Der Morgen des Hochzeitstages war gekommen. Es sollte ein sehr üppiges Frühstück geben, dafür nur einen kalten Lunch und später ein festliches, aber familiäres Dinner. Fitzwilliam hatte lange überlegt, was er seiner Frau schenken sollte und erfuhr in einigen Gesprächen beim Schachspiel mit Mr. Portland, dass sie erhebliches Interesse an einer Dorfschule hegte. Alle sollten lesen und schreiben können, auch die Mädchen und Jungs der Dorfbevölkerung. Zwar gab es in Lambton eine kleine Schule, aber diese war für die Kinder hier vor allem im Winter doch zu weit und im Sommer gingen sie dann nicht, weil sie auf den Feldern arbeiten mussten. Daher arbeiteten Fitzwilliam und Mr. Portland einen Plan für eine Dorfschule aus. Im Winter, also jetzt zu dieser Zeit, konnte der Unterricht von 8.30 bis 12.30 stattfinden. Im Sommer sollten wenigstens zwei Stunden gehalten werden können, von 8 bis 10 Uhr, danach konnten die Kinder den Eltern bei der Feldarbeit helfen.

Als Örtlichkeit hatte man ein altes Getreidelager umbauen lassen. Und wenn Fitzwilliam sein Gedächtnis nicht im Stich gelassen hätte, hätte er sofort bemerkt, dass es eben der gleiche Lagerraum war, in dem er vor vielen Jahren seine ersten sexuellen Erfahrungen mit dem durchtriebenen Dorfmädchen Sarah gemacht hatte. Aber davon wusste er nichts, als er und Mr. Portland mit ein paar Helfern eine Ortsbegehung gemacht hatten.

Elizabeth wunderte sich nicht, dass ihr kein kostbares Geschmeide zum Geschenk gemacht wurde, bereits an ihrem Geburtstag hatte ihr Gatte davon Abstand genommen, weil er verstanden hatte, dass ihr an anderen Dingen wesentlich mehr lag. Also blieb er dieser Linie treu, auch wenn es ihm nun wahrscheinlich ein paar seiner Angestellten gesagt haben dürften, wie er mit Geschenken zu verfahren hatte. Sie hatte ein filigranes Orchideengebinde aus der Orangerie von Pemberley erhalten, daran hing ein kostbares, aber zierliches Goldarmband. Das war zunächst alles. Sie freute sich, denn das war nicht übertrieben und in ihrem Sinne. Doch dann wurden ihr von Clarice nach dem Frühstück die Augen verbunden. Sie protestierte, aber man führte sie nach draußen und schob sie in eine Kutsche. Fitzwilliam hielt sie fest im Arm, da es auch recht kalt war. Die Fahrt war sehr kurz und rumpelig. Dann wurde ihr aus der Kutsche geholfen und die Augenbinde geöffnet.

Sie starrte auf ein einfaches, aber sauberes und offensichtlich renoviertes Gebäude, wo ein längliches Holzschild über dem Eingang verkündete: Dorfschule Pemberley. Sie lächelte froh, da sausten auch schon etliche Jungen und Mädchen um die Ecke, bildeten einen Chor und sangen ein kleines Volkslied. Dann begab man sich in das Gebäude und sah sich alles an. Elizabeth ließ nicht für eine Sekunde die Hand ihres Mannes los. Er war glücklich, als er ihr strahlendes Lächeln sah. Die Kinder umringten zum Schluss die Kutsche und wünschten noch alles Gute zum Hochzeitstag. Dann fuhr das Paar zurück ins Herrenhaus.

Im Hof kam die Kutsche zum Stehen. Fitzwilliam öffnete den Schlag, nahm seinen Stock, hielt sich an der Kutschenwand fest, nahm die erste Stufe, strauchelte und fiel auf den Kies. Elizabeth konnte nicht schnell aussteigen, sonst wäre sie womöglich auch noch gefallen, aber der Kutscher war zum Glück sofort bei ihm: „Mr. Darcy, Sir, geht es Ihnen gut?"

Der Gestürzte stöhnte, Gott sei Dank war er nicht auf die kaputte Schulter gefallen und so ging es einigermaßen.

Er konnte mit Hilfe des Kutschers aufstehen und blickte sich um: „Meine Güte, das hätte übel ausgehen können. Danke, Oscar!"

Elizabeth stutzte. Hatte Fitzwilliam den Kutscher gerade bei seinem Namen genannt?

Sie hakte nach: „Du warst doch sicher schon des Öfteren im Dorf wegen der Schule, oder?" Er nickte: „Natürlich. Aber das meiste hat Mr. Portland in die Wege geleitet."

