereits den zweiten Löffel hin. Er öffnete den Mund und sie schob das Essen hinein. Doch er biss auf den Löffel und ließ ihn nicht mehr los.
„Fitzwilliam! Lass bitte den Löffel los!"
„Öh-öh." Er schüttelt den Kopf, um seinem Gemurmel Nachdruck zu verleihen.
„Bitte!"
Er gab nach und sie füllte den Löffel erneut mit Brei. Nun machte er aber den Mund nicht mehr auf, drehte den Kopf zur Seite und sagte dann: „Ich verlange einen anständigen Kuss nach jedem Löffel. Nicht so etwas Hingehauchtes. Sonst esse ich nichts mehr. Den ganzen Tag nicht!"
Sie seufzte: „Du Dickkopf!"
Er setzte nach: „Nur Dickkopf?"
„Du sturer Dickkopf!"
„Ich hatte andere Worte erwartet."
„Du wundervoller Dickkopf!"
„Ah, schon besser."
„Du entzückender Dickkopf!"
„Weiter! Bitte hör' jetzt nicht auf!"
„Du allerliebster, süßester, bestaussehendster, fantastischster Dickkopf!"
„Das ist es, was ich hören wollte! War es wirklich immer so in unserer Ehe?"
„Ja, überwiegend", bestätigte sie.
„Großer Gott. Ich muss ein sehr glücklicher Mann gewesen sein."
„In der Tat. Das warst du", sie verbesserte sich sofort: „Das bist du. Machen wir nun mit dem Essen weiter?"
„Nur, wenn du mir heißere Küsse versprichst!"
„Ich verspreche es!"
„Zeig mir, wie heiß deine Küsse sein werden, bitte!"
Sie gab ihm den geforderten Beweis. Sein Mund bot keinerlei Widerstand, sie bekam sofort Einlass. Spielerisch glitt sie an seinen Zähnen entlang, was ihm einen Laut entlockte, der undefinierbar zwischen Stöhnen und Grunzen lag. Er genoss diese Spielerei ganz enorm, aber es störte ihn, dass er sich nicht daran erinnern konnte, dass es vor seinem Unfall offensichtlich genauso wundervoll, vielleicht noch erregender gewesen sein musste. Das ärgerte ihn irgendwie. Genau wie es ihn auch ärgerte, dass seine Schmerzen ihn überall von diesem Hochgenuss, den seine Frau ihm da gerade verschaffte, gänzlich ablenkten. Er spürte das Begehren in sich hochsteigen, aber es war sofort wieder verschwunden, weil ihn an anderen Stellen schlimme Schmerzen plagten.
Er aß brav alles auf, da er zwischendurch wie versprochen immer wieder leidenschaftlich geküsst wurde. So hörte auch keiner von beiden das leise Klopfen von Mrs. Fielding, die schließlich eintrat, weil sie dachte, der Patient würde vielleicht bereits schlafen. So fand sie das Ehepaar in einem tiefen Kuss versunken vor. Sie räusperte sich nicht, das war ihr zu offensichtlich. Sie setzte sich ruhig und gelassen auf einen Stuhl und schaute dem inniglichen Treiben gefasst zu. Die beiden boten das exakte Bild, wie sie sich das junge Paar auch immer vorgestellt hatte. Sehr verliebt, sehr sinnlich, sehr körperbetont, von Begehren und Leidenschaft getragen, aber auch von einer besonderen geistigen Verbundenheit. Mrs. Fielding hoffte, dass das Erinnerungsvermögen von Mr. Darcy sich bald wieder einstellen würde. Es wäre zu schade um das, was er und seine Frau an Erlebnissen und Erfahrungen miteinander teilten.
Er sah die Frau auf dem Stuhl zuerst und schob langsam Elizabeth von sich. Und er konnte nicht verhindern, dass seine Ohren rot anliefen bei dem Gedanken, welches Schauspiel sie beide gerade der Dame geboten hatten.
Diese erhob sich von ihrer Sitzgelegenheit und stellte sich mit einem dezenten Knicks vor: „Mr. Darcy, ich bin Mrs. Fielding. Ich werde mich am Nachmittag ein wenig um Sie kümmern, falls Ihnen das Recht ist. Überdies bin ich eine Hebamme und habe Ihre Frau während ihrer Schwangerschaft ein wenig betreut und werde ihr selbstverständlich auch bei der Geburt zur Seite stehen."
„Sehr freundlich von Ihnen, danke."
Elizabeth verließ endgültig den Raum, nicht ohne ihm einen langen, glühenden Blick zuzuwerfen.
Sie sahen sich erst wieder, als der Arzt am frühen Abend erschien. Dieser zeigte sich sehr erleichtert, dass der Patient wieder ansprechbar und überaus stabil war. Der Gedächtnisverlust jedoch war ein Phänomen, mit dem er sich bislang noch niemals hatte auseinandersetzen müssen. Er war deswegen auch leicht ratlos.
Fitzwilliam hatte am Nachmittag etwas geschlafen, nun hatte er kurz vor der Visite des Doktors zwei frische Scones mit Marmelade gegessen und drei Tassen Tee getrunken. Es hatte ihm auch zum ersten Mal wieder einigermaßen geschmeckt.