„Wer hat dich da kutschiert? Selbst reiten kannst du ja noch nicht."

„Beide Male war es Charlie."

„Oscar aber nicht?"

„Nein, Oscar fährt die Kutsche doch nur am Wochenende, das weißt du doch, weil er unter der Woche im Gasthof seiner Eltern mitarbeitet."

Elizabeth ließ sich auf die unterste Stufe des Kutschausstiegs sinken. „Wenn du das alles weißt, kann dies nur eines bedeuten!"

Er riss die Augen auf und hielt sich die Hand vor den Mund: „Ich erinnere mich wieder an alles! Ja, genauso ist es!"

Und um es zu prüfen, fragte sie ihn nach Daten und Ereignissen, die er in der Zwischenzeit noch nicht wieder gelernt hatte. Er wusste alles haargenau! Es musste der Fall aus der Kutsche gewesen sein, der ihm sein Erinnerungsvermögen zurück gebracht hatte. Sie fielen sich in die Arme und schluchzten beide vor Freude.

Er hatte genau sagen können, wo sich welche Bände in der Bibliothek befanden, er wusste sogar das Geburtsdatum von Lady Catherine zu sagen, dass nicht einmal Georgiana sich merken konnte. Sie wusste nur, dass es Ende August sein musste. Er ergänzte es um den korrekten Tag und auch das Jahr ihrer Geburt.

Georgiana umarmte ihren Bruder voller Freude, Rodgers neigte respektvoll den Kopf und merkte an: „Sir, es freut mich ungemein, dass nun alles wieder ins Lot kommt. Und Ihre robuste körperliche Verfassung wird sich auch bald wieder einstellen."

Das Dinner wurde nicht lange hingezogen, der Sturz aus der Kutsche war zwar glimpflich verlaufen, aber ewig am Esstisch sitzen war noch immer sehr quälend. Das Essen war deliziös, es war Jagdsaison und daher wurde viel Wildbret gereicht. Ein geräucherter Schinken vom Wildschwein bildete zusammen mit einer kalten Preiselbeersauce den Anfang. Unglaublich schmackhaft. Die Lauchrahmsuppe war mit gerösteten Brotwürfeln dekoriert, der Karpfen war geschickt filetiert und pochiert. Der Höhepunkt war ein Rehragout, anstatt in kostbarer Porzellanterrine wurde es in einem riesigen, ausgehöhlten Brotlaib serviert. Dazu gab es ein fein gestampftes Kartoffelpüree und etwas Gemüse.

Den Abschluss bildete diesmal ein Dessert, dass man sich nur im Winter bei Frost leistete, nämlich ein Eis. Aus Schokolade, Sahne, Zucker und Ei hatte man in der Küche eine Masse bereitet und diese dann in kristallene Dessertschalen gefüllt. Die hatte man über Nacht gut abgedeckt draußen im Frost stehen lassen und tagsüber ebenfalls, aber an einem Ort wo die Wintersonne nicht hatte darauf scheinen können.

Alle hatten über Gebühr dem guten Essen zugesprochen, auch der Wein war nicht verachtet worden. Auf Anraten von Mrs. Fielding war Elizabeth aber schon lange vorsichtig mit Wein und Likör, auch heute hatte sie nur ein Glas eines vorzüglichen Bordeaux getrunken, nicht mehr.

Das Paar zog sich auch recht bald zurück.

Er wusste im Schlafzimmer sofort, woher die einzelnen Möbelstücke waren, im Bad nannte er den italienischen Ort, woher die Terracotta-Fliesen stammten. Es war ihm alles wieder geläufig. Er strahlte vor Glück. Wenn nur sein Körper auch schon wieder völlig hergestellt wäre.

Als er im Bett lag, Elizabeth in seinen Armen, ging er gemeinsam mit ihr noch einmal alle Ereignisse ihrer Hochzeit vor einem Jahr durch. Wie er am Morgen vor Nervosität nichts hatte essen können. Wie er zitternd, und das nicht vor Kälte, in der Kirche gestanden hatte, um am Altar auf sie als seine Braut zu warten. Wie er rundum vor lauter Anspannung kaum etwas mitbekommen hatte, weder das Geschluchze von Mrs. Bennet, noch die träumerischen Augen seiner Schwester, noch das etwas unwürdige Gebaren von Caroline Bingley und Mrs. Hurst.