Georgiana war in das Zimmer mit hineingeschlüpft und hörte interessiert mit zu, was Dr. Russell zu sagen hatte. Als er aber wegen des verlorenen Erinnerungsvermögens im Trüben fischte, wagte sie einen Zwischenruf: „Aber Doktor Russell, es kann sich nur um eine retrograde, traumatische Amnesie handeln!"
Der Arzt drehte sich abrupt zu Georgiana herum und sah sie erstaunt an: „Miss Darcy, Sie versetzen mich in großes Erstaunen! Sie verblüffen mit einem Wissen, das ich mir nun mühsam hätte zusammensuchen müssen. Woher haben Sie diese Informationen?"
Georgiana war es nun doch peinlich, so im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen und sie blickte verlegen zu Boden.
Elizabeth half ihr mit einer Antwort aus: „Meine Schwägerin beschäftigt sich seit dem Unfall ihres Bruders zunehmend mit Humanmedizin und sie hat sich sehr gut und mit großem Eifer in das Thema hineingelesen."
Fitzwilliam zog in großer Missbilligung seine Augenbraue hoch: „Georgiana! Wie kommst du nur dazu? Hast du nichts Besseres zu tun? Ladies beschäftigen sich doch nicht mit solchen Themen, ich bitte dich!"
Nun mischte sich auch Mrs. Fielding in die Diskussion ein: „Wenn Sie mir ein paar Worte gestatten? Ich finde nicht, dass man Miss Darcy tadeln sollte, nur weil sie ein großes Interesse an der Medizin zeigt, zumal dies ja auf Grund eines aktuellen Anlasses geschah. Ich finde das sehr lobenswert. Wenn ich im Alter von Miss Darcy Zugang zu Büchern mit medizinischem Wissen gehabt hätte, wäre ich sehr glücklich gewesen. Leider sind diese Bücher sehr teuer und ich konnte mir nur ganz wenige dieser Exemplare, als ich schon älter war, dann endlich kaufen. Mich hat es ebenfalls von Jugend an fasziniert. Nur, als Frau meiner Herkunft und meines Standes war und ist die Tätigkeit als Hebamme schon fast mehr als man verlangen kann. Möglicherweise ist der Tag nicht mehr fern, wo auch Frauen zu Ärzten ausgebildet werden. Vielleicht ist die junge Miss uns da allen bereits um einiges voraus, wer weiß."
Mrs. Fielding wurde angestarrt, als wäre sie ein mehrköpfiges Fabelwesen. Dr. Russell schüttelte ablehnend den Kopf, Fitzwilliam Darcy hatte die neckische Braue gemeinsam mit der anderen über dem rechten Auge finster über der Stirn zusammengezogen und sowohl Elizabeth als auch Georgiana schauten unsicher von einem zum anderen.
Dr. Russell versuchte sich letztendlich in einem nachsichtigen Lächeln und fuhr dann in dozierendem Ton fort: „Ähm, wie auch immer. Ich bin selbstverständlich nicht geneigt, einer jungen Lady, und sei sie auch noch so belesen, uneingeschränkt zuzustimmen, selbst wenn ihre Aussage zufälligerweise recht zutreffend gewesen sein sollte. Also, meine Diagnose ist dahingehend, dass es sich um eine durch den Unfall verursachte Störung im Erinnerungsvermögen handelt, die diejenigen Dinge im Gedächtnis gelöscht hat, die sich vor dem Schlag auf den Kopf ereignet hatten."
Er hörte zum Glück nicht, wie Georgiana murmelte: „Genau das ist ja die retrograde, traumatische Amnesie! Jetzt schmückt er sich mit fremden Federn, und stellt meine Diagnose als die seine hin! Unverschämtheit!"
Lediglich Mrs. Fielding, die in der Nähe Georgianas stand, hörte ihre leisen Kommentare mit.
Dr. Russell erklärte weiter: „Die Erinnerungen werden wiederkehren. Ob nach und nach und immer schubweise oder plötzlich und mit einem Schlag, das ist von Fall zu Fall verschieden. Auf alle Fälle müssen Sie Geduld haben. Es kann Wochen, manchmal Monate dauern, bis sich das alles wieder regeneriert hat. Wenn Sie nun keine weiteren Fragen mehr haben, würde ich mich dann empfehlen."
Elizabeth und Mrs. Fielding waren sich im Stillen einig, im Zweifelsfalle lieber Georgiana und die Bibliothek zu Rate zu ziehen, während der Patient selbst ohnehin mit diesen ungewissen Aussichten zu kämpfen hatte. Ihm war egal, ob plötzlich oder schubweise, Hauptsache, er würde sich überhaupt wieder an alles erinnern können.
Und seine Schwester! Du liebe Güte! Er wusste ja nichts oder nicht viel über ihr Vorleben, aber es war ihm klar, dass sie sich ein gewaltiges Hirngespinst in den Kopf gesetzt hatte. Medizin! Als junge Lady! Wo gab es denn so etwas? Das war sogar ihm mit seinen beschränkten Erinnerungen klar, dass dies sowohl ein aussichtsloses als auch ein völlig überzogenes Unterfangen war.