Und dann die Feier auf Netherfield Park! Eine große Doppelhochzeit, mit wirklich vielen Gästen. Wie man ihn dann mit wohlmeinenden Zurufen genötigt hatte, vor all diesen Leuten Elizabeth zu küssen. Was er ja im Grunde gerne getan hatte, aber es war ihm damals noch schwer gefallen, seine Gefühle vor der ganzen Welt zu offenbaren. Heute bereitete ihm dies kaum noch Probleme.

Er freute sich ungemein, dass er sich an all diese Dinge wieder erinnern konnte. Er beschrieb Elizabeth, wie er nach der Feier im Salon auf sie gewartet hatte, bereit, gemeinsam die Reise in die Flitterwochen, zunächst nach Bedfordshire und dann weiter hierher, nach Pemberley, anzutreten.

Er ergötzte sich nun an den Beschreibungen der Hochzeitsnacht, die sie in einem Gasthof in Bedfordshire verbracht hatten. Und wie sie nach diesem ersten Erlebnis miteinander stunden-, ja fast tagelang nicht mehr aus dem Bett herausgekommen waren. Sie kicherten nun beide, er hielt sie so eng umschlungen, wie es ihr Zustand erlaubte, hin und wieder legte er ihr seine Hand auf den runden Bauch.

Dann murmelte er: „Es war das unglaublichste Jahr, das ich jemals erleben durfte. So erfüllt von Glück und Liebe, was die weniger schönen Ereignisse, wie zuletzt meinen Unfall mit dem Gedächtnisverlust einfach verblassen lässt. Und wenn wir dann noch in wenigen Wochen unser Kind im Arm halten können – ich kann mir nichts Schöneres vorstellen!"

Er küsste voller innerer Zufriedenheit und sie schliefen kurz danach beide ein.

Es waren Weihnachtsvorbereitungen zu treffen, außerdem galt es, das Kinderzimmer endgültig fertig zu stellen. Die Familienwiege stand bereits seit langem dort, sie wurde nun ausgepolstert, mit Matratze, Kissen und anderen Stoffdrapierungen, sowie einem Himmel versehen. Die Tapete hatte Elizabeth ganz alleine ausgesucht, nachdem also geschickte Hände aus Lambton dieses Wandpapier angebracht hatten, durfte Fitzwilliam endlich auch seinen Kommentar dazu abgeben.

Er kam Hand in Hand mit seiner Frau durch die Tür des Kinderzimmers und war sehr angetan. Ein ganz zartes Schilfgrün zierte die Wand, ein an Engelsflügel erinnerndes Muster zog sich Ton und Ton darüber. Die Vorhänge und Drapierungen waren alle aus blütenweißem, leicht durchscheinendem Stoff, es gab allem ein sehr luftiges, fast ätherisches Aussehen.

Die Teppiche waren dick und weich, sie dämpften jeden Schritt sofort ab. Eine Kommode und ein Schrank bargen die vielen Tücher und Laken, sowie die gesamte Erstausstattung des Babys. Für die Wiege war ein Aufsatz geschreinert worden, worauf man das Baby würde an- und ausziehen, waschen und frisch machen können. Mrs. Fielding hatte dezent auf diese Notwendigkeit hingewiesen.

An der Frage, wer als Amme bestellt werden sollte, schieden sich die Geister. Elizabeth sah die Notwendigkeit einer solchen Personalie nicht ein. Sie wollte ihren Sohn oder ihre Tochter selbst nähren, unbedingt. Fitzwilliam war entschieden dagegen. Er war der Meinung, sie brauche Ruhe und viel Schlaf in den Wochen nach der Geburt. Als Mrs. Fielding daraufhin nach ihrer Meinung befragt wurde, legte sie dem Paar klar die Vor- und Nachteile einer Amme dar. Doch das half zunächst nicht sonderlich bei einer Entscheidung. Man einigte sich jedoch darauf, dass zwei Damen als Amme vorstellig wurden, beide hatten vor einigen Wochen erst geboren. Die erste kam und wurde sofort von Elizabeth als ungeeignet eingestuft. Dieser merkwürdigen Frau würde sie ihr Kind garantiert nicht anvertrauen!

Die zweite Frau fand dann halbwegs ihre Zustimmung und man bat sie, sich ab Mitte Dezember zur Verfügung zu halten. Elizabeth war sich dennoch sicher, deren Dienste nicht in Anspruch nehmen zu wollen.

Es wurden für die Festtage ziemlich umfangreiche Vorbereitungen getroffen, auch weil man nicht genau wusste, wie viel Besuch ab wann eintreffen würde. Sicher war nur, dass Elizabeths Eltern in den kommenden Tagen erwartet wurden. Mrs. Bennet wollte auf keinen Fall die Geburt ihres Enkelkindes verpassen und so würde sie lieber zu früh als zu spät anreisen. Mary wurde ebenfalls erwartet, Kitty hingegen hatte es vorgezogen, die Zeit in Netherfield als Babysitter bei Jane und Charles verbringen zu wollen.

Mrs. Reynolds befehligte ganze Brigaden von Personal in Küche und Keller, es wurden viele verschiedene Lebensmittel bevorratet, außerdem mehr gewaschen und geplättet als normalerweise üblich, da Gäste zu beherbergen waren und man für die Geburt gerüstet sein wollte.

Noch vor Sankt Nikolaus kamen die Bennets an. Die Ruhe im Haus war vorüber, Mr. Bennet selbst war zwar eine Person, die man kaum bemerkte, aber Mary belegte immer dann das Klavier, wenn Georgiana gerade mal pausierte und Mrs. Bennet redete fast ununterbrochen. Zuerst über die Genesung ihres Schwiegersohnes, eine Gesprächsthema, das sie alleine mehr als drei Tage lang beschäftigte.

Er ertrug es mit stoischer Ruhe, nur dann und wann zog er seine Augenbraue drohend nach oben, was sie aber mittlerweile leider nicht mehr sonderlich aus dem Konzept brachte: „Also, ich muss wirklich sagen, es grenzt an ein Wunder, dass Sie sich an alles wieder erinnern können, mein lieber Fitzwilliam! Was sind Sie doch ein Glückspilz! Und wie wunderbar die Brüche wieder geheilt sind. Ich sehe, Sie benutzen den Stock inzwischen nur noch, wenn Sie außer Haus gehen? Aber das Reiten haben Sie hoffentlich noch nicht wieder angefangen, hoffe ich doch? Das würde mir sehr missfallen, wenn Ihnen jetzt noch einmal etwas zustoßen würde, so kurz vor der Niederkunft von Lizzie! Ach, so ein Glück, dass sich die Dinge wieder geregelt haben. Es wäre so schade gewesen, wenn Sie noch auf dem Krankenlager hätten liegen müssen, während Ihr Kind geboren wird."

Sie redete immer weiter, ohne nennenswerte Unterbrechung, während er ab und zu müde nickte, sobald sie ihm einen prüfenden Blick zuwarf.

Elizabeth fühlte sich zum Ende der Schwangerschaft hin aufgeblasen und beschwerlich. In langen Diskussionen hatte sie versucht, Fitzwilliam die Sache mit der Amme auszureden. Er hatte recht lange keinen Deut in dieser Angelegenheit nachgegeben, doch er musste erkennen, dass seine Frau letztendlich am längeren Hebel saß.

Er sagte schließlich zu, dass Elizabeth es zunächst probieren sollte, das Baby selbst zu stillen, er würde dann statt der Amme eine Kinderfrau einstellen, damit sie wenigstens ein bisschen Ruhe und Entlastung haben würde.

Sie schliefen beide bis zum Tag der Geburt in einem Bett, auch wenn Elizabeth mehrmals nachts wach wurde, weil sie zur Toilette musste oder einfach nur schlecht schlafen konnte.

Oftmals war er mit wach, dann redeten sie noch ein Weilchen über alles Mögliche. Über ihre Mutter, über Georgiana und Jonathan, über Lady Catherine, die nie mehr wieder etwas hatte von sich hören lassen, ja mitunter sogar über den hochnäsigen Cousin Andrew, den königlichen Hof und Beau Brummell. Und auch die Entscheidung über die Amme wurde in nächtlichen Gesprächen gefällt.

Es ging mit Riesenschritten auf Weihnachten zu und nichts tat sich. Elizabeth war es gründlich satt und sehnte sich danach, diesen unförmigen Bauch loszuwerden. Sie fand sich entsetzlich rund und aufgedunsen, was aber außer ihr keinen zu stören schien.

Mrs. Fielding kam nun fast täglich vorbei und ordnete nach mehreren Tagen der Klage ihrer Patientin einfach an, sie und ihr Mann sollten am besten miteinander Verkehr haben, das könne sich fördernd auf die Geburt auswirken.

Fitzwilliam wusste von dieser Empfehlung nichts. Er war daher am Abend sehr überrascht, nachdem sie beide in den letzten Wochen fast gar keinen körperlichen Kontakt in diese Richtung mehr gehabt hatten, als sie einen deutlichen Vorstoß in diese Richtung machte. Der Babybauch machte die Dinge nicht einfach, aber sie hatte sich das alles bereits im Voraus überlegt.