Er lehnte sich matt in die Kissen zurück. Die Arztvisite hatte ihn angestrengt, ohne dass es sichtlich anstrengend gewesen wäre. Dr. Russell hatte gesagt, er müsse noch einige Tage im Bett liegen, dann könne er versuchen, mit dem Arm in einer Schlinge auf einen Stock gestützt, erste Gehübungen zu machen. Ein Glück, dass seine Beine nicht in Mitleidenschaft gezogen waren. Er hatte auch gefragt, ob er denn bald vom Krankenzimmer in sein reguläres Schlafzimmer umziehen könne, doch der Arzt hatte zunächst abgewinkt und gemeint, die Treppen wären noch zu anstrengend, er würde dies frühestens in einer Woche, von diesem Datum an gerechnet, empfehlen.
Das passte dem Kranken gar nicht, er bedachte dabei Elizabeth mit einem langen Seitenblick. Er wusste nichts mehr von früher, aber er wusste wohl, was Mann und Frau in einem gemeinsamen Schlafgemach so taten. Das wunderte ihn zwar, aber es lag sicher an der Art und Weise, wie seine Erinnerungen ausgelöscht waren. Und da er sich nicht an die Zeit ihm Ehebett mir ihr erinnerte, wäre es nun wie ein Neuanfang für ihn. Er würde sich halbwegs jungfräulich und unerfahren fühlen. Er stellte sich das ganz wundervoll vor. Aber mit diesen Schmerzen und all den Knochenbrüchen war da wohl vorerst nicht dran zu denken. Er seufzte bedauernd, als er mit einem Mal die Augen seiner Frau auf sich ruhen verspürte.
Sie lächelte ihn sanft an, er lächelte glücklich, aber müde zurück: „Möchtest du schlafen?"
Er nickte: „Ja, egal was es ist, ich empfinde alles als ungeheuer anstrengend."
Mit zwei Fingern seiner unverletzten Hand fuhr er ihr über ihre Wangen.
„Dann lasse ich dich nun allein, damit du ruhen kannst!"
„Nein,
warte! Du bist eine schöne Frau. Ich weiß nur eben nicht,
ob ich dir das früher oft gesagt habe. Und ich weiß auch
nicht, ob ich auch andere, schöne Dinge zu dir gesagt habe. Ich
kann es absolut nicht einschätzen. Verrätst du es mir,
bitte?"
Sie nahm seine Hand und hielt sie auf ihren Busen, an
ihr Herz. Sein Puls fing an zu rasen, der Schweiß brach ihm
aus. Was tat sie da?
„Du hast mir tausend liebe Worte gesagt. Jeden Tag, jede Nacht. Worte, die ich niemals vergessen werde! Worte, die sich für immer hier drinnen eingebrannt haben. Und ich habe dir diese Worte gleich einem Echo zurückgegeben."
Sie beugte sich ganz dich an sein Ohr und flüsterte hinein: „Du bist mein lieber Gatte. Mein strahlender Held. Mein geschickter Verführer. Mein aufmerksamer Liebhaber. Du bist alles, was eine Frau sich nur wünschen kann!"
Er riss die Augen auf bei diesen Worten, die eine überaus erotisierende Wirkung auf ihn hatten.
Doch sie war noch nicht ganz fertig: „Du bist die Liebe meines Lebens. Nur dich sehe ich, nur dich begehre ich, nur dich liebe ich. Aus tiefstem Herzen."
Sie versanken in einem Kuss, der einfach nicht enden wollte. Seine Finger suchten den Weg von ihrem Ausschnitt unter die Chemise und fanden ihre starren Brustspitzen. Sie keuchte und musste sich extrem zurückhalten, um nicht hemmungslos über ihn herzufallen. Sie hatte ihn so lange schon nicht mehr gespürt, vermisste seinen perfekten Körper über die Maßen. Sie glitt ihrerseits mit der Hand unter die Bettdecke. Seine Erektion war deutlich bemerkbar, wenngleich vielleicht nicht so ausgeprägt wie in gesundem Zustand.
Er hob den Kopf ein wenig an und blickte atemlos in ihre fragenden Augen.
Ganz vorsichtig formulierte er: „Ich habe Knochenbrüche fast überall, aber…", er wusste nicht, wie offen er die Dinge aussprechen konnte, er hatte ja nichts, an was er sich gedanklich klammern konnte.
Doch bevor er dreimal überlegt hatte, vollendete sie den Satz für ihn: „… aber du bist noch heil an einigen wenigen Körperteilen. Wenn du denkst, dass es dir keine Schmerzen in der Schulter und an deinen Rippen verursachen wird, könnte ich doch nachsehen, ob an dieser Stelle", sie fuhr mit der Hand ganz leicht über sein Geschlecht, „tatsächlich alles mit dir in Ordnung ist?"
Seine Reaktion war nur noch ein ersticktes „Oh ja, bitte", zu mehr Artikulation war er nicht mehr fähig.